über den Korridor nach den Gemächern des Fräuleins von Saint-Trouin . Auch Adelaide hatte sich in Betracht des Erntelärms und des Höhenrauchs früh zurückgezogen und den Tee auf ihrer Stube eingenommen . Obgleich sie jetzt nicht ganz so häufig an Kopfweh litt wie in früheren Tagen , so litt sie doch noch häufig genug daran ; und sie schlug nicht die Bücher der Gelehrten nach und benutzte die Gelegenheit nicht , um ihre Kenntnisse zu vermehren . Ein etwas gespenstischer Heroenkultus , bestehend aus einer weinerlichen Andacht vor dem Glaskasten Peccadillos , war alles , was ihr jetzt in solchen Fällen ihre Nerven erlaubten , wenn sie die Tür selbst vor Antonie Häußler verriegelt hatte . Noch nie hatten die Angehörigen des Lauenhofes , welche nur allzu gut die Symptome kannten , es gewagt , die hohe Dame in solchen Zuständen herauszupochen ! Heute - jetzt klopfte der Chevalier an , aber er winkte zugleich warnend und abwehrend nach rückwärts , und seine Begleiter blieben gern auf dem Gange zurück , mischten sich nicht in die Kapitulationsverhandlungen zwischen den beiden vortrefflichen Herrschaften und beneideten den Ritter gar nicht um den nun endlich erlangten Eintritt in das jungfräuliche Refugium . Der Ritter trat ein , die Tür schloß sich hinter ihm ; Jane Warwolf setzte sich matt auf eine Bank , die in der Fensternische der Tür des Fräuleins gegenüber stand ; Hennig aber legte das Ohr an die Tür und horchte : auch er winkte dabei warnend und abwehrend rückwärts . Sie lauschten beide , und beide sehr beklommen . Die Türen auf dem Lauenhofe waren noch aus gutem , altem , schwerem Eichenholz gezimmert und taten ihre Pflicht , wie moderne Türen sie nicht mehr tun , aber dessenungeachtet vermochten sowohl der Junker wie auch die Frau Jane den Gang der Handlung drinnen ziemlich genau zu verfolgen . Zuerst hörten sie natürlich die ziemlich klägliche und scharfe Stimme , die Familienstimme Jehans von Brienne , die vor so vielen Jahrhunderten schon die Einwohner von Konstantinopel mit Vergnügen vernahmen . Das gnädige Fräulein beklagte sich mit bitterer Höflichkeit über die Störung in so später und ungewöhnlicher Stunde . Doch ein dumpfes Gesumm gleich dem Getön einer an einer Fensterscheibe auf und ab summenden Brummfliege ließ sich vernehmen ; der Chevalier von Glaubigern bat jedenfalls um Entschuldigung und versicherte , daß nur die dringende Not ihn zu solcher Ausschreitung , zu solcher Überschreitung der Grenzen der Sitte und Höflichkeit getrieben habe . Wieder vernahm man des Fräuleins Organ . Adelaide nahm die Entschuldigungen des Ritters an , bat jedoch unbedingt um eine nähere Erklärung ; - es wurde still hinter der Eichentür , das heißt , die Horcher draußen vernahmen nicht den atemlosen Bericht des Herrn von Glaubigern . Es blieb aber nicht still , und jetzt war nur eines schade , nämlich daß der Meister Dietrich Häußler nicht ebenfalls an der Tür des Fräuleins von Saint-Trouin horchte : jetzt hätte sich die Tugend an ihm gerächt , jetzt hätte er den Lohn für alle seine Sünden , Bosheiten und Lasterhaftigkeiten in Empfang nehmen können ! Heller denn je klang die Stimme Adelaides auf , und Jane Warwolf legte sich auf ihrem Sitze zurück und seufzte mit einer gewissen Befriedigung ; » Na gottlob , jetzt ist die Katze auch da aus dem Sacke ! Herr von Lauen , anjetzo haben wir wenigstens nicht mehr zu befürchten - « Sie konnte ihren Satz nicht vollenden . Die Tür wurde aufgerissen , und das Frölen , échevelée , jede Rücksicht auf das , was es seiner Stellung schuldig war , beiseite lassend , erschien stürzte hervor - stürzte sich ( o wie schade , daß es sich nicht auf den Meister Dietrich stürzen konnte ! ) , stürzte sich im flatternden feuergelben Nachtgewand auf die in ihrer Mattigkeit scheu sich duckende Jane , packte sie an beiden Schultern , zog sie in die Höhe , zog sie gegen die Zimmertür , zog sie in das Zimmer und schlug dem Junker Hennig von Lauen die Tür vor der Nase zu - » als ob man nicht das mindeste Interesse an der Sache gehabt hätte ! « , wie sich der Junker später ausdrückte . Einige Zeit wartete Hennig noch , ob man nicht auch ihn zur Beratung hereinrufen und -holen werde , allein man schien ihn drinnen durchaus nicht mehr nötig zu haben . Es blieb ihm nichts übrig , als zu seiner Mutter zu gehen , um bei dieser das zu suchen , was die andern nicht mehr von ihm zu wollen schienen , nämlich Hülfe und Trost . Noch warf er einen Blick durch das eben erwähnte Fenster des Korridors in den dunkeln , nebeligen Hof , wo es jetzt allgemach ruhiger geworden war , hinunter , und in demselben Augenblick schlüpfte Antonie Häußler drunten , ein Laternchen tragend , vorüber . Sie ging , mit einer weißen Schürze angetan , nach einem der Nebenwirtschaftsgebäude , lächelnd , schlank und leichtfüßig - allein licht und freundlich in dem schweren schwarzgrauen Dunst und der Nacht . Sie schien ihre Freude an den phantastischen Schatten , welche sie umgaben , zu haben ; denn sie hielt ihre kleine Laterne hoch und blieb stehen und drehte sich und sah über die Schulter , wie ein Kind , das sich von einem Spielkameraden nicht fangen lassen will . Zierlich nahm sie einen Zipfel ihrer Schürze auf und verschwand um die Ecke eines Gebäudes ; da mußte jemand sie anhalten und mit ihr reden , denn der rote Schein der Laterne zitterte noch eine Weile in dem Nebel , bis er endlich verschwand und Hennig von Lauen - seinen Mund schloß . Er , der Junker , tat einen Sprung und einen Faustschlag in die Luft und rannte treppab , stolpernd und polternd , zu seiner Mutter , fiel ihr , wie sie behauptete , gleich einem Klotz auf den Leib und gebärdete sich nun mit einem Male schlimmer als irgendein anderer auf dem Lauenhofe um das , was die Rückkehr des Herrn Dietrich Häußler dem Hofe androhte und möglicherweise wirklich antun konnte . Es war unmöglich , der Lauenhof konnte nicht von der Tonie lassen ! » Und das muß einem auch jetzt , wo man schon alle Hände voll zu tun hat , über den Hals kommen ! « war das erste , was die gnädige Frau sagte ; aber trotz aller gegenwärtigen und aller in Aussicht stehenden Unruhe und Aufregung ( der Erntetanz mußte unbedingt in den allernächsten Tagen gefeiert werden ! ) sagte sie doch noch mehr und schüttelte sich mit der gewohnten Energie in ihren Röcken . » Das ist Schwindel , und wir lassen uns nicht darauf ein ! « » Was sollen wir aber anfangen , wenn sich alles wirklich so verhält , wie Jane Warwolf erzählt ? « » Zuerst glaube ich noch nicht daran . Seit die Alte vor die verschlossene Tür des Siechenhauses gekommen ist , sieht sie Funken , Flammen und Gespenster auf allen Wegen . Bah , wen mag sie in Alexisbad gesehen haben ? Und dann , wenn wirklich ein Fetzen Wahrheit der Vogelscheuche aufgehängt sein sollte , so « ( und hier richtete sich die Gnädige zu ihrer ganzen Höhe auf ) , » - so soll er mir nur kommen , der Hauptlump , der Jammerkerl ! Er soll ' s nur wagen , mir vor die Augen zu treten ; er hat bereits früher das Pläsier gehabt , die Frau von Lauen kennenzulernen , und mit Vergnügen werde ich ihm die guten alten Zeiten ins Gedächtnis zurückrufen . « » Das wird viel helfen ! « meinte Hennig kläglich . » Halt den Mund . Junge . Herrgott , diese alten Zeiten ! Man darf nichts anrühren , ohne daß es irgendwo klingt und klirrt und rauscht , daß einem die Tränen vor Rührung in die Augen kommen . Das ist wie eine Rumpelkammer oder wie ein alter dunkler , vergessener Kleiderschrank von der Großmutter her . Wie lang ist ' s eigentlich her , daß ihn , ich meine den Häußler , mein Seliger zum erstenmal aus dem Hause warf ? Da , halt mir einmal das Licht , Junge , das ist eine solche Ewigkeit , daß ich alle Finger gebrauche , um es herauszurechnen . Und wie alt war die schöne Marie , als sie uns zum Sterben hierher nach Krodebeck zurückgebracht wurde ? Halt das Licht gerade , Junge ; - sechzig Jahre ist heut der Bursch sicher alt ; auch zwei oder drei Jahre drüber , darauf soll ' s mir bei solch einem nichtsnutzigen Exempel und Exemplar nicht ankommen . Munter , jetzt hab ich ' s , seit Anno 1838 haben wir nicht die Ehre gehabt , ihn bei uns zu sehen ; ja , da kann er es freilich in der Zeit zu etwas Ordentlichem gebracht haben ! Sie sagten immer , er sei ein Genie , und der eine sagte : ein verrücktes , und der andere sagte : ein heilloses ; aber die meisten meinten kurzweg , er sei ein Halunk , und das war auch meine Meinung , und er natürlich hat behauptet , das sei eine alte biblische Geschichte , daß der Prophet in seinem Vaterland nichts gelte . Sieh , sieh , und nun kommt der wieder und ist ein großer Mensch , ein großer Herr geworden ! Wir waren damals so froh , als wir ihn los waren . Herrje , erleben möcht ich wohl , daß die Jane richtig gesehen hätte ! Da muß man die Menschen kennen ! Das würde ein schönes Leben in Krodebeck abgeben . « » Und Antonie wird er uns nehmen und wird sie ruinieren , wie er seine Tochter zugrunde gerichtet hat ! « rief Hennig . » Es wird mir immer klarer , was uns geschehen soll , und immer erbärmlicher wird mir auch . Ich gebe die Tonie nicht her ! Ich tu ' s nicht . Ich schieße ihn nieder wie einen Hund . Eben ging sie über den Hof . Vor einer Viertelstunde wußte ich noch nicht , was wir an der Tonie verlieren ; aber jetzt weiß ich ' s. Ich gebe sie nicht her ; ich schieße jeden , der Hand an sie legt , nieder wie einen tollen Hund . « Die Mutter nahm das Licht , welches der Sohn immer noch hielt , ihm aus den Händen und leuchtete ihm ins Gesicht . Mit einemmal war sie ganz kühl und ruhig geworden , und nach einer ziemlichen Pause sagte sie : » Junge , was fällt dir eigentlich ein ? Und - wie ist mir denn ? Jawohl , ja freilich , er könnte wohl ein Recht haben , seine Enkelin von uns zu fordern . Das ist doch eine Sache , über welche man ernstlich nachdenken muß , Hennig . Wenn er wohlhabend und irgendwie ein anständiger Mensch geworden ist , so sehe ich nicht ein , welch ein Recht wir aufzuweisen hätten , dem Kinde an seinem Glück hinderlich zu sein . Nur keine Sentimentalitäten ! Herrje , da traue ich selbst dem Herrn von Glaubigern nicht . Wo ist die Jane ? Ich muß sie auf der Stelle sprechen , jetzt muß ich mit eigenen Ohren hören , was sie von dem Herrn Häußler gesehen und über ihn gehört hat . Und wo ist die Tonie ? Weiß sie es schon , was ihr bevorsteht ? « Hennig schüttelte den Kopf : » Noch weiß sie es nicht . Sie ging soeben mit der Laterne über den Hof zur Mamsell Molkemeyer . Jane Warwolf ist mit dem Ritter in der Stube des Frölens ; - sie haben mir die Tür vor der Nase zugeschlagen , als ob mich die ganze Geschichte nicht im geringsten zu kümmern brauche , und da hab ich das Kind mit der Laterne über den Hof gehen sehen ; da ist mir klar geworden , wie sehr mich die Geschichte kümmert , und hier bin ich , Mutter , und du wirst uns helfen , daß wir die Tonie nicht verlieren und sie gar noch an einen solchen Schuft verlieren . « » Ich werde jedenfalls meine fünf gesunden Sinne beieinanderbehalten , und das übrige wird sich finden « , sprach die Frau Adelheid von Lauen . » Auf Phantastereien laß ich mich nicht ein : - o Gott , da kann ich selbst den Herrn von Glaubigern nicht zu Rat und Trost gebrauchen ; das seh ich schon , jetzt werde ich fürs erste die einzige verständige Seele auf dem Lauenhofe sein , und gerade jetzt in all dem Wirrwarr und Erntearbeiten ! Das hat mir gerade noch gefehlt ; und so ist es mir mein ganzes Leben durch gegangen ! Aber das sage ich euch , allen : hier behalte ich die Zügel in der Hand , und jetzt werde ich mit der Jane reden , an das Frölen und den Ritter mag ich gar nicht denken . O Himmel , da möcht ich lieber doch zum Pastor Buschmann um Hülfe und Beirat schicken ! « - Hätte Herr Dietrich Häußler Edler von Haußenbleib geahnt , in welche Verwirrung er das Haus derer von Lauen durch sein Erscheinen nördlich am Harz stürze , so würde er sich in seinem schlechten Gemüte sicher trefflich darüber ergötzt haben . Wer sagt uns aber , daß er es nicht wußte ? Es entstand in dem obern Stockwerk des alten Rittersitzes eine große Bewegung . Unten im Hause vernahm man den Chevalier , das Fräulein von Saint-Trouin und Jane Warwolf auf der Treppe . Sie stiegen in aller Hast hinunter und redeten wirr durcheinander . Einundzwanzigstes Kapitel Der seltsame Nebel , der , so weit sein Reich ging , jedermann betäubte oder aufregte , hatte auch an Tonie Häußler seine Macht nicht verloren . Sie bekam kein Kopfweh wie Fräulein Adelaide , aber sie fühlte sich unruhig , beängstigt und verspürte eine rechte Lust zum Weinen , ohne zu wissen weshalb und ohne ihr nachzugeben . Im Gegenteil , sie nannte sich selber ein dummes Närrchen , warf all die lustigen und traurigen Melodien , die ihr in den Sinn kamen , in einen Reihen oder Leich zusammen und trug im Tanzschritt ihre Laterne über den Hof zur Mamsell Molkemeyer , um ihr ihre Hülfe anzubieten . Doch die Mamsell war sehr ungnädig und sagte : » Kind , tu , was du willst , nur geh mir aus dem Wege ! Gebrauchen kann ich dich jetzt nicht . « Dasselbe hatte bereits die gnädige Frau gesagt und hinzugefügt : » Tonie , du siehst müde und matt aus ; geh zu den Alten oder suche dir sonst einen stillen Winkel aus ; für heute sollst du Ruhe haben . « Aber heute einen stillen Winkel auf dem Lauenhofe zu finden , das war eine Kunst ; in den beiden einzigen , welche es an diesem Abend gab , hatten sich die beiden » Alten « bereits verriegelt , und selbst den Chevalier hätte Tonie an diesem Abend nur ungern in seiner Ruhe gestört . Da trug sie denn ihr Laternchen aus dem Bezirk der Mamsell Molkemeyer weiter und trug es in den nächtigen Garten . » Es ist das beste , ich hole mir noch einen Strauß « , sagte sie ; » einen Strauß für den Tisch ; sie haben doch alle ihre Freude dran , und es ist so bald vorbei damit . Sie waren alle heute so vergnügt und ich auch ; ich habe mit ihnen gelacht und gesungen , aber so recht gefreut habe ich mich doch nicht . Nun liegen die Felder wieder leer hinter uns , ich sah hoch vom Wagen durch den häßlichen Dunst , weiter als sie alle ; es war alles leer , und deshalb war ich traurig selbst unter der Erntekrone . Ja , ich hole mir und ihnen noch einen Strauß von lebendigen Blumen ; wenn auch nur der Ritter darauf achtet , so ist ' s gut und genug . « Sie nahm ihr Lämpchen auf und gelangte durch eine Seitenpforte in den Garten , und hier unter den alten hohen Bäumen war es finsterer als sonstwo . Tonie Häußler ließ schnell die hohen rauschenden Wipfel hinter sich und warf im Vorübereilen nur einen scheuen Blick an den Stämmen empor , wie der Schein ihrer Laterne an ihnen vorbeiglitt und an ihnen in die Höhe lief . Sie hätte unter ihren Blumen selbst ohne ihr Laternchen Bescheid gewußt ; schon hatte sie zierlich ihre Kleider zusammengefaßt und schlüpfte zwischen den feuchten Buchsbaumeinfassungen der Beete hin . Nun kauerte sie unter ihren Lieblingen , stellte ihr Licht mitten in einen vollen Asternbusch und sagte lächelnd : » Das ist meine Ernte . « Sie pflückte zur Rechten und Linken und im Kreise umher und hielt jede Blume in den Lampenschein , ehe sie dieselbe den Schwestern in der linken Hand hinzufügte . Sie neigte das hübsche Haupt zur Rechten und zur Linken und summte leise ihre Melodien fort ; doch der fröhlichen wurden leider immer weniger , und die melancholischen gewannen bald ganz und gar die Oberhand . Jetzt betrachtete die Sängerin ihren Strauß , und dann trug sie ihre Laterne zu einem anderen Beet , kauerte von neuem nieder , aber sang nicht weiter . Ganz ängstlich blickte sie nun über die Schultern und sagte leise lachend : » Man sollte meinen , ich wolle mir selber Mut machen mit dem Singsang ! Ei Tonie , fängst du an , dich vor der Nacht und dem Höhenrauch zu fürchten ? Das wäre noch besser , und nun hältst du dir selbst zum Trotz den Mund und kümmerst dich um nichts . « Das war leicht gesagt , aber schwer getan , denn der Strauß war noch lange nicht fertig , und an Stelle der Liedersätze kamen die Gedanken , und leider Gottes kamen sie gleich von Anfang an trüb und auf schwermütigen Fittichen . » Ein Vogel sollte doch noch wach geblieben sein um mich , das wäre freundlich gewesen « , meinte Tonie , aber sie meinte auch : » Freilich , das ist keine Stunde und keine Witterung für sie , und dann - wie viele sind schon fortgezogen ! Ich will mich gleichfalls beeilen , daß ich wieder zu meinesgleichen komme ; selbst die buntesten Astern fangen an , mir Gesichter zu ziehen , und ich traue ihren Farben nicht . Ach Gott , ist das nicht , als ob meine Blumen aus dem Gespensterreich aufwüchsen ? So , da und da und nun noch die dort aus der Mitte - komm , Liebchen , ich bringe dich zu Freunden ! Jetzt bin ich fertig , und das ist gut , und nun wollt ich , ich hätte die große Kastanienallee schon hinter mir und könnte mein Lämpchen in Sicherheit ausblasen . « Sie erhob sich , ordnete ihren Strauß ein wenig handgerechter und sprach ruhig-nachdenklich : » Wer eben freien Eintritt in meine Seele erhalten hätte , der würde allen Hausrat in arger Verwirrung drin gefunden haben und müßte einen herrlichen Begriff von mir mit fortnehmen ! O Tonie Häußler , schäme dich und stifte mir hier auf der Stelle Ordnung ! « Sie ging noch nicht . Sie stand still und ließ auch die Laterne am Boden . » Wie schnell heute der Rauch herankam ! Sie hatten mich eben auf den Wagen unter die Krone gesetzt , und eben schien noch die Sonne über die Stoppelfelder , da rollte er heran und fraß alles - Farben , Licht und Stimmen ! ... Wie habe ich mich heute wieder über den Pastorenfranz geärgert ! Ja , ohne den wäre ich ganz glücklich auf dem Lauenhofe , aber es soll niemand ganz glücklich sein . Ohne den Buschmann wäre ich gewiß zu glücklich und vergäße sicherlich alles , was ich doch stets im Gedächtnis behalten muß ; er sagt mir jeden Tag , woher ich komme , und das ist sehr gut . « Jetzt ordnete sie ein wenig an ihrem Blumenstrauß . » Ei , ei , ich glaube , ich bekomme Nerven wie das gute Fräulein ; aber es ist nur der dumme Nebel daran schuld . Der Franz Buschmann ist nicht schuld daran ; da hilft mir der Chevalier , jaja , der Herr Ritter ! « Und mit den hellen Tränen in den Augen fing sie von neuem an , leise zu summen , und zwar : En partant , reçois le seul gage Que je possède encore ici , Ce bouquet de rose sauvage , De violette et de souci . Das war närrischerweise aus dem schönen Liede , welches schon in früheren Jahren Adelaide von Saint-Trouin so gern sang , und paßte weder zu den Spätsommerblumen in der Hand der Sängerin noch sonst in den jetzigen Augenblick ; aber : L ' églantine est la fleur que j ' aime , La violette est ma couleur , Dans le souci tu vois l ' emblème Des chagrins de mon triste coeur . » Und jetzt bring ich meine Ernte , meinen Strauß meinen eigenen Anverwandten , und der Herr Ritter wird mich darum nicht weniger liebhaben ! « schluchzte Tonie Häußler . Hastig ergriff sie die kleine Laterne , faßte ihren Strauß fester und drückte ihn gegen den Busen . Im Lauf durchmaß sie die gewundenen , jetzt so dunkeln Kieswege des Gartens , gelangte von jener Terrasse mit dem chinesischen Pavillon auf die Landstraße und eilte dem Kirchhofe dicht neben dem Siechenhause von Krodebeck zu . Sie , welche eben so scheu und ängstlich in die sie umgebenden Schatten sah , welche sich vor dem Rauschen der Bäume fürchtete , sie fürchtete sich nicht mehr zwischen den Gräbern ihrer Anverwandten . Sie wand sich zwischen den Hügeln , Kreuzen und tauigen Sträuchern durch bis zu den beiden Gräbern im Winkel , die ihr gehörten . Da stand sie und teilte ihren Blumenstrauß und gab der Mutter ein Teil und der Pflegemutter das andere . » Beinahe hätte ich euch vergessen « , flüsterte sie , » aber ihr wißt doch , ich kann euch nicht vergessen , und es wird immer zwischen uns im Rechten bleiben . « Sie hob die Laterne und ließ ihren Schein zur Rechten und Linken über beide Hügel fallen . Der Nebel schien immer dichter zu werden , und der Emeritus im Siechenhause , der von seiner einsamen Zuchthauszelle her immer noch eine fiebernde Ruhelosigkeit in Gliedern und Knochen verspürte und auf keinem Platz mehr stillsitzen konnte , kam eben an sein Hinterfenster und verwunderte sich sehr über das rote schwankende Licht auf dem Kirchhofe zu so ungewöhnlicher Stunde . Zuerst erschrak er sogar , doch ein alter Sünder faßt sich kurz und schnell , und so sah er im nächsten Augenblick ganz scharf und genau auf das Phänomen und rief : » Sackerment , das ist ja die junge Mamsell vom Hofe . Hehe , da muß ich der Krabbe doch meine Gratulation anbringen und ihr die Hohnörs vom Ort und der Gelegenheit machen . Verdammt , die Haare möchte sich ein ehrlicher Mensch ausraufen , wenn er nur von weitem an den Glückspilz , an den Dietrich denkt - Sackerment ! « Er nahm die schwarze kurze Tonpfeife aus dem Mund , drückte die Asche mit dem Daumen hinab und tappte vorsichtig aus seiner Höhle hervor . Leise schlich er um die Ecke , und plötzlich fuhr Antonie Häußler mit einem Schrei unter der Berührung seines Zeigefingers zusammen und fuhr zitternd herum und sah das alte , grimmig grinsende Gesicht gerade vor sich : » Schönsten guten Abend , Tonie , Mamsell Tonie , Fräulein Tonie Häußler ! « » Was wollt Ihr - was - was wollen Sie von mir ? Das ist unrecht ! O wie haben Sie mich erschreckt ! « » Nun , nun « , sagte der Emeritus begütigend , » es war nicht schlimm gemeint . Unsereiner nimmt doch auch immer noch teil an dem Vergnügen der Menschheit und hat sein Pläsier dran , wenn seinem Nebenmenschen ein guter Bissen auf den Teller fällt . Na , Fräulein Tonie , Fräulein Häußler , vergessen Sie den Alten im Siechenhause nicht , wenn der Herr Großvater angekommen ist . Wissen Sie , aus alter Bekanntschaft - er wird sich wohl selber erinnern ; aber es ist einerlei , ich wünsche viel Glück und gönne ihm sein Glück , und ich wollte nur sagen , daß es mir eine große Ehre wäre , wenn er sich meiner auch erinnerte und vielleicht aus seinem guten Herzen eine Gabe in das Hotel Schubbejack schickte . « » Ich weiß nichts - ich verstehe nicht - ich bin so sehr erschrocken . Jetzt will ich heim - geht fort , laßt mich frei , ich bitte Euch herzlich ! Man wird mich daheim vielleicht schon vermissen ! « » Halt ! « rief der Emeritus , » halt ! Fräulein Tonie , wissen Sie wirklich nicht , was für ein unmenschliches Glück und unverdiente Herrlichkeit für Sie unterwegs ist ? « Das junge Mädchen schüttelte immer ängstlicher den Kopf . » Ei , so soll mich der Teufel holen , wenn ich mir nicht auch von Ihnen ein Trinkgeld , und zwar ein anständiges , verdiene , gnädiges Fräulein . Also hat die Bagage Ihnen noch nichts verkündigt ? Schön , so horchen Sie gefälligst ; ich habe vorhin auch gehorcht und Wunderdinge erfahren ; aber so sind die Leute : alles Gute behalten sie so lange als möglich für sich selber und lassen nichts heraus , wenn man ihnen nicht mit dem Brecheisen oder dem Dietrich kommt . Ja , der Dietrich , der Dietrich - ach , gnädigstes Fräulein Tonie , wenn ein Mensch gewußt hat , was in dem Dietrich steckte , so bin ich der Mensch gewesen , und jetzt kommen Sie her und lassen sich erzählen und denken nachher dankbar und erkenntlich an den armen alten Mann im Siechenhause , von dem kein Mensch was wissen will und der es doch so gut mit der Menschheit meinte . « In seiner Weise , das heißt mit seinen Redensarten und Ausschmückungen , flüsterte der Emeritus dem jungen Mädchen alles das zu , was er vorhin bruchstückweise von der Unterhaltung Hennigs und Janes erlauscht hatte , und so erfuhr Antonie Häußler über den Gräbern der Mutter und Pflegemutter , im Schatten der zerbröckelnden Mauer des Armenhauses von Krodebeck das große Glück , welches ihr bevorstand und um welches so große und betrübte Aufregung bei allen Freunden auf dem Lauenhofe herrschte . Was der gute Ritter von Glaubigern ihr in der zartesten Weise sagen sollte , das sagte ihr jetzt das brutale Schicksal mit rohem Lachen , heimtückisch-neidisch , frech und erbarmungslos - o weshalb brauchte der Chevalier so lange Zeit , sich zu besinnen ? Weshalb mußte Fräulein Adelaide von Saint-Trouin auch heute um ihre Meinung gefragt werden ? Müssen die braven Leute überall und immer zu spät kommen , um sich mit denen , die zu ihnen gehören , zu verständigen , ehe die gleichgültige , schadenfrohe oder eigennützige Welt sich vordrängt und jede Verständigung , jeden Trost und jeden Ausgleich so häufig unmöglich macht ? ! Lautlos hörte Antonie Häußler den Emeritus an . Sie lehnte an dem hölzernen Gitter , welches eines der Gräber des Dorfes umschloß , ihre Hand lag auf einem der Eckpfosten , und diese Hand umklammerte immer fester ihre Stütze . Sie schloß die Augen und öffnete sie wieder , sah vor sich im roten Schein und Nebel das alte böse Gesicht schwankend , undeutlich und doch peinlich klar wie alles umher , wie das Laternchen auf dem Hügel der Mutter , wie die zerstreuten Blumen , wie das hohe Gras zu ihren Füßen , die schwarzen Bäume und Büsche und die schwärzere Nacht , die von allen Seiten grimmig herandrängte . In diesem Augenblick wurde vom Lauenhof her ihr Name gerufen , da entfloh sie mit einem leisen Schrei ; sie lief in die Dunkelheit hinein , gänzlich unfähig , über ihren Weg und Willen Rechenschaft zu geben . Es war Hennig , welcher dem guten Kameraden rief . Die Herrschaften auf dem Hofe waren nach heftigem Durcheinander der Meinungen zu der Ansicht gekommen , daß es leider unbedingt nötig sei , das Kind von der Sachlage in Kenntnis zu setzen , und man suchte nach dem Kinde . Während die anderen hin und her fragten , ging der Chevalier , fort und fort unverständliche Sätze murmelnd , auf und ab . Man verfolgte die Spur der Tonie von der Mamsell Molkemeyer in den Garten und erfuhr , daß sie mit ihrem Strauß und ihrer Laterne auf der Landstraße gesehen worden war . Jane Warwolf ahnte , wohin sie gegangen sein könne , und folgte ihr mit Hennig . Sie riefen beide und horchten und warteten auf Antwort ; aber der Emeritus saß kichernd und glucksend , seinen schwarzen Pfeifenstummel im Munde , wieder in seinem Winkel und ließ sie rufen , ohne sich zu rühren . Als jedoch Hennig an sein Fenster klopfte , öffnete er es sehr vergnügt und antwortete auf die Frage , ob er nicht das Fräulein Tonie auf dem Kirchhofe gesehen habe : » Freilich habe ich sie gesehen und ihr mit Höflichkeit die Hohnörs gemacht , wie es sich schickte . Hab mich auch recht schön und bescheiden im voraus bei dem Herrn Großvater in gütige Erinnerung empfohlen . Sie brauchen sich weiter keine Molesten zu machen , Herr von Lauen ; ich hab dem Fräulein alles erzählt - alles der Reihe nach , wie ich es vorhin von meinem Jammerwinkel her von Ihnen und der gnädigen Frau von Warwolf hier in Erfahrung gebracht habe . Das Fräulein waren sehr interessiert und dankbar , aber auch ,