Nester auf unserm Haupte bauen . Ja , Schwager , es bleibt dabei , Christine , so vieler Tugenden sie sich rühmen darf , eine hat sie nicht , sie hat nicht die der Demut , und genährt und großgezogen in der Vorstellung einer besonderen Rechtgläubigkeit , von der sie beständig Heilswirkungen und Erleuchtungen erwartet , kommt sie natürlich nicht auf den Gedanken , daß sie , gleich anderen , auch irren könnte . Sie hat Asta nach Gnadenfrei gebracht und Axel nach Bunzlau , das sind Taten , die Schwächen und Irrtümer ausschließen , Irrtümer , denen andere , die statt nach Herrnhut nach Kopenhagen reisen , ein für allemal unterworfen sind . Und nachdem ich so meine Verteidigung geführt und gegen den Schluß hin , mehr , als mir lieb ist , die Rolle des Angeklagten mit der des Anklägers vertauscht habe , verabschiede ich mich und lege meine Sache in Deine Hand , vollkommen sicher darin , daß Deine Klugheit und vor allem auch die Liebe , die Du gleichmäßig für mich wie für Christine hegst , alles zum Guten hinausführen wird . Und damit Gott befohlen . Wie immer Dein Dir herzlich ergebener Holk « Als er die Feder aus der Hand gelegt hatte , nahm er den Bogen und stellte sich ans Fenster , um alles , Zeile für Zeile , noch einmal durchzusehen . Er fand manches auszusetzen und murmelte , wenn ihm dies und das nicht zusagte , » fast so doktrinär wie Christine « ; der Schluß aber von der » besonderen Rechtgläubigkeit « gefiel ihm und mehr noch die Stelle von der » eingebüßten Unbefangenheit « , eingebüßt , » weil es , sobald man erst unter Anklage stehe , keinen Unschuldsgrad gäbe , da einen gegen Zweifel und gelegentliche Selbstvorwürfe sicherstelle « . Sein Auge weilte wie gebannt darauf , bis zuletzt die Befriedigung darüber hinschwand und ihn nichts mehr daraus ansah als das Bekenntnis seiner Schuld . Fünfundzwanzigstes Kapitel Die schönen Tage , die , seinem Ruf zum Trotz , fast den ganzen November über angedauert hatten , schlossen mit dem Monatswechsel ab , und heftige Nordweststürme setzten ein , nur dann und wann von Regenschauern unterbrochen , die freilich oft schon nach wenig Stunden einem neuen Nordwester Platz machten . Dieser Wetterumschlag änderte natürlich auch das Leben im Schloß ; alle Spaziergänge , die sich nicht selten bis Fredensborg und südlich bis Lilleröd ausgedehnt hatten , hörten auf , und an die Stelle der halb dienstlichen Vereinigungen in der großen Herluf-Trolle-Halle traten jetzt kleine Reunions , die sich zwischen » hüben und drüben « oder , was dasselbe sagen wollte , zwischen den beiden Türmen teilten und an einem Abend bei der einen , am andern bei der anderen der beiden Hofdamen stattfanden . Die Prinzessin hatte dies eigens so gewünscht , und die Schimmelmann , so steif und zeremoniell sie sonst sein mochte , war als Wirtin von großer Liebenswürdigkeit , so daß ihre » Abende « mit denen Ebbas wetteifern durften . Die Zusammensetzung der Gesellschaft war immer dieselbe : voran der Hofhalt der Prinzessin , dazu das Schleppegrellsche Paar und die beiden Adjutanten des Königs , von denen Lundbye sich auf den Hof- und Lebemann , Westergaard auf den Freisinnigen hin ausspielte , kleine gesellschaftliche Nuancen , die den Reiz des Verkehrs mit ihnen nur noch steigerten . Ja , man sah sich täglich , immer nur zwischen dem Links- und Rechtsturm wechselnd , und wie die Zusammensetzung der Gesellschaft dieselbe war , so war es auch die Form der Unterhaltung , die sich auf Lustspiele lesen und Deklamation und , wenn es hoch kam , auf ein Stellen von Bildern beschränkte . Dann und wann , schon um Pentz und der Schimmelmann willen , wurde auch eine Whistpartie beliebt , die dann , nach dem Abendbrot , in ein kleines , sehr harmloses Hazard überging . Ebba gewann immer , » weil sie « , wie sie sagte , » Unglück in der Liebe habe « . Man war heiter bis zur Ausgelassenheit , und während selbstverständlich über das ewige Sturm- und Regenwetter und mehr noch über die nicht enden wollende Krankheit der Prinzessin geklagt wurde , gestand man sich doch gleichzeitig , daß man diesem angeblichen Unglück all das Glück verdanke , dessen man sich erfreute . So ging es bis den zweiten Advent ; da schlug das Wetter abermals um , und mit dem scharfen Nordost , der jetzt einsetzte , kam sofort auch bittre Kälte , die , gleich in der ersten Nacht , alle Tümpel und Regenlachen und schon den Tag darauf auch den kleinen Schloßsee mit Eis bedeckte . Dem Schloßsee folgte dann der breite , nach Ost und West hin mit dem Esrom- und Arre-See Verbindung haltende Parkgraben , und als abermals eine Woche später die Nachricht kam , daß auch die großen Seen selbst , an ihren Ufern wenigstens , mit starkem Eise belegt seien , wurde - nachdem Doktor Bie beschworen hatte , daß ein Ausflug bei blankem Wetter genau das sei , was die von » Schloß-Malaria « , so war sein Ausdruck , herrührenden Zustände der Prinzessin am ehesten beseitigen werde der nächste Tag schon für eine Schlitten-beziehungsweise Schlittschuhpartie nach dem Arre-See hin festgesetzt . Und nun war dieser Tag da , sonniger und frischer als alle voraufgegangenen , und kurz vor zwei traf man sich an der uns wohlbekannten Stelle , wo jetzt die Strickfähre eingefroren im Eise lag . Die , die sich daselbst zusammenfanden , waren zunächst die Prinzessin selbst mit Holk und Ebba , dann Schleppegrell und die beiden Adjutanten . Pentz fehlte , weil er zu alt , die Pastorin , weil sie zu korpulent war , während sich Erichsen und die Schimmelmann dem ziemlich scharfen Nordost , der ging , nicht aussetzen mochten . Aber auch diese vier hatten auf ein bestimmtes Maß von Teilnahme nicht verzichten wollen und waren in eine geschlossene Kutsche gestiegen , um , vorausfahrend , die wetterfestere Hälfte der Gesellschaft in einem kleinen , dicht an der Einmündung des Parkgrabens in den Arre-See gelegenen Gasthause zu erwarten . Neben der Fähre , die durch voraufgeschickte Dienerschaften in ein Empfangs- und Unterkunftszelt verwandelt worden war , stand ein eleganter Stuhlschlitten , und als die Prinzessin darin untergebracht und mit Hülfe von allerhand Pelzwerk vor Erkältung geschützt worden war , handelte sich ' s für die begleitenden Schlittschuhläufer nur noch um die Frage , wer die Führung übernehmen , und zweitens , wer mit der Ehre , den Schlitten der Prinzessin über das Eis hinzusteuern , betraut werden sollte . Rasch entschied man sich , daß Schleppegrell , als Ortskundigster , den Zug zu führen , Holk aber den Schlitten der Prinzessin zu steuern habe , während , dicht aufschließend , das Fräulein an der Hand der beiden Offiziere folgen sollte . Nach dieser Anordnung wurde denn auch wirklich aufgebrochen , und weil alle sehr geschickte Läufer , außerdem auch die Kostüme gut und kleidsam gewählt waren , so war es eine Freude , den Zug über die glatte Eisfläche hinschießen zu sehen . Am imponierendsten wirkte Schleppegrell , der heute mehr einem heidnischen Wotan als einem christlichen Apostel glich ; sein Mantelkragen bauschte sich über dem Krempenhut hoch im Winde , während er den Pikenstock , um die Schnelligkeit zu steigern , immer kraftvoller ins Eis stieß . Die Prinzessin war erfreut und sprach es zu Holk auch aus , ihren » Pfadfinder « so phantastisch vor sich herfahren zu sehen , aber ihr Schönheitssinn , der ihr , trotz des ihr fehlenden Sinnes für Ordnung und Eleganz , in hohem Maße zu eigen war , würde doch noch erfreuter gewesen sein , wenn sie , gelegentlich rückwärts blickend , auch das Bild der ihr folgenden drei hätte vor Augen haben können . Ebba , das Kleid geschürzt und in hohen Schlittschuhstiefeln , trug eine schottische Mütze , deren Bänder im Winde flatterten , und jetzt rechts dem einen und dann wieder links dem andern ihrer Partner die Hand reichend , glich ihr Eislauf einer Tanztour , darin sie sich , trotz weitausholender Seitenbewegungen , in wachsender Raschheit vorwärts bewegte . Der zurückzulegende Weg war nicht viel kürzer als eine Meile , aber ehe noch eine halbe Stunde um war , wurde man schon des hochgelegenen Gasthauses , daraus ein heller Rauch aufstieg , ansichtig und dahinter der weiten Fläche des Arre-Sees , blinkend und blitzend , soweit das Eis ging , und dann bläulich zitternd , wo der See , noch eisfrei , dem Meere sich zudehnte . Schleppegrell , als er das Ziel vor Augen hatte , schwenkte triumphierend den Pikenstock , und das ohnehin schon rasche Tempo womöglich noch beschleunigend , war er in kürzester Frist bis an das Gasthaus heran , auf dessen vorgebauter Treppe Pentz und die Schimmelmann und mit ihnen auch die kleine Pastorsfrau schon standen und die Herankommenden mit Tücherwehen begrüßten . Nur Erichsen , eine Schachtel Cachou in Händen , war , wie sich später ergab , in der Gaststube zurückgeblieben . Holk , die eine Hand auf die Rücklehne des Schlittens gelegt , lüpfte mit der andern den Hut , und im nächsten Augenblicke schon hielt er an einem kleinen Wassersteg , dessen Bretterlage bis zu dem Gasthause hinauf sich fortsetzte . Pentz , mittlerweile herangekommen , bot der Prinzessin seinen Arm , um sie , während Schleppegrell und die beiden Kapitäne folgten , die Düne hinaufzuführen , und nur Holk und Ebba standen noch an dem Wassersteg und sahen erst den Voraufgehenden nach und dann einander an . In Holks Blick lag etwas wie von Eifersucht , und als Ebbas Auge mit einem halb spöttischen » Ein jeder ist seines Glückes Schmied « darauf zu antworten schien , ergriff er ungestüm ihre Hand und wies nach Westen zu , weit hinaus , wo die Sonne sich neigte . Sie nickte zustimmend und beinah übermütig , und nun flogen sie , wie wenn die Verwunderung der Zurückbleibenden ihnen nur noch ein Sporn mehr sei , der Stelle zu , wo sich der eisblinkende , mit seinen Ufern immer mehr zurücktretende Wasserarm in der weiten Fläche des Arre-Sees verlor . Immer näher rückten sie der Gefahr , und jetzt schien es in der Tat , als ob beide , quer über den nur noch wenig hundert Schritte breiten Eisgürtel hinweg , in den offnen See hinauswollten ; ihre Blicke suchten einander und schienen zu fragen : » Soll es so sein ? « Und die Antwort war zum mindesten keine Verneinung . Aber im selben Augenblicke , wo sie die durch eine Reihe kleiner Kiefern als letzte Sicherheitsgrenze bezeichnete Linie passieren wollten , bog Holk mit rascher Wendung rechts und riß auch Ebba mit sich herum . » Hier ist die Grenze , Ebba . Wollen wir drüber hinaus ? « Ebba stieß den Schlittschuh ins Eis und sagte : » Wer an zurück denkt , der will zurück . Und ich bin ' s zufrieden . Erichsen und die Schimmelmann werden uns ohnehin erwarten - die Prinzessin vielleicht nicht . « Sechsundzwanzigstes Kapitel Eine Stunde nach Sonnenuntergang , als , um Pentz zu zitieren , Holk und Ebba von ihrer » Eismeer-Expedition wieder in gesicherte Verhältnisse zurückgekehrt waren « , trat man in einem geschützten und mit Decken wohlversehenen Char-à-banc , der Platz für alle hatte , den Heimweg nach Frederiksborg an . Unterwegs wurde der » romantischen Eskapade « , trotz der Gegenwart der beiden Flüchtlinge , mit sichtlicher Vorliebe gedacht , und der Ton , in dem es geschah , ließ keinen Zweifel darüber , daß man alles als etwas vergleichsweise Harmloses , als einen bloßen Übermutsstreich ansah , zu dem Ebba den armen Holk gedrängt habe , der nun , wohl oder übel , habe nachgeben müssen . In diesem Sinne sprachen die meisten , und nur die Prinzessin konnte sich , ganz gegen ihre Gewohnheit , nicht entschließen , in den heitren Ton mit einzustimmen , schwieg vielmehr , was , wenn auch sonst niemandem , so doch den beiden Adjutanten auffiel , die sich bei diesem Schweigen einiger schon vorher von seiten der Prinzessin gemachter , halb ängstlicher , halb mißbilligender Bemerkungen erinnern mochten . » Ebba liebt mit der Gefahr zu spielen « , so hatte das Gespräch drinnen im Gasthause begonnen , » und sie darf es auch , weil sie ein Talent hat , ihren Kopf klug aus der Schlinge zu ziehen . Sie wird wohl für alle Fälle einen Rettungsgürtel unter der Pelzjacke tragen . Aber nicht jeder ist so klug und so vorsichtig und am wenigsten unser guter Holk . « Dies alles war am Kaffeetische so halb scherzhaft hingesagt worden , während Holk und Ebba noch draußen waren ; aber hinter dem Scherze hatte sich offenbar ein Ernst versteckt . Gegen sechs war man im Schlosse zurück , und als man sich gleich darauf von der Prinzessin , die noch immer die Abende allein zuzubringen liebte , getrennt hatte , nahm man auch untereinander Abschied , aber allerdings unter dem gleichzeitigen Zuruf : » Auf Wiedersehen heut abend . « » Und in welchem Turm ? « fragten die beiden Kapitäne , die , Dienstes halber , während der letzten Abende in dem kleinen Kreise gefehlt hatten . » Nun , im Ebba-Turm . Und nicht später als acht . Wer später kommt , zahlt Strafe . « » Welche ? « » Das findet sich . « Und danach ging jeder auf sein Zimmer , nachdem noch Schleppegrell versprochen hatte , seinen Schwager , Doktor Bie , mitzubringen . Die beiden Schleppegrells und Bie , die den weitesten Weg hatten , waren natürlich die Pünktlichsten und ersten und trafen , weil es inzwischen leise zu schneien begonnen hatte , von kleinen Flocken überstäubt auf dem untern Turmflur ein , von dem aus eine Wendeltreppe zunächst in Ebbas und dann höher hinauf in Holks Zimmer führte . Was dann im dritten und vierten Stocke noch folgte , darum hatte sich von allen Turmbewohnern bis dahin niemand gekümmert , nicht einmal Karin , die sich ' s , seitdem es kalt geworden , nur noch angelegen sein ließ , möglichst warm zu sitzen , erst um ihret- und zum zweiten um eines jungen Gärtnerburschen willen , mit dem sie , gleich während der ersten vierundzwanzig Stunden ihres Frederiksborger Aufenthalts , ein intimes Verhältnis angeknüpft hatte . Sie war darin überaus erfahren , und Wärme , wie sie wußte , kam der Liebe zustatten . Auch heute wieder hatte sie für eine rechte Behaglichkeit gesorgt , und als sich die Hilleröder Gäste von der auf dem Flur herrschenden Temperatur angeheimelt fühlten , sagte Doktor Bie , während er Karin die Hand patschelte : » Das ist recht , Karin . Ihr schwedischen Mädel , ihr versteht es . Aber wie fängst du ' s nur an , es hier auf dem Flur so warm zu haben ? Es ist ja , daß man sich gleich hier auf die Treppe setzen und den Abend bei dir zubringen möchte . « Schleppegrell , der die schiffsärztlichen Verkehrsformen seines Schwagers nur zu gut kannte , warf diesem einen zu minderer Vertraulichkeit auffordernden Blick zu , Karin aber , die sich mit jedem und nicht zum wenigsten mit alten Schiffschirurgen auf einen guten Fuß zu stellen liebte , wies auf eine hinter dem Treppenaufgang gelegene Wandstelle , die gerad in der Mitte zu glühen schien . Und im Nähertreten sah unser Freund Bie denn auch , daß sich hier ein in die Wand hineingebauter mächtiger Ofen befand , dessen Front natürlich in Karins Zimmer ging , während die schmucklose , nur aus Backsteinen und einer großen Eisenplatte hergestellte Hinterwand den ganzen Unterflur und mit ihm zugleich das halbe Treppenhaus heizte . » Vorzüglich « , sagte Bie , » vorzüglich . Das werd ich bei der Schloßverwaltung anregen und zur Nacheiferung empfehlen . Eiserner Ofen mit sozusagen Doppelheizung , Flur und Stube zugleich . Drüben bei der Schimmelmann , die freilich keine Karin zur Aushülfe hat , herrscht immer eine grimmige Kälte ; man friert Stein und Bein und die Schimmelmann natürlich mit . Und da soll man dann helfen bei den ewigen Katarrhen , von erfrornen Händen und roter Nase gar nicht zu sprechen . Ein Glück , daß die Danner nicht hier ist . Die hat freilich ihren Leibarzt und , nicht zu vergessen , auch mehr natürliche Wärme . Sonst wäre sie nicht die , die sie ist . « Schleppegrell war mit dem , was sein Schwager an baulichen Verbesserungsvorschlägen vorbrachte , sichtlich uneinverstanden und sagte , während alle drei jetzt die Treppe hinaufstiegen : » Ich bin ganz dagegen , Bie . Laß die Türme genauso , wie sie sind . « » Ach « , lachte Bie . » Du hast wieder historische Bedenken . Ein Turm , in dem man zweihundert Jahre lang gefroren hat , in dem muß weitergefroren werden . Das nennt ihr dann Pietät , und die Pastoren haben vielleicht noch ein größeres Wort dafür . Ich für meine Person , ich bin für warm sitzen . « » Ja « , sagte Schleppegrell , » das ist das Vorrecht aller Nordpolfahrer . Je näher dem Nordpol , je mehr Ofenhocker . Und Schloßverwaltung , sagst du , da willst du hingehen und die Neuerung anempfehlen . Nun , ich werde mitgehen , wenn du gehst , und während du den Doppelofen , der noch dazu halb ein eiserner ist , beantragst , werde ich beantragen , diesen einen aus der Wand herauszureißen . Es ist der größte Leichtsinn . Und überall Tannäpfel und kienen Holz und die Dielen und Verschläge so wurmstichig wie Pfeifenzunder . « Unter diesen Worten waren sie die Treppe hinauf und traten bei Ebba ein , wo schon alles in festlicher Vorbereitung war : die Lampen und Lichter brannten , und der bereits gedeckte Tisch war , so weit es ging , in die tiefe Fensternische geschoben . Alles geräumig und übersichtlich . Aber ehe zehn Minuten um waren , herrschte durch den ganzen Raum hin ein summendes Durcheinander , und ein Überblick ermöglichte sich erst wieder , als die Mehrzahl an zwei rasch zurechtgemachten Spieltischen Platz genommen hatte , links die Schimmelmann mit Pentz und Lundbye , rechts die Pastorin mit Erichsen und Westergaard . Holk und Bie , die gern mitgespielt und das Whist mit dem Strohmann zu einem richtigen Whist erhoben hätten , mußten auf Mitspiel verzichten , weil Schleppegrell , den man doch nicht allein lassen konnte , grundsätzlich keine Karte nahm . Nun war freilich noch Ebba da ; diese hatte sich aber , als Wirtin , jedem einzelnen auf wenigstens Augenblicke zu widmen , und trotzdem der Tisch vorsorglich im voraus gedeckt war , gab es doch noch vielerlei zu tun , und die Weisungen an Karin und den zur Aushülfe mit herangezogenen Gärtner nahmen kein Ende . Holk und Bie , nachdem sie sich in den Verzicht gefunden , hatten sich schließlich in eine Ecke zurückgezogen , die dicht neben der Alkovennische durch einen vorspringenden Mauerpfeiler gebildet wurde . Hier war man denn auch bald in einer intimen Unterhaltung , die der allzeit wißbegierige Holk natürlich nach Island hinüberzuspielen wußte . » Wissen Sie , Doktor Bie , daß ich Sie wegen Ihres schiffsärztlichen Aufenthalts da oben geradezu beneide , nicht wegen Skorbut und der Amputationen , die ja dabei vorkommen sollen , aber doch wegen des Ethnographischen ... « Bie , nur höherer Feldscher , der das Wort » ethnographisch « vielleicht noch nie gehört , jedenfalls aber über seine Bedeutung nie nachgedacht hatte , schrak etwas zusammen und hätte so ohne weitres nicht Red und Antwort stehen können ; der ganz in Fragelust aufgehende Holk aber sah nichts davon und fuhr fort : » Und wenn uns Island bloß ein beliebiges Etwas wäre , das uns so eigentlich nichts anginge , nun , so könnte man mit seinem Interesse zurückhalten ; aber die Isländer sind doch unsre halben Brüder und beten jeden Sonntag für König Friedrich geradeso gut wie wir und vielleicht noch besser . Denn es sind ernste und fromme Männer . Und wenn ich dann denke , daß man so in den Tag hineinlebt und gerade von dem nichts weiß , von dem man recht eigentlich was wissen müßte , dann schäme ich mich und mache mir beinah Vorwürfe . Was wäre , wie mir mein alter Pastor Petersen drüben wohl hundert Male versichert hat , was wäre beispielsweise die ganze germanischskandinavische Literatur , wenn wir den Snorre Sturleson , diesen Stolz der Isländer , nicht gehabt hätten ? Was wäre es mit der Edda und vielem andren ? Nichts wär es damit . Und nun frag ich Sie , Doktor Bie , sind Sie während Ihrer isländischen Tage diesen Dingen als einem Etwas begegnet , das noch jeder kennt und liebt und singt und sagt , die Frauen und Mädchen in den Spinnstuben und die Männer , wenn sie auf den Robbenfang ziehen ? « Schleppegrell , der all diese Fragen mit angehört hatte , wurde verlegen in die Seele seines Schwagers hinein , Bie selbst aber hatte sich inzwischen erholt und sagte mit gutem Humor : » Ja , das weiß eigentlich alles mein Schwager Schleppegrell viel besser , der nicht da war ; Personen , die nicht da waren , wissen immer alles am besten . Ich weiß von den Isländern bloß , daß ihre Betten besser sein könnten , trotzdem sie die Eidergans sozusagen vor der Tür haben . Und die Federn sind auch wirklich gut , und man liegt auch warm darin , was da oben , um recht und billig zu sein , doch immer die Hauptsache bleibt . Aber das Linnen , das ist die schwache Seite . Daß die Fäden mitunter wie Bindfaden nebeneinander liegen , nun , das möchte gehen ; aber was die Engländer die cleanliness nennen , damit hapert es . Man merkt zu sehr , daß es da mehr Eis als Wasser gibt und daß die Wäscherinnen froh sind , wenn sie die Hände wieder in ihren Pelzhandschuhen haben . Es ist kein Land der Reinlichkeiten , soviel ist zuzugeben . Aber einen Lachs gibt es comme il faut . Und dann was das Getränk angeht ! Einige denken bloß immer an Isländisch Moos ; nun , das gibt es auch , aber ich kann Ihnen versichern , Herr Graf , einen besseren Whisky hab ich nirgends in der Welt gefunden , nicht in Kopenhagen und nicht in London , und nicht einmal in Glasgow , wo doch das Feinste davon zu Hause ist . « Das isländische Gespräch setzte sich noch eine Weile fort , und der anfangs immer nur verlegen dreinschauende Schleppegrell hatte schließlich seine Freude daran , Holks unausgesetzt auf das » Höhere « gerichtete Fragen von Bie geschickt umgangen zu sehen . Ebba , von Zeit zu Zeit hinzutretend , lachte , wenn sie das Gespräch immer noch auf dem alten Flecke fand , und wandte sich dann rasch wieder den Spieltischen zu , wo sie mal zu Nutz und Frommen der Frau Pastorin und dann wieder für die Schimmelmann die Strohmannkarten aufnahm und auf den Tisch legte , bis der beständig in Verlust stehende Pentz dagegen protestierte . Nichts war Ebba willkommner , und ihre Spieltisch-Gastrolle wieder aufgebend , machte sie sich bei dem Kamin zu schaffen und schüttete Kohlen und Wacholdergezweig auf das verlöschende Feuer , freilich immer nur wenig , weil die vielen Lichter , die brannten , ohnehin dafür sorgten , daß von der draußen herrschenden Kälte nichts fühlbar wurde . Zudem hatte der den Tag über herrschende Frost , seit den ersten Flocken , die fielen , erheblich nachgelassen , und nur der Wind war stärker geworden , was man wahrnehmen konnte , wenn die lächelnd und gewandt die Bedienung machende Karin mit dem einen oder andern Tablett in die Tür trat . Nun aber war es zehn , das Spiel beendet , und während man , um Platz zu schaffen , die Spieltische beiseite schob , wurde der nur an drei Seiten gedeckte Eßtisch , weil niemand das Kaminfeuer im Rücken haben wollte , quer durch das Zimmer gestellt . Die Schimmelmann hatte den Ehrenplatz in der Mitte der Tafel , Holk und Pentz neben ihr ; dann kamen , nach rechts und links hin , die vier andern Herren , während die Pastorin und Ebba an den zwei Schmalseiten saßen , um von hier aus den Tisch am besten überblicken und , wenn ' s not tat , wirtschaftlich eingreifen zu können . Und war schon vorher die Stimmung eine gute gewesen , so wuchs sie jetzt noch , wozu Doktor Bie durch seine nach den verschiedensten Seiten hin gelegenen Tafelvorzüge das meiste beitrug . Er war nämlich nicht bloß Geschichtenerzähler und Toast-Ausbringer , sondern vor allem auch ausgesprochener Lachvirtuose , was ihn in den Stand setzte , nicht bloß seine eignen , sondern auch andrer Leute Anekdoten mit wahren Lachsalven unkritischen Beifalls zu begleiten und dadurch alle mit fortzureißen , auch solche , die gar nicht wußten , um was sich ' s eigentlich handelte . Selbst die Schimmelmann hatte , zur Genugtuung aller , ihre ganz unverkennbare Freude daran , was übrigens nicht ausschloß , daß nach ihrem Rückzuge , der jedesmal um elf Uhr erfolgte , die Heiterkeit der Tafel eine noch erhebliche Steigerung erfuhr . Zu dieser Steigerung wirkte freilich auch noch ein andres mit , und dies andre war der schwedische Punsch , der nicht regelmäßig , aber heute wenigstens in einer großen silbernen Bowle aufgetragen wurde . Jeder war seines Lobes voll , am meisten Bie , der denn auch beim fünften Glase , bei dem er verhältnismäßig rasch angelangt war , sich erhob , um unter gnädiger Erlaubnis der Damen einen Toast auszubringen . » Ja , einen Toast , meine Damen . Aber wem soll er gelten ? Natürlich unsrer liebenswürdigen Wirtin , in der unser schwedisches Brudervolk - wie wir ein Meervolk , ein Volk der See - sozusagen seinen höchsten Ausdruck findet . Aus dem Meere , wie wir alle wissen , ist die Schönheit geboren , aber aus dem Nordmeer auch der nordische Mut , der schwedische Mut . Ich war nicht Zeuge von dem , was dieser Nachmittag von einem solchen echten Nordlandsmut gesehen hat , aber ich habe davon gehört . Und am Rande des Todes hinzuschweben , ein Fehltritt , und die Tiefe hat uns für immer , das ist des Lebens höchster Reiz . Und dies Leben ist ein Nordlandsleben . Wo das Eis beginnt , da hat das Herz seine höchste Flamme . Hoch Nordland und hoch seine schöne , seine mutige Tochter ! « Alle Gläser klangen zusammen , und die » Eskapade nach dem Arre-See « , wie sie schon mehrfach an diesem Tage der Gegenstand scherzhafter Bemerkungen gewesen war , wurd es aufs neue . Pentz , der weder Holk noch Ebba traute , gefiel sich in Fortsetzung seiner Spöttereien und malte mit Behagen aus , was aus beiden geworden wäre , wenn sich eine Eisscholle , mit einem Tannenbaum darauf , unter ihnen losgelöst und sie aufs hohe Meer hinausgetragen hätte . Vielleicht wären sie dann in Thule gelandet . Oder vielleicht auch nicht und hätten auf ihrer Scholle nichts gehabt als den kleinen Weihnachtsbaum ohne Nuß und Marzipan . Und Holk hätte sich dann getötet und sein Herzblut angeboten , unter Anklängen an den unvermeidlichen Pelikan . In alten Zeiten wären solche Dinge vorgekommen . » In alten Zeiten « , lachte Ebba . » Ja , was ist in alten Zeiten nicht alles vorgekommen ! Ich habe nicht die Prätension , mich auf Geschichte hin auszuspielen , das überlaß ich andern , und auf alte Geschichte nun schon gewiß nicht ; aber man braucht nur ein bißchen Trojanischen Krieg zu kennen , um vor den alten Zeiten und ihrem Mut einen sehr bedeutenden Respekt zu haben , einen noch bedeutenderen als vor dem skandinavischen Mut , von dem Doktor Bie so schön und in für mich persönlich so schmeichelhafter Weise gesprochen hat . « Westergaard und Lundbye versicherten a tempo , daß sich die Zeiten in dem wichtigsten Punkte , nämlich in dem Heldenmute der Leidenschaft , immer gleichblieben und daß sie sich für ihre Person dafür verbürgen wollten , die Liebe schaffe noch dieselben Wunder wie früher . Alles teilte sich sofort in zwei Lager , in solche , die derselben Meinung waren ( unter diesen , strahlenden Gesichts , die kleine Frau Pastorin ) , und in solche , die rundheraus verneinten . An der Spitze dieser stand natürlich Ebba . » Dieselben Wunder « , wiederholte sie . » Das ist unmöglich , denn diese Wunder sind Produkte dessen , was der Welt verlorengegangen ist , Produkte großer erhabner Rücksichtslosigkeiten . Ich wähle dies Wort , weil ich das Wort Leidenschaft , das freilich von andrer Seite schon gefallen ist , gern vermeiden möchte , von Rücksichtslosigkeiten aber läßt sich sprechen , ja , man braucht nicht einmal rot dabei zu werden . Und nun frage ich Sie , und den Herren Capitanos an der Spitze , wer unter Ihnen hat Lust , um Helenas willen einen Trojanischen Krieg anzuzetteln ? Wer tötet um Klytämnestras willen Agamemnon ? « » Wir , wir . « Und Pentz , eine vierzinkige Gabel zückend , setzte sogar hinzu : » Ich bin Ägisth . « Alles lachte , Ebba ihrerseits aber fuhr in immer wachsendem Übermute fort : » Nein , meine Herren , es bleibt dabei , die Rücksichtslosigkeiten sind aus der Welt gegangen . Allerdings , soviel ist einzuräumen ( und es steht bei Ihnen , dies gegen mich auszunutzen ) , allerdings finden sich auch im Altertum vereinzelte Anfälle von Schwäche . So entsinn ich