eigenen , beinah kirchenfürstlichen Würde die Zelebrierung des Totenamtes begann . Die Responsorien klangen , und die Kerzen auf den mit Flor umwundenen Leuchtern brannten dunkler noch als gewöhnlich in dem Weihrauchgewölk , das über ihnen lag . Eine Stunde später leerte sich die Kirche wieder , und die Dienerschaften des Grafen trugen den Sarg zu vorläufiger Unterkunft in eine der Seitenkapellen . Es war zu verhältnismäßig früher Stunde , daß die Feier stattgefunden hatte ; die nächsten Leidtragenden kehrten in das Palais Petöfy zur Gräfin Judith zurück , während die junge Gräfin ohne Säumen nach Schloß Arpa hin aufbrach , in dessen Gruftkapelle der alte Graf am drittfolgenden Tage beigesetzt werden sollte . Die Fahrt währte nur wenige Stunden , und die verschleierte Nachmittagssonne stand noch über den Bergen , als Franziska bei Nagy-Vasar den Schnellzug verließ und unmittelbar darnach das Schiff bestieg . Ein jeder an Bord wußte von dem Tode des Grafen , und die Flagge wehte von Halbmast . Als das Schiff an der Landungsbrücke von Szegenihaza angelegt hatte , war die Sonne schon gesunken , und Franziska nahm allein Platz in dem ihrer harrenden Wagen . Ach , wie verändert alles seit jenem Julitage , wo sie hier zum ersten Male , den blauen Himmel über sich , über die sonnige Fläche hingeflogen war . Auf den Feldern standen heut überall Tümpel und Lachen , und durch den aufgeweichten Boden hin ging es langsam und oft im Schritt auf das Schloß zu , dessen Umrisse sich im Nebel und Zwielicht kaum noch erkennen ließen . Alles war öde und abgestorben , und nichts als ein Rest von gelbem Laube hing noch an den Bäumen , die hie und da neben dem Wege standen . Dabei tiefe Stille , nur dann und wann unterbrochen , wenn ein paar Krähen aufflogen . Und nun hatte der Wagen den Punkt erreicht , wo der Weg in Schlängellinie bergan zu steigen begann . Als sie bis zur halben Höhe hinauf waren , hielt ihr Gefährt , und Franziska sah , als sie sich vorbeugte , daß man nicht weiter konnte , weil ein schwerer , ebenfalls bergan fahrender Lastwagen die Passage so gut wie gesperrt hielt . » Was ist es ? « fragte sie den Kutscher , als das Gezänk mit dem Vordermann einen Augenblick schwieg . » Is Glocke , Gräfin gnädigste « , antwortete der Kutscher und rief dem andern zu , daß er links bis an den Rand hin ausbiegen und die Felsen- oder Innenseite freigeben solle . Mühsam geschah es , und einen Augenblick später fuhr Franziska dicht an dem Wagen und seiner mit einem schwarzen Segeltuch überdeckten Last vorüber . Im Schlosse fand sie ' s wohnlicher , als sie zu hoffen gewagt hatte ; den zweiten Tag , wie verabredet , kam Gräfin Judith , und am dritten Tage stand der letzte Petöfy vor dem Altar unten in der Gruftkapelle . Die Zeremonie wiederholte sich hier wie bei den Augustinern , nur mit dem Unterschiede , daß statt des stattlichen Feßler der kleine Pfarrer von Szegenihaza die Totenmesse las und an Stelle der vornehmen Welt nur Dienerschaften und Tagelöhner um den Altar mit dem großen , verblakten Marienbilde her versammelt waren . In Front aber saßen die beiden Gräfinnen selbst , den Blick auf den mit neuen Kränzen geschmückten Sarg gerichtet . Auch Hannah war in einem fast bis ans Kinn reichenden Trauerkleide anwesend und sah ernst und teilnahmvoll vor sich hin , immer aber , wenn wieder unverständliche lateinische Sätze gesprochen und das Weihrauchfaß geschwenkt wurde , lag etwas wie Verdrießlichkeit und Überhebung auf ihrem Gesicht . Endlich schloß die Feier , alles kehrte zu seinem Tagewerk zurück , und nur die Glocken oben klangen noch über Land und See hin . Es waren aber wieder zwei , die geläutet wurden . Franziska hatte sich bald darnach in ihr Zimmer zurückgezogen und blickte , nachdem sie lange vergeblich sich zu beschäftigen und in einem Andachtsbuche zu lesen versucht hatte , zu der Nische mit dem Baldachin hinauf , von woher ihr das Christkind den kleinen Arm entgegenstreckte . Sie nahm den daran hängenden Rosenkranz und ließ die Perlen desselben eine nach der andern durch ihre Finger gleiten . Da war es ihr , als ob hinter ihr die Tür ging , und Hannahs ansichtig werdend , steckte sie , wie von einer leisen Verlegenheit erfaßt , den Rosenkranz in den Gürtel , in der Hoffnung , daß seine Perlen auf dem schwarzen Kleide vielleicht weniger sichtbar sein würden . Aber Hannah sah es doch und sagte : » Laß nur . Ich hab es mir lange gedacht . Es kommt nun doch so . « » Vielleicht . Aber denke dich in meine Lage . Kannst du mir böse sein ? « Hannah schüttelte den Kopf . » Du bist mir also nicht böse . Nun , das ist gut , aber es ist mir nicht genug . Ich will auch deine Gutheißung . Und wenn du mir die nicht geben kannst , so will ich wenigstens , daß du sagst : Ich glaube selbst , es geht nicht anders . Sieh « , fuhr Franziska fort , als Hannah immer noch schwieg , » du bist so gescheit und mußt einsehen , daß alles sein Gesetz und seine natürliche Folge hat . Ich bin nun Gräfin Petöfy , ja , seitdem ich dies schwarze Kleid trage , mehr als vorher . Es war nicht nötig , daß ich ' s wurde ; vielleicht wär es besser gewesen , ich wurd es nicht . Aber ich bin es jetzt und kann den Schritt nicht rückwärts tun . Dies Schloß ist mein und sein Besitzantritt , wie du weißt , an keine Bedingung geknüpft ; ich hab es zu freiem Eigentum . Also wieder mal eine » Freiheit « , wirst du sagen . Aber diese Freiheit wenigstens will ich zu gebrauchen verstehen , und nur das soll geschehen , was mir ziemt . « » Und glaubst du wirklich , daß dir als erstes geziemt , einen Rosenkranz , wenn auch verschämt , an deinen Gürtel zu stecken ? « » Ja , Hannah . Ich will nun Pflichten leben . Es soll dies nicht bloß mein Wittum , es soll auch mein Wirkungskreis sein , und ich kann hier nicht wirken als eine Fremde . Was dieser Leute Sinnen und Trachten ausmacht , muß auch mein Sinnen und Trachten ausmachen ; wir müssen eins sein in diesen Dingen , sonst geht es nicht . « Hannah antwortete nicht . » Sprich . Was denkst du ? « » Was ich denke ? Nun , Franziska , Gräfin , da du ' s durchaus wissen willst , was ich denke , so will ich dir ' s auch sagen . Ich denk an meinen Vater selig , den ich eines Abends , als er dachte , ich schliefe schon , in seinem Halbplatt zu meiner Mutter sagen hörte : Hür , Olling , mit uns oll Paster Franzen is dat nich veel . Hüt is he so , un morjen is he so . Und als meine Mutter nun widersprach und zum Guten reden wollte , da wurd er ärgerlich und sagte : Nei , nei , Mutter , bis still ; dat versteihst du nich ; ick awer , ick kenn en . Un wenn morjen de Franzos or de Ruß kümmt un uns vörpriestern deiht , » mit uns Herrn Christus wihr dat man nix , und de heil ' ge Niklas , de wihr ollens « , denn priestert oll Franzen övermorjen : » Un de heil ' ge Niklas is ollens . « Und sieh , Franziska , das hast du von deinem Vater selig geerbt . Aber ich will nicht , daß sich meiner im Grabe rumdreht . I , da ging ' ich ja lieber bis an der Welt Ende . Weiß wohl , manchem is es bloß wenig . Aber manchem is es auch viel . « » Und so willst du fort ? « » Nein . Ich hab dich nun mal in mein Herz geschlossen , und weil ich dich liebe , bleib ich . Aber bei meinem lutherischen Katechismus bleib ich auch . « Am andern Morgen trafen sich die beiden Gräfinnen , und Gräfin Judith erzählte , sie habe Feßler um seinen Besuch auf Schloß Arpa gebeten , in der Voraussetzung , daß Franziska diesen Schritt billigen werde . Franziska küßte die Hand der alten Gräfin und sagte : » Nie werd ich Schritte mißbilligen , die Gräfin Judith getan hat oder zu tun für gut findet . « Beide Damen sprachen dann noch über vieles , was zu regeln und anzuordnen sei , zuletzt aber sagte Judith : » Ich stimme dem zu , meine liebe Franziska , daß du dich zurückziehen und der Betrachtung und den guten Werken leben willst . Aber du bist noch jung , und der Zug in die Welt hinein ist mächtig . Und so denk ich denn , wir rechnen vorläufig noch mit der Welt , die so vielen Zauber hat . Ich habe dein Vertrauen gewonnen , fast deine Beichte ; jede Scheidewand zwischen uns ist gefallen , und unser Fühlen und Denken gehört einander . Ist es nicht so ? Nun denn , so gestatte mir schon heute die Frage : Wirst du Egon deine Hand reichen ? « » Ich wünsche , daß er sie nicht fordert , aber wenn er sie fordert : nein . « » Es klingt etwas Herbes in deiner Antwort . Verdient er es ? « » Nein . Aber wir sind allemal hart gegen die , die schuld sind an unserer Schuld . Und um so härter , je schuldiger wir uns selber fühlen . « » Und wer soll dich schützen ? « » Ich denke , sie , die schon so viele Gräfinnen Petöfy beschützt hat . « Und sie wies auf die Nische , daraus das Bild der Maria niederblickte .