die Mutter , in die Laube tretend , die Tochter beim Namen . Wie heute morgen ihre Schwester , so erblickte auch Netti mit freudigem Erschrecken die Eltern und flog ihnen sogar entschlossener entgegen . Allein sobald sie hinter ihnen die Schwester stehen sah , blieb sie auch stehen und ließ erbleichend die Arme am Leibe niedersinken , wobei sie nur die Worte hören ließ : » Ach , Setti ! « Auch diese Büßerin war dies erste Mal , wo sie sich wiedersahen , befangen und sagte ebenso kleinlaut : » Ach , Netti ! « Doch als diejenige , welche mit den Eltern ihren Frieden schon gemacht , war sie schneller gefaßt und bot der armen Schwester die Hand , und Netti ergriff sie so furchtsam , als ob es eine Geisterhand wäre . » Sie wissen schon alles und meinen es gut mit uns wie früher ! « sagte Setti noch . Aber so tief war das Gefühl der gemeinsamen Vergangenheit und des Irrens in derselben , daß sie auch jetzt noch nicht sich zu umhalsen wagten . Martin und Marie Salander umarmten jetzt beide verirrten Kinder zusammen und gingen mit ihnen ins Haus . Die Mutter musterte die jüngere Tochter , die so schön gekleidet war wie die ältere , nur daß sie zudem ein massives goldenes Armband trug , das ihr einst die Eltern geschenkt hatten . » Du bist hoffärtig geworden , daß du das Armband zum Plätten trägst ! « sagte sie versuchsweise , um zu erfahren , ob auch hier der Wille des Mannes schuld sei . Netti stammelte etwas Unverständliches , Setti sprang ihr bei und bestätigte die Vermutung der Mutter , daß der demokratische Volksmann Julian das Armband sehen wollte , wenn er daheim war . » Ist er nicht da , daß er sich nicht blicken läßt ? « fragte der Vater . » Er ist schon am Morgen früh in den Wald hinaufgegangen , « erwiderte Netti , » er hat dort einen Vogelherd und bringt zuweilen einen halben oder ganzen Tag droben zu . Er fängt auch viele kleine Vögel , die er gebraten sehr gern ißt . « » Fängt deiner auch Vögel ? « fragte er die andere Tochter . » Nein , er fischt ! « sagte sie . » Gottlob , das gibt mir etwas Mut ! « murrte Martin , » ich habe die Herren schon für zu dumm für solche Künste gehalten , womit ich indessen nicht behaupten will , daß jeder Vogelsteller oder Fischfänger notwendig ein Genie sein müsse ! « Beide Töchter schreckten über den harten Worten leicht zusammen , und die Mutter , es bemerkend , sagte zur jüngeren : » Du könntest uns dann bald für einen guten Kaffee sorgen , daß wir uns nicht übereilen müssen ; denn wir wollen ausgiebig bei dir plaudern ! « Als der Kaffee genossen wurde , gestaltete sich die Plauderei zu einer allgemeinen Beratung , an welcher die beiden Landschreiberinnen mit Verstand und beruhigtem Blute Anteil nahmen , nachdem sie sich an das langgefürchtete Zusammentreten gewöhnt hatten . Und dies war unter den Augen der nur von der Sorge um sie bewegten Eltern leichter geschehen , als sie geglaubt . Für Martin und Marie Salander handelte es sich zunächst um die Frage , ob sie die Töchter ohne weiteres wieder zu sich nehmen sollten , oder abzuwarten sei , was die Zeit etwa brächte . Die jungen Frauen lebten eigentlich nicht schlecht oder geplagt in den Häusern ihrer Männer ; hundert Weiber wären froh gewesen , nur die ganze Woche die schönen Kleider tragen zu dürfen , die diese verlangten . Ihr Unglück war , daß sie die Liebe zu den Zwillingsnotaren verloren hatten , ohne daß dieselben es fühlten oder der Beachtung wert hielten . Dadurch zeigten sie erst recht die traurige Blöße des Innern und blieben von der zerflossenen Traumwelt der Frauen als leere Schemen übrig . Der Verdacht lag nahe , daß auch diese bloßen Schemen die Frauen roh und schlecht behandelt hätten , wären diese nicht die Töchter eines reichen Mannes gewesen ; oder vielmehr tauchte der alte Skrupel wieder auf , sie hätten von Beginn an eine Spekulation herzloser und dazu unreifer Burschen dargestellt , der sie durch den verblendeten Eigenwillen zum Opfer gefallen seien . Nun aber stimmten sie darin überein , daß sie ihr Schicksal hinnehmen und nur froh sein wollten , wenn nicht davon gesprochen wurde , solange nichts Schlimmeres hinzutrat ; und wenn nur der Verkehr mit dem Elternhause und unter sich selbst wiederhergestellt war , so hofften sie durch die Macht der Zeit ein Los allmählich tragen zu lernen , das so vielen Frauen nicht besser beschieden sei . Die Eltern wußten hiegegen vorderhand nichts einzuwenden . Von einem Einwirken auf die jungen Männer konnte gar nicht die Rede sein , da diese sich nicht geben konnten , was sie nicht hatten , und die Sache gar keine greifbare Seite darbot . Sie beschränkten sich also darauf , die in ihren idyllischen Träumen so arg verunglückten Kinder in dem löblichen Vorsatze der Geduldübung zu bestärken und ihnen für alle Notfälle Schutz und Hilfe zuzusagen . Vor allem jedoch verlangten sie , daß die Töchter ihre Eltern nun fleißiger besuchen sollten , so oft als möglich , allein und zusammen , wie es komme , ohne sich abhalten zu lassen . Das versprachen sie gern und nahmen sich auch vor , es zu tun und sich selber gegenseitig wieder heimzusuchen , sooft es sie freute . Auf diesem Punkte angelangt , wurde die Beratung durch die Ankunft Julians geschlossen . Verwundert grüßte er die Gesellschaft , die er so unvermutet vorfand , und bedauerte höchlich , gerade an diesem Tage in den Wald gegangen zu sein . Einem Bauernknaben , der ihm Proviantsack und Weidtasche nachtrug , nahm er die Sachen ab . » Glücklicherweise « , rief er , » bringe ich noch wenigstens etwas Gutes zum Abendbrot ! Hast du für mich auch noch einen Schluck Kaffee , Frau Großrätin ? Ja so , ihr seid ja euer drei da und könnt uns zwei Herren überstimmen ! Hier , wollt ich sagen , ist nun was zu braten , was bald geschehen sein wird , wenn das Zeug nur erst gerupft ist . Da will ich mich aber selber dranmachen ! « Er schüttete die Weidtasche auf den Tisch aus , und über dreißig arme Vögel mit verdrehten Hälschen und erloschenen Guckaugen , Drosseln , Buchfinken , Lerchen , Krammetsvögel und wie alle hießen , lagen als stille Leute da und streckten die starren Beine und gekrümmten Krällchen von sich . » Sie werden sehen , Mama , die Dinger schmecken Ihnen wie Marzipan , wenn sie mürb und gut geraten sind ! Ich will aber selbst zusehen ! Hat ' s etwas Speck in der Küche , Frau ? « » Bitte , Herr Sohn , beeilen Sie sich nicht ! « sagte Frau Salander , » wir essen jedenfalls nicht mit , mein Mann und ich , wir sind vollkommen satt und wollen noch mit dem letzten Zuge fort ! « » Aber , Meister Julian , « schaltete Martin dazwischen , » wissen Sie denn nicht , daß die Jagd auf Singvögel verboten ist ? Sie , als Mitglied des Großen Rates ? « » Herr Vater , ich habe nicht gejagt , sondern das Garn gespannt , und da sind allerdings ein paar Finklein dazwischengekommen , die nicht geladen waren . Übrigens wird sich wohl kein Wächter des Waldes an mich machen ! « » Gleichheit vor dem Gesetze , nicht wahr ? « erwiderte Salander auf Julians Rede , der offenbar auf den Schutz seines Ansehens als Ratsmann anspielte , allerdings sehr ungeschickt . » Nun , mag essen , wer will , ich lass es braten , denn ich habe Hunger ! « sagte er und trank die Tasse aus , welche die Frau ihm eingeschenkt ; dann raffte er die Vögel bei den Füßen zusammen , je fünf oder sechs zwischen zwei Fingern , und zog mit diesen hängenden Vogelbuketts von dannen . Als einige Zeit später die Schwiegerleute und Setti abreisen wollten und den Flur entlang gingen , kam er zum Abschied aus der Küche gelaufen , eine weiße Schürze vorgebunden und das Messer in der einen Hand , in der andern eines der nackten aufgeschnittenen Tierchen . Die blutigen Finger vorweisend , entschuldigte er das Unvermögen , in besserer Form ein Lebewohl zu bieten , als daß er den rechten Handknöchel oder Ellbogen darstreckte . Die Weggehenden sahen sich so gezwungen , den gekrümmten Arm zu berühren und sanft daran zu rütteln , um den Händedruck zu ersetzen . Seine Frau Nettchen war sehr verlegen und tat , als ob sie die Ungeschliffenheit des gefräßigen jungen Gemahles nicht bemerkte , indem sie rascher voranging ; die Mutter Marie wunderte sich , wie schnell die beiden Brüder sich vergröbert hatten , und dachte , das werde mit der Zeit ein Paar recht takt- und gefühllose Philister abgeben . Den empfangenen Eindruck verarbeitete Martin Salander nach anderer Seite hin . Zur Tochter Netti , die Eltern und Schwester bis zur Station hinunter begleiten wollte , sagte er : » Hat dein Mann so viel Zeit in seinem Berufe , daß er ganze Tage solchen Liebhabereien nachgehen kann ? « » Was das betrifft , « antwortete Netti , » so ist der Geschäftsandrang ungleich ; aber ich könnte nicht mit Wahrheit sagen , daß ich glaube , er vernachlässige wirklich etwas . Er arbeitet leicht , soviel ich sehe , ohne sich lang zu besinnen , und dann macht er sich nichts daraus , wenn mehr zu tun ist als gewöhnlich , die halben Nächte hindurch in der Kanzlei zu sitzen und anhaltend zu schreiben . Erst neulich war er den Tag über fort , in Münsterburg , und als er abends um halb zehn Uhr heimkam , ging er nicht ins Bett , sondern auf die Kanzlei , obgleich er nicht mehr munter schien . Als es drei Uhr schlug und er immer noch nicht in seinem Bette lag , glaubte ich , er sei unten eingeschlafen ; ich stand auf , um nachzusehen , schon wegen der Lampe , damit nichts Ungeschicktes geschehe . Aber er saß noch und arbeitete . Er hatte eine ganze Reihe Hypotheken oder Pfandbriefe , Grundbuchauszüge und dergleichen , was sonst die angestellten Gehilfen tun müssen , selbst ausgefertigt , alles sauber geschrieben , sogar die Überschriften in sorgfältiger Fraktur . Eben war er daran , die Urkunden zusammenzufalten und die kanzleimäßigen Titel auf die Rückseiten zu setzen , alles in guter Ordnung . Dies tat er alles , weil der Schreiber und der Lehrling nicht vorwärtsgekommen waren und er einen Schub vorarbeiten wollte , damit es besser flecke . Er hatte nicht einmal gern , daß ich dazukam und sah , wie er eigentlich Arbeit verrichtete , für die er die Leute bezahlt . « » Da ist doch eine gewisse Gutmütigkeit darin ! « meinte Salander . » Ist dein Isidor auch solch ein Nachtarbeiter , Setti ? « » Ja , er treibt sich auch zuweilen lang in der Kanzlei herum , « erwiderte Frau Isidor Weidelich , » ob er mit seiner Arbeit den Angestellten unter die Arme greift , weiß ich nicht . Ich habe nur gesehen , daß er die Bücher durchmustert und sich Notizen daraus macht . « Auf der Bahnstation Lindenberg mußten sie sich trennen . Die Eltern stiegen sogleich nach Münsterburg ein , während Setti und Netti noch in dem Wartesälchen zusammenblieben , um mit schwermütig verlorenen Worten leise zu plaudern , bis der nach Unterlaub fahrende Zug herankam . Martin und Marie Salander saßen zu Hause vor dem Schlafengehen sich auch nicht in rosiger Laune gegenüber . Sie hatten sich nun überzeugt , daß das Leben der blühenden Töchter verödete , und das um so trost- und endloser , wenn es im gegenwärtigen Zustande beharrte und sich zu einem ewigen Landregen anließ . Marie stützte ihren Kopf auf den Arm und sah in Gedanken verloren vor sich hin . » Nun haben wir noch den Arnold , um eine Hoffnung zu nähren , « sprach sie eintönig , » und wie leicht kann auch die verlorengehen ! « » Er ist aber nicht dazu da , daß wir an diese Möglichkeit denken sollen , « ließ sich Martin hören , » er lebt und ist da , und auch die Töchter leben ja und werden ihres Daseins auch wieder froher werden ! Arnold kann übrigens nun bald heimkehren , wenn er will ; glücklicherweise ist er gesund geblieben und wird es hoffentlich ferner bleiben ! « » Ich wollte , er wäre schon da ! Morgen schreibe ich ihm einen Brief ! « Nachdem er von seinen verlängerten Studienreisen zurückgekehrt , war der Sohn zunächst in die Handlung eingetreten , sich gründlicher darin umzusehen und einzuüben . Es dauerte auch nicht lange , bis er so viel Einblick und Urteil gewann , die Notwendigkeit oder wenigstens das Nützliche einer persönlichen Reise nach jenen Zonen zu erkennen , wohin die hauptsächlichen Beziehungen des Hauses sich richteten . Hierin traf er mit den Wünschen des Vaters zusammen , welcher längst das Bedürfnis nach einem zuverlässigen Stellvertreter empfunden , da er selbst den Gedanken zeitweiliger Reisen aufgegeben hatte . Seit einem Jahre oder etwas länger befand sich Arnold in Brasilien und hatte in der Tat schon gute Dienste geleistet durch glückliches Auge und rasche Hand . » Die Aufgabe , unsern dortigen Grundbesitz an geeignetem Pflanzland zu erweitern , « sagte Salander , » hat er unter den obwaltenden Umständen möglichst gut lösen können , so daß wir , wie auch die Konjunkturen sich wenden , schon hieran noch langehin einen sicheren Haltpunkt haben . Für Betrieb und Aufsicht hat er einen rührigen und treuen jungen Landsmann gefunden , den wir gelegentlich beteiligen können , so daß wir keine fremden Pächter mehr brauchen . Und was die übrigen Geschäfte angeht , so hat Arnold nach Briefen , die ich habe , bei den Handelsfreunden überall sich schicklich und klug benommen und einen guten Eindruck hinterlassen . Er hat ' s freilich leichter als ich , da ich mit meinem abgebrannten Lichtstümpfchen in den Kolonien herumhausieren mußte . Was mich aber freut , ist , daß wir einen Sohn und Genossen besitzen , der tüchtig gelernt und die Welt mit Land und Leuten gesehen hat . Und da er dazu unabhängig sein wird , oder es schon ist , so wird ein Wirkungskreis im schönsten Sinne des Wortes ihm zuteil werden , der uns mit zur Ehre gereicht ! « » Mag er leben , wie es ihm gegeben ist , « sagte Marie , » und nicht anders , so wird er zufrieden bleiben ! Wär er nur erst zurück ! « Nach dieser Erbauung am Sohne kehrten ihre Sorgen wegen der Töchter wieder an Ort und Stelle zurück , eine längere Stille herbeiführend . Sein trübes Nachsinnen schloß Martin ab : » Eines kann ich mir am wenigsten reimen ! Wenn ich zurückdenke , wie die Mädchen in dem nächtlichen Garten , wo ich sie mit den zwei Gesellen zuerst belauschte , die Burschen am Bändel führten , daß sie gehen und stehen mußten , wie sie es wollten ; wie sie ihnen nachher den Verkehr versagten und jene gehorchten - und wenn ich jetzt sehe , wie sie nicht den kleinsten Einfluß mehr haben und die Lümmel tun und lassen , was ihnen beliebt , den jetzigen Frauen sogar wie orientalischen Sklavinnen Putz und Kleider vorschreiben und diese sich fügen , während sie doch die Männer nicht mehr lieben und achten , so muß ich immer fragen , wie hängt denn das zusammen und wie ist es möglich ? « » Da hilft das Grübeln nicht viel ! « entgegnete die Frau Salander . » Man könnte sagen , es seien auf beiden Seiten nicht mehr die gleichen Leute da , nachdem die Träume der Willkür zerronnen . Dort sind aus den knabenhaften Traumfiguren junge Männer geworden , welche die rohe Seite hervorkehren und überdies zu jenen gehören , welche von einem Bubenalter ins andere fallen ; hier wurden die Mädchen zu verheirateten Frauen ; das erträumte Phantasieglück ist verflogen und nur der Anstand geblieben , der ihnen verbietet , das Elend auch noch mit täglichem Zanken und Streiten zu verbrämen ; denn daß dieses das einzige Ergebnis jeden Versuches wäre , einen erneuten Einfluß zu gewinnen , wissen sie natürlich wohl . Es ist ja schon jene frühere Gewalt über die jungen Leute auch nur ein Teil des Phantasielebens gewesen . Allein alles das ist schon zu viel gesagt ! Wir haben es mit einer unerklärten Unregelmäßigkeit , mit einem Phänomen zu tun , wie du dich schon ausgedrückt hast ! « » Es wird wohl so sein , « versetzte der Mann melancholisch , » es gibt dergleichen in der moralischen wie in der physischen Welt ! Der Himmel möge uns in Gnaden bewahren ! « XIV Am anderen Tage begab sich Martin Salander zeitig in sein Kontor , um das gestern etwa Versäumte zu ordnen . Als er dies getan , auch die neuen Briefschaften gelesen und eben eine Morgenzeitung ansehen wollte , wurde ein Fremder hereingeführt , der ihn zu sprechen wünschte . Ein gut gepflegter Mann stand aufrecht mitten im Zimmer von fremdartigem Aussehen . Er trug eine tatarenähnliche Bartpflanzung im Gesicht , lang herunterhängende , steifgewichste Schnurrbärte und eine entsprechende Einfassung des Kinnes . Der Kopf war ziemlich enthaart , dafür die Augen von vielen Fältchen umgeben , die ebensogut von angewöhntem Blinzeln und Zwinkern als vom Alter herrühren konnten ; in der Hand hielt er einen kleinen Filzhut mit aufgeschlagenem Rande , die Beine waren bis an die Knie mit glänzenden Stiefeln bekleidet , aus einem Knopfloch des geschlossenen Rockes hing eine dicke goldene Kette , die eine Spanne tiefer in ein anderes Loch zurückschlüpfte . Salander fragte , mit was er dienen könne . » Alter Freund ! Kennst du mich nicht mehr ? Den Louis Wohlwend ? « Salander erkannte die Stimme , wenn es auch nicht der alte Sprachton war , doch im allgemeinen , und mit ihrer Hilfe traten auch einzelne Züge des alternden Gesichtes hervor . Er hätte in diesem Augenblick eher an den Tod gedacht als an den Wohlwend und mußte sich darauf besinnen , wie er eigentlich zu dem Manne stehe . Er beschränkte sich also darauf , denselben anzusehen , ohne etwas zu sagen oder die dargebotene Hand zu ergreifen . Der Mann Wohlwend rückte einen Stuhl herbei , setzte sich darauf und lud den alten Freund und Handelsherrn mit einem Zeichen ein , seinen Platz am Pulte wieder einzunehmen . » Ich nehme wahr , « hub er nun seine Rede wieder an , » daß ich mich mit dem Zwecke meines Besuches hätte ankündigen sollen , um nicht über den alten Span zu stolpern , der , wie es scheint , noch immer zwischen uns liegt . Du hast mich wegen jener Anweisung der verkrachten Atlantischen Uferbank einst ungerecht verfolgen lassen , aber natürlich nichts ausgerichtet , denn ich vermochte nicht zu zahlen , was ich schuldig war , mithin noch weniger , was ich nicht schuldete . Ich hatte damals Gelegenheit , für einen Händler mit eichenem Faßdaubenholz nach Ungarn zu reisen und trieb mich von dort in den ungarischen Ländern herum , brachte mich als Anschicksmann und Vermittler in allen möglichen Handelszweigen so geradehin durch , ohne Gewinn zu machen , hatte mit Holz , Wein , Schafwolle und sogar mit Schweinsborsten zu tun . Durch die Schweinsborsten gelangte ich in der Gegend von Essek an der Drau zu einem gewaltigen Schweinezüchter , der Gefallen an mir fand . Er handelte auch mit anderen Produkten und suchte mich als Buchführer oder Faktotum festzuhalten , und ich blieb dort . Ich war , wie du weißt , immer noch ledig , fand nun Anlaß , mich verehelichen zu können . Mein Prinzipal hatte zwei Töchter , und zwar von zwei Frauen . Diejenige von der ersten wurde meine Gattin , und damit die Vermögensverhältnisse beider sich nicht verwickeln sollten , jeder zukam , was ihr gebührte , so ordnete er noch bei Lebzeiten seinen Nachlaß und stellte jeden Teil sicher . Jetzt ist der Mann gestorben . Ich kann aus den Einkünften meiner Frau ordentlich mit ihr leben und bei geregeltem Haushalte jährlich etwas zurücklegen . Wenn der nachgelassene Grundbesitz vorteilhaft zu veräußern ist , stellt sich der Status vielleicht noch besser . Das erste , woran ich dachte , war natürlich die allmähliche Rückerstattung an mir erlittener Verluste , welche etwa nicht durch Verträge ausgeglichen wurden ; voran steht der ganze Betrag der Bürgschaft , welche du für mich geleistet hast , alter Freund Salander ! eh du das erste Mal nach Brasilien gingst ! Ich will hier einen längeren Aufenthalt machen . Ich kann natürlich nur die Ersparnisse aus den Jahreseinkünften meiner Frau verwenden und muß mich demgemäß in einzelnen Abzahlungen bewegen . Kurz , ich bin gekommen , den Anfang zu machen . « Er zog eine Brieftasche hervor und legte einige Banknoten auf Martin Salanders Pult , worauf er fortfuhr : » Hier sind fünftausend Franken ! Willst du mir die Liebe tun , sie als erste Abschlagszahlung zu buchen und eine billige Zinsberechnung für den ganzen verflossenen Zeitraum behufs der ebenfalls sukzessiven Amortisation auszustellen ? Denn ich habe zwei Knaben , die auch erzogen sein wollen und mir Ausgaben machen werden . « Jetzt befand sich Martin Salander in Verlegenheit . Wenn die Zahlungslust Wohlwends wirklich ernst gemeint war , so mußte er , Salander , sich in ein freundliches Benehmen zu ihm setzen , und doch wußte er nicht einmal , ob er das Geld annehmen solle , ohne seinen Advokaten beraten zu haben . Wenn aber Wohlwend in der späteren Geschichte mit der Uferbank dennoch unschuldig gewesen , was ja leicht möglich war , so stand er nun mit seinen guten Vorsätzen und dem tatsächlichen Beginne der Ausführung ehrlich vor ihm , und Salander durfte ihn nicht lieblos zurückstoßen . Er nahm daher die fünf Banknoten in die Hand , strich sie glatt und sagte nach einem kurzen Besinnen : » Wenn du mir jenes Bürgschaftskapital vergüten kannst , so ist es mir nur angenehm ; man kann verlorengeglaubtes Geld immer doppelt gut brauchen ! Behufs der einfachen Verzinsung à vier vom Hundert schlage ich vor , zehn Jahre aufzurechnen , das heißt , die Frist , nach deren Ablauf die Forderung verjährt war , so daß wir für Kapital und zehnjährige Verzinsung eine runde Summe erhalten , die sich nicht mehr verändert , im Falle die Abzahlungen nicht ausbleiben ! Diese Fünftausend würden also die erste Rate fraglicher Gesamtsumme ausmachen ! « » Ich erkenne wieder den braven alten Freund ! « entgegnete Louis Wohlwend mit biederem Tone . » Zinsfuß und Zeitberechnung sind amikal und ich nehme beides mit Dank an ! « » So will ich dir eine vorläufige Quittung schreiben und , weil es dir vielleicht angenehmer ist , nachher ein ausführlicheres Schriftstück selbst besorgen , damit ich nicht den Buchhalter mit der Skriptur beauftragen muß . « » Ganz , wie du willst ! Nochmals Dank ! « erwiderte Wohlwend , ihm gefühlvoll die Hand hinstreckend . » Sieh , nun kann ich mich fröhlich als heimgekehrt betrachten , da ich mit dem ältesten Jugendfreunde daheim Frieden gemacht habe ! « Salander vergaß über der friedlichen Verhandlung , die ihm ja unverhofft altverdientes Geld zurückbrachte , alles , was er wegen Wohlwend erduldet und selbst schon über ihn geredet hatte . Er schüttelte ihm freundlich die Hand , wie ein gutmütiger Mann , dem ein Stein vom Herzen fällt , wenn er auch einen gerechten alten Groll loswerden kann . Er ließ den halb asiatisch aussehenden und auch einen so klingenden angenommenen Deutschdialekt sprechenden Louis gewähren , der auch bis zur Mittagstunde schwatzend dablieb , nach allem fragte , die kommenden und gehenden Geschäftspersonen betrachtete und abwechselnd Salanders Glück pries . Und als dieser aufbrach , um nach Haus und zu Tisch zu gehen , ging er Wohlwends Gesellschaft nicht aus dem Wege , der ihn ein Stück begleiten wollte . Sie kamen bei einem Gasthofe an , in welchem Herr Louis Wohlwend wohnte . Er blieb an der Pforte stehen und hielt Salander fest . » Tu mir den Gefallen und geh nur einen Augenblick mit herein ! Ich möchte dir gar zu gern meine Familie , Frau und Buben und die Schwägerin vorstellen ! « » Aber das kann ja leicht ein andermal geschehen ! Jetzt erwartet man mich zum Essen ! « entschuldigte sich Salander . » Versteh ! « drängte Wohlwend , » ich möchte morgen früh mit ihnen auf den Rigi , um sie ein Stück von unserer Herrlichkeit sehen zu lassen ! Und es kann noch anderes dazwischen kommen ! Nur ein Augenblickchen ! « Salander ließ sich , um das Unvermeidliche abzukürzen , die Treppe hinaufdrängen und sah sich in einem Salonzimmer zwei stattlichen Frauenzimmern gegenüber , deren Schönheit verschieden , aber gleich fremdartig erschien , ebenso wie ihre Haltung und Reisetracht . » Dies ist nun mein alter Freund Martin Salander ! « verkündete er ihnen , und zu letzterem gewandt : » Dies ist meine Frau Alexandra Wohlwend , geborne Glawicz ! Dies ihre Schwester , Fräulein Myrrha Glawicz , und dies sind meine Knaben Georg und Louis ! « Salander bot ihnen allen , die ihn mit etwas linkischer Respekterweisung begrüßten , die Hand und sprach einiges zu ihnen über die Reise , die sie gemacht , und dergleichen . In der Zeit war Louis Wohlwend hinausgeschlüpft und kam wieder herein . » So , alter Freund ! Du erweisest uns die Ehre , mir uns zu essen ! Ich habe den Lohndiener in dein Haus gesandt mit dem Bericht , du seiest bei uns und gut aufgehoben ! « » Aber , guter Freund , das geht doch nicht wohl an ! « meinte der sich sträubende Salander . Doch half es ihm nichts , und er ließ sich zwingen . Es dauerte eine Viertelstunde , bis es zur Tafel schellte , und das Gespräch war nicht eben fließend , besonders wenn Wohlwend nicht schwatzte . Aber es wurde Salandern nicht langweilig , da er die fremden Leute unbefangen betrachtete . Als es endlich zu Tisch ging , bekam er die Schwester der Frau Wohlwend zu führen und mußte auch neben sie sitzen . » Nimm dich in acht ! « sagte Louis Wohlwend scherzend , » es fließt wahrscheinlich hellenisches Blut in ihren Adern . Mein seliger Herr Schwiegerpapa hat ihre selige Mama vom Schwarzen Meere herübergeholt und deren Vorfahren sollen aus Thessalien dorthin gekommen sein . « Martin blickte die stille Nachbarin von der Seite an , die ihm jetzt ganz nahe war . Er sah ein paar leuchtende Augen , die sich ihm wie in gleichgültiger Trauer zuwendeten , aus dem dunklen Haarknoten eine tadellose Stirn- und Nasenlinie sich niedersenken und unter dem schwellenden Munde das schönste Kinn sich runden , alles wie nach dem Rezept für altgriechische Frauenköpfe . Salander fühlte ein prickelndes Behagen neben der seltenen Gestalt , und als Wohlwend Champagner kommen ließ und er ein paar Gläser genossen hatte , war es ihm , wie wenn er einen neuen Weltteil oder ein neues Prinzip entdeckt , kurz , das Ei des Kolumbus gefunden hätte . Die an der Tafel gewesenen Fremden hatten alle schon den Speisesaal verlassen , nicht ohne daß die meisten unter ihnen im Vorbeigehen einen Blick auf die neben Martin sitzende Schönheit warfen . Jetzt kam auch ein Kellner und anerbot der noch beim Champagner sitzenden Herrschaft , den Apparat in das Nebengemach zu tragen , da in diesem Saale in zwei Stunden wieder gespeist und der Tisch neu gedeckt werden müsse . Zugleich hob er die Flasche aus dem Kühleimer und beschaute sie , die aber leer war . Durch diese Schnödigkeit , der Flasche sowohl , wie des Kellners , wurde Martin Salander aus einem traumartigen Zustande geweckt . Er stand auf und lehnte Wohlwends dringenden Antrag , dem Vorschlage des Kellners zu folgen , entschieden ab . » Nun , alter Freund ! « sagte Louis Wohlwend , » also auf ein anderes Mal ! Ich hoffe , wir werden uns wieder verstehen lernen ! Die Freundschaft ist keines der schlechteren Ideale , insonders wenn sie alt ist , wie guter Wein ! « Salander , der wieder ganz wachgeworden , fand zwar den Vergleich nicht zutreffend , da sehr alte Weine heutzutage nicht mehr so hochgeschätzt werden wie früher . Jedoch unterdrückte er diese Bemerkung und eilte , sich im Kreise herum von den dastehenden Personen zu verabschieden . Die letzte war Fräulein Myrrha Glawicz mit dem griechischen Blut und stand hinter ihm ; er suchte sie an der unrechten Stelle , so daß er sich in einiger Verwirrung um sich selbst drehte und beinahe ausglitt , eh er der schweigsamen Dame die Hand reichen und endlich abziehen konnte . » Es dünkte mich wie das Schweigen des blauen Himmels dort im alten Hellas ! « sagte er bei sich selbst , mit beschwingtem Gange die Straßen entlangschreitend . » Es ist doch , bei Gott ! eine schöne Sache um das Schöne , das klassisch Schöne ! « Dabei schlug er unbewußt ein Schnippchen in die Luft ; ein oder zwei Vorübergehende sahen ihm verwundert nach . » Was ist denn das für ein Fremdenbesuch , mit dem du im Gasthof gegessen hast ? « fragte seine Gattin Marie , bei der er für ein Stündchen vorsprach . » Hat man dir ' s nicht gesagt ? « fragte Martin