, daß er nunmehr auch von einer solchen Ehrbaren nur » Liebes « zu gewärtigen habe , und es schmeichelte seinem Stolze , in deren Alleinbesitz und ihr Herr zu sein . Daß diese seine Bäuerin sich nicht gegen ihn auflehnen werde , dessen war er gewiß ; er hatte die acht Wochen über Zeit genug , sie kennenzulernen , und es hätte dazu nicht einmal so vieler Tage bedurft . Die Strenge , die in ihrem etwas scharf geschnittenen Gesichte lag , deutete auf Selbstbewußtsein und ernste Auffassung eigener und fremder Pflicht , aber galt nur den Leuten , um sich nichts zu vergeben , galt nur dem Gesinde , um es nicht lässig werden zu lassen , dem Manne nicht , dem sprach das dunkle , im bläulichen Glanze schimmernde Auge und nur das ; das junge Weib war eines jener Geschöpfe , die mit einem Blicke auf den Mann für ihn durchs Feuer gingen , wenn es sein müßte , ihm aber hinwieder ihr Leblang kein zärtliches Wort gönnen und das eine so selbstverständlich finden wie das andere . Es war nach Mitternacht , als die Hochzeitsgäste , deren Orts- und Zahlensinn wohl einigermaßen getrübt sein mochte , mit einmal die Abwesenheit des Bräutigams und der Braut wahrnahmen , eine Entdeckung , die großen Lärm und einen Aufwand bedenklicher , aber keineswegs neuer Witze veranlaßte ; alle taumelten auf und wollten den beiden Schwiegervätern zutrinken , aber die Gläser klangen nur mit dem des schmunzelnden Käsbiermartels zusammen , der Bräutigamsvater fehlte . Der alte Sternsteinhofer war kurz nach dem Aufbruche des Paares weggegangen , er fand dasselbe oben in der großen Stube ; der junge Bauer hatte seinen Arm um die Hüfte der jungen Bäuerin gelegt , und beide blickten verwundert auf , als sie jemand herankommen hörten . » Du bist ' s , Vader ? « fragte Toni . » Kommst hitzt unglegn . « » Geh gleich wieder « , brummte der Alte , » wollt nur schaun , doch nit nach euch . « Er trat vor seine eiserne Kasse und rüttelte an der Schrankklinke , nickte befriedigt mit dem Kopfe , dann griff er in die Westentasche , brachte den Schlüssel zum Vorschein , schloß auf und langte mit der Hand in das Fach , Papiere rauschten unter seinen Fingern , ein Geldsäckchen klirrte gegen ein anderes , er pfiff leise vor sich hin und warf die Türe wieder zu . » Ein guten Rat tät ich euch gebn « , sagte er , sich an das Paar wendend . » Beileib kein Einmengen in euer Hausen - das is euer Sach - dem schau ich zu , und da tu ich euch nix zwider , aber auch nix zlieb , das sag ich gleich ; nur eins mein ich , gar ganz mit mir verderben sollts euch ' s nit . Es is noch was da ! « Er schlug hinter sich mit der flachen Hand gegen den Schrank . » Gute Nacht ! « » Gute Nacht , Vader « , sagte Toni . » Gut Nacht « , flüsterte Sali . Die schweren Tritte des alten Bauern verhallten auf der Treppe . Mit dem Nichteinmengen des alten Sternsteinhofbauers in die Wirtschaft des jungen hatte es bald ein gar eigenes Bewandtnis . Der iunge Bauer war nämlich des guten Glaubens , es sei kindleicht , sich als Herrn des großen Anwesens aufzuspielen , denn all die Jahre her war es nicht anders gewesen , als mache sich da alles von selber ; er erhielt gleich den andern sein Teil Arbeit aufgetragen , und wenn er irgend sonst mit Hand anlegen wollte oder eine Frage ihm beifiel , so ließ es der Alte weder an Unterweisung noch Aufklärung fehlen , aber der Toni war nicht sonderlich neugierig und der Alte , ungefragt und » unangegangen « , gar nicht mitteilsam ; der letztere wollte ja noch eine gute Weil » hausen und herren « und dann erst , etwa ein Jahr vor der ihm gelegenen und genehmen Hochzeit des Sohnes , Anlaß nehmen , den Burschen in alles und jedes vom Kleinsten bis ins Größte einzuweihen und sich nicht Zeit und Mühe reuen zu lassen , bis derselbe sich tüchtig » eingeschossen « ; das hatte sich nun der Bub durch das » hinterlistig ' n Vadern ums Seine narren « gründlich verscherzt . Gar bald trat manches an den jungen Bauern heran , wo dieser nicht Rat wußte ; das Gesinde befragen , ging doch nicht an , der Schwiegervater zu Schwenkdorf war denn doch etwas aus der Hand gelegen , und merkte der , wieviel in fremder Wirtschaft auf sein Meinen ankäme , dann konnte sich derselbe wohl mit der Zeit gar unliebsam überheben ; so blieb denn schließlich , wenn sich eine Sache recht zweifelhaft anließ , dem Toni nichts über , als den alten Sternsteinhofbauer auszuholen . Er schlich dann immer hinzu und redete so nebenhin und nebenher , tat dabei das Maul kaum auf , aber spitzte desto mehr die Ohren . » Sag mal , was war da alter Brauch ? der neue könnt etwa nit taugen « , oder : » Damit halt ich ' s wohl anders wie du , was meinst dazu ? « Der Alte streckte sich dann jedesmal , sog die Luft ein , daß sein breiter Brustkasten sich hob , und dröhnte dann heraus : » Was fragst nachm altn Brauch und wie ' s andre halten ? Tu , wie d ' glaubst , wird ja recht sein , bist doch der Herr ! Zwei Anordner taugn nit af einm Anwesen , wie d ' einmal gsagt hast . Liegt dir d ' Arbeit z ' schwer auf , was nimmst denn kein Pfleger , wie d ' dich in der nämlichen Red hast verlauten lassen ? Schau halt um ein orntlichen . So ein Pfleger pflegt freilich vorerst sein Sack , aber versteht er was , so erwirtschaft er doch mehr , als wie er dir stehlen kann , nur wann er nix versteht , is ' s gfehlt , dann geht er mit der vollen Taschen , und dir bleibt a Loch in der dein ' n. « Der junge Bauer mochte , wie oft er wollte , in den saueren Apfel beißen , er trug nichts davon als stumpfe Zähne ; er begann ernstlich zu sorgen , Schadens wegen - daß er es für den Spott der Umgegend nicht brauche , das wußte er ; in seiner Not vertraute er sich der Bäuerin an , diese machte zwar große Augen und schüttelte bedenklich den Kopf , aber sie war sofort entschlossen , die Sache in die Hand zu nehmen , um den Alten umzustimmen ; seit der dahintergekommen , daß sie um den Streich , den man ihm mit der Wette gespielt , nicht vorher gewußt habe , war sie ihm als Schwiegertochter viel leidlicher geworden . Sali lief von der Stelle zu ihm und sprach auf ihn ein , sie klagte die Verlegenheiten ihres Mannes , und da müsse sie nur frei gleich heraussagen , daß der schrecklich leichtfertig gehandelt hätte , weil er sich zugedrängt , wo er doch zuvor wissen konnte , daß er nicht aufkäme , aber der Vater möchte bedenken , daß auch sie mitbetroffen würde und doch an allem Geschehenen nicht die geringste Schuld trage , und wie schad es um das schöne Anwesen wär , und daß der Toni , wenngleich recht unbesinnt , doch sein Einziger sei - und so bettelte und schmeichelte sie dem Alten die nötigen Ratschläge und Auskünfte ab . Was dem alten Sternsteinhofer die Zunge löste , war aber nicht etwa erwachender Gerechtigkeitssinn , der sich dagegen setzt , Unschuldige mit den Schuldigen leiden zu lassen , wer das gedacht hätte , der kannte den Alten schlecht ; dessen Inkonsequenz entfloß keiner so lauteren Quelle , sondern - mit Bedauern sei es gesagt - einem weiten , übervollen Becken menschlicher Schwachheit . Wohl widersprach es ganz und gar seinem anfänglichen Vorsatze , hübsch beiseite zu stehen und ruhig zuzusehen , wie die jungen Leute abwirtschafteten , daß er nun dem einen Teile ratend beisprang und dadurch die Fehler des anderen ausglich , aber nach wie vor blieb er gegen Toni unfreundlich , dessen Dank und Annäherung er schroff zurückwies ; das hätte dem jungen Bauern allerdings nicht schwer aufgelegen , doch als er sich ' s recht bequem zu machen dachte und die Bäuerin zu direkten Anfragen an den Vater veranlaßte , da sagte der : » Ei , du irrst wohl , das und das weiß der Toni sicher , er hat mir darüber nichts verlauten lassen . « So mußte denn jeder Angelegenheit halber vorab der Bauer seine Not klagen und eingestehen , daß er nicht auswisse , und dann die Bäuerin ihres Mannes » Übernehmen « bedauern und Abhilfe erbitten , das war es , worauf der alte Sternsteinhofer bestand , dieses Demütigen und Betteln schmeichelte seiner Eitelkeit ! Allerdings waren die jungen Sternsteinhofleut keine gemeinen Rotfüchse , sondern von einer edleren Gattung , etwa blaue , und es kostete sie einige Überwindung , sich zu solchen gefügen und schmiegenden Schlichen zu verstehen , als sie aber merkten , daß der alte Rabe auf andere Weise nicht zu bewegen war , den Schnabel aufzusperren und den Käse fallen zu lassen , ergaben sie sich darein und taten ihm seinen Willen , um den ihren durchzusetzen . Unter solchen Umständen , alles ihm zukommenden Respektes sicher , eilte es dem Alten gar nicht , seine Ausnahm unter Dach zu bringen , doch als etwa nach einem Jahre auf dem Sternsteinhofe ein Kleines zu erwarten stand , da ließ er sich die Beschleunigung des Baues sehr angelegen sein , brachte Stunden auf dem Arbeitsplatze zu und schalt und eiferte mit den Werkleuten , denn sobald das Kind oben einzog , wollte er herunterziehen ; » an Kindergeschrei fänd er in seinm Alter mehr kein Gefallen « , sagte er . XVII Mit einbrechender Nacht war der Wagen über die Brücke gedonnert und durch das Dorf gerast , man konnte nicht schnell genug den Kopf nach dem Fenster wenden , vorüber war er . Vor dem Wirtshause hatte der Wirt gestanden , in dem Fuhrmanne einen Knecht vom Sternsteinhof erkannt und , in mächtigen Sätzen nebenherrennend , ihn angerufen . » Wohin , Wastl ? « » In d ' Stadt . « » Was eilt ? « » Der Bäurin - ' n Doktor ! « Worauf die Wirtin die Hände zusammengeschlagen . » Unsre Liebe Frau steh der armen Seel bei ! « Mit frühem Morgen kehrte der Wagen wieder , und als er oben im Gehöfte anhielt , stürzte der junge Bauer stieren Blickes und wirren Haares herbei , den kleinen , vierschrötigen Mann , der abstieg , beim Arme anfassend . » Helfts , helfts , Herr Doktor , ich kann den Jammer nimmer länger anschaun ! « Der Arzt gelangte , mehr hinangedrängt und geschoben als selbst steigend , die Treppe hinauf . Drei viertel Stunden später lag oben in der dunkeln Stube , deren verhangene Fenster Licht und Luft ausschlossen , ein gar schwaches , zartes , gelbsüchtiges Kind und ein sieches Weib . Als der Doktor , sich fleißig mit dem buntseidenen Taschentuche die Stirne trocknend , vom jungen Bauer geleitet die Stiege herabkam , wollte eine Magd die folgenden Reden erlauscht haben . » Herr « , sagte der Bauer , » das wär dann , als hätt ich kein Weib . « » Euch davon zu verständigen « , sagte der Arzt , » war meine Pflicht . Ob Ihr sie überhaupt noch lange behalten werdet , weiß ich nicht , wenn Ihr sie aber bald los sein wollt , braucht Ihr bloß meinen Rat zu überhören . « Da erblickte der Bauer die Dirne , sie ward von ihm angerufen und mußte eine Flasche Wein , Schinken und Brot für den Doktor nach der Laube schaffen . Die Gefräßigkeit , mit welcher das kleine , runde Männchen darüber herfiel , und dessen schmatzendes Behagen war für die dermalige Gemütsstimmung Tonis ein so widerspruchsvoller Anblick , daß er sich hastig mit der Andeutung , » oben nachsehen zu müssen « , hinweg begab , was sicher auch dem Doktor sehr gelegen kam , der , allein gelassen , sofort jede beileidige Miene ablegte und unter dem Kauen einem hohen Grade von Wohlbefinden in unartikulierten Lauten Luft machte . Drei Tage darnach war die Taufe . Sie sollte in aller Stille verlaufen , denn die Sternsteinhofbäuerin lag so kraftlos dahin , als ob sie sich Lebens oder Sterbens besönne , und bei jedem aufdringlicheren Laut durchrieselte es sie vom Kopfe bis zu den Füßen . Als der junge Bauer , von nur wenigen Gästen geleitet , mit der Patin , einer der reichsten Bäuerinnen in der Umgegend , und der Hebmutter , welche in einem reichen Taufzeuge ein winziges , mißfarbiges Würmchen trug , die Stufen zur Kirche hinanstieg , lehnte an der Mauerbrüstung , dem Portale gegenüber , das Weib des Herrgottlmachers mit dem derben , pausbäckigen Buben auf dem Arme . Er starrte Helenen ins Gesicht , sie sah mit leicht gerunzelten Brauen nach ihm , auch das Kind blickte ihn so großäugig und ernst an , da senkte er den Kopf , und sein Blick glitt an der kräftigen Gestalt des Weibes herunter . Die Taufzeugen traten in die Kirche , die heilige Handlung begann . Nachdem die reiche Bäuerin namens des Täuflings versprochen , alles zu glauben , was die Kirche zu glauben vorschreibt , und dem Teufel und seinen Werken zu entsagen , erhielt das kleine Geschöpf , es war ein Mädchen , zu Ehren der Patin deren Namen Juliana . Als der Zug die Kirche verließ , ging der junge Sternsteinhofer vorgeneigt , wie wenn er vor sich auf dem Boden nach etwas suchte , er wußte , daß Helene noch da war , er fühlte es , daß sie ihn beobachtete , er hätte es auch gewußt und gefühlt , ohne die Schuhspitze ihres rechten Fußes zu sehen , die spielend kleine Kiesel wegschnellte . Vier Wochen mochten seit dieser Begegnung vergangen sein , der zweiten in den anderthalb Jahren seit Tonis Heimkehr , da kam eines Abends , ziemlich spät , die alte Zinshofer noch herübergelaufen und lud Helene mit wichtigtuenden Gesten und heimlichem Augenwinken ein , in die alte Hütte hinüberzukommen . Der jungen Kleebinderin war solch verstecktes und verhehlendes Gebärden zuwider , sie fuhr die Alte mürrisch an , doch gleich am Ort auszusagen , was es gebe , aber da diese rasch hinaushuschte , so folgte sie ihr verdrossen nach . Als die beiden drüben eintraten , saß der junge Sternstein-hofer auf der Gewandtruhe , den Rücken an die Wand gelehnt , mit herabhängenden Armen und drehte langsam , wie müde , den Kopf nach der Türe . Helene blieb an der Schwelle stehen , sie streckte den vollen , runden Arm gegen ihn aus und schüttelte mit der Hand . Schon hatte sie mit der Rechten die Klinke erfaßt , um wegeilend die Türe ins Schloß zu drücken , da stemmte sie plötzlich die Linke gegen die Hüfte und fragte in scharfem , grollendem Tone : » Was willst denn du eigentlich da ? « » Nix « , antwortete der junge Bauer , » gar nix . Dein Hrüberrufen hab ich nit verlangt und hätt ' s auch nit glitten , wenn ich drum gwußt hätt ; das war ein Einfall von deiner Mutter , zu der bin ich kommen , mein Jammer und Elend klagn und mich auszureden drüber , wie anders alls hätt werden können . Dös wird mir doch verlaubt sein ? Und ihr verüble nur nit ihr Mitleid für mich . « » Dir kommt nur heim , was du an mir gesündigt « , sagte Helene , damit trat sie hinaus , man hörte das Getrappel einiger eilender Schritte und dann das Scharren der Sohlen auf der Steinstufe vor der Türe des Nachbarhauses . Es war den Leuten einleuchtend , daß es dem jungen Sternsteinhofer hart aufliegen müsse , anstelle einer rührigen , lebfrischen Bäuerin so mit einem Schlag eine nichtsnutze , serbelnde auf dem Anwesen zu haben , und die Klügeren , die nicht jeden nach sich selbst beurteilten , behaupteten auch , sie hätten es vorhersagen können , wie er sein Unglück aufnehmen würde . Gram und Herzleid halten manchen an kurzem Faden fest am Orte , und so einer arbeitet dann oft doppelt soviel wie sonst , um des Leidwesens Herr zu werden , oder das wird der seine , dann sitzt er untätig dahin und verstumpft im fortwährenden Anblicke des Jammers ; einen andern jagen sie zum Haus hinaus , daß er wie im Nebel herumläuft , nur vom Heim wegtrachtend , oder gar in allen Wirtsstuben zuspricht und im Trunke Vergessen sucht . Daß der Toni den Sternsteinhof mit dem Rücken ansehen werde , das wollten eben die Klügeren vorausgesehen haben , jene aber , die immer anders täten , als ein anderer getan hat oder tut , die ihm das Überarbeiten und das » Herumknotzen « in der Krankenstube - eins sein Schad und keins der Bäuerin Nutz - übelgenommen haben würden , sie fanden es nun gar nicht schön , daß er auslief und das arme Weib vereinsamen lasse , es war in ihren Augen nicht zu entschuldigen , aber doch begreiflich . Nur über eines schüttelten bald die Bedachtsamen wie die Übelnehmerischen die Köpfe , über den häufigen Zuspruch des jungen Bauern bei der alten Zinshofer . Es vergingen wenige Abende , wo man ihn nicht nach der Hütte der Alten gehen oder des Weges von derselben kommen sah . Quacksalberte vielleicht die Alte , um der Sternsteinhoferin » ' n lieben Gsund « wiederzugeben ? Schon möglich . Vor Zeiten sagte man ihr nach , daß sie sich auf Kräuter und Tränk verstehe . Aber doch wohl nicht . Denn der Bauer ging immer mit leeren Händen von ihr , und Sympathie wird doch das keine gewesen sein , daß er dann , wenn er sich unbelauscht glaubte , in das Vorgärtel des Herrgottlmachers schlüpfte , geraume Weil vor dem Häuschen stehenblieb und an einer Fensterscheibe fast die Nase platt drückte ? Auch ging auf dem Sternsteinhofe die Rede , man wüßte recht gut , welches Wegs der Bauer herkäme , denn sei er bei der alten Hexe gewesen , dann gebe er der Bäuerin kein gutes Wort . Zweimal kam es sogar zu lärmenden Auftritten . Der Bauer überhäufte die Bäuerin mit kränkenden Vorwürfen über ihr ungesundes Wesen , von dem sie wohl gewußt haben werde , aber es ihm verheimlicht hätte , und als sie mit tränenden Augen auf die Wiege hinwies , kehrte er derselben , das Kind verschimpfierend , den Rücken ; beide Male war er unter Tages im Dorfe unten gewesen , Helene war eben auswärts , und die alte Zinshofer hatte ihr Enkelkind , den kleinen , kraushaarigen Nepomuk , in ihre Hütte herübergeholt . Helene war es wohl in etlichen mondhellen Nächten , wo sie länger wach lag , vorgekommen , als ob etwas vor dem Fenster schattete , aber sie hatte es nicht arg noch acht ; erst als man im Dorfe von den nächtlichen Gängen des jungen Sternsteinhofers zu sprechen begann und der kleine Muckerl von einem schönen , freundlichen Bauern schwätzte , der ihm viele schöne Sachen verspräch , da reimte sie sich das Gerede der Leute und das Geplauder des Kindes zusammen . Noch am selben Abende , nachdem sie sich darüber klargeworden , saß sie inmitten der Stube und machte einen langen Hals nach dem Fenster , und als außen Toni der Straße entlang kam , erhob sie sich kurz darauf und lief nach der Hütte ihrer Mutter . Sie riß die Türe hastig auf und warf sie schmetternd hinter sich zu , dann trat sie hart an den Bauern heran , die geballte Faust vor seinem Gesichte rüttelnd . » Du bist ein elendiger Kerl ! Is ' s dir nit gnug , einmal an meinm Unglück schuld gwest z ' sein ? Willst mich hitzt auch noch als Weib in Verruf bringen ? « Die Zinshofer drängte sich zwischen die beiden . » Heb nur kein Streit an in meiner Hütten « , sagte sie , Helenens drohende Rechte am Handgelenke anfassend . » Meng du dich nit ein « , schrie das junge Weib , sich heftig losreißend . » Du meng dich nit ein , weder so - ich rat dir gut - noch in andrer Weis , wozu d ' etwa Lust hättst ! Was ich mit dem da hab , das is allein zwischen uns zwein ! « » Freilich wohl - « , grinste die Alte ; eine unmutige Bewegung und ein zorniger Blick des Bauern machte sie verstummen . Toni schob sie zur Seite . » Laß s ' nur « , sagte er , » laß s ' , Mutter Zinshofer . Sie hat ja recht , wann s ' mir ' s Vergangene nachtragt , ich hab schlecht an ihr ghandelt , und ' s is mir übel gnug ausgangen . « » Sonst beschweret ' s dich nit viel « , höhnte Helene . » Aber Gott is mein Zeug « , fuhr er fort , » und auch du kannst mich nit Lugen strafen , vom Anfang war mein Absehn a ehrlichs - « » Und ich jung und dumm gnug dazu « , unterbrach sie ihn , » afs alleine Absehen was z ' gebn . Aber du irrst , wann du denkst , ich trag dir deswegen was nach . So ein Betrügen zwischen zwein , wobei allzeit ' s Betrogene noch mithilft , weil sich ' s selber betrügt , das witzigt ein ' n nur für ein andermal , und damit is ' s aus und vorbei . Wann du mir aber hitzt über die Weg schleichst , mich als Weib für so schlecht haltst , wie ich als Dirn unbesinnt war , hitzt , wo ' s af ein Betrügn unter dreien ankäm , ' n dritten dir z ' lieb , und wo nur von einm unehrlichen Absehn die Red sein könnt und für dich gar nix afm Spiel stünd und für mich mehr wie alls , hitzt is das ein beleidigend Einbilden und ein schandbar Zumuten ! « Toni schüttelte den Kopf . » Es is weder ein Einbilden noch ein Zumuten dabei . Was die Leute erlauern können , wann ich dir gleichwohl über die Weg schleich , das is nur für mich abträglich ; nur mir greicht ' s zur Unehr , und nur mich macht ' s zun Gspött , wann ich dir nachlauf und kein Ghör find . « » Dös is nit so ! Bisher hab ich ' s gleich geacht , ob du am Zaun vorüberstreifst oder ob sich ein Hund dran reibt , und solang mer denken mußt , ich merk nix davon , konnt mer mir auch nix verübeln , aber hitzt kommt mir zu , daß ich dir verbiet , mir übern Weg und unter d ' Augen z ' gehn , und das wirst dir auch gsagt sein lassen ! « » Nein « , sagte er leise , aber bestimmt . » Was ? « schrie das junge Weib , vor Zorn erglühend . » Mit aller Gwalt brächtst mich in Verdacht ? Du wolltst nit ? « » Ich kann nit . « » Dann spuck ich dir auf offener Straßen ins Gesicht , wie schon einmal , und schrei es vor allen Leuten aus , daß du pflichtvergessener Lump meiner Ehr nachstellen willst , trotz ich dir dafür alln Schimpf und Schand angetan . « » Tu ' s. « » Pfui ! « » Hast recht . Ich gspür ja selber , daß ich kein Ehr im Leib hab , sonst stünd ich nit da , wo mer mich nit mag , und bettelt um ein Fußtritt . ' s einzig Männische , was ich noch an mir hab , worauf ich acht , weil mir ' s Nichtachten so a schwer Lehrgeld kost , ' s Worthalten , verbiet mir eben , daß ich dir verspräch , ich tät nach deinm Willn . Ein Wochen etwa vermöcht ich mich fernzhalten , in der nächsten schon zwinget ' s mich wieder da her , in deiner Näh hrumziungern und z ' lauern . Jesses und Josef ! ich weiß mich nit aus ! « Die alte Zinshofer drückte die Schürze vors Gesicht und schlich durch die Hintertüre aus der Stube . Helene hatte die Augen gesenkt , nun blickte sie auf . » Was bezweckst denn mit deinm Raunzen ? « » Bezwecken ? « Er lachte schmerzlich auf . » Frag ' n gschlagenen Hund , warum er heult . Weil ihm weh is . O du mein Gott , wann mer sich nur damal besser miteinand verstanden hätten . Ich stünd hitzt großjährig und frei da ; - hättst nur du auf mich gwart ! « » Leicht gäbst du gar noch mir a Schuld ? ! Narr du , sollt ich mich af Jahr hnaus alln Anfeindungen von Groß- und Kleinbauern aussetzen und warten , die gwisse Schand vor ' n Augen , afs Ungwisse ? Bist denn du nit von mir grennt wie der ertappte Dieb vom Rübnfeld , und wie der sein Sack , hast mich dahinter lassen ? « » Du brauchst mir ' s nit vorzurupfen ! Hätt ich damal getan , wie recht gwesen , so blieb mir hitzt , nach drei Jahrn in der Fern und im zweiten daheim , ' s Einsehen erspart , daß ich verspielt hätt , was mir allein taugt . « » So laß verspielt auch für verloren gelten , trag , was auf dich zu liegen kommt , und sinn nit , das Unglück , was dich mit deiner Bäurin betroffen , durch anderer Leut Schaden auszgleichen . Mir mut wenigstens nit zu , weil dir d ' Weibernarrischkeit einschießt , daß ich dir die Narrin dazu abgäb . Und hitzt wär gnug gredt über so ' n Unsinn ! « » Leni , ein Wort noch ! Nit oft , noch auffällig , nur zeit- und randweis verlaub mir ' s Herkommen , ich will ja auch ' m Kind nachschaun - « » ' m Kind ? Das geht dich doch gar nichts an und mich nur soweit , daß ' s sein Leben bhalt und sein Pfleg hat , ' s is af eins andern Duldung angwiesen , einer ledigen Dirn Kind und hat kein Vadern . « » Wer weiß , was d ' Zeit bringt ! Es könnt ' n ja noch kriegn - « » Dir is wohl ' s Geblüt in Kopf gstiegen ? « » Nein , Leni , nein , ich red nit unüberlegt . Wie lang kann ' s denn mit meiner Bäuerin währen ? Vielleicht nimmt s ' unser Herrgott bald zu ihm , wär ja auch ' s beste für sie , denn heil und nütz wird s ' doch nimmer . « » Schon deinm Reden nach wär der arme Hascher wohl besser im Himmel aufghoben . Aber ob sie fortlebt oder wegstirbt , das hat kein Bezug ; ich hab kein Anlaß , meinm Mon ' n Tod z ' wünschen , der is nit siech und steht in dein ' n Jahrn . « » Er lebt auch nit ewig . « » Toni ! - Unser Herrgott verzeih dir die Sünd und mir , daß ich solchs anhör ! « Toni hielt sie an der Hand zurück . » Er muß ' s , Leni , er kann gar nit anders ; sonst ließ er mich meiner Gedanken Herr werdn , sonst ließ er mich an deinm Trutz vertrutzen , sonst ließ er ' s nit zu , daß ich dir nachtracht , als wärn wir die zwei alleinigen Leut af der Welt und uns bstimmt ! Und wär ' s a Sünd , Leni , dir könnt er nit an ! Ich nimm alle af mich - für dich nähm ich jede Sünd af mich - für dich , was a himmelschreiende wär ! - für dich - Leni - « Sie stieß ihn kräftig von sich und eilte hinaus . Als die alte Zinshofer den Kopf zur rückwärtigen Türe hereinsteckte , lehnte der Bauer an einem Pfosten der vorderen , beide Handflächen an die Stirne gepreßt . Der Mond schien in die Schlafstube des Holzschnitzers . Helene ruhte und träumte . Es war ein verworrenes Träumen . - - Sie stand in der Stube ihrer Mutter vor der blanken Spiegelscherbe , die dort im Fensterwinkel lehnte , sie hatte das stillvergnügte Gefühl einer frohen Erwartung , das kleine Gemach war gedrängt voll von Leuten , unter denen ihr welche , die sie täglich sah , wie fremd vorkamen und andere , die sie sich nie gesehen zu haben erinnerte , wie längst bekannt ; zu dem Fenster guckten der Muckerl und die alte Kleebinderin herein und schlugen wundernd die Hände zusammen , und hinter ihr stand Toni und zupfte sie an den Zöpfen und kitzelte sie unter den Armen und fragte : Bist bald fertig ? Und sie schrie ungehalten , aber doch lachend : Gleich , gleich ! Dann lief sie an den Leuten vorüber - die eine Gasse bildeten - unmittelbar in den Flur des Sternsteinhofes und die Treppe hinauf . In den schönen Stuben standen alle Schränke offen , nicht nur die mit Leinen- und Gewandzeug , auch der Silberschrank , aus dem es funkelte und leuchtete