, mit weißen Sternchen besät , und hohe Stiefel an den schlanken Füßen , unter denen der Schnee knisterte . Und munter und frisch war sie , daß es ein Vergnügen hätte sein müssen , sie anzusehen , wenn einem das Herz nicht voll des Grolls gegen sie gewesen wäre . Bei der Umzäunung der Grubenhütte angelangt , hemmte sie , wie sie pflegte , den Schritt und musterte das Häuschen vom Grunde bis zum Firste . Plötzlich richtete Pavel sich von seiner Arbeit auf , warf die Hacke hin , und auf das Mägdlein zuschreitend , sprach er : » Was schaust ? « Und sie , überrascht , aber nicht im mindesten erschrocken , wurde sehr rot und erwiderte : » Was soll ich schauen ? « » Nichts « , versetzte Pavel unwirsch , » gar nicht schauen sollst , weitergehen sollst . « Das schien jedoch keineswegs ihre Absicht , vielmehr hatte sie sich dem Zaun genähert , und da Pavel dies seinerseits auch getan , standen sie ziemlich nahe aneinander . Sie , in der ganzen Zuversicht ihrer Schönheit , ihrer Jugend , ihres Frohsinns ; er in seiner befangen machenden Erbitterung gegen sie , gegen ihre lügenhafte Anmut und Holdseligkeit . Slava hatte ihren Korb neben sich auf den Boden gesetzt und bewachte ihn fortwährend mit ihren Blicken , als ob sie fürchte , daß er davonlaufen werde , sobald sie ihn aus den Augen ließe ; und so , mit gesenkten Lidern und leise bebenden Lippen , sagte sie : » Ich schau das Haus an , weil ich mich nicht getrau , dich anzuschauen . « Pavel zog die Brauen finster zusammen und murmelte etwas von einem » bösen Gewissen « . Da wurde sie wieder rot : » Wer hat ein böses Gewissen ? « » Der fragt . « » Ich ? ... warum hätte denn ich ein böses Gewissen ? « Die geheuchelte Treuherzigkeit , mit welcher diese Frage gestellt war , erweckte Pavels Zorn , und während tausend brennende Ausdrücke für denselben sich ihm auf die Lippen drängten , plumpste er heraus mit dem schwächsten , dem kindischesten : » Hast du mir nicht meine Ziegel zertreten ? « Das Mädchen erhob die Augen , ihr Blick ruhte voll und hell auf ihm : » Wann soll ich das getan haben ? ... Das hab ich nie getan . « » Lüg nicht « , herrschte er sie an . » Ich lüg nicht « , erwiderte sie , » warum sollt ich lügen ? Ich hab ' s nicht getan , und damit gut . « - Er glaubte ihr , er konnte nicht anders als ihr glauben , und schon etwas besänftigt , fuhr er fort : » Bist du mir nicht nachgelaufen mit einem Stein in der Hand ? « » Aber Pavel , wer wird sich denn sowas merken , was ein dummes Kind getan hat . Was hast du nicht alles getan ? « Sie schlug leicht und zierlich mit der Hand in die Luft : » Sowas vergißt man . Ich bitte dich , Pavel , vergiß das . « Er schwieg ; es überkam ihn wie Scham über sein allzu treues Gedächtnis . Hatte sie nicht recht ? - sowas vergißt man . Von Verzeihen , ja von Dankbarkeit gegen die Urheber unserer Prüfungen hatte Milada gesprochen , vom Vergessen der Beleidigung - nicht . Um ihm davon zu sprechen , von diesem gründlichsten Heilmittel , hatte die kleine nichtsnutzige Feindin kommen müssen . Sie sagte noch ein paar freundliche Worte , beugte sich , hob ihren Korb auf und setzte ihre Wanderung fort . Pavel blieb allein mit Lamur , mit seiner Arbeit und mit seinen Gedanken . - Vergiß , dann brauchst du nicht zu verzeihen ! Vergiß , dann hast du auch keinen Grund , dir etwas darauf einzubilden , daß du verziehen hast . Wenn man ' s nur träfe ! Er besann sich , daß er es einmal getroffen hatte der hübschen Widersacherin gegenüber , damals , als er aus dem Schloß gestürzt kam , voll des Glücks über das große Geschenk der Frau Baronin . Und was einmal zufällig und unwillkürlich gelang , sollte es nicht wieder gelingen können , freiwillig und mit gutem Bedacht ? Bei ihrem nächsten Gange zum Forsthause hielt Slava abermals ein Ständchen mit Pavel , und seine erste Frage an sie war : » Wenn du kein schlechtes Gewissen gegen mich gehabt hast , warum hast du dich gefürchtet , mich anzuschauen ? « » Weil du immer so verdrießlich gewesen bist und schreckliche Augen auf mich gemacht hast . Das mag ich nicht , ich hab ' s gern , daß man fröhlich ist und mich freundlich ansieht . « Mit diesem » man « meinte sie nicht etwa ihn allein , sie meinte jeden . Pavel täuschte sich nicht lange darüber . Es war ein Teufelchen der Lustigkeit in ihr , das sie antrieb , den Ernst zu bekämpfen , wo immer sie ihm begegnete ; und diese Lustigkeit , die fast bis an die Grenze der Ausgelassenheit gehen konnte , verbunden mit den hohen Ehren , in welchen sie ihr nettes Persönchen hielt , und ihrem jungfräulich züchtigen Wesen machte ihren von jung und alt empfundenen Zauber aus . Auf niemanden jedoch wirkte er unwiderstehlicher als auf Arnost ; den hatte sie völlig umstrickt , und er machte Pavel gegenüber weder ein Hehl aus seinen Liebesschmerzen noch aus seiner Eifersucht auf ihn . Als ein verständiger , mit praktischem Sinn ausgerüsteter Bursche fand er nichts erklärlicher , als daß Slava den Inhaber eines Hauses und eines Feldes ihm , der nur ein Haus und den dazugehörenden kleinen Gemeindeanteil besaß , vorziehen müsse . Daß Pavel in die Reihen der Bewerber um die Gunst oder die Hand des hübschen Mädchens zu treten beabsichtige , schien ihm so ausgemacht , daß er nicht einmal danach fragte , und sein Freund , dem er das zu verstehen gab und der schon hatte sagen wollen : Bist ein Narr , ich denk nicht an sie , sie ist mir gleich wie was , verschluckte diese Antwort ; denn - er wollte nicht lügen . Gleichgültig war sie ihm nicht , sie hatte es doch auch ihm angetan . Nicht wie dem Arnost ; von einem blinden Verliebtsein war bei ihm keine Rede , aber warm machte ihm ihre Nähe , und überaus gut gefiel sie ihm , und überaus lieb wäre es ihm gewesen , wenn er den Zweifel hätte loswerden können , der sich in ihrer Gegenwart immer wieder meldete und eine gewisse bange , unbestimmte Erwartung : Jetzt und jetzt wird sie etwas tun , das mir ans Herz greifen und mir die Freude an ihr verderben wird . Ein anderes Bedenken , das ihn früher schwer gepeinigt hatte , war er ganz losgeworden , das : Wird mich denn eine Ordentliche nehmen ? Wird eine Ordentliche unter einem Dach mit meiner Mutter leben wollen ? Nun , die Slava war eine Ordentliche und ließ ihn merken , daß sie ihn nehmen würde , obwohl sie recht gut wußte , daß die Mutter heute oder morgen heimkehren und Aufnahme finden werde bei ihrem Sohn . Sie fragte ab und zu nach ihr und sprach einmal : » Eine Mutter bleibt halt doch immer eine Mutter ; sie soll sein , wie sie will , wenn man nur eine hat . Ich hab keine . « Pavel begrüßte sie nun stets sehr artig , machte nie mehr schreckliche Augen » auf sie « , verhielt sich aber , was auch in seinem Innern drängte und gärte , äußerst zurückhaltend gegen die Kleine , während Arnost vor ihr in Weichheit zerschmolz oder in Flammen aufloderte . Der verliebte Bursche war immer genau unterrichtet von jedem ihrer Schritte , und immer traf sich ' s , daß er an den Tagen , an denen sie einen Botengang ins Forsthaus unternahm , zufällig just nichts zu tun hatte und sich Pavel zur Verfügung stellen konnte , um ihm bei seiner Arbeit behilflich zu sein . Kam die Erwartete dann , so fand sie die zwei an den Zaun gelehnt und ihrer harrend . Wer es in größerer Sehnsucht tat , ob der Ernste , Verschlossene , ob der andere , sie selbst wußte es nicht . Sie benahm sich mit beiden gleich herzlich , gleich kameradschaftlich , sprach aber mehr mit Arnost , weil sich der viel besser aufs Scherzen und Spaßen verstand . Nach Weihnachten brachte Slava einmal eine Kunde aus dem Schlosse , durch welche alle eingeschlummerten Sorgen Pavels über seine Schwester wieder wachgerüttelt wurden . Milada war krank gewesen , die Frau Baronin hatte neuerdings einen Besuch im Kloster gemacht und war von neuem getröstet heimgekehrt . Es ging besser , versicherte sie , es ging gut . Dennoch hatte sie sich von » ihrem Kinde « nicht leicht getrennt , gedachte bald zu ihm zurückzukehren und dann mehrere Wochen , als Gast der Frau Oberin , im Kloster zu verweilen . Vorher aber ließ sie Pavel sagen - wolle sie ihn noch sprechen . Er beeilte sich , von der Erlaubnis Gebrauch zu machen , fand die alte Dame gebeugt und unruhig und , je mehr sie das war , desto bemühter , sich selbst Frieden zu erringen und den der anderen nicht zu stören . Die Frau Baronin gab Pavel das Versprechen , ihm unmittelbar nach ihrem Eintreffen in der Stadt eine Zusammenkunft mit Milada zu erwirken , und nahm dafür sein Wort in Empfang , daß er sich um eine solche nicht auf eigene Hand bemühen werde . Er schrieb an Milada , erhielt einige schöne , tröstliche Zeilen , wartete auf die Abreise der Frau Baronin , und als diese erfolgte , auf die Berufung zu seiner Schwester . Sein Herz war schwer und wurde nur etwas leichter , wenn es Pavel gegönnt war , sich an dem Anblick des holden Mädchens zu laben , das Arnost und er nicht mehr anders als die » Goldamsel « nannten . Die Zeit kam , in welcher er es töricht zu finden begann , sich länger gegen die in ihm aufkeimende Neigung zur Wehr zu setzen . Daß Slava eine besondere Liebe für ihn hege , bildete er sich nicht ein ; aber er zweifelte auch nicht , daß sie , wenn Arnost und er um sie freiten , ihm den Vorzug geben und , einmal verheiratet , ein braves Weib sein werde , wie sie ein braves Mädchen gewesen war . Aus Rücksicht für den Freund auf sie zu verzichten , der Gedanke war ihm im Anfang allerdings manchmal durch den Sinn geflogen ; aber diese Regungen der Großmut hatten sich in dem Maße vermindert , als sein Wohlgefallen an dem munteren Ding wuchs und wuchs . Gegen Arnost war er so aufrichtig wie dieser gegen ihn . » Wie lieb du sie hast , ich hab sie lieber « , sagte Arnost . » Was nützt das , wenn sie mich nimmt « , sagte Pavel . » Und ich werd sie nächstens fragen , ich will auch einmal glücklich sein . « Arnost erwiderte : » Frag sie . « - Sein Entschluß war gefaßt . Am Tage , an dem Pavel das Jawort Slavas erhielt , wollte er die Hütte , in welcher er seit dem Tode seiner Mutter allein hauste , verkaufen und Soldat werden . Es ist kein schlechtes Leben beim Militär , besonders für einen , der es wie Arnost schon nach zweimonatlicher Dienstzeit zu einer Charge gebracht hat . Eines nebligen Januarvormittags kam er in höchster Aufregung zu Pavel und teilte ihm mit , heute mache die Kleine ihren letzten Besuch beim Oberförster , er sei gesund , die Sendungen aus dem Schlosse hörten auf . Arnost stand der Angstschweiß auf der Stirn , in seiner Brust ging es zu wie in einem Pochwerk . » Ich halt ' s nicht mehr aus « , sagte er . » Heute mußt du reden , oder ich rede . « » So red « , sagte Pavel , » ich werd aber auch reden . « Sie sahen einander mit Augen an , aus denen der Haß funkelte , und gingen hinter dem Zaun hin und her wie zwei Löwen im Käfig . Lamur saß auf der Schwelle , schwarz und häßlich , und beobachtete in stiller Verachtung die beiden von der Leidenschaft gequälten Menschenkinder . Nun brach ein breiter Sonnenstrahl durch den weißen Dunst , der ringsum auf den Feldern und Wegen lagerte , und verwandelte ihn in licht und farbig glitzernden Duft , von dessen durchsichtigen Schleiern umwoben die kleine Slava herannahte , an diesem Tage , gerade an diesem , an dem die feindlichen Freunde ein Wort im Vertrauen an sie zu richten gedachten , nicht allein . Sie hatte eine Begleiterin mitgenommen - die Vinska . Arnost und Pavel entdeckten es zugleich , und der erste rief und der zweite murmelte : » Verwünscht ! « Ein kleines Stück Weges hinter dem jungen Weibe und dem jungen Mädchen kam die Schar der Holzknechte . Sie gingen heute so ungewöhnlich spät in den Wald , weil gestern Sonntag gewesen war und weil ein Holzknecht , der sich achtet , » am Montag früh immer Feierabend macht « , wie Hanusch zu sagen pflegte . Vinska schien es für nötig zu halten , ihr Kommen dadurch zu erklären , daß sie mit dem Herrn Oberförster wegen des Ankaufs von Bauholz sprechen müsse und sich Slava angeschlossen habe , weil sich ' s zu zweien doch immer besser gehe . Arnost fing das Wort sogleich auf , gab ihr recht , und ihre Gefährtin anstarrend , stammelte er etwas Verworrenes von der Torheit , das nicht einzusehen und lieber allein dahinzuzotteln durchs Leben , statt mit einem , der einen übermenschlich gern hat . Pavel flüsterte ihm ein zorniges : » Red du nur ! « zu , und nachdem sein erster Verdruß über Vinskas Anwesenheit verraucht war , forderte er sie und Slava auf , bei ihm einzutreten und ein wenig zu rasten . Damit öffnete er das Gitterpförtchen und hieß sie , nachdem sie seiner Einladung Folge geleistet hatten , nicht ohne hausherrliche Würde , auf eigenem Grund und Boden willkommen . Diese Höflichkeit vollzog sich vor den Augen der heranrückenden Holzknechte und gab den wüsten Gesellen Anlaß zu Glossen der empörendsten Art. Pavel wußte keine Antwort darauf , und von seinem Platze aus rief er mit unterdrückter Wut den Holzknechten zu : » Packt euch ! « Sie erwiderten mit Roheiten , schlimmer als alle vorhergehenden , und Hanusch , bequem an den Zaun gelehnt , die Pfeife zwischen den Zähnen , tat , als ob er den im Gärtlein liegenden Dachstuhl aufmerksam betrachtete , und sprach : » Der is ja fertig , jetzt kannst anfangen , den Stall zu bauen ... Bau ihn ! bau ihn ! tummel dich , die du einstellen willst , is schon auf ' m Weg ... die aus ' m Zuchthaus ! « » Die , ja - die ! « scholl es im Chor , und Hanusch schrie , daß die Adern an seinem Halse schwollen : » Nehmt ihn ! Weiblein ! Vor der Schwiegermutter aus ' m Zuchthaus braucht ihr euch nicht zu fürchten , die kommt in den Stall , die Mutter ! ... « Die Worte reuten ihn . Pavel hatte sich aufgebäumt , aus seiner Brust drang ein gräßliches Stöhnen , über seine Zähne floß das Blut der zerbissenen Lippe . Einen Augenblick schaute er ... Da stand die Frau , die er geliebt hatte - da stand das Mädchen , das er liebte , da der ehrliche Bursche , dem er es streitig machen wollte , und dort am Zaun der Schurke , der ihn in ihrer Gegenwart unauslöschlich beschimpft hatte ; auf dem Boden aber , zu seinen Füßen , lag sein gutes Zimmermannsbeil . Die Dauer eines Blitzes , und er hatte es ergriffen und geschleudert . - Hanusch kreischte und bog aus . Das nach seinem Kopf gezielte Beil flog haarscharf an seinem Ohr vorbei . Alle schrien . Pavel stieß Vinska weg , die ihm den Weg vertreten wollte , schwang sich über den Zaun und sprang mitten unter die Holzknechte hinein . So furchtbar war er anzusehen , ein so maßloser Zorn sprühte aus seinen Augen , daß der ganze Trupp vor ihm zurückwich - am weitesten Hanusch , die Hand am Ohr . Aber schon war er ereilt und gestellt von einem , der noch rascher gewesen als Pavel . Lamur hatte ein unheilverkündendes Knurren ausgestoßen , sich seinem Herrn vorangeworfen und Hanusch an der Gurgel gepackt . Der glitt aus , wankte und stürzte dicht vor Pavel nieder , die hervorgequollenen Augen in verzweiflungsvoller Angst auf ihn gerichtet , der schon seinen Fuß erhob , um den Mund zu zermalmen , der ihm solche Schmach angetan .. Plötzlich jedoch , wie von Abscheu und Entsetzen ergriffen , totenbleich geworden , stampfte er den Boden und rief : » Zurück , Lamur ! « Ungern ließ der Hund ab von seiner Beute . Hanusch erhob sich mühsam , seine Genossen machten Miene , alle zusammen auf Pavel loszugehen , besannen sich aber eines anderen . Sie parlamentierten noch eine Weile mit Arnost , während Pavel , dumpf vor sich hinbrütend , dastand , und zogen endlich , kleinlaut geworden , weiter . Erst in einiger Entfernung vom Grubenhaus faßten sie den Mut , sich zurückzuwenden und in Drohungen zu ergehen , auf welche niemand hörte und die auch nicht erfüllt wurden . Die Zurückgebliebenen bildeten eine kleine stumme Gruppe . Pavel schien der letzte sein zu wollen , das Schweigen zu brechen . Er war an die Tür der Hütte getreten und sah zu seinem Hunde nieder , der seinen Blick ernst und verständnisvoll erwiderte . Eine Weile verging , bevor sich Slava so weit ermunterte , daß sie Pavel an seine vorhin gemachte Einladung erinnern konnte . Halblaut erneuerte er dieselbe und lächelte das Mägdlein , auf dessen Gesicht sich die Spuren des überstandenen Schreckens malten , fremd und traurig an . Man trat ins Haus , in die durch Habrechts Großmut eingerichtete Stube mit der niederen Decke , mit den kleinen Fenstern und dem Fußboden aus gestampftem Lehm . Der Tisch stand in der Mitte der Stube , wie er in der Mitte des Lehrerzimmers gestanden hatte , der alte Lehnstuhl und drei Sessel um ihn herum . In der Ecke , der Herdnische gegenüber , der schmale Schrank , der das Heiligtum des Hauses trug , des Freundes kostbares Vermächtnis , die Bücher , in denen immer zu lesen er Pavel empfohlen hatte . Nicht umsonst ; man sah es den schlichten Bänden an , daß sie oft , wenn auch in schonender Ehrfurcht , zur Hand genommen wurden . Vinska nahm Platz im Lehnstuhl , Slava auf einem Sessel neben ihr . Die erste schwieg , die zweite äußerte sich verbindlich über die Reinlichkeit , die im Hause herrschte , brach aber ab , verwirrt durch die strengen Mienen der drei anderen . Arnost war zu Pavel getreten und hatte ihm ein paar Worte zugeraunt , und Pavel hatte den Kopf geschüttelt , sich nicht mehr geregt und stand , wie auf dem Fleck angewurzelt , in finstere Gedanken versunken . Lange bezwang sich Arnost , zuletzt aber siegte seine Ungeduld ; er faßte Pavel bei der Schulter und sprach : » Was simulierst ? Hör schon auf ... Was liegt dir dran , was ein paar Betrunkene reden ? « » Ja « , fiel die Kleine mit ihrer glockenhellen Stimme ein , » was liegt dir dran ? Laß die Leut reden , und sprechen wir lieber von was Lustigem . « Pavel horchte auf - eine so liebe Stimme , und konnte doch einen Mißklang erwecken . » Von was Lustigem ? - Gut - ich hab ' s nicht anders im Sinn . « Er lachte herb und trocken , kam auf den Tisch zu und wandte sich an die Kleine : » Ich bin ein Freiwerber « , sprach er , » für den da , für den Arnost . Wir haben es schon lang zusammen ausgemacht , daß ich dich fragen soll , ob du ihn nimmst ? « » Mach keinen schlechten Spaß « , fuhr ihn Arnost derb an , » was soll denn das heißen ? « Und noch derber gab Pavel zurück : » Willst vielleicht nicht mehr werben ? Ist die Lieb schon verraucht ? ... « » Oh , was die Lieb betrifft ... « Der Ausdruck , mit dem diese Worte gesprochen wurden , erledigte die Frage übergenügend . Eine Viertelstunde später verließ ein Brautpaar die Hütte Pavels . Der Bräutigam glückselig , die Braut still zufrieden . Arnost war ihr lieber als Pavel ; noch lieber jedoch wäre ihr Arnost mit dem Felde Pavels gewesen . Vinska empfahl sich zugleich mit den Verlobten , die sie ins Forsthaus begleiten wollte . Am Ausgang des Gärtchens jedoch hieß sie die jungen Leute vorangehen , blieb stehen und sprach zu Pavel : » Was war das jetzt ? Es hat geheißen , du hast die Slava gern ? « » Ich hab sie auch gern « , rief er , und mit seiner Selbstbeherrschung war es zu Ende ; » aber wie soll denn ! ich heiraten , wie soll denn ich ein Weib nehmen , ich , dem ' s alle Tag geschehen kann , er weiß nicht wie , daß er einen erschlagen muß , weil er sich nicht anders helfen kann ? Ich hab Schand fressen sollen , dazu hat die Mutter mich geboren . Jetzt haben sie was Bessres aus mir machen wollen , der Herr Lehrer und meine Schwester Milada , und jetzt schmeckt mir die Schand nicht mehr , und jetzt bring ich sie nicht mehr hinunter , das ist mein Unglück . « Nach einer Pause , in welcher Vinska die Augen fest auf den Boden gerichtet hielt , sagte sie : » Du bist mitgegangen beim Begräbnis von meinem armen Peter . Ich hab dir noch nicht danken können , weil du mir immer ausweichst . « Er zuckte die Achseln und erwiderte : » Ich werd dir nimmer ausweichen . Leb wohl . « » Lieber Pavel « , nahm sie nach abermaliger Pause wieder das Wort ; » eh ich geh , mußt du noch was anhören . Ich hab keine Ruh , die Leut lassen mir keine Ruh . Mein armer Peter ist erst drei Monate tot , und ; schon haben sich zwei Freier bei mir gemeldet . « » So such dir einen aus . « » Ich glaube « , sagte Vinska , nachdem sie eine Weile in den Schnee geblickt , » daß ich eine Witfrau bleiben werde . « » So bleib eine Witfrau . Leb wohl . « Schon im Begriffe zu gehen , wandte sie sich noch einmal zu ihm und begann von neuem mit beklommener Stimme : » Du hast gut sagen : Leb wohl . Wenn man gegen jemanden so schlecht gewesen ist wie ich gegen dich , lebt sich ' s nicht wohl ! « » Deswegen brauchst dir keine grauen Haare wachsen zu lassen « , sprach er ruhig ; » das hab ich alles vergessen . « Sie senkte den Kopf auf die Brust , ein Schmerzenszug umspielte ihren Mund : » Und du « , fragte sie , » wirst du wirklich immer ein Junggesell bleiben ? « » Ja « , entgegnete er ; » ich bleib der einsame Mensch , zu dem ihr mich gemacht habt . « 19 Die Nachricht , die Pavel aus der Stadt erhalten sollte , traf ein und lautete sehr unbefriedigend . Die Frau Baronin ließ sagen , noch könne ihm die Erlaubnis , seine Schwester zu besuchen , nicht erteilt werden ; aus welchem Grunde , solle er später erfahren und sich vorläufig in Geduld fassen . Bald darauf kam ein Brief von Milada , in welchem sie Pavel bat , sein Kommen aufzuschieben . Auf das liebreichste dankte sie im vorhinein für die Erfüllung ihrer Bitte , vertröstete ihn auf das Frühjahr , versicherte , daß es ihr von Tag zu Tag besser gehe , und schloß mit der Kunde , daß ihre Einkleidung , auf welche sie sich unaussprechlich freue , im Mai stattfinden werde . So mußte Pavel sich bescheiden und tat es : doch wurde es ihm nicht leicht . Jede Woche wenigstens einmal ging er ins Schloß und fragte : » Ist die Frau Baronin zurückgekommen ? « und erhielt immer zur Antwort : » Nein . « - » Hat sie auch nicht geschrieben ? « - » Das wohl - um Anordnungen zu treffen , die auf eine neue Verzögerung ihrer Rückkehr schließen lassen . « Mit der Heirat Slavas , die ihr pflichtgemäß angezeigt worden , hatte sie sich einverstanden erklärt , dem Mädchen die erbetene Entlassung und ein Geschenk gegeben , das nicht nur hinreichte , um die Kosten der Hochzeit zu bestreiten , sondern auch , um ein rundes Sümmchen für die Wirtschaft zu erübrigen . Dies alles , weil Slava , obwohl von früher Jugend an verwaist und auf eigenen Füßen stehend , sich stets brav geführt und nun unbescholten an den Altar treten konnte . Am dritten Sonnabend nach Ostern fand die Trauung statt . Pavel fungierte als Brautführer . Er hatte sich schwer dazu entschlossen , tat es aber dann in guter Haltung und mit Stolz auf seinen über sich selbst errungenen Sieg . Anton der Schmied vertrat die Stelle des Brautvaters , Vinska die der Brautmutter . Sie war trotz des großen Witwentuches , das sie sich über den Kopf gezogen hatte , schöner als die Braut selbst . Der Herr Pfarrer sprach die Traurede mit ganz ungewöhnlicher Wärme , beehrte auch die Neuvermählten mit seiner Gegenwart beim Festessen im Wirtshause . Der Doktor , der Verwalter , der Förster , der Bürgermeister und einige große Bauern kamen , ihren Glückwunsch zu bringen und den Dank des jungen Paares für die ihm ins Haus geschickten Geschenke zu empfangen . Alles ging ohne unanständigen Lärm , einfach , aber » urnobel « zu . Nach dem Essen wurde getanzt , und nun ereignete sich das Erstaunliche . Virgil , der seit Jahren nur noch schleichen konnte , führte mit einer ungefähr im gleichen Alter wie er stehenden Magd eine Redowatschka an . - Als die Musik auf sein Geheiß die Weise des längst aus der Mode gekommenen Tanzes angestimmt , hatten sich die Gesichter aller anwesenden alten Leute erheitert . Die Männer standen auf , jeder winkte der » Seinigen « , sie legten die schwieligen Hände ineinander und schwenkten sich im Tanze hinter dem Hirten und seiner grauen Partnerin . Einmal wieder kamen sie in freundlicher Eintracht zusammen , die alten Paare , die vielleicht längst nichts mehr kannten als Hader oder Gleichgültigkeit . Da spielte ein verschämtes Lächeln um manchen welken Frauenmund , da blitzte es unternehmend aus manchem trüben Männerauge . Bei der lieben Redowa erinnerten sie sich der Tage , in denen sie jung gewesen waren und einander sehr gut , und tanzten sie unter dem Applaus ihrer Kinder und Enkel durch bis ans Ende . Manches hübsche Mädchen hatte Pavel schon angeblinzelt und gefragt : » Was ist ' s mit dir ? Kannst nicht tanzen ? « » Weiß nicht « , gab er zur Antwort , » hab ' s noch nie probiert . « » So probier ' s jetzt . « Aber das wollte er nicht , um nichts in der Welt sich da lächerlich machen vor einer so großen Versammlung ; er blieb dabei und widerstand sogar den Bitten Slavas , die durchaus wenigstens einmal mit ihm getanzt haben wollte an ihrem Ehrentage . Dem Beispiel , das er im Entsagen gab , folgte die Vinska . Sie drohte sogar , das Fest zu verlassen , als der stürmischste ihrer Freier sie zwingen wollte , mit ihm in den Reigen zu treten Pavel und sie wechselten hie und da ein Wort ; von seiner Seite , wenn nicht in Freundschaft , so doch in Frieden , von der ihren in tiefem Dank dafür , daß er mehr als verziehen daß er vergessen hatte . So war es auch ; mit der Liebe zu ihr war die Erinnerung an das Leid erloschen , das er durch sie erfahren . Und wenn es ihm gelungen , sagte er sich , diese erste Liebe , die im Kern seines Daseins gewurzelt hatte , mit ihm gewachsen und stark geworden war , zu besiegen , sollte es ihm nicht ein Leichtes sein , der zweiten , über Nacht an seinem Lebensbaum erblühten Herr zu werden ? - Ein paar schmerzliche Regungen galt es noch zu überwinden , und er war ein freier Mensch - für immer , so Gott will , einsam und frei . Daß er sich in dieser Freiheit wohlfühle , dazu trug heute alles bei . Der Tag war nicht nur für Arnost und Slava , er war auch für ihn ein Ehrentag . Zum ersten Male stand Pavel auf gleich und gleich mit den Besten , die er kannte , unter einem Dach . Angesehene Bauern grüßten ihn , der Förster sprach lange mit ihm in fast väterlicher Güte , der Herr Pfarrer holte seine Meinung in einer landwirtschaftlichen Frage ein , der Schmied wollte durchaus die Geschichte von der Maschine öffentlich erzählen und ließ sich nur aus Rücksicht für Vinska davon abhalten . Arnost beteuerte ihm laut und begeistert seine Dankbarkeit und ewige Freundschaft