eben darin von Ihrem , widrigen Selbstlob ' - hihi , er nennt Sie den Gernegroß , dem Dunst und Dünkel das Hirn verdrehte und der seine Kindertrompete - hihi - hält für die Posaune des Weltgerichts . « » Ach , Sie sind zu freundlich . Ich staune über Ihr Gedächtniß , « parirte der Dichter kalt . » Vielleicht lernen Sie auch mein neuestes Epigramm auswendig : Größenwahn . Der Esel vertraut es dem Schafe , Das blökte fromm Mumuh . Sie schrieen sogar aus dem Schlafe Gar manche Ziege und Kuh . Der Fuchs und der Wolf mit Trauern Das Thier in der Wüste besahn . Der - Löwe ist zu bedauern : Er leidet an Größenwahn ! « Eine kurze Pause entstand . Auf diese schneidende Tiefquart wußte Annesley nur ein dummes » Hihi « zu kichern und wandte sich daher , um abzulenken , mit heuchlerischer Theilnahme an Rother : » Auch über Ihr neues Bild , lieber Freund , ist ein abscheuliches Epigramm veröffentlicht . Ich kann es auswendig . Auch die neulichen abscheulichen Bosheiten des Dr. Drechsler-Caballo im Stuß gegen Sie habe ich verwahrt . Sie können diese wichtigen Dokumente bei mir nachlesen . Soll ich das Epigramm - « » Nein , unterlassen Sie das ! « unterbrach ihn Leonhart stirnrunzelnd . » Sie scheinen ja ein ordentliches Arsenal aller Injurien gegen Ihren Freund und Gönner anzulegen . « Während Annesley wieder ein verlegenes » Hihi « herausquälte , belobigte Schmoller gnädig Leonharts Epigramm . » Sehr schneidig . Könnte nicht machen . Habe überhaupt noch nie einen Vers gemacht . Wenn ich ein Gedicht sehe , muß ich schon lachen . « - Ja , meine Herrn , er nahm einen behaglichen Schluck Kulmbacher , » hier sitzen die zwei bestgehaßten Leute in Berlin . Gefürchtet muß man sich machen ; das ist die Hauptsache . - Dieser Veilchenthal ! Dieser Me-nsch ! « » Na , der hat doch wenigstens ins Leben hineingespuckt , « insinuirte Rother lächelnd . » Haha , sehr gut . Könnte sogar selbst als Spucknapf dienen . Ein Mensch mit einem solchen Flecken - Sie wissen doch ! « Und er wärmte zum tausendsten Mal eine alte Weibs-Geschichte auf , wobei er einige verfängliche Situationen , die dabei mitgespielt haben sollten , recht drollig zum Besten gab . » Ach was ! « Leonhart schlug unmuthig mit der Faust auf den Tisch . » Laßt doch endlich die faule Sache ruhn . Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms . « » Na , der mangelt doch nicht des Ruhms ! « lachte Schmoller . » Freilich , was für ein Ruhm ! « Aber Rother , der aufmerksam zugehört hatte und sehr still geworden war , stimmte Leonhart eifrig bei . » Ist denn das ein solches Verbrechen , daß Einer aus Leidenschaft für ein Weib ... « » Das will ich meinen ! « rief Leonhart . » Seht Euch doch einen Kerl wie Napoleon an . War denn dem seine Josephine ' was Bessers ? Da hab ich ein paar neue Bücher gelesen von einem gewissen Imbert de St. Amand über das Leben der Bürgerin Bonaparte . Du mein Gott ! Um solch eine liebenswürdige Kokette , solch ein sinnliches Durchschnittsweib , hat das größte That-Genie aller Zeiten Blut geschwitzt ! Der ganze berühmte Feldzug in Italien wird an der Hand unwiderleglicher Dokumente zu einem Delirium des erotischen Geschlechtsparoxismus . Bonaparte wollte berühmt werden und siegen , bloß damit ihn dies Weib liebe ! Als er unter dem Triumphbogen Mailands einzog , war er der einzige Traurige in seinem siegreichen Heer . Meine Frau ist krank oder treulos , sagte er todtenbleich zu Marmont . Ihr Medaillon ist auf meiner Brust zerbrochen . Als er sie gewaltsam aus Paris schleppen ließ , wobei sie sich mit Händen und Füßen sträubte und weinte , als ging ' s zum Schafott , - gerieth er in eine erhabene Raserei , als die Oesterreicher ihn bei Befriedigung seines Liebestaumels störten . Und als seine Frau , die er den Gardasee entlang schickte , um sie aus dem Schlachtbereich zu schaffen , ihm Jammerbriefe schickte , ihre Eskorte würde von den Oesterreichern verfolgt und man habe auf sie geschossen , - schleuderte er in einem Anfall genialen Wahnsinns seine Blitze mit der unnatürlich verzehnfachten Kraft eines Irren umher , so daß er im Feldzug der Fünf Tage die ganze österreichische Uebermacht Schlag auf Schlag auseinanderstäubte . Vor Arkole , als ihn ganz Europa für verloren hielt und die Armee ihn im Zelt verzweifelt über seiner Rettung brütend glaubte , saß er und schrieb verrückte Eifersuchtsbriefe an seine Frau : Fürchte den Dolch Othellos ! Briefe , welche die naive Kokette in ihrem Salon vorlas und dazu lachte : Il est drôle , Bonaparte ! Grade in diesem erotischen Delirium kam das Genie über ihn wie ein Strahl und er beschloß den berühmten Uebergang aufs andre Ufer der Adige , wodurch seine ganze Lage eine andre Wendung bekam . - Später blieb ' s geradeso . In den Laufgräben von St. Jean d ' Acre , gigantische Pläne nebenbei im Hirne wälzend , lamentirte er umher und belästigte seine Adjutanten mit Jeremiaden und Klatschereien über Josephinens Untreue , über die er sich lang und breit mit seinem eigenen Stiefsohn Eugen unterhielt . - Kurz , meine Herrn , ungewöhnliche Menschen sind in dieser Beziehung immer verrückt und die erotische Leidenschaft ist der beste Stachel der Genialität . « Er hätte noch so fortdocirt und besonders die Episode mit der polnischen Gräfin zum Besten gegeben , wegen deren die Schlacht von Eylau verloren ging - aber Schmoller gähnte laut . So zog er es denn vor , um sich einen anständigen Rückzug zu sichern , zur Retirade zu eilen . Während er diesem natürlichen Bedürfniß fröhnte urtheilte sein Waffengenosse , Kamerad Schmoller , wohlwollend : » Hat etwas gelernt , dieser Leonhart . Aber mit seinem Napoleonschwindel muß er mir vom Leibe bleiben . Das ist auch bei ihm so ein Stück Größenwahn . Wissen Sie nicht , er hält sich selbst so für eine Art kleinen Napoleon , haha ! Spricht pro domo . - Ja , ich sagte eben , « brach er ab , als Leonhart wieder erschien , » Du bewunderst Deinen Kleinen Korporal zu viel . Was der gethan hat , kannst Du auch - wenn Du so viel Glück hast wie er . Prost ! « Dabei zwinkerte er mit einem Auge die Andern an , als wolle er ihnen seine tiefe Ironie andeuten . Gleichwohl klangen seine Worte ganz sauertöpfisch-bieder . » Napoleon war doch ein dämonisches altes Haus ! « machte der Wunderknabe seiner unklaren Gedankengährung Luft . » Sehr richtig , lieber Herr von und zu Annesley , « munterte ihn Schmoller mit süßlichem Lächeln auf . » Sie sind ja auch eine dämonische Natur . « » Ich ? Hihi . Glaub ' s auch . Sehn Sie , darum häng ' ich auch jetzt die ganze Componirerei an den Nagel . Ich entsage für alle Zeiten der schöpferischen Production . In wilden Rhythmen , fessellos und frei , hat mein Herz gefiebert . Doch nun fiebert mein Dämon der Bühne zu . Nicht eher finde ich Ruhe , bis das Parkett des königlichen Opernhauses mir athemlos lauscht . Die ganze Producirerei , meine Herrn , ist heut nichts . Damit wird weder Ruhm noch Geld verdient . Die Epoche der Schöpferkraft ist dahin . Heute findet nur der reproducirende Künstler seinen goldnen Boden . Und ich , meine Herrn , brauche das . Ich gestehe es offen : Ich brauche Ruhm und Genuß . Sie sehen mich , ich bringe alle äußeren Mittel mit ! « Schmoller trat Leonhart auf den Fuß . » Die Weiber müssen zu meinen Füßen schmachten , daß ich gleichsam in Makartscher Fülle schwelgen kann . « Dabei grinste sein Gesicht ordentlich von verzehrender Wollustgier . » Ich bin eben eine dämonische Natur ! « » Eine neronische , meinen Sie wohl ? « ergänzte Leonhart ruhig . » Ich will Ihnen auf den Kopf sagen , was Sie sind : Ein Dilettanten-Wütherich . O welch ein Schauspieler stirbt in mir ! mögen Sie auf Ihren Grabstein setzen . Wären Sie auf dem Thron geboren , so würden Sie der Zwillings-Bruder eines Ludwig II. sein . Mit verzückter Thränenseligkeit und Schmerzenswollust Rom in Brand stecken , und dazu freie Rhythmen drechseln - oder die Cirkus-Gladiatoren und Bestien sich das Fell von den Knochen reißen lassen , um in tragische Kothurnstimmung zu gerathen - das wäre so Ihr Gusto ! « ... Der unheimliche Jüngling lehnte sich mit affektirtem Staunen zurück und sah ihn erstaunt an : » Nein , sind Sie aber ein Menschenkenner ! Zweifellos leide ich an erblicher Paranoia und nervöser Psychose . « Er theilte dies mit so sinniger Beschaulichkeit mit , als spreche er von einem Schnupfen . » Doch freilich , eine so complicirte Natur wie mich vermögen Sie doch wohl noch nicht voll zu begreifen . Wenn Sie mich näher studirten ... « » Dazu sind Sie mir zu unbedeutend , fürchten Sie nichts , « beruhigte ihn Jener trocken . » Glauben Sie übrigens , das sogenante Dämonische wär ' was Besonderes ? Alle Uebergangsepochen sind davon durchseucht . Immer dieselben Symptome herostatischen Größenwahns . Die Anarchisten , die Attentäter , die angeblich ihren inneren Stimmen gehorchen , sind heut bloß die Nachfolger ähnlicher Schwachmatikusse in der Renaissance , wo man , wenn nicht Cäsar , durchaus Tyrannenmörder Brutus oder Anarchist Catilina werden wollte . Gegen solche dämonischen Instinkte ist freilich schwer anzukämpfen . Die hundert Spanier in der Riesenstadt Mexiko , welche Kortez zurückließ , stürzten beim Neumond-Fest auf den Goldschmuck der Mexicaner los , blind für alles Andere , toll von Gier , und richteten ein Blutbad an . Sie mußten wissen , ja sie wußten es beim Thuen selbst , daß sie schwer dafür zu büßen hatten . Aber sie konnten nicht anders : Gold- und Blutgier rissen sie fort . Der Tiger weiß auch recht gut durch Instinkt , wenn er ein Schiff auf dem Ganges anfällt , daß er dabei umkommt , daß eine Gewehrkugel ihn dabei treffen muß . Aber er thut es doch ! Jede Leidenschaft ist unzurechnungsfähig , so auch die eines ganzen Zeitalters , wie die der Renaissance und unsrer Tage - und diese dämonische Leidenschaft heißt : Größenwahn , von Sich-reden-machen um jeden Preis ! « Rother hatte schon bezahlt , weil er fand , das Gespräch nehme eine ungemüthliche Wendung , und Annesley gerieth wirklich in nervöse Unruhe - wie gewöhnlich , wenn es auf Mitternacht gehe , erklärte Rother . So brach man denn auf . Draußen vor der Thür , als man von der Kellertreppe auftauchte , schritt grade ein Paar vorüber , - gewaltig ausholend , als solle Alles ihrem schweigenden » Platz Da ! « Luft machen , - bei dessen Anblick die zwei Dichterdioskuren in ein schallendes Gelächter ausbrachen . » Seht ihn euch an , seht ihn euch recht an , Kinder ! « schrie Schmoller » Der Eine von diesen Bourgeois ist der grauße Drechsler-Caballo vom Stuß - der Sie auch angeulkt hat , Rother , wie Jeden , der Saft und Kraft im Marke hat . In seiner ungeschorenen langen Simsonmähne steckt sein ganzer Ulk , wie eine Laus . Er leidet an Reim-Darmverschlingung und Schimpf-Diarrhoe . Ihm soll der weise Merlin prophezeit haben : Eine Delilah werde ihm mit der großen Scheere des Fenilleton-Sitzredacteurs Doctor Gotthilf Kleisterpott das Haupthaar stutzen . Die Gelehrten sind aber noch uneinig , ob die Prophezeiung auf Frau Doctor Bergmann , Chef-Dame der Tagesstimme , oder auf die Dichterin Ulla Wank hindeutet . Hehe , altes Erbstück , olles Inventar ! « grölte er den majestätisch Enteilenden nach . » Und der Andre - dies fettige Oelgesicht ! Jöttlicher Joethe , wer sollte Dir nicht kennen ! Die Familie Schreibold ! Fünfzigtausendste Jubiläumsauflage ! Dieser Mensch ! hat ins Berliner Leben noch kaum hineingespuckt ! « Sie waren während dieser Ciceronianischen Invective bis vor den » Reichsadler « gelangt . Soeben spazirten ein paar Mägdelein , offenbar dort mimende Tingeltangelleusen , zum Thor heraus und begaben sich auf den Heimweg - eine kleine Junge und eine dicke Alte . Bei dieser Lichterscheinung zuckte Annesley krampfhaft zusammen und faßte Rothers Arm , indem er den Göttinnen nachstierte . » Sie ist ' s ! « flüsterte er theatralisch mit einer Grabesstimme . » Herr Gott , beruhigen Sie sich doch , alter Junge ! « tröstete ihn Rother freundlich . Schmoller aber , der die Scene beobachtet hatte , verabschiedete sich eilig ; er habe noch eine Verabredung : » Fahren Sie sowohl als auch ! Komm , Leonhart ! - Denk Dir doch nur , « rief er , als sich die beiden Paare nach verschiedenen Richtungen von einander entfernten , » das ist ja die bewußte unglückliche Flamme dieses Größenwahnsinnigen , der den wilden Engländer macht . Die müssen wir mal ausholen . Das ist Die , - erinnerst Du Dich , wie Rother uns das Gedicht vorlas , Text und Musik von Fedor Waschlapply ( zu Deutsch : F.H. Annesley ) , mit dem Refrain : Jetzt weiß ich es , wir sehen nie uns wieder ? Vorwärts ! « Sie blieben den beiden Chansonneusen auf dem Fuß , bis sie dieselben erreichten . » Mein schönes Fräulein , darf ich ' s wagen , Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen - zum Café National nämlich ? « fragte Schmoller graziös . » Wie wär ' s , Kleine , he ? « » Ach Sie ! Was wollen Sie denn eigentlich ! « » Mit Dir der Morgenröthe entgegenwandeln , o Aurora ! « Leonhart umfaßte burschikos die Hüfte der Alten . » Na Sie aber doch ! Aurora in Oel ! « » Lassen Sie meine Tante in Ruhe ! « kreischte die Kleine . » Nun macht keine Geschichten , Kinder . Ich spendire sogar einen Sherry-Cobler ! « verhieß Leonhart . Dem vermag kein asphaltenes Straßenpflaster-Herz zu widerstehn - und so saßen sie denn alsbald in der ungesunden Stickluft der nächtlichen Markthallen für Weiberfleisch . » Du , Maus , Du hast ja einen Liebespickel ! Bist Du nicht mein kleiner schneidiger Fritze ? « knüpfte die Kleine cordial an , indem sie Leonhart ins Knie kniff . » Sage mal , liebes Kind , « hob Schmoller an , » ich habe nämlich von Dir gehört - von einem verstorbenen Freund . « » Ach Falle ! Das kennt man . « » Nein , auf Taille ! - Von Henry Francis Annesley . « » Ach Jemine , is der todt ? « Die Kleine hob einen Augenblick die Lippen von dem Lutsch-Halm ab , mit dem man den Sherry-Cobler auszuschlürfen pflegt . » Ja . Sage mal , Du sollst ja Jungfrau gewesen sein , als er Dich verführte ? « Die beiden Damen ließen einen hysterischen Lachkrampf befürchten . » Na gewiß . Er hat doch auf Dich ein Lied in Musike gesetzt Die Reue , worin er von den Furien seines Gewissens und Deiner geknickten Unschuld redet . « Die kleine Dame war außer sich . » Meine Unschuld soll der Stiesel man ja in Frieden lassen ! Für den is das nichts . Der kooft den alten Fritzen doch nich . « » Na , aber ich bitte Sie , Ihr intimes Verhältniß ... « » Was , intim ? ! Sie haben wohl einen Vogel . Nich mal mein Freund is er jewesen . Der alberne Stiesel mit all seine faule Redensarten ! Retten hat er mir wollen - so ' ne Qualmtute ! Mit keinem Herrn hab ich mich so gelangweilt ! Der saß ja man bloß immer da und starrte mir an . « Schmoller konnte sich nicht mehr halten ; er brüllte vor Lachen . Leonhart schüttelte wehmüthig den Kopf : » Immer die alte Geschichte . Zu lächerlich , um tragisch , zu tragisch , um lächerlich zu sein . « Die beiden Damen nahmen jedoch Schmollers cynisches Gelächter sehr übel , da sie den Grund nicht verstanden . » Na , Sie scheinen mir ooch ein oller Nassauer ! Lachen Sie man über Ihnen selber - das is jesund ! « Leonhart kannte seinen erhabenen Freund zu lange , um sich noch zu wundern , daß Schmoller , statt zu lachen , wüthend losdonnerte : » Was , Sie wollen hier frech werden und Bilder rausstecken ? Wissen Sie , wen Sie vor sich haben ? Für was halten Sie mich ? « » Für einen Schornsteinfegermeister ! « kicherte die Kleine schnippisch . Schmoller wurde dunkelroth vor Wuth . » Da ! da ! Lesen Sie ! « Er rieß seine Brieftasche heraus und entfaltete einen Pack Zeitungsblätter , wo Recensionen über sein sociales Sittenbild » Die Enterbten « roth angestrichen waren , indem er mit der flachen Hand auf die betreffenden Stellen schlug . » Da ! Das bin Ich ! Der deutsche Zola ! Ja wohl , Sie freches Mensch ! Wissen Sie das wohl ? « Leonhart empfahl sich in aller Eile , worüber sich Kamerad Schmoller wieder mörderlich erboste . » Das ist auch Einer , der an seinem Messias zum Judas wird ! « lallte er mit geballter Faust . Leonhart lachte . Offenbar hatte der große Sittenmaler wieder zu viel getrunken ; er konnte nicht viel Spirituosen vertragen , weil er so viel » ins Leben hineingespuckt « hatte , was gewiß sehr angreifend gewesen war . » Wie ? « hörte man ihn drohen , als der Aufseher des Cafés erschien und um Ruhe bat . » Sie wollen , mir den Mund verbieten ? Ich bringe Alles in meinem nächsten Roman ... « » Ach , bringe Dich doch mal selbst hinein , alter Junge , « dachte Leonhart , als er fürbaß schritt . » Dieser Original-Figur ist Deine Feder selbst allein gewachsen . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Obschon Annesley durchaus noch in der Bodega oder sonstwo ein anständiges Glas Wein trinken wollte , um den Abend cavaliermäßig zu schließen , widerstand Rother , so willig er sich stets vom Egoismus seines Schützlings terrorisiren ließ , diesmal dessen Wünschen . Er müsse für die Reise morgen frisch bleiben . Annesley trippelte neben ihm her , ein gut Stück aus seiner Richtung ausbiegend , um Rother auf dessen Heimweg zu begleiten . Große Federflocken schüttelten sich auf die nächtlichen Straßen herab und breiteten einen weißen Teppich , der den Schmutz des Tages verwischte . Rother , stets aus Empfindsamkeit und unbewußter Eitelkeit eine warme Gesinnung Anderer für ihn muthmaßend , fühlte sich gerührt , daß der Wunderknabe ihn so anhänglich durchs schlechte Wetter begleitete . » Nun gehn Sie nur nach Hause , lieber Freund . Es ist sehr hübsch von Ihnen , daß Sie mich am letzten Abend , wo wir beisammen sind , nach Hause bringen . Aber Sie werden sich erkälten ... scheiden wir hier ! « » Ja , das wollt ' ich eben sagen , « sagte der treue Freund . » Ach beiläufig , ich suche noch nach etwas ewig Weiblichem - können Sie mir vielleicht noch zwanzig Mark borgen ? « Rother sah ihn an und lächelte bitter . » Nun , das ist doch nichts für einen Mann wie Sie . Sie wissen ja , Sie kriegen ' s immer übermorgen wieder . « Es war dies Annesleys Manier , trotz seines eigenen vollen Beutels - er wollte offenbar stets Rothers Freundschaft prüfen . Dieser lachte herzlich und wohlwollend : » Darum reiten Sie mit mir durch Nacht und Wind ? - Na , da ! « Er reichte ihm das Goldstück . » Also adieu ! « » Ja und die Prachtausgabe meiner Kinder des Leids widme ich Ihnen . - Glauben Sie nicht , daß mir das nützen wird ? ! Bei Ihrem großen Anhang ... « Rother antwortete nicht und hustete . » Sehn Sie , so drücke ich Ihnen meinen Dank vollauf aus - für so manches Gute , daß Sie an mir gethan haben . « Rother antwortete nicht . Er dachte an die Feindschaften und Verleumdungen , die er sich wegen des kleinen Nero zugezogen . An den Bruch mit Collegen , welche ihm seinen » hochbegabten Schützling « als ohnmächtigen Charlatan schimpfirten . An all die Stunden , wo er die morsche verrottete Seele aufgerichtet . An seine väterlich aufmunternden Gespräche mit Annesleys Tante ( bei der dieser wohnte ) über alle Leiden , welche der größenwahnsinnige Wicht derselben verursachte ; einmal hatte er in einem Wuthanfall seines Weltwehs auf sie ein thätliches Würge-Attentat versucht . Er dachte an die seelische Blutvergiftung , welche , ihm der Umgang mit diesem brünstig nach Weltlust schmachtenden Weltverächter zuzog , der seinem Persönchen ein ideales Martyrium anlog , um desto brünstiger der Befriedigung unersättlicher Eitelkeit und Ichsucht zu fröhnen . An die Selbstschwächungs-Manie , welche der begnadigte Stimmungsfritze um sich verbreitete , alles Männliche und Reale als » unpoetisch « verpönend - was auf Rothers receptive schwächlich-empfängliche Natur den gefährlichsten Einfluß gehabt hatte . An seine ganze geistige Vormundschaft diesem naseweisen undankbaren Knaben gegenüber . Schon hatte ihm Leonhart mitgetheilt , daß Annesley mit Rothers Todfeind , dem Kunstkritiker Doctor Kratzenthal , hinter dem Rücken seines Gönners gegen diesen conspirire . In einer Gesellschaft habe er sich von dem Maler Adolf von Werther sogar mit Hochgenuß erzählen lassen , Rother schwebe schon lange am Rande der Lächerlichkeit - ohne dagegen zu opponiren . Damals hatte Rother darauf nicht geachtet ; es widersprach seiner nobeln Natur , gleich das Schlimmste zu glauben . Jetzt aber , wie von einem plötzlichen Blitz erleuchtet , lag der Charakter dieses Pseudo-Weltschmerzlers ( Pessimystiker sind immer die schlausten Geschäftsleute ) ihm bis in die innersten klaffenden Spalten vor Augen . » Wissen Sie , « brach Annesley das Schweigen , während sie an einer zugigen Ecke zögernd stillhielten , » ich bin immer noch ganz paff über diesen Leonhart . Das ist ja ein ganz communer Bursche , ohne alle Vornehmheit . Hatte mir den immer gedacht als ein enfant gâté , als einen Löwen der Berliner Salons - wissen Sie , so eine Art Lord Byron . Nein , diese Enttäuschung ! Ein ganz schmutziger gewöhnlich aussehender Dutzendlitterat , so ein richtiger Scribeler und Schmierfink ! « » Hm , nein ! « Rother war , wie alle bildenden Künstler , aufs Beobachten von Physiognomieen eingeschult . » Er sieht eigentlich doch recht bedeutend aus . « » Wie , sind Sie toll ? Diese unbedeutende Erscheinung , diese mittelmäßige Figur ! - Und was für eine schlotkerige Haltung ! Wie er schon dasitzt ! Und dabei dieser Größenwahn ! Sie Lump , prahlen Sie doch nicht so ! wollte ich ihm schon zurufen , hihi . « Rother besann sich vergeblich , ob Leonhart geprahlt hätte . Es war bezeichnend , daß Schmollers offenkundige Ueberhebung wegen ihrer Pöbelhaftigkeit Niemanden beleidigte , während Leonharts stiller Hochmuth jede verkniffene Eitelkeit verletzte . » Denken Sie an meine Worte , « stieß Annesley hervor , » Der wird noch mal vor Größenwahn im Irrenhause enden ! « Dabei rollte er so dämonisch seine Augen , daß Rother sofort die bekannte Wahrnehmung einfiel , daß Geisteskranke immer die Andern ihrer eignen Laster und Fehler bezüchtigen . Indem er im kalten Licht des Wintermonds einen festen prüfenden Blick auf den unheimlichen Jüngling warf , las er jetzt , worüber seine Gutmüthigkeit sich weggetäuscht , mit psychologischer Klarheit . Dieser lauernde verschleierte Blick , die studirt sanfte verschleierte Mollstimme , das unnennbare Weltleid dazu gerechnet , ergaben ihm das Resultat : Zu allem fähig . » Also ich komme nicht weiter mit . Adieu ! « rief der ideale Schmerzenreich . » Wenn wir uns nicht wiedersehn sollten , wünsch ' ich Ihnen ein besseres Loos , als das meine auf diesem Hundeerdeball . Ich habe keine Empfindung mehr . Verzeihen Sie also , wenn ich Ihr freundschaftliches Liebeswerben « Rother runzelte die Stirn , » nicht immer gleich warm erwidern konnte . Ich schleppe mein Martyrium weiter auf meiner Dornenbahn . Ja , hätte man in andere Lebenskreise meine strebende Jugend gestellt ! In alle Höhen und Tiefen wäre mein bescheidener Geist gedrungen . Doch - Arma parata fero ! Durch Nacht zum Licht ! Wir stehen im sausenden Kampfe der Zeit , eine Welt in Waffen wider uns ! O selig , Blutzeuge des Lichtes zu sein ! So mein Urtheil über die Welt . Ich habe mich Ihnen heut ganz erschlossen . Uebrigens dürfte demnächst mein Tagebuch erscheinen : Aufzeichnungen eines verrückten Musikers , natürlich pseudonym . Darin werden Sie schreckliche Dinge aus meiner Vergangenheit finden . Ich sage Ihnen ... « er machte dabei eine Handbewegung , indem er die Stimme dämpfte , als vertraue er einem Geheimbündler schaurige Staatsgeheimnisse an . » Hier finden Sie den Schlüssel zum Verständniß meiner Irrsal . Ja , wäre ich als Lord geboren wie der selige Byron ! Aber so ! Leben Sie wohl ! Falls ich nicht in einer Kaltwasserheilanstalt meine Gemüthskrankheit heilen muß , bitte ich alle Briefe nach Venedig zu adressiren , wohin ich im Frühjahr reise . Nachher mache ich wohl mit meiner Tante eine Tournée durch alle Badeorte Deutschlands , um meine Prachtausgabe zu verbreiten und mich als Sänger probeweise hören zu lassen . Man sagt mir , Niemann werde alt ; ich dürfte wohl an seine Stelle treten . « So phantasirte der eisige Egoist in seiner brennenden Eigenliebe drauf los ; seinen Freund hatte er längst vergessen . » Doch was für eine Zugluft hier ! « Er hielt sich das Taschentuch vor den Mund . » Meine Stimme , meine Stimme ! Ich muß sie schonen . Also glückliche Reise , lieber Freund ! « Der unheimliche Jüngling stolzirte mit langen Beinen in die Nacht hinein . Rother lachte bitter - jenes messerscharfe Lachen , das wie ein Dolch in die Seele sticht und schärfer brennt als Thränen . Die Menschenwüste dehnte sich vor ihm hin - öde , öde , öde . Am andern Vormittag , als er eben seinen Koffer in die Droschke steckte , die ihn zum Lehrter Bahnhof trug , erhielt er noch ein parfümirtes Billetdoux von Henry Francis Annesley , in eigenthümlich gemessenem Stil : » Hochgeehrter Herr , Bei unserm gestrigen Beisammensein entschlüpften mir allerlei Andeutungen betreffs eines Büchleins , das pseudonym in Leipzig soeben erschien . Ich erlaubte mir , verzeihen Sie , eine kleine Mystifikation . Das Büchlein ist nicht von mir , sondern von einem Studienfreunde aus der hiesigen Musikalischen Hochschule ( Conservatorium ) . - Ergebenst grüßt Ihro Genie Gnaden der Adonis und Schmerzens-Lazarus Henry Francis Annesley . P.S. Vielleicht interessirt es Sie zu vernehmen , daß ich im Laufe nächsten Frühjahrs ein Concert im Leipziger Gewandhaus veranstalten werde . Sie erwähnen das wohl gelegentlich in Ihren etwaigen Privat-Correspondenzen nach Deutschland . Auch darf ich wohl darauf rechnen , daß Sie , falls Sie von London über dortige Gallerieen an eine Kunstzeitung correspondiren , auch meiner Wenigkeit irgend wie dabei gedenken werden . Sie wissen , wie dankbar ich Ihnen bin . P.P.S. Anbei eine soeben erschienene Recension über das oben erwähnte Büchlein . « Dieser Zeitungsausschnitt lautete : Tagebuch eines verrückten Musikers von F.H. Hummerscheere . Obschon ein literarisches Erstlingswerk , athmet es die Reife des Genies . Hier wird die erbliche Nervenkrankheit oder » Paranoia « mit wunderbar pathologischem Realismus zergliedert . Herrlich sind die Streiflichter , welche auf den großen unglücklichen Monarchen Ludwig II. fallen , den Hummerscheere so schön anredet : » Du warst ein Kind und ein Genie . « Hummerscheere ist auch ein Meister der Satire ; das beweist die drollige Figur des liebeskranken Malers Emil Knothe . Harold Theopol Mokamaute . Rother zerriß das Gewäsch mit einer Miene des Ekels . Das war selbst seiner Sentimentalität zu viel . - Den Sinn des Unbegreiflichen verstand er freilich erst später , als ihm das » Tagebuch « vor Augen kam und er in dem Maler Emil Knothe lauter Aeußerungen und Züge von sich selbst wieder erkannte , die ihm der liebe Wunderknabe während ihrer Intimität abgelauscht . Was interessirte ihn überhaupt jetzt das Alles ! Auf nach London ! Leonhart bummelte langsam fürbaß . Der Gedankengang , den er damals in der Kneipe abgebrochen , setzte sich unabgerissen wieder fort : Er dachte an das Leben Napoleons . Wie oft verschmilzt sich erotische Leidenschaft mit dem politischen Schicksal , wie oft bestimmt ein Weib durch den verliebten großen Mann die Geschicke der Welt ! Es wäre ein tragikomischer Spaß , die Briefe des eifersüchtigen Siegers von Italien an die Citoyenne Bonaparte neben die Eifersuchtsbriefe der Kaiserin Josefine an den Sieger von Austerlitz und Jena , der ihr verbot mit ihm ins Feld zu reisen , um erotisch frei zu sein - kurz , die Zeugnisse eines durch physiologisch-psychologische Processe genau umgestülpten Liebesverhältnisses nebeneinander zu drucken . O Mann , o Weib ! Dies Weib , das er für sein Schicksal , für sein Spieler-Glück hielt - verstieß er , um die Tochter der Habsburger an seine Seite zu fesseln , mit welcher ihn Schritt für Schritt Fortuna verließ , so wie die Elende ihn selbst verlassen hat . Was er als Opfer seines persönlichen Glückes seinem Ehrgeiz zur Sättigung hinwarf , grade das schuf den Sturz seiner Herrschaft . Er scheuchte sein altes Glück , sein geliebtes Schicksal , von seiner Seite - das Schicksal rächte sich . Ueber