leise schwärmten - ward Statthalter in Holstein ; - Manteuffel in Schleswig . Auf meine im Jahre 1460 erhaltene Lieblingszusicherung , daß die Lande ewig zusammen bleiben , » ungeteilt « , mußte ich jetzt doch endgültig verzichten . Und was meinen Augustenburger betraf , für dessen Rechte ich mich so mühsam erwärmt hatte , so geschah , daß der Prinz einmal ins Land kam und sich von seinen Getreuen anjubeln ließ , worauf ihm Manteuffel bedeutete , daß , wenn er noch einmal sich unterstände , ohne Erlaubnis in die Gegend zu kommen , er ihn unweigerlich verhaften lassen müßte . Wer das keinen guten Witz der Muse Klio findet , der hat kein Verständnis für die » Fliegenden Blätter « der Geschichte . Trotz des Gasteiner Vertrages wollte die Angelegenheit nicht zur Ruhe kommen , und da ich nun - durch Tante Mariens Brief und die darauf erhaltenen Auskünfte aufgeschreckt - nunmehr wieder regelmäßig die politischen Leitartikel las und mich allseitig über die herrschenden Meinungen erkundigte , so konnte ich die Phasen des schwebenden Streites wieder genau verfolgen . Daß derselbe zu einem Krieg führen würde , fürchtete ich nicht . Solche Prozeßfragen mußten doch auf dem Wege der Prozesse - nämlich durch Abwägung der Rechtsansprüche und durch hiernach zu fällendem Rechtsspruch - zum Austrag zu bringen sein . Alle diese beratenden Minister- und Bundesversammlungen , diese unterhandelnden Staatsmänner und freundschaftlich verkehrenden Monarchen , würden doch mit diesen - im Grunde so unwichtigen - Streitfragen fertig werden . Mehr mit Neugierde , als mit Besorgnis folgte ich dem Gang dieser Angelegenheit , deren verschiedene Stadien ich in den roten Heften notiert finde : 1. Oktober 1865 . In Frankfurt Abgeordnetentag , folgende Beschlüsse gefaßt : 1 ) Selbstbestimmungsrecht des schleswigholsteinschen Volkes bleibt in Kraft . Der Gasteiner Vertrag wird als Rechtsbruch von der Nation verworfen . 2 ) Alle Volksvertreter sollen den Regierungen , welche die bisherige Politik der Vergewaltigung fordern , alle Steuern und Anlehen verweigern . 15. Oktober . Preußischer Kronsyndikus gibt sein Gutachten über die Erbrechte des Prinzen Augustenburg ab . Der Vater desselben habe für sich und seine Nachkommen , gegen eine Summe von anderthalb Millionen Speziesthaler auf die Thronanwartschaft verzichtet . Im wiener Frieden seien die Herzogtümer abgetreten - somit habe der Augustenburger gar nichts mehr zu beanspruchen . Eine Frechheit , eine Anmaßung - wird die in Berlin geführte Sprache genannt und die » preußische Arroganz « wird zum Schlagwort . » Gegen die muß man sich schützen : das wird allenthalben als Dogma aufgestellt . König Wilhelm scheint sich auf den deutschen Viktor Emanuel aufspielen zu wollen . « - » Österreich hat die stille Absicht , Schlesien zurück zu erobern . « » Preußen buhlt mit Frankreich . « » Österreich buhlt mit Frankreich « ... et patati et patatà , wie die Franzosen sagen ... Tritschtratsch heißt es auf deutsch und pflegt in den Kaffeekränzchen der Kleinstädter , nicht eifriger betrieben zu werden , als zwischen den Kabinetten der Großmächte . Der Winter brachte meine ganze Familie wieder nach Wien zurück . Rosa und Lilli hatten sich in den böhmischen Bädern sehr gut unterhalten , aber verlobt hatte sich keine . Konrads Aktien standen vortrefflich . In der Jagdsaison war er nach Grumitz gekommen , und obwohl bei dieser Gelegenheit das entscheidende Wort noch immer nicht gesprochen wurde , waren jetzt doch beide in ihrem Innern überzeugt , daß sie als ein Paar enden würden . Auch zu diesen Herbstjagden war ich , trotz meines Vaters dringenden Zuredens , nicht erschienen . Friedrich hatte keinen Urlaub erhalten , und mich von ihm zu trennen , war ein Leidwesen , das ich mir ohne Notwendigkeit nicht auferlegen mochte . Ein zweiter Grund , mich nicht auf längere Zeit zu meinem Vater zu begeben , war der , daß ich meinen kleinen Rudolf nicht gern dem großväterlichen Einfluß überließ , denn dieser war dazu angethan , dem Kinde militärische Neigungen einzuflößen . Die Lust zu diesem Berufe , zu welchem ich meinen Sohn durchaus nicht bestimmen wollte , war ohnehin schon in ihm geweckt . Vermutlich lag ' s im Blute . Der Sproß einer langen Reihe von Kriegern muß naturgemäß kriegerische Anlagen zur Welt bringen . In den naturwissenschaftlichen Werken , deren Studium wir jetzt eifriger denn je betrieben , hatte ich von der Macht der Vererbung gelernt , von dem Wesen der sogenannten » angeborenen Anlagen « , welche weiter nichts sind , als der Drang , die von den Ahnen angenommenen Gewohnheiten zu bethätigen . Zu des Kleinen Geburtstag brachte ihm sein Großvater diesmal richtig wieder einen Säbel . » Du weißt doch , Vater , « sagte ich ärgerlich , » daß mein Rudolf durchaus nicht Soldat werden soll ; ich muß Dich schon ernstlich bitten - « » Also ein Muttersöhnchen willst Du aus ihm machen ? Das wird Dir hoffentlich nicht gelingen . Gutes Soldatenblut lügt nicht : ... Ist der Bursch einmal erwachsen , so wird er seinen Beruf schon selber wählen - und einen schöneren gibt es nicht , als den , welchen Du ihm verbieten willst . « » Martha fürchtet sich , den einzigen Sohn der Gefahr auszusetzen , « bemerkte Tante Marie , welche diesem Gespräche beiwohnte ; » sie vergißt aber , daß , wenn es einem bestimmt ist , zu sterben , ihn dieses Los ebensogut im Bett als im Krieg ereilt . « » Also , wenn in einem Kriege hunderttausend Menschen zu grunde gegangen sind , so wären dieselben auch im Frieden verunglückt ? « Tante Marie war um eine Antwort nicht verlegen . » Diese Hunderttausend waren dann eben bestimmt , im Krieg zu sterben . « » Wenn aber die Menschen so gescheit wären , keinen solchen mehr zu beginnen ? « warf ich ein . » Das ist aber eine Unmöglichkeit , « rief mein Vater , und damit war das Gespräch wieder auf eine Kontroverse gebracht , welche er und ich des öfteren - und zwar stets in denselben Geleisen - zu führen pflegten . Auf der einen Seite die gleichen Behauptungen und Gründe , auf der anderen die gleichen Gegenbehauptungen und Gegengründe . Es gibt nichts , worauf die Fabel der Hydra so gut paßt , wie auf das Ungetüm : stehende Meinung . Kaum hat man ihm so einen Argumentenkopf abgeschlagen und macht sich daran , den zweiten folgen zu lassen , so ist der erste schon wieder nachgewachsen . Da hatte mein Vater so ein paar Lieblingsbeweise zu Gunsten des Krieges , die nicht umzubringen waren . 1. Kriege sind von Gott - dem Herrn der Heerscharen - selber eingesetzt , siehe die heilige Schrift . 2. Es hat immer welche gegeben , folglich wird es auch immer welche geben . 3. Die Menschheit würde sich ohne diese gelegentliche Dezimierung zu stark vermehren . 4. Der dauernde Friede erschlafft , verweichlicht , hat - wie stehendes Sumpfwasser - Fäulnis , nämlich den Verfall der Sitten zur Folge . 5. Zur Bethätigung der Selbstaufopferung , des Heldenmuts , kurz zur Charakterstählung sind Kriege das beste Mittel . 6. Die Menschen werden immer streiten , volle Übereinstimmung in allen Ansprüchen ist unmöglich - verschiedene Interessen müssen stets aneinanderstoßen , folglich ewiger Friede ein Widersinn . Keiner dieser Sätze , namentlich keins der darin enthaltenen » folglich « läßt sich stichhaltig behaupten , wenn man ihm zu Leibe rückt . Aber jeder dient dem Verteidiger als Verschanzung , wenn er die anderen fallen lassen mußte . Und während die neue Verschanzung fällt , hat sich die alte wieder aufgerichtet . Zum Beispiel wenn der Kriegskämpe , in die Enge getrieben , nicht mehr im stande ist , Nr. 4 aufrecht zu erhalten und zugeben muß , daß der Friedenszustand menschenwürdiger , beglückender , kulturfördernder sei als der Krieg , so sagt er : Nun ja , ein Übel ist der Krieg schon , aber unvermeidlich , denn : Nr. 1 und 2. Zeigt man nun , daß er vermieden werden könnte , durch Staatenbund , Schiedsgerichte u.s.w. , so heißt es : Nun ja , man könnte , wohl aber soll nicht , denn : Nr. 5. Jetzt wirft der Friedensanwalt diesen Einwand um und beweist , daß , im Gegenteile , der Krieg den Menschen verroht und entmenschlicht - Nun ja , das schon , aber - Nr. 3. Dieses Argument , wenn von den Verherrlichern des Krieges angeführt , ist schon das allerunaufrichtigste . Eher dient es jenen , die den Krieg verabscheuen und die für die grausige Erscheinung doch einen Grund , ein die Natur sozusagen entschuldigendes Moment auffinden wollen ; aber wer im Innern den Krieg liebt und ihn erhalten hilft , der thut es sicher nicht im Hinblick auf das Wohlbefinden entfernter Geschlechter . Die gewaltthätige Dezimierung der gegenwärtigen Menschheit durch Totschlag , künstliche Seuchenbildung und Verarmung wird gewiß nicht veranstaltet , um von der künftigen die Gefahr etwaigen Mangelleidens abzulenken ; wenn menschliches Eingreifen nötig wäre , um zum allgemeinen Wohle Übervölkerung zu verhüten , so gäbe es wohl direktere Mittel hierzu als Kriegführung . Das Argument ist also nur eine Finte , welche aber meist mit Erfolg angewendet wird , weil sie verblüfft . Das Ding klingt so gelehrt und eigentlich sehr menschenfreundlich - man denke nur : unsere lieben in einigen tausend Jahren lebenden Nachkommen , denen müssen wir doch genügenden Ellbogenraum schaffen ! - Dieses Nr. 3 bringt viele Friedensverteidiger in Verlegenheit . Über solche naturwissenschaftliche und sozialökonomische Fragen sind die wenigsten Leute unterrichtet ; die wenigsten wissen wohl , daß das Gleichgewicht von Sterblichkeit und Fruchtbarkeit von selber sich herstellt ; daß die Natur über ihre Lebewesen nicht die vernichtenden Gefahren bringt , um deren Überzahl zu verhüten , sondern umgekehrt : daß sie die Fruchtbarkeit derer erhöht , die großen Gefahren ausgesetzt sind . Nach einem Kriege z , B. steigt die Zahl der Geburten und so wird der Verlust wieder ersetzt ; nach langem Frieden und bei Wohlstande fällt diese Zahl - und so tritt die Übervölkerung - - dieses Wahngespenst - überhaupt nicht ein . Das alles aber hat man nicht klar vor Augen ; man fühlt nur instinktiv , daß das berühmte Nr. 3 nicht richtig sein kann und keinesfalls vom anderen ehrlich gemeint ist . Da begnügt man sich , das alte Sprichwort anzuführen : » Es ist schon dafür gesorgt , daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen « und dann - nicht jenes Resultat haben die Machthaber im Auge ... - Zugegeben - aber Nr. 1. Und so nimmt der Streit kein Ende . Der Kriegerische behält immer recht ; sein Räsonnement bewegt sich in einem Kreise , wo man ihm stets nachlaufen , ihn aber nie erreichen kann . Der Krieg ist ein schreckliches Übel , aber er muß sein . - Er muß zwar nicht sein , aber er ist ein hohes Gut . Diesen Mangel an Folgerichtigkeit , an logischer Ehrlichkeit , lassen sich alle jene zu schulden kommen , welche aus uneingestandenen Gründen - oder auch ohne Gründe , bloß instinktiv - eine Sache vertreten und hier alle ihnen je zu Ohren gekommenen Phrasen und Gemeinplätze benutzen , welche zur Verteidigung der betreffenden Sache in Umlauf gesetzt worden sind . Daß diese Argumente von den verschiedensten Standpunkten ausgehen , daß sie daher einander nicht nur nicht unterstützen , sondern mitunter geradezu aufheben , das ist jenen einerlei . Nicht weil diese oder jene Schlüsse dem eigenen Nachdenken entsprungen und der eigenen Überzeugung gemäß sind , sind sie zu ihrer aufgestellten Behauptung gelangt , sondern nur um diese letztere zu stützen , gebrauchen sie auswahllos die von anderen Leuten durchdachten Folgerungen . Das alles konnte ich mir zwar damals , wenn ich mit meinem Vater über das Thema Krieg und Frieden stritt , nicht so ganz klar machen ; erst später habe ich mir angewöhnt , den Verrichtungen des Geistes im eigenen und im Kopfe anderer beobachtend nachzuspüren . Ich erinnere mich nur , daß ich immer höchst ermüdet und abgespannt aus diesen Diskussionen hervorging , und jetzt weiß ich , daß diese Ermüdung von dem » Im-Kreise-nachlaufen « kam , zu welchem mich meines Vaters Streitweise zwang . Der Schluß war dann doch jedesmal ein seinerseits mit mitleidigem Achselzucken gesprochenes » Das verstehst Du nicht « , welches - da es sich um militärische Dinge handelte - im Munde eines alten Generals , einer jungen Frau gegenüber , gewiß sehr gerechtfertigt klang . Neujahr 1866 . Wieder saßen wir alle - bei Punsch und Faschingkrapfen - um meines Vaters Tisch versammelt , als die erste Stunde dieses verhängnisvollen Jahres schlug . Es war ein heiteres Fest . Zugleich mit Sylvester feierten wir eine Verlobung : Konrad und Lilli . Als der Zeiger auf Zwölf wies und auf der Straße einige Freudenschüsse losgingen , umschlang mein unternehmender Vetter das neben ihm sitzende Mädchen , preßte - zu unser aller Staunen - einen Kuß auf ihre Lippen und fragte dann : » Willst Du mich in 66 ? « » Ja - ich will , « antwortete sie ; » ja - ich hab ' Dich lieb , Konrad . « Das war nun von allen Seiten ein Gläser-erklingen-lassen und umarmen und Händeschütteln , und Glück- und Segenwünschen ohne Ende : » Das Brautpaar soll leben « - » Konrad und Lilli - hoch ! « - » Gott segne eueren Bund , Kinder « - » Gratuliere herzlichst , Vetter « - » Sei glücklich , Schwester « und so weiter und so weiter . Eine freudige und gerührte Stimmung bemächtigte sich unser aller . Vielleicht nicht bei allen ganz neidlos ; denn so wie der Tod das traurigste und bedauernswerteste Ereignis abgibt , so ist die Liebe - die zum lebenschaffenden Bunde sanktionierte Liebe - das fröhlichste und beneidenswerteste . Ich konnte zwar von Neid nichts spüren , denn mir war das der neuen Braut erst verheißene Glück schon zum wirklichen und festen Besitz geworden ; es beschlich mich eher ein Gefühl des Zweifels : » So ein vollkommenes Glück , wie es mir von Friedrich bereitet wird , kann wohl der armen Lilli kaum zu teil werden ... Konrad ist zwar ein allerliebster Mensch , aber - es gibt nur einen Friedrich ! « Mein Vater machte dem Gratulationstumult ein Ende , indem er mit dem an seinem kleinen Finger befindlichen Siegelring an das Glas klopfte und sich zum sprechen erhob : » Meine lieben Kinder und Freunde « - sagte er ungefähr - » das Jahr sechsundsechzig fängt gut an . Mir bringt es schon in der ersten Stunde die Erfüllung eines Lieblingswunsches - denn auf den Konrad als Schwiegersohn hatte ich es lange abgesehen . Hoffen wir , daß dieses freundliche Jahr auch unsere Rosa unter die Haube und euch - Martha und Tilling - einen Storchbesuch bringt ... Ihnen , Doktor Bresser , soll es zahlreiche Patienten verschaffen - was zwar mit den vielen Gesundheitswünschen , die heute ausgetauscht werden , nicht recht klappt ... und Dir , liebe Marie , bescheere es - vorausgesetzt , daß es Dir bestimmt sei , ich kenne und ehre Deinen Fatalismus - einen Haupttreffer , oder einen vollständigen Ablaß , oder was Du Dir sonst wünschen magst ; ... Dich , mein Otto , beschenke es mit zahlreicher » Eminenz « zu Deiner Schlußprüfung und mit allen möglichen soldatischen Tugenden und Kenntnissen , damit Du einst eine Zierde der Armee und der Stolz Deines alten Vaters werdest ... Letzterem muß ich doch auch einiges Gute zukommen lassen , und da dieser keine höheren Wünsche kennt , als das Wohl und den Ruhm Österreichs , so möge das kommende Jahr dem Lande einen großen Gewinn bringen - die Lombardei oder - was weiß ich ? - die Provinz Schlesien ... Man kann nicht wissen , was sich da alles vorbereitet - es ist gar nicht unmöglich , daß wir dieses , der großen Maria Theresia entwendete Land den frechen Preußen wieder abnehmen « ... Ich erinnere mich , daß der Schluß von meines Vaters Trinkrede » eine Kälte « verbreitete . Die Lombardei und Schlesien - wahrlich , nach diesen fühlte niemand unter uns ein dringendes Bedürfnis . Und der darunter versteckte Wunsch : » Krieg « - also neuer Jammer , neue Todesqual - der stimmte schon gar nicht zu der weichen Fröhlichkeit , welche diese , durch einen neuen Liebesbund geweihte Stunde in unseren Herzen wachgerufen . Ich erlaubte mir sogar eine Entgegnung : » Nein , lieber Vater - für die Italiener und für die Preußen ist heute auch Neujahr ... da wollen wir ihnen kein Verderben wünschen . Mögen im Jahre 66 und in den folgenden alle Menschen besser , einträchtiger und glücklicher werden ! « Mein Vater zuckte die Achseln ! » O , Du Schwärmerin , « sagte er mitleidig . » Durchaus nicht , « nahm mich Friedrich in Schutz . » Der von Martha ausgedrückte Wunsch beruht nicht auf Schwärmerei - denn seine Erfüllung ist uns wissenschaftlich verbürgt . Besser und einträchtiger und glücklicher werden die Menschen beständig - seit den Uranfängen bis auf heute . Aber so unmerklich langsam , daß eine kleine Spanne Zeit , wie ein Jahr , kein sichtbares Vorwärtsschreiten aufweisen kann . « » Wenn Ihr so fest an den ewigen Fortschritt glaubt , « warf mein Vater ein , » warum dann euer häufiges Klagen über Reaktion , über Rückfall in die Barbarei ? « ... » Weil « - Friedrich zog einen Bleistift aus der Tasche und zeichnete auf ein Blatt Papier eine Spirale - » weil der Gang der Civilisation so beschaffen ist wie dieses ... Bewegt sich diese Linie , trotz ihrer gelegentlichen Rückwärtskrümmungen , nicht sicher voran ? Das beginnende Jahr kann freilich eine der Krümmungen vorstellen , besonders wenn , wie es den Anschein hat , wieder ein Krieg geführt werden sollte . So etwas schleudert die Kultur - in jeder , in materieller wie in moralischer Beziehung - immer wieder um ein gutes Stück zurück . « » Du sprichst nicht wie ein Soldat , mein lieber Tilling . « » Ich spreche von einer allgemeinen Sache , mein lieber Schwiegervater . Darüber kann meine Ansicht eine richtige oder falsche sein - ob sie nun eine soldatische sei oder nicht , ist eine andere Frage . Wahrheit gibt es doch überall nur eine ... Wenn ein Ding rot ist - soll es einer grundsätzlich blau nennen , wenn er eine blaue Uniform , und schwarz , wenn er eine schwarze Kutte trägt ? « » Eine - was ? « Mein Vater pflegte , wenn ihm eine Diskussion nicht recht genehm war , etwas Schwerhörigkeit hervorzukehren . Auf solches » was « die ganze Rede zu wiederholen - dazu hatten die wenigsten Leute die Geduld und man gab den Streit lieber auf . Noch in derselben Nacht , nachdem wir nach Hause gekommen , nahm ich meinen Mann ins Verhör : » Was hast Du meinem Vater gesagt ? ... Daß es allen Anschein habe , man würde sich in diesem Jahre wieder schlagen ? Ich will Dich in keinen Krieg mehr ziehen lassen , ich will nicht « ... » Was hilft dieses leidenschaftliche ich will , meine Martha ? Du wärest doch die erste , die es angesichts der Umstände wieder zurückzöge . Je wahrscheinlicher ein Krieg vor der Thür steht , desto unmöglicher wäre es mir , um Entlassung einzukommen . Unmittelbar nach Schleswig-Holstein wäre es thunlich gewesen - « » Ach , diese elenden Schmitt & amp ; Söhne ! « ... » Doch jetzt , wo sich neue Wolken ballen - « » Du glaubst also wirklich , daß - « » Ich glaube , diese Wolken werden sich wieder verziehen - die beiden Großmächte werden sich doch jener Nordländchen wegen nicht zerfleischen . Aber weil es nun einmal drohend aussieht , würde ein Zurückziehen feige erscheinen . Das leuchtet Dir wohl ein ? « Diesen Gründen mußte ich mich fügen . Aber ich klammerte mich fest an das Hoffnungswort » Die Wolken werden sich verziehen . « Mit Spannung folgte ich nunmehr der Entwickelung der politischen Ereignisse und den darüber in Zeitungen und Gesprächen kursierenden Meinungen und Vorhersagungen . » Rüsten , « » rüsten « war jetzt die Losung . Preußen rüstet im Stillen . Österreich rüstet im Stillen . Die Preußen behaupten , daß wir rüsten , und es ist nicht wahr - sie rüsten . Sie leugnen - nein , es ist nicht wahr : wir rüsten . Wenn jene rüsten , müssen wir auch rüsten . Wenn wir abrüsten , wer weiß , ob jene abrüsten ? So schlug die Rüsterei in allen möglichen Varianten an mein Ohr . - Aber wozu denn dieses Waffengeklirre , wenn man nicht angreifen will ? fragte ich , worauf mein Vater den alten Spruch vorbrachte : Sie vis pacem , para bellum : Wir rüsten ja doch nur aus Vorsicht . - Und die Andern ? - In der Absicht , uns zu überfallen . - Jene sagen aber auch , daß sie sich nur gegen unseren Überfall vorsehen . - Das ist Heimtücke . - Und sie sagen , daß wir heimtückisch seien . - Das sagen sie nur als Vorwand , um besser rüsten zu können . Wieder so ein endloser Cirkel , eine sich in den Schwanz beißende Schlange , deren oberes und unteres Ende zweifache Unaufrichtigkeit ist ... Nur um einem Feinde zu imponieren , der den Krieg will , kann die rüstende Schreckmethode etwa des Friedens willen am Platze sein ; aber zwei Gleichgesinnte , Frieden Wollende , können unmöglich nach diesem System handeln , ohne daß Jeder fest überzeugt sei , daß der Andere mit leeren Phrasen lügt . Und diese Überzeugung wird nur so fest , wenn man selber hinter den gleichen Phrasen dieselben Absichten versteckt , deren man den Gegner beschuldigt . Nicht nur die Auguren - auch die Diplomaten wissen voneinander genau , was jeder hinter den öffentlichen Ceremonien und Redeweisen im Sinne führt ... Das beiderseitige In-Kriegsbereitschaft-setzen dauerte die ersten Monate des Jahres fort . Am 12. März kam mein Vater freudestrahlend in mein Zimmer gestürzt . » Hurrah ! « rief er . » Gute Nachrichten - « » Abgerüstet ? « fragte ich freudig . » Warum nicht gar ! Im Gegenteil , die gute Nachricht ist die : Gestern wurde großer Kriegsrat gehalten ... Es ist wirklich glänzend , über welche Streitmacht wir verfügen ... da kann sich der arrogante Preuße verstecken . - Mit 800 000 Mann sind wir stündlich bereit , auszurücken . Und Benedek , unser tüchtigster Stratege , wird Oberfeldherr mit unbeschränkter Vollmacht ... Ich sag ' Dir ' s im Vertrauen , Kind : Schlesien ist unser , wenn wir nur wollen « ... » O Gott , o Gott , « - stöhnte ich - » soll denn wieder diese Geißel über uns kommen ! Wer - wer kann denn nur so gewissenlos sein - aus Ehrgeiz , aus Ländergier - « » Beruhige Dich . Wir sind nicht so ehrgeizig - noch sind wir ländergierig . Wir wollen - ( das heißt ich gerade nicht , mir wäre die Wiedergewinnung unseres Schlesiens schon recht ) aber die Regierung will Frieden halten - das hat sie oft genug versichert . Und der ungeheuere Stand unserer aktiven Armee , wie derselbe aus den im gestrigen Kriegsrat dem Kaiser vorgelegten Mitteilungen sich ergibt , wird allen anderen Mächten gehörigen Respekt einflößen ... Preußen wird wohl zu allererst klein beilegen und aufhören , das große Wort führen zu wollen ... Wir haben , Gott sei Dank , in Schleswig-Holstein auch noch mitzureden - und werden sicher nie dulden , daß sich der andere Großstaat durch allzustarke Machtausdehnung eine überwiegende Stellung in Deutschland erringe ... Da handelt es sich um unsere Ehre , um unser » prestige « - vielleicht um unsere Existenz - das verstehst Du nicht ... Das Ganze ist ja doch nur ein Hegemoniestreit - um das miserable Schleswig handelt es sich am wenigsten - aber der prächtige Kriegsrat hat deutlich gezeigt , wer den ersten Rang einnimmt und wer den Anderen Bedingungen vorschreiben darf ; die Nachkommen der kleinen brandenburger Kurfürsten oder diejenigen der langen römisch-deutschen Kaiser- Ich halte den Frieden für gesichert . Sollten aber die anderen dennoch fortfahren , sich unverschämt und arrogant zu gebärden und dadurch einen Krieg unvermeidlich machen , so ist uns der Sieg verbürgt und mit demselben ganz unberechenbare Gewinne ... Es wäre zu wünschen , daß es losginge - « » Nun ja , das wünschest Du auch , Vater - und mit Dir wahrscheinlich der ganze Kriegsrat ! So ist ' s mir lieber , wenn das aufrichtig gesagt wird ... Nur nicht diese Falschheit , dem Volke und den Friedliebenden zu versichern , daß all die Waffenanschaffungen und Heerverstärkungen und Militärkreditforderungen nur um des lieben Friedens willen geschehen . Wenn ihr schon die Zähne zeigt und die Fäuste ballt , so flüstert keine sanften Worte dazu - wenn ihr schon vor Ungeduld zittert , das Schwert zu schwingen , so macht doch nicht , als legtet ihr aus bloßer Vorsicht die Hand an den Knauf « ... So redete ich eine Weile mit bebender Stimme und steigendem Affekte fort - ohne daß mein verblüffter Vater ein Wort erwiderte - und brach schließlich in Thränen aus . Jetzt folgte eine Zeit der schwankenden Hoffnungen und Befürchtungen . Heute hieß es » der Friede gesichert « , morgen - » der Krieg unvermeidlich « . Die meisten Leute waren letzterer Ansicht . Nicht so sehr , weil die Verhältnisse auf die Notwendigkeit eines blutigen Austrages wiesen , als deshalb , weil , wenn das Wort » Krieg « einmal gefallen , wohl noch sehr lange hin und her debattiert werden kann , aber erfahrungsgemäß das Ende jedesmal Krieg ist . Das kleine , unscheinbare Ei , welches den » Casus belli « enthält , wird da so lange ausgebrütet bis das Ungetüm hervorkriecht . Täglich zeichnete ich in die roten Hefte die Phasen des schwebenden Streites auf und so wußte ich damals , und weiß noch heute , wie der verhängnisvolle » 66er Krieg sich vorbereitet hat und wie er ausgebrochen ist . Ohne diese Eintragungen wäre ich wohl über das betreffende Stück Geschichte in derselben Unkenntnis , in welcher die meisten , inmitten der Geschichtsabspielung lebenden Menschen sich befinden . Gewöhnlich weiß die große Mehrzahl der Bevölkerung nicht , warum und wie ein Krieg entsteht - man sieht ihn nur eine Zeit lang kommen - dann ist er da . Und wenn er da ist , so frägt man schon gar nicht mehr nach den kleinen Interessen und Meinungsverschiedenheiten , die ihn herbeigeführt , sondern ist nur noch mit den gewaltigen Ereignissen beschäftigt , die sein Fortgang mit sich bringt . Und ist er einmal vorüber , so erinnert man sich höchstens der dabei persönlich erlebten Schrecken und Verluste - beziehungsweise Gewinne und Triumphe - aber an die politischen Entstehungsgründe wird nicht mehr gedacht . In den verschiedenen Geschichtswerken , welche nach jedem Feldzuge unter Titeln wie » Der Krieg vom Jahre - historisch und strategisch dargestellt - « und dergleichen erscheinen , werden alle vergangenen Streitmotive und alle taktischen Bewegungen des betreffenden Feldzuges aufgezählt , und wer dafür Interesse hat , kann in der einschlägigen Litteratur sich Aufschluß holen ; - aber im Gedächtnis des Volkes lebt diese Geschichte gewiß nicht fort . Auch von den Gefühlen des Hasses und der Begeisterung , der Erbitterung und Siegeshoffnung , mit welchen die ganze Bevölkerung den Anfang des Krieges begrüßt - Gefühle , welche sich in dem Schlagwort äußern : » dieser Krieg ist sehr populär « , auch davon ist nach ein paar Jahren alles verwischt . Am 24. März erläßt Preußen ein Rundschreiben , worin es sich über die bedrohlichen österreichischen Rüstungen beklagt . - Warum rüsten wir denn nicht ab , wenn wir nicht bedrohen wollen ? - Wie sollen wir ? Es wird ja am 28. März preußischerseits verfügt , daß die Festungen in Schlesien und zwei Armeekorps in Bereitschaft gesetzt werden sollen ... 31. März . Gott sei Dank ! Österreich erklärt , daß sämtliche umlaufende Gerüchte über geheimes Rüsten falsch seien ; es falle ihm gar nicht ein , Preußen anzugreifen . Er stellt daher die Forderung , daß Preußen seine Kriegsbereitschafts-Maßnahmen einstelle . Preußen erwidert : Es denke gar nicht im entferntesten daran , Österreich anzugreifen , aber durch des letzteren Rüstungen sei es gezwungen , sich auf Angriff gefaßt zu machen . So wird der zweistimmige Wechselgesang unausgesetzt fortgeführt : Meine Rüstung ist die defensive , Deine Rüstung ist die offensive , Ich muß rüsten , weil du rüstest , Weil du rüstest , rüste ich , Also rüsten wir , Rüsten wir nur immer zu . Die Zeitungen geben die Orchesterbegleitung zu diesem Duo ab . Die Leitartikler schwelgen in sogenannter Konjekturalpolitik . Es wird geschürt , gehetzt , geprahlt , verleumdet . Geschichtswerke über den siebenjährigen Krieg werden veröffentlicht , mit der ausgesprochenen Tendenz , die einstige Feindschaft aufzufrischen . Indessen , der Notenwechsel dauert fort . Unterm 7. April leugnet Österreich nochmals offiziell seine Rüstungen , spielt aber auf eine mündliche Äußerung an , welche Bismarck gegen Károlyi gemacht hätte , » daß man sich über den Gasteiner Vertrag leicht hinwegsetzen werde . « - Also davon sollen die Völkerschicksale abhängen , was zwei Herren Diplomaten in mehr oder minder guter Laune über Verträge sprechen ? Und was sind das überhaupt für Verträge , deren Einhalten von dem guten Willen der Kontrahenten abhängig bleibt und durch keine höhere schiedsrichterliche Gewalt gesichert wird ? Auf diese Note antwortet Preußen unterm 15. April , daß die Anschuldigung unwahr sei ; es müsse aber dabei beharren , daß Österreich wirklich an den Grenzen gerüstet habe ; dadurch sei die