und gerade . » Es ist ein Glück « , schloß er , » besinnt Euch nicht und sagt ja . « Frau Rosel zögerte dennoch . » Man sollt ' doch den Rabbi fragen « , meinte sie . » Dann wird nichts draus « , warnte er . Da sie aber erklärte , es sonst nicht auf ihr Gewissen nehmen zu können , so fügte er sich darein und erklärte sich sogar auf ihre Bitte bereit , selbst mit dem Rabbi zu sprechen . Fünfzehntes Kapitel Minder langwierig gestalteten sich die anderen Verhandlungen , die Frau Rosel in ihrer Herzensangst um Senders Schicksal zu führen hatte . Wer sich nicht rechtzeitig mit Luiser Wonnenblum abgefunden , - und dazu waren die wenigsten vorsorglich genug , da ja die Fälschung der Matrikeln schon bei der Geburt des Knaben stattfinden mußte , - hatte nur zwei Wege : er wandte sich an einen Agenten , der die Mitglieder der Kommission bestach , oder an einen » Fehlermacher « , gewöhnlich einen Bader oder Wundarzt , der den jungen Menschen so übel zurichtete , daß er als untauglich befunden werden mußte . Beide Gewerbe wurden von Christen und Juden betrieben , ebenso waren unter den Klienten beide Bekenntnisse gleichmäßig vertreten . Da das » Fehlermachen « billiger zu stehen kam , so schlugen die minder bemittelten Leute in der Regel diesen Weg ein . Frau Rosel hatte kaum das tägliche Brot , dennoch graute ihr vor diesem Mittel . Sie versuchte es zunächst bei Herrn v. Wolczynski , dem vornehmsten Bestechungsagenten im Barnower Kreise , der einst zwei Güter besessen hatte , aber langsam durch Verschwendung und Hazardspiel zu diesem Geschäft hinabgesunken war , das freilich seinen Mann trefflich nährte , sofern er es nur recht verstand . Ein richtiger Agent mußte den Charakter und die Verhältnisse aller Mitglieder der Kommission aufs genaueste kennen , um die Schwächen herauszufinden , durch deren Ausnützung er jeden dieser Offiziere , Ärzte und Beamten zu seinem Werkzeug oder doch zum untätigen Zuschauer seines Treibens herabwürdigen konnte . Und ebenso mußte er eine große Personenkenntnis im Kreise haben , denn von dem Aussehen des Jünglings , dem Vermögen seiner Eltern hing ja die Höhe des Preises ab . Endlich aber hatte er die schwere Kunst zu üben , all seine Schuftigkeit unter der Maske eines Ehrenmanns zu verbergen . Herr v. Wolczynski verstand sich auf all dies und auf eine vierte Kunst dazu : niemals mit sich handeln zu lassen . Eine große Kunst in einem Lande , wo um alles gehandelt wird . Er ließ Frau Rosel ruhig reden , so lang sie wollte , und überlegte : » Sie ist arm , hat aber eine Affenliebe für den Schlingel , er ist blaß , mager , aber gesund - « Laut jedoch sagte er nur : » Dreihundert Gulden ! « Sie jammerte , das könne sie nicht erschwingen . » Feste Preise ! « war seine Antwort . » Adieu , liebe Frau ! « Länger währten die Verhandlungen mit Dovidl Morgenstern . Der Mann war seines Zeichens Winkelschreiber . Er hatte in seiner Jugend einige Jahre in Lemberg zugebracht , dort Deutsch lesen und schreiben gelernt und sich dann mit Hilfe des Bürgerlichen Gesetzbuchs und des Strafgesetzes zu einem » feinen Kopf « ausgebildet . Für die Juden von Barnow war er neben Luiser das Orakel in allen Rechtsfragen . Da dieser Erwerb nicht hinreichte , so machte er Herrn v. Wolczynski Konkurrenz . Sein Geschäft war kleiner als das des Edelmanns , er verdiente weniger dabei und war ein Jude . Darum galt er ebenso allgemein als Schurke wie Wolczynski als Ehrenmann . Dovidl ließ mit sich handeln , er verlangte , als Frau Rosel zu ihm kam , fünfhundert Gulden , und kam dann zu ihr , er wolle es um zweihundert richten . Aber auch diesen Betrag konnte sie nicht aufbringen , selbst wenn sie ihren einzigen Schmuck opfern wollte , die perlenbesetzte Stirnbinde . Am nächsten Tage sandte der Wundarzt Grundmayer zu ihr , sie möge ihn besuchen . Er war ein alter Säufer , einst als Feldscher einer Husareneskadron nach Barnow gekommen und nach seiner Entlassung aus dem Dienst hier sitzen geblieben . » Hoho ! « gröhlte er sie an , als sie bei ihm eintrat , » haben Sie ' s so dick , daß sie dem Dovidl lieber zweihundert Gulden geben wollen , als mir dreißig . Um dreißig Gulden schneid ' ich Ihrem Bengel eine Fußsehne entzwei , daß er zeitlebens hinkt , oder hau ' ihm zwei Finger ab , wenn Ihnen das lieber ist ! « Die Frau starrte ihn entsetzt an . » Noch immer besser , als dienen ! « rief er . » Und um dreißig Gulden können Sie nicht mehr verlangen . Wollen Sie sich ' s aber mehr kosten lassen , so machen wir was Feines , was sich wieder wegkurieren läßt . Je nachdem der Bursch ist - schicken Sie ihn mir ! Vielleicht ein chronisches Magenleiden - sehr zu empfehlen ! Oder eine Lungenschwindsucht - ist noch feiner , von der echten nicht zu unterscheiden . In sechs Monaten mach ' ich ihn dann wieder gesund - auf Ehre , so wahr ich Doktor Franz Xaver Grundmayer heiße und ein katholischer Christ bin . Kostet samt der Kur hundert Gulden ! « Mit Mühe vermochte sich Frau Rosel diesen lockenden Anerbietungen gegenüber so weit zu fassen , um ihren Dank und das Versprechen , sich die Sache zu überlegen , stammeln zu können . » Ist nichts zu überlegen « , grollte der würdige Mann . » Wollen wahrscheinlich lieber den Lumpen , den Srul in Nahrung setzen ! Das verdammte Judenvolk hängt doch zusammen wie die Kletten ! Glauben vielleicht , er macht ' s billiger ? ! O ja - der Kerl macht vielleicht schon um vierzig Gulden eine Schwindsucht ! Ist aber auch darnach ! Entweder auf zehn Schritt zu erkennen , daß der Lümmel doch genommen wird , oder so dauerhaft , daß sie kein Herrgott wieder fortbringt . Ich warne Sie ! « Frau Rosel beteuerte , sie wolle mit dem Srul nichts zu schaffen haben . Aber ebenso fest stand ihr Entschluß , auch auf die Hilfe des » Doktor « Grundmayer zu verzichten . Wohl aber tauchte ein anderer Gedanke in ihr auf : wie , wenn sie Sender auf ehrlichem Wege freibrächte ! Der Stadtarzt von Barnow , der als Physikus des Kreises allen Rekrutierungen in seinem Sprengel beizuwohnen hatte , war freilich ein unbestechlicher , aber wohlwollender und einsichtiger Mann ; Sender hustete ja und war auch sonst nicht der Stärkste ; vielleicht nützte es , wenn sie diesen Mann um Schonung bat , er tat dann gewiß , was ihm sein Pflichtgefühl gestattete . Auch der Marschallik bestärkte sie in diesem Vorsatz , schon wollte sie ihn ausführen , da erfuhr sie , daß der Physikus diesmal den Rekrutierungen gar nicht beiwohnen werde ; er sei gerade für dieselbe Zeit nach Lemberg berufen . So war es auch ; um ihn und andere Männer von derselben Denkweise unschädlich zu machen , hatten die vielen Wolczynskis in Galizien durch ihre hochmögenden Gönner durchgesetzt , daß die Regierung gerade im April eine Enquête nach Lemberg berief , um » über die im Rekrutierungswesen zu Tage getretenen Mißstände zu beraten « ; damit waren die ehrlichen Männer auf die einfachste und unverfänglichste Weise beseitigt ! Obgleich auch diese Hoffnung vereitelt war , blieb Frau Rosel doch fest . » Ich kann ' s nicht tun « , erklärte sie ihrem Gewissensrat , dem Rabbi . » Andere mögen den Fehlermacher mieten - ich will sie nicht schelten . Und vielleicht tät ' ich ' s auch , wenn ich meinem Sender sein Fleisch und Blut gegeben hätt ' . Aber es ist anvertrautes Gut ! Was soll ich der armen Miriam antworten , wenn ich ihr droben begegne ? ! « Der Greis nickte ernsthaft . » Recht habt Ihr ! « sagte er . » Sie wird Euch ja ohnehin Vorwürfe machen - Euch und mir - des Kadisch wegen ... Aber das ist nicht zu ändern ! ... Nein , über den Verwaisten darf keines Fehlermachers Hand kommen . Aber wo nehmt Ihr die zweihundert Gulden her ? « » Das frag ' ich Euch « , rief sie unter strömenden Tränen . » Ich bring ' s nicht zusammen , und wenn ich den letzten Stuhl aus dem Zimmer verkauf . « » Dann steht ' s schlimm « , sagte er gedrückt . » Dovidl läßt nichts mehr nach ; bei anderen eine Sammlung machen , wär ' vergeblich - Sender ist ja nicht hiesig ! - mag Mendele Schnorrers Sohn ein Sellner werden ! « Er dachte nach . » Da kann nur eines helfen : eine Heirat ! Von der Mitgift erlegen wir das Geld ! « » Aber der Marschallik weiß nichts rechtes für ihn « , wandte sie schüchtern ein . » So nehmt , was er hat . Hier steht eine Seel ' auf dem Spiel ! « » Aber wenn er unglücklich wird ? « » Lieber unglücklich werden , als kein frommer Jud ' mehr sein können ! ... Und dann - eine unglückliche Ehe läßt sich scheiden , aber wer rekrutiert wird , muß sieben Jahr ' Sellner bleiben ! « So lange währte damals die Dienstpflicht in Österreich . » Und wenn Sender nicht will ? « » Schickt ihn zu mir - und er wird wollen ! « Die Zuversicht des frommen Mannes erhöhte auch ihren Mut , getrösteter kehrte sie heim . Aber diese Stimmung hielt nicht lange vor . Die Tage verstrichen , Reb Itzig ließ sich nicht blicken , und doch war es nun höchste Zeit . In vierzehn Tagen schon sollte die Losung stattfinden , die Versammlung aller Stellungspflichtigen im Gemeindehause , bei der jeder aus einem Säckchen die Nummer zog , welche die Reihenfolge seines Erscheinens vor der Kommission regelte . » Wie soll ich ' s ihm erklären « , dachte sie , » daß er nicht befreit ist ? ! « Aber auch ein anderer Grund ließ sie zögern . Er war gerade in diesen Tagen so stillfröhlich , wie sie ihn nie zuvor gesehen . Der laute , übermütige Vorwitz , der sie oft gekränkt und geärgert , aber auch die verstockte Scheu , mit der er ihr in diesem Winter gegenübergestanden , waren verschwunden . » Jetzt « , dachte sie , » zeigt sich an ihm jener Zauber , der seinem armen Vater so viele Freund ' gemacht hat , aber dabei ist er doch gottlob so ganz anders , als der , so häuslich , brav und gehorsam . « Sie mochte das Glücksgefühl nicht stören , das ihm aus den Augen leuchtete ; woher es rührte , ahnte sie nicht . Er hatte nun auch die Sprachlehre überwunden , schwelgte in den farbigen Bildern einer bisher unbekannten , ungeahnten Welt , die ihm das Lesebuch erschloß , und tat dabei in Gedanken täglich einen Schritt vorwärts , dem großen Ziele seines Lebens zu . » Der gute Junge « , dachte sie . » Die bittere Stund ' kommt ihm früh genug , aber wenigstens will ich ' s ihm dann auf gute Art beibringen . « Das Schicksal wollte es anders . Diese Stunde sollte für beide eine der furchtbarsten ihres Lebens werden . Es war der erste Sonntag im April , zugleich der erste wolkenfreie Tag nach den endlosen Regengüssen , die für diese arme Landschaft den Anbruch des Frühlings bedeuten , denn wie alles andere Schöne , was unter glücklicheren Himmelsstrichen die Menschen labt , wird ihr auch der Lenz spät und kärglich zuteil . Noch waren die Straßen grundlos , die Äcker von einer Schlammschicht bedeckt und an den Bäumen hingen die ersten grünen Blättchen triefend herab , aber nun zum ersten Male seit lange , seit er zuletzt im Schnee geglitzert , lag der Sonnenschein verklärend über der traurigen , endlosen , verregneten Ebene und die Luft war feucht , aber warm . » Frühling , Frühling « , murmelte Sender , als er in der ersten Frühe das Fenster seines Kämmerchens öffnete , und beugte sich weit vor , diese reine Luft einzufangen . » Gottlob , Frühling ! « Er lächelte beglückt vor sich hin . » Mein letzter Frühling in dieser Kammer ! « Und dann folgte der letzte Sommer und wie rasch war der Herbst da und dann - zu Neujahr ... Er schloß die Augen , als könnte er den Glanz des Glücks nicht ertragen , in dem sein Leben vor ihm lag , soweit ihm der Blick reichte . Bisher hatte ihn eine trotzige oder kecke Zuversicht erfüllt , heute , an diesem ersten Frühlingsmorgen , da ihm jedes Hindernis beseitigt schien , war ihm so weich und zugleich so selig zu Mute wie nie zuvor . Mit anderer , höherer Empfindung als sonst langte er nun die Gebetriemen aus dem Schrein und schlug sein Andachtsbuch auf , das Morgengebet zu sprechen . Es war ein abgegriffenes Büchlein mit mürben Blättern , das wohl einst in schwarzes Leder mit Goldschnitt gebunden gewesen ; heute war der Einband grau und zerfetzt , der Druck fast verwischt . Ein altes Büchlein , und er hatte es nie neu gekannt ; die Mutter hatte es ihm einst , als er beten gelernt , geschenkt ; es habe früher einem Verwandten gehört . Aber so alt es war , ihm diente es gut , und gar beim Morgengebet konnte ihn der undeutliche Druck nicht stören ; dies Gebet kannte er ja , wie jeder Jude , auswendig , und hielt beim Beten nur deshalb den Blick auf das Buch geheftet , weil es die Sitte so gebot . Und vielleicht sprach er auch das Gebet all diese Jahre oft genug aus keinem anderen Grunde - die Unterlassung wäre Sünde gewesen , warum sollte er sündigen ? Heute aber , im Glanz dieses Frühlingstages , quollen ihm die Worte nicht bloß von den Lippen , sondern auch aus dem Herzen . Er war sich dessen wohl selbst kaum bewußt , und noch weniger hätte er sich über den Grund Rechenschaft geben können - verstanden hatte er diese hebräisch-chaldäischen Worte wohl auch sonst , heute schienen sie ihm für ihn selbst geschrieben : » Dank dir , Gnadenreicher , der du erfüllest , wonach unser Herz schmachtet ... Erbarme dich über uns und gib uns in das Herz , zu verstehen und zu erkennen , zu hören und zu lernen ... « Und als er an die Stelle kam : » Gepriesen seist du , der du die Siechen genesen machst und alle Krankheit von uns nimmst « - erhob er die Augen zum Himmel . Ja , auch diese Last war nun von ihm genommen , die einzige , die ihn noch bedrückt . Er hatte das » bißchen Husten « nicht schwer genommen , aber es war doch recht lästig gewesen , und er hatte gelogen , wenn er der Mutter versichert , er empfinde keinen Schmerz dabei . Aber er hatte immer gehofft , das werde besser werden , wenn nur erst der Winter vorbei sei , und wirklich war schon während der Frühlingsregen der Hustenreiz geringer geworden . Heute quälte er ihn kaum mehr , und wenn er atmete , fühlte er kein Stechen in der Lunge . Wohl aber hatte er dabei eine andere Empfindung , die ihm wohl ungewohnt , aber nicht peinigend war , ein Gefühl der Schwere und Wärme in den Lungen , und es wuchs , je mehr er die feuchte , schwüle Luft dieses Frühlingsmorgens einsog . Es war , als hätte der Erdgeruch , der sie erfüllte , etwas Berauschendes ; seine Pulse klopften , der Atem ging hastiger , das Blut drängte ihm zu Kopfe , und als er sich am Schluß des Gebetes , wie es die Satzung vorschrieb , dreimal tief gegen Osten verneigte , überkam ihn ein Schwindel , daß er sich am Bettrand festhalten mußte , um nicht umzusinken . Aber das ging so rasch vorbei , daß es ihn nicht weiter ängstigte . Als er in die Wohnstube trat und der Mutter den Morgengruß bot , blickte sie ihn mit freudigem Staunen an und sagte : » Heut ' geht ' s dir gottlob wieder ganz gut , nicht wahr ? Du hast ja ordentlich rote Backen , wie ich sie eigentlich noch nie an dir gesehen hab ' ! « » Ich fühl ' mich auch ganz gesund ! « sagte er . » Was hab ' ich dir immer gesagt ? Der Husten ist nicht der Rede wert ! « » Es war ja nur , weil du so mager bist ! « Sie überflog das scharfgeschnittene Antlitz , die hochaufgeschossene , bewegliche , aber schmalbrüstige Gestalt . » Dir schlägt ja kein Essen an , du bleibst wie ein Windhund ! « » Jetzt soll ' s anders werden « , erwiderte er lachend und machte sich über die Frühstückssuppe her . » Gib acht - du wirst mich bald ums Geld zeigen können , so fett werd ' ich . « Mit dem Essen ging es aber doch auch heute nicht recht , so wenig wie früher , und jene seltsame Empfindung der Schwere in den Lungen wollte nicht weichen . Um es der Mutter zu verbergen , führte er den Löffel fleißig , aber fast ungefüllt zum Munde . Es kam ihm sehr gelegen , daß eben ein Wagen am Schranken hielt , nun mußte die Mutter das Zimmer verlassen . Aber Frau Rosel blieb auf ihrem Sitz am Fenster , statt ihrer trat die alte Kasia , die sonst am Sabbat den Dienst für sie verrichtete , an den Kutscher heran und nahm das Mautgeld in Empfang . » Ich hab ' sie heut ' hier behalten « , sagte die Mutter zur Erklärung , » weil ich später in die Stadt muß ! « » So ? « fragte er . » Wozu ? « Sie blickte vor sich nieder , setzte zum Reden an und schwieg dann wieder . » Ich habe verschiedenes in Ordnung zu bringen « , sagte sie endlich fast verlegen . » Wie lang bleibst du heut ' in der Werkstätte ? « » Wie gewöhnlich bis nach Elf . Warum ? « » Wart ' heut ' auf mich , ich werd ' dich abholen ... « Das war so ungewöhnlich , daß er sie befremdet ansah . Aber sie wich seinem Blick aus . » Dahinter steckt was ! « dachte er unruhig , als er dem Städtchen zuschritt . » Sie war so verlegen ... « Aber der Gedanke verflog rasch , wie er gekommen . Der Morgen war so herrlich und ihm so freudig zu Mut - er glaubte , nie einen schöneren Frühlingstag erlebt zu haben . » Guten Morgen ! « rief ihm der Meister fröhlich entgegen , als er in die Werkstätte trat . Er hatte dem Lehrling auch sonst in der letzten Zeit häufig zuerst den Gruß geboten , nun klang es gar wie ein Jubelruf . Auch er ist an einem solchen Tag ganz anderer Laune , dachte Sender , obwohl er doch nur ein Uhrmacher ist ... » Guten Morgen , Meister ! Der Frühling ist da ! « » Freilich ist er da « , kicherte Klein-Jossele , » und mit ihm alles , was dazu gehört ... « » Was dazu gehört ? ! « wiederholte Sender lächelnd . » Natürlich - die Sonne , die Blumen - « » Und noch was « , lachte der Meister . Da aber kam ihm das fromme Gebot in den Sinn : » Du sollst deinem Nächsten nicht unangenehme Botschaft künden , es sei denn zu seinem Heil . « Er zwang sich zu einer ernsten Miene und wies Sender die Arbeit für heute an . » Es drängt aber nicht « , setzte er freundlich hinzu . Dann jedoch kitzelte ihn die Neuigkeit , die er unterdrückt , doch ordentlich im Halse , er glaubte daran ersticken zu müssen . » Meyerl Schulklopfer war eben da « , begann er in möglichst harmlosem Tone . Meyerl Kaiseradler war ein armseliges , gebeugtes , gleichsam von der Not des Lebens zerdrücktes Männchen , das sich kümmerlich als Diener der » Schul « , der Synagoge , fortbrachte ; als solcher hatte er die Männer in den Wintermonaten zum Schulgang zu wecken , daher der Name seines Amtes . Da er dabei samt seinen vielen Kindern hätte verhungern können , so gönnte man ihm den Nebenverdienst , alle amtlichen Mitteilungen der Gemeinde auszutragen . » So ? « fragte Sender . » Müßt Ihr wieder Steuer zahlen ... « » Nein ! ... Diesmal hat er dich gesucht , lieber Sender ! « » Mich ? Was wollte er ? « Aber da hatte in dem kleinen Manne wieder die Ehrfurcht vor der frommen Satzung über die Schadenfreude gesiegt . » Ich weiß nicht ... Er kommt wohl wieder . « Und er zwang sich sogar , hinzuzufügen . » Etwas Böses ist ' s wohl nicht ! « » Ich wüßt ' auch nicht was « , erwiderte Sender gleichmütig . Leise pfeifend und gemächlich machte er sich an die Arbeit , die ihm zugewiesen war . Aber der Meister hatte ja selbst gesagt , es eile nicht . Und so blickte er immer wieder durch die offene Ladentür auf den Marktplatz , an dem des Uhrmachers Haus lag . Es war da heute mehr Leben als sonst . Die Bauern aus den Vororten zogen im Sonntagsstaat zur ruthenischen Kirche , die wenigen katholischen Bürger von Barnow eilten zur Messe in der Klosterkirche . Dazwischen standen viele Juden auf dem Platze in größeren Gruppen oder zu zweien . Einige schrien und gestikulierten , andere hörten ihnen andächtig zu , wieder andere starrten mit bleichem Antlitz und traurig vor sich hin . » Was nur die Leut ' heut ' haben ? « fragte Sender den Meister . Aber noch ehe dieser erwidern konnte , vermochte Sender sich selbst die Antwort zu geben . Da erschien hastigen Schritts , das hagere Antlitz mit der Hakennase hoch erhoben , Dovidl Morgenstern auf dem Markplatz und war im Nu von einem Haufen umringt , der immer größer anwuchs . » Ach so ! « lachte Sender . » Die Rekrutierung ! ... Wann ist sie denn ? « » Die Losung ist in acht , die Stellung in vierzehn Tagen « , erwiderte der Meister und lächelte die Uhr , die vor ihm lag , ganz verzückt an . » Freilich « , erwiderte Sender . » Wir sind ja schon im April . Gottlob , daß es mich nichts angeht . « Im stillen aber wiederholte er diesen Gedanken noch viel nachdrücklicher . » Wie entsetzlich wär ' das , wenn ich jetzt Sellner werden müßte . Sieben Jahr ' muß man dienen ! Aus wär ' s mit meinem Plan , mit meinem ganzen Leben ! Ich glaub ' , ich würde den Schmerz nicht ertragen ! Gottlob ! ... Gottlob ! « Und wieder sah er gleichmütig zu , wie immer mehr Leute draußen zusammenströmten und sich die Gruppe um Dovidl Morgenstern vergrößerte . » Er lügt ihnen natürlich vor « , sagte er dem Meister , » daß er sie alle befreien wird - alle ! Und die armen Teufel glauben ihm ! « Jossele Alpenroth wollte sich ausschütten vor Lachen . » Recht hast du ! « rief er . » Für einen Hexenmeister halten ihn die Dummköpfe . Und doch wird jährlich die bestimmte Zahl genommen ! Hahaha ! Nicht einer weniger ! « » Aber hart ist ' s doch ! « sagte Sender . » Sieben Jahre ! Wen ' s gerade trifft - ihm wär ' besser , er wär ' nie geboren ! « Darauf erwiderte der Meister nichts mehr und es wurde so still in der Werkstätte , daß man die Fliegen summen hörte . Nach einer Weile pfiff Sender wieder leise vor sich hin . Aber er mußte dazwischen doch zuweilen die Hand auf die Brust legen . Er fühlte sich völlig wohl , aber jener ungewohnte Druck wollte nicht weichen . Indes hatte auch Frau Rosel ihren Gang zur Stadt angetreten . Der Rabbi hatte ihr am Tage zuvor durch Meyerl Schulklopfer sagen lassen , er erwarte sie morgen zehn Uhr , er habe Wichtiges mit ihr zu besprechen . Ihr Herz pochte , je näher sie seinem Hause kam . Es handelte sich um Senders Schicksal ! Wenige Schritte vor dem Hause hörte sie sich angerufen ; da kam Itzig Türkischgelb hastig herbeigekeucht , daß die dünnen , grauen Wangenlöckchen nur so um das rötliche Antlitz flogen . » Er hat mich auch bestellt « , sagte er , » er will mit uns die Sach ' in Ordnung bringen ! « » Wenn ' s nur von uns beiden abhinge « , erwiderte Frau Rosel kummervoll . Im Vorzimmer des Rabbi trafen sie den armen , kleinen Kaiseradler , der gleichsam Adjutantendienste bei dem Gelehrten versah . » Ich hab ' da einen Zettel für Euern Sohn « , sagte er demütig , » ich hab ' ihn nicht getroffen - es ist die Vorladung zur Losung , darf ich sie Euch geben ? « Die Frau nahm die Vorladung und ließ den Blick traurig auf dem grauen Papier haften . Oben war der kaiserliche Doppeladler zu sehen , unten der Stempel der Gemeinde Barnow ; die gedruckten und geschriebenen Zeilen , die dazwischen standen , verstand sie nicht - es waren ja » christliche « Buchstaben . In deutscher Sprache , die damals im ganzen Kaiserstaat die Amtssprache war , wurde der Uhrmacherlehrling Sender Glatteis , bei der Rosel Kurländer im Mauthaus wohnhaft , aufgefordert , bei Vermeidung der gesetzlichen Strafen u.s.w. Zur Orientierung für den Boten hatte Luiser Wonnenblum in hebräischer Kurrentschrift an den Rand geschrieben : » Roseles Pojaz . « Frau Rosel trat , vom Marschallik geleitet , in die Studierstube des Rabbi . Er saß im Lehnstuhl hinter einem mächtigen Folianten und horchte einem seltsamen Konzert . An einem Tische am Fenster saßen drei Jünglinge , wiegten sich gleichmäßig hin und her und lasen unisono in hohen Tönen näselnd einen Talmudtext , daß es wie der Singsang dreier verschnupfter Tenore klang . Bei dem Eintritt der beiden hieß sie der Rabbi hinausgehen , lud die Gäste zum Sitzen ein und begann dann : » Es steht geschrieben : Laß die Kinder der Welt das Weltliche besorgen . Aber geschrieben steht auch : Der Waisen Sache sei deine Sache . Ich hab ' mich nicht darum zu kümmern , welcher Jung ' welches Mädele nimmt und ob er Sellner wird oder nicht . Aber Sender ist ein Fremdling in unserer Gemeinde , und hat sonst keinen Annehmer als mich , und sein Vater - er ruhe in Frieden - hat mich vielleicht ohnehin schon vor Gott verklagt - wegen seines Kadisch . Er soll mir nicht auch nachsagen dürfen : Er hat meinen Sender dem Verderben überlassen ! Und darum muß ich jetzt über seine Heiratssach ' mit Euch reden und über seine Militärsach ' , so ungern ich es tu ' ! « Er begann sich hin und her zu wiegen und fuhr fort : » Sind es aber zwei Sachen ? Nein - es ist beides eine Sach ' ! Wenn Sender nicht heiratet , so muß er Sellner werden ! Folglich muß er heiraten ! Wo aber ist da die Schwierigkeit ? Ist Sender vielleicht , Gott bewahre , außer stande , zu heiraten ? Nein ! Oder haftet , Gott bewahre , ein Makel an ihm ? Nein ! Oder findet sich niemand , der ihm seine Tochter geben wollt ' ? Nein , Reb Itzig hier hat mir gesagt , er kennt solche Eltern ! Oder ist an diesen Eltern oder an ihren Töchtern ein Makel , daß Ihr , Frau Rosel , oder Sender sie verschmähen müßtet ? ! Nein , nicht an allen . Also wo ist die Schwierigkeit , frag ' ich nochmals ? Darin liegt sie , daß Euch , Frau Rosel , leider kaum eine zur Schwiegertochter recht ist . Und ferner darin , daß Sender nicht heiraten will ! Das erste ist nicht in der Ordnung , und das andere ist gar eine Sünde , und beides wegzutun und auszurotten , als ob es nie dagewesen wär ' , ist meine Pflicht und mein Recht . Darum hab ' ich euch beide hierher berufen ! « Frau Rosel machte eine Bewegung , sie wollte sprechen . » Später ! « sagte der Rabbi streng . » In der Klaus ( Gelehrtenstube ) sprechen Weiber nur , wenn sie gefragt werden , und dann kurz ! Ich , der ich doch wahrlich genug zu sagen hätte , rede auch kurz . Und ich bin doch der Rabbi ! Denn warum ? Weil geschrieben steht : Das wohlriechendste Gewürz ist Schweigen . Und ferner steht geschrieben : Der Weisheit Zaun ist die Schweigsamkeit ! Und dann steht noch geschrieben : Bevor du gesprochen , bist du deiner Worte Herr ! Nachdem du gesprochen , sind sie deine Herren ! Darum besinne dich , ehe du sie deinem Munde entweichen läßt ! Und ebenso steht geschrieben : Bewahre deine Zunge vor unnützen Reden , damit deine Kehle keinen Durst bekomme ! « » Ich verstehe « , sagte der Marschallik mitleidig . » Soll ich Meyerl Schulklopfer sagen , daß er Euch etwas Wein bringt ? « Und ehe sich der Rabbi