einer Weise , die Ihrer würdig ist und würdig des Rufes Ihrer Großmut und Freigebigkeit . « Freilich - auf diese war es abgesehen ! sagt Regula zu sich selbst . Mein Geld wollt ihr , nicht mich . Ihr unruhig umherschweifender Blick fällt auf den Brief , den sie eben geschrieben hat , und wie ein Blitz durchzuckt es sie ... Das ist ' s - da liegt die Lösung . Geschehe , was wolle , strafe sich ' s , wie ' s mag - was liegt an der Zukunft ? Der große Augenblick fordert sein Recht ! » Verständigen wir uns , Herr Graf « , spricht Regula ; » handelt es sich nur um meine Einwilligung zu der Verbindung der jungen Rosa mit Ihrem Sohne , oder erwarten Sie , daß meine Großmut und Freigebigkeit dieselbe ermögliche ? « » Mein Fräulein ! « rief der Greis auffahrend . Regula setzte mit erzwungener Gleichgültigkeit hinzu : » Wenn das letztere der Fall wäre , müßte ich Ihnen zu meinem Bedauern erklären , daß ich nichts für meine Nichte tun kann . Ich habe nähere Verpflichtungen , ich bin - verlobt . « Er war unfähig , die unangenehme Überraschung , in die diese Nachricht ihn versetzte , zu verbergen , und hätte jedes Wort , mit dem er an die Freigebigkeit des Fräuleins appelliert hatte , mit einem Tropfen seines Herzblutes zurückerkaufen mögen . » Ich wünsche Ihnen und Ihrem Herrn Bräutigam Glück ! « sagte er sarkastisch lächelnd , » wäre Ihnen aber dankbar , wenn Sie mir die Erlaubnis geben wollten , auch meinem Sohne Glück wünschen zu dürfen - zu Ihrer Einwilligung ... « Regula unterbrach ihn : » Ich versage sie nicht , Herr Graf . Es kann mir nur lieb sein , meine Nichte in eine Familie treten zu sehen , in welcher auf irdische Güter ein so geringer Wert gelegt wird , denn diese - sind ihr nicht zuteil geworden . « » Verlieren Sie darüber kein Wort , mein Fräulein ! « rief der Graf . » Geldheiraten zu schließen war in unserm Hause niemals Brauch , und heute noch darf , trotz der Ungunst der Zeiten , der Eigentümer von Rondsperg eine Braut nach seinem Herzen wählen . « Regula erbebte vom Wirbel bis zur Sohle . Der Gegner selbst hatte ihr den vergifteten Pfeil in die Hand gedrückt , den sie nur abschnellen brauchte , um tödlich zu treffen und sich zu befreien von dem lechzenden Durst nach Rache , der in ihrem Innern so qualvoll brannte und Befriedigung heischte . Eine Sekunde lang zögerte sie ... Ihr Wort war verpfändet , aber ein Narr , der Betrügern Wort hält , Regula ist nicht gewillt , das Unrecht zu beschützen , sondern - es zu entlarven ! » Ihr Sohn ist nicht mehr Eigentümer von Rondsperg « , sagte sie gepreßt und stammelnd , » er hat es mir verkauft . « Der alte Mann sprang auf , starrte sie an - stumm , verständnislos . Regula erhob sich gleichfalls und wiederholte jetzt bestimmter , mit fester Stimme : » Er hat es mir verkauft . Rondsperg ist mein - seit gestern . « Er taumelte zurück unter diesem Schlage - er war totenbleich , der Atem stockte in seiner Brust . Erschrocken , aber nicht gerührt betrachtete ihn Regula . » Fassung , Herr Graf « , sprach sie kalt . » So bin ich Ihr Gast ? ... In Rondsperg Ihr Gast ? ! « schrie der Greis , und schmerzlich verband sich die Heftigkeit des Zornes , der Entrüstung , der Beschämung , die in ihm rangen , mit dem Bewußtsein seiner Hilflosigkeit . Plötzlich raffte er alle Kraft zusammen , richtete sich auf und stürzte aus dem Zimmer . Regula war von einem nervösen Zittern ergriffen worden , das ihre Glieder kläglich schüttelte . Es dauerte lange , bis sie vermochte , an den Tisch im Fenster zu treten und den begonnenen Satz : » Ich bin ... « zu Ende zu schreiben . Er schloß jetzt anders , als sie es vor einer Weile im Sinne gehabt , und zwar : » Ich bin die Ihre . Regula Heißenstein . « Sie rief Bozena und trug ihr auf , den Brief sofort durch einen Boten nach der Bahnhofstation zu befördern . Er konnte um fünf Uhr nachmittags in Bauers Händen sein . Frau Professor also ? ... Dies das Ende ... Frau Professor Bauer ! Regula brach in unaufhaltsames Weinen aus . Die Baronin von Waffenau erwartete an der Seite ihrer Mutter in banger Besorgnis den Erfolg der Unterredung des Grafen mit Regula . Als der Greis jetzt erschien , verriet ihr ein Blick auf sein verstörtes Gesicht , was geschehen war . » Oh , die Schlange , sie hat uns verraten ! « rief Thilde . Diese Worte brachten den Grafen noch mehr außer sich . » Sie euch - Ihr mich ! « keuchte er ; die Stimme versagte ihm , er stampfte heftig mit dem Fuße und brachte mühsam die Worte hervor : » Ronald - her - hierher . « » Ich will um ihn schicken « , sprach die Baronin in beruhigendem Tone . » Regen Sie sich nicht so auf , Papa . Was geschehen ist , ist geschehen , weil es mußte , weil es anders nicht möglich war . « Zu ihrer Mutter sagte sie leise : » Verlieren Sie nicht den Mut , Mama , ich komme gleich wieder « , und eilte , einen besorgten Blick auf die Eltern werfend , hinweg . Der Greis hatte sich auf den Rohrsessel vor seinem Schreibtisch geworfen , die Gräfin trat zu ihm . » Karl « , sprach sie flehend und legte die Hand auf seine Schulter . Er bäumte sich auf , als ob der Verrat ihn berührt hätte , und schleuderte ihre Hand von sich . » Du hast alles gewußt ! Warst einverstanden mit dieser - Brut ... Still ! « fuhr er sie an , als sie antworten wollte , und die arme Frau wankte eingeschüchtert und bebend zu ihrem vorigen Platz zurück . Wuchtige Schritte erdröhnten im Gange ; der Burggraf erschien . » Ah ! « rief ihm sein Herr mit unheimlichem Gelächter entgegen , » wissen Sie schon ? Rondsperg ist - verkauft , verkauft ! « Der Alte schlug schallend die Hände zusammen : » Hatt ich mir ' s doch gedacht ! « » Ja « , fuhr der Graf fort , » jawohl ! Meine Kinder verkaufen mir das Dach über dem Kopf , zum Dank dafür , daß ich es ihnen geschenkt habe . Ich lebe hier , in meinem Rondsperg , von einer Krämerin Gnaden - mache vor ihr die lächerliche Figur eines alten Narren , der in fremdem Hause den Herrn spielt . Aber was liegt daran ? Die Schmach ihres Vaters wird meinen Kindern - bezahlt . Für Geld ist ja alles feil , das Vätererbe , das uns den Namen gegeben hat , die Gräber der Ahnen - alles zu haben für Geld ... Auf die Trommel damit ! Die Millionärin kauft , und mein Sohn macht ein brillantes Geschäft . « Die Baronin , die inzwischen zurückgekehrt war , trat unerschrocken auf ihren Vater zu . Sie trug ein riesiges Wirtschaftsbuch in den Armen , das sie vor ihn auf den Schreibtisch hinlegte . » Es ist jetzt nicht mehr Zeit , zu verhehlen und zu schonen , Papa . Die ganze Wahrheit wird Ihnen weniger weh tun als die halbe « , sagte sie und schlug das Buch auf . » Öffnen Sie die Augen , seien Sie gerecht gegen den besten Sohn . Hier steht , in Zahlen ausgedrückt , die Geschichte seines langen , fruchtlosen Kampfes . Sie können auch leicht sehen , was ihm bleibt bei dem brillanten Geschäfte , das er mit Fräulein Heißenstein abgeschlossen hat . « Der Burggraf spannte hastig seine Brille auf die Nase und fiel wie ein Raubvogel über das Buch her . Es war sein größter Verdruß , daß ihm konsequent der Einblick in Ronalds Buchführung verweigert worden war . Jetzt endlich lag der Gegenstand seiner Neugier vor ihm , jetzt konnte er sich und andere überzeugen , daß die Leitung der Rondspergschen Güter in einer Reihe von Mißgriffen bestanden hatte , seitdem sie ihm und seinem Freunde , dem Direktor , entzogen worden war . Er nahm auf einen Wink des Grafen Platz neben ihm , und die beiden begannen eifrigst zu rechnen und zu lesen . Der Graf , der seit Jahren nur noch in den Träumen seiner sanguinischen Einbildungen gelebt hatte , mutete plötzlich seinem Verstande eine gewaltige Anstrengung zu . Er rang seine Gemütsbewegung nieder und rief die schlummernden Kräfte seines Urteilsvermögens wach , um mit kaltem Blute beweisen zu können : Soviel habe ich gegeben - und so wird ' s mir gedankt ! Blatt um Blatt wurde umgeschlagen . Von Zeit zu Zeit sprach der Graf : » Wie ? - Der Acker nicht mit einbezogen ? - Wie ? Der Wald kommt gar nicht vor ? « Und jedesmal erhob sich die Baronin und bewies aus dem Buche mit Scharfsinn und raschem Überblick : » An Zahlungs Statt angenommen von dem und dem . - Versetzt für soundsoviel . « Wohl glühten ihr die Augen wie im Fieber , wohl war sie rot wie eine Mohnblume , doch blieb die innere Ruhe , die trotz aller äußeren Lebhaftigkeit sie niemals verließ , ihr auch jetzt treu . Fast zwei Stunden vergingen , die Züge des Grafen wurden immer gespannter , ihr Ausdruck immer düsterer , und kalter Schweiß trat auf seine Stirn . Hingegen schien das Interesse des Burggrafen an dem Studium der Wirtschaftsrechnungen allmählich zu erlöschen . Er richtete sich unter verschiedenen » Ahs « und » Ohs « aus seiner gebückten Stellung auf , rieb seine lange Nase mit dem ringgeschmückten Zeigefinger und erhob sich endlich . Seine farblosen borstigen Haare , durch die er fortwährend wider den Strich gefahren war , standen jedes einzeln in die Höhe ; er wandte sich zu der Baronin und sagte mit einer Mischung von Frechheit , Bosheit und Beschämung : » Das Papier ist geduldig . « Der Baronin wallte einen Augenblick die Galle über . » Sie wissen recht gut - « begann sie mit zorniger Stimme , aber sie mäßigte sich sogleich , senkte den Blick auf die Häkelei , an der sie unermüdlich arbeitete , und murmelte : » Wer mit Ihnen streiten wollte , Tropf ! « Als sie nach einer Weile wieder emporsah , war der Platz , an dem der Burggraf gestanden hatte , leer . Der ländliche Intrigant hatte sich leise davongeschlichen . Der Graf aber saß steif und stumm in seinen Sessel zurückgelehnt . Seine rechte Hand lag auf dem offenen Buche , die linke hing schlaff herab . Weder seine Frau noch seine Tochter wagten ihn anzusprechen . Dumpfe Stille herrschte im Gemache . Da schlug es zwölf Uhr vom Kirchturm , und das Mittagsglöcklein sandte seine hellen Töne durch das geöffnete Fenster herein , sie schienen zu sprechen : Ruh aus , gequältes Menschenvolk ! Ein Augenblick der kühlen Rast am heißen Tage ist dir gegönnt . - Die Baronin legte ihre Hand an die brennende Stirn , die Gräfin betete leise . Jetzt : » O Himmel sei uns gnädig ! « - sachte war die Tür geöffnet worden , Ronald trat ein . Er sah seine Mutter und seine Schwester fragend an , bestürzt über den Ausdruck von Todesangst in ihren Zügen . » Sie haben mich rufen lassen , Vater « , sprach er . Bei dem Laute seiner Stimme fuhr der Greis empor , schwankte , als hätte Schwindel ihn ergriffen . Seine Augen schlossen , seine Lippen bewegten sich . » Ronald « , sagte er mit bebender , gebrochener Stimme . Er breitete die Arme nach seinem Sohne aus : » Ronald - verzeihe mir ! « Es war der Wunsch des Grafen , Rondsperg sogleich zu verlassen und sich nach Haluschka zu begeben , wo seine Tochter ihn und seine Frau einstweilen aufnehmen sollte . Mit Mühe brachte man ihn dahin , die Abreise auf den morgigen Tag zu verschieben , damit der Freiherr von Waffenau von der Ankunft seiner Schwiegereltern verständigt werden und Anstalten zu ihrer Aufnahme treffen könne . Ronald schickte sich an , sofort nach Haluschka zu fahren , um seinem Schwager die Lage der Dinge auseinanderzusetzen . Am folgenden Morgen wollte er wieder zurück sein . Die Baronin schrieb in seinem Auftrage an Regula und teilte ihr mit , daß Ronald am nächsten Tage , um zwölf Uhr mittags , zur förmlichen Übergabe von Rondsperg bereit sein werde . Der Tag verging mit eifrigen Vorbereitungen zur Abfahrt ; dem alten Herrn schien der Boden unter den Füßen zu brennen , die Gräfin beschäftigte sich mit dem Packen ihrer Habseligkeiten . Sie ging still und lautlos im Zimmer umher mit ihrem gewohnten Ausdruck geduldigen Sichfügens in das Unvermeidliche . Ihre Kammerjungfer saß in einem Lehnsessel , seufzend unter der Last ihrer Gicht und ihres Fettes , und jammerte , daß sie sich der Gebieterin nicht nützlich machen konnte . Neben dem Koffer kniete Röschen , legte Stück für Stück hinein und benetzte die Hand der Gräfin , die es ihr reichte , mit ihren Tränen . Die alte Frau versuchte nicht , sie zu trösten , aber wenn das Kind gar zu bitterlich weinte , strich sie ihr sanft über Haare und Wangen und sagte mit ihrer ängstlichen und hilflosen Stimme : » Nur Mut , nur Mut ! « Regula hatte indessen den Brief der Baronin erhalten und einen zweiten Boten nach der Eisenbahnstation expediert . Er war der Träger eines Telegrammes , das an Doktor Wenzel gerichtet war und denselben in Begleitung der Herren Weberlein und Schimmelreiter nach Rondsperg beschied . Die Anwesenheit des Advokaten hätte bei der Übernahme des Gutes vollkommen genügt , aber Regula empfand in diesem schwierigen Augenblick das Bedürfnis , sich mit ihren Getreuen zu umgeben . Sie wurde etwas ruhiger , als diese Vorkehrung getroffen war , doch nagte eine Empfindung an ihr , die sie bisher nicht gekannt hatte , die ihr immer als das größte aller Schrecknisse erschienen war , die Empfindung : Es gibt Menschen , die mich nicht bewundern , die mich anklagen , mich vielleicht geringschätzen ! Sie überlegte die Motive ihrer Handlungsweise , rechtfertigte jedes , erschöpfte sich in Beweisen , daß sie das Notwendige , das Richtige getan - und dennoch war ihr die Brust wie zusammengeschnürt und dennoch wollte der Druck nicht weichen , der beklemmend und schwer auf ihr lastete . Eine gedämpfte Stimme , die sie leise ansprach , weckte sie aus ihrem Sinnen . Sie erhob den Kopf . Neben ihr stand Bozena . Ihre Lippen bebten , sie war totenblaß , leidenschaftliche , aber unterdrückte Erregung verriet sich in ihrem ganzen Wesen . » Die Herrschaften lassen packen « , sagte sie . » Es heißt , sie wollen Rondsperg für immer verlassen . « » Mögen sie « , erwiderte Regula mit scheinbarer Gleichgültigkeit . » Ich habe Rondsperg gekauft , bin hier die Herrin und kann niemanden , der nicht gern mein Gast ist , zwingen , es zu sein . Sie wollen fort , ich werde sie nicht bitten zu bleiben . « » Tun Sie es doch , Fräulein « , sprach Bozena . » Die plötzliche Abreise der alten Herrschaften würde gegen Sie , Fräulein , böses Blut machen . « Regel stieß ein kleines höhnisches Gekicher hervor , das Bozena nicht irrezumachen vermochte ; sie fuhr fort : » Niemand weiß , wie sehr Sie beleidigt worden sind - « » Wissen Sie ' s ? « » Ja , Fräulein , ich lebe in Ihrer Nähe und hab offene Augen . Die andern - die Menschen , die Sie nicht kennen , werden sagen : Sie hat sich eingebildet , der junge Graf werde sie heiraten , und weil er ihr das Röschen vorzieht , jagt sie aus Rache seine Eltern aus dem Hause . « Wahr - wahr ! denkt Regula ; ihre schlimmsten , geheimsten Befürchtungen , eben erst mühsam zum Schweigen gebracht , gewinnen eine Stimme , die aus fremdem Munde doppelt schrecklich klingt . » Bozena « , ruft sie zugleich entrüstet und unsicher , » wie dürfen Sie es wagen ... « » ' s ist meine Schuldigkeit , daß ich Sie warne « , spricht die Magd . » Was wissen Sie von der Bosheit der Menschen ? ... Die größte Freude der Menschen ist lästern , die Besten zu lästern , denn bei den Schlechten , da zahlt sich ' s nicht aus . Sie , Fräulein , sind - nach Gebühr - « Bozena neigte ihr Haupt bei diesen letzten Worten , » bisher nur geachtet und geehrt worden . Geben Sie acht , was geschieht , wenn es einmal heißt : Sie hat ' s nicht verdient - sie hat uns um unsere Achtung und Ehrfurcht betrogen ! « » Niemand wird das sagen « , rief Regel und streckte die kalten Hände zitternd aus . » Das und noch viel Schlimmeres , verlassen Sie sich drauf « , fuhr Bozena hart und unerbittlich fort . » Plötzlich wird jeder etwas wissen . Der eine : Die ältere Schwester hat im Elend sterben müssen , damit ihr alles zukomme , der Erbschleicherin ... « » Still ! « kreischte das Fräulein . Bozena jedoch , ruhiger und ruhiger werdend , je furchtbarer Regels Aufregung wuchs , sprach weiter , langsam und nachdrücklich : » Ein andrer steht auf und sagt : Auf dem Totenbette hat ihr der alte Herr das Kind seiner armen Rosa empfohlen und hat ihr mit seinem letzten Hauch zugerufen : Deine heiligste Pflicht ! ... Sie hat sie nicht erfüllt , hat dem Kind nicht gegeben , was ihm gebührt . « Regula machte einen verzweifelten Versuch , sich aufzuraffen : » Gebührt ? « wiederholte sie , » ihm gebührt nichts . Was ich für das Kind getan habe , geschah aus Gnade und gutem Willen , Jeder billig Denkende sieht das ein . An dem Urteil der bösen Zungen , der Verleumder - braucht mir nichts zu liegen . « In welchem Widerspruch standen diese Worte mit dem Ausdruck , in dem sie gesprochen wurden ! » Fräulein « , sagte Bozena warnend und eindringlich . » Sie wissen es nicht , Ihr Haus ist auf Ungerechtigkeit erbaut . Das ist ein Grund , so schmal - er trägt Sie nur , solange Sie geradeaus gehen ... Biegen Sie einmal vom rechten Weg ab - um die Breite eines Haares , so stürzt unter Ihnen alles zusammen ! ... Sie brauchen den Schutz Gottes ... geben Sie dem Kind , nicht was ihm vor den Menschen , sondern was ihm vor Gott gebührt . Tun Sie ' s , weil Sie großmütig sind und brav ! Tun Sie ' s von selbst , Fräulein , sonst müßt ich Sie dazu zwingen - - zu Ihrem Besten , gutes Fräulein ! « Ihre Augen funkeln - sie schlägt sie nieder ; ihre ganze Gestalt strebt empor - aber Bozena beugt sich . Regula wirft ihr unter den herabgesenkten Brauen einen mißtrauischen Blick zu , sie weiß nicht , ob ihre Magd schmeichelt oder droht . Diese fährt fort , Nachdruck legend auf jede Silbe : » Um Ihretwillen ist Ihre Schwester verstoßen worden ... « » Weil sie ' s verdient hat , nicht um meinetwillen ! « ruft das Fräulein . » Doch - um Ihretwillen ! Rosa ist um die Verzeihung ihres Vaters bestohlen worden . Das weiß ich , Fräulein , denn , gefoltert von Gewissensqualen , hat es mir Ihre Mutter in ihrer Todesstunde anvertraut . Der Brief ... « » Schweigen Sie ! « schreit Regula , » ich weiß nichts ; ich will nichts wissen von einem Briefe - ich kann ' s beschwören : ich habe keinen Brief gesehen ... und - wer hat ihn gesehen ? « » Niemand « , antwortet Bozena mit kalter Ruhe , » denn er ist unterschlagen worden und - verbrannt . « » Ha ! « Regula atmete auf , befreit von einer Zentnerlast . » So gibt es auch keinen unterschlagenen Brief ! ... Wer kann beweisen , daß es einen gab ? Wer wird es glauben ? « Die Magd stand da , umflossen von einer wunderbaren , stillen stolzen Majestät ; ihre große Gestalt schien noch zu wachsen , ihr ganzes Wesen atmete Macht , und wie Erz klang ihre Stimme , als sie sprach : » Beweisen kann ich es nicht , aber ich werde es sagen und - mir wird man glauben ! « Mit schrecklicher Wucht fielen diese Worte auf die Seele Regulas . Ja , der wird man glauben ! Deutlich und lebendig in jedem Zuge erhob sich vor ihr ein längst vergessenes Bild . Sie sah ihre Magd zwischen Mansuet und den Jäger treten und hörte sie sprechen : » Es ist wahr ! ... « Bozena hätte damals nicht lügen , sie hätte nur schweigen brauchen , und der Jäger wäre als Verleumder gebrandmarkt gewesen ; an ihr - hätte keiner gezweifelt . Aber sie sprach , sie gab der Wahrheit die Ehre . Ja , der wird man glauben ! ... Und ein zweites Bild tauchte auf vor Regula . Sie erblickte sich auf dem schmalen Pfade , von dem Bozena gesprochen , hoch über allen Menschen und von allen vergöttert . Und nun ein unseliger Schritt , aus Rache getan , im Zorn beleidigter Eitelkeit , und der Glanz , der sie umgab , erlischt , und sie sinkt , sinkt immer tiefer in einen Abgrund - gräßlich , schauerhaft : Die Verachtung der Menschen ! ... Alles verläßt sie - der zuerst , der sie so redlich geliebt und ihren Reichtum so redlich gehaßt hat ... Schon gehaßt , bevor er wußte , daß sie ihn einem Verbrechen dankte . » Bozena « , stöhnt Regel , ihre Zähne schlagen zusammen , ihre Hände greifen stützesuchend umher , » Bozena , was soll ich tun ? Was verlangen Sie ? « Sie denkt nur noch an Rettung , an Rettung um jeden Preis . Mühsam ihre Fassung bewahrend , pochenden Herzens , antwortet Bozena demütig und zögernd : » Ich habe meinem Fräulein nichts vorzuschreiben , aber wäre ich Sie , ich würde zu den alten Leuten sagen : Bleibt , Rondsperg gehört eurem Sohn , dem es Röschen zur Morgengabe bringt . « Regula lachte grell auf und brach dann in ein krampfhaftes Schluchzen aus . Plötzlich schien ein schwacher Hoffnungsschimmer in ihr aufzuleuchten . » Bozena « , sprach sie - oh , mit gar geringer Zuversicht und zitternd wie Espenlaub : » Wenn ich - Sie - bäte - zu schweigen ? « Die Magd erwiderte kein einziges Wort , aber sie bäumte sich mit einer Gebärde auf , so wild , so stolz , so voll grimmigen Hohnes , daß Regula , keinen Ausweg vor sich sehend , wimmerte : » Nein , nein , ich bitte Sie nicht - - ich will tun - was Sie verlangen ... « Da stieg ein Schrei maßlosen Jubels aus Bozenas Brust . » Engel « , rief sie jauchzend , » Erlöserin ! ... meine ewige Seligkeit dank ich Ihnen und meinen zeitlichen Frieden ! « Sie warf sich vor der Herrin nieder und berührte den Boden mit ihrer Stirn ; ihr ganzer Körper bebte , mit Anstrengung rang sich der Atem aus ihrer Brust . » Erlöserin ! Erlöserin ! « wiederholte sie weinend und frohlockend , im Taumel eines an Schmerz grenzenden Entzückens . Regula meinte einen Augenblick , daß ihre immer so ruhige und zurückhaltende Dienerin wahnsinnig geworden sei . Bozena richtete sich auf die Knie empor , sie erhob den Kopf und die Arme , als bringe sie dem Himmel ein Opfer dar , und rief : » Das Glück des Kindes für das Glück der Mutter ... Herr ! Herr ! Sie hätte getauscht ! Nimm du es an und nimm damit die Sünde von mir ! « 20 Als Professor Bauer den Brief Regulas erhielt , machte er alle Stadien eines mit dem Jawort der Geliebten überraschten Liebhabers durch . Vor allem traute er seinen Augen nicht , dann traute er ihnen und geriet in ein dithyrambisches Entzücken , aus dem er in elegische Rührung überging und sich fragte : Verdiene ich auch ein solches Glück ? Im heißen Drang seines mitteilungsbedürftigen Herzens eilte er hinüber zu Mansuet , ihm das große Ereignis zu verkünden . Auf halbem Wege jedoch besann er sich eines andern , machte plötzlich kehrt , rannte ebenso schnell nach Hause zurück , als er davongerannt war , stopfte in größter Hast seinen schwarzen Anzug und einige Wäsche in einen Reisesack und stürmte nach dem Bahnhofe , wo er eben noch Zeit hatte , ein Billett zu dem in der Richtung nach Rondsperg abgehenden Zug zu lösen . In der ersten halben Stunde der Fahrt hielt sich seine Stimmung auf ihrer schwindelnden Höhe , in der zweiten begann sie zu sinken , und in der dritten schoß - wie eine schwarze Schlange , die die Fähigkeit abzufärben besäße - der Zweifel trübend über das spiegelglatte Meer seiner Wonne . Enthalten die Worte : » Ich bin die Ihre « , auch wirklich ein Eheversprechen ? ... Lassen sie sich auch wirklich dem Sinn und Geiste nach mit : Ich will Sie heiraten , übersetzen ? Sind sie nicht etwa nur als bloße Höflichkeitsform zu betrachten wie sie oft angewendet wurde von unsern größten Dichtern - wie etwa Schiller an Cotta schreibt : » Der Ihrige - Schiller ? « ... Regulas klassische Bildung , die ihn so oft zur Bewunderung hinriß , erweckt ihm in diesem Augenblicke Grauen . Der Zug hält in der Station für Rondsperg , der Kondukteur reißt den Schlag des Waggons auf : » Eine Minute Aufenthalt ! « ... Nein , Bauer steigt nicht aus ! - Er fährt weiter - wohin ist ihm gleichgültig , nur weiter , nur hinweg ! ... Die Lokomotive läßt einen scharfen Pfiff vernehmen , er gellt : Feigling ! O Schmach , das gilt ihm ... Der Kondukteur steckt sein zorniges Gesicht in den Wagen : » Ist kein Passagier für Hullein da ? « ... Der Professor schnellt bestürzt empor . » Aber zum Teufel , so steigen Sie doch aus ! Sind Sie denn taub ? « fährt ihn der Eisenbahnbedienstete mit der Höflichkeit seines Standes für Insassen der zweiten Wagenklasse an . In größter Verlegenheit , wie ein ertappter Schulknabe , beeilt sich Bauer , schleunigst zu gehorchen . Er steht auf dem Boden ; eine mitleidige alte Frau wirft ihm seine im Wagen vergessene Reisetasche zu - der Zug braust davon . Er blickt ihm nach und denkt , er hätte nie geglaubt , daß ein gesetzter Mann und Professor in eine zugleich so traurige und lächerliche Lage kommen könne . Was nun beginnen ? Bauer ist ratlos . Da hilft ihm einer der menschenfreundlichen Volontärs , die vor wenigen Tagen durch ihre Habgier Regulas Entrüstung erweckten , indem er die Frage an den Professor stellt , ob er nach dem Städtchen fahren wolle , das eine halbe Stunde weit von der Station und auf dem Wege nach Rondsperg liegt . Bauer bejaht es - jetzt ist sein Plan gemacht ; er wird im Städtchen übernachten und sich ' s dort überlegen , ob er umkehren oder weiterreisen solle . Unter dem Beistande des Volontärs , gegen den er sich in Danksagungen erschöpft , besteigt der Professor einen scheppernden Einspänner , der ihn und seine Effekten um zehn Uhr abends vor dem Tore des » Goldenen Schwan « , des ersten Hotels in K. , absetzt . Nach einem sehr frugalen Abendessen begibt sich Bauer in das ihm angewiesene Zimmer , wo er die Nacht , zusammengekauert in einem sehr kurzen und sehr hohen Bett , zubringt ; seine langen Glieder darin auszustrecken wäre unmöglich gewesen . An Schlaf denkt Bauer nicht . Er gerät allmählich in eine begeistert resignierte , über Erdenweh und Erdenlust erhabene Stimmung . Wunderbar hat das Schicksal ihn geführt , man möchte sagen , fast gegen seinen eigenen Willen , aus seiner kleinen Studierstube bis hierher in das katafalkähnliche Bett im Gastzimmer Nr. 3 des » Goldenen Schwan « zu K. Nimm mich auf deine Flügel , Fatum ! denkt der Professor , und das Fatum scheint bestimmt zu haben , ihn schlafend seinem Ziele entgegenzutragen , denn trotz aller Aufgeregtheit nickt Bauer fest und fester ein , und als er erwacht , schlägt es eben neun Uhr vom Rathausturme . Bauer kleidet sich an und begibt sich in den Speisesaal zum Frühstück . Auf der Schwelle bleibt er stehen wie angewurzelt , vor Überraschung zur Salzsäule verwandelt . Er hat im Zimmer , in einem lebhaften Gespräche mit dem Wirte begriffen , die Herren Wenzel , Weberlein und Schimmelreiter erblickt . » Ah ! auch berufen ! auch berufen ! « spricht der Advokat in seiner freundlichen Weise , » das ist allerliebst . Sie haben doch noch keinen Wagen bestellt ? - Und wenn , sagen Sie ihn wieder ab . Sie fahren mit uns nach Rondsperg ... « Fatum ! Fatum ! Der Professor tauscht Händedrücke mit den Freunden , protestiert gegen ihre Einladung und nimmt sie , natürlich , an . Er kann ja unterwegs noch aussteigen , er kann selbst noch , am ersehnten Ziele angelangt ,