den Erschütterungen nie ganz gesättigter Leidenschaft qualvoll leidet , daß sie in den Fesseln der Ehe ihre Zauber verliert durch das Zwanggebot gedankenloser Treue . Die Ehre ? Ihm blieb die Erfahrung erspart , daß man mit reinen Händen und Füßen zu langsam auf der schlüpfrigen Leiter des Erfolgs emporklimmt , und daß es das Gemüt verbittert , andere schneller oben zu sehen , die auf dem Wege ihre Seelen nicht mit dem Schwergewicht des Anstandes und der Gewissenhaftigkeit behängt hatten . Und wenn eine gütige Laune des Geschicks ihm gleich von allen Reizen des Lebens die bestrickendsten immer dargeboten - eins , ein Schreckliches hätte ihm kein Gott nehmen können : das Altwerden , das Sterben im Leben . Die Grausamkeit wäre ihm nicht erspart worden , mit einem jungen , genußsüchtigen und genußfähigen Herzen , mit zitternden Gliedern und weißem Haar zuzusehen , wie andere , mit vielleicht ärmerem Herzen aber braunen Locken das Spiel des Lebens neu begannen , das für ihn vorbei war ... Was verlor er ? Nur einige Morgenröten weniger sendeten ihre Strahlen auf sein Bett und diese , die sich eben fahlrot durch die Spalten der Fenstervorhänge schlich - diese war seine letzte . Das Nachtlicht war erloschen . Winterkälte , verschärft durch das Frösteln , das durch unausgeruhte Glieder schleicht , durchrüttelte die junge Frau . » Licht ! « murmelte sie . Severina ging zu den Fenstern und ließ das Licht des tagenden Wintermorgens herein . Da sah das junge Weib wieder deutlich das Gesicht des sterbenden Kindes . Es sah noch wie sein Vater aus . Adrienne stöhnte laut . Sie hatte viele Stunden nicht an ihn gedacht . Wo war er ? Fern , ahnungslos hatte er in schwüler Tropennacht vielleicht traumlos und tief geschlafen , und hier verging derweil in Staub sein einziges Glück . Ein Entsetzen ohnegleichen ergriff die Seele des Weibes . Wenn er heimkehrte und sein Kind von ihr verlangte ! Ihr war ' s , als sei sie seine Mörderin . Und die Stunde fiel ihr ein , wo die Versuchung an sie trat , die Ehre des fernen Gatten zu verraten . Dies war die Strafe . Um ihrer Sünde willen mußte es sterben . Wenn Arnold heimkam und Gericht hielt ! Das Kind - sein Kind - seine Liebe - sein Lebenszweck tot ? Was gab es dann noch in seinem harten Dasein , ihn zu erquicken , ihn zu trösten ? Nichts - liebeleer , armselig , sonnenlos waren alle seine Stunden . » Barmherziger Gott , laß meinem Kind das Leben ! « Ja , das Dasein lohnt sich , es ist reich , es ist ein Segen , jede Entsagung verkehrt sich zur Wonne , jede Arbeit zur Lust - wenn man für ein Kind , für ein Kind leben darf . » Barmherziger Gott , laß meinem Kind das Leben ! « Wie schwer Arnold sich damals von ihm riß , wie sein männliches , ernstes Gesicht von Thränen naß war ! Entsetzlich - wie würde er weinen , wenn er anstatt seines Kindes nur ein Grab fand ? Und wo war die Liebe , die starke , mutige , selbstlose Liebe , die allein ihm Trost bringen konnte ? Adrienne warf sich in die Kniee . Sie betete , ihre Lippen aber lallten statt der Gebete : » Arnold - Arnold - « Und so immer fort wie eine Irre , und dabei hingen ihre Augen gierig am röchelnden Kindermund . Ein letzter Atem pfiff aus der kleinen Brust , die Glieder streckten sich lang und das Köpfchen sank mit offenem Mund und offenen Augen schwer zurück . Da schrie das junge Weib noch einmal auf : » Arnold - Arnold - ich - liebe - Dich . « Und in schwerem , dumpfem Fall fiel sie bewußtlos zu Boden . Vierzehntes Kapitel Auf der Landstraße fuhren in scharfem Trabe zwei Wagen hinter einander her . Der erste war Fannys Landauer , in dem zweiten saß ihre Jungfer neben den Koffern und sah mit dem traurigsten Gesicht in die Landschaft hinein . Sie hatte ihr Herz bei einem der Diener in der Taißburg zurückgelassen und vergegenwärtigte sich noch einmal , wie vornehm und gebildet der Geliebte erscheine , und hielt das Zeugnis seiner Bildung - Schillers Werke in einem Band , die er ihr als Andenken geschenkt - zwischen den gefalteten Händen wie ein Gesangbuch . Sie erinnerte sich auch , daß er ihr anempfohlen habe , in traurigen Stunden darin zu lesen , und schlug sich Don Carlos auf . Doch gleich die ersten Worte : » Die schönen Tage von Aranjuez sind nun vorüber Und Sie , mein Prinz , verlassen es nicht heiterer als zuvor , « ergriffen sie so , daß sie sich in die Ecke setzte , um zu schluchzen . Im Landauer saßen Fanny und Graf Taiß , ihnen gegenüber auf dem Rücksitz Lanzenau und Joachim . Taiß hatte darauf bestanden , seine Freunde nach Mittelbach zu begleiten , um sich gleich die genauesten Nachrichten über das Befinden des Kindes zu holen . Joachim war in demselben Augenblick in der Taißburg angelangt , als Fannys Wagen eintrafen und mit ihnen die Donnerkunde von der tödlichen Erkrankung des Kleinen . Eine Stunde später fuhr man ab , von der ganzen , teils enttäuschten , teils mitfühlenden Gesellschaft an den Wagen geleitet . Die vier Gefährten sprachen wenig zusammen . Fanny saß , in ihren Pelzmantel gewickelt , in eine Ecke gedrückt und verfolgte mit den Augen die vorbeiziehenden Bäume oder Telegraphenstangen am Wege . Ihr Herz war so voll Sonnenschein und Glück , daß sie sich Mühe geben mußte , an die Kunde von Krankheit oder Tod zu glauben . Joachim sah schlecht aus , überwacht und bleich , wie jemand , der viele Nächte durchtollt oder durchsorgt hat . Sein Gemüt war wie betäubt , eine Welt von Sorgen hatte sich auf seine Brust gewälzt : Fanny - Severina - das sterbende Kind - ihm war , als müßten die nächsten Stunden den Tod auch für ihn bringen . Graf Taiß glaubte , daß es seine Pflicht sei , die von Angst gelähmten Geister seiner Freunde zu ermuntern ; er fragte Joachim nach den Resultaten seiner Reise auf die Itzelburgischen Güter und ob er sich bei seinem zweimaligen Durchpassiren der Residenz in Berlin amüsirt habe . Darauf erzählte Joachim , daß er eine kleine Frist zur Entscheidung über die Annahme der Stellung sich vorbehalten , um nicht den Schein zu erwecken , er sei in der Lage , mit beiden Händen zugreifen zu müssen . In Berlin habe er sich vortrefflich amüsirt . So floß mühsam ein Gespräch bald mit Joachim , bald mit Lanzenau hin wie eine Quelle , die sich nur schwer durch Gestrüpp ihren Weg bahnt . Und der Tag draußen , den sie durch die Wagenfenster sahen , war auch nicht darnach angethan , verstimmte Seelen zu erhellen . Ueber der schneefreien , leichtgefrorenen Erde stand ein gleichmäßig hellgrauer Himmel , vollkommen sonnenlos und doch von jener blendenden Schärfe des Lichts , wie ihn nur der Norden kennt . An den dürren Knicken saß das braune Laub der Hainbuchen , der Wind rasselte darin ; an den dünnästigen Kronen der Ebereschen saßen zum Teil noch die roten Beeren am blätterlosen Gezweig . Ueber die endlosen Stoppelbreiten rechts und links von den Wegen ging hie und da ein Pflug ; dazwischen schoben sich Felder , welche die keimende Wintersaat schon mit leisem Grün überschleiert hatte . » Ein vorzügliches Jagdwetter , « bemerkte Taiß , » schade um den zerstörten Plan . « » O , « sagte Fanny und sah Joachim trostreich an , » ich hoffe , daß die Kunde , die uns ward , erst von der Angst Adriennens und dann vom Kutscher noch übertrieben ward und daß der Kleine schon bald so wohl ist , daß wir nach Herzenslust jagen können . « » Gewiß , « meinte auch Lanzenau , » wenn der liebe Junge ernstlich krank wäre und in der That , wie der Kutscher erzählte , seit beinahe acht Tagen zu Besorgnissen Veranlassung gab , hätte doch Severina oder der Pastor geschrieben . Oder hatten Sie inzwischen irgendwelche Nachrichten von Fräulein Severina ? « » Ich - nein . Wie sollte ich ? « sagte Joachim verwirrt . » Wie sonderbar ! « dachte Fanny befremdet und sah Lanzenau fragend an ; » wie sollte Severina dazu kommen , an Joachim ... wie kann Lanzenau das voraussetzen ? « Und zu ihrer noch größeren Befremdung sah sie Joachims Gesicht in Glut aufflammen . Was bedeutete dies Erröten ? Eine Unruhe , ein Gefühl kam über sie , das noch kein Gedanke , keine Vermutung war , sondern nur eine dunkle , lähmende Empfindung . Da fuhren sie auch schon in den Hof des Herrenhauses ein , da hielt der Wagen schon vor der Thür . Sekundenlang war ihnen allen , als seien ihnen die Füße zu schwer , um auszusteigen . Ein gewisses Etwas im Gesicht jenes Knechtes dort , der stillstand , um der Herrschaft zuzusehen ; das Gesicht des Dieners , der das Hausthor öffnete ; die verhängten Fenster , die man trotz der erwarteten Rückkunft der Hausbewohner zu lüften vergessen - dies alles gab ihnen jäh die schaurige Empfindung , die jeden befällt , der ein Haus des Todes betritt . Fanny war die erste , die herauskam . » Nun ? « rief sie . Der Diener trat zurück , um sie vorbei zu lassen , und senkte schweigend den Kopf . » Das Kind - das Kind ? « fragte sie mit stockendem Herzschlag . Sie hatte begriffen und fragte doch . Schon stand auch Joachim neben ihr , und da ihnen wieder keine Antwort wurde , wußten sie alles . In der nächsten Minute riß Fanny oben die Thür auf und hielt die arme junge Mutter in ihren Armen . Joachim stürzte mit einem Jammerruf neben der kleinen Leiche nieder , die schon feierlich zugerichtet , mit allen Blumen , die das Treibhaus nur gegeben , umkränzt , mitten im Zimmer aufgebahrt stand . Adrienne weinte leidenschaftlich , ihr Schmerz hatte Thränen und Worte , und sie klagte in Fannys Armen von den Stunden der Angst , die sie erlitten , von der namenlosen Sehnsucht , die ihr Herz nach dem Gatten , dem Ahnungslosen , Geliebten ergriffen habe . Ja , sie wandte sich , neu erschüttert , dem jungen Mann zu , der , das Gesicht in beiden Händen verborgen , heftig schluchzte . Sich an ihn lehnend , ihn mit beiden Armen umschlingend , flüsterte sie unter Thränen : » Was wird unser Arnold sagen ! ? Er wird noch heute , noch morgen und viele Wochen von seinem Liebling träumen und nicht wissen , daß wir ihn verloren haben . « » Warum hast Du mich nicht gerufen , damit ich bei Dir und ihm sein konnte ? Nun kann ich Arnold nichts von der letzten Stunde seines Kindes sagen . Ich war fern - o Gott - vielleicht gerade in einem leichtsinnigen Vergnügen verstrickt ! « klagte Joachim . » Kommt , « sagte Fanny weinend , » quält euch nicht so . Wir wollen nicht an das Unabänderliche , Gewesene denken , sondern voraus , an unsern armen Arnold . « Sie hatte gefühlt , daß endlich in dem Herzen der jungen Frau die rechte Gattenliebe erwacht war , und wußte , daß die Sehnsucht nach ihrem Manne der gesundeste Begleiter des natürlichen Kummers sein werde . - Adrienne antwortete auf Joachims Frage : » Severina verhinderte mich , euch zu rufen . « Joachim erschrak so , daß er zitterte ; er hielt sich an dem Rand des kleinen Sarges fest und sah starr auf das stumme Kind hernieder . So hatte er seine Pflicht erfüllt , seines Bruders Weib und Kind mannhaft beizustehen , dafern Leid und Not sie treffen sollte . In der schrecklichsten , bangsten Stunde ihres Lebens waren sie ohne den Halt und Trost seiner Liebe gewesen . In den letzten , erstickenden Minuten der Todesnot hatte er nicht als Wächter am Bette des Kindes gesessen , und warum nicht ? Severina hatte nicht den Mut gehabt , ihn zu sehen . Wegen seiner wankelmütigen Liebeständeleien hatte er dem geliebten und gefürchteten Bruder gegenüber sich diese Schuld , diese nie verzeihbare Unterlassungssünde aufgeladen . Er blieb wie versteinert . Fanny , nachdem sie noch lange liebevoll mit Adrienne gesprochen , zog sich zurück , nicht ohne mit leiser Hand Joachims Rechte geliebkost zu haben . Doch er schien diese ihre Berührung nicht zu bemerken . Lanzenau hatte unterdes seine Anordnungen getroffen , nicht nach Driesa weiterzufahren , sondern mit Taiß hierzubleiben . Beiden schien es klüger , in der steten Nähe der Trauernden zu sein und diese durch ihre Gegenwart vor allzu heftiger Hingabe an den Kummer zu bewahren , denn sie wußten beide , daß Fanny alles mitfühlen würde , als sei ihr selbst ein Kind gestorben . Lanzenau sprach auch mit Severina einige liebevolle Worte , er sagte ihr , daß Joachim in wenig Tagen der Inhaber einer vielbeneideten Stellung sein würde und daß man dann , wenn nur erst der frische Gram Adriennens ein bißchen verwunden sei , an Verlobung und Hochzeit denken könne . Er wunderte sich , daß Severina dies mit dem Gesicht einer Sphinx anhörte , steinern und rätselhaft im Ausdruck . Dann zog er sich mit Taiß in ihre Zimmer zurück , wo beide Herren allein ihr Mahl nahmen und sich die Zeit mit Schachspiel kürzten . Nachdem Fanny sich ein wenig besonnen und erfrischt hatte , kehrte sie zu Adrienne zurück , schickte Joachim fort , damit er mit dem Pastor das Nötige wegen der Beerdigung verabrede , die sie auf den nächsten Abend bestimmte , und versuchte ihr möglichstes , die junge Frau zu überreden , daß sie sich ein wenig zu Bett lege . » Komm in mein Zimmer , das Mädchen kann so lange den Kleinen bewachen . Du mußt jetzt Deine Gesundheit doppelt schonen , denn wenn Arnold heimkehrt , soll zu dem Kummer über sein Kind nicht die Sorge für sein Weib kommen . « Endlich halfen diese in allen Formen wiederholten und veränderten Vorstellungen , und Adrienne , die in der That vom Wachen und Weinen ganz entkräftet war , ließ sich in Fannys Bett legen , worauf Fanny dann ging , um endlich , endlich ein Wort mit » Achim « reden zu können . Dieser war , nach schnell beendetem Geschäft beim Pastor , ins Haus zurückgekehrt und saß in jenem Wohnzimmer , wo Fanny ihn porträtirte und wo Severina ihnen das wilde Lied von Ginevra und Lanzelot gelesen . Er starrte zum Fenster hinaus in den winterlichen Park , in dessen Wegen kleine Wirbel welker Blätter entlang tanzten , und dachte , ob es nicht ein Traum gewesen , daß vor wenig Tagen noch Fanny , schön , vielgefeiert und geehrt , sich ihm zu eigen gegeben . So fand ihn Severina , die ihn seit seiner Ankunft noch nicht gesehen . Langsam kam sie auf ihn zu , ihre Augen wurzelten ineinander . Sie konnten beide nicht sprechen , den beiden schlug das Herz bis zum Halse hinauf , und die heiße Erregung der Angst schnürte ihnen die Kehle zu . Jeder fürchtete , vom andern sein Todesurteil zu hören , Joachim , daß sie sagen würde : » Ich verachte Dich , « und sein ganzes Wesen wallte doch auf im Wunsche , sie zu küssen , Severina , daß er sagen könne : » Ich liebe Fanny allein , « und doch hätte sie ihr Leben dafür gegeben , noch einmal an seinen Lippen zu hängen . » Severina , « murmelte er endlich , » kannst Du mir verzeihen ? Bei Gott , es ist keine Lüge , ich liebe Dich ! « Severina atmete tief ; es klang wie ein Seufzer . Eine seltsame Härte breitete sich plötzlich über ihre Züge . » Du wirst Fanny die Wahrheit sagen , « sprach sie hart , » die Wahrheit , daß Du mein bist . « » Wie kann ich das ? « sagte er verzweifelt ; » Fanny einen Schmerz zufügen - Fanny , der ich so vielen Dank schulde ? « » Das hättest Du Dir ins Gedächtnis rufen sollen , ehe Du ihr Herz betrogst . « » Es ist kein Betrug . « Severina zuckte die Achseln . » Was soll denn werden ? « fragte sie . » Habe nur Geduld , ich muß ja einen Ausweg finden . « Hier trat Fanny ein . Dasselbe unbestimmte Gefühl von Angst , das sie im Wagen schon empfunden , kehrte zurück , als sie die beiden allein mit Spuren tiefer Erregung im Gesicht fand . Es stieg , als Severina rasch , ohne ein Wort oder Blick an sie zu richten , hinausging . » Was hat Severina ? « fragte sie . » Nichts . Was sollte sie haben ? « fragte er befangen entgegen . Fanny trat zu ihm , legte ihm beide Hände auf die Schultern und sah ihn tief an . » Ich hatte Severina gefragt , wie alles gekommen und verlaufen sei mit der Krankheit des Kleinen , « antwortete er , errötend auf diesen Blick . » Nein , « dachte Fanny , » das wäre zu schlecht - lügen - mir Aug ' in Auge . Das kann er nicht . « Aber sie sprach doch noch - all ihre Liebe lag in den schmeichelnden Lauten ihrer Stimme - sie sprach doch noch : » Nicht wahr , Du hast Vertrauen zu mir , Du weißt , daß meine Liebe so groß ist , Dir alles zu verzeihen , nur das Verbrechen der Unwahrheit nicht ? « Ihn wandelte das Gelüst an , ein befreiendes Geständnis abzulegen , er fühlte beinahe gewiß , daß sie vergeben werde und doch sein guter Engel bleiben würde . Aber seine Liebe - nein , die würde sie dann nicht mehr annehmen . Und wie ein Blitzstrahl fiel die Erinnerung an die erlebten göttlichen Stunden entzückend in sein Blut . » Fanny , « flüsterte er aufwallend , » ich liebe Dich . « Das war ihr Antwort und Gelübde genug . Die Wahrheit sprach aus seinen aufblitzenden Augen . Sie senkte den Blick , der sich von Glücksthränen trübte , und legte ihren Kopf gegen seine Schulter . Sie bedachten nicht , daß sie am Fenster standen und daß , wer draußen ging , sie so sehen konnte . Draußen aber gingen Taiß und Lanzenau , die noch vor der nahen Dämmerung einen Spaziergang machen wollten , da der Baron von der langen Wagenfahrt am Morgen ganz steif zu sein behauptete . Sie sprachen gerade von der Möglichkeit , unter den ostelbischen Grundbesitzern ein gemeinsames Vorgehen bezüglich der notwendigen Flußkorrektion anzuregen , und Taiß hielt in dem ihm eigenen wohlgerundeten Periodenbau einen Vortrag über die Frage , als habe er den ganzen Kreistag vor sich , als Lanzenau einen eigentümlichen Ausruf that . Ein gurgelnder , halberstickter Laut kam von seinen Lippen . Taiß sah ihn entsetzt an und dachte , der Baron bekäme einen Schlag . Sein farbloses Gesicht war bläulich geworden , sein Mund stand auf , die Augen waren starr . » Was ist Ihnen , Lanzenau ? Hören Sie doch ! « Taiß legte den Arm um ihn . Lanzenau atmete schwer , wollte weiter gehen , doch knickten ihm die Kniee ein . » Das ist ja ein Unglückstag . Lanzenau - was ist Ihnen ? « » Nichts , « lallte er . » O - da sehe ich zum Glück Fanny und Herebrecht am Fenster - sie sind auf uns aufmerksam geworden , « sagte Taiß erleichtert . Alsbald kam Joachim durch den Saal über die Terrasse herbeigelaufen . Doch als er Lanzenau mit stützen wollte , fand dieser in übermenschlicher Bezwingung seine Kräfte wieder und wehrte dem jungen Mann mit einem solchen Blick des Hasses , daß selbst Taiß davor erschrak . » Der arme Lanzenau , « dachte der Graf , während , auf seinen Arm gestützt , dieser mit ihm dem Haus zuschritt und Joachim , blaß und scheu , folgte , » der arme Kerl - leidet an Ischias , an schlagartigen Blutstockungen und an allen möglichen anderen mementi mori und plagt sich noch obenein mit Eifersucht . « Fanny eilte dem Freunde schon besorgt entgegen und geleitete ihn in das Wohnzimmer , wo er sich auf die Ottomane legen mußte und von ihr mit starken Weinen , kalten Kompressen und dergleichen gepflegt wurde . Der Anfall ging schnell vorüber , aber Lanzenau gönnte sich die schmerzliche Wollust , von ihr so sorgfältig bewacht zu werden . Er lag still und lang ausgestreckt ; seine Gestalt war bis zur Brusthöhe mit Fannys türkischem Shawl bedeckt , sein Monocle hing an der schwarzen Schnur seitwärts herab , in dem kleinen runden Glas , das an dem bunten Stoff lag , blinkte der Lampenschein vom Tisch her wider . Lanzenau sah mit halbgeschlossenen Augen hinüber , wo Fanny mit Taiß still Zeitungen las . Das zeitweilige knitternde Umschlagen der großen Papierfläche der » Kölnischen « war der einzige Ton , der durch das ruhige Zimmer ging . Sehr oft hob Fanny das Auge und sah aufmerksam zu dem Leidenden hinüber . Der beobachtete jeden dieser liebevollen Blicke und erregte sich immer schmerzlicher davon . So gut , so selbstvergessen war sie in der Freundschaft , welche unermeßliche Schrankenlosigkeit mußte ihr Gefühl in der Liebe haben ! Und das alles hatte sie weggeworfen an diesen flatterhaften Jüngling . Lanzenau glaubte sich wieder ganz wohl , ganz kühl und klar ; und doch irrten seine Gedanken fiebernd umher . Bald dachte er grollend an Joachim , der oben bei seiner Schwägerin saß und an den fernen Bruder schrieb , bald stellte er sich vor , was Fanny sagen würde , wenn sie von dem Verrat erfuhr . Es würde sie töten - gewiß , das würde es . Nichts würde sie so schwer treffen , nicht einmal , wenn Joachim plötzlich stürbe , als sich belogen zu sehen . Immer fieberischer dachte Lanzenau darüber nach , auf welche Weise man Joachim von Fanny trennen könne , ohne daß sie erführe , warum . Joachim mußte sterben , das stand zuletzt für Lanzenau fest . Aber wie ? Ihn zum Duell fordern ? Der junge Mann war der bessere Schütze , und da es um Leben und Tod ging , würde er den Gegner einfach niederschießen . Aber sterben mußte er - sterben . Um seinen Tod durfte Fanny weinen , nicht um seinen Verrat . Er stöhnte . Sofort erhob Fanny sich und erneute den kalten Umschlag auf seiner Stirn . » Lieber Lanzenau , « sagte sie mit ihrer zärtlichsten Betonung , » Ihre Stirn brennt , Sie sollten lieber ins Bett gehen . « » Ja - ja , « stotterte er und versuchte mühsam , sich zu erheben . Taiß sprang herzu und stützte ihn . » Morgen wird es besser sein , « sagte Lanzenau heiser . In der That schien er am nächsten Tag für den oberflächlichen Blick ganz wie sonst . Er war bei all den traurigen Vorgängen gegenwärtig , die ein Begräbnis mit sich bringt , ja , gab noch selbst Anordnungen , um die Feierlichkeit desselben zu erhöhen . An diesem Tage traf auch , der erste seit vielen , vielen Wochen , ein Brief von Arnold ein . Es erschien allen wie eine barmherzige Fügung des Zufalls , und Adrienne begrüßte es ekstatisch wie ein Zeichen von Gott ; sie vergaß , daß sie sich allesamt schon lange ausgerechnet hatten , es müsse um den ersten Dezember herum ein Brief kommen . Die junge Frau las die teure Botschaft in Fannys Gegenwart , und diese beobachtete schweigend die dunkle Glut höchster Erregung , die in Adriennens Gesicht beim Lesen stieg . » Mein geliebtes Weib , « schrieb der Kapitän , » Du wirst bis jetzt drei Briefe von mir empfangen haben . Ich schrieb sie alle voll von Liebe und Sehnsucht nach Dir und unserem süßen Knaben . Aber sieh , seit kurzem faßt mich oft ein seltsames Bangen . Habe ich für diese Liebe denn auch so deutliche Worte gefunden , daß sie Dir offenbar ward ? Habe ich nicht damals , als wir noch zusammen sein konnten , auch gefehlt , indem ich zu sehr in mich verschloß , was doch mein ganzes Wesen füllte ? Ich forderte von Dir , Du solltest meine Art vertrauend verstehen , aber um das zu fordern , hätte ich erst in Deiner Sprache mit Dir reden sollen , begreifen müssen , daß das Herz eines jungen Weibes reichlicher und ausführlicher der Neigung des Gatten versichert sein will . Wie mir diese Erkenntnis so kam ? Du erwartest vielleicht , daß ich Dir irgend ein romantisches oder gefahrvolles Erlebnis berichte , das an meiner Seele also rüttelte . Nichts dergleichen ! Du weißt , es liegt nicht in meiner Natur , äußere Vorgänge auf mich einwirken zu lassen , es muß sich alles von innen heraus mir entwickeln und sich mir aus meiner Erkenntnis als Wahrheit aufdrängen . So wuchs mir auch aus dem Kern des unbefriedigten Wunsches , nur einmal Dein rötliches Haar und Dein liebes blasses Gesicht zu sehen , mit tausend Zweigen die fortrankende Sehnsucht hervor . Und dann kam der Gedanke , ob Dir eine schmerzlich-liebe Ahnung wohl von meinem Sehnen etwas sage . Unser Abschied fiel mir ein . Jede herbe , sonnenlose Stunde ward wach , die wir schon erlebt . Nein - ich fühlte , meine Sehnsucht konntest Du nicht erraten , denn Du glaubtest nicht an meine Liebe . So wuchs es weiter . Einmal sagte ich mir : Der Prediger auf der Kanzel wird nicht müde , den Glauben zu verkünden ; der Lehrer in der Schule hat die nimmerlästige Geduld , Unwissende zu belehren ; tausendfältig müssen wir in unserem Beruf oder in unseren Verpflichtungen als Mitglieder der menschlichen Gesellschaft gleichgiltige Dinge wieder und wieder sagen , und ich war zu stolz , Dir das Wichtigste , das Heiligste so lange zu wiederholen , bis Du es glaubtest ? ! Mein Weib - ich liebe Dich ; und wenn ich erst bei Dir bin , werden auch meine Lippen die rechten Worte finden , es Dir zu verkünden . Früher , als wir scheidend dachten , kehre ich heim . Im Frühling wird die Besatzung abgelöst . In den beifolgenden Tagebuchblättern findest Du alles Wissenswerte über unsern hiesigen Aufenthalt ; sie sind zum Mitteilen für Fanny Förster und meinen Joachim bestimmt , den ich mit Freuden bei euch weiß . Mein kleiner Joachim kann noch nichts von mir empfangen , weder Mitteilung noch Gruß ; aber Du , mein Weib , Du drücke ihn an Dein Herz und liebe ihn doppelt . Meine Adrienne - wirst Du mir glauben , mich verstehen ? Noch einmal sage ich Dir : Ich liebe Dich . « Dieses Blatt kam aus Sansibar und trug das Datum des 27. September . Es war an demselben Tag geschrieben , an welchem damals Adrienne ihren leidenschaftlichen Brief mit dem Ruf der Liebe und Reue an ihn gerichtet hatte , und dieser Brief mochte auch gerade in diesen Tagen in seine Hände gekommen sein . Weinend wiederholte Adrienne die Weisung ihres Gatten , das Kind an ihr Herz zu drücken , und Fanny hatte alle Mühe , sie zu beruhigen . Der Kummer und die Thränen der jungen Frau ängstigten Fanny aber nicht , es war eine gesunde und natürliche Art , den Gram zu äußern . Und unter den Thränen sah Fanny schon die Morgenröte eines künftigen , wirklichen und dauernden Glücks für Adrienne und Arnold von Herebrecht . Fünfzehntes Kapitel » Wenn Sie mich noch haben wollen , « sagte Graf Taiß am Tage nach dem Begräbnis des Kindes , » so bleibe ich noch . Um die Wahrheit zu sagen : Lanzenau macht mir den Eindruck eines Menschen , der nicht alle seine fünf Sinne richtig beisammen hat . Ich kann kein Gespräch vernünftig mehr mit ihm zu Ende führen , er ist wie ein Berauschter , der keinen logischen Gedankengang hat , sondern irgend einer thörichten Idee nachbrütet . « » Wir wollen nach dem Arzt schicken , « sprach Fanny erschreckt , » wenn Lanzenau nur keinen Schlaganfall oder dergleichen bekommt . « » Bewegung im Freien möchte ihm besser sein als alle Medizin . Wie wäre es , wenn wir einen kleinen Streifzug unternähmen , um für unsern Tisch einen Rehrücken zu erjagen ? « schlug der Graf vor , der aus der eigenen Lust an der Jagd die Meinung faßte , es müsse für jedermann die beste Erholung sein . » Wir können Lanzenau ja fragen , doch bezweifle ich bei seiner Anlage zur Ischias , daß er zustimmt , « meinte sie bedenklich . » Ich bitte Sie - bei dem herrlichen Jagdwetter ! « Das herrliche Jagdwetter war ein nebelgrauer Tag , an dem weder Wind noch Sonne die dichten Dunstschleier zwischen den Bäumen zerstreute , die am frühen Morgen im Rauhreif standen und ihren Schmuck zusehends verstärkten . Zu Fannys Erstaunen ergriff Lanzenau den Vorschlag mit Hast . Es war selbstverständlich , daß Joachim bei der Partie sein mußte , und zu Taiß ' unendlicher Befriedigung zogen die drei im winterlichen Jägerschmuck eine Stunde später waldwärts . Fanny sah ihnen lächelnd nach und dachte , daß weniger die Sorge um Lanzenau den Grafen zum Bleiben bewogen als die Unmöglichkeit , eine so gute Jagd ungejagt zu lassen . Auch beruhigte sie der Umstand sehr , daß Lanzenau