wenn auch schwächer , wie müde und gelangweilt . Das Gewitter gähnte schon . Das grauweiße Morgenlicht machte sich immer breiter und spielte immer zudringlicher durch die Vorhänge ins Zimmer , welches dadurch einen Stich ins sündhaft Uebernächtigte , ins klebrig Unreinliche erhielt . Hedwig versuchte es , die Scene , die sich jetzt am Tische da drüben abspielte , weiter nicht zu beobachten . Sie verspürte auf einmal das brennende Bedürfniß , sich zu betäuben . Vielleicht wusch ihr der Wein das Bewußtsein der Schmach , die ihr widerfahren war , aus der Seele . Und sie spülte hastig einige Gläser furchtsam gelber Liebfrauenmilch hinab . - Adam streckte die Hand Herrn von Bodenburg entgegen . » Guten Abend , Herr Referendar ! Guten Abend , Emmy ! Ich freue mich , daß ich Sie einmal wiedersehe . Und noch dazu unter diesen pikanten Verhältnissen ... in diesem süßen Nebeneinander ... Darf ich einen Augenblick Platz nehmen - ? « » Bitte ! « Adam fühlte sich plötzlich sehr souverän und spottlustig aufgelegt . Ihn dünkte , er hätte die beiden Menschen da vollständig in der Hand - und ein klein Wenig mit ihnen zu spielen , müßte ein Kapitalvergnügen sein , das er sich nach den Zeiten der Dürre , die er soeben mit Hedwig durchlebt , wohl leisten dürfte . Der genossene Wein , der ihm schon eine vage Andeutung von Rausch angeheftet , machte nicht minder seinen stachelnden Einfluß gelten . » Nun , mein gnädiges Fräulein , wie gefällt Ihnen eigentlich mein neuer Nachfolger im Amte - oder darf ich ihn nur für meinen Stellvertreter halten - ? « Adam sog nachlässig an seiner Virginia . Sie war wieder einmal ausgegangen . » Die Dinger sind wie die Weiber : man muß sie in Einemfort poussiren ... sonst gehen sie aus ... das heißt : sie gehen in ein anderes Lager über . Ich will übrigens damit beileibe nicht gesagt haben , Herr Referendar , daß bei Ihnen Nordpoltemperatur herrschte - « witzelte Adam und hielt sich ein brennendes Streichholz vor die Cigarre . » Ich verstehe Sie nicht , Herr Doctor - « erklärte Herr von Bodenburg pikirt . » Prost , Clemens ! « versuchte Emmy sehr diplomatisch zu trösten und abzulenken , dabei warf sie einen Blick auf Adam , als wollte sie sagen : » Siehst Du , so intim sind wir schon ! Etsch ! « » Prost , Emmy ! « kam Herr von Bodenburg nach und fuhr , als er das Glas wieder niedergesetzt , fort : » Ich muß Sie wirklich bitten , Herr Doctor - « » Mein Gott , Herr Referendar - Sie werden mir doch gestatten , Sie ein wenig zu bewundern ! Und das thu ' ich mit dem redlichsten Gemüthe von der Welt ! Vorgestern - es war doch vorgestern ? - ja ! - vorgestern also - na ! da noch durch die Brust geschossen - ich meine : ohne weiter ' n weiblichen Anhang - und heute schon auf stolzen Rossen - ich gratulire herzlichst - « Emmy wurde unruhig und sah Adam an , wie drohend und zugleich gütlich abrathend , in diesem Stile fortzufahren . Der Herr Doctor lächelte . » Verzeihen Sie , mein Herr - so viel ich sehe , befinden Sie sich doch selbst in Damengesellschaft - wenn ich nicht irre , ist Ihre Begleiterin die Dame , die wir öfter im Café Caesar - « » Sie haben ganz richtig gesehen , Herr Referendar , aber das hindert doch nicht - ich meine : wenn ich auch momentan versehen bin - Sie werden doch nicht glauben , daß ich so verzweifelt einseitig sei , um - nun ! - nun ! - ich versichere Sie , mein Herr : ich halte es für meine Pflicht , mich auch noch für ... wie soll ich sagen ? - für verflossene Liebschaften ein Wenig zu interessiren ... Die armen Mädels ! Wenn ihnen eine kleine , harmlose Enttäuschung in der Brust herumrumort , laufen sie dem Ersten Besten in die Arme ... wie der verzweifelte Skorpion ins Feuer ... « » Dem Ersten Besten - mein Herr - ! « » Clemens - ! Ich bitte Dich ! Prost ! « » Laß mich ! - Dem Ersten Besten - was soll das heißen - ? « » Nun wird der auch noch katholisch ! Adam ! ... pardon ! ... Herr Doctor - ! « » Sie wünschen , mein gnädiges Fräulein - ? « » Das gnädige Fräulein wünscht gar nichts , aber ich wünsche - « » Was denn ? « fragte Adam jovial , mit größter Seelenruhe . » Daß Sie sich menagiren - sonst - « » Sonst - ? « » Ich sähe mich gezwungen - « Herr Engler war hinzugetreten . » Ich bitte Sie , meine Herren - Sie werden doch nicht - - es ist übrigens Feierabend , meine Herren ! « » Darf ich bitten ? - ich möchte Kasse machen - « bemerkte Melitta . Dabei sah sie Emmy an und schielte dann zu Hedwig hinüber . Das arme , verlassene Weib schien ihr jetzt sehr leid zu thun . » So eilig , Herr Wirth ? « fragte Adam und erhob sich . » Es ist halb Drei durch - sehen Sie doch : es ist schon ganz hell draußen - « » So ? Gute Nacht , Emmy ! Und im Uebrigen , Herr Referendar - thun Sie , was Sie nicht lassen können ! Ich stehe Ihnen zur Verfügung - « » Nun ! Das Weitere wird sich morgen finden - « » Adieu - « Emmy konnte sich doch nicht enthalten , ein zaghaft geflüstertes » Adieu ! « zu antworten . » Mein Herr ! Pardon ! - « Herr von Bodenburg eilte Adam nach . Der wandte sich um . » Darf ich Sie um Angabe Ihrer Wohnung bitten ? - ich weiß nicht mehr genau - « » Hier ist meine Karte - meine Wohnung steht dabei - bitte ! . « » Danke verbindlichst - ! « Die Herren verneigten sich und gingen auseinander . » Verzeih , mein Lieb - eine kleine , humoristische Scene ! Hat natürlich weiter nichts auf sich ... « Hedwig war durch die Spannung , mit welcher sie trotz alledem unwillkürlich den Vorgang beobachtet , der sich soeben zwischen Adam und dem fremden Herrn abgespielt - und durch den mit nervöser Hastigkeit genossenen Wein bedeutend aufgelockert . Das Paradoxe , Bizarre ihrer Lage war ihr erst eigentlich jetzt zum Bewußtsein gekommen . Und fast reizte sie schon das Abenteuerliche daran und dünkte sie ausnehmend pikant . Sie gewann dem , was so neu , so außerordentlich war , schon Geschmack ab . Es fiel zu sehr aus dem Zusammenhange ihres bisherigen Lebens heraus . Und zugleich wuchs in ihr das Bewußtsein der inneren Fülle ... der Fülle von Erlebnissen , die ihr in wenigen , zusammengedrängten Stunden zugeflossen waren . Ihr Leben stand an einem Wendepunkte ... ... war vielleicht nur durch die frivole Laune eines Vabanque-Spielers dahingeführt worden - aber sie liebte nun einmal diesen Vabanque-Spieler , sie hatte sich ihm ergeben und sie mußte ihm weiterfolgen . Gleichgültig , wohin . Große Stunden schieben enge Sphären auseinander und verrücken die Maßstäbe . Ein schnaubendes Wühlen und Bohren in der Enge ists und zugleich eine weltenzusammenraffende Gipfelschau . Fast war Hedwig auf ihre Zukunft neugierig , naiv neugierig . Das Bild ihres verlassenen Vaters trat zurück und verblaßte jählings in die Vergangenheit hinein . Sie freute sich darüber und gedachte seiner wie eines Todten , dessen man sich nicht mehr deutlich zu erinnern vermag ... und auch nicht mehr deutlich zu erinnern die Pflicht hat ... » Ihr werdet Euch doch nicht - ? - - « » Gott ! wir kitzeln uns vielleicht ' n Bissel ! Solche kleinen Scherze , wie mein verflossener Busenfreund , Herr Kakatus Maximilian Ritter von Stämpellstrunk , zu sagen flegte , das Stereotypen-Männchen , wie wir den Knaben seiner festgefror ' nen Redensarten wegen immer nannten - solche kleinen Scherze also erhalten die Gesundheit und befördern die Verdauung . Es ist übrigens ziemlich tiefsinnig , sich wegen einer ... einer femme pour tous eine Rippe zu zerbrechen respektive sich eine zerbrechen zu lassen ... « » Also der Dame ... Deiner ... Deiner Emmy wegen , Adam - ? « » Die Damen , mein Lieb , für die oder deren wegen sich Helden , wie wir , schlagen - diese Damen - - nun ! glaubst Du etwa , Hedwig , daß ich für Dich eintreten würde - das heißt - ich meine - - « » Wenn mich nun Jemand beleidigte - ? « » Ich würde den Kerl niederschlagn - aber wahrhaftig nicht auf den Unsinn des patentirten Mords ' reinfallen ! Bei Damen dagegen à la Emmy , die Alles darauf ankommen lassen , läßt man eben auch Alles darauf ankommen - genau so zweideutig , wie der Charakter dieser Frauenzimmer ist das Duell - genau so ! - ein Capitel aus den Demimondiana des Lebens , mein Lieb - weiter nichts ! Dort Alternativen - hier auch ! Aber nun laß uns gehen ! Die theure Donna Melitta wartet schon . Trink ' aus , bitte ! Sieh , wie hell es schon geworden ist ! Wir gehen der Frühe entgegen , dem Morgen - der Sonne ! Wenn sich nur der Staub der Nacht nicht so in meine Poren eingefressen hätte ! Komm ! Und nun wollen wir allen Unrath aus der Seele spülen ... und weiter nichts sein , als zwei harmlose Wesen , die sich zu Tode wundern möchten , daß sie hier auf dem dummen , hökrigen Erdrücken Stehauf ! und Duckdichnieder ! spielen müssen ... die baß erstaunt sind , daß sie nicht gelegentlich herunterrutschen von dem Kugelwürmchen - und die manchmal , wie zum Beispiel jetzt , mit dem ganzen Hokuspokus doch von Herzen einverstanden sind ! Nicht wahr ? mein Lieb - das Leben ist doch schön ! doch ! doch ! doch ! - Allerdings ! dieses doch ! ist sehr verdächtig - ! « Adam hatte an Fräulein Melitta den Wein bezahlt und war nun Hedwig beim Anziehen des Jaquets behülflich . Herr von Bodenburg und Emmy gingen in diesem Augenblicke vorüber . Emmy warf einen kurzen , vorwurfsvollen Seitenblick auf Adam , der , hinter Hedwig stehend , nickte ihr zärtlich-ironisch zu . Er wußte ja : Herr von Bodenburg war nur ein » Interims-Verhältniß « . Die Luft hatte sich kaum abgekühlt . Der Morgen war dick und schwer , der Himmel mit aufgebauscht massigen , gelbgrauen Wolkenlagern überzogen . Der Tag schien recht mürrisch und einsilbig werden zu wollen . Es war kaum Stimmung in diesem Wetter . Das junge , wachsende Licht drückte sich nur in breiten , verschwommenen Massen auseinander . Oefter kam ein warmer Wind angeblasen und furchte die Pfützen , die auf den Fahrdämmen standen . Er klopfte sanft auf die Büsche und Bäume und schüttelte einen kleinen , kitzelnden Regen hängen- und sitzengebliebener Tropfen herunter . Adam fühlte sich doch etwas übernächtigt . Eine große Spannung wohnte kaum noch in seiner Seele . Er mußte öfter gähnen , so Vieles war ihm sehr gleichgültig , er sehnte sich nach einigen Stunden tiefen Schlafes . Er wäre jetzt so gern allein gewesen . Wenn sich noch die Sonne gemeldet hätte ! Oft schon war er in seinem Leben heimgegangen , wenn sie in der Frühe gekommen war . Dann waren ihm ihre ersten Scheinversuche immer so lieb gewesen , so anheimelnd . Junges , erstes Licht hat so etwas putzig Stolperndes , naiv Drauflosgehendes , es ist noch so viel Reinheit und Schmelz und Kritiklosigkeit in ihm . Und wenn sich das junge , erste Licht mit seinen blitzenden Silbergliedern gegen die Scheiben oberer Häuserfronten legte , hatte Adam oft über dieses Kecke , Backfischige dabei redlichen Ernstes lächeln müssen . Heute war Alles trüb und zusammengeronnen , wenn auch unendlich hingebend und weich ... muntere , begehrende Menschen zum Lager lockend und ladend , zum gemeinsamen Lager . Aber Adam fühlte sich eben ermattet , wie steif verholzt und zusammengedrückt , klebrig verfilzt , hier und da in seinen Gelenken überflüssig unterbunden , und dazu aufgelegt , so viel als möglich kraftverwaisten Herzens zu vernachlässigen . Auch das Weib an seiner Seite zu vernachlässigen , das er aber doch nicht gut um diese frühe Stunde allein nach Hause gehen lassen konnte . Eine Auseinandersetzung mit Hedwigs Vater war unvermeidlich . Auch er muhte dabei sein . Ja ! diese Auseinandersetzung wohl eigentlich selbst einleiten . Das fiel ihm jetzt erst ein . Fatal und unbequem war ' s doch . Nun ! - da er das auf sich nehmen mußte , konnte er die paar Schritte , die ihm noch bis zu einem gewissen , an sich selbstverständlichen Ziele zu gehen blieben - dann konnte er sie nur getrost gehen . Hedwig würde wohl nicht minder im Sinne haben , die letzte Hand an ihr gemeinsames Werk mitanzulegen . Dann stimmte dieses Capitel wenigstens einigermaßen und erlebte eine Art Ende und Abschluß . Also vorwärts ! » Ich bin doch etwas müde ! « begann Adam stockend und gähnte dazu ein Gähnen , das nicht recht aus sich herauskommen wollte . » Bring mich nach Hause , Adam ! « bat Hedwig leise . Sie wußte selbst nicht recht Bescheid in sich in diesem Augenblicke . Auch sie war abgespannt , und nach dem Hochschwung des kleinen Weinrausches , den ihr die goldene Liebfrauenmilch und die miterlebte Plänkelei zwischen den beiden Herren eingeflößt , litt sie jetzt nur um so mehr unter der wiederkehrenden Müdigkeit . Aber zu ihrem Vater zurück ? Um diese Stunde ? Doch wohin sonst ? Etwa mit Adam herumspazieren , bis der Tag sich ganz breit gemacht hatte und die Menschen glaubten , es mit ihm wagen zu können ? Oh ! sie gingen beide schon so langsam und sehnten sich beide nach Ruhe und Rast ! Adam lachte mit forzirter Heftigkeit . » Hedwig ! Ich soll Dich nach Hause bringen - ? Das ist mehr als naiv , mein Kind ! Hörst Du die Nachtigallen schlagen ? Nun ! die schlagen uns etwas Anderes und Vernünftigeres vor . Wir promeniren erst noch ein Weilchen - siehst Du : hier sind wir ja gleich am Parke - die Wege werden allerdings verdammt matschig und breiig sein - na ! wir wollens nur ' mal versuchen - also wir schlucken noch ein Wenig die Morgenluft ein - machen uns ' n bissel frischer und dehniger , sehniger , beweglicher - nicht wahr , Kind ? - plaudern noch über Dies und Das - und nachher - nachher kommst Du mit zu mir , mein Lieb - und schläfst Dich bei mir tüchtig aus - und morgen respective heute früh gehe ich zu Deinem Papa und sage ihm ganz vergnügt , daß uns übermüthigen Menschenkindern der kleine Extra-Streich urfamos bekommen wäre ! Dein Papa wird doch auch in praxi Philosoph genug sein , um unsere That , in der sich die Natur einmal so recht ausgelebt hat , nicht mit der Krämerelle zu messen . Meinst Du nicht auch - ? « » Mit zu Dir gehen - nein , Adam , das thue ich auf keinen Fall ! « erklärte Hedwig sehr bestimmt und umschritt , zu Boden blickend , eine braungraue Wegpfütze , die sich in der Mitte des schmalen , glitschrigen Parksteges über Gebühr breit hingegossen hatte . » Das thust Du nicht - ? Nun ! was denken das gnädige Fräulein dann zu thun - ? « fragte Adam , höhnisch-verdrießlich . Er war doch im Grunde nur berechtigt , seiner Sache gewiß zu sein . Warum also überflüssige Weitläufigkeiten ? Unglaublich ! Aber die Weiber ! » Du hast doch gehört - ich will nach Hause gehen - « » Um diese Stunde ? Früh genug ist es allerdings . Aber wir sind schon von heute , mein Fräulein , und nicht mehr von gestern . Es ist ' n viertel Vier . Sonderbar ! Plötzlich genirst Du Dich nicht mehr ! Und gester Abend - « » Aber Du mußt doch begreifen , Adam , daß ich nicht mitgehen kann ! Und selbst - wenn auch - nein ! nein ! - - « » Ah ! Wenn auch ! Was denn nun noch , Hedwig - ? « » Nein ! nein - - ! « Hedwig hatte sich von Adam losgemacht und war stehen geblieben . Sie ließ den Kopf auf die Brust herabhängen und streckte mit zusammengeschobenen Fingern die Hände vor sich hin . » Ich kann nicht - ! « stieß sie gepreßt hervor . » Gieb mir nur einen einzigen , vernünftigen Grund an - « » Adam ! Von Einem zum Ander ' n reißt Du mich - « » Ist Dir das Tempo zu schnell ? Mit Schnecken um die Wette zu laufen - das ist allerdings reizlos für mich ... Ueberdies mußte es so kommen ! Warum sollen wir die Reise nicht an einem Tage machen ? Das Leben ist so kurz . Man darf sich nicht zu viel Zeit nehmen . Nicht auf jeder Zwischenstation aussteigen . Nun komm ! Hake Dich wieder ein ! Bitte ! Und sei meine kleine , vernünftige Hedwig ! Ja - ? « » Lieber Adam - ! « » Aber , Kind - warum sträubst Du Dich denn immer noch ? Unerklärlich ! Du kannst doch beim besten Willen jetzt nicht nach Hause gehen - siehst Du denn das gar nicht ein ? Was sollen wir noch ewig debattiren darüber ! Laß Dich doch überzeugen ! Du verdirbst mir den letzten Rest von Stimmung ! Mir war etwas viel Schöneres eingefallen . Na ! Nicht gerade eingefallen . Ueber Manches hätten wir wohl noch zu sprechen , Hedwig - über manches Wichtige , Tiefe , Intime . Und wenn wir uns jetzt recht zusammennähmen - und uns so recht jung und rein , kräftig und ungebrochen zu fühlen versuchten - und so recht allein und auf uns nur angewiesen - mir schwebt noch Dies und Das vor ... dämmert zu mir herüber - ich möchte Dir aus meinem Leben erzählen ... Erinnerungen auffärben - Erinnerungen anderer Art , als vorhin , wo ich Dir von Deinen ... Deinen - Vorläuferinnen - pardon ! - also - - aber bitte ! - Komm zunächst ! Hedwig ! Komm ! Komm ! Komm ! Komm ! Mach ' doch ! Und thu ' mir den Gefallen und weine nicht wieder ! Ein furchtbar schwerer Güterzug bist Du ! Donnerwetter ! Die Locomotive muß eine Puste haben - « Adam versuchte zu scherzen und machte ein gezwungen heiteres Gesicht . Warm blies ihn der feuchte Frühlingswind an . Adam nahm den Hut ab und lockerte das zusammengedrückte Haar auf . Nun gähnte er laut . Zögernd , verdrossen führte er die Hand zum Munde . Er blinzelte müden , verschwommenen Blickes zu Hedwig hinüber , die ein paar Schritte vorwärtsgegangen und dann wieder wie rathlos , zweifelnd , suchend , unentschlossen und doch zugleich auch direkt abweisend stehen geblieben war . Der Tag war schon tüchtig gewachsen . Das Licht differenzirte Bäume , Büsche , Sträucher schon um Vieles zwanglos-nachdrücklicher . Das Einzelne gewann mehr und mehr seine Grenzen , ließ seine Farben spielen , schuf sich seine Umgebung . So objektivirt das Licht . Nacht , Schatten , Dämmerung sind immer subjektiv . Am Meisten aber die Dämmerung . - Nein ! Der Druck in den Augenwinkeln war unerträglich . Und die Glieder wurden dem Herrn Doctor immer steifer , zäher , widerspenstiger . Es war schon viel Selbstverständliches in ihm . Er hatte gründlich abgewirthschaftet . Sollte er das Weib lieber doch nach Hause bringen ... zu seinem verlassenen Vater ... und seinem Schicksale überantworten ? Es war ja schließlich Alles so egal . Aber - besonders ehrenhaft und muthig wäre es doch wohl nicht gewesen . Allerdings - wie überreden , überzeugen , daß - ? Ach ! die Geschichte war verdammt langweilig und hausbacken geworden . Selbst wenn er das kleine Weib wirklich noch mit nach Hause schleppte und diese lobesam-labsälige Tragikomödie in einer gewissen Mausefalle ihren süßen Abschluß fand - besonderen Reiz hatte der Gedanke kaum noch für ihn , seine Sinnlichkeit ließ den Kopf hängen und welkte - er war nicht mehr im Stande , Etwas zu finden , das er tief durchfühlen konnte . Nur ungeduldig konnte er noch sein . Er hatte ein starkes , fein ausgebildetes Verständniß- und Bedürfnißorgan für alles Weibliche - aber schließlich wird jedes sotane Weibliche doch blutig langweilig ... » Na - wie denken das gnädige Fräulein - ? « » Adam - ! « » Wir wollen nicht wieder in krampfhafte Dialoge verfallen , Hedwig ! Das ist auch so ' n weltläufiger Irrthum , als ob man mit Gesprächen und Verhandlungen irgend Etwas ausrichtete ! Wir monologisiren ja Alle nur - reflektiren über unsere höchst eigenhirnigen Triebe , Neigungen , Kräfte , Tendenzen - und so weiter . Das versteht sich Alles ganz von selber . Oder auch nicht . Das ist aber ganz Dasselbe . Widersprüche giebts nämlich gar nicht . Im Grunde durchaus nicht . Bloß auf der Oberfläche . Die Oberflächen drängen , stoßen , reiben , balgen sich . Das nennen wir denn begriffenes Leben . Das wesentliche Leben ist natürlich das Unbegreiflich-Unbegriffene . Das sind nämlich die verdammten Dinger an sich . Daraus folgt , mein Lieb , daß es nämlich ganz schnuppe ist , ab Du hier stehen bleibst , oder ob Du mitgehst - ob Du nach Hause fürbaß wandelst oder bei mir campirst , meine reizende Kameradin - ob Du - - na ! ich will nur ruhig sein - ich hätte nämlich beinahe wieder ' mal ' was Knalliges losgelassen ... Gott verdamm mich ! - bin ich zusammengehauen von den Strapazen des Abends und dieser glorreichen Nacht ! Ja ! Ja ! - : So ' n klenet bisken Liebe - Ach ! det macht viel Pläsir - Een Leben ohne Liebe - Det wäre nischt for mir ... - was ich mir allerdings unterthänigst zu bezweifeln erlaube . Een Leben ohne Liebe dürfte viel empfehlenswerther ... jedenfalls viel gesünder sein . Aber was soll die ganze Schwatzerei ! Wir gehen direkt zu meiner Wohnung - nicht , Hedwig ? Das ist am Gescheitesten - « Seit einigen Minuten waren die beiden wieder neben einander vorwärtsgeschritten . Hedwig sah Adam von der Seite an . » Adam - ! « » Nun - ? « » Ach ! es ist schrecklich ! « » Immer noch ? Du bist poussirlich , Kind ! « » Du weißt nicht - « » Ich weiß nicht - ? Was denn - ? « » Nicht wahr : Du läßt mich aber allein bei Dir - ich meine : allein - ja - ich - ich ruhe mich nur ein Wenig aus auf deinem Sopha - dann - « » Selbstverständlich - wenn Du es durchaus wünsch ' st - ich dachte allerdings , daß wir - « » Oh mein Gott - ! « » Was ist denn nur so furchtbar - ? « » Meine - Ver - - ich bin ja schon - Adam ! ich habe ja nichts mehr ... zu - ver ... l - - « Das war leise ... wie mit unsäglicher Ueberwindung herausgestöhnt . Adam war doch zusammengezuckt . Hm ! Er hätte ein derartiges Geständniß nach Allem , was vorausgegangen war , allerdings erwarten müssen . Und nun berührte es ihn - ja ! wie denn eigentlich ? peinlich ? schmerzlich ? Fühlte er sich genirt - oder machte ihn die an sich kaum bedeutsame Thatsache nur schulbubenhaft verlegen ? Schließlich schwang er sich zu folgender hervorragender Antwort auf : » Das kann Dir nur zur Ehre gereichen , Hedwig ! - Und Dein ... hast Du - Dein ... Kind ? - « » Starb kurz nach der Geburt - « » Nun ... da hats Dir der liebe Gott doch bequem genug gemacht - « » Adam ! « » Verzeih ! Aber ich - sieh ' mal : ist nicht jedes Wesen beneidenswerth , das bald nach seinem Kommen wieder weggeht ... weggehen darf ? . Es ist so süß , mitten in der Nacht ... nach stundenlangem Schlafen ... einmal aufzuwachen ... Man horcht gespannt in die surrende , athmende Finsterniß hinein - fühlt sich unsäglich angenehm müde - und dämmert langsam wieder ein ... Es verlohnt sich schon , die Augen einmal aufzuschlagen , wenn man so entzückend schnell und süß wieder einschlafen darf ... Aber nun hoffe ich , ist der letzte Weigerungsgrund hinfällig geworden , Hedwig - ich weiß sehr wohl , was Du mir hast andeuten wollen - komm ! gieb mir den Arm endlich wieder - wir wollen uns etwas beeilen - « Hedwig sah Adam an ... und fügte sich langsam zögernd . Vielleicht doch nicht zu ungern . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Endlich ! « rief Adam , tief aufathmend , aus und warf die Schlüssel auf den Tisch . » Nun mach ' Dir ' s bequem , mein Lieb ! Deine Kleider wirst Du schon irgendwo unterbringen . Aber zunächst wollen wir erst ' mal die Fenster hübsch zumachen ... und der neugierigen Welt ein Schnippchen schlagen ... « Die Vorhänge waren zusammengezogen . Das Morgenlicht , das schon recht deutlich und grenzen-reißend im Zimmer gestanden , war wieder zu anheimelnder , welliger Dämmerung graugeronnen . Adam warf einen Blick in den Spiegel . Seine Augen waren glanzlos , sein Gesicht verquollen und unnatürlich geröthet . » Ja ! Ja ! das kommt von so ' was ! . « spöttelte er halblaut vor sich hin . Nun schloß er sein Cyklinder-Bureau auf und warf dabei einen Blick seitwärts auf Hedwig . » Aber , Kind ! Willst Du denn da an der Thür stehen bleiben ? Gefällts Dir so wenig bei mir ? Es ist doch gar nicht so übel hier ! Leg Deinen Hut ab , bitte - Du hast nun einmal A und B gesagt - jetzt mußt Du das ABC auch ganz hersagen - davon hilft Dir weder Gott noch Teufel los ! Sieh ' mich ' mal an , Hedwig ! Na ? Willst nicht ? Immer noch so ernst und traurig ? - Mein Lieb ! « Das hatte Adam in fast innigem Tone gesprochen . Er war zu Hedwig hingetreten und begann jetzt sehr discret , bescheiden und nicht ungewandt , der Dame seines Herzens allerlei kleine Zofendienste zu leisten . Er nahm ihr den Hut ab , knöpfte ihr Jaquet auf , zog es ihr aus und zupfte und nestelte an den engansitzenden Handschuhen herum , bis er zuerst den einen , dann den ander ' n entfernt hatte . Hedwig ließ Alles ruhig mit sich geschehen . Sie war sehr blaß , die Lippen hatte sie fest zusammengepreßt , die Augen waren über die Hälfte von den Lidern belegt . Adam hing ihr Jaquet an seinem Kleiderhalter auf . Diese Apathie verdroß ihn . Er hatte nun sein kleines Weib im Fangeisen - aber die Geschichte kam so gar nicht in Fluß ... schien im Gegentheil pyramidal langweilig und langwierig werden zu wollen . Hedwig kauerte sich auf ein Streifchen Sopharand hin . Adam zwang sich zu einem helleren , anregendem Tone . » Bitte , Hedwig , sei nicht so stumm und zurückhaltend ! Nicht so furchtbar starr und bewegungslos ! Du bist doch die Herrin hier ! Siehe ! Dein Ritter und Knecht wird es sich auf dieser schreiend rothen Damastcauseuse bequem machen ! Aber Dir , seiner Königin , hat er ein fürstliches Lager aufgeschlagen ! Komm und staune ! . « Adam theilte die Portière auseinander und erwartete , daß Hedwig zu ihm hin und mit ihm in sein Schlafcabinet treten würde . Aber die Dame rührte sich noch immer nicht . Unwillig ließ Adam die Vorhangfalten fahren . Er setzte sich neben Hedwig auf das Sopha , zog sie ein Wenig tiefer auf den Sitz zurück , legte seinen linken Arm um ihre Hüfte und bog sanften Nachdrucks mit der rechten Hand ihr Gesicht zu sich heran . » Hedwig - ! « Sie suchte sich langsam von ihm loszumachen . » Laß mich , Adam - ! « » Fällt mir gar nicht ein ! Und folgst Du nicht willig , so brauch ' ich Gewalt - - « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Nun Adam auf dem Sopha lag und sich nach Belieben recken und dehnen konnte ; nun die Eindrücke der Außenwelt auf eine geringe Anzahl , die sich wohl noch bewältigen ließ , zusammengeschmolzen waren ... nun er das Weib , welches er liebte , in so enger , intimer Nähe bei sich fühlte ; nun er es mit seinen Armen umschlingen und küssen durfte , siedete das Blut , dessen Leidenschaft schon erstorben war , noch einmal zischend in die Höhe - und alle geschlechtlichen Instinkte des Mannes lechzten danach , durch das Weibe erfüllt und befriedigt zu werden . - - Endlich legten sich ihre Arme wie ein zerschnürender Ring um seinen Hals . » Adam - ! - «