zu jedem Weihnachten einen neuen Kalender schenkte . Damit hätte der Alte wohl zufrieden sein können , denn er brauchte in der Tat nicht mehr - selbst in die Stadt zu fahren war er zu schwerfällig geworden , aber je prächtiger sein Leib gedieh , desto bitterer und verbissener wurde sein Gemüt . Stundenlang konnte er in sich hineinbrüten , und schrecklich war es anzusehen , wie er dabei mit den Zähnen knirschte und die geballten Fäuste schüttelte . Eine seiner fixen Ideen war , daß sein Sohn ihn absichtlich unterdrücke , damit er den Ruhm der großen Ideen , die er selber ausgeheckt , für sich in Anspruch nehmen könne , und je besser das Moor sich rentierte , desto wütiger rechnete er aus , wieviel seine Aktiengesellschaft eingetragen haben würde . Er kargte nicht mit den Millionen , er hatte es ja nicht nötig . - Aber noch andres wuchs in dem dunkelsten Grunde seiner Seele , ein Racheplan gegen Douglas , den er heimlich pflegte und großzog als sein eigenstes Geheimnis . Selbst die Schwiegersöhne , denen er sonst gern sein Herz ausschüttete , erfuhren nichts davon . Ulrich äußerte einmal zu Paul : » Nimm dich in acht , der Alte führt was gegen Douglas im Schilde . « » Was sollte das wohl sein ? « erwiderte er , scheinbar unbesorgt , wiewohl er sich schon manchmal darüber Gedanken gemacht hatte . Dumpf und stumpf lebte Paul seine Tage dahin . - Sein ganzes Innenleben war der platten Sorge um Gut und Geld verfallen , doch ohne daß er je an dem Erworbenen Freude gefunden hätte . Er besaß niemanden mehr , den er glücklich zu machen hatte , und arbeitete , ohne zu wissen , warum ? - wie der Ackergaul an seinen Strängen zieht , unwissend , was der Pflug tut , den er durch die Dornen schleppt . - Monate vergingen manchmal , ohne daß er einen Blick in seine Seele warf . Auch pfeifen tat er nicht mehr . Er fürchtete die Qualen , die die überströmende Empfindung ins Leben rief , aber auf die Zeiten , da er noch in Tönen mit sich zu sprechen vermocht hatte , sah er wie auf ein verlorenes Paradies zurück . Manchmal überkam ihn eine tiefe Bitterkeit , wenn er den Zweck seiner Arbeit , seiner Sorge , seiner durchwachten Nächte mit dem verglich , was er dafür hingeopfert . - Es schien ihm etwas ungeheuer Stolzes , Reiches , Glückbringendes gewesen , nur wußte er ihm keinen rechten Namen zu geben . Von diesem Grübeln befreite er sich am besten , indem er sich kopfüber in neue Arbeit stürzte , und lange Zeit verging , bis ihn die Krankheit wieder packte . Der Heidehof gedieh inzwischen prächtiger von Jahr zu Jahr : die Schuld an Douglas war getilgt , die Felder florierten , und auf den Wiesen weidete edles Rassevieh . Der ganze Hof sollte ein neues Gewand erhalten . Wohnhaus , Stall und Scheune , alles sollte von Grund auf erneuert werden . - Und eines Frühlings begann es im Hof zu wimmeln von Arbeitsleuten aller Art. Das Wohnhaus wurde niedergerissen , und während Paul für sich eine hölzerne Baracke zum Wohnsitz wählte , ließ der Vater sich leicht bereden , zu einem der Schwiegersöhne überzusiedeln . » Ich werde nicht mehr wiederkommen , « sagte er beim Abschiede , » ich bin nicht mehr imstande , dein verrücktes Treiben anzusehen . « Der erste aber , der sich im Herbst wieder einfand , war der Alte . Er setzte sich behaglich in seinen Lehnsessel und zog fortan auch die Schwiegersöhne in sein Schimpfregister hinein . - - Die mochten ihn freilich nicht mit Handschuhen angefaßt haben . » Nun hab ' ich keinen Platz mehr auf Erden , wo ich mein graues Haupt zur Ruhe legen könnte , « murrte er , während er sich faul in den Polstern streckte . Im nächsten Frühjahr kamen die Wirtschaftsgebäude an die Reihe , besonders die Scheune sollte sich zu einem Schaustück ländlicher Pracht gestalten , als Denkmal jener fürchterlichen Nacht , die der Mutter den Todesstoß gegeben hatte . Der Landmann , der nun über die Heide fuhr , machte wohl halt , um die blanken Gebäude , die mit ihren roten Ziegeldächern ihm schon aus der Ferne entgegengeleuchtet hatten , bewundernd von nah zu sehen , und mancher schüttelte bedenklich den Kopf und murmelte das alte Sprüchlein : Bauen und Borgen Ein Sack voll Sorgen ! Auf dem Moore draußen spie die » schwarze Suse « ihre schwarzen Wolken , die Messer der Schneidemaschine bohrten sich tief in den zähen Grund , und die Presse arbeitete langsam und schweigend wie ein gutwilliges Haustier . Ein neuerbauter Schuppen glänzte mit weißen Wänden im Sonnenlicht , und ringsherum erhoben sich die langen schwarzen Mauern des gepreßten Torfes . Die Ziegel waren hart und schwer , mit wenig Fasern und viel Kohle . Sie schlugen ohne Mühe die Konkurrenz aus dem Felde und gewannen einen guten Ruf bis nach Königsberg hin . Paul , der auf seinen Geschäftsreisen viel unter fremde Leute kam , genoß nun auch das Glück , als ein angesehener Mann begrüßt und von würdigen Gutsherren als ihresgleichen behandelt zu werden . Aber er hatte keine Freude mehr daran . Wenn man ihm freundschaftlich die Hand schüttelte , ihm Glück zu seinen Erfolgen wünschte oder sich seinen Besuch erbat , so fragte er sich im stillen : » Will der mich höhnen ? « Und obgleich er wohl sah , daß es den Herren ernst war , so fühlte er sich doch stets wie von einem Alp befreit , wenn man ihn gehen ließ . » Warum sind sie nicht früher gekommen , die Freundlichen ? « sagte er zu sich , » damals , als es mir nottat , als ich noch Nutzen aus jedem guten Wort ziehen konnte . Jetzt bin ich abgestorben , wie ein Stock - jetzt ist ' s zu spät . « Doch weiter und weiter ging sein Ehrgeiz . - Und als wollte der Himmel selbst das Weihfest geben , ließ er in diesem Jahr , dem siebenten seit der Mutter Tod , die Halme in solcher Fülle gedeihn und spendete so verschwenderisch Regen und Sonne , jedes zu seiner Zeit , daß es den Leuten schier unheimlich wurde vor all dem Segen und sie einander angstvoll fragten : » Kann das zum Guten sein ? « » Es wird wohl noch was dazwischenkommen , ein Hagelschlag oder dergleichen , « sagte Paul , der stets auf das Schlimmste gefaßt war . Aber nein ! Hochgetürmt schwankte ein Erntewagen nach dem andern in die Scheuern , und der goldgelbe Ährensegen sank , Körner um sich streuend , in dem Fachwerk nieder , bis alles vollgepfropft war bis zum First hinauf . Paul hatte auch hieran keine Freude . - Je reichlicher er Hab ' und Gut sich häufen sah , je stolzer die Früchte von seiner Hände Arbeit ihm entgegengrüßten , desto ängstlicher wurde sein Sorgen . Wer ihn mit tiefgefurchter Stirn und gesenktem Haupt langsam über den Hof herwandeln sah , der hätte ihn für einen Schuldenmacher halten mögen , dem das Messer schon an der Kehle sitzt . Um dieselbe Zeit las er in der Zeitung , daß Elsbeth sich verlobt habe . Die Namen Elsbeth Douglas und Leo Heller standen in schöngeschweiften Lettern dicht untereinander . Er fühlte keinen stechenden Schmerz , er erschrak nicht einmal , nur ein Lächeln voll wehmütiger Genugtuung umspielte seinen Mund , als er vor sich hinmurmelte : » Ich hab ' s ja gleich gesagt . « Und dann erinnerte er sich des Schriftstücks , das der jüngere Erdmann einst in der Kirche herumgeschickt hatte , um ihn zu ärgern , und das ganz ähnlich gelautet , nur daß sein eigener Name an Stelle des fremden gestanden hatte . Und das war immerhin ein Unterschied . Er hatte sie nun seit Jahren nicht gesehen . So dicht ihre Grundstücke nebeneinander lagen , es gab kein Begegnen zwischen ihnen . Das » weiße Haus « leuchtete noch ebenso hell über die Heide in sein Fenster hinein wie damals , als die Sehnsucht , zu ihm zu pilgern , in seiner Kinderseele erwachte , aber der magische Schimmer , der es damals , der es noch fünfzehn Jahre später umfloß , war verschwunden , verlöscht vor den sinkenden Schatten der Alltäglichkeit . » Mag sie glücklich werden ! « sagte er und glaubte sich mit diesem Wunsche genugsam getröstet . - Am nächsten Sonntag wurde in der Kirche das Erntefest gefeiert . Paul saß in seinem Winkel , hörte die Orgel rauschen und den Pfarrer Lob und Dank zum Himmel rufen . Die Sonne leuchtete in tausend frohen Farben durch die gemalten Scheiben - just wie an seinem und Elsbeths Einsegnungstage , - aber auch düster und traurig in ihren aschfarbenen Gewändern stand noch immer die graue Frau und starrte aus großen , hohlen Augen auf ihn nieder . - - - » Auch ich feire heute ein Erntefest , das Erntefest meiner Jugend , « dachte er , » aber allzu freudig ist es nicht . « ... Der Gottesdienst ging zu Ende . Mit einem Triumphgesang entließ die Orgel die frohbewegten Beter , die sich auf dem eichenbeschatteten Vorplatz zusammendrängten , um einander glückwünschend die Hände zu reichen . Als Paul die Stufen hinabschritt , erblickte er etwa fünf Schritte vor sich Elsbeth am Arm ihres Verlobten . Sie schien gealtert und sah blaß und kränklich aus . - Als ihr Blick den seinen traf , wurde sie noch um einen Schatten blässer . Er zitterte am ganzen Leib , doch sein Auge wich nicht von ihrem Angesicht . Befangen griff er nach der Mütze , und an derselben Stelle , wo sie vor fünfzehn Jahren das erste Wort miteinander gesprochen , gingen die beiden schweigend und fremd aneinander vorüber . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 20 » Was mag der Vater da haben ? « sagte Frau Käthe Erdmann zu Frau Grete Erdmann , die beide des Wegs dahergefahren kamen , um die Heimat zu besuchen und bei dieser Gelegenheit dem Bruder das Herz auszuschütten . Der Alte stand geduckt in einem Winkel hinter der Scheune und machte sich in den Strohhaufen zu schaffen , die dort aufgeschichtet lagen . Als er den Wagen rasseln hörte , hielt er erschrocken inne und rieb sich die Hände wie einer , der sich Mühe gibt , unbefangen zu erscheinen . Die beiden Schwestern sahen sich an , und Grete meinte : » Man müßte Paul einen Wink zukommen lassen . « Oh , sie waren sehr vernünftig geworden , die beiden Wildlinge , innen nicht minder als außen ; ihre wirren , braunen Locken drückten sich glatt gekämmt an den Ohren vorbei , und die glühenden Augen trugen einen müden Schimmer , als wüßten sie nun , wie ' s tut , wenn man in stiller Kammer sich satt weint . Frau Käthe hatte freilich auch drei stramme Jungen , bei Frau Grete zeigten sich gar schon Hoffnungen auf etwas viertes , und jeder weiß : Mutterschaft macht müde ! Paul arbeitete draußen im Moor , aber der Vater kam mit verschmitztem Lachen daher , und seine Krücke schwenkend , rief er : » Lauf ' ich nicht wieder wie ' n Junger ? « Frau Käthe sprach ihre Bewunderung aus , und Frau Grete stimmte ihr bei . » Es geht wie geschmiert , « lachte er , » vorgestern hab ' ich sogar einen Spaziergang nach Helenental gemacht . « Erstaunt , fast erschrocken sahen sie ihn an , denn er war seit seinem Auszuge nicht mehr dort gewesen . » Wie hat man dich empfangen ? « fragte Frau Grete . » Wer ? Wie ? - Ach , ihr dachtet wohl , ich hab ' ' ne Nachbarsvisite gemacht ? Ihr seid mir die Rechten ! Eher ging ' ich bei eurem Hofhund zu Gaste und fräß ' ihm die Hammelknochen weg ! « » Aber was tatst du denn dort ? « » Durchs Hoftor hab ' ich geguckt und hab ' nach der Uhr gesehen und bin dann wieder heimgegangen . Wie lange , glaubt ihr wohl , daß ich brauche , um hinzukommen - ? Ratet einmal ! « Sie hatten keine Ahnung . » Anderthalb Stunden , akkurat wie ein Schnelläufer ... Freilich , « - er schaute sinnend vor sich hin - , » wenn man noch was trägt , kann ' s an die zweie dauern . « » Und bloß , um das auszurechnen , bist du ... ? « » Bloß deshalb , mein Schatz , bloß deshalb ! « Und seine Augen funkelten unheimlich . Alsdann setzte man sich in die Veranda , die Paul nach dem Muster des » weißen Hauses « vor der Tür hatte errichten lassen . Die alte Haushälterin , die früher den Erdmanns die Wirtschaft geführt hatte und nach der Heirat von dort zum Heidehof übergesiedelt war , mußte in die Küche wandern , um Kaffee zu kochen und Waffeln zu backen , und da der Vater mit seinen Töchtern nichts Besseres zu reden wußte , so schimpfte er auf Paul und die Schwiegersöhne . Er tat es heute weniger aus Liebe zur Sache , wie aus alter Gewohnheit , seine Gedanken schienen ganz woanders zu weilen , und während er sprach , rückte er mit unheimlicher Geschäftigkeit auf seinem Stuhl hin und her . » Laß uns hineingehen ! « sagte Käthe , » wir müssen uns ein wenig in der Wirtschaft umsehen , auch fliegen wir hier beinahe auf , so weht uns der Wind unter die Röcke . « » Es wird Sturm geben zur Nacht , « meinte Grete . Und dann plötzlich wandten beide sich erschrocken um , denn das Lachen , das der Alte hören ließ , hatte so gar seltsam geklungen . » Laß es nur Sturm geben , « meinte er , ein wenig verlegen , » das schadet rein gar nichts . Gibt ' s bei euch in der Ehe nicht auch manchmal Sturm ? « In Käthes Antlitz blitzte es auf wie von alter Schelmerei , aber Grete zog die Mundwinkel herunter , als wollte sie weinen . Bei ihr schien der letzte noch nicht ganz verwunden . » Ja , es wird früh Herbst dieses Jahr , « meinte sie mit einem Anfall von Melancholie . Der Alte blies : » Wenn die Schwalben heimwärts ziehn , « und Käthe meinte : » Laß es Herbst werden , die Scheunen sind ja voll . « » Gott sei Dank , « kicherte der Alte , » sie sind voll . « Die Schwestern hatten sich umschlungen und schauten , die Stirnen gegen die Scheiben gelehnt , auf den sonnbeglänzten Hof hinaus , auf dem die Sandwolken in hohen Tromben zum Himmel wirbelten ... Mit Dunkelwerden kam Paul nach Hause , schwarz wie ein Mohr , denn der Torfstaub , der vom Winde umhergetrieben wurde , hatte sich ihm in Bart und Antlitz festgesetzt . Er reichte den Schwestern stumm die Hand , blickte ihnen scharf in die Augen und sagte : » Hernach werdet ihr mir klagen . « Grete sah Käthe an , und Käthe sah Grete an , dann lachten sie plötzlich hell auf , ergriffen ihn bei beiden Schultern und tanzten mit ihm in der Stube herum . » Ihr werdet euch schwarz machen , Kinder , « sagte er . » Mein Liebster ist ein Schornsteinfeger , « trällerte Grete , und Käthe sang den zweiten Vers : » Mein Liebster ist aus Mohrenland . « Darauf küßten sie ihn und liefen vor den Spiegel , um zu sehen , ob der Kuß abgefärbt hatte . Als er hinausgegangen war , sich zu säubern , meinte Grete : » Drollig , er braucht einen bloß anzusehen , und alles ist wieder gut . « Und Käthe fügte hinzu : » Aber er selber ist heute schweigsamer als je . « » Paul , sei gut ! « schmeichelten sie , als sie alle zusammen beim Abendbrottisch saßen , » wir dürfen nur alle Jubeljahr einmal hierher ... ! Mach uns ein freundlich Gesicht . « » Habt ihr vergessen , welch ein Tag heute ist ? « erwiderte er , indem er ihre Haare streichelte . Sie erschraken , denn sie dachten zuerst an den Todestag der Mutter , aber erleichtert atmeten sie auf - der fiel ja in die Johanniszeit . » Nun ? « fragten sie . » Heute vor acht Jahren brannte unsere Scheune ! « Alle schwiegen - nur der Vater grollte und lachte in sich hinein . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Es fing an , finster zu werden , über die Heide her glomm noch ein glühroter Streif , der einen Feuerschein über den weißgedeckten Tisch hinwarf ... An den Fensterläden rüttelte der Sturm . Gut , daß die Haushälterin jetzt ins Zimmer trat . Eine geschwätzige Alte , die stets mit Neuigkeiten aufzuwarten wußte . » Na , Frau Jankus , was gibt ' s Gutes ? « rief Käthe ihr entgegen , froh , den Alp der Erinnerung los zu werden . » Oh , Madamchen , « rief die alte Person , » wissen Se ' s denn noch nicht ? - In der Kirche geht ' s heute hoch her . Das ganze Dorf windet Kränze - über dem Altar haben se ' ne Jirlande angebracht von lauter Remontantenrosen , und zu beiden Seiten stehn die scheensten Olejanderbeime . « » Was ist denn los ? « » Hochzeit ist los ! Das Fräulein Douglas macht morgen Hochzeit ! « Die beiden Schwestern schraken zusammen , warfen sich einen raschen Blick zu und schauten dann auf Paul . - Der aber drehte eine Brotkrume zwischen den Fingern und tat , als ob ihn die Geschichte nicht im mindesten anginge . Die Schwestern warfen sich einen neuen Blick zu und nickten verständnissinnig . Dann ergriffen sie in gleichem Impulse seine beiden Hände . » Kinder , ihr zerreißt mich ja ! « sagte er mit einem schwachen Lächeln . » So , dann gibt ' s ja heute Polterabend drüben ? « fragte der Vater , der plötzlich sehr lebendig geworden war . » Wahrscheinlich , wahrscheinlich ! « antwortete die Wirtschafterin . » Vorhin sah ich ' nen Haufen von Kindern vorübergehn , die waren ganz beladen mit alten Töpfen und sonstigem Gekrassel . « » Bei unserer Hochzeit haben sie ' s glimpflich gemacht , « meinte Grete , und beide Schwestern sahen sich an und lächelten träumerisch . » Das trifft sich ja prächtig , « raunte der Alte und rieb sich die Hände . » Warum prächtig ? « fragte Paul . » Ach , ich meine nur so ... Zufall - derselbe Tag , wo sie unsere Scheune niederbrannten . Sag mal - du , Paul , du warst ja wach - was war wohl die Uhr , als du die Flamme aufsteigen sahst ? « » Eins kann es gewesen sein . « » Na , du mußt ' s ja wissen . Was du in Helenental eigentlich zu suchen hatt ' st , ist mir zwar noch heute unklar , aber es ist gut - ganz gut so - , ich weiß nun ganz genau , um wieviel Uhr es war ! « » Dann weißt du was Recht ' s , « sagte Grete lachend . » Weiß ich auch ! « erwiderte er trotzig . » Wirst schon sehen , mein Töchterchen , wirst schon sehen ! « Käthe wollte der Schwester zu Hilfe kommen , aber Paul winkte ihnen heimlich zu , daß sie den Alten in Ruhe ließen . Bald darauf nahmen die Schwestern Abschied . » Du wolltest Paul ja sagen , daß der Vater hinter der Scheune Heimlichkeiten hat , « sagte Käthe , als sie beide auf dem Wagen saßen . » Ja , richtig ! « erwiderte diese , ließ den Kutscher halten und winkte Paul zu sich heran . Aber der Alte , der in seinem Mißtrauen überall hinzuhorchen pflegte , drängte sich dazwischen , und so mußte es unterbleiben . Als Paul bei seinem allabendlichen Rundgang in die Küche kam , gewahrte er , wie der Vater mit der Wirtschafterin um einen irdenen Topf unterhandelte . » Wozu brauchen Sie den Topf , Herr Meyhöfer ? « fragte die Alte . » Ich will auch Polterabend feiern gehen , Frau Jankus ! « erwiderte er mit einem hohlen Gelächter . » Vielleicht schenken sie mir dort was vom Hochzeitskuchen . « Die Alte wollte sich schier zuschanden lachen , und der Vater humpelte mit seinem Topf in das Schlafzimmer , dessen Tür er sorgfältig hinter sich verschloß ... Das Haus war zur Ruhe gegangen , nur Paul trieb sich noch auf dem dunkeln Hofe umher . » Also morgen macht sie Hochzeit , « sagte er , die Hände faltend . » Wenn ich ein guter Christ wäre , müßte ich nun für ihr Glück ein Vaterunser beten ... Aber so ein schlapper Geselle bin ich doch noch lange nicht ... Ich glaub ' , ich hab ' sie mal sehr liebgehabt , mehr lieb , wie ich selber wußte ... Wie mag es nur gekommen sein , daß ich ihr so fremd geworden bin ? « Er sann und sann , konnte aber zu keinem rechten Schlusse kommen . Der Mond ging über der Heide auf - eine große , blutrote Scheibe , die einen ungewissen Glanz über den Hof hinbreitete ... Der Sturm schien sich verstärkt zu haben ... Er pfiff in den Ecken und brauste durch die Wipfel ... » Wenn heute eine Feuersbrunst ausbräche , so würde sie mit der Scheune wohl nicht zufrieden sein , « dachte Paul , und dabei fiel ihm ein , daß er dem Agenten ein Monitum schicken müßte , damit er die Versicherung beschleunige . » Denn man kann nicht wissen , was über Nacht geschieht ... Ich will schlafen gehn , « schloß er seine Überlegungen , » morgen ist auch ein Tag und - ein Hochzeitstag dazu . « Auf Zehenspitzen schlich er sich in sein Schlafzimmer , das er sich neben dem des Vaters eingerichtet hatte , um hilfreich beispringen zu können , wenn dem alten Mann irgend etwas passierte . Er zündete kein Licht an , denn der höhersteigende Vollmond schien bereits hell in das Gemach . » Ob du wohl heute noch einschlafen wirst ? « dachte er eine Stunde später . - Die Schatten der sturmbewegten Blätter tanzten auf der Bettdecke einen wilden Reigen , und zwischendurch tanzten die Mondlichter wie weiße Flämmchen . » In jener Johannisnacht schien der Mond ebenso hell , « dachte er , und dabei fiel ihm ein , wie weiß das Nachtkleid Elsbeths unter dem dunkeln Mantel hervorgeleuchtet hatte . » Das war doch die schönste Nacht in meinem Leben , « murmelte er mit einem Seufzer , und darauf beschloß er , einzuschlafen , und zog sich zur Bekräftigung die Bettdecke über die Ohren ... Eine Weile darauf war es ihm , als hörte er im Nebenzimmer den Vater leise aufstehen und zur Tür hinaushumpeln ... Deutlich hörte er , wie die Krücke auf den Steinfliesen des Hausflurs klapperte . » Er wird wohl gleich wiederkommen , « dachte er , denn es geschah öfters , daß der Vater in der Nacht noch einmal aufstand . Hierauf überfiel ihn ein unruhiger Halbschlaf , in dem allerhand schreckhafte Träume einander jagten . Als er vollends wieder erwachte , stand der Mond schon hoch am Himmel , kaum daß noch ein Strahl ins Zimmer fiel . Doch Garten und Hof lagen gebadet in seinem Lichte . » Seltsam - mir ist doch , als hab ' ich den Vater nicht wiederkommen hören , « sagte er vor sich hin . Er richtete sich auf und sah nach der Taschenuhr , die über seinem Bette hing . Acht Minuten bis eins ! ... Zwei Stunden waren inzwischen verflossen . » Ich werde wohl fest geschlafen haben , « dachte er und wollte sich wieder aufs Ohr legen , da schlug , vom Sturm geschüttelt , die Haustür klirrend ins Schloß , so daß das ganze Haus in seinen Fugen erbebte . Erschrocken fuhr er empor ... » Was ist das ? ... die Haustür offen ... der Vater noch nicht zurück ? « Im nächsten Augenblick hatte er Rock und Beinkleid übergeworfen , und barfuß , barhäuptig stürzte er hinaus ... Die Tür , die von des Vaters Schlafzimmer nach dem Hausflur führte , stand weit geöffnet . - Bleich vor Angst trat er an das Bett ... Es lag unberührt , nur zu Fußenden war in der bauschigen Bettdecke eine Lücke eingedrückt . - Da also hatte der Vater gesessen , ohne ein Glied zu rühren , länger als anderthalb Stunden - augenscheinlich , um zu warten , bis er selber im Schlafe liege . Was um des Himmels willen bedeutet das alles ? - Suchend irrte sein Blick im Zimmer umher ... Dort im Winkel lagen umhergeworfen die wollenen Schuhe , in denen der Vater sonst den ganzen Tag über umherschlürfte , aber die Stiefel , die seit Monaten ungebraucht dort standen - die waren fort ... Wie - wollte der lahme Vater zur Nachtzeit auf die Wanderschaft ? Sein Herz drohte stille zu stehen ... Er stürzte auf den Hof hinaus . Taghell lag er vor seinen Blicken , nur so weit der Schatten der Scheune reichte , herrschte Nacht ... Der Sturm brauste in den Bäumen - der Sand wirbelte leuchtend empor , sonst alles still , alles leer ... Er durcheilte den Garten - keine Spur - hinter dem Stall - keine Spur ... Was ist das ? Das Haustor offen ? - Wo ist er hin ? ... An seiner Seite winselte der Hund ihm entgegen - rasch befreite er ihn . - » Such den Herrn , Turk , den Herrn ! « Der Hund schnüffelte am Boden entlang und rannte nach dem Giebelende der Scheune , dorthin , wo die Strohhaufen lagen , die sich wie fahle Sandberge rings um die Mauern auftürmten ... Blendend lag das Mondenlicht auf der weißen Tünche der Wand und schillerte auf dem hellgelben Boden ... Man hätte eine Stecknadel finden können ... Nichts war zu bemerken , nur an einer Stelle schien das Stroh zerwühlt ... Aber halt ! - Wie kommt die Leiter hierher , die an der Wand lehnt ? Die Leiter , die noch vor zwei Stunden an der Innenseite des Zaunes platt auf dem Boden gelegen ? Wer hat sie von ihrem Platz genommen ? Und - beim Himmel , was ist das ? - - - - - Wer hat die Luke des Giebels geöffnet ? Die Luke , die er selbst von innen verriegelt hat , ehe die Garben das Fachwerk füllten ? - - - Unten am Fuße der Leiter schimmerte der Boden feucht , als habe man eine Flüssigkeit verschüttet ... Ein Dunst von Petroleum stieg aus der Lache empor . Mit zitternden Händen griff er in die Halme hinein , die den Boden bedeckten . Ja , sie waren naß , und der üble Geruch teilte sich den Fingern mit , die sie berührt hatten . Er fühlte seine Knie wanken , eine dumpfe , fürchterliche Ahnung umnebelte seine Sinne - mit Mühe raffte er sich auf und stieg die Leiter hinan , bis er die Luke erreicht hatte . Unten winselte der Hund ... » Such den Herrn , Turk , den Herrn ! « Das Tier brach in freudiges Heulen aus und rannte schnüffelnd im Kreise umher , bis es die Fährte gefunden zu haben schien . Paul starrte ihm nach . Sein Leib zitterte fiebrisch in qualvoller Erwartung . Zum Hoftor ging des Tieres Weg . - Also wirklich ! Der Vater war ' s gewesen , der es geöffnet hatte ! Aber dann - dann ! Wohin wird er sich wenden ? » Such den Herrn , Turk , den Herrn ! « Der Hund heulte noch einmal kurz auf und rannte dann spornstreichs auf dem Weg nach - Helenental von dannen . Nach Helenental - was will der Vater in Helenental ? Ja , hat er nicht jüngst davon gesprochen , er sei nachmittags dort gewesen , » probeweise , « wie er sagte . - Probeweise ! - Und wie seltsam , wie unheimlich er dazu gelacht . Und heute noch - wie rätselhaft war sein Gebaren ! Und als vom Scheunenbrande die Rede war , was wollten da seine Worte , daß es sich prächtig träfe heute ? - warum gerade heute ? Nun gilt ' s des Rätsels Lösung zu finden , eh ' s zu spät ist ! Hilfesuchend starrte er um sich . Seine Hand tastete unwillkürlich in das Dunkel der Lukenöffnung hinein und ergriff - den Henkel einer Blechkanne , die dort versteckt unter den Garben stand ... Es war der Petroleumbehälter , den er gestern frisch hatte füllen lassen . Und auf wessen Rat ? Wer war gekommen und hatte gesagt - - - ? » Vater , Vater , um Jesu willen , was willst du in Helenental ? « Und jetzt - wieviel ist noch drinnen ? Kaum halb voll ist sie , kaum halb voll ! Und wie er sinnlos um sich weiter tastete , fand er Pakete mit Streichhölzern , die