beinahe den Doktor . » Das vergelte der liebe Gott den Herrschaften , daß Sie sich so beeilt haben ... Jetzt wird sie glücklich sein . « Unablässig zum Vorwärtsschreiten anspornend , machte sie den Wegweiser über die Treppen und Gänge . » Sie gehen zuerst « , sprach Wilhelm zum Doktor , » und bestimmen , ob die Gräfin uns sehen darf . « Er ließ die Einwendungen Lisettens nicht gelten ; sie mußte sich bequemen , Weise anzumelden , der auch sofort vorgelassen wurde , während Wilhelm und Helmi im Nebenzimmer warteten . Er völlig verstört , sie sorgenvoll , gebeugt , mit blassen Wangen . Die tröstlichen Versicherungen , mit denen sie empfangen worden , flößten ihnen wenig Vertrauen ein . Sie erbebten , als Lisette endlich erschien . » Nur kommen , nur kommen ! Sie fragt nach den beiden Herrschaften und nach niemandem sonst « , rief sie und entfernte sich diskret . » Nun denn in Gottes Namen « , sagte Wilhelm , und Helmi legte sachte die Hand auf die Klinke . Da trat ihnen Weise aus der Tür entgegen . » Nichts zu machen « , flüsterte er tief betrübt , » eine Herzruptur , worunter man sich freilich nicht vorstellen darf - nun , mit einem Wort : es ist aus . « Wilhelm taumelte , wie wenn ihn jemand vor die Brust gestoßen hätte . » Aber - sie lebt noch ... « » Noch , ja , noch « , und Weise schob den Türflügel zurück . Maria lag gerade ausgestreckt . Das letzte Tageslicht warf seinen bleichen Glanz über ihre von der erhabenen Majestät des Todes schon verklärten Züge . Umflossen von der goldigen Pracht ihrer Haare ruhte ihr Haupt in den Kissen , und sie machte eine vergebliche Anstrengung , es zu heben , als Wilhelm und Helmi eintraten . Diese strich mit zitternden Fingern über die Hand der Kranken . » Dank , daß ihr kommt ... Dank und eine Bitte - « sprach Maria . » Ihr seht , ich darf nicht leben für das Kind ... ich darf auch nichts abtragen von meiner Schuld ... « » Du hast sie gesühnt , o Gott im Himmel , wie gesühnt ! « rief Helmi . » Gebüßt , nicht gesühnt - das hätt ich nie gekonnt ... Schwer ist mit solchem Bewußtsein das Leben ... und schwer der Tod ... « Wilhelm begann leise , dann brach es wie ein Schrei aus seiner Brust : » Nein , nein , du wirst nicht sterben ! « » Doch - und ihr , gute Eltern , ihr habt um einen Sohn mehr - den meinen ... Ja ? « Beide schluchzten : » Ja . « Helmi bettete den Kopf der Kranken etwas höher , und Marias Blick ruhte auf ihr mit einem Ausdruck wie aus einer andern Welt . Und nun ließ sich durch die tiefe Stille das Herannahen eines Wagens vernehmen . Hufschlag und Peitschenknall erschallten vor dem Tor ; es wurde zurückgeschoben in seinen eisernen Schienen , und dröhnend rollte ein wuchtiges Gefährt herein . Maria hatte aufgehorcht . » Der Vater ... mein armer Vater « , sagte sie . Angst und Sorge malten sich in ihrem sterbenden Gesichte , ein banges Flehen war in ihrer Stimme : » Wilhelm , Helmi - in meinem Schreibtisch - ein Brief an euch - enthält mein Testament ... das Kind bewahren vor jedem anderen Einfluß - vor jedem ... Schwört mir - « » Sei ruhig « , sprach Wilhelm , und jetzt klang sein Ton sicher und fest , » wir übernehmen , wir allein , die Verantwortung für diese Seele . « » Mein armer Vater ! « wiederholte Maria . » Das Glück ist nicht , wo er es sucht . Gut sein ist Glück , einfach , selbstlos und gut , wie Hermann , wie ihr ... Erich soll dereinst in Wolfsberg das Werk fortsetzen , das ich hier im Geiste meines Hermann begonnen habe ... in dem ich unterbrochen ward ... er soll ... Wo ist Erich ? « fragte sie laut . Da erscholl ein helles Lachen . » Er kommt , und wer noch ? « sprach jemand , die Schwelle überschreitend - und ins Zimmer flatterte Fee , Erich an der Hand : » Da ist sie , da ist deine kleine Fee ; jetzt wirf sie hinaus , wenn du ' s übers Herz bringst . « Sie war an das Ruhebett herangetreten , prallte plötzlich zurück und stöhnte : » Oh ! - Oh ! « Maria sah sie an , ein mattes Lächeln irrte um ihren Mund und begrüßte diese Abgesandte des Lebens , die da hereingedrungen war , so lieblich , so frisch und rosig mit ihrem Lachen wie Lerchenschlag . Von einer feigen Regung ergriffen , wollte Fee entfliehen , aber sie bemeisterte sich , sie blieb , hob Erich zu seiner Mutter empor , nahm sanft und zärtlich ihren Arm , legte ihn um den Hals des Kindes und stammelte : » Du hast ihn gerufen . « » Kleine Fee « , sagte Maria , » leb wohl , liebe kleine Fee . « Nun war es vorbei mit der Fassung der jungen Frau . Sie warf sich ungestüm an Marias Brust und brach in einen Sturm von Klagen und Tränen aus . Wilhelm machte die Sterbende frei von ihr , er wollte Fee hinwegführen ; sie riß sich los , sank auf ein Kissen am Ende des Zimmers , wo sie sich wand in krampfhaften Bemühungen , ihr Schluchzen zu unterdrücken . Lisette kam , Erich zu holen , und empfing den Dank ihrer Herrin » für lange Treu . - Auch du bist diesen edlen Menschen empfohlen ... sie werden dich nicht trennen von dem Kinde ... Hab es nicht zu lieb ... wie du dein großes Kind gehabt hast , arme Alte . « » Niemanden mehr so lieb « , und sie küßte die teure Hand ihrer einen und einzigen mit heißen , bebenden Lippen . Jeder Nerv an ihr zuckte ; sie hielt es nicht aus , nahm Erich , der , stumm und bestürzt , kaum zu atmen wagte , und trug ihn fort . Helmi war niedergekniet : » Maria , Vielgeliebte « , flehte sie leise , » geh nicht unversöhnt aus dem Leben , erfülle deine Christenpflicht ... Bereite dich vor , an das Herz des Allgütigen zu sinken . « » Des - Allgütigen ? « » An den du glaubst - - « » An den ich glaube ? ... « sehnsüchtig hauchte sie es nach . - » Alles verloren , Helmi - den Glauben an die Vorsehung ... den Glauben selbst an meinen freien Willen ... Und doch nur einen Wunsch ... « Ihre letzte Kraft erschöpfte sich in den Worten : » Oh , hätte ich nie ein Unrecht getan ! « Das an Wolfsberg abgesandte Telegramm wurde ihm nach dem Gute Gräfin Dolphs , wo er sich zu kurzem Besuche eingefunden hatte , nachgeschickt . Dort traf es ihn am späten Abend . Er reiste sofort ab . Ein Schnellzug brachte ihn auf die erste Station der Lokalbahn , die ihn weiterbefördern sollte . Da begann die Qual des Wartens von einem Bettelzug zum andern , des Einherhumpelns hinter einer kriechenden Lokomotive . - Wolfsberg kam in Versuchung , hinauszuspringen und nebenherzulaufen , um wenigstens das Gefühl zu haben : Es geht vorwärts ! ... Dann wieder griff es ihm wie mit eisernen Klammern in die Brust : Warum so eilig ? Wonach hastest du ? - Er hatte die Gewißheit , daß ihn ein Leid erwartete , dem er nicht gewachsen war . Gefoltert von Angst und Ungeduld , kam er mittelst einer elenden Fahrgelegenheit auf der letzten Post vor Wolfsberg an . Dort konnte ihm nur noch ein abgejagter Reitgaul zur Verfügung gestellt werden . Auf den schwang er sich , trieb ihn wütend an und ließ an dem unglücklichen Tier seine zornige Verzweiflung aus . Es dunkelte , als er im Dorf ankam . Das einförmige Gebimmel des Totenglöckleins schallte ihm entgegen . Leute standen in Gruppen beisammen , ein ganzer Zug wandelte über den Feldweg dem Schlosse zu ... Noch ein Stockhieb auf die Flanke des erschöpften , keuchenden Pferdes ; es griff aus , fiel , sprang auf und brach im nächsten Augenblick völlig nieder . Der Reiter machte sich los aus den Bügeln . Ein stechender Schmerz am Fuße hemmte seine Schritte , er schleppte sich dem Zuge nach . Vier Lichter schwankten an dessen Spitze , und weißliche Rauch-wölkchen umqualmten sie . Wolfsberg verbiß seinen Schmerz , strebte weiter mit grimmigem Bemühen und rief : » Halt ! halt ! Komm einer und helfe mir ! « Seine Stimme blieb ungehört von den ihre Kirchengebete murmelnden Wallern . Am Gartentor waren die Lampen entzündet worden . Der Geistliche im Ornat , Kirchendiener und Chorknaben mit Laternen und Weihrauchfässern schritten vorüber in den Hof . » Wartet ! Helft mir ! « röchelte Wolfsberg todesbang . Dieses Mal wurde er gehört . Der Zug hielt , die Leute sahen sich um ; sie konnten lange nichts unterscheiden in der Dunkelheit , bis plötzlich ein Bursche sprach : » Es is der Graf , dort beim Feldstein steht er , dem is was gschehn . « Einer flüsterte es dem andern zu - doch mehr tat keiner . Endlich erbarmte sich ein alter , krüppelhafter Mensch , ging hin und stützte und führte ihn . Beinahe zugleich mit dem Priester trat Wolfsberg in das Sterbezimmer . Die Zimmer waren weit geöffnet . Am Himmel schwebte eine finstere Wolke ; sie glich einem riesigen Vogel mit weit ausgespreizten Flügeln . Der von ihr verhüllte Mond warf eine Fülle silbernen Lichtes über eine Stelle am Horizont . Auf dieser ruhten Marias schon gebrochene Augen . Dort , wo es hell war , wo der verklärende Schimmer sich breitete - lag Dornach .