Wissen tief unter ihm stand , hatte genügt , eine Koststelle in einem adeligen Erziehungsinstitute Dresdens ihm äußerst anziehend erscheinen zu lassen ; auch hinderten die republikanischen Antezedentien des Tertianers den nunmehrigen Sekundaner keineswegs , sich unter hocharistokratischen Kameraden recht von Grund aus wohlzufühlen . So unangemessen den Grundsätzen der Mutter dieser Bildungsgang sein mochte , sie war für den Augenblick zu sehr durch ihre persönliche Lebenswendung in Anspruch genommen , um sich nicht einen Ausweg gefallen zu lassen , der ihr nach der drängendsten Seite hin Freiheit gewährte . In ihrer Nähe konnte sie nach den kindischen Vorgängen den Sohn nicht halten , so gab sie in bezug auf ihn dem Rate der klugen alten Weltfrau nach , wie sie schon in bezug auf die Tochter demselben nachgegeben hatte . Brigitte von Hartenstein war nicht eine zärtliche , aber auch keineswegs eine gleichgültige Mutter ; so , wie sie zu lieben vermochte , liebte sie ihre Kinder und nur sie auf der Welt . Die Sorge für ihre Kinder war es zumeist , welche sie zu der Verbindung mit einem redlichen , geehrten und äußerlich wohlgestellten Manne bewog , und sie irrte nur , indem sie die kindlichen Bedürfnisse ihren eigenen gemäß erachtete . Denn kein schwierigeres Verhältnis , in welches eine pflichtvolle Frau sich zu stellen vermag , ist auszudenken , als wenn sie ihren Kindern einen Stiefvater gibt ; unberechenbar schwieriger als das , selber Stiefmutter zu werden . Hier hat sie sich der von Natur und Sitte gesetzten Autorität des Mannes zugunsten fremder Kinder zu unterwerfen , dort vielleicht zuungunsten ihrer eigenen . Nun war es Brigitten aber beschieden , in der Verbindung mit ihrem zweiten Gatten ihr volles Genügen zu finden ; ein geistiges Ineinanderziehen , das in ihrem natürlichsten Verhältnis um so mehr eine Lücke entstehen ließ , als das , was Sehnsucht heißt , ihrem Gemüt ein fremdes war . Dazu der räumliche Wechsel und eine Lage , die ihr bald genug Beschränkung und konzentrierte Arbeit zur Pflicht machten , wenngleich die Arbeit zu einer genußvollen Pflicht . Nur so ist zu erklären , daß das , was lediglich einen Übergang erleichtern sollte , zur dauernden Entfernung und wenigstens von der Kinder Seite zur völligen Entfremdung werden durfte , und daß die Frau , welche ihr Mutterrecht so eifrig gewahrt hatte - die Anhängerin des kategorischen Imperativs , welche gelehrte Traktate über die Erziehungskunst veröffentlichte ! - , die ihren Kindern angemessene Ausbildung fremden Einflüssen und fremder Unterstützung überließ . Sie vermochte zurzeit dem Sohne Hilmars von Hartenstein nur zu bewilligen , was sie dem Sohne von Thomas Zacharias bewilligt haben würde . Darüber hinaus sorgte die alte väterliche Verwandte , und die Mutter wußte vielleicht nicht einmal , wie weit diese Sorge ging . Nachdem sie indessen durch innere wie äußere Notwendigkeiten sich zu diesem Abweichen von vernunftgemäßen Satzungen hatte drängen lassen , durften die Resultate dieser Inkonsequenz sie wohl zufriedenstellen . Beide ihre Kinder waren glücklich ; daß sie es nicht durch sie waren , diese Kränkung - falls sie überhaupt als solche empfunden worden wäre - würde sie als Regung von mütterlichem Egoismus überwunden haben , und konnte ja wohl auch das Glück , welches einem verehrten Manne durch sie gewährt ward , sowie ihr eigenes Wohlbefinden dafür entschädigen . Die Zeugnisse ihres Sohnes priesen ihn als ein Genie . In einem Alter , wo andere erst die Prima erreichen , ging er zu juristischen und kameralistischen Studien ab nach der Universität ; der aristokratischen Vorschule entsprechend , zu der am Rhein , welche man jenerzeit eine Prinzenakademie zu nennen begann . Es folgten ein paar Semester in der Hauptstadt , und das Doktorexamen , das mit Auszeichnung bestanden ward , krönte die flugartige Entwicklung . Daß es der Krone aber auch nicht an einer modischen Perle fehle , entzündete dieser universale Wunderjüngling durch sprühende Liederfunken die vaterländischen Herzen , die mehr denn jemals lyrisch empfänglich waren , so wie eine Flamme , bevor sie erlischt , noch einmal hell aufzulodern pflegt . Seltsamerweise indessen zündeten am lebhaftesten nicht die erotischen Ergüsse , für welche es dem Dichter , trotz seiner Jugend , doch keineswegs an Stimmung und Erfahrung gebrach , sondern die Hymnen stolzer Freiheit , für welche er an Stimmung und Erfahrung zwar auch keinen Mangel litt , aber doch vielleicht nicht in dem Sinne , in welchem er sie besang ; ja sie entzündeten sogar das hohe Publikum seines Lebenskreises und vor allen dessen weibliche Hälfte . Der Dichter von Hartenstein trug um diese Zeit , als freiwilliger Husar , eine der blitzendsten Uniformen der Armee . Aber keiner seiner loyalen Kameraden nahm Anstoß an seinem schwungvollen metrischen Barrikadenbau . Irgendeinen Gegenstand muß ja der Dichter zum Vorwurf haben , und so wußte man einen fiktiven Tyrannenhaß von einem effektiven zu unterscheiden . Ein junger Kavalier von altritterlichem Namensklang und neuritterlicher Lebensart , ein freiwilliger Husar , welcher der einzige Enkel eines Großgrundbesitzers ist und sich außerdem auf eine steinreiche und steinalte Erbtante berufen darf , erfreut sich nicht bloß in materiellem Betracht eines weittragenden Kredits ; abgesehen davon , daß der Modestrom einem Lustrum gefällig macht , was einem anderen verwerflich dünkt . Über die Richtung , welche er für die Zukunft einzuschlagen habe , war der junge Baron noch im Schwanken . Sollte er , der Tradition seiner Väter gemäß , die militärische Laufbahn fortsetzen oder , dem Rate der gelehrten Mutter und selber dem der alten Künstlerin gemäß , die staatsmännische erwählen , für welche seine Studien und Verbindungen ihn glänzend vorbereitet hatten ? Am nächsten lag es , in der Freiheit eines Gentleman und in ästhetischer Universalität der Jugend goldenen Tag zu genießen und unter frohem Wechsel zu erwarten , was das Glück seinem Günstling mühelos in den Schoß werfen werde . Der klangvolle Tenor seiner Poesien hatte einen Widerhall gefunden selbst in dem unpoetischen Gemüt der Mutter . Nach so vielen Schönen , Tapferen , Lebensfrohen seines Geschlechtes gab es zum ersten Male , schön und lebensfroh auch er , einen Genialen , einen Dichter von Hartenstein , und dieser Auserwählte war ihr Sohn ! Wie hätte ihr Herz nicht in stolzer Freude und Erwartung schlagen sollen ! Wiedergesehen hatte sie ihn nur ein einziges Mal während einer schweizerischen Ferienreise und , wenngleich nur flüchtig , hinreichend lange wenigstens für sein Bedürfen . Auch waren seine Briefe nur seltene und kurz ; um so länger und lehrreicher dagegen die ihren . Auch » auf seinen Gütern « , wie er den Werben-Mehlbornschen Komplex nicht nur nannte , sondern allen Ernstes a priori betrachtete , hatte der junge Herr seit jenem unfreiwilligen Knabenaufenthalte sich weder sehen noch jemals von sich hören lassen . Hätten nicht Frau Zacharias und Fräulein Thusnelda in Briefen an Pastor Blümel seiner regelmäßig erwähnt , würde er dort , wo naturgemäß seine Heimat war oder doch eines Tages werden sollte , spurlos vergessen worden sein . Diese Briefe jedoch nährten in der Seele des ihm so ungleichartigen Hirtensohnes eine bewunderungsvolle Erinnerung , ja steigerten diese zu einem heroischen Phantasiegebilde , und wo wäre ohne solches Phantasiegebilde ein Knabe jemals zu einem tüchtigen Manne geworden ? Max von Hartenstein war und blieb das glänzendste Gestirn an Dezimus Freys Frühlingshimmel , und wie er in der holden Venus , wenn sie im Morgendämmer der Sonne vorleuchtete , sein fröhliches Röschen sah , und wenn sie im Abenddämmer der Sonne nachleuchtete , die treue Lydia , lange nachdem er wußte , daß es der nämliche Wandelstern sei , welcher die hohe Himmelskönigin umkreise , so sah er in dem herrlichen Jupiter seinen Max . Aber noch in einem anderen ebenso ungleichartigen Gemüte hatte das schöne junge Menschenbild eine unverlöschliche Spur hinterlassen . Auch dem stillen weißen Fräulein hieß alles , was Freude weckt , Max . Sooft sie Dezimus begegnete , schlug sie den beiden so wohlklingenden Namen an . Sie tat es ruhig , auch vor Zeugen ohne künstliche Umhüllung , einfach , wie sie allezeit war . » Hat Frau Zacharias Maxens erwähnt ? Schreibt Tante Thusnelda , wie sich Max in Bonn gefällt ? « Oder auch : » Wissen Sie noch , Dezimus , wie schön Max diese Ballade deklamierte , jenes Volkslied sang ? « Und wenn Dezimus nun jeden Laut noch wußte , jeder Bewegung sich erinnerte , wenn er mit sonst ihm keineswegs eignender Geläufigkeit berichtete von den riesenmäßigen Fortschritten , den glänzenden Zeugnissen , den Erfolgen seines Idols , dann röteten sich leise der Hörerin bleiche Wangen , und die großen graublauen Augen färbten sich gleich den dunkelsten Hyazinthenblüten . » Nicht wahr , Sie haben ihn auch lieb , Fräulein Lydia ? « fragte Dezimus dann wohl , und : » Sehr lieb « antwortete Lydia in ihrer natürlichen Weise . Durch dieses gemeinsam gepflegte Andenken hatte sich zwischen Lydia und Dezimus eine Art von Verhältnis gebildet , das sich aus der Kinderzeit in die der Erwachsenen hinüberzog und nur insofern eine Heimlichkeit war , als kein Dritter sich gläubig genug erwies , ihren Kultus zu teilen . Wie auch Fernstehende sich Freunde nennen , wenn sie einen Helden , einen Dichter oder Künstler mit gleicher Inbrunst verehren , so machte das Traumbild » Max « das Fräulein und den Hirtensohn zu Freunden , indem es sie über den trennenden Unterschied der Jahre und Verhältnisse hinweghob . Nun aber entpuppte sich aus dem Traumbild der Dichter mit seinen greifbaren Stanzen und Terzinen ; Dezimus schwärmte für diese feuriger als für irgendeine Ode des Horaz , und wenn die Tiefe des Sinnes ihm mitunter unergründlich , der Schwung der Bilder ihm zu hoch bemessen war , so schlug der Rhythmus des Lautes doch wie Musik an sein Ohr , und er schmetterte ihn , ohne einer Melodie zu bedürfen , mit seinem sich just zum Baß umsetzenden Alt hinaus in die wonnige Frühlingsluft . Die reifere Lydia dagegen wollte fühlen , was ihr klang , und was sie fühlte , wollte sie verstehen . Sie hatte nicht nur ein fein musikalisches Ohr , sondern mehr noch ein tief musikalisches Herz , dem schon für manches liebe Lied eine Melodie aufgegangen war . Die des liebsten von ihnen : » Wenn alle untreu werden « sang sie ihrem Vater jeden Abend an der kleinen Orgel im Ahnensaale vor . Wie sie aber auch sinnen mochte , für keines von Maxens Gedichten fand sie im Herzen oder auch nur im Ohr eine Melodie ; und wenn ihr Vater dieselben mit einem seinem sangeskundigen Meister nachgebildeten Kraftworte » Sprühteufel « nannte , so tat ihr das zwar weh , aber sie widersprach ihm nicht , wie doch Dezimus es wagte , wenn sein Pastorvater sie lächelnd » Strohfeuer « nannte . So lockerte denn bis zu einem gewissen Grade der Dichter den Freundschaftsbund , welcher über dem Traumbild geschlossen worden war ; mehr denn jemals indessen nistete in dem Freunde die Vorstellung sich ein , so ein Etwas , das man Kinderweisheit nennt , daß diese herrliche weltfremde Jungfrau zu diesem herrlichen weltstürmenden Jüngling notwendig gehöre wie , ei nun , wie etwa der standfeste Dezimus zu seinem neckischen Rosenschwesterchen oder , in seine Sternensprache übersetzt , wie ein Mond zu seinem Planeten gehört . Lydia hatte bei neunzehn Jahren , in kaum merklichen Übergängen , sich zu einer Erscheinung entfaltet , so wie ein Zögling Konstantin Blümels , der niemals ein gemeißeltes oder gemaltes Bild gesehen hat , das Schönheitsideal sich träumt , der Leib der Seele Überguß . Für Konstantin Blümel selbst aber , den Greis mit dem Dichterherzen , wenn er die hohe , keusche Liliengestalt , den gebeugten Vater am Arm , langsam die Terrassen auf und nieder schreiten sah , nur für seine Schonung besorgt , ihr Blick nur an seinem hangend , das Bild der erfülltesten Kindesliebe , für Konstantin Blümel verwandelte sie sich in die Tochter des blinden Thebanerkönigs , von allen klassischen Heidengestalten ihm die rührendste . Und wohl trug sie Antigones Los in diesen Frühlingstagen . Ihr Höchstes , Teuerstes , ihr Vater , litt schwer , seine Kraft war gebrochen , scheinbar plötzlich , aber aus altem Keim . Es krankte sein Herz , auch was der Arzt so nennt ; jachen Erstickungskämpfen folgte Todesmattigkeit . Der Wechsel im Regiment , auf welchen der eifrige Mann so zuversichtlich gerechnet , hatte sich seit Jahren vollzogen , ohne seine Erwartungen zu erfüllen ; während Professor Zacharias der öffentlichen Wirksamkeit entsagen mußte , war von der seines Antagonisten der Bann , stillschweigend wie er auferlegt ward , genommen worden ; aber als Duldung , nicht als Triumph , und gering auch nur war die Zahl der Getreuen , welche die Satzung der Toleranz vorgezogen hatten . Herber hätte ein Mann wie Joachim von Hartenstein nicht enttäuscht werden können . Sollte er seiner stolzen Zurückgezogenheit entsagen , um ein Sektenpriester zu werden ? Dennoch würde er sich noch einmal in den Streit der Welt gewagt haben , wenn jenes zunehmende Körperleiden ihn nicht so empfindlich gehemmt hätte . Nun ergriff ihn eine Unruhe , die ihn heute vorwärts drängte , morgen zurück , und es war nicht der Aposteleifer allein , der in ihm rang , es war , wenn auch nur wenige es ahneten und nur die Tochter , seine vertraute Geschäftsführerin , bis zu einer gewissen Grenze es wußte , es war die Vatersorge . Seine apologetischen Schriften hatten ihn noch weniger goldene Früchte ernten lassen als die kritischen des Professor Zacharias ; nicht das gedruckte Wort , das gesprochene war seine Stärke . Von Jahr zu Jahr in der Zuversicht einer demnächstigen Rehabilitierung , hatte das Stilleben in Werben , so beschränkt es der Familie nach ihrem früheren Zuschnitt erschien , den Rest des mütterlichen Vermögens bis auf einen verschwindenden Bruchteil aufgezehrt , der berufene Ernährer aber sah sich alternd , krank , verlassen und von fünf Kindern nur den ältesten Sohn , der kürzlich Offizier in einem Infanterieregimente geworden war , notdürftig versorgt . Der stolze Mann , der nach seines großen Meisters Vorbild zeitliche Güter so gering geachtet hatte , nun wurde er um zeitlicher Güter willen » zwischen Tod und Hölle « hin und her geworfen und der Gedanke des Lebens wie des Sterbens ihm zu gleicher Marter . In solchen zweifelhaften Zuständen schwebten , außerhalb des Pfarrhauses , fast alle Menschen , zu welchen Dezimus liebend und ehrerbietig in die Höhe blickte , ja schwebte in gewissem Sinne auch er selbst , da er binnen kurzem aus der Heimat scheiden sollte , als unerwartet die Kunde von dem Ableben der greisen Gutsherrin in Werben eintraf . Der junge Doktor von Hartenstein hatte die Todesbotschaft dem Justitiarius zukommen lassen , zum Zweck der Mitteilung an die Familie und der Maßnahmen für die demnächstige Beisetzung . Er selbst war im Begriff , nach Rom abzureisen , um seine Schwester heimzugeleiten . Über das Ende seiner Verwandtin berichtete er nur flüchtig , daß es ohne vorhergehendes Krankenlager , bei klarem Bewußtsein erfolgt sei . » Warum kann solch ein schönes Leben nicht von vorn angefangen werden ! « wären ihre letzten Worte gewesen . Sie hätte für die Einbalsamierung ihres Leichnams und für den aufzulösenden Hausstand exakteste Vorschriften hinterlassen , wie denn auch schon bei ihrer kurzen Anwesenheit vor neun Jahren in dem Archiv des Schlosses die Anordnung ihrer Bestattung niedergelegt worden , von welcher nun unverzüglich Kenntnis zu nehmen sei . Im Umkreis der Heimat hatten nur wenige die Abgeschiedene gekannt , keiner sie geliebt ; und wie kleinlaut äußert sich denn überhaupt die Totenklage um einen Achtziger , auch wenn er gekannt und geliebt worden ist ? Um so lebhafter beschäftigte man sich mit den äußeren Veränderungen , welche der Todesfall nach sich ziehen mußte . Konjektur über Konjektur bei hoch und gering ; nur Pastor Blümel versenkte sich mit Innigkeit in das entschwundene Leben - schon um der Parentation willen , welche der Würde wie der Wahrheit gemäß abzuhalten er nicht nur als Pfarrer , sondern mehr noch als Vertrauensmann , den sie Freund genannt hatte , verpflichtet war . Wie er aber auch sinnend ihre Spur verfolgen , wie er ihre Briefe durchgrübeln mochte , es wollte ihm nicht gelingen , die Widersprüche dieser Natur zu einem Kettenschluß ineinanderzufügen : den scharfen Verstand und die Bizarrerien ; das gütige Bezeigen und den Mangel an Liebe ; den weichen Künstlersinn und die ätzende satirische Ader ; die Unfähigkeit zum Glauben und das Bedürfnis , jegliches wahrhafte übersinnliche Streben zu ergründen und zu ehren ; die unverwüstliche Daseinslust und die Bereitwilligkeit aufzuhören . Sooft Konstantin Blümel bei eines Menschen Tode die Magie seines Lebens erspürt hatte , hier fand er die Zauberformel nicht . Nun ja , ihr fehlte das Organ für den Schmerz . War es aber darum allein , daß die glückliche Harfenkönigin sich ihm nicht zu einem Dichtergebilde verklärte wie einst das elende Hirtenweib ? Indessen hatte in seinem Pfarrbereich ein lebhaftes Treiben Platz gegriffen . War die Kirche selbst von innen und außen schon vor Jahr und Tag säuberlich hergestellt worden , hatten selbst die ehrwürdigen schwarzen Herren am Altar sich eine Wäsche und einen aufmunternden Pinselstrich gefallen lassen müssen , so galt es nun schleunigst , die Gruft unter der Kirche zum Empfang des letzten Herbergsgastes würdig zu erneuern . Alle Hände voll waren zu tun , um den modernden , kellerartigen Raum in ein blaues Himmelsgewölbe umzuwandeln , es mit goldenen Sternen zu besäen , bunte Fensterscheiben einzulassen , den Fußboden mit Granitplatten zu belegen , die alten Särge aufzupolieren und , wo selbige mürbe geworden , in neue Gehäuse einzukapseln . Kein Pünktchen über dem I war in der eigenhändigen Vorschrift ausgelassen . Sobald der Sarg in die Gruft gesenkt worden , sollte die goldene Harfe darauf befestigt und ihm zu Häupten eine Marmorstatue aufgerichtet werden , welche , unter den Jugendzügen Thusneldas von Werben , die Muse der Tonkunst darstellte und , von dem ersten Meister der Zeit gefertigt , der Stolz des gastlichen Hauses in der Ostraallee , möglicherweise auch noch dessen am Monte Pincio gewesen war . Dies aber geschehen , sollte unverweilt , an Stelle der Falltür , die Gruft durch eine Steinplatte für alle berechenbare Zeit geschlossen werden . » Denn , « so erläuterte die Verordnung , » kein Mensch von heute oder morgen hat ein Interesse daran , diese Stätte der Verwesung wieder zu betreten . Wenn aber nach Jahrhunderten vielleicht - durchaus kein beklagenswerter Schade ! - der Oberbau in Trümmer gelegt sein wird , sei es durch verjüngende Barbarenhorden , sei es allein durch die verjüngende Barbarei der Zeit ; und wenn , nach Jahrtausenden vielleicht , von den Forschern einer neuen Kulturepoche dieser Trümmerhaufe durchwühlt werden wird , dann soll das , was heute an die Vergänglichkeit mahnt , als ein Merkmal des Unsterblichen auf Erden entdeckt und gewürdigt werden . « Die stärkste Spannung erregte das Testament , das vor der letzten Abreise nach Rom in Dresden niedergelegt worden war und vorschriftsmäßig jetzt von dort an das Patrimonialgericht ausgehändigt wurde . Als Termin für die Eröffnung war die alte Sitte einer Monatsfrist vom Tage des Todes ab auf die von dem der Bestattung hinausgeschoben worden . » Ein Schabernack , dem alten Spottvogel leichtlich zuzutrauen . Die erblustige lachende Sippe wird aus weiter Ferne auf den Trab gebracht und schließlich ihr ein Schnippchen geschlagen . « So legte nämlich der Judex Hecht , der selbst ein arger Spottvogel war , jene Aufschubsklausel aus , und zwar auf Grund der Aufschrift des Testamentes , die folgendermaßen lautete : » Zu publizieren im Ahnensaale von Werben , durch den Justitiarius von Werben , in Gegenwart ad eins : der Mitglieder der Familie von Hartenstein , insofern selbige dem Geschlechte der Werben blutsverwandt oder verschwägert sind und Verlangen hegen , den letzten Willen der letzten Namensträgerin zu erfahren . Ad zwei : des Ortspfarrers von Werben , insofern am Tage der Publikation der jezeitige Herr Konstantin Blümel noch im Amte stehen oder aber dessen Pflegesohn Dezimus Frey ihm in diesem Amte nachgefolgt sein sollte . « Nun , hinsichtlich dieses letzten » Oders « hatte die lebenslustige Testatorin ihre Dauerkraft freilich um viele Jahre überschätzt ; in Mutter Hannas Herzen aber hatte das » Oder « den Johannissegen gewaltig ins Kraut schießen lassen . Sollte ihr braver Dezem bloß auf dem Testamente stehen und nicht auch darin ? Ihr Konstantin belächelte den Aberglauben . Wollte es ihm auch nicht gelingen , den Kitt der einzelnen Seelenteile seiner weiland Patronin klärlich zu analysieren , das Totale , zu welchem die widersprechenden Teile sich so oder so verkittet , hatte er hinlänglich erfaßt , um zu wissen , daß sie nur einen Bluts- oder Kunstgenossen würdig erachtet haben werde des Erbes , auf welchem die heitere Freiheit ihres Lebens wesentlich beruht hatte . Aber einen Vertrauensakt sah er in der Berufung , mutmaßlich ein Bürgenamt für irgendwelches heikle Kommissorium . Und dieses ehrende Zeugnis von Herzenskunde galt Konstantin Blümel als das kostbarste Legat auch für den Jüngling , den er auf seinen Boden verpflanzt hatte . In des Propstes Zustande trat seit Eintreffen der Todesbotschaft eine auffällige Besserung ein ; seine Haltung hob sich , vor den Blicken sank ein Nebel , die Schritte wurden elastisch wie einst . » Niederschlagendes Resultat ! « sagte Pastor Blümel mit einem tiefen Seufzer , » wenn unter dem Druck der Erdgewalten der Idealist dahin gelangt , von einem Lotteriegewinst den Frieden für sein Leben und Sterben zu erwarten . « Die Beisetzungsangelegenheiten führten Herrn von Hartenstein wiederholt in das Pfarrhaus ; er war mitteilsam wie noch nie ; einmal äußerte er sogar , daß er seine Tage in der ihm liebgewordenen Stille von Werben zu beschließen gedenke , für den wahrscheinlichen Fall , daß dessen Besitz auf seine Gattin als nächste Erbin übergehe . Lydia begleitete den Vater regelmäßig bei diesen Besuchen ; in ihren Augen leuchtete ein Widerstrahl von seinem neuen Leben , und noch eine zweite Hoffnung zauberte auf ihre Wangen den einstigen Anemonenhauch . Ihr Bruder Martin war bereits zu der Bestattungsfeier eingetroffen ; und durften denn nicht auch Sidonie und Max für sie erwartet werden , um voraussichtlich bis zur Testamentseröffnung zu verweilen ? Ein voller Monat Freude ! Freund Martin strahlte im neuen Glück der Epauletten ; er kam jeden Tag ein paarmal auf die Pfarre stolziert und machte natürlich , seiner Weltstellung entsprechend , Röschen den Hof . » Ist die aber reizend geworden ! « sagte er mit der Miene heimlichen Vertrauens , aber einer Stimme , als ob er seine ersten Rekruten kommandierte . » Dich nicht in die zu ver lieben ! Dezimus , bist du denn von Stroh ? « » Ich liebe sie ja , « versetzte Dezimus stillvergnügt . Röschen dahingegen sagte : » Ein guter Junge , dein Martin . Aber wie kommt es nur ? Die Zeit wird mir mit ihm greulich lang , und mit dir , alter Dezem , wird sie es doch nicht . « » Das kommt : der Martin schwätzt , und Dezem hört dir Plaudertasche zu , « erklärte lachend Mutter Hanna . Denn unter vier Augen betrieben Röschen und Dezem ihre Schmeichelreden und Zärtlichkeiten nicht . Eifersüchtig auf den Leutnant konnte sonach der Primaner aber auch nicht werden . Häufig brachte Martin seine beiden jüngeren Schwestern , Priszilla und Phöbe , mit ; da wurde denn wie zu Kinderzeiten im Garten getollt oder auch in der Wohnstube ein Tänzchen gemacht . Peter Kurze gab den erforderlichen dritten Partner ab , und Peter Kurze war ein gewaltiger Springer vor dem Herrn , trotz eines Fettbäuchleins schon in Schülerjahren . Und so ist denn die Reihe der Vorführung endlich auch an Peter Kurzen gekommen , der in der Geschichte eines Glücklichen nicht nur eine Rolle zu spielen haben wird , sondern auch selber ein Glücklicher war , zweifelsohne besser als der andere geeignet zur Heldenrolle in einer Geschichte , die in erster Ordnung doch unterhalten soll . Als jüngster Sohn des seligen Amtsbruders von Bielitz , daher Luischens Schwager , und als eine kreuzfidele Haut war er Dezems Intimus auf der Schule geworden , und die Pfarrtür von Werben stand allezeit gastlich vor ihm offen . Wenn sie ihm aber auch ungastlich vor der Nase zugeschlagen worden wäre , würde er durch die Hintertür wieder eingeschlüpft sein und gerufen haben : » Da bin ich , Peter Kurze , ich , ich , ich ! « Denn blöde war Peter Kurze eben nicht . Wo er einen Schornstein rauchen sah , dachte er : Hier ist gut sein ! Hatte Dame Fortuna just nicht splendid für ihn gesorgt , so sorgte er um so beflissener für sich selbst und schob sich als armer Teufel äußerst vergnüglich durch die Welt . Da er ein paar Jahr mehr als Dezimus zählte , war er heuer bereits als medizinischer Fuchs zu den Ferien eingesprungen und prangte nun erst recht in der Glorie der lustigmachenden Person . Daß er in seiner Manier nicht weniger als der Leutnant in der seinen dem Pfarrröschen » die Cour schnitt « , verstand sich , wie er selbst es ausdrückte , » am Rande « . Aber - glückselige Organisation für einen Primaner ! - auch der Doktor in spe machte Dezem keine Herzbeklemmung . Vater Blümel wollte freilich das Tanzen , in Erwartung einer Verwandtenleiche , nicht geziemend finden , seine Hanna aber sagte : » Gönne doch den armen Dingerchen den ersten Luftzug der Freiheit , wer weiß , lieber Konstantin , wer weiß , wie bald ihn ein Trauerhauch verweht . « Damit schlug sie einen Schottischen an , und die drei Paare hopsten seelenvergnügt rundum ; am vergnügtesten die beiden Fräulein . Bei dem flinken Pfarrröschen aber hatte auf diesen ländlichen Bällen der Leutnant entschieden das Prä . Lydia begleitete die Geschwister niemals . Sie ließ den Vater nicht allein . Ihr jüngster Bruder , Philipp , hatte das Scharlach gehabt , und die Mutter würde nicht um die Welt die Krankenstube vor den gesetzmäßigen sechs Wochen verlassen haben . Den siechen Gatten wußte sie ja unter der Tochter Augen wohlversorgt . Eines Nachmittags , als das junge Volk im Pfarrgarten wieder einmal recht übermütig den Plumpsack walten ließ , kam Lydia aber dennoch ohne den Vater den Geschwistern nach , gegen ihre Art in ängstlicher Aufregung . Die Kammerfrau der Tante hatte von dem Hafenplatze , wo die Ausschiffung der Leiche stattgefunden , geschrieben ; da ihr Eintreffen in Werben binnen zwei Tagen erwartet werden durfte , wünschte der Propst , daß Martin bis zu der Station , wo die Eisenbahn verlassen wurde , ihr entgegenreise , um den Kondukt in die Heimat zu geleiten . Max und seine Schwester hatten bereits in Rom den Landweg eingeschlagen ; die Kammerfrau vermutete sie längst in Werben . Und sie waren nicht angelangt , hatten keinerlei Nachricht von sich gegeben . » Wenn ihnen ein Unfall zugestoßen wäre ? « schloß Lydia . » Ach , gar ein Unfall ! « widersprach Röschen lachend . » Sie werden sich unterwegs , wo es hübsch war , aufgehalten und gedacht haben : Was schadet es der seligen Tante , wenn sie ohne unser Beisein bei ihren Vätern den Einzug hält ? « Die Schloßgeschwister brachen auf ; die Pfarrgeschwister , inklusive Peter Kurzens , begleiteten sie . Den Weinberg hinab , den Uferpfad entlang , die Terrassen hinan ging es in neckischem Fliehen und Sichhaschen . Keiner fragte danach , daß die tolle Jagd aus den Schloßfenstern beobachtet werden könne . Seit dem Eintreffen der Trauerpost aus Rom schien in dem klösterlichen Hause alles außer Rand und Band geraten . Nur Lydia und Dezimus gingen sacht hinterdrein ; sie folgten Max auf seiner Alpenreise und langten am Fuße der Terrasse erst an , als die anderen längst im Schlosse verschwunden waren . Jählings starrte beider Schritt , stockte beider Atem . Von oben herab kam einer ihnen entgegen , mit verwegenem Satz die letzte Mauerstufe hinunterspringend . » Lydia ! « rief Max , umfaßte sie mit beiden Armen und preßte seine Lippen auf die ihren . Sie war einen Moment von Purpur übergossen ; im nächsten hatte sie sich ihm entwunden . Ein Schauer flog über ihren Leib ; sie stand entfärbt , mit geschlossenen Augen wie in den Boden gewurzelt . » Grüß Sie Gott , Dezimus ! Himmel , was sind Sie groß geworden . Aber sehen Sie doch dieses Bild , dieses Göttermenschenbild ! « Sidonie war es , welche , langsam die unterste Terrasse niedersteigend , also sprach , indem sie die eine Hand Dezimus entgegenstreckte und mit der anderen auf die versteinerte Gruppe der beiden schönen jungen Verwandten deutete . Dann gegenseitiger Willkommenwechsel , Aufklärung und Mitteilung . Sidonie führte das Wort . Maxens Augen hingen mit gleichem Entzücken an Lydia wie die von Dezimus an seinem Jovisstern . Aber auch die Verwandlung der kleinen Sidi machte ihn staunen . Eine langwierige orthopädische Kur hatte Wunder an ihr gewirkt ; sie war bedeutend gewachsen , und wenn die Unebenheit des Baues auch nicht ausgeglichen werden konnte , der Kopf war nahezu schön ; man sah es ihr an , daß nur ein äußerer Unfall die Mißgestalt verschuldet hatte . Das gemischte Blut der Hartenstein und Mehlborn strömte in ihren Adern so gesund wie in denen ihres herrlichen Bruders . Im übrigen war sie , wie schon als Kind , sich ihres Makels bewußt und brach ihm durch rüstigen Humor die Spitze ab . Lydia sprach an diesem Abend kaum ein Wort . Ihre Lider waren wie im wachen Traume gesenkt , sie schwebte einher , als ob ihr Flügel gewachsen wären . Am anderen Morgen widerfuhr dem vom Glück erkorenen Johannissohne wieder einmal so unverdient wie unversehens eine außerordentliche Ehre . Während er sich mit seinem Vater in der großen Geschäftsangelegenheit des Tages auf