es meine Entfernung vernommen , gebeten habe , ihr Anliegen schriftlich hinterlassen zu dürfen . Ich fand das Blatt ohne Unterschrift , aber versiegelt , auf meinem Schreibtische und las die wenigen Worte : Sobald Sie zurückkehren , Hochwürden , bitte , lassen Sie mich es wissen . Aber um Gottes willen ! kommen Sie nicht zu mir , auch nicht zu der gnädigen Herrschaft , bevor Sie mich benachrichtigt haben . Sie wünschte demnach eine Unterredung , ohne Zweifel , um ihres Kindes Zukunft festzustellen , und sie fürchtete eine absichtliche oder zufällige Enthüllung . Ich wußte jetzt , wie die Entscheidung gefallen war . « » Sie wußten es ! « so unterbrach ich zum erstenmal den Erzähler , » und Sie eilten nicht , gegen ein drohendes Unheil einzuschreiten ? « Der Freund erwiderte : » Ich war , trotz des Verbots , eben im Begriffe , an Ort und Stelle die Lage der Dinge einzusehen , als ein Besuch Ihres Herrn Vaters , Fräulein Hardine , mich dieser Erkundigung überhob . Er hoffte , eine Nachricht aus Reckenburg , die Ihr verspätetes Eintreffen erklärte , bei mir vorzufinden , und da ich ihm diese Aufklärung geben konnte , bat ich ihn , nicht in Sorgen zu sein , wenn das ersehnte Wiedersehen sich noch um etliche Tage verzögern sollte . Ich komme auch keineswegs aus Sorge , im Gegenteil , in heller Freude , Freund , versetzte der gütige Herr . Ich möchte meine Dine nur gern bei einem - Familienfeste darf ich wohl sagen - unter uns sehen , als Brautjungfer unserer kleinen Dorl und des - - raten Sie , Propst , und des - - Und des Geheimrat Faber , ergänzte ich , erzählte in der Kürze , auf welche Weise ich von des Mannes Heimkehr unterrichtet worden war , und bat um eine Darstellung des Eindrucks , den die so lange getrennten Verlobten aufeinander gemacht haben , und wie die Sache so rasch zum letzten Abschlusse geführt werden konnte . Ich werde mir nun erlauben , diese Darstellung möglichst exakt mit Ihres Herrn Vaters eigenen Worten zu geben , die Schlußfolgerung aber Ihnen selbst überlassen , Fräulein Hardine . - Am Freitagabend sitzen wir still beieinander . Meine Frau spinnt , ich rauche . Da hören wir das Haustor unter einem kurzen , knackenden Druck sich öffnen und wieder schließen , hören einen raschen , elastischen Schritt im Flur , drei klopfende Schläge wie mit einem Hämmerchen an der Stubentür . Der Druck , der Schritt , das Klopfen sind uns alte Bekannte . Mir entfällt die Pfeife , Adelheid der Faden ; Faber ! rufen wir aus einem Munde , und mit dem Namen steht auch schon der Mann uns gegenüber . Nicht mehr der Feldscher von Anno 90 , auch nicht mehr bloß der Doktor aus den Schanzen vor Mainz ; ein kapitaler Mann , ein gemachter Mann auf den ersten Blick : aber auf den ersten Blick auch noch leibhaftig der alte Mosjö Per-sé . - - Er schüttelte mir die Hand und küßte die meiner Frau mit dem Air eines jener armen Marquis , deren Köpfe er zu Dutzenden hat rollen sehen . Denken Sie , Propst , der Sohn und Gehilfe meines alten Barbiers ! Aber das Gute muß ja freilich der Anblick jenes Plebsregiments hervorbringen , daß ein honetter Mensch sich zu guten Manieren bequemen lernt . - Ich komme als Hochzeiter , mein Herr Major , sagte er , indem er auf den väterlichen Trauring an seinem Finger wies . Ein wenig spät , werden Sie sagen , - aber der Mann hat Farbe gehalten ! - Oho ! versetzte ich lachend , das Kindchen erst recht ! - Meine Frau hat sich unterdessen von ihrem Staunen erholt und in Positur gesetzt . Zunächst , hob sie an , Herr - Doktor , nicht wahr ? Er antwortete lächelnd mit einer Verbeugung : Für meine ältesten Freunde Siegmund Faber , wie ehedem , Mosjö Per-sé , wie es Ihnen beliebt . Im übrigen : Geheimrat Faber , praktischer Arzt in Berlin . - - Zunächst also , Herr Geheimrat , sagte Adelheid , indem sie sich gleicherweise verneigte , die Versicherung , daß Demoiselle Müller in ungestörtem Wohlbefinden und in geduldiger Treue unter unseren Augen Ihrer Heimkehr gewartet hat . - Wie eine Nonne auf den himmlischen Bräutigam , fiel ich ein . Adelheid räusperte sich , und Sie wissen schon , Propst , wenn Adelheid sich räuspert , das heißt allemal : Mal apropos , Eberhard ! Indessen möchte es doch gut sein , fuhr sie fort , das liebe Kind auf Ihr überraschendes Erscheinen vorzubereiten . - Sie wollte sich entfernen . Da erwiesen sich aber der Herr Geheimrat wieder einmal recht gründlich als der alte Per-sé . Nach dieser hochbeglückenden Versicherung , meinte er , erbitte er sich die Gunst , die gnädige Frau begleiten und in einem unmittelbaren Eindrucke die Entscheidung über seine Herzenswünsche empfangen zu dürfen . Er zündete während dieser Rede ohne Umstände den Wachsstock , der auf dem Tische stand , an und setzte es auf diese Weise durch , als Vorleuchter zuerst das Zimmer seiner Braut zu betreten . - - Die arme , kleine Dorl saß wie jeden Abend einsam bei ihrer Spielerei . Sie hatte kleine Kinderköpfe ausgeschnitten und war vor Langerweile eingenickt . Die Arme lagen ausgestreckt über dem Tische und der Kopf war auf sie herabgesunken . Als die Tür jetzt rasch geöffnet wurde , hob sie ihn , wie aus einem Traume erwachend , in die Höhe . Ich kann dir , sagte Adelheid , denn ich war natürlich unten zurückgeblieben , ich kann dir das Entzücken nicht beschreiben , Eberhard , das sich bei diesem Bilde in Fabers Augen malte . Die zierliche Einrichtung seines alten Zimmers , der Kleinen unveränderte Schönheit , ihre kindlich stille Beschäftigung und den goldenen Reif am Ringfinger , alles das hatte er mit einem einzigen Blicke erfaßt . Es bedurfte keines Wortes , er wußte , was er zu wissen brauchte . - Jetzt hatte aber auch Dorothee ihn bemerkt . Sie schrie auf wie ein Kind , das eine Biene gestochen hat , wurde kreideweiß und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen . - - Ich habe Sie erschreckt , meine teure Dorothee , sagte Faber , indem er auf sie zueilte , ihre linke Hand von den Augen zog und einen Kuß gegen den Ringfinger drückte . - Aber dieser Augenblick der Überraschung ist mir Ersatz für die langen Jahre des Entsagens . Mein ganzes Leben wird ein Dank sein für das Glück , daß Sie ihn mir gewährten . - - Indessen dies zweite Experiment , - Sie wissen , Propst , er nannte schon seine Verlobung ein Experiment , - nun , diese Überrumpelung erwies sich denn doch schier zu stark für unsere arme , kleine Dorl . Es überlief sie ein Schauder , ihre Glieder flogen , Fieberglut verjagte die tödliche Blässe auf ihrem Gesicht . Sie sind unwohl , Dorothee ! rief Faber ängstlich , führte sie auf das Kanapee , setzte sich auf einen Stuhl an ihrer Seite und faßte ihre Hand , nicht wie ein Liebhaber , sagte Adelheid , sondern wie der Arzt , welcher die Pulsschläge zählt . Sie schüttelte das Köpfchen , raffte sich zusammen , erholte sich allmählich , und als Faber nach einer Weile fragte , ob sie sich kräftig genug fühle , seine Gegenwart zu ertragen , antwortete sie mit einem Nicken . - - Das Ziel , das ich mir gesetzt hatte , ist erreicht , sagte Faber darauf , später als ich gehofft , aber sicher und ehrenvoll . Eine ausfüllende Tätigkeit wartet meiner in Berlin , eine sorglose Häuslichkeit steht mir , - Ihnen , liebe Dorothee , - dort bereitet . Freilich ist meine Zeit gemessen . Aber was bedürfen wir auch noch der Zeit ? In einer Woche , denke ich , werden wir vereint der neuen Heimat entgegenziehen . - Da sie alles so glücklich im Gange sah , hielt Adelheid , die bisher unbemerkt im Hintergrunde gestanden hatte , es an der Zeit , sich zu entfernen . Erst bei dieser Bewegung wurde die Kleine ihrer ansichtig . Sie fuhr in die Höhe , stürzte auf meine Frau zu mit einem , wie diese behauptet , geradezu irrsinnigen Blick und den Worten , den ersten , die sie sprach : Hardine , Hardine ! wann kommt Fräulein Hardine ? - Wir erwarten sie bis Mitte nächster Woche , liebe Dorothee , - beruhigte sie Adelheid und ließ die Brautleute allein . - Unten angekommen , sagte sie zu mir : Das arme Mädchen ist über die Maßen bestürzt , Eberhard . Mehr als ein Kopfnicken und Schütteln wird ihr auch im Tete-a-tete nicht abzuschmeicheln sein . Was Wunder aber auch ? Der Mann ist ihr in acht Jahren ein Fremder geworden ; ja , als Mann betrachtet , ihr auch vorher nur ein Fremder gewesen . Nun über Hals und Kopf : Wiedersehen , Hochzeit , Abreise , eine gänzlich neue Welt , und alles das ohne die getreue Beraterin , unsere Tochter Hardine . - Ich bin der Ansicht , Propst : nichts hilft einem Menschen gemütlicher über eine verlegene Situation hinweg , als im Kreise guter Freunde eine heitere Tafelei , und Adelheid und ich waren daher auch auf der Stelle einig , das Beste , was Küche und Keller boten , eilig zu einem Bewillkommungsschmause aufzutischen . Kaum daß ein Stündchen vergangen war , stieg ich die Treppe hinauf , die Gäste zu unserem Extempore einzuladen . Ich machte der Braut , die noch immer die Sprache nicht wiedergefunden zu haben schien , meine Gratulation und dem glückstrahlenden Bräutigam noch einmal mein Kompliment . Bald saßen wir alle vier behaglich um den Tisch ; das erste Fläschchen wurde entkorkt , und niemals habe ich ein freudigeres Lebehoch als das auf unsere beiden Getreuen erschallen lassen . - Nun mußte aber auch endlich unser Gast mit der Sprache herausrücken und die Fahrten und Fährnisse zum besten geben , unter welchen der Gefangene von Pirmasens sich so glücklich bis zum Königlich Preußischen Geheimen Medizinalrat durchgewunden hat . Propst , der Mann versteht zu erzählen ; simpel , anschaulich , mit Bescheidenheit , und doch nicht ohne das geziemende Selbstgefühl . - Da gab es denn einen kuriosen Wechsel von Bewunderung und Grauen , wenn man den einsamen Fremdling mit seinen Messern und Zangen so gelassen dahinschreiten sah , heute unter den Blitzen des Fallbeils , morgen unter dem Donner der Kanonen ; vorbei an Menschen , die gestern Gold waren und heute Staub sind , und an solchen , die gestern als Staub übersehen und morgen als Gold vergöttert werden . Was solch eine Revolution zu sagen hat , das ist mir wahrlich erst durch meinen Mosjö Per-sé recht klar geworden , Propst ! Die Nacht hindurch würden Adelheid und ich mit gespanntem Ohr gelauscht haben . - Aber freilich , ein anderes sind ein paar im Grunde doch fremde alte Leute , und ein anderes eine junge , bängliche Braut . Die arme kleine Dorl saß stumm und blaß , Hände und Blicke im Schoß , und berührte keinen Bissen noch Tropfen . Eigentlich kam es mir vor , als hätte sie von all den Mordgeschichten und Geschäften nicht ein Sterbenswort gehört und an ganz was anderes dabei gedacht . Der Erzähler aber dankte ihr dieses angstvolle Erstarren im Rückblick auf die Gefahren , die er fern von ihr durchlebt hatte . Er drückte ihr die Hand und schwenkte geschickt in ein Gebiet , in welchem das schwächlichste Frauenzimmer sich allezeit erholt . Die revolutionären Damenmoden wurden aufs Tapet gebracht ; das gesellige Treiben , erst in Paris , dann in Berlin ; Namen wurden genannt , als die von Gönnern und Freunden , bei deren Klange dem vormaligen Schenkjüngferchen wohl das Herz im Leibe lachen konnte ; und als endlich gar der eigene Hausstand an die Reihe kam , als einer Beletage Unter den Linden , der Bedienten , Wagen und Pferde wie selbstverständlicher Dinge Erwähnung geschah , Freund , da hätten Sie sehen sollen , wie unser Bräutchen auftaute ! Wie die Ohrchen sich spitzten , die Äugelchen blitzten , die blassen Wangen immer rosiger sich färbten . Die kleine Dorl sah sich schon als Frau Geheimrätin , wohl gar als gnädige Frau , in Tituskopf und Tunika , wiegte sich auf seidenen Polstern zwischen Pendülen und Vasen , während draußen Generale und Grafen antichambrierten in Erwartung des gefeierten Herrn Gemahls . Jetzt wagte sie es , die Augen zu ihm aufzuschlagen ; sie nickte ihm lächelnd zu und ließ die bisher so widerwillige Hand ohne Sträuben in der seinen . Ja , Weiberchen , Weiberchen , Evas Töchter , die ihr alle seid ! - Das Herdfeuer lodert in Erwartung der Hausfrau - - so schloß der geschickte Mann seine Schilderei , - und auch die Hausfrau wird ja , wills Gott , nur auf Tage noch dem freundlichen Heimwesen fehlen . Wir sind beide verwaist , auch Sie , liebe Dorothee , majorenn ; die erforderlichen Zeugnisse können im Orte bezogen werden . Übermorgen darf das erste Aufgebot stattfinden , und zweifle ich nicht , daß uns alle weiteren Observanzen erlassen werden , wenn ich in Leipzig , wo ich morgen einige alte Freunde und Gönner aufzusuchen gedenke , mich beim Konsistorium darum bemühe . Jedenfalls wird bis zum übernächsten Sonntag alles erledigt und dann auch die Zeugin unserer Verlobung gegenwärtig sein , Fräulein Hardine , die ich so gern auch als Zeugin unserer stillen Hochzeitsfeier begrüßen möchte . - Adelheid hat recht , Propst ; es ist merkwürdig , wie die kleine Dorl an unserer Dine hängt . Ein anderer als Mosjö Per-sé würde sich solch ein Freundschaftsregiment verbitten ! Aber der : Schürzenangelegenheiten - bah ! Ja wärs ein Mann , der ihm ins Gehege käme , dann gnade Gott ! - Die Kleine hatte seinem Plane mit aller Gelassenheit zugehört ; bei dem Namen Hardine aber fuhr sie erschrocken in die Höhe ; weiß Gott , sie zitterte und wurde jählings wieder blaß wie eine Wand . Hardine ! flüsterte sie . Wann kommt Fräulein Hardine ? - Sie soll zur Hochzeit nicht fehlen , Herzenskind , rief ich ihr ermunternd zu . - Morgen schreibe ich ihr , und in spätestens acht Tagen ist sie da . - Dorothee saß auf ihrem Stuhle zurückgesunken und regte sich nicht . Der Bräutigam leerte das letzte Glas auf das Wohl unserer guten Tochter . Auch die Braut mußte anstoßen und nippen , aber sie tat es mit einem Schütteln , als ob ihr der Tod übers Grab gelaufen sei . Wir alle sahen , wie sehr das liebe Kind der Ruhe bedürfe . Meine Frau hob die Tafel auf ; der Gast empfahl sich , um im Gasthof ein Nachtquartier zu suchen . Unser Fest war zu Ende . - Lieber Herr Major , sagte die gutmütige Dorl , als ich sie die Treppe hinaufführte , bitte , schreiben Sie Fräulein Hardine nicht . Es möchte ihr ungelegen sein . Sie kommt ja ohnedies . Oder wir warten , bis sie kommt . - Nun , ich habe auch nicht geschrieben , da am andern Morgen ein Brief ihre Ankunft bis spätestens Donnerstag meldete . Und nun ist sie doch nicht gekommen und kommt am Ende auch gar nicht mehr zu rechter Zeit . Ihr Herr Vater , Fräulein Hardine , hatte sich bei den letzten Worten erhoben , um den Heimweg anzutreten . Ich begleitete ihn und bat , daß er seine Mitteilung fortsetzen möge . - Was soll ich weiter berichten , sagte er . Es ist alles gekommen , wie unser Doktor es ausgeklügelt hatte . Am Sonntag sind sie zum erstenmal von der Kanzel gefallen . Morgen geschiehts zum zweiten- und drittenmal vereinigt . Am Nachmittag , oder spätestens Montag früh , eine stille Trauung auf dem Lande , als Zeugen nur Adelheid , ich und , wenn sie noch eintrifft , versteht sich , unsere Tochter . Daß sie nur käme ! Die Kleine verzehrt sich buchstäblich über dieser fixen Idee . Bei jedem Wagen , der die Straße heraufrollt , stürzt sie ans Fenster und schaut hinaus . Hardine , Fräulein Hardine ! sind fast die einzigen Worte , die ihre Lippen berühren . Vorgestern , wo wir sie mit Bestimmtheit erwarteten , habe ich selber mich über die kleine Torheit geärgert . Sie ist in diesen acht Tagen abgemagert zum Skelett ; der Verlobungsring , der ihr so drall am Finger saß , rollt bei der geringsten Hantierung in ihren Schoß . Sogar an den Brautputz denkt sie nicht . Es wird doch nichts daraus ! murmelte sie , als Adelheid neulich davon anfing . Hysterie , Propst , nennt man ja wohl diese Launen bei dem Frauenvolk ? Gottlob , unsere Dine hat von dem Unwesen keine Spur . Und zeigt der Bräutigam keine Art von Beunruhigung über diesen jedenfalls verwunderlichen Herzenszustand ? wagte ich zu äußern ; ein Zweifel , welchen der ritterliche Herr Major aber nahezu als eine Ehrenkränkung zurückwies . - Wie meinen Sie das , Propst ? rief er unwillig . Hat der Mann nicht Adelheids und mein eigenes Zeugnis für des Mädchens untadeliges Verhalten ? Würde ohne dasselbe unsere Tochter ihre Freundin sein ? Rühmt nicht die ganze Stadt ihre geradezu scheue Zurückhaltung seit jenem heillosen Donnerstagabend , an dessen Ausgelassenheit das arme Kind wahrlich geringere Schuld als wir anderen samt und sonders getragen hat ? Daß sie bis jetzt keine übermäßige Passion für den Herrn Bräutigam empfindet , darüber wird er selber am besten im reinen sein , er ist kein Apollo , unser Mosjö Per-sé ! Aber nur erst unter die Haube und an den eigenen Herd . Einer , wie der Faber , fühlt sich Mannes genug , um ein Frauenherzchen in Beschlag zu nehmen . Klug wie er ist , schont er die bängliche Laune einer kurzen Übergangszeit ; zeigt sich der Kleinen nur in flüchtigen Besuchen , liebreich , ohne Zärtlichkeit , mit offener Hand und im Nimbus eines gefeierten Namens . Alles drängt sich um den merkwürdigen Heimatsfreund . Die Kunde seiner Rückkehr hat sich wie ein Lauffeuer in der Gegend verbreitet . Meilenweit ziehen sie einher , alte und neue Schäden von dem Wunderdoktor heilen zu lassen . Im Fluge sind etliche schwere Operationen absolviert worden . Nun soll aber auch den alten Bekanntschaften ein Gruß und Lebewohl gebracht werden , bis zum Schinder herab , den er seinen ersten Professor nennt . Kurz und gut : ein Tourbillon hat sich um den Mann erhoben , und er bewegt sich nach allen Seiten mit Takt und comme il faut . Nicht zum geringsten auch gegen uns . Das alte väterliche Haus , seine Treuburg , wie er es nennt , bleibt unserer Verfügung , der Mietzins Fräulein Hardine zu Armenzwecken überlassen . Kein Stück wird in Dörtchens bräutlichem Zimmer verrückt , kein Gepäck mit auf die Reise genommen . In ihren Hochzeitskleidern , leicht wie Sommervögel , fliegen sie in das bereitete Nest , wo dann alles neu und nie gesehen das junge Weibchen umfängt und erfrischt . - Wir hatten während dieser letzten Rede die Stadt und Ihre Wohnung , Fräulein Hardine , erreicht . Die Frau Mutter saß am Spinnrad vor der Tür . - Die Post von Leipzig ist herein , und wieder ohne unsere Tochter , Eberhard ! sagte sie . - Die Gräfin ist krank geworden , versetzte der Gemahl , der Propst hat Nachricht . Aber was sagt unsere Dorl , Adelheid ? - Nun , da so ziemlich die letzte Hoffnung geschwunden ist , scheint sie sich ihre kindische Sehnsucht aus dem Sinn schlagen zu wollen . Sieh dich um , Eberhard ; an allen Fenstern und Türen ein gaffendes Gesicht . Eben ist Dorothee am Arme ihres Bräutigams um die Ecke gebogen , zum erstenmal , daß sie seit seiner Heimkehr das Haus verläßt . Sie wollen den Gräbern der Eltern Lebewohl sagen . Eine noble , delikate Natur , dieser Faber ; Sie hätten ihn kennen lernen sollen , Herr Propst . Auch meiner Tochter hätte ich sein Wiedersehen gewünscht . Doch mag ich der morgenden Trauung nicht länger widersprechen . Dorothee kommt ohne Abschied leichter zur Ruhe , und langte Hardine morgen abend noch an , was könnte ihr an der bloßen Brautführerrolle gelegen sein ? « Der Propst schwieg ; seine Erzählung schien zu Ende . » Und warteten Sie « , fragte ich heftig , » Dorotheens Rückkunft und ihren Entschluß nicht ab ? « » Nein , « antwortete er mit Ruhe . » Ich bat Ihre Frau Mutter , ihr meine Heimkehr von der Reise mitzuteilen , und ging in meine Anstalt zurück . Als nach dem Morgengottesdienst , wie ich kaum anders erwartet hatte , eine Botschaft an mich nicht ergangen war , benutzte ich die Post nach Leipzig , um meinen Schützling in Empfang zu nehmen . « Die Postchaise fuhr in diesem Augenblicke vor . Ich hatte meine Reisekleider gar nicht abgelegt und das Gepäck bereits wieder hinunterschaffen lassen . Als ich jetzt den Knaben wecken und mit ihm voraneilen wollte , trat mir der Propst entgegen . » Ich halte es für besser , « sagte er , » mit dem Kleinen hier zu übernachten und erst morgen - « » Der Junge wird im Wagen so gut wie hier im Bette schlafen , « unterbrach ich ihn gereizt . » Rasch voran ! « Er sann einen Moment und folgte mir dann , den schlummernden Knaben auf dem Arme . Des Freundes mitteilsame Breite hatte meine Aufregung nur gesteigert . Sicherlich nicht ohne seine Absicht ; die Gärung sollte vor den aktuellen Eindrücken verbrausen . Zum ersten und gottlob einzigen Male im Leben fühlte ich mich in einem Zustande von - dreist heraus ! - , in einem Zustande von Wut ; von Wut zunächst gegen mich selbst . Ich hätte mir das Haar ausraufen oder die Wagenfenster zerschlagen , ich hätte schreien oder wie ein wildes Roß mir die Adern zerbeißen mögen , um dem kochenden Blute ein Ventil zu öffnen . Ich , ich hatte dieses strafwürdige Ereignis verschuldet ; ich die Sünde gedeckt , die Untreue verheimlicht ; getäuscht die arglosen Eltern , auf deren guten Glauben hin ein Ehrenmann in seinem Allerheiligsten betrogen war , voraussichtlich zur Stunde schon . Ich , ich hatte die stolze Zuversicht der eigenen Seele für alle Zeit zerstört . In solcher Stimmung gibt es keine größere Erleichterung , als einen Teil seiner Last auf einen anderen abzuwälzen , und so wendete ich mich denn , sobald das Gefährt auf die weniger holpernde Landstraße eingelenkt hatte , gegen den Begleiter , dessen milde Gelassenheit mich empörte . » Wenn wir zu spät kommen , Propst , « sagte ich , » wenn die Trauung vollzogen ist , so haben Sie eine schwere Verantwortung auf sich geladen . Sie , der Sie den Frevel hindern konnten und in bequemer Scheu vor der Anklage es unterließen . « » Darf der Beichtstuhl zur Anklagebank werden , Fräulein Hardine ? « entgegnete er , » und war ich nicht in der Lage des Beichtigers , der ein anvertrautes Geheimnis zu bewahren hatte ? « » Sie hatten das Geheimnis nicht von einem Beichtkinde , nicht zuerst wenigstens von einem Beichtkinde empfangen . Übrigens sprechen Sie mit dieser Auffassung sich selbst das Urteil . Dem Manne , dem Freunde mochte Zartgefühl die Zunge binden ; dem Seelsorger war es Pflicht , ein Verbrechen seines Beichtkindes zu verhüten . « » Und was tun , Fräulein Hardine ? « » Raten , warnen , bedräuen ; für die erste christliche und menschliche Tugend , die Wahrhaftigkeit , das matte Gewissen zum Leben rütteln . « » Und haben Sie , meine mutige junge Freundin , nicht geraten , nicht gewarnt , nicht das Gewissen zur Wahrhaftigkeit aufgerüttelt , Sie , die vor allen Menschen die stärkste Macht über dieses Kind geübt haben , und in der Zeit von dessen Gleichgültigkeit , ja mehr als solcher , gegen den Mann , dem es Wahrheit schuldete ? Und mit welchem Erfolg ? Heute aber in der letzten Stunde , am Vorabend der Trauung , wo alles Sinnen und Trachten des beweglichen Herzens nur gegen die Gefahr eines Widerspruchs gerichtet ist - « » Hätten Sie im äußersten Falle das äußerste Mittel nicht scheuen dürfen . « Der Freund faßte nach einer kleinen Stille sanft meine Hand und sprach : » Fordern Sie , mein liebes Kind , von einem alten Manne nicht eine Tat , die das Maß seiner Anlagen überschreitet und für die er , mißrät sie , sich und anderen kein Heilmittel zu bieten hat . Und wenn das Äußerste nun zum Äußersten geführt hätte ? Wenn das schwache Geschöpf - eben weil es schwach ist , Fräulein Hardine - gebrandmarkt vor der Welt und vor dem Manne , den im Augenblick all sein Begehren gefangen nimmt , in tödliche Krankheit , in Wahnsinn verfallen wäre ? Wenn es verzweifelnd Hand an sich gelegt - « » Nun wohlan ! « rief ich leidenschaftlich , » ich , ist es noch Zeit , werde diesen Gefahren trotzen , werde , und wäre es vor dem Altar , den Einspruch der Wahrheit vernehmen lassen . Ich bin aus den Schranken meiner natürlichen Anlagen , meiner Erziehung , der Denkweise meiner Väter , der Gesetzmäßigkeit meines Charakters herausgetreten , indem ich die Unehre duldete und das Unrecht beschönigte . In Recht und Ehren , um jeden Preis , werde ich diese Irrung zu sühnen wissen . « » Sie werden es , meine Freundin , « entgegnete der geistliche Herr mit Bedeutung . » Sie werden jene Irrung sühnen , früh oder spät , wenn auch mit anderen Faktoren als denen , die heute Ihr Gemüt beherrschen . Also irren heißt leben , und in den heimlichen Trieben , die unsere Menschenlogik höhnen , keimt unsere Entwickelung . Der Regenguß , der unsere Saaten niederschlägt , durchsickert die harte Bodenschicht und sammelt sich zum Quell , welcher das Wurzelland befruchtet . Das ist die Logik der Natur . Und darum lassen Sie mir den Glauben , daß das , was heute Ihr Gewissen niederschlägt , dereinst als ein Jungbrunnen Ihr Gemüt erquicken wird . Ich bin ein alter Mann . Meine Aufgabe ist , diesem Kinde , das zur Stunde vielleicht auch die Mutter verloren hat , so weit meine Kraft noch reicht , den Vater zu ersetzen . « Der alte Mann schwieg . Wenn Ihr aber glaubt , daß sein Gleichnis vom Wasserborn - Feuer und Flamme wie ich war - meinen Zorn gelöscht haben sollte , nun , so irrt Ihr Euch . Öl hatte es in den Brand gegossen . Ich kehrte dem gefühlvollen Schwächling den Rücken , der , ohne sich zu rühren , das Haus seines Nachbars einäschern sieht und derweile gemütlich die Bausteine für eine Hütte der Zukunft zusammenträgt . Wir sprachen bis zur Zwischenstation kein weiteres Wort . Der Propst saß mir still gegenüber , den Kopf des schlafenden Knaben auf seinem Schoß . In mir jagten sich die Gedanken . Was geschehen sollte , kam ich noch zur rechten Zeit , was aus mir werden , kam ich zu spät - ich wußte es nicht . Aus diesem Tumult weckte mich eine Bewegung meines Begleiters , der während des Pferdewechsels sich zum Aussteigen rüstete , um den Seitenweg nach seiner Anstalt mit dem Knaben einzuschlagen . Ich merkte die Absicht und sagte höhnend : » Sie schlucken Elefanten und seihen Mücken , guter Freund ! « Worauf er lächelnd antwortete : » Wohl mir , wenn ich den giftigen Stich einer Mücke von Ihnen abwehren könnte , Fräulein Hardine . « Die Reizung fehlte mir nur noch . » Ich denke , Herr Propst , « brauste ich auf , » Name und Ruf des Fräulein von Reckenburg - - « » Der beste Name und Ruf , « unterbrach er mich , » der Frieden des edelsten Menschen können getrübt werden , wenn eine Kette von Zufälligkeiten sich törichter oder böslicher Auffassung in die Hände spielt . Zwingt ihre Ehe Dorothee Müller , diesen Knaben zu verleugnen , so hat er erweislich weder Vater noch Mutter . Er ist in Reckenburg unter den Augen Ihrer vertrauten Dienerin aufgewachsen , durch Sie der Erziehung eines alten Freundes übergeben worden . Ihre Person wird es sein , an welche seine Erinnerungen , vielleicht seine Erwartungen sich heften , zumal wenn eines Tages ein Umschlag in Ihren äußeren Verhältnissen die Blicke eines größeren Kreises auf Sie lenken sollte . Ihre einzigen rechtfertigenden Zeugen , Justine und ich , sind Greise ; die Kirchenregister vernichtet und die Verwickelungen des Schicksals unberechenbar . Ich muß es daher als eine Fügung der Vorsehung betrachten , daß mindestens ein unumstößliches Dokument über August Müllers Abstammung gerettet worden ist . Kurz vor meinem Abgange von Reckenburg und dem Brande der Kirche nahm ich eine Abschrift des Taufzeugnisses , um es , ohne die Aufmerksamkeit eines Dritten zu erregen , der Mutter des Knaben zu gelegentlicher Verwendung anheimzugeben . Gedankenlosigkeit verzögerte den ursprünglichen Zweck , und so lege ich es jetzt , statt in die der Mutter , in Ihre Hand , Fräulein Hardine . Weisen Sie es nicht zurück ; verwahren Sie es aus Rücksicht für einen treuen Freund , so viel derselbe heute in Ihrer Schätzung verloren haben mag . « Um weitere verdrießliche Erörterungen abzuschneiden , nahm ich das Attest ; bei ruhigerem Blute sah ich in seiner Erhaltung eine Pflicht , wenn nicht für mich selbst , so doch für