der drohenden Gefahr zu entrinnen . Da griffen kräftige Arme unter seine Schultern . Gomez hob mit raschem Schwung den Halbermatteten an Deck . » Amigo « , sagte er , schwankend zwischen Rührung und Freude , » mi Amigo - doch Haifisch ! Gomez gerettet Roberto ! « Der Junge schlang beide Arme um den Hals des Kochs und küßte seine bärtigen Wangen . Was er sagte und was Gomez dagegen hervorsprudelte , das verstanden sie beide nicht , aber ihre Herzen fühlten es . Der französische Kapitän mußte von dem Zusammenhang der Dinge bereits unterrichtet sein , denn er schenkte mitleidig dem ganz durchnäßten und nur mit Hemd und Hose bekleideten Gast einen Anzug aus seiner eigenen Garderobe , ebenso ließ er ihm Branntwein und Fleisch geben . Gomez lachte mit Augen und Mund . Obgleich er zu den Räubern gehörte und keineswegs gewillt war , dies Leben mit einem anderen , besseren zu vertauschen , war er doch gutmütig wie ein Kind . Daß er den Hai erschossen hatte , machte ihm außerordentliches Vergnügen . Seine und Roberts Unterhaltung wurde aber sehr bald gestört . In allen Fugen des Schiffes knarrte und ächzte es , unter dem Kiel regte es sich , und dann spürte man einen plötzlichen Ruck , der die ganze Mannschaft aufatmen ließ . Die Blume von Frankreich war flott , und der Lotse konnte sein Amt antreten . Robert warf die neugeschenkte Mütze hoch in die Luft . Seine stürmische Freude entlockte allen Zuschauern ein teilnehmendes Lächeln . Als sich das Schiff mit frischem Wind von der Insel entfernte , als Gomez , obwohl er seit längerer Zeit nur noch den Kochlöffel geschwungen hatte , jetzt auf dem Achterdeck stand und in ruhig befehlendem Ton seine Kommandos gab , da packte es den Jungen wie wild . Was gesprochen wurde , das verstand er nicht , aber dennoch war er bei der Ausführung einer der ersten . In die Masten hinauf ging es , als hätte er den ebenen Erdboden unter den Füßen , und von oben herab jubelte er ein befreites Lebewohl den verschwindenden Ufern zurück . Wie ferne Schatten zogen die Erlebnisse der letzten vier Monate an ihm vorüber , all die Stunden voll bitterer , hoffnungsloser Verzweiflung . Er achtete nicht mehr darauf , um dieses Freiheitsgefühls , dieser Seligkeit willen versuchte er alles zu vergessen . Die Blume von Frankreich lag wohlbehalten im Hafen von Havanna vor Anker , und schon vor Anbruch des neuen Tages hatten Gomez und Robert das Schiff verlassen . Es bestand kein Zweifel , daß der Räuberhäuptling alles aufbieten würde , den Entflohenen wieder einzufangen und um seiner eigenen Sicherheit willen zu töten , daher mußte Robert versuchen , so rasch wie möglich an Bord eines anderen Schiffes zu kommen . Gomez schüttelte bedenklich den Kopf . Auf einem Segelschiff so schnell angemustert zu werden , hielt schwer , und eins zu finden , das gleich abfahren wollte , natürlich noch viel schwerer . Aber von hier fort mußte sein figlio , sein amigo und hermano ( Bruder ) , wie er ihn abwechselnd nannte , und daher durfte er es einmal nicht ganz so genau nehmen , mußte sich mit einem Dampfer begnügen und - Gomez schaufelte in der Luft . » Mi figlio , es nicht anders gehen . « Robert lachte über das komische Gesicht , in dem sich Schlauheit und Bedauern so sonderbar vereinigten . » Das schadet ja nicht « , sagte er gut gelaunt , » aber kennst du einen Dampfschiffskapitän , der mich mitnehmen würde ? « Gomez pfiff leise . Dann antwortete er in seiner Weise , daß an Heizern immer Mangel sei , und ging mit dem Jungen zu einer Art Fähr- oder Gasthaus , wo schon um diese Zeit reges Leben herrschte , das allerdings wohl nie erlosch . Hier schien er bekannt zu sein , denn manche nickten ihm zu , und endlich sprach er eifrig mit einem Mann , der in seinem Äußeren den deutschen Matrosen auf den ersten Blick verriet . Der sah zu Robert hinüber und nickte , indem er ein paar spanische Worte sprach , worauf Gomez den Jungen aufforderte , hier zu bleiben , bis er selbst wiederkommen werde . Das » no hablan ! « wurde noch flüsternd hinzugefügt , und dann verschwand er . Robert begriff sofort , daß ihm in dem Matrosen ein Beschützer gewonnen war , um so mehr fühlte er sich verpflichtet , über die Flibustier zu schweigen , ja sogar womöglich lieber nicht von seinem Aufenthalt auf der Insel zu erzählen . Das sollte ihm sehr leicht werden , da der Seemann nur ein paar gleichgültige Fragen hinwarf , ihm das Grogglas zuschob und dann in den Halbschlummer zurückfiel , aus dem ihn Gomez geweckt hatte . Der Koch kam auch sehr bald wieder und brachte seinen Schützling auf einen Dampfer , auf dem man deutsch sprach und der innerhalb weniger Stunden in See ging . Der Kapitän versprach für die etwa zehn- bis vierzehntägige Reise nach New York dem jungen Heizer einen Lohn von acht Dollar , und man war sehr bald handelseinig . Beim Abschied steckte der herzensgute Gomez noch in aller Geschwindigkeit seinem jungen Schützling ein paar spanische Goldmünzen in die Hand und wünschte ihm alles mögliche Gute . Sein addio , mi figlo ! war mit ziemlich unsicherer Stimme gesprochen , und auch Robert drückte wiederholt die Hand des Mannes , der ihn in schwerer Krankheit gepflegt , und dessen fester Arm ihm das Leben gerettet hatte . » Addio , Addio ! - - « Robert sah ihm nach , solange er seine Gestalt auf der Hafenmauer erkennen konnte . Wenn er auch ein Räuber und Ausgestoßener war , so hatte doch der Spanier ein warmes Herz , und das sicherte ihm die dankbare Zuneigung des Jungen . - - - Nach kaum zwei Stunden verließ der Dampfer den Hafen , und Robert stand mit der Schaufel in der Hand vor dem Kessel , um jetzt ein sehr hartes Brot zu essen , das ihm im Anfang nach dem Schlaraffenleben auf der paradiesischen Insel zwar nicht so recht schmecken wollte , das er aber doch trotz blutender , mit Schwielen bedeckter Hände und schlafloser Nächte der Gemeinschaft der Bukanier um jeden Preis vorzog . In New York Von einer kurzen , glücklich verlaufenen Reise an Bord eines Dampfers , besonders aber davon , was ein Heizer auf hoher See erlebt , läßt sich nicht viel Interessantes berichten . Wir beginnen daher gleich in New York , nachdem im Hafen Anker geworfen und Robert entlassen worden war . Zwar gab sich der Kapitän alle mögliche Mühe , ihn wieder anzumustern und am liebsten ganz für sich zu gewinnen , aber Robert schlug das Anerbieten rund ab . Immer schwarz berußt da unten im glühend heißen Maschinenraum stehen und von Zeit zu Zeit Kohlen in das Höllenfeuer schütten , - daran konnte er kein Gefallen finden . Hoch oben in den Mastspitzen , an Deck im sausenden Nordsturm , wo Menschenkräfte ein Nichts werden , das liebte er , das war sein Leben und dahin sehnte er sich zurück . Der Freiheitsdrang seiner Seele , verschärft durch vierzehntägige Gefangenschaft im Maschinenraum des Dampfers , brach mit ganzer Macht hervor , als ihm der Mastenwald im Hafen von New York zum erstenmal vor Augen kam . Jetzt erst war sein Wunsch erfüllt , jetzt war er in der weiten Welt und sah und staunte , ohne gleich alle neuen Eindrücke ganz in sich verarbeiten zu können . Was ihm besonders auffiel , waren die riesigen amerikanischen Flußdampfer mit den drei hoch übereinander gebauten Decks , den riesigen Schaufelrädern und dem etwa hundert Meter langen Schiffsrumpf . Daneben lagen die großen Chinafahrer , diese Riesensegelschiffe , gegen die sich die Blume von Frankreich wie eine Nußschale ausnahm . Die Unterrah eines dieser gewaltigen Segler hätte schon für das französische Schiff als Mastbaum dienen können . Auf den Dämmen an der Hafenmauer sah er dasselbe Treiben wie auf dem Baumwall in Hamburg , nur in viel größerem Umfang und außerdem malerisch belebt durch die verschiedenen Nationaltrachten der Farbigen in allen Abstufungen , der Chinesen und Orientalen . In Hamburg hatte er diese Gesichtszüge und diese Rasseeigentümlichkeiten schon kennengelernt , aber doch nur unter der alltäglichen Kleidung der Seeleute , jetzt dagegen sah er Chinesen mit langem Zopf und spitzen Schnabelschuhen , Türken mit Turban und buntemKaftan , sah Armenier im langen , dunkelbraunen Rock und Japaner mit ihrer hellen , weiten , auf große Hitze berechneten Kleidung . Alle diese Leute suchten und fanden Arbeit , schlossen und lösten neue oder ältere Verbindungen , sprachen in babylonischer Verwirrung gruppenweise durcheinander und waren mit den üblichen Arbeiten beschäftigt , die es eben nur im Hafen gibt : sie löschten und luden die Schiffe und waren an den Kränen und Umschlagplätzen tätig . Überhaupt hatte Robert von der Großartigkeit der technischen Entwicklung in Amerika bis jetzt noch keinen Begriff gehabt . Wie staunte er , als er die großen Getreide-Verladebrücken sah , riesige Eisenkonstruktionen , auf denen Eisenbahnwagen bis über die Schiffe geschoben wurden , dann öffnete sich eine Klappe , und der Weizen fiel direkt in den Laderaum . An anderer Stelle hob ein eiserner Kran spielend die schwersten Lasten aus dem Schiffsraum heraus . Riesige Ketten , jede mit einem armesdicken Haken versehen , fuhren rasselnd in die Tiefe und wurden dort an der Kiste oder Tonne , die heraufzubefördern war , festgelegt . Dann , auf ein gegebenes Zeichen , drehte ein Mann einen Hebel , und die Last hob sich federleicht empor , worauf wieder ein anderer Hebel den ganzen , fast zehn Meter hohen und ebenso breiten eisernen Kran um seine eigene Achse drehte , so daß nun die Tonne über dem bereitstehenden Wagen in der Luft schwebte und nur durch einen Druck herabgelassen zu werden brauchte . Was zehn Männer kaum in einer Stunde vollbracht hätten , das wurde hier durch das Ineinandergreifen der technischen Einrichtungen spielend in wenigen Minuten getan . Robert ging langsam , um alles zu sehen , alles zu beobachten , besonders aber , um das herrliche Gefühl der Freiheit so recht zu genießen . In seiner Tasche klapperten die Dollars , und unter seiner Mütze wirbelte es von den Plänen und Hoffnungen einer goldenen Zukunft . Jetzt erst konnte er tun oder lassen , was er wollte , konnte seinen Wunsch nach Abenteuern vollständig befriedigen und von Pol zu Pol die ganze Erde kennenlernen . Er war nun bald ein volles Jahr von Hause fort und hatte das siebzehnte Lebensjahr beinahe erreicht ; seine besten Freunde hätten in dem lang aufgeschossenen , von der südlichen Sonne braun gebrannten Matrosen mit dem ersten dunklen Flaum auf der Oberlippe und dem ganzen gereifteren Aussehen wohl kaum das Kindergesicht wiedererkannt , das er vor Jahresfrist noch zeigte . Auch die Stimme war tiefer und die Schultern waren breiter geworden , mit einem Wort , Robert hatte sich recht gut herausgemacht , und der Gedanke , nach Hamburg zurückzukehren , lag ihm fern . Ja , wenn er das Geld seines alten Freundes in der Tasche gehabt hätte ! - Aber mit leeren Händen vor den Vater treten ? - Nein und tausendmal nein . Erst mußte er es zu etwas bringen , dann sollten die Pinneberger Augen machen und sich zuflüstern : » Der Robert Kroll ist doch ein Teufelskerl , hat richtig draußen in der Welt das große Los gewonnen . « Dieser Gedanke schmeichelte ihm sehr , obwohl er dabei doch einiges Herzklopfen verspürte . Er wußte , daß das , was er wünschte , nicht das war , was er unter allen Umständen hätte tun müssen , nämlich seine alten Eltern um Verzeihung bitten und sich mit ihnen aussöhnen . Er wußte auch , wie ganz anders er in der Einsamkeit der unbewohnten Insel darüber gedacht hatte , aber - der Hang zu Abenteuern und ungewöhnlichen Erlebnissen riß ihn mit sich fort . Er schlenderte im neuen , hübschen Seemannsanzug am Hafen entlang und rauchte eine Zigarre , deren Rauch ihm schon längst kein Unbehagen mehr einflößte . So etwa fünf oder sechs Tage lang konnte er von seinem kleinen Schatz noch leben , und bis dahin würde sich ja eine Heuer finden , möglichst nach unbewohnten wilden Küsten , vielleicht nach Afrika , wo die Ansiedlungen der Weißen zwischen den Bambushütten der Eingeborenen stehen , wo man mit kleinen Muscheln anstatt mit Geld bezahlt und die Schwarzen in ihrer ganzen Ursprünglichkeit kennenlernen kann . Er wollte sich überhaupt nur für eine Reise heuern lassen , um ganz sein eigener Herr zu bleiben . So sehr wie jetzt , da er eine schwere Zeit hinter sich hatte , war ihm die Reiselust , die Freiheitsschwärmerei noch niemals zu Kopf gestiegen . Sein Herz blieb freilich davon unberührt . Er schrieb an die alten Eltern einen so kindlichen Brief , wie ihn nur ein liebevoller , gehorsamer Sohn schreiben konnte , und wie er ungekünstelt aus seiner innersten Seele kam . Dann brachte er das umfangreiche Schreiben , das natürlich vor allem einen Bericht seiner Erlebnisse enthielt , selbst zur Post und begann wiederum die Musterung am Hafen . Jedes Segel erregte ja seine Aufmerksamkeit , jede Welle grüßte er mit lachenden Augen . Er saß auf einer zwischen zwei Steinen schwebenden Kette und beobachtete das Verladen eines Chinafahrers , als sich ihm wie zufällig ein Mann näherte , der in englischer Sprache um etwas Feuer bat . Robert hatte durch seinen Aufenthalt unter den Matrosen der Galliot und des Dampfers diese Sprache oberflächlich gelernt , daher reichte er sofort dem Fremden die Zigarre . Aber das Kraut , das der andere rauchte , mußte wohl nicht besonders viel wert sein , denn das Feuer verlöschte immer wieder , ohne gezündet zu haben . Der Fremde bat endlich um einen Augenblick Geduld und warf die Zigarre fort , während er eine andere aus der Brusttasche nahm . » Wahrer Schund , was mir der Gauner da gegeben hat ! « brummte er in deutscher Sprache . Robert lächelte . » Sollten wir zufällig Landsleute sein ? « » Ach , Sie sind Deutscher ? « » Aus der Nähe von Hamburg , ja ! « Der Unbekannte streckte mit der Miene eines angenehm Überraschten die Hand aus . » Das trifft sich ja gut « , sagte er zuvorkommend . » Auch ich bin Hamburger . « Robert berührte , nachdem er die dargebotene Rechte kräftig geschüttelt hatte , seine Mütze und rückte etwas beiseite , um auf der Kette dem Fremden neben sich Platz zu machen , dann , als beide Zigarren lustig den blauen Dampf emporwirbelten , folgte erst ein allgemeines Gespräch , das jedoch der Unbekannte schon sehr bald und sehr geschickt auf Roberts persönliche Angelegenheiten hinüberzuspielen wußte . » Sie sind , wie ich sehe , ein Seemann ? « fragte er . » Schon Vollmatrose ? « Robert lachte . » Streng genommen bin ich noch Junge « , antwortete er , » aber vielleicht gelingt es mir ja , eine Heuer als Leichtmatrose zu bekommen . Leisten kann ich ' s. « » Das läßt sich denken . Sie sehen aus , wie ein kräftiger junger Mann von zwanzig oder zweiundzwanzig Jahren . « Robert errötete ein wenig . Noch hatte ihn niemand mit Sie angeredet , und viel weniger war er wie ein erwachsener Mann behandelt worden . - Wirklich , dieser Fremde gefiel ihm außerordentlich . » Ich bin aber doch erst siebzehn Jahre « , antwortete er bescheiden . » Um als Leichtmatrose anzukommen , muß ich schon großes Glück haben . « Herr Hastedt , wie sich der Fremde nannte , lächelte mit einer Art von Gönnermiene . » So wissen Sie nicht , mein junger Freund , daß an tüchtigen Seeleuten immer Mangel ist ? « fragte er . » Zwanzig Heuer für eine , und wenn Sie heute noch anmustern wollen . Die Kapitäne suchen ihre Mannschaft mit der Laterne zusammen . « Robert wußte nun zwar , daß diese Behauptung nicht ohne einigen Grund war , aber ganz so leicht hatte er sich die Sache denn doch nicht gedacht , überhaupt wollte er bei seiner zweiten Wahl vorsichtiger sein und erst alles genau kennenlernen , ehe er den Vertrag abschloß . » Hm , hm « , meinte er und suchte seine Unerfahrenheit möglichst zu verbergen , » gute Schiffe haben wohl immer Besatzung genug . Es ist mehr der Ausschuß , der , wie Sie sagen , mit der Laterne suchen muß . « Um die Mundwinkel des Fremden zuckte verhaltenes Lächeln , das er aber schnell zu unterdrücken wußte . » Aber nein « , gab er kopfschüttelnd zurück , » wirklich nicht . Versuchen Sie es , und die Erfahrung wird lehren , daß ich recht habe . Selbstverständlich « , fuhr er scharf betonend fort , » dürfen Sie dabei diejenigen Schiffe nicht mitrechnen , zu denen sich die Matrosen drängen wie die Fliegen um den Honigtopf . Sie wissen , welche ich meine . « » Natürlich « , beeilte sich Robert zu antworten , » natürlich . Hauptsächlich sind das wohl - « » Die Walfischfahrer « , ergänzte der Fremde unbefangen nickend . » Ich sehe , Sie haben sich ein hübsches Verständnis Ihres Faches schon erworben , mein junger Freund . Ja , ja , die Walfischfahrer sind glückliche Leute . Immer Jagd , anregende Beschäftigung , sehr gutes Leben und Geld wie Heu . Aber freilich , da anzukommen hält schwer . « Roberts Herz schlug wie ein Hammer . Er wußte davon nicht das geringste , hatte sich über Walfischfahrer und Walfang nur oberflächlich unterrichtet , aber das durfte er ja nicht verraten , und doch brannte er vor Begierde , gerade auf ein solches Schiff zu kommen . Selbst wenn er nicht gewünscht hätte , möglichst viel Geld zu verdienen , so würde ihn die Sache selbst unwiderstehlich gereizt haben . Äußerlich blieb er aber ruhig , und auch Herr Hastedt sah so gleichmütig über den Hafen , als sei nur vom Wetter die Rede gewesen . » Ich kenne manchen , der auf zwei oder drei Fahrten zum reichen Mann wurde « , fügte er hinzu . Robert nickte . » Ja , ja das habe ich auch schon gehört . Die Heuer ist glänzend , und - « Wieder fiel ihm der Fremde ins Wort . » Und so ein Anteil am Fang ist auch nicht zu verachten , da haben Sie sehr recht , mein Herr . Überhaupt arbeitet man williger und lieber , wenn es zum eigenen , als wenn es zum Nutzen anderer geschieht . Davon kann sich auch der beste Mensch nicht freisprechen . « Robert hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu . Einen Anteil am Gewinn erhielten also die Matrosen auf den Walfischfahrern , sie waren gewissermaßen ihre eigenen Herren und arbeiteten in Teilung . Oh , wer das Glück hätte , auf ein solches Schiff zu kommen ! Aber er wollte sich nichts merken lassen , nicht den Neuling verraten . » Ja « , sagte er leichthin , » es war auch schon manchmal meine Absicht , eine solche Reise mitzumachen , aber das muß sich zufällig treffen . Gerade auf diesem Gebiet habe ich keine Verbindungen . « Herr Hastedt blies den Rauch der Zigarre in Wolken von sich . » Ich wüßte im Augenblick auch nichts « , sagte er bedauernd . » Aber wie wäre es , wenn wir ein Glas Bier zusammen trinken würden ? « Robert war einverstanden , und die beiden neuen Bekannten schlenderten durch die Straßen bis zu einem Wirtshaus , das nicht gerade nach ausgesuchter Gesellschaft aussah . Das Schild war verräuchert und schwarz , die Fenster blind von Staub , und das Innere war des wenig einladenden Äußeren würdig . Dennoch aber drängten sich die Gäste Kopf an Kopf , obwohl freilich Robert keinen einzigen Matrosen oder sonst einen Seemann entdecken konnte . Die Schenke lag in einer Nebenstraße , und ihre Gäste bestanden aus Bürgern ziemlich niederer Klasse . Herr Hastedt bestellte für sich und seinen Begleiter Bier , dann nahmen die beiden an einem Nebentisch Platz , ohne sich in die Unterhaltung der übrigen zu mischen . Alle möglichen deutschen Mundarten klangen zu ihnen herüber , besonders die Hessen und Nassauer waren sehr stark vertreten , ebenso die Württemberger , deren Schwäbeln Robert kaum verstand . Unter diesen Landsleuten , einfachen Handwerkern - es waren alles Auswanderer ärmster Kreise - befand sich ein älterer Mann , dessen Kupfernase den Trinker verriet und dessen Erzählungen die Zuhörer außerordentlich zu fesseln schienen . » Geben Sie noch ein paar Geschichten zum besten , Herr Kapitän « , hieß es . » Wirklich , man sollte es kaum glauben , daß ein Mann dem Tode oft so nahe gewesen und so oft entronnen sein kann , wie Sie . « » Mer gruselt sich so scheene derbei ! « sagte ein zweiter , dessen Sperlingsfigur und schäbig-eleganter Anzug den Schneider deutlich verriet . » Schießen Se los , Herr Gabedän ! « Der lächelte nach allen Seiten und tat dann einen gewaltigen Zug aus dem vor ihm stehenden Grogglas . » Auf Ihr Spezielles , wie wir Studenten zu sagen pflegten « , nickte er zu dem Schneider hinüber . » Ich war nämlich auch einmal , bevor ich zur See ging , daheim in Göttingen Student , bis mir die Bücherfresserei zu langweilig wurde und ich auf und davon lief . Mein älterer Bruder hatte eben sein Schiff zur Walfischjagd ausgerüstet , also eins - zwei - drei - plätscherte ich im Eismeer . « Bei dem Worte Walfischjagd hatte Robert unwillkürlich seinen Begleiter angesehen , aber dieser zuckte leicht die Achseln , als wolle er sagen : » Der Kerl lügt ja ! « - Am anderen Tisch ging inzwischen die Unterhaltung lebhaft fort . » Ich sage Ihnen , solche Fahrt macht Spaß und ist das Merkwürdigste , was man erleben kann « , rief der als Kapitän Angeredete . » Ich bin einmal in Sibirien schiffbrüchig geworden und mußte monatelang an Land leben . Es war hinter Tobolsk , ganz in der Nähe der Behringsstraße , nur noch drei Meilen vom Mond entfernt . « Einer der Zuhörer hüpfte vor Erregung auf dem Sitz empor . » Vom Mond ? « wiederholte er . » Das ist ja wohl nicht möglich ! « Kapitän Witt , so nannte sich der alte Mann , nickte mit dem ernsthaftesten Gesicht . » Wie ich Ihnen sage , meine Herrschaften . In dieser Gegend neigt sich der Himmel zur Erde herab , müssen Sie wissen , es ist gerade da , wo beide zusammentreffen , am Rande der Welt , wo alles dunkel wird und man nicht weiterkommen kann , weil man sonst ins Bodenlose fallen würde . Wenn sich der Mond auf seiner Wanderung gelegentlich in diese Sackgasse verläuft , so ist er der Erde auf drei Meilen Entfernung nahe , und wir wären fast einmal hinaufmarschiert , um den grinsenden Alten zu begrüßen , aber es ist ein unbehagliches Gefühl , so ganz in die Enge zu geraten und sich von der Erde zu entfernen . Man weiß nicht , wie es da oben eingerichtet ist und wohin die Fahrt geht . « Die ganze Zuhörerschaft hatte andächtig gelauscht , und erst als Kapitän Witt schwieg , atmeten die Mutigsten wieder auf . » Gott , was man nicht alles erfährt ! « sagte einer . » Da lebt man so seinen Tag herunter und denkt an nichts Böses , während andere dem Mond gerade ins Gesicht sehen . Wie groß war er denn wohl , so aus der Nähe betrachtet ? « » Oh , ein ganz anständiger Kerl , sage ich Ihnen . Ich bin einmal vier Stunden lang mit der Uhr in der Hand unter ihm dahinmarschiert und hatte noch nicht die Hälfte seines Durchmessers erreicht . Ein Schritt hier auf der Erde macht zehn Meilen im Mond , müssen Sie wissen . « » Zehn Meilen ! « echote die Versammlung . » Aber um Himmelswillen , wie erfährt man denn solche Dinge ? « Kapitän Witt trank sich neue Begeisterung aus dem Glas an , das inzwischen mehr als einmal gefüllt worden war . » Dazu haben wir unsere Instrumente « , antwortete er mit der Miene eines vortragenden Gelehrten . » Es läßt sich alles auf den Meter genau berechnen . « » Aber wie lebt man denn in diesen Gegenden ? « fragte wieder einer aus der Zuhörerschaft . » Was zieht man an und was ißt man ? « Der Erzähler fuhr mit dem Rücken seiner Hand über den Mund . » Die Kleidung ist sehr einfach « , antwortete er . » Sie besteht aus Pelz und bedeckt den ganzen Körper ; im Winter wird sie mit dem Haar nach innen und im Sommer nach außen getragen . Es ist daher einmal zu heiß und das andere Mal zu kühl , aber davon wissen die Russen nichts . Man findet überhaupt nirgends so abgehärtete und rohe Menschen wie gerade hier . Den Kohl essen sie ungekocht und als Leckerbissen dazu eine Talgkerze . « Widerwillen und Entsetzen wurden am Tisch laut . Robert und Herr Hastedt sahen sich lächelnd an . » Es ist erstaunlich , was sich diese Landratten aufbinden lassen ! « flüsterte der Fremde . » Glauben Sie überhaupt , daß der Mann jemals im Eismeer gewesen ist ? « fragte Robert . » Gott bewahre ! Er hat nie ein Schiff unter den Füßen gehabt . Solche Tagediebe werden von den Wirten freigehalten , weil sie die Gäste durch ihre Aufschneidereien zum Bleiben und zum Trinken veranlassen . « » Hören Sie nur , jetzt fängt er wieder an . « Die Biergläser der beiden klangen leise aneinander . » Auf eine gute Heuer für Sie ! « flüsterte Herr Hastedt , und dann horchte man um des Spaßes willen nach dem anderen Tisch hinüber . » Von einer Jagd im Eismeer sollte ich Ihnen erzählen , meine Herrschaften ? « ertönte des Kapitäns heisere Stimme . » Well ! Das können Sie haben . Seehunde , Walrosse , Eisbären , Moschusochsen , Rentiere , Füchse , weiße Hasen , Schneehühner , - habe ich alle mit der Kugel oder der Harpune erlegt . Welches Abenteuer ziehen Sie vor ? « Die biederen Landleute und Handwerker bestellten massenhaft neues Bier nach , bevor sie noch näher zusammenrückten und sich endlich für das schaurigste Erlebnis des vielgereisten Berichterstatters entschieden . Der räusperte sich , ehe er wieder die Stimme erhob , » Nehmen wir also das Walroß « , sagte er . » Das Tier wird ungefähr fünf Meter lang und mindestens zwanzig Zentner schwer . Seine Haut hat eine Dicke von anderthalb Zentimeter , Sie können mir deshalb glauben , daß sie einen kugelsicheren Panzer bildet . Und diese Häßlichkeit , sage ich Ihnen ! Große Glotzaugen ohne Lider , fast meterlange Stoßzähne und der Rachen verdeckt von Borsten , die mindestens so dick sind wie Stricknadeln . Zu diesem teuflischen Aussehen kommt eine Stimme , deren Brüllen , Bellen und Pusten auch den mutigsten Mann erschüttern kann . Ich sage Ihnen , ich fürchte mich vor dem leibhaftigen Satan nicht , wenn er nur in fester , körperlicher Gestalt vor mir erscheint , so daß sich seine und meine Kräfte miteinander messen können , aber - diese Ungeheuer haben doch manches Mal das Blut in meinen Adern zu Eis erstarren lassen . Wenn man so auf dem meterdicken Eis wie auf dem sicheren Erdboden geht , und von unten her taucht plötzlich solch ein Höllenhund auf , um uns die Stoßzähne , mit Seegras und den Überresten getöteter Fische verziert , in den Leib zu jagen , da danke ich für das Vergnügen . Das ist des Spaßes etwas zu viel . « » Meterdickes Eis ? « wiederholten ungläubige Stimmen . » Die kann das Walroß durchbrechen ? « » Ach - wie gar nichts . Das gibt ein kurzes Geprassel , vor Ihren Füßen entsteht plötzlich ein Loch , das schwarze Wasser darin schäumt und zischt , und mein liebenswürdiges Ungeheuer mit den langen Zähnen schiebt sich ganz gemütlich heraus , um sich über Sie herzumachen , - sehen Sie , das ist die Walroßjagd ! « » Puh ! - Und das haben Sie erlebt ? Mußten Sie vielleicht mit diesen gräßlichen Tieren kämpfen ? « » Das will ich meinen . Unser Schiff lag ziemlich weit von der Küste entfernt , an einer Stelle , die für den Fang der Walrosse sehr geeignet war , aber wir hatten das Unglück gehabt , bei einem plötzlichen Sturm mehrere Fleischfässer zu verlieren , und mußten daher soviel wie möglich an Land jagen , um den Ausfall zu decken . Na , das ging auch ganz nach Wunsch , denn die Rentiere sind dort sehr zahlreich , aber eines schönen Tages verfehlten wir den Rückweg und schoben den mit vier erlegten Tieren beladenen Handschlitten unglücklicherweise in das Packeis hinein , so daß uns der Boden immer wieder unter den Füßen brach . Es ging so nicht vorwärts , das sahen wir nur zu bald , und ließen daher den Schlitten allein , nachdem wir ihn auf eine feste Stelle gehoben hatten , um ihn später mit dem Boot an Bord zu holen . Aber kaum war die mühevolle Arbeit beendet , als unmittelbar vor uns mehrere Walrosse auftauchten und ihre unangenehme Gegenwart durch ein satanisches Gebrüll zu erkennen gaben . Wir wie der Blitz über das Eis davongelaufen , - es war , als sei uns der Teufel auf den Fersen . Wortlos ohne Verabredung ,