Vergnügen , Herr Leutnant ! « Ihre ! Satansaugen funkelten und schleuderten ihm Blitze nach . » Gefall ' ich Dir so ? « rief sie ihrem Gatten zu , sich mit erhobenen Armen zwischen die Thürpfosten spreitzend und den Leib kokett schwingend , so daß die Linie von der Achselhöhle bis zur schlank erscheinenden Lende und von da über die Schenkel hinweg verführerisch spielte . Er sah sie an , nickte und atmete schwer . Sie ging in ihr Zimmer zurück , das als Empfangssalon für besondere Gelegenheiten diente und am entgegengesetzten Ende des Ganges auf der Hofseite lag . Der Preßbandit hatte sich wieder in die Briefschaften vertieft . Er bemühte sich vergeblich , das französische Schreiben des Bankiers noch einmal für sich zu entziffern und legte es dann kopfschüttelnd beiseit . » Für das Mitwissen wenigstens muß der Kravattenfabrikant Weiler Haare lassen , so viel steht fest ; bin ich Teilhaber des Geheimnisses , will ich auch Teilhaber des Profites sein , den ' s abwirft . Mein Leutnant ist in manchen Stücken faktisch gescheidter , als ich , sein General . Ausbeuten heißt die Parole . Was bringt ' s ein ? ist der Hauptgesichtspunkt in allem . Ich bin noch viel zu sehr Idealist . Und auch darin hat der Kropfer recht : man muß sich nach der Gefährlichkeit einer Sache bezahlen lassen . Den Franzosen Paillard muß ich nach ganz anders schröpfen . Daß ich ein Narr wäre , das Nilpferd für ein so Billiges an der Nase herumzuführen . Süddeutschland wimmelt von französischen Spionen , einer dümmer als der andere , aber die in München sind schon die dümmsten und filzigsten . Und wenn alle Informationen , die ihm mein Weib vermittelt , auch keinen faulen Radischwanz wert sind , so muß von nun an doch das Doppelte herausgeschlagen werden . Geld , Geld , Geld regiert die Welt , Kanonendonnerwetter . Das ist das einzige Positive . Ich werde dem Paillard den Standpunkt klar machen . Thu Gold in Deinen Beutel , viel Gold - wie Lessing sagt . « Und er saß lange in Gedanken und heißen Wünschen und verzehrender Gier nach Geld und Geldeswert , den Ellbogen auf die Briefe , den häßlichen , dicken Kopf auf die Hand gestützt . Weiter ! Das nenne ich eine elegante Zuschrift , fein und duftig wie ein Liebesbriefchen ; so drückt sich die Verehrung , welche der Absender für den Empfänger empfindet , schon im Äußern aus . Hören wir : Sehr geehrter Herr Redakteur Sie sind ein Meister des subtilen Totschlags ; schleichendes Gift , indianerhaft präparierte Pfeilspitzen , Dolche , Nadeln - alle Mordwaffen handhaben Sie mit bewundernswerter Treffsicherheit . Sie sind ein Unikum in der deutschen Presse . Wo Sie hinhauen , welkt die Blüte , verdorrt das Gras . Im Namen eines hohen Sportsmanns heische ich Ihre Dienste . Eine kleine , niedliche Künstlerin soll in seinem Auftrage wie ein Reh in das Revier Ihres Blattes getrieben und dort mit waidmännischer Kunst zu Tot gehetzt werden . Wollen Sie uns das Vergnügen machen ? Über das Honorar und das Übrige werden wir uns nach empfangener Zusage sofort verständigen . Antwort unter A.H. hauptpostlagernd München . Kanonendonnerwetter , diesmal gilt ' s in der That ein Meisterstück um Meisterlohn . Der hohe Sportsman hat sich an den Rechten gewandt . Wir werden mit einander zufrieden sein . ( Während des Antwortschreibens pfeift er den Refrain » Fest steht und treu die Wacht , die Wacht am Rhein « ) . Diesmal hoffe ich mich selbst zu übertreffen . Kanonendonnerwetter , da ist ja noch ein Postskriptum auf der andern Seite . Selbstverständlich verpflichtet sich mein ritterlicher Auftraggeber , seiner Generosität keine Schranken zu setzen , falls Ihnen in Ausübung Ihres Berufes in seinen Diensten irgend ein Unfall zustoßen sollte oder wenn Sie von irgend einem pedantischen Staatsanwalt wegen Jagdfrevels oder Thierquälerei gefaßt würden und ein bischen bluten oder brummen müßten . Sie werden für sämtliche unangenehme Folgen , welche Ihnen das kunstgerechte Tothetzen unseres lieben , niedlichen Rehs etwa zuziehen könnte , vollauf entschädigt werden ... Da sage noch einer , daß es keine Noblesse mehr in der Welt gibt ! Dieser Brief ist ein Dokument zum Küssen ... » Ah , Herr Chefredakteur , guten Morgen ! Ist ' s erlaubt , einzutreten ? « Der Preßbandit fuhr auf . » Sehr angenehm , Herr Paillard ! Es ist mir eine große Ehre , Sie wiederzusehen . Wir sind ganz allein , aber ich bin gerade sehr beschäftigt . In der Hitze des Gefechtes habe ich sogar einen für Sie bestimmten Brief erbrochen . « » Wie das ? Das ist ja sehr merkwürdig . « » Sehen Sie , unsere beiden Adressen standen hier nebeneinander . Der Irrtum ist erklärlich . Sie werden mir glauben , daß keine Absicht im Spiele war . « » Geben Sie her . « Nachdem er den Brief flüchtig gelesen , ohne die geringste Bewegung zu verraten , steckte er ihn zu sich mit den Worten : » Eine Kaprice von Monsieur Weiler , ganz ohne Bedeutung . « In Gedanken setzte er bei : » Verdammter Gauner von einem Winkeljournalisten . « » Verdammter Gauner , « dachte auch der Preßbandit in seinem Sinn . » Ich habe große Eile . Ihre Frau hat gewiß neue politische Liebenswürdigkeiten für mich ? Die bayerische Politik ist ja spannend wie ein Roman . Täglich neue Verwicklungen . Die widersprechendsten Gerüchte durchschwirren die Luft . Man munkelt sogar von einer Regentschaft . Der König soll entmündigt werden . Unerhört . Hoffentlich bestätigt sich das nicht . Das wäre zu fatal für unsere Pläne . Nein , nein . Was ich fragen wollte : was ist ' s denn mit diesem Baron Drillinger ? Ist er gewiegter Militär ? Hat er gute Verbindungen ? Genießt er Vertrauen ? Leicht zugänglich scheint er nicht zu sein . Ich habe ihn gestern beobachtet . Weiler war so gütig , mir seine Bekanntschaft zu vermitteln . Spricht man von seinen Geldverlegenheiten ? « » Mehr von seinen Liebschaften . « » Das weiß ich . Eine sentimentale , aber verschlagene Natur . Keine üble Disposition für unsere Zwecke . « » So lang er noch an dem Raßler ' schen Weib hängt , ist er schwer für anderes zu haben . Da muß er losgesprengt und mürbe gemacht werden . Ich werde Ihnen den Mann präparieren . Aber umsonst ist der Tod - verstanden , Herr Paillard ? Für meine neuen Dienste müssen Sie schon etwas tiefer in den Sack greifen , als seither . « » Ich sehe Ihren Vorschlägen entgegen . « » Die sollen Sie ehestens haben , gleichzeitig mit dem Bericht über Drillinger . Das Bewußte liegt bereit . Wollen Sie sich zu meiner Frau bemühen ? Sie werden von ihr erwartet . « » Ich eile zu ihr . Auf später also . « Der Preßbandit machte sich wieder an seine Korrespondenzen . » Ein Schmähbrief . Dreckseele und Nachttopf tituliert mich ein Gekränkter . Ist mir schnuppe , wie der Berliner sagt . Geschäft ist Geschäft . Wenn ich aber den Namen des empfindlichen Schmähbriefschreibers erfahren könnte , würde ich ihm die Dreckseele und den Nachttopf doch eintränken . Weiter : ein Bittsteller aus Nürnberg ; um Honorar für gelieferten Beitrag zu erbetteln , schmiert der Kerl drei Seiten voll . Lächerlicher Mensch . In den Papierkorb damit . - Weiter : noch ein Nürnberger , Göring heißt der Edle ; erbietet sich , den Ungespundeten Erwin Hammer und seine Kumpanei zu vivisezieren , legt eine Probe seiner Schneidekunst aus dem Fränkischen Kurier bei . Das besorgen wir vielleicht besser selbst , sobald sich ' s rentiert . Einstweilen in die Materialienmappe damit . Als gelegentlichen Handlanger wollen wir den Braven für die Kloake notieren . - Weiter : Sehr geschätzter Herr , einige Freunde wünschen sich den Baron Drillinger zu kaufen , um ihn in seiner ganzen Schönheit in Ihrem Blatte auszustellen . Was kostet der Mann ? Zeichnung und Text wird geliefert . Gefällige Antwort erbeten unter Chiffre X Y Z , Café Paul . Diskretion Ehrensache . Das trifft sich gut . Den Mann sollt ihr haben , aber billig wird er nicht abgegeben . Er gehört dem Meistbietenden . Was ist nur das wieder für ein hungriger Tintenkleckser , der auf diesen abgerissenen schmutzigen Wisch schreibt ? Jessas , unser berühmter Meistersinger : Dumm darf man schon sein , wenn man nur schon ist . Langt ' s wirklich keinen anständigen Briefbogen mehr , armer Millionär ? Und gelobt möchtest mal wieder sein - um einen Gotteslohn ? Nein , mein süßer Dummian , jetzt werden andere Saiten aufgezogen . Da wirst du kurios spitzen , du eitler Falschsinger mit drei Brillanten an jedem Finger . Andere Leute möchten auch einen Brillanten - verstehst Du ? - Weiter : die Brauerei zum fidelen Klosterbruder meldet ergebenst , daß ihr Bier vorzüglich sei - und schickt zugleich eine Anweisung auf dreihundert Mark für eine entsprechende Notiz . Dem Klosterbruder soll geholfen werden . Durch sechs Nummern meines Organs ist konstatiert , daß der Klosterbruder ein Saugesöff fabriziert , mit dem Dreihundert-Markschein hat er das gute alte Rezept wiedergefunden : die nächste Nummer soll konstatieren , daß er einen unfehlbaren Göttertrank braut . Ich brauch ' ihn ja nicht zu trinken und für die Bauchschmerzen der anderen bin ich nicht verantwortlicher Redakteur . Da fällt nur ein , daß mich die Gambrinusbrauerei nicht zur Bockprobe geladen , auch schon lange kein Inserat mehr hergegeben hat . Diese Vernachlässigung soll ihr teuer zu stehen kommen . München wird immer mehr Industrie- und Handelsstadt , und die großen Firmen beeilen sich nicht , der Presse ihren Tribut in klingender Münze zu zahlen ? Ich muß einmal strenge Musterung halten . Eine Reihe von Banken und Aktiengesellschaften sind gegründet worden , ganze Straßen haben sich mit neuen großartigen Geschäften bedeckt , ohne daß für mein Blatt eine Reklame oder ein Inserat abgefallen wäre . Ich muß diesen Lausern und Filzern Mores lehren , daß sie heulen und zähneklappern . Von allem , was da fleucht und kreucht , fordere ich meinen Teil . Merkt ' s. Na , wenn ich drei oder vier von diesen Geldsäcken gehörig zusammenkarwatscht habe , dann lassen die andern schon die Schwänze hängen und kommen herangewinselt . - Weiter : die neue Beamtenkreditbank weigert sich , ihre Rechenschaftsberichte in der Kloake zu veröffentlichen und ergeht sich in patzigen Redensarten . Warte , Kanaille , meine Feder wird bei nächster Gelegenheit ein furchtbares Blutbad unter deinem Aufsichtsrat anrichten . Notiert . - Weiter : der Konzertsänger Felix Vollnhals , Mitglied der k. Hofkapelle , verbittet sich jede fernere Kritik seiner Liedervorträge ; meine Kritiken seien nur Erpressungsversuche ; schon die bloße Nennung seines Namens in einem Schund- und Schandblatte wie die Kloake komme einer Beleidigung gleich . Infamer Brüllaffe ! Ich werde eine Stimmbandoperation mit dir vornehmen , daß dir die Freude am Singen und noch einiges andere vergehen soll . Was bildet sich denn der unverschämte Kehlenkunstreiter ein ? Wer macht denn das Renommee dieser Leute , wer treibt ihnen denn die zahlende und beifallblökende Herde mit den großen Ohren in ihre Konzertställe ? Wir Journalisten ! Und diese Eintagsberühmtheiten , die wir gemacht haben , wollen sich gegen uns aufprotzen ? Sich gegen mich aufprotzen ? Kanonendonnerwetter , ich will an diesem Pack einmal ein Exempel statuieren ... Wenn dieser Vollnhals auch nur ein einziges Mal sich als nobler Mensch gezeigt hätte ... Nicht einmal ein lumpiges Zehnmarkstück hab ' ich von ihm gesehen . Komm ' Bürschchen , laß dich ausbürsten ... Laß dir deine Tonleitern und Triller gründlich um die Ohren hauen ... Zur Exekution vorgemerkt . - Weiter : Was ? Der Bildhauer Achthuber , dieser Gipskopf , wagt es , mir den Ignoranten und Schandkerl an den Kopf zu werfen und mir mit diversen Rippenbrüchen zu drohen , wenn ich noch einmal seine Privatverhältnisse berühre ? O du verdammter Dreckkneter , eine solche Sprache erlaubst du dir mit mir ? ! ... « Der Preßbandit hatte sich in eine blutige Berserkerwut hineinmonologisiert ; seine plumpen stumpfen Finger umkrallten den dicken Korkfederhalter , als hätten sie schon die Bösewichte an der Gurgel , die es gewagt , den Kloaken-Chef so bitter an seiner journalistischen Ehre zu kränken . Der Einarm-Einaug sah doppelt scheußlich aus in dieser Erregung ; sein Gesicht war graugrün , sein Auge quoll starr aus den rotgeränderten Lidern , sein Mund hing schief , halbgeöffnet , mit dickflüssigem Geifer . O , er hätte Gift speien mögen , Gift ins Angesicht der ganzen Welt ... » Weiter ! « schreit er und greift nach einem andern Brief . Da klopft ' s. » Herrrein ! « » Kann ich das Vergnügen haben , den Herausgeber der Kloake unter vier Augen zu sprechen ? « » Bescheidener sein , junger Herr , mit drei Augen vorlieb genommen ! Mit wem habe ich die Ehre ? « entgegnet der Preßbandit kurz und grob , ohne sich von seinem Platz zu erheben , in zornigen Gedanken noch ganz bei seinen Briefschreibern . » Mein Name ist Maximilian Schlichting . « » Schlichting ? Sie sind der Hauslehrer der Frau Raßler ? « Verblüfft von der barschen Plötzlichkeit dieser Frage , antwortet er zurückhaltend : » Das wohl auch , doch nur nebenbei . Eigentlich bin ich ... « » Der jüngste Liebhaber der Frau Kommerzienrat ! « fällt ihm der Preßbandit hitzig in die Rede , mit irrem Blick , als spräche er zu einem Phantom . Schlichting war einen Augenblick wie betäubt . Er starrte den geifernden Einarm-Einaug an , als hätte er das grauenhafte Antlitz einer der schlangenbehaarten Gorgonen vor sich . Die Stube schwamm vor ihm wie im Nebel und daraus grinste ihn an das Haupt der Medusa , deren Anblick alles in Stein verwandelt ... » Der jüngste Liebhaber , hier steht ' s in meinen Akten ! « höhnte der Preßbandit aufs neue . In dieser Wiederholung empfand Schlichting jedes Wort wie einen Peitschenhieb . Das Blut saust ihm durch den Kopf , in seinen Ohren ist ein Zischen , Pfeifen und Tosen . Er will den Arm erheben , auf den Banditen eindringen , allein er ist wie gelähmt . » Mein Herr , ich verbitte mir eine solche Unverschämtheit . « » Zu verbitten haben Sie sich auf meinem Redaktionsbureau gar nichts , hier bin ich Herr . « Der Preßbandit richtet sich in seinem Lehnstuhl drohend auf . » Was wollen Sie ? « » Wie können Sie sich zu einer solchen unerhörten Insinuation erfrechen ? Was habe ich gethan , das Sie zu einer solchen Beleidigung berechtigte ? « » Der Beleidigte bin ich , hören Sie ? Hinaus ! - hinaus , sag ' ich ! « » Ich fordere Genugthuung ! « » Hinaus ! « » Sie sind ein Bandit ! « » Hinaus ! « - - - - - » Hahaha . Wie der Jüngling geflogen ist ... Das hat mir wohlgethan ... Ich fühle mich erleichtert ! « Bei dem ersten Schrei , der zwar durch die Entfernung gedämpft , aber doch vernehmlich in das Zimmer der Kloakenfrau drang , hob Monsieur Paillard seinen Kopf von dem Busen des Weibes , das mit einem Bein auf dem Sopha ausgestreckt lag , während das andere in verführerischem Spiel mit dem Fuße auf dem Schnabelschuh des neben ihr sitzenden Roués wiegte . » Was ist das nur ? « fragte Paillard aufhorchend . » O , das ist nichts , « erwiderte sie , ein nervöses Gähnen verschluckend , wobei sie ruhig fortfuhr , ihn mit ihren langen Fingern im Nacken zu krauen und zu kitzeln . » Das ist nichts ? Er schreit ja wie ein Besessener . « » Einer seiner Anfälle , wenn er durch irgend etwas aufgeregt wird . Da kann er ganz sinnlos thun . « » Aber das ist entsetzlich vulgär , meine schöne , holde Frau , « lispelte der verliebte Agent und legte eine Hand in ihren Schoß . » So gefällt er mir noch am besten . O , da kann er mit seinem Arm herumschlagen wie ein Epileptischer . Diese Wildheit mag ich . Er ist in diesem Zustand sehr stark , riesig stark ; gewöhnlich ist er ja schlaff und feig ... « Ein Wollustschauer schüttelte ihren Leib . Im Schlafzimmer mit seiner schwülen , dicken Luft wimmerte das Kind und wand sich , von Krämpfen verzerrt , in seinem engen Bettchen . Mit blödem Auge betrachtete das Dienstmädchen die leidende Kreatur , rüttelte an dem Korbe und näselte dazu mit schläfriger Stimme das alte Wiegenliedchen : Schlaf , Kindl , schlaf , Dein Vater ist ein Graf , Die Mutter sitzt daheim und weint , Weil das kleine Kindl greint . Dann die volkshumoristische Variante : Schlaf Kindl , schlaf , Dein Vater ist ein Schaf , Die Mutter eine feine Dirn Setzt ihm Hörner auf die Stirn . Schlaf , Kindl , schlaf . Der Preßbandit hatte sich eine Zigarre angesteckt . Er blinzelte zu dem Cervantes-Bilde hinüber , als wollte er sagen : » Die Helden grüßen sich . « Dann rückte er sich in seinem Sessel zurecht und nahm die letzten Briefe vor . » Wirklich ? Auch dieser Stolze ist besiegt , der gefürchtete parlamentarische Leithammel . Er bietet seinen Buckel willig meiner Redaktionsscheere , damit ich ihm das goldene Vließ ein wenig beschneide . Triumph ! Der Gefürchtete hat an mir seinen Mann gefunden . Und ich habe meinen Witz nicht einmal angestrengt ... Ein bischen an der Toga gezupft und die Nase gerümpft : Großer Bürger , da scheint mir etwas zu stinken , ich werde Dir gelegentlich einmal das Prunkgewand und die Hose öffentlich ausziehen und den Leuten geigen , was darunter ist ! Das war alles . Kaum gedacht , war dem Stolz ein End gemacht . Es muß vieles faul sein im Staate Dänemark . Ja , Lümmel , jetzt thust Du sanft wie ein Lämmchen ... Ich werde Dich so gnädig behandeln , daß Du mir noch öffentlich die Hand drückst . Fette Inserate versprichst Du ? Bravo ! ... Nun hätte ich gute Lust , die Schmierereien mit den abgeschmackten Amtssiegeln uneröffnet in den Papierkorb zu schleudern . Ich versteh ' gar nicht , was sich diese Leute immer gegen unsereinen herausnehmen ! Die sollen mich doch gefälligst in Ruhe lassen ; wenigstens so lange ich sie in Ruhe lasse . Das Übrige ist meine Sache . Daß ich das Richtige treffe , beweisen meine Erfolge . Da seht doch hin , wie dieses großmaulige Parlamentarische Tier sich vor mir duckt und um gut Wetter bittet . Seht doch hin ! Ich wette , wenn ich ihm morgen in sein Champagnerglas spucke , muckst er nicht , so sehr hab ' ich ihn jetzt in meiner Hand ... Die Presse ist eine Großmacht , meine gewappelten Herren ! ... Wir werden Euch noch zeigen , wie viel die Uhr geschlagen ... « Er schob die Briefe beiseite und trommelte mit seinen plumpen Fingern darauf . Da klopfte es wieder , rhythmisch , in fein empfundener und abgewogener Tonstärke . Bevor er den Mund zu dem entsprechenden Herein öffnen konnte , erschien ein frisch vom Brenneisen des Haarkünstlers kommender Kopf mit sanftem Grinsen in der Thürspalte . Es war die zärtlich-heroisch-dämonische Charaktermaske des Schauspielers Geiling . » Darf ich , Allgütiger ? « flötete sein sonorer Baryton in der weichsten Höhenlage . » Erschrecken Sie nicht , den Quälgeist wieder zu sehen ? « Der Preßbandit winkte mit der Hand , der Eintretende schwenkte grüßend seinen glänzenden , funkelneuen Zylinder . » Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit - wahrhaftig , Ihr Dichterkollege Schiller hat nicht Unrecht . Ich kann Ihnen diesen Anblick nicht länger ersparen , Sie böser Mann . Ja , ja , ja , keine Widerrede , das sind Sie . Warum vernachlässigen Sie mich so ? Zwei von den acht eingesandten Berichten über meine Gastspieltriumphe - ich sage Triumphe und übertreibe nicht , sie waren einfach phänomenal - haben Sie gar nicht abgedruckt und an den anderen haben Sie Striche gemacht . Keine Ausrede . Habe ich Ihnen jemals Striche zugemutet ? Habe ich nicht Ihre Forderungen , Pardon , Ihre Vorschläge in extenso und darüber erfüllt ? Habe ich jemals mit meinem Golde gekargt ? Habe ich Ihnen nicht immer mit vollen Händen gegeben und lustig dazu gepfiffen : Ja , das Gold ist nur Chimäre , und ich hab ' s fürwahr redlich und sauer verdient . Nun , reden Sie doch ! « » Sie lassen mich ja gar nicht zu Wort kommen . Was auch gar nicht nötig ist : Sie , der geniale Menschenkenner , lesen mir ' s vom Gesicht , was ich sagen möchte ... « » Ja , das thue ich - und was ich lese ist dies : Ich , der allgewaltige Chefredakteur , vor dessen Feder ganz München zittert , bin ein undankbarer Erzschuft ... « » Oho ! Da möcht ' ich doch bitten ... « » Bin nicht wert , daß mich Sonne , noch Mond , noch der Glanz des Goldes bescheint , wenn ich diesem armen Komödianten Geiling nicht volle und rasche Genugthuung gewähre . Hab ' ich richtig gelesen oder nicht ? « » Stimmt Wort für Wort . « » Na also . « Der Komödiant reichte dem Preßbanditen die Hand mit inhaltsschwerem Drucke . » Die werte Frau Gemahlin zu begrüßen , habe ich wohl nicht das Vergnügen ? « » Sie überraschen uns ein wenig früh , großer Gönner ; ich glaube , es ist noch Besuch da . Bitte , gütigst Platz zu nehmen , ich will nachsehen ... « » Um alles in der Welt nicht , daß ich stören möchte . Ich komme wieder . Tauschen wir rasch ein paar Worte über unser Geschäft , dann schlüpfe ich unbemerkt davon wie ich gekommen . « » Wie Sie befehlen . « » Was ich zunächst wünsche - « seine Stimme zum kunstvoll accentuierten Säuseln dämpfend : » Sie wissen doch , daß in den höchsten und allerhöchsten Sphären schicksalsschwere Dinge sich vorbereiten , die erhabene Person unseres Königs betreffend ? « - Wieder lauter , geschäftsmäßig glatt : » Was ich wünsche , ist daß in dieser Zeit des Übergangs , der Krisis , die ja auch gewissermaßen eine Kunstkrisis ist , sehr sogar , Ihr Organ keine Woche vergehen lasse , ohne meiner zu gedenken und zwar in starker , origineller , sensationeller Weise . Wir haben es leider mit einem ziemlich stumpfen Publikum zu thun , das will kräftig zur Aufmerksamkeit aufgerüttelt werden . Wir müssen das verzettelte Interesse sammeln , konzentrieren . Mit dem abgebrauchten Vokabular erreicht die Kunstkritik das nicht . Wir müssen uns neue Worte prägen . Zum Beispiel : nennen Sie mich das schauspielerische Zentralgenie der kosmischen Kunstindividualität oder ... « » Bitte , langsam , das muß ich mir gleich aufschreiben . Sie sagten ? « » Schauspielerische Zen-tral-genie der kosmischen Kunst - « » Etwas langsamer ... der kosmetischen Kunst ... « » Kosmischen , kosmischen ! Aber was quälen wir uns ? Gestatten Sie mir , daß ich Ihnen von Woche zu Woche ein kleines Stilmuster schicke , ja ? Das wäre das Einfachste . « » Sehr einverstanden . « » Aber nichts streichen ! « » Genau wie Sie ' s wünschen . Ich bürge Ihnen für korrekten Abdruck . « » Keine sinnstörenden Druckfehler ! Darin bin ich sehr empfindlich . Neulich schrieb Ihr Blatt , das heißt , setzte der Dummkopf von einem ungebildeten Setzer : Judentanz statt Intendanz , in lateinischen Zitat Fama crescit eundo - Fauna statt Fama und in einem andern famos statt fames . Oder sollten das auch Witze sein ? « » Mein Gott , zuweilen passieren einem auch solche Witze , « lächelte der Preßbandit verlegen . » Errare ... wie sagt doch gleich der Spanier ? « » ... rurarem est . « » Ganz genau . Auf das Spanische verstehen Sie sich wie ein zweiter Cervantes . Also bleibt bei dem Verabredeten . Und was noch zur vollen Wirkung meines Namens unbedingt erforderlich , ja nicht übersehen : Nacht muß es sein , Friedlands Sterne strahlen ; ich fordere nicht , daß Sie meine Kollegen mit dichter Nacht umhüllen , denn da würde man die Pygmäen nicht mehr auffinden , o nein , ich gönne ihnen ein anständiges Halbdunkel , wie es ihren Pfenniglichttalentchen angemessen . Aber was darüber , das mag ich nicht . Die Reklame für mich wird auch Ihrem Blatte nützen , man wird sich an den Zeitungskiosken um die Nummern raufen , in welchen in dieser neuen Weise über mich geschrieben ist , man wird in den Bräuhäusern und Kellern Agio dafür bezahlen , Sie werden Nachdrucke veranstalten müssen , kurz , ich mache Sie zum reichen Mann , zum Millionär ! Adieu , Mammonsdiener ! Meinen Handkuß Ihrer Frau Gemahlin ; sie ist eine Fee , eine Sirene . Ich werde mir ehestens das Glück gestatten , ihr meine Huldigung in einem kleinen Separatbesuch zu Füßen zu legen . Adieu , adieu ! « Er winkte die Hinausbegleitung ab und zog die Thür hinter sich zu . Der Preßbandit schmunzelte , indem er mit der Hand in seine Tasche fuhr und die empfangene Geldrolle nachwog . » Das ist noch ein Künstler ! Zwar einen lächerlichen Größenwahnsinn hat der Tropf und eine unverschämt satirische Schnauze , aber diese Formen , diese Lebenskunst ! ... Nun muß ich doch einmal nach meiner Alten schauen ... Heute kann sie sich gewiß nicht über Störung beklagen ... So unbelauscht konnte sie den Franzosen schon lange nicht mehr einseifen und über alle möglichen Löffel barbieren . Hoffentlich hat sie ihre politische Rolle gut gespielt ... Ein gesegneter Tag . « Als er in den Flur treten wollte , öffnete das Mädchen einem neuen Besucher die Thür . Er vermochte ihn in der Dämmerung des Ganges nicht zu erkennen . » Nun wird mir ' s aber fast zu viel , « brummte er für sich und fragte dann ärgerlich laut : » Wer sind Sie , und was wollen Sie ? « » Ich bin Engländer und will mit dem Redakteur von der Kloake sprechen . « » Hereinspaziert ; aber kurz , muß ich bitten . « Es war ein schlanker , junger Mann , in knapp anliegendem , karriertem Sackanzug nach neuester Insulanermode . Mit langen Schritten storchte er hinter dem Preßbanditen ins Zimmer . Aus seinen seegrünblauen Augen blitzte Wurzelkraft und Entschlossenheit . » Was wollen Sie ? « fragte der Preßbandit , an seinen Sessel gelehnt , den Fremdling kaum eines Blickes würdigend . » Sie haben eine Frau beschimpft , Frau Raßler . « » Ah , was Sie nicht sagen ! Was geht das Sie an ? « » Sie haben einen jungen Engländer beschimpft , mich , Harry Wood . « » Beschimpft ? Seien Sie vorsichtiger in der Wahl Ihrer Ausdrücke , junger John Bull und machen Sie , daß Sie fortkommen . « » Gleich . Zuvor aber nehmen Sie das - und das - und das - « Und mit drei wohlgeführten blitzartig sich folgenden Boxer-Fauststößen auf Aug ' und Nase , Mund und Magen honorierte er den überraschten Preßbanditen so kunstgerecht , daß dieser ohne einen Laut in seinem Redaktionssessel zusammenbrach . Die Nase war zu einem blutigen Brei zerquetscht und zerrieben , das Auge hing wie eine dicke blauschwarze Kugel an dem Knochenbogen , die Oberlippe war zersetzt und zerschlitzt . Über den schwarzgefärbten Schnurr- und Kinnbart strömte das Blut und bildete eine dunkelrote warme Lache in dem muldenförmig auf dem Unterleibe aufgestülpten Samtrock . Der junge Engländer war hinausgestorcht , so still und gleichmütig , wie er gekommen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Das Gespräch der guten alten Freunde in Trostbergs Bibliothekzimmer hatte nach einer langen und breiten Durchsprechung der neuesten Sensationsbroschüre » Die bayerische Ministerrepublik « von dem Demokraten Heinzelmann , auf welche eine geharnischte Gegenschrift zu verfassen , der Regierungsrat den Doktor vergeblich anzuspornen suchte , wieder eine intimere und lustig sprunghafte Wendung genommen . » Erlaube mir , « sagte der Doktor , » Deine jetzige kluge Leisetreterei mutet mich doch eigentlich spaßhaft an . Nicht daß Du den Schlapphut mit dem Cylinder , die Joppe mit dem Gehrock vertauscht hast , will ich Dir ungebührlich anrechnen . Das sind Geschmacksachen . Aber geistig und moralisch hast Du doch von dem schneidigen Draufgänger von damals fast gar nichts mehr . « » Ach , geh , wenn man einen zehnjährigen Kadetten sich angeheiratet hat , der nach preußischer Methode gedrillt wird ... und wenn man selbst noch aus Leibeskräften für Nachwuchs sorgt ... da gilt ' s pro aris et focis . Da ist ' s mit Sturm und Drang vorbei , Freund . Ich habe mir die Hörner abgelaufen . Carpe diem , was darüber ist , das ist vom Übel . « » Und Du bist glücklich in Deiner zweiten Ehe , was man so glücklich nennt - « Der Regierungsrat nickte : » Gewiß , und was das Beste ist , meine geschiedene erste Frau freut sich ohne Groll unseres neuen Glücks und ist uns eine gute Kameradin geblieben . Die Frömmler und Mucker meinten zuerst freilich , es wäre sittlicher gewesen , wenn wir uns feindlich den Rücken gekehrt oder aus Haß aufgefressen hätten . « » Das fromme Lumpenpack kennt sich eben , daher seine Kannibalenmoral . «