Wenn er über den Dierkhof hinfuhr , die trotzigen , alten Eckpfeiler wegzustoßen und die Fensterscheiben einzudrücken versuchte , wenn er den Eichen die vorjährige , ehrwürdig vertrocknete Blätterperücke abriß und sie in tausend Atome zerpflückte , wenn Ilse vorsorglich alle Thüren schloß und die Hühner aus dem weiten unbeschützten Hof auf ihre Querstangen in der Tenne flüchteten , da lief ich hinaus vor die Umzäunung und schrie das vorüberbrausende Heer in den Lüften an ... Es war ja kein Sturm , wie der im Winter ! Es waren tausend und abertausend Stimmen , die ausgeschlafen hatten und nun ineinander jubilierten ! Da brauste das Wasser drin , das sich vom Eis erlöst hatte , da rauschte der Wald hinein , in dem das aufquellende Leben stürmisch pulsierte , da klang schon jedes Blumenglöckchen mit , das sich aus der braunen Hülle schälen sollte ... Und ich ließ mich von seinen Händen greifen und forttragen - Ruck um Ruck ging es über die Heide hin , taumelnd wie ein fortgewirbeltes Eichenblatt , bis ich auf dem Hügel stand und halb erschrocken , halb aufjauchzend meine Arme um die Föhre schlang . Wir zitterten und schwankten beide , die alte Föhre und mein kleiner Körper , aber sie rasselte lustig mit ihren Nadeln , und ich lachte hinauf in die großen , dicken Wolken , die mit zuckenden Gliedern hilflos weiterstürmen mußten . Er riß und zerrte an meinem Röckchen , und das Haar zerpeitschte mir das Gesicht - aber ich brauchte keinen Mantel , der mich beschützte - es war etwas von Stahl und Eisen in meinen gescholtenen Kinderhänden und -füßen ; ich kämpfte mich tapfer wieder heim und schalt Spitz , der sich unterdessen faul seinen Pelz in der sicheren Ofenecke gewärmt hatte . » Und käm ' mit seinem Sturme je Dir Unglück nah - « sangen die drinnen , und die Stimmen stiegen aufwärts , wie der Sturm auffliegt und im vollen Ausbrausen gipfelt . Ich war wie berauscht von den Tönen ; allein ich durfte mich dem Zauber nicht länger hingeben - fort mit dem Heimweh und seinen schmerzlich süßen Träumen ! ... Ich sah meinen Vater aufgeregt in der Bibliothek hin und her laufen , und das trieb mich sofort über die Schwelle . Da saß seitwärts , tief in die Ecke des Zimmers gedrückt , Herr Claudius , ganz allein . Er hatte den Ellbogen auf die Seitenlehne des Fauteuils gestützt und vergrub Stirne und Augen tief in der Hand . Das dicke blonde Lockengeringel fiel über die weißen Finger - ich wich beklommen zurück , selbst der matte Silberschein der Haare wirkte erkältend und ernüchternd auf mich ; ich konnte mich plötzlich auf kein Wort meiner heroischen schönausgedachten Anrede mehr besinnen ; angesichts seiner Persönlichkeit fühlte ich nur das eine , daß er mich zurückweisen würde , sehr höflich und mit gütevoller Stimme , allein so fest und bestimmt , daß jedes fernere Wort zur Zudringlichkeit wurde ... Und wenn er auch jetzt dasaß , wie der Welt entrückt , wie tief versunken in den erschütternden Gesang - in seinem Kopfe kreisten doch nur Zahlen , und ich wußte es , sobald ich ihm die Dreitausend nannte , da lächelte er leise und sagte wieder : » Sie haben offenbar keinen Begriff , wie viel Geld das ist ! « Trotz alledem stand ich plötzlich neben ihm ; wie ich die wenigen Schritte Weges überwunden , wußte ich selbst kaum . Ich bog mich zu ihm hin und nannte halblaut seinen Namen ... Himmel , ich hatte ihn ja nicht erschrecken wollen , meine Stimme hatte so schwach und verzagt geklungen , und doch fuhr er in die Höhe , als habe die Posaune des Weltgerichts sein Ohr getroffen . Er sprang auf und lächelte - ich wußte wohl warum - wie konnte man auch über solch ein kleines Geschöpf erschrecken , das wie ein winziger Zaunkönig lautlos herangehüpft war ! ... Böse war er nicht , das sah ich , und doch brachte ich kein Wort über die Lippen . Hätte er doch nur die schreckliche Brille vor den Augen gehabt und die breite Hutkrempe über der Stirne - er sah auf einmal gar so jung aus seinen feurig blauen Augen ... Ich kam mir entsetzlich einfältig vor , und ihm fiel es nicht ein , mich aus meiner unbeholfenen Verlegenheit zu ziehen - er schwieg , während sie drinnen sangen : » Dann wär ' mein Herz dein Zufluchtsort , Gern teilt ' ich ' s ja . « » Wollten Sie mich sprechen ? « fragte er endlich halblaut , als die Sänger schwiegen . » Ja , Herr Claudius , aber nicht hier . « Er trat sogleich mit mir in den anstoßenden Salon und schloß beide Thüren . Die Augen unverwandt auf ein glänzend poliertes Carreau in dem getäfelten Fußboden gerichtet , trug ich mein Anliegen vor , und es ging ; ich fand die Worte und Ausdrücke wieder , die ich mir ausgedacht ! Ich schilderte ihm , wie heftig mein Vater den Besitz der Münzen wünsche , daß er nicht essen könne vor Aufregung ; ich versicherte ihm , daß ich es durchaus nicht ertragen könne , ihn leiden zu sehen - durchaus nicht , und deshalb Rat schaffen und die Dreitausend haben müsse , um jeden Preis - dann sah ich zu ihm auf . Er sah wieder genau so aus , als stünde er drunten im Schreibzimmer neben seinen dicken Folianten - das Bild des ruhigen Anhörens , der kühlsten Ueberlegung und Vorsicht . » Ist das Ihr eigener Gedanke , oder hat Herr von Sassen zuerst den Wunsch ausgesprochen , ein Kapital aus Ihrem Vermögen zu entnehmen ? « fragte er - wie stach dieser gehaltene Ton häßlich ab von meiner warmen Beredsamkeit , und wie reizte er mich ! ... Aber in die klarblickenden Augen hinein konnte ich doch weder geradezu lügen , noch eine Bemäntelung erfinden , wozu ich allerdings einen Augenblick die größte Lust verspürte . » Mein Vater hatte heute mittag den Wunsch gegen Ilse ausgesprochen , « versetzte ich zögernd . » Und sie hat sich geweigert ? « Ich bejahte niedergeschlagen - ich wußte es , die Sache war bereits verloren . » Haben Sie sich nicht selbst gesagt , Fräulein von Sassen , daß ich Ihnen die Summe dann noch viel weniger geben darf und werde ? « Vergessen war der Vorsatz , mich auf demütiges Bitten zu verlegen und in Geduld auszuharren gegenüber dieser kaufmännischen Berechnung und Gelassenheit ! ... Ich fühlte , wie meine Wangen heiß wurden , » mein böses Herz überrumpelte mich « . » Freilich habe ich mir das selbst gesagt , « antwortete ich rasch , mit fliegendem Atem , - ich zeigte auf die Thürschwelle . » Da hab ' ich eben noch gestanden und mich vor Grauen geschüttelt ... Aber ich habe meinen Vater lieb und wollte ihm das schwere Opfer bringen . « Er sagte nicht ein Wort , als ich für einen Moment verstummte - er war wirklich durch und durch von Stein , alle meine Vorstellungen waren wirkungslos abgeprallt - und da sollte man nicht zornig werden ? ... In meinen Füßen zuckte es fast unwiderstehlich , den Boden zu stampfen - ich wandte ihm heftig den Rücken und rief in ausbrechendem Groll über die Schulter zurück : » Ich will das Geld nun gar nicht ! Lächerlich , daß ich um das , was mir meine liebe Großmutter doch geschenkt hat , bei Fremden betteln soll ? ... Aber das thue ich nicht , ganz gewiß nicht ! ... Ich werde Sie nie , nie wieder um etwas bitten , und wenn es mir zehnmal gehört , und ich das Recht habe , darüber zu verfügen - « » Nicht über einen Pfennig haben Sie in diesem Augenblick zu verfügen ! « fiel er ein , ohne alle Heftigkeit , aber mit großem Ernst und Nachdruck . » Und das will ich Ihnen sagen , wenn Sie das wilde Kind in der Heide in so ungebärdiger Weise herauskehren , dann erreichen Sie bei mir nie etwas ... Mögen Sie immerhin auf die Bäume klettern und durch den Fluß laufen , darin sollen Ihnen die Flügel nicht beschnitten werden - aber aus der Seele will ich das wilde Element scheiden . « Also er umklammerte mich richtig mit seinen eisernen Fingern und ließ mich nicht eher wieder frei , als die zwei Leidensjahre um waren ! ... Gott , was für ein klägliches Zerrbild wollte er aus mir machen ! » Wenn ich ' s leide , « sagte ich und warf den Kopf zurück . » Heinz hatte einmal einen Raben gefangen , und als er ihm die Flügel beschneiden wollte , da biß ihm der Vogel den Finger blutig - « » Und so tapfer wollen Sie sich auch wehren , kleine Heidelerche ? « fragte er und sah lächelnd auf seine schlanken Finger herab . » Der böse Rabe hat eben nicht einsehen können , daß ihn Heinz zu seinem trauten Hausgenossen machen wollte ... Aber nun wollen wir weiter über die Geldangelegenheit reden . Mit Ihrem Vermögen darf ich so wenig willkürlich schalten und walten , wie Sie selbst ; dagegen bin ich sehr gern bereit , Herrn von Sassen die nötige Summe aus eigenen Mitteln vorzustrecken ... Sagten Sie nicht , der Verkäufer sei augenblicklich bei Ihrem Vater ? « Beschämt griff ich in die Tasche und reichte ihm das Medaillon hin . » Ach , eine Kaisermünze aus der Zeit der Antonine ! Ein schönes Exemplar ! « rief er . Er trat an das Fenster und betrachtete sie eine lange Zeit scharf prüfend von allen Seiten - wieder einmal , als ob er wirklich auch davon etwas verstünde . » Kommen Sie , « sagte er und öffnete das anstoßende Zimmer zur rechten Hand . Es hatte schwerseidene Draperien an den Wänden und war ebenso düster , wie alle in dieser endlos langen Flucht liegenden . Einem der Fenster nahe stand ein Schrank von dunklem Schnitzwerk mit schweren , fein ziselierten Silberbeschlägen . Herr Claudius schloß das wunderliche , altmodische Gerät auf und zog einen Kasten heraus - da lagen ganze Reihen solcher Medaillen , von denen mein Vater gesagt , daß sie wunderselten seien , wohlgeordnet auf dunklem Samtgrunde . Er nahm eine derselben auf , legte sie auf seine Handfläche neben die von mir gebrachte , verglich beide noch einmal prüfend und hielt sie mir hin . Sie glichen sich , wie ein Ei dem anderen , nur sah die aus dem Kasten genommene bedeutend abgegriffener aus . » Diese ist schöner , « sagte ich und zeigte auf die Münze , die mein Vater so heiß ersehnte . » Ja , das glaube ich Ihnen , « versetzte er . » Mir aber gefällt sie nicht . « In diesem Augenblick wurde die nach dem Speisesalon führende Thür aufgemacht , und als wir beide uns umwandten , sahen wir Dagobert auf der Schwelle stehen . Herr Claudius faltete mißmutig die Brauen , allein der junge Mann ließ sich dadurch nicht verscheuchen ; er trat näher , und seine braunen Augen irrten erstaunt über die Münzenreihen hin . » Himmel , welche Pracht ! « rief er überrascht . » Onkel , bist du denn Sammler ? « » Ein wenig , wie du siehst . « » Und davon weiß die Welt kein Wort ! « » Ist es denn nötig , daß die Welt meine kleinen Passionen kennt ? « - Wie stolz gelassen klang das ! » Nun , wenn auch das nicht , « versetzte Dagobert ; » aber in einer Zeit , wo fast die ganze Residenz sich mit wahrhaft fieberndem Interesse der Altertumskunde zuwendet , ist diese Passivität geradezu unbegreiflich . « » Meinst du ? ... Ich will dir sagen , daß ich selten an etwas Genuß finde , das gerade als Modeartikel auf dem großen Markt liegt und von Unberufenen zu ganz anderen Zwecken ausgebeutet wird , als sie die Wissenschaft verfolgt ... Auch bin ich sehr auf meiner Hut mit meinen kleinen Neigungen , ich bringe sie durchaus nicht in Konkurrenz - sie wachsen uns unter fremdem Einfluß über den Kopf , und einer solchen ausgebildeten Leidenschaft ist dann nichts unerreichbar , sie rührt an das Heiligste und nimmt die Mittel vom Altar , wenn es sein muß . « » Nun , vor der Sünde schützen dich denn doch die Ersparnisse deiner Ahnen , Onkel ! « lachte Dagobert . Er schüttelte den Kopf . » Unglaublich ! Du interessierst dich für Altertümer und lässest eine kostbare Antikensammlung so und so viel Jahre im Keller verschimmeln , ohne sie zu berühren . « Herr Claudius zuckte leichthin die Achseln . » Vielleicht urteiltest du anders , wenn dir das Testament meines Großvaters zu Gesicht käme . Nach seinem Wunsch sollten die Antiken begraben bleiben für alle Zeiten . « » Ach so - da kann ja Herr von Sassen stolz sein - er hat mit seinen Bitten die unsinnigen Traditionen des Hauses über den Haufen geworfen - « » Er weniger , als meine schließliche Ueberzeugung , daß weder meinem Großvater , noch mir das Recht zusteht , Kunstschätze der Welt zu nehmen und sie für immer verschwinden zu lassen , « lautete die sehr ruhige Antwort . Ich stand wie auf Nadeln bei diesem Gespräch - die kostbare Zeit verrann . Zu meiner Beruhigung trat Dagobert an das Fenster und sah einer Equipage nach , die vorüberrollte ; Herr Claudius aber legte das Medaillon in den Kasten , schob ihn zu und gab mir die Münze zurück . » Es thut mir herzlich leid , daß ich mein gegebenes Wort zurücknehmen muß , « sagte er zu mir . » Allein beim Ankauf dieser Art Münzen möchte ich nicht behilflich sein - das Medaillon in Ihrer Hand ist unecht . « Dagobert fuhr herum . » Wer will denn die Münzen kaufen ? « fragte er . » Herr von Sassen . « » Wie , Onkel , er findet die Münzen preiswürdig , und du willst ihn korrigieren ? ... Verzeihe , das fuhr mir so heraus - es war nicht höflich ! « setzte er augenblicklich entschuldigend hinzu . Herr Claudius lächelte leise . » Du hast eben nur meine Ansicht dokumentiert , nach welcher der Laie sehr wohl thut , mit seiner Weisheit still zu Hause zu bleiben . Einer Autorität gegenüber wird sein Urteil stets eine Unbescheidenheit sein . « Er schloß den Schrank , und ich verließ , ohne noch ein Wort zu verlieren , aber auch mit steifem Nacken , das Zimmer . Dagobert trat mit mir zugleich über die Schwelle der Salonthür . » Unverschämt ! « murmelte er zwischen den Zähnen , doch so , daß ich ' s hören konnte , und schritt wieder nach dem Zimmer seiner Schwester , während ich scheu und schweigend davonrannte . Ja , eine Unverschämtheit war es , meinem weltberühmten Vater gegenüber ! ... Ich lief wie gejagt durch die Gärten und stürmte in großer Aufregung die Treppe der Karolinenlust hinauf . » Nun ? « fragte mein Vater in atemloser Spannung , als ich eintrat . » Herr Claudius behauptet , die Münze sei unecht ! « rapportierte ich mit erstickender Stimme . Der fremde Herr brach in ein unauslöschliches Gelächter aus - er schien sich gar nicht wieder beruhigen zu können . Mein Vater dagegen zuckte verächtlich die Achseln . » Krämerweisheit ! « stieß er hervor . » Mit solchen Leuten muß man sich eben nicht einlassen . « Er griff nach seinem Hut , stülpte ihn auf das wirre Haar und reichte mir den Arm . » Gehen wir , « sagte er resigniert . 20 Im Geschwindschritt ging es durch die Gärten ; mein Vater wußte schon nach wenigen Augenblicken nicht mehr , daß ein ängstlich trippelndes kleines Mädchen an seinem Arme hing und auf den Zehenspitzen wie eine fortgewirbelte Schneeflocke neben ihm herflog . Er sprach unausgesetzt mit dem fremden Herrn , zu meinem Verdruß genau so unverständlich und in Fremdwörtern herumwühlend wie der alte Professor in der Heide . Als wir quer den Hof durchschritten , scholl Helldorfs prachtvolle Stimme herab ; er sang allein . Mein Vater hemmte überrascht für einen Moment seinen Sturmschritt . Bis dahin hatte ich mich nie weiter in dem Hofe zu orientieren gesucht , er war mir zu kahl und nüchtern . Jetzt aber , wo wir uns direkt nach dem Ausgangsthor wandten , das den linken Seitenflügel durchbrach , glitten meine Augen über das vor mir liegende Erdgeschoß des Hintergebäudes . An vier Fenstern , die sich nebeneinander reihten , war je ein Flügel halb geöffnet ; eine ganze Schar junger Mädchen saß drinnen ; die Brustwehr war sehr niedrig und ließ ununterbrochen geschäftige , flinke Hände sehen ; an dem mir zunächstliegenden Fenster hielt eben eine Arbeiterin einen halbvollendeten Myrtenkranz prüfend von sich , ehe sie den nächsten Zweig einband . Das war also die Hinterstube , mit welcher mir Charlotte schon am zweiten Tage meines Aufenthaltes einen heillosen Schrecken eingejagt hatte . Sie erschien mir durchaus nicht finster und abschreckend ; Licht und Luft hatte sie vollauf , und die Mädchen sahen sehr sauber und wohlgekleidet aus . Alle diese blonden und dunklen Köpfe lauschten dem Gesange , keine Lippe regte sich ... Da sah ich , wie plötzlich ein jähes Aufschrecken durch die ganze Gesellschaft zuckte , sämtliche Stirnen senkten sich tief auf die Arbeit , und das Mädchen mit dem Myrtenkranz schob leise und unmerklich mit dem Ellbogen den Fensterflügel zu , während sich ihr errötetes Gesicht nach der Tiefe des Zimmers drehte ... Eine Thür fiel drinnen heftig in das Schloß und gleich darauf hörte man den alten Buchhalter schelten . » Welch ein Zugwind ! « rief er - seine sonore Stimme scholl um so kräftiger hinaus in den Hof , als der Gesang droben für einen Augenblick schwieg - » ach so , man hat die Fenster geöffnet und horcht auf die Verlockung des Satans und legt dabei die Hände in den Schoß ! ... Ihr thörichten Jungfrauen , bei euch wird es heißen : Wahrlich , ich sage euch , ich kenne euch nicht ... Es ist besser hören das Schelten des Weisen , denn hören den Gesang des Narren . « Während des letzten Bibelspruchs schlug er klirrend ein Fenster um das andere zu und rüttelte an ihnen , auf daß auch nicht der kleinste Spalt für die eindringenden Töne der Weltlust verblieb . Er sah uns vorübergehen ; aber seine Augen glitten stolz und abweisend an uns hin - er grüßte nicht . Mein Vater schüttelte ironisch lächelnd den Kopf . » Das ist auch so ein diktatorisches Päpstlein , « sagte er zu dem Fremden , » einer jener Beschränkten , die sich zum Skandal breit machen dürfen mit ihrem leeren Kopf , weil die Reaktion den Gedanken verfemt ... Mit welch staunendem Hohne wohl die nächsten Jahrhunderte auf diese entstellenden und zärtlich gehätschelten Sonnenflecke unserer Zeit zurückblicken werden ! « Wie dauerten mich die armen jungen Geschöpfe in der Hinterstube ! Ihnen waren auch die Flügel grausam verschnitten worden ; in ihrer Seele hatten sie freilich keine Spur » des wilden Elementes « mehr ; dafür waren sie aber auch Gefangene ohne allen Willen . Sie duckten mäuschenstill die Köpfe , und ließen es geschehen , daß man ihnen auch noch die frische Luft entzog , weil sie verbotene Klänge zu ihnen getragen hatte ... Und der unheimliche Morgensänger war es , der ihnen die Flügel stutzen und sie bewachen mußte ... O Herr Claudius , ich machte Ihnen ganz gewiß mehr Mühe ! Ich konnte laufen wie ein Hase , und wenn ich hier nirgends ein rettendes Dach fand , unter das ich den Kopf stecken konnte , da ging es eines schönen Tages wieder dahin zurück , wo ich hergekommen ... Es mußte ja nicht gerade der Dierkhof sein , wo Ilse mich scheltend empfing - ich schlüpfte in die kleine Lehmhütte mit den flaschengrünen Fensterlein , da aß ich mit Heinz Buchweizengrütze und flog lachend mit meinen unbeschnittenen Flügeln über die Heide hin ... Wir hatten das Haus in der Mauerstraße verlassen , und nun ging ich ja doch durch die häßliche , stauberfüllte Stadt , die ich nie wiedersehen wollte . Sie erschien mir nicht mehr so schrecklich , als da die sengende Mittagshitze über ihr brütete . Es hatte sich aber auch manches verändert - meine Augen begegneten nicht einem einzigen spöttischen Blicke . Frauen gingen an uns vorüber , die mir wohlwollend und so freundlich forschend unter den Hut sahen , als mache es ihnen Freude , zu wissen , was für ein Gesicht auf dem kleinen trippelnden Menschenkinde im nagelneuen Galakleide säße ... Was mir aber plötzlich einen ganz besonderen Halt , ja eine Art inneren Schwunges gab , infolgedessen ich meinen Kopf um einige Linien höher zu recken suchte , das war die Art und Weise , wie mein Vater gegrüßt wurde . Der eilig dahinrennende Mann mit der nachlässigen Haltung und dem wirrflatternden Haare war eine nichts weniger als imposante Erscheinung , und doch neigten sich Offiziere und elegant gekleidete Herren tief und respektvoll vor ihm , und vornehme Damen , die in prächtigen Equipagen vorüberrollten , grüßten ihn , lebhaft mit der Hand winkend , als sei er ihr bevorzugter Freund ... Dieser große Respekt galt einzig und allein dem berühmten Manne , der so ungeheuer viel Wissen in seinem Kopfe hatte - alle beugten sich vor ihm , nur » der Krämer « in der Mauerstraße nicht - der wußte ja alles besser ... Grollend dachte ich an die Szene vor dem Münzenschranke , und was mich am meisten ärgerte , das war der Eindruck , den ich selbst dabei empfangen ... Hatte der Mann doch wirklich dagestanden , als sei er mit einer überlegenen Macht ausgerüstet , als ruhe jedes seiner Worte auf so solidem Grunde wie sein altes Krämerhaus , und - abscheulich - selbst der glänzende Offizier bei all seiner Eleganz und Schönheit war doch neben dem Manne im simplen schwarzen Rocke für einen Augenblick völlig in den Schatten getreten ... Welch eine Entpuppung ! Das war » der alte , stille Herr « , der mir am Hünengrab so völlig unwichtig vorgekommen , den ich gar nicht beachtet hatte ... Wir mußten lange wandern , ehe wir das herzogliche Schloß erreichten . Ein Lakai eilte voraus , um uns zu melden , und während der Münzenverkäufer in einem Vorzimmer wartend zurückblieb , führte mich mein Vater durch Zimmer und Säle . Er fuhr sich noch einmal mit den Fingern durch das Haar , dann schob er mich leise über die Schwelle der Thür , die der heraustretende Lakai weit zurückschlug . Da war ja der große Moment gekommen , gegen den sich das ungeschulte Kind der Heide im wohlbegründeten Instinkt erfolglos gesträubt hatte - ich debütierte über die Maßen kläglich . Charlotte hatte mir gezeigt , wie ich mich verneigen müsse - du lieber Gott , da machte ja Spitz seine kleinen Künste besser , die ihm Heinz eingelernt hatte ! Meine » quecksilbernen Sohlen « blieben bleischwer an dem Fleck hängen , wohin mich mein Vater geschoben . Ich sah unter tiefgesenkten Lidern hervor nur ein Stück spiegelnden Parketts zu meinen Füßen und hörte das leise Rieseln eines seidenen Gewandes und sagte mir unter aufquellenden und wieder verschluckten Thränen des Grimmes gegen mich selbst , daß ich plump und einfältig dastehe , wie ein grobzugehauenes Götzenbild ... Da schlugen die lieblichen Laute einer sanften , glockenreinen Frauenstimme an mein Ohr - die Prinzessin begrüßte meinen Vater - und fast zugleich berührte ein zarter Finger mein Kinn und hob mein gesenktes Gesicht empor . Nun sah ich auf , und keine steinfunkelnde Krone blendete meine scheuen Augen - ich sah wundervolle , dicke , braune Locken ein zartrosiges Gesicht umwogen , und ein Paar glänzende Augen , so blau wie meine Lieblinge , die Heideschmetterlinge , lächelten auf mich nieder . Ich wußte , daß die Prinzessin nicht mehr jung sein konnte , sie war ja die Tante des regierenden Herzogs und eine Jugendgenossin meiner Mutter , und deshalb meinte ich , die hohe , schlanke Dame mit dem samtenen Teint und den jugendlich weichen Linien des Profils sei gar nicht die Prinzessin Margarete . Mein Vater belehrte mich eines anderen . » Hoheit überzeugen sich nun selbst , wie recht ich hatte , unumschränkte Nachsicht zu erbitten , « sagte er - ein verhaltenes Lachen klang in seiner Stimme mit ; » mein schüchternes Gänseblümchen hängt ratlos den Kopf - « » Das wollen wir bald ändern , « versetzte die Prinzessin lächelnd . » Ich verstehe mich auf den Verkehr mit solchen kleinen ängstlichen Mädchen ... Gehen Sie jetzt , lieber Doktor , der Herzog erwartet Sie . Auf Wiedersehen beim Thee ! « Mein Vater verließ das Zimmer , und ich stand nun , auf mich selbst angewiesen , inmitten der verfänglichen Atmosphäre des Hofes , auf seinem heißen Boden . Jetzt sah ich auch , daß die Prinzessin nicht allein war . Um einige Schritte hinter ihr stand ein hübsches junges Mädchen - die Prinzessin nannte vorstellend unsere Namen , und so erfuhr ich , daß die Dame ein Hoffräulein sei und Konstanze von Wildenspring heiße . Ehe ich mich dessen versah , hatten mir die flinken Hände des Hoffräuleins Hut und Mantille abgenommen , und ich saß der Prinzessin gegenüber , während sich die junge Dame in der Nähe hinter einem Fenstervorhang niederließ und eine Stickerei aufnahm . Wie prächtig verstand es die fürstliche Frau , die Seele » des kleinen ängstlichen Mädchens « aus dem Bann der Verzagtheit zu erlösen ! Sie erzählte mir von dem öfteren Zusammensein mit meiner Mutter an dem engbefreundeten L.schen Hofe , was das für eine glückliche , lustige Zeit gewesen sei , wie viel Talent und Wissen meine Mutter besessen , und was für wunderhübsche Verse sie gemacht habe . Dabei zeigte sie mir ein in roten Maroquin gebundenes , dickes Buch - es enthielt Gedichte und ein Drama der Verstorbenen und war kurz vor ihrem Tode erschienen . Manchem anderen jungen Mädchen in meiner Lage würde es vielleicht als ein großes Glück gegolten haben , bei seinem ersten Auftreten am Hofe solch einen günstigen Hintergrund zu finden - ich empfand nichts dergleichen - mit einer Art von schmerzlicher Scheu sah ich auf das Buch ; die Gebilde da drin waren ja schuld , daß meiner ersten Kindheit das Sonnenlicht der mütterlichen Liebe gefehlt hatte . Während die Dichterin in den lichten , luftigen Vorderzimmern die Gestalten ihrer Phantasie liebevoll gehegt und gepflegt , hatte die Seele ihres Kindes zwischen vier dumpfen Wänden hungern und darben müssen . Vielleicht kam der Prinzessin eine Ahnung von diesem Vorgang in meinem Innern . - Ich hatte ihr ja gesagt , daß ich mich mit dem besten Willen auf das Gesicht meiner Mutter nicht besinnen könne . Unbemerkt lenkte sie das Gespräch auf meinen eigenen Lebensgang - da vergaß ich den letzten Rest von Befangenheit . Ich erzählte und ließ Heinz und Ilse und Mieke und die lustig schreienden Elstern im Eichenwipfel wohlgemut durch das gefeite Prinzessinnenzimmer spazieren ; auch die alte , einsame Föhre rasselte mit ihren Nadeln darein , und aus dem Torfsumpf stiegen die Wassergeister und schleppten die weißen Gewänder mit schwernassem Saum über die nachtstille Heide . Ich ließ auch den Schneesturm um das ächzende Dach des Dierkhofs brausen und saß neben Heinz auf der Ofenbank , während die bratenden Aepfel in der Röhre zischten und spritzten ... Manchmal fuhr das hübsche Hoffräuleingesicht wie erschrocken unter der Gardine hervor und starrte mich mit spöttischem Erstaunen an ; allein das beirrte mich nicht - die großen Augen der Prinzessin strahlten ja immer heller auf und ruhten voll Innigkeit auf mir , sie hörte genau so aufmerksam , ich möchte sagen , atemlos zu , wie Heinz und Ilse , wenn ich auf dem Fleet die Märchenwunder vorlas . Und von den Eidechsen , den Bienen und Ameisen erzählte ich - sie waren ja meine Spielgefährten gewesen , und ich kannte ihren Haushalt , ihr ganzes Thun und Treiben so vollkommen , wie die Hausordnung auf dem Dierkhof . Ich gestand , daß ich alle Tiere , selbst die kleinsten und häßlichsten , lieb gehabt , weil ja Odem in ihnen gewesen und mit dem schwachen Geräusch ihrer Stimmen und Bewegungen ein Hauch vom Leben durch die tiefe Heideeinsamkeit gegangen sei ... Ich weiß nicht mehr , wie es kam , aber plötzlich reihte sich auch das große Hünenbett meiner Schilderung an - ich saß auf seinem Rücken , zwischen den gelben Ginsterblüten , und sang , die Arme um die Kniee gelegt , in die unermeßliche Weite hinaus . Die Prinzessin griff auf einmal nach meinen Händen , zog mich zu sich hinüber und küßte mich auf die Stirne . » Ich möchte wohl wissen , wie die einsame Mädchenstimme in der Heide geklungen hat , « sagte sie . Wohl schauerte ich in mich zusammen vor Schreck und Scheu bei dem Gedanken , daß meine Stimme an diese vier Wände schlagen sollte ; aber es war auch eine Art von Verzauberung über mich gekommen - hatte ich mich doch schon überwunden und einen Teil meines Kinderlebens ausgekramt . Ich nahm all meinen Mut zusammen und sang ein kleines Lied . Einmal , mitten im Singen , fuhr ich zusammen - die grauen Hoffräuleinaugen glommen und schillerten so wunderlich unter dem Seidenbehang hervor ; ich mußte unwillkürlich an die Hauskatze des Dierkhofs denken , wie sie den armen zwitschernden Vogel auf dem Ebereschenbaum grünfunkelnden Auges anstierte - ei , was lag mir denn an dem Mißfallen der