und sagt : » Gott hat alles wohl gemacht ! « - Nach diesen Worten ist der Mann , den sie den Einspanig nennen , wie erschrocken zusammengefahren . Ein Häher ist über unseren Häuptern dahingeflattert . Hierauf greift der Einspanig rasch nach meiner Hand und ruft : » Heute noch bin ich vermählt mit ihr . In jeder Nacht steht sie mit dem Kinde vor meinem Lager . Der Orden hat einen schönen Stern , das ist der Marienkult . Mancher Jüngling , der entsagen muß , blickt liebeglühend auf zu der Jungfrau mit dem Jesukinde . Mir aber wird das Bildnis zum Gespenst , ich sehe in demselben das betrogene Mädchen . Ich bin zum Priester geweiht worden und habe statt meiner weltlichen Titel und Würden nichts als den Namen Paulus erhalten . Ich bin vorbereitet worden , viel eher , als ich und mein Vater es geahnt haben . Ich habe Natur und Vermögen geopfert und meinen eigenen Willen ; und nur eines habe ich noch besessen , das Vaterland . Auch daran kommt die Reihe . Es wird erklärt , unsere Vereinigung sei nach dem bestehenden Gesetze des Bodens im Lande verlustig . Fast war ich zu schwach gewesen , meine Heimat und meinen betagten Vater zu verlassen ; allein , da gibt es kein Auflehnen des Herzens . Wir sind Märtyrer zur Ehre Gottes ; und so sehr bin ich Schwärmer , daß mir dieser Gedanke Entschlossenheit gibt , mich von allem loszureißen . Wir sind nach Welschland gezogen . Zu Rom habe ich die Gräber der Apostel und Märtyrer besucht ; und habe gewähnt , in dem Lande ein still beschauliches Leben führen zu können . Aber bald werden wir ausgesandt zur Arbeit . Ich weiß kaum mehr durch welche Vermittlung , aber auf einmal sehe ich mich versetzt in eines der Länder , die gegen Abend liegen , an den Hof des Königs . Vielleicht ist es meine Abkunft , vielleicht die Erziehung , die ich genossen , vielleicht auch meine Gelehrsamkeit oder eine gewisse Klugheit , die ich mir nach und nach angeeignet , oder es kann meine Körpergestalt gewesen sein , die schön genannt war - oder all das zusammen oder noch ein anderes , was mich befördert hat , ich weiß es nicht . Ich habe nach einiger Zeit ein einflußreiches Amt in der Staatskanzlei erhalten . Und mein Wahlspruch ist gewesen : Sei ein geheimes Rad . Geschmeidigkeit , Sanftmut , Heiterkeit und Duldsamkeit sind die Tugenden , deren ich mich zu befleißigen gehabt habe . So bin ich der Freund des Hofes geworden , der gerne gesehene Gesellschafter , der gesuchte Ratgeber ; und wenn ich in der Schloßkapelle meine Messe gelesen habe , so sind die hohen Frauen vor dem Altare auf den Knien gelegen . Endlich bin ich Beichtvater des Königs geworden . Die Welt lächelt und mir gefällt ihr Lächeln wieder . Leicht trage ich das Gelübde der Armut , denn ich wohne im Königspalast . Treu bleibe ich dem Gelübde der Entsagung , denn was ich genieße , das genieße ich Gott zuliebe . Da bricht eine bewegte Zeit an . In der Welt wütet die Empörung ; auch in unserem Lande gärt ein Aufruhr . Öfter als sonst versammelt der König die Großen des Reiches um sich , und angelegentlicher wird die Beichte , die er an jedem dreißigsten Tag mir ablegt . Da kommt eines Tages an mich ein Befehl ; er ist mit großem Siegel verschlossen . Als ich ihn gelesen , lehnt sich etwas in mir auf . Nein , so kann ich nicht handeln , so mein Amt nicht mißbrauchen . Zur selben Zeit erhalte ich die Nachricht von dem Tode meines Vaters . Das bringt mich zu mir selbst . Kindesliebe , Schmerz , Sehnsucht , Heimweh , Schuldbewußtsein und Reue graben in meinem Gehirne . Da kommt plötzlich der Befehl , ich würde mich einschiffen nach Ostindien ! Das schmettert mich vollends nieder . Anstatt ins Vaterland , soll ich in einen fernen Weltteil reisen , Warum ? Zu welchen Zwecken ? Wer frägt ? - Die erste Satzung lautet : Gehorsam ! « Hier hat der Mann seine Erzählung unterbrochen . Mit den Fingern ist er sich über seine hageren Wangen gefahren bis herab zu den Bartstoppeln des Backens . Sein Auge , in welchem Unruhe und Müdigkeit gelegen , hat sich schwermütig empor zur Höhe gewendet . Da oben haben die finsteren Wolkenlasten nicht mehr hingejagt , sondern angefangen , sich an den Felswänden niederzusenken . Tiefe Stille und Dämmerung ist gelegen über dem Waldkessel der Wolfsgrube . Und endlich fährt der Einspanig fort : » Vier ewige Sommer habe ich mit einigen Gefährten in dem heißen Indien verlebt . Die Beschwerden sind groß gewesen . Nur in der Erfüllung des Berufes habe ich einigen Trost gefunden . Nicht mehr für besondere Vorteile eines Bundes haben wir gearbeitet , sondern für die gemeinsame Sache der Menschen , die Gesittung . Wir haben den Hindus den Pflug gegeben , auf ihren Berghöhen haben wir das Kreuz gepflanzt . Wir predigen ihnen die Gotteslehre der Selbstaufopferung und Liebe . Anfangs haben sie Mißtrauen und Verfolgung gegen uns , endlich aber öffnen sie ihr Herz . Als Boten des Himmels haben sie uns verehrt . Bereits haben wie in Dekan eine christliche Gemeinde zustande gebracht , da kommen abendländische Scharen , Engländer und Franken , bekriegen Teile des Landes und unterjochen sie . Da handelt es sich nicht mehr um die christliche Liebe , sondern um Reis und Gewürze . Und vorbei ist es gewesen mit dem Glauben der Hindus an unsere Lehre . Ermorden haben sie uns wollen . Auf ein fränkisches Schiff haben wir uns geflüchtet und sind zurückgekehrt nach Europa . Nun sehe ich endlich mein Vaterland wieder . Eine andere Zeit ist . Das Volk ist lau und droht mit dem Abfalle . Wir werden planmäßig verteilt in Stadt und Land . Da ich mich am Königshofe nicht bewährt habe , ich auch auf den Reisen verwildert und aus dem Geleise der gesellschaftlichen Verhältnisse gekommen bin , und da an mir ferner mehr Gewissensskrupel als Klugheit zu merken ist , so trifft mich das Los : ich werde den Volksmissionären zugeteilt . Kaum kann ich meine Geburtsstadt und das Grab meines Vaters besuchen , ehe ich fort muß in das Gebirge . Mit drei Genossen wandere ich von Gegend zu Gegend , um in bestimmten Pfarrkirchen sogenannte Missionen abzuhalten . Bei mächtigen Herren sind wir die Heiteren , Geschmeidigen , Duldsamen gewesen ; bei den wilden Völkern die Apostel der Kultur , die strengen und liebevollen Lehrer des Christusglaubens . Hier aber , bei dem verknöcherten , trägen , leichtsinnigen und noch dazu durch neue Grundsätze verdorbenen Landvolke müssen wir erscheinen als Warner , als Richter der Sünde . Anfangs , da kommen sie mit Übermut und Neugierde zur Kirche herein , um die Wanderprediger zu sehen ; aber als sie die dumpfen Worte von der Not der Seelen , von der Gefahr der Welt , von der Sterbestunde und von dem schrecklichen Gericht hören , da heben sie an zu erbleichen . Bald liegen sie zerknirscht vor dem schwarzverhüllten Altare , drängen sich zu unseren Beichtstühlen . Vor jeder Kirche haben wir ein hohes , kahles Kreuz aufgestellt . Christus ist für euch gekreuzigt worden , jetzt kreuziget euch selbst in Abtötung und Buße . Ich bin in Eifer geraten , der mich fortgezogen hat in dem was unseres Amtes gewesen , und der mich fortgerissen hat in eine Schwärmerei , die ich bislang an mir nicht gekannt habe . - Mein beständiger Ruf : Tuet Buße ! - Wie lebendig und lustig es im Dorfe auch gewesen ist , wo wir eingezogen : es wird bald still in den Gassen und öde auf den Feldern und Wiesen . Der Roggen verdorrt , unser Weizen reift . - Aber wenn die Stunden der Begeisterung vorüber , so ist eine Öde in mir und ein Dämon , der mich fortweg abwenden will von dem heiligen Beruf . Ich habe diesen Dämon für den Teufel gehalten . Es wird aber was anderes gewesen sein . - Nicht wahr , jetzt kommt schon die Nacht ? « Fast verwirrt hat mich der Mann angeblickt , als hätte er von mir die Beantwortung seiner Frage erwartet . » Die Nacht kann das noch nicht sein , « habe ich entgegnet , » der Nebel legt sich so über den Wald . « » Ja , ja , « fährt der seltsame Erzähler wie träumend fort , » es kommt die Nacht . Junger Freund , Ihr werdet sehen , es kommt die finstere Nacht . « Nun ist es eine Weile so still , daß man vermeint , den Nebel spinnen zu hören in dem Geäste der Tannen . Nachher erzählt der Mann weiter : » In einem großen Dorfe ist es gewesen . Ich sitze noch spät abends im Beichtstuhl . Die Kirche ist endlich leer geworden und die Ampel des Altars legt ihren Schein schon an die Wände . Ein einziger Mann steht noch neben dem Beichtstuhl und scheint unentschlossen , ob er sich nähern oder auch die Kirche verlassen soll . Ich winke ihm . Er schrickt zusammen , tritt näher und sinkt auf die Knie vor dem Schuber des Beichtstuhles . Sein Bekreuzen ist ein krampfhaftes Zucken der rechten Hand über das Gesicht . Er sagt nicht das übliche Gebet ; in wirren und hastigen Worten teilt er mir sein Bekenntnis mit . Dann faltet er die Hände so fest ineinander , daß sie zittern , und stammelt die Bitte um Lossprechung . - Ich will dem Geängstigten Worte des Trostes sagen . Aber unwirsch stoße ich mein eigen Herz zurück . Und wie er stumm so dakniet , entgegne ich in ruhiger Weise : das Unrecht könne ihm nicht verziehen werden vor Gott , solange es nicht gutgemacht . - Gutmachen , das kann ich nicht mehr , versetzt er , mein Nachbar ist fortgezogen ; ich weiß nicht wohin . Er nicht ist nicht zu finden . - So wandert , ihn zu suchen ; besser die Füße abgehen bis auf die Knie , als daß die Seele ewig verloren gehe . - Aber mein Weib , meine Kinder ! ruft er . - Um so mehr Seelen stürzet Ihr mit Euch in das Verderben ! - Ich will fasten , beten , will Almosen geben zehnfach mehr , als was ich betrogen . Dem Betrogenen selbst müßt ihr das unrechte Gut zurückgeben ! Da schreit er fiebernd : ist der Herr nicht am Kreuz gestorben ? Mord und Totschlag werden verziehen , und mir kann meine Verirrung nicht vergeben sein ? - Der Mann ist nimmer zu finden ! Sein Widerspruch bringt mich in eine Erregung . Strenge den Unbußfertigen ! lehrt die Satzung . - Makelt nicht mit dem gerechten Gott ! rufe ich . Dreimal höher ist der Himmel , seit er durch das Kreuzopfer ist erkauft worden , und neunmal tiefer die Hölle , seitdem die Menschen drei Nägel geschlagen durch Christi Händ ' und Füße . Über diese meine Worte ist ein Aufstöhnen , dann ein Fluchwort . Ich höre den Schall der Tritte eines Davoneilenden . - Ich bin in der nächtigen Kirche allein . Ich trete aus dem Beichtstuhl , knie hin vor den hochragenden Altar und bete für den Verstockten . Und wie ich so emporblicke zu dem Bilde der Königin der Beichtiger , da ist es mir , als trete sie plötzlich hervor aus der Nische - aus dem Teiche sie , mit dem Kinde in blutrotem Schein . Der Türe eile ich zu . Siehe , da ist der Ausgang verschlossen . Ich habe die Sperrstunde nicht wahrgenommen . Die Kirche ist entlegen vom Orte ; das nächste Haus ist die Totenkammer . Da hört es keiner , wie man auch rufen mag . Eingeschlossen in den düsteren Raum , in welchem ich von dem leidigen Teufel so oft gesprochen und von der ewigen Höllenpein . - Dort im Gezelt der ewige Gott ; jetzo bist du mit ihm allein . Nein , ich habe es nicht vermocht , hinzublicken auf den Altar ; das rote Licht schwebt auf mich zu . Ich verkrieche mich wieder in den Beichtstuhl . So bin ich dagesessen mit erregten Sinnen . Jetzt und jetzt muß sich der Vorhang bewegen und eine kalte Hand hereinlangen . Aber es bleibt still . Sonst knien sie da draußen vor dem Schuber , die armen Sünder , und erforschen das Gewissen ; und jetzt erforscht es der Beichtiger selbst . Habe zurückgeblickt auf mein Leben . Wie ist es so bewegt , wie bin ich arm und einsam gewesen ! Und so hart ! - Und in dem Teiche ist ein Herz verloschen . - Das einzige , das mich lieb gehabt in der weiten Welt ... Was ist gemeint gewesen mit meinen hohlen Taten ? - Wenn ich vor Gottes Richterstuhl stehe ? Wird auch nur eine Seele sein , die sagt : Er hat mich gerettet ? - Und als es in mir so schreit , da ist plötzlich ein Stöhnen vor dem Schuber des Beichtstuhles , als kniete jener Mann noch davor . Ich fahre empor , aber - still ist es , das Mondlicht rinnt durch das Fenster . - An wem liegt die Schuld , als an mir ? - Wie viele Jahre sind mir noch gegeben ? O Gott , führe mich weg von deinem Altare , dem ich ein unwürdiger Diener gewesen . Und von den Menschen führe mich weg . Führe mich zu einer einsamen Stätte , wo ich mich selbst erlösen kann ! Diese Sehnsucht hat sich wie Tau gelegt auf mein Gemüt ; ruhiger ist es geworden und meine Augen sind gesunken . Jetzt aber höre ich plötzlich von außen eine Stimme , die Pater Paulus ! ruft . Endlich befreit ! denke ich und will mich erheben . In demselben Augenblick höre ich aufschreien : Jesus Maria ! da ist er , da hängt er am Strick ! Ich tue einen Schrei , der in dem Kirchenschiffe gellt und von dem ich selbst erschrocken bin . Da ist draußen noch ein Klageruf und ich höre , wie sich die Leute eilig wieder davonmachen . Der Aufschrei in der Kirche , mein Hilferuf , hat sie verscheucht . Ich bin allein . Erregt , daß mir der Atem stockt . Mitternacht schlägt es . Und wie ? Draußen hängt einer am Strick ? Auf mein Angesicht bin ich gefallen : Heiliger Gott , bewahre mich vor Selbstmord ! Aber jetzo steigt plötzlich eine Ahnung in mir auf . Wie , wenn es der Mann ist , dem ich zur späten Abendstunde die Lossprechung verweigert , den ich in die Verzweiflung zurückgestoßen habe ? Wenn er hingegangen ist und sich das Leben genommen hat ? ! - In derselben Stunde , guter Freund , habe ich Schreckliches ausgestanden . Der Selbstmörder , wie er mich angrinst mit starrem Auge ! - Und aus den Tiefen des Teiches ... ! Und all die unerlösten Seelen kommen , denen ich die Verdammung gepredigt . Und inmitten steht das hohe Kreuz und eine Stimme höre ich rufen : Du hast die Liebe getötet ! « Ächzend ist der Mann hingesunken auf das Geäste des Baumes . Kaum habe ich es vermocht , ihn wieder aufzurichten . Nebelfeuchtes Wildfarnkraut reiße ich ab und lege es auf seine heiße Stirne . » Erzählet ein andermal zu Ende , « sage ich , » und gehen wir heute in unsere Wohnungen , es kommt wahrhaftig schon die Nacht . « Er hat sich aufgerichtet , ist mit den Zipfeln seines Mantels sich über die Augen gefahren . » Heute ist der Frieden in mir , « sagt er hierauf ruhig , » aber so oft ich an dieselbe Stunde denke , stockt mein Blut . Nun jetzo wird es schon besser . - Wie ich meine Augen wieder auftue , da schaut das Morgenrot zu den Fenstern herein . Wie ein gütiges Lächeln liegt es auf dem Altare und auf dem Bilde der Mutter Maria . - Ich habe mich aufgerichtet und ein Gelöbnis getan , und da ist mir gewesen , als müsse alles anders werden . Bald danach haben die Schlüssel der Kirchentüre gerasselt ; Leute kommen . Sie brechen in ein Frohlocken aus , als sie mich sehen , und führen mich an der Hand in das Freie . Sie erzählen , wie sie mich gesucht , wie sie wohl einen Schrei gehört in der Kirche , wie sie aber gemeint hätten , es sei eine Geisterstimme . Sie führen mich abseits vom Kirchhofe , denn dort ist an einem eisernen Grabkreuze der Selbstmörder gehangen . Ich habe mich nachher in mein Zimmer verschlossen und bin in demselben verblieben den ganzen Tag . Ich hätte an dem Tage eine Predigt halten sollen über die Buße und die Erbarmungen Gottes . Ein anderer meiner Genossen hat es für mich getan . Die Leute sollen sich erzählt haben , ich sei die Nacht über absichtlich in der Kirche geblieben und hätte Offenbarungen gehabt . Spät abends , als ringsum alles geschlafen , habe ich auf ein Blatt Papier die Worte geschrieben : Lebt wohl , meine Brüder . Forscht nicht nach mir . Und dann habe ich genommen , was mein , und bin aus dem Hause gegangen und aus dem Dorfe , und die Landstraße entlang die ganze Nacht . Planlos ist mein Wandern . Ich überlasse mich dem Zufall . Ich habe nichts zu verlieren ; nur aus dem Bereiche der belebteren Gegenden trachte ich fortzugelangen . Ich habe meine Richtung gegen das Gebirge genommen . Als der Morgen graut , bin ich zwischen Waldbergen ; ein Bach rauscht mir entgegen . Ich trinke aus dem Wasser und ruhe auf einem Stein . Da kommt so ein Waldmensch des Weges , der zieht seine Kopfbedeckung ab vor meinem priesterlichen Kleide . Ich erhebe mich und bitte den Mann , daß er mir den Weg weise , ich wollte weit hinein ins Gebirg , bis dorthin , wo der allerletzte Mensch wohnt . - Der allerletzte Mensch , der wird wohl der Kohlenbrenner , der Ruß-Bartelmei sein , hat der Mann geantwortet . - So weiset mir den Weg zum Ruß-Bartelmei und bedeckt Euer Haupt . - Habt Ihr mit dem Köhler was zu schaffen ? frägt er dreister , da wir schon auf dem Wege sind , Ihr , der Köhler ist ' leicht schwarz an Leib und Seel ' ; den mögt Ihr nimmer weiß waschen . Schlechter wie andere wird er auch nicht sein . Was wollt Ihr ihm denn ? Ich glaube , ich habe dem Frager von einer weitläufigen Verwandtschaft was gesagt . Da bleibt er stehen und sieht mich an : Verwandtschaft ! tät ' mich wohl freuen ! Der Ruß-Bartelmei bin ich halt selber . Ich gehe mit dem Manne über Berge und durch Schluchten . Bis zur Mittagszeit sind wir bei seinem Hause . Drei Tage bleibe ich bei den Leuten . Schwarz sind sie freilich . Bei einem Volke des Morgenlandes ist schwarz die Farbe der Tugend und der Seligen ; sie malen dafür den Teufel weiß . - Ich habe das , in der Meinung , ihm ein Gefälliges mitzuteilen , dem Kohlenbrenner gesagt . Der aber guckt seltsam aus seiner Hutkrempe hervor und entgegnet : Wird doch nicht sein . Nachher wäre ja der Pfarrer auf der Gasse ein Engel und in der Kirche ein - . Diese grobe Rede hat mich wohl gestoßen . Am dritten Tage , nachdem ich und der Bartelmei viel und über vieles miteinander gesprochen und uns gegenseitig Teile aus unserer Lebensgeschichte erzählt ( die seine ist kohlschwarz und die meine noch schwärzer ) , da frage ich ihn , ob er mein Freund sein wolle . Ich hätte vor , in der Wildnis zu leben und zu arbeiten für meine Seele , und wolle redlich bestrebt sein , in der Einsamkeit Gutes zu stiften , da man unter Menschenscharen auch mit bestem Willen nicht immer das Rechte fördere . Als Freund habe er mich gegen Entgeltung mit den allernotwendigsten Bedürfnissen zu versehen , des weiteren aber mich als Geheimnis zu bewahren . Der Mann hat sich lange besonnen ; dann sagt er : So , ein Einsiedler wollt Ihr werden ? Und da soll ich der Rab ' sein , der Euch das Brot vom Himmel bringt ? Ich erkläre , daß ich mir das Brot selbst suchen wolle , daß man aber auch Kleidungsstücke und andere Dinge bedürfe , und daß ich nicht ermangeln würde , mit meiner kleinen Habe dafür zu danken . So ist er bereit , mir zu dienen . Nur müsse ich ihm auch einmal eine Gefälligkeit erweisen , und vielleicht eine ganz absonderliche . Er habe schon auch sein Anliegen . Ich habe das Köhlerhaus verlassen , und der Bartelmei hat mich geführt noch weiter in die Wildnis hinein . Bis in das Felsental bin ich hinaufgekommen ; da sind gar keine Menschen mehr , da ist nur der Urwald und das starre Gewände . Und hier ist es mir recht gewesen ; in einer verborgenen Höhle , an der eine Quelle vorbeirieselt , habe ich mich eingerichtet . Im Felsentale ist ein hölzernes Kreuz gestanden , das seiner Tage auch ein verlorener Waldmensch aufgerichtet haben mag . Das ist mein Versöhnungsaltar . Ein Kreuz ohne Heiland , wie ich es sonst den bedrängten Seelen vorgehalten , war mir endlich selber geworden . Und so , junger Freund , habe ich nun gelebt in der Einsamkeit , habe mit den Wurznern und Pechern gearbeitet . Und so ist Jahr um Jahr verflossen . Von Entbehrung will ich nicht reden , schwerer ist mir das Gefühl des Verlassenseins geworden , und die Sehnsucht nach den Menschen hat mich oft hart gepeinigt . Nur der Gedanke , daß Entsagung meine Sühne ist , hat mich getröstet . Oft bin ich hinaus in die Täler gegangen , wo Menschen wohnen in lieber Geselligkeit . Ich habe mich gelabt mit dem Bewußtsein ihrer Gewissensruhe und Zufriedenheit und bin wieder zurückgekehrt in das ewig einsame Felsental zu meiner Höhle und zu dem stillen Kreuze auf dem Steingrunde . Der Kampf in mir aber ist , statt geringer , größer und schwerer geworden , und zuweilen kommt mir der Gedanke : was ist das für ein Leben in lahmer Tatlosigkeit , in der man niemandem nützt , sich selber doch verzehrt ? Kann das Gottes Wille sein ? Zurückkehren in den Orden , das wäre unmöglich . In der offenen Welt leben unter dem Schilde eines abtrünnigen Priesters , das wäre ein zu großes Ärgernis an der treuen Berufserfüllung im allgemeinen . Was bleibt mir übrig , als für das Völklein des Waldes nach Kräften wohltätig zu wirken ? Aber ich weiß es nicht anzufassen . Mit trockenen Predigten stiftet man nicht immer das Wahre . Den Teufel habe ich ja so lange gerufen , bis er mir selber gekommen . Gott und die christliche Liebe lehren ? Damit bin ich schlecht gefahren . So habe ich gar keine Neigung mehr , den Menschen mit Worten zu dienen . Wo ich Kinder sehe , da gehe ich auf sie zu , daß ich ihnen ein Liebes könnte erweisen ; aber sie haben sich vor mir gefürchtet . Ich bin gemieden und nirgends gern gesehen , selbst in der Hütte des Bartelmei nicht mehr . Ich bin auch so seltsam , so unheimlich ; zuletzt hat mir vor mir selber gegraut . Ein Verbannter lebe ich im Felsentale und zwischen dem Gestein lechze ich nach Wohltun . Und ich bin doch wieder davongeschlichen gegen die Wässer hinaus . Dem altersschwachen Weiblein habe ich die Holzschleppe vom Rücken genommen , auf daß ich sie in seine Klause trage . Dem Hirten habe ich die Herde von dem gefährlichen Gewände abgeleitet . Und im Winter , wenn gar keine Menschen sind weit und breit , habe ich mit dürren Samen und wilden Früchten die Vöglein gefüttert und die Rehe . Geweint habe ich über diesen meinen armseligen Wirkungskreis und vor dem Kreuze habe ich gebetet : Herr , vergib ! und nur einmal laß mich was Gutes vollenden ! Und so habe ich , in der Absicht , etwas Rechtes zu vollbringen , den Jungen aus dem Hinterwinkel zu mir genommen . Ich hatte gehört , daß er von seinem Vater die Tobsucht geerbt haben soll . Ich habe bedacht , daß , wie der Mathes daran zugrunde gegangen , so auch der Lazarus daran zugrunde gehen müsse , könne durch eine entsprechende Zucht dem Übel nicht gesteuert werden . Auch habe ich bedacht , daß ein schwaches , weichherziges Weib nimmer imstande ist , dem gefährdeten Kind die strenge Leitung , die nötig ist , angedeihen zu lassen . Da habe ich eines Tages im Walde den Knaben am Grabe seines Vaters getroffen . Er hat erbärmlich geweint und ist nicht von mir geflohen wie andere Kinder . Und als ich ihn frage , was ihn denn so sehr betrübe , da antwortet er , er hätte einen Stein geschleudert nach seiner Mutter , und so wolle er jetzt sterben . Ich entgegne ihm , er möge getrost sein ; ich hätte auch einmal so einen Stein geschleudert gegen Menschen , aber nun wäre ich in die Wildnis gegangen , daß ich Buße tue und einen besseren Mann aus mir mache . Und ich frage ihn , ob er es auch so halten wolle . Der Knabe hat mich flehend angeblickt und ja gesagt . So habe ich ihn mit mir genommen in das Felsental und in mein Haus . Über ein Jahr habe ich ihn bei mir behalten , auf daß ich ihn an strenge Ordnung hielte und seine wilden Anfälle zu unterdrücken suchte . Täglich haben wir vor dem Kreuze gemeinsam unsere Andacht verrichtet . Und ich habe dem Knaben die Geschichte von dem Gekreuzigten erzählt , habe ihm mit aller Wärme eines sehnenden Herzens dargestellt die Liebe , Geduld und Sanftmut des Heilandes , und ich habe gemerkt , wie das Gemüt des Knaben davon ergriffen worden ist . Es ist ja ein herzensguter Junge . Wir haben zusammen gearbeitet , haben Waldfrüchte , Kräuter und Schwämme gesammelt zu unserer Nahrung . Hirsche und Rehe haben wir nicht geschossen , wie der Lazarus einmal vorgeschlagen . Stühle und Fußmatten flechten wir für unsere Felsenwohnung und für den Branntweiner , der sie an den Mann zu bringen weiß . Viel Brennholz sammeln wir auf vor unserem Eingang . Gehe ich in die Lautergräben oder in die Winkelwälder hinaus , so bleibt der Knabe willig im Felsenhause und arbeitet allein . Gerne hat er mir von seiner kleinen Schwester erzählt , aber nie ein Wort von seiner Mutter , gleichwohl er im Traume oft genug von ihr gesprochen hat . Ich habe es ihm angemerkt , wie sehr das Gewissen seiner Tat ihn hat gepeinigt . Auf daß der Knabe sich in Geduld und Sanftmut übe , habe ich ein Mittel erfunden , das , wie seltsam und einfältig es auch aussehen mag , doch eine schätzbare Wirkung in sich trägt . Ich fasse einen Rosenkranz aus grauen Steinperlen zusammen , und diesen Rosenkranz muß mir der Lazarus allabendlich abbeten , ehe er zu Bette geht . Aber nicht mit dem Munde abbeten , sondern mit den Fingern und mit den Augen . Er muß nämlich alle Perlen von der Schnur streifen , daß sie auf den Erdboden hinkollern ; und nun ist seine Aufgabe , daß er die in alle Winkel gerollten Kügelein mühsam wieder zusammensuche und auflese . Anfangs hat er bei dieser mühsamen Arbeit sein Zucken wohl bekommen , aber da er dadurch dem Geschäfte hinderlich statt förderlich ist , so hat er es nach und nach mit mehr und mehr Fassung verrichtet , trotzdem das Suchen oft stundenlang dauert , bis er die letzte und allerletzte Perle findet . Und endlich hat er es mit einer Ruhe und Selbstüberwindung getan , die verehrungswürdig ist . - Kind , sage ich einmal , das ist das schönste Gebet , daß du Gott und deiner Mutter zu Liebe tun kannst , und damit erlösest du deinen Vater . Da blickt mich der Junge mit seinen großen Augen glückselig an . Wir haben nicht gar viel miteinander geredet , aber um so gewichtiger und überlegter ist jedes gesprochene Wort gewesen . Er scheint mich lieb gehabt zu haben , er hat jeden Wunsch meiner Augen zu erfüllen gesucht . Nach meiner Weisung hat er mich den Bruder Paulus geheißen . Wohl , es ist eine gewagte Art gewesen , wie ich den Knaben zu mir gerissen und geschult habe ; aber ich mag hoffen , daß er glücklich auf einen besseren Weg geleitet ist . - O , mein Freund , wie oft habe ich mir gesagt : einem , und wenn auch nur einem Menschen mußt du von allen Seelengaben , die dem Priester zu Gebote stehen sollen , die Gabe der Selbstbeherrschung eigen machen , dann bist du erlöst . Ich habe mich im Laufe des Jahres oft nach der Mutter des Knaben umgesehen ; und so sehr ich mich selbst an den Knaben gewöhnt , habe ich doch den Tag ersehnt , an welchem ich dem armen Weibe das verschollene Kind wieder zurückgeben kann , wie ein Stück reinen Goldes nach der Läuterung . Da finden wir eines Abends das Kreuz nicht mehr auf dem Steingrunde . Es war unser Gottesaltar gewesen und das Zeichen der Entsagung und Selbstbeherrschung . Und nun starrt uns die moderige Grube an , aus dem es emporgeragt