» Und dann ? « » Auf , fort ! « Der Krämer dachte nicht mehr an den Zins , welchen er sich im Walde der armen Witwe hatte suchen wollen , wie viele Tannen da auch über ihn in das tiefe Blau des wolkenlosen Himmels hineinragten . Hier hörte er nichts mehr vom Schellengeläute der Kühe , die drunten an der Halde weideten . Aber auch das Brummen der von einem leisen Lüftchen geschüttelten Wipfel erschreckte ihn . Zwischen diesen jahrhundertealten Stämmen kam er sich recht klein vor . Auch hier war Friede . Es wurde ihm unheimlich im grünen Halbdunkel . Lange suchte er nach einer offenen Stelle , wo die Sonne hereinschien , um sich abermals zu setzen . Dumpf und unsicher hörte er einige Axthiebe fallen . » Ich möchte kein Holzhacker sein - und doch wollt ' ich , daß ich einer sein könnte « , sagte er , mit seinem Stock an den Stamm einer Tanne schlagend , daß er selbst über das Geräusch und den eigentümlichen Nachhall weit im Walde erschrak . Als Knabe war er so gern im stillen Wald , und dieser Nachhall machte ihm Spaß . Wie wohl ward ihm damals , wenn er etwas tat , selbst , eigenhändig auf der Welt etwas anders machte , als es war . Und jetzt , in der kurzen Zeit seit damals schon so starr , so - nein ! Er war doch noch nicht gar so alt , war noch ziemlich rüstig , konnte doch auch noch etwas tun , um sich aus dem Gedankenspinngewebe zu reißen , wenn er sich recht ermannte . Früher schlug er nur so drein , daß es Fetzen hagelte ringsum , wenn ihm etwas überzwerch in den Kopf kam . » Wollen doch sehen , was er noch kann ! « rief er aufspringend , grub mit der Hand einen Stein von ziemlicher Größe los , und bald stürzte derselbe funkensprühend im Halbdunkel über den felsigen Abhang in die Tiefe . » Halt , Freund ! « rief eine Stimme , über welche der Krämer fast zum Sterben erschrak . Zwischen zwei jungen Tannbüscheln erschien eine Gestalt , eine große männliche - der Hansjörg in seinen besseren Bauernkleidern . Noch vor zwei Stunden war der Krämer gewillt , diesen Menschen so schnell als möglich aufzusuchen und ein vertrautes Wort , ein wichtiges , mit ihm zu reden . Jetzt aber wollte er ja gar nichts als hier sein und allein . » Was willst denn du da ? « fragte er etwas rauh . Hansjörg kletterte am Felsenkopf herauf wie eine Waldkatze , ohne darauf zu achten , daß er ' s nur wenige Schritte weiter rechts oder links viel bequemer gehabt hätte . Erst als er hart neben dem Krämer stand , antwortete er : » Was ich wolle ? Nun , wenigstens nicht ruhig warten , bis mir ein Stein an den Verstandskasten springt und zu den sieben Löchern , durch die schon zu viel heraus und hinein kommt , noch das achte schlägt . Stein und Bein paßt denn doch wohl nicht überall so gut aufeinander als in den hochweisen Reden der alten Stigerin . « » Was tust du denn da unten ? « » Jetzt natürlich nichts mehr . « » Du bist also fertig ? « » Das ließe sich mit einem einzigen Worte beantworten , nicht wahr ? « » Kommst wohl wieder aus dem Bayrischen ? « » Ursprünglich von daheim wie die Kinder . « » Aber heut ? « » So nach und nach « , antwortete Hansjörg lachend , » könnte man noch von viel Dümmeren manches erfahren . Gewiß hast du aber nichts bei dir , daß man etwa von Gemeinde wegen antworten muß . « Das war aber dem Krämer denn doch selbst in seiner heutigen Stimmung zuviel . » Wenn du einmal dem Gemeindediener in die Hände kommst , wirst du es schon merken . Es gibt aber noch ganz andere Kerle mit Haar auf den Zähnen , die dich in unliebsamer Weise zum Reden zwingen könnten . « » Dann « , spottete Hansjörg , » müssen ' s freilich andere sein als der , welcher hier ist . « » Weißt du , Bürschchen , daß gestern und heut ein Grenzjäger bei der Kronenwirtin ist ? « » Das heißt bei ihrer Bierpfanne . Solang er dort ist , ist er nicht hier . « » Nur ein Wort von mir zu diesem , und - « » Und eins von der Wirtin sind zwei . « » Eins ist genug . « » Dann will es der Grenzjäger - ich kenn ' ihn ganz gut - gewiß lieber von der Wirtin , wenn sie auch schon ein bißchen alt ist . « » Nur deinetwegen « , rief der Krämer , » wird er den Eid nicht brechen wollen . Ich gelte etwas beim Amt . Noch nie hat es gegen mich gesprochen , und wenn ich will , kann ich ihn noch heut zu einer Hausdurchsuchung treiben . « » Der würde Augen machen drüben am Argenstein und suchen . « » Die Sach ' ist nicht halb so spaßig . Mein Töchtermann , der Andreas , will deinen schlechten Kram nicht mehr länger unter seinem Dach . « Hansjörg wechselte die Farbe , doch schon einen Augenblick später sagte er gefaßt : » Das ist mehr als ein Wort , und zudem nicht von dir . « Der Krämer biß sich auf die Lippen . Er hatte schon zuviel gesagt , denn wenn er den Burschen nun nicht gleich fing , so konnte er ihm wieder ganz entrinnen . Da mußten schon andere Saiten aufgezogen werden . » Andreas « , sagte er gemütlich , » ist eigentlich ein guter Löffel und tut fast immer , was ich will . « » Und du « , lachte der Bursche , » mußt einstweilen , was ich will , dann hab ' ich also dich und den Andreas , zwei Fliegen mit einem Schlag , oder ist eins noch gar ein Hummel ? « Der Krämer sah den Soldaten erstaunt , erschrocken , fragend an . Er sah dessen Auge wild aufblitzen , als er nach kurzem Schweigen , welches dem verlegenen Mann wohl Zeit zu einer Frage lassen sollte , erklärend fortfuhr : » Wer kann , der tut , was sein Vorteil ist , und macht nicht viel Federlesens , hast du einmal gesagt . Nun gut , heut ' bin ich der Stärkere . Krämer , ich kann ! - « » So « , sagte der Erbleichende mit vor ohnmächtiger Wut bebender Stimme , » du schleichst also in Wäldern und Tobeln umher , eins dann plötzlich wie ein Straßenräuber zu überfallen ! « Hansjörg stellte sich hart vor den Krämer , der an allen Gliedern bebte . Stolz und wunderbar groß stand der Bursche da . Seine Wangen glühten , seine Augen blitzten , sein glühender Atem traf die mit kaltem Schweiß belegte Stirn , und seine kräftigen Hände erfaßten die Schultern des in sich Zusammensinkenden , während er mit donnernder Stimme rief : » Du elender Wicht ! Schau , ich möchte dich zerreißen , und ich wär ' s imstand . Vernichten könnt ' ich dich , zertreten , daß man nichts mehr säh ' als einen unsauberen Platz , wo gewiß nie mehr Gras wachsen , nie mehr ein noch so müde gehetztes Tierlein ruhen tat . Du bist mir aber zu erbärmlich . Ich will nicht dein Richter sein , denn es gibt einen , der noch viel mehr weiß . Nur zeigen will ich dir , wie elend du bist , wenn du einmal aus deiner zusammengeschacherten Herrlichkeit herauskommst in gesunde Luft . Dir spricht nichts für als dein Alter , und das ist nicht ehrwürdig . Aber fürchten mußt du dich nicht vor mir . Hier unter heiterem Himmel übergeb ' ich dich dem Strafgericht des furchtbaren dreieinigen Gottes ! Es gab wohl Tage , Wochen , Jahre , wo ich uns so zusammen daher wünschte mit verflucht heißem Wunsch , brünstiger , als ich jemals ein Gebet zum Himmel schickte . Auf ganz andere Weis ' noch hätt ' ich dir den Meister zeigen wollen . Jetzt aber ist ' s mir genug so , und ich mag das Kreidemännchen nicht wegwischen . Seine Kraft steckt ja doch nur im Schimmel , der sich daheim um seine Taler legt . « Dem Krämer war es , als ob der Boden unter ihm wanke . Vernichtet sank er zusammen . Hätte er die Kraft seines Gegners gehabt , es wäre ein furchtbarer Kampf entstanden und hätte wenigstens einen von ihnen nicht mehr lebendig vom Platze gelassen . Begann es doch jetzt zuweilen in seinen Armen zu zucken und zog ihn fast mit Gewalt vom Boden auf , aber , jedesmal noch schwächer , sank er zwischen die halbverdorrten Waldgrashalme zurück . Wohl sah ihn niemand als Hansjörg , aber ihm war , ob der Wald , ob jeder Stamm , jeder Grashalm Augen und Ohren bekommen hätte . Die welken Blätter schienen sich kichernd etwas zuzuflüstern , die ernsten Tannen schüttelten brummend die bebarteten Äste , und die Vögel ob den Wipfeln erzählten sich etwas und flogen wieder weg . Oh , wenn auch er hätte fliegen können bis - ja , wo hätte er denn gleich etwas gegen den Menschen tun und sich beruhigen können ? Jetzt empfand es der Krämer so schmerzlich wie noch nie , daß seine Kraft wirklich nur in seinen Talern liege . Es war ihm das kein neuer Gedanke , aber sonst hatte er ihn stark , tätig gemacht , heute schien er ihn vernichten zu wollen . » Ich bin sonst ein guter Kerl « , begann Hansjörg nach langem Schweigen beinahe mitleidig . » Nur dein böses Gewissen hat dich niedergedonnert . Ich wäre ganz ruhig da drunten geblieben , bis die Nacht mich und meinen letzten verbotenen Pack bedeckt hätte . « » Den letzten ? « fragte der Krämer lauernd . » Ich will ein ordentlicher Mensch werden . « » Du gehst auf den Stighof . Ist das klug ? « » Nein , zum Bauernknecht paß ich wohl trotz der Kraft nicht . « » Das glaub ' ich auch « , sagte der Krämer , dem allmählich wieder etwas leichter wurde . » Aber « , sagte Hansjörg , » wohin wär ' ich besser ? Und hineinleben kann man sich in alles . Hab ' ich mich doch sogar ans Kasernenleben gewöhnen können , so daß mir selten etwas den gottgesegneten Appetit verdarb . Der schlimmste Tag war der , wo ich dir von Zusels Briefen schrieb . Ich hatte ein Viertelhundert Prügel überkommen , weil ich einem erstickten Studenten , dem sein Vater dann eine hohe Stelle kaufte , nicht viel mehr Buckerle machte , als er verdiente . Herrgott , und daheim saßen sie behaglich und verhandelten Menschen und Waren ! Die Zusel schrieb auch seit Monaten nicht mehr . Alles schien aus , und ich saß ohne Geld im Arrest und hatte keine Aussicht mehr auf die schon täglich erwartete Beförderung . Da schrieb ich in der Wut an dich wie ein dummer Junge , der abgetragener Butter auch das Brot nachwirft . Dein Geld hat mich gar nicht gefreut . Einige Freunde haben ' s vertrunken an einem Tag . Ich hab ' nicht einmal helfen mögen und habe geweint die hellen Tropfen . Mir war ' s , als ob ich lachende Erben das Liebste meines liebsten Freundes verzechen sähe . « Wider Willen mußte der Krämer sich das Bild , das Hansjörg da brachte , recht lebhaft ausmalen . Ja , lachende Erben - das machte den Schluß . Aber Susanne war dazu zu weichherzig . Jetzt wurde sein Trost , was ihm sonst immer im Wege war . Ja , die Zusel war ein gutes Kind . An die wollte , mußte er sich halten , die noch glücklich machen . Es ging leicht , wenn sie nur diesen Burschen aus dem Sinn schlagen konnte . Das aber schien ihm nie schwerer als jetzt , wo er ihn , wenn auch zähneknirschend , achten mußte . Den Kopf auf den im Moose ruhenden Arm gestützt , saß der Krämer sinnend , heimlich Rache brütend , neben dem Burschen , der sich nach der Aufregung immer mehr in liebe Erinnerungen verlor . » Ach Gott « , rief er aus , » wie hab ' ich ' s dumm und schlecht gemacht , daß mich das gute Mädchen mein Lebtag drum ansehen muß , wenn es auch sein Herz nicht mehr so schwer traf , wenn auch die Lieb ' vergangen war neben dir wie die Blumen unter Schnee ! Schuld bist nur du , alter Sünder , daß ich so tief , tief herabkam . « Jetzt hatte der Krämer einen Ableiter gefunden . Trotzig richtete er sich auf und sagte : » Wer das Herz hat zu solchem Streich , soll nur sich selbst bei der Nase nehmen . Wurde von mir ein liebendes Herz verraten für so niederen Preis ? « Der Krämer hatte wirklich das Gefühl , für seine Zusel einzustehen . Das gab ihm wieder Mut und machte ihn hart und fest , wieder ganz zum alten . Seine Klugheit hatte des Burschen Schwäche heraus und suchte gleich etwas damit zu machen . Nur einen Handel , bei dem er selbst mehr wagte als sein Gegner . » Zu geschehenen Dingen « , meinte er , » muß man das Beste reden ; wichtiger für uns drei - ich meine Zusel auch - ist die Zukunft . « » Die hast du mir zerstört . « » Es ist grell in dein Leben eingegriffen worden , aber nur für Stighansen . Das weiß der und wird noch etwas gutmachen wollen . Meinen tut er es wohl gut , aber mir kommt ' s vor , ob da einer dem anderen die Handschuhe leihen tat zu Strümpfen . Ich möchte dir besser helfen , da ich auch etwas gutzumachen habe . « Mit diesen Worten leitete der Krämer ein langes und breites über die Eigenheiten der geld- und namensstolzen Stigerin ein , neben der ein tüchtiger Bursche kaum auszuhalten vermöchte , wenn er noch viel mehr eine Knechtsnatur hätte , als das an Hansjörg zu bemerken sei . Der Krämer wurde um so eifriger , weil er nicht bloß den anderen , sondern auch sich selbst überzeugen wollte , daß er es nur gut meine . » Arbeite du wieder für mich - für uns « , schloß er eine lange Abhandlung , » und du sollst nicht mehr an der Klage sein . « » Nein « , antwortete Hansjörg entschieden , » lieber mich noch einmal verkaufen lassen und für immer . Im Stüble neben dem Laden - das hab ' ich verschworen - soll mich kein Mensch wieder sehen , wenn ich so alt werde wie die Sünde . « » Ist mir lieb zu hören « , lächelte der Krämer . » Kein Mensch weiß , was es wieder gäb ' , wenn du und das Blitzmädel unter einem Dache lebten . « Die Wangen des Burschen röteten sich . Er sah Zusels Vater erstaunt an und fragte mit unsicherer Stimme : » Was soll ich machen ? « » Daheim für mich arbeiten . « » Um ein hübsches Vermögen tat ich nicht mehr immer sitzen . « » Nicht nötig ; du sollst genug Bewegung haben . « » Was hättest du denn im Kopf ? « » Bleib , was du bist , ein Schwärzer , und mach ' mit mir gemeine Sache « , sagte der Krämer . » In meinem Laden kommt alles am besten fort . Auch brauchst du dann mich so wenig zu fürchten , als unsereiner das Amt zu fürchten hat . Du bist sicher , an Betriebskapital und Lohn soll ' s nicht fehlen , und du mußt nichts als das klug gewählte Warenlager teilen mit einem , der dir ein mächtiger Freund werden kann . Daß dann die bisherige Feindschaft ein End ' hat , ist auch noch etwas wert . « » Knecht « , stotterte Hansjörg nach einer Weile , » wär ' ich freilich nicht gern , und wir könnten immer wieder aufhören - « » Allerdings , wir binden uns gegenseitig und machen uns gegenseitig frei . Du müßtest nicht einmal nur mir als Schwärzer dienen ; doch als Soldat und sonst wird es gut sein , wenn wir jedes Aufsehen vermeiden . Es wär ' sogar gut , wenn du zum Schein ein wenig mit der Nadel arbeiten tätest . Zu verdienen brauchst du nicht viel . « » Und wenn man mich fängt ? « » Ich werde dir helfen auf jede Art , wenn du mich nicht angibst . Aber laß immer die Ware lieber fangen als dich . Ich weiß , daß Zusel viel lieber einmal die paar Taler weniger erben will . « Dieser Schluß wirkte mehr als alles andere . Bald waren sie handelseins und reichten sich die Hände . » Morgen kannst du etwas Geld haben « , rief der Krämer schon im Gehen . Jetzt war er in der besten Stimmung . Die Todesgedanken kamen nicht mehr ; trotzdem aber suchte er einen Alpweg , der über die Fluh hinaus und neben dem Liggstein gerade zur Kirche hinunterführte , um den gefährlichen Weg unter dem Felsen neben der Ach zu vermeiden . Vorzuwerfen übrigens hatte er sich nichts mehr . Hintergedanken hatte Hansjörg so gut als er , und mancher wohl wäre nicht imstande gewesen , so einem Grobian auch nur zum Scheine die Hand zu geben . Das war also überstanden , und in Zukunft wollte er denn doch etwas gewissenhafter vorgehen , besonders wenn einmal Zusel Stigbäuerin war . Hansjörg kletterte mit tausend neuen Plänen und Hoffnungen zu seiner Ware , um da das Dunkel der Nacht zu erwarten . Am Tage darauf , es war ein Sonntag , predigte der Kaplan von den Pflichten der Arbeitgeber und Dienstboten , besonders von jungen Mädchen , die einer teuflischen , unvernünftigen Berechnung ihre Ehre und Tugend opferten . Der Prediger wollte nichts Verächtlicheres kennen , als wenn so ein magerer , blonder , blauäugiger Brocken so einer fetten Maus in die Falle gelegt werde . Nach dem beinahe endlosen Vortrage sagte der Krämer ziemlich laut : » Man hätte Dorotheens schmutzige Wäsche doch nicht so auf die Kanzel bringen sollen . « Diese zarte Andeutung wäre nicht mehr nötig gewesen , da ohnehin schon fast alles nur an die Magd auf dem Stighofe dachte . Sechzehntes Kapitel Das Echo der Predigt auf dem Stighof Wie es Büchlein gibt , über die wieder viele und großmächtige Bände geschrieben werden , so gibt es im Bregenzerwalde Predigten , über die und denen nach gleich wieder in allen Ecken gepredigt wird , wenn sie auch nicht halb so lang und » kräftig « sind wie die , welche der Kaplan diesmal gehalten hatte . Wie eine Lawine fuhr sie durchs Dorf . Einige meinten , man hätte auch von dem und diesem reden können , und fingen dann andere durchzuhecheln an . Eins war man nur noch darüber , daß es mit Dorotheen ein wahres Elend sein müsse . Auf den Stighof brachte der Kanzelvortrag kaum größere Aufregung als in andere Häuser , wo Eltern ihren Kindern zusprachen , sich das zum Spiegel zu nehmen . Aber zwei oder beinahe drei kleine Predigten wurden aus der großen doch auch gemacht . Eine war für Hansen ganz allein , und es wurde daher von der Stigerin , bevor sie begann , die Stubentüre sorgfältig verriegelt . » Heut unter dem Gottesdienst « , sagte sie , jedes Wort scharf betonend , » ist ' s mir geworden , als ob nun Sterben für mich das nächste und wohl auch bei weitem das allerbeste sei . « » Ich hab ' s ja gesagt , du solltest lieber in Gottes Namen daheim bleiben und eine gute Meinung machen « , sagte Hans und fuhr dann , als die Mutter den Kopf schüttelte , wehmütig fort : » Du bist nun einmal nicht mehr für die grelle Herbstluft genatürt und solltest dich um Gottes willen mehr schonen . « » Schonen ! « wiederholte die Stigerin bitter . » Schone nur du mich , wenn ich wieder eine frohe Stund ' haben soll . Aber ja , du hast mich schonen wollen ! Ich sollte nicht merken , was schon die ganze Gemeinde gemerkt hat , und das macht mir so Kummer und liegt wie ein Berg auf dem Herzen . Wenn ich einmal auf Dorotheen zu reden kam und auf das , was mir schon seit einigen Wochen fast jedes Lüftlein zuwehte , ja , da tatest du , ob du nicht fünfe zählen könntest . Ich hab ' dich zu dumm gehalten zur Verstellung und zu gut und blieb ruhig , bis ich mich nun von jeder Obst-und Besenhändlerin für die Überlistete , die blinde Affenmutter ansehen lassen muß . « » Und warum denn das ? « fragte Hans , der noch immer nicht recht wußte , wovon denn eigentlich die Rede sei . » Wegen der Dorothee , Mathisles Dorothee , unserer Magd , wenn du sie kennst . « Hans erschrak , aber nicht weil er nun an die zum größten Teil verschlafene Predigt dachte , sondern weil er glaubte , daß es sich um das Verhältnis des Knechtes mit der Magd handeln werde . Die Mutter war ein wenig stolz und hielt viel auf die Ehre ihrer Verwandtschaft , besonders aber ihres Hauses . Es konnte ihr wohl nicht gleichgültig sein , wenn das Mädchen offenbar dem Knechte vor ihm den Vorzug gab . Die Stigerin hatte natürlich für seine Verlegenheit eine andere Auslegung , und unwillig fuhr sie ihn an : » Jetzt stehst du da wie das Schaf am Hag , und alle Verstellung ist aus . Ach Gott , wie einfältig und dabei doch so schlecht ! « » Mit wem bist du heut aus der Kirche ? « » Geht dich nichts an ; was ich weiß , hätt ' ich von jedem hören können . « Hans wußte nicht , was er denken sollte von » jedem « und vom Kopfschmerz , über den die Mutter in den letzten Tagen immer geklagt hatte . » Wir wollen lieber von anderem reden « , sagte er . » Derlei Geschwätz macht mir und dir wohl mehr Kopfweh , als es eigentlich wert ist . Ich hab ' selbst genug zu verwinden , wenn man mir auch nicht noch schwer macht , und ich glaube , daß das ganz nur meine Sache , daher auch nur meine Sorge sei . « » Das glaub ' ich aber nicht ! « erwiderte die Mutter heftig . » Wie hab ' ich mir es doch sauer gemacht alle Tage , hab ' sogar die größten Löcher in meine Nächte hineingebrannt , um nur den Hof und das Anwesen gehörig im Stande zu erhalten , bis du gewachsen sein würdest . Und nun steht der Lümmel lang und breit da wie ein Klosterkoch , und sogar sein Schweigen bestätigt , was ich Närrin sonst nie habe glauben wollen , nämlich den Spruch : Kleine Kinder kleines Kreuz , große Kinder großes Kreuz . Hätte ich gewußt , wie es gehen werde , dann wäre es gewiß nie so gegangen . Aber wem wär ' s eingefallen , daß Dorothee auf die Art uns danken werde . « Durch diese Worte glaubte Hans seine Vermutung nur zu sehr bestätigt zu hören . Undank aber durfte er denn doch dem Mädchen nicht vorwerfen lassen . » Mutter « , begann er etwas schüchtern , » wenn ' s auch für uns nicht ehrenhaft ist und besonders mir weh tut , daß sie mich nicht will , so - « » Eben will sie dich fangen , du Tropf . Wenn sie sich gar noch ziert , so wird sie dich halt schon am Faden haben , aber noch fester machen wollen . Du steckst schon drin , daß du mich von Herzen gern ein wenig zu dir sehen lassen solltest ; aber statt dem will man mich gar nicht einmal mehr in die Kirche lassen , seit auf allen Gassen von dem sauberen Pärlein geredet wird . « » Von welchem Pärlein ? « » Jetzt steht er wieder da wie der Gottverlaßmichnicht . Von wem denn als dir und der Magd ? Hat es je so einen Tropfen gegeben , wie du einer bist , seit man warm kocht und doch wenigstens mit dreißig Jahren ein bißchen etwas in den Verstandskasten bekommt ? Ich aber soll meine Gesundheit schonen , mich in acht nehmen vor der Herbstluft , um doch noch jahrelang die Herrlichkeit mitansehen zu können neben dem alten Mathisle . Tat mir auch not ! Schon lang hätt ' ich sterben sollen , schon da , wo ich Dorotheen , die Hexe , in - « » Jetzt das ist denn aber doch zu arg ! « konnte Hans endlich einfallen , als die Stigerin , noch nach mehr ähnlichen Ausdrücken suchend , einen Augenblick innehielt . » Mir tät es Freud ' machen , wenn sie mich so gern hätt ' , als man sagt . « » Dein Geld nur hätt ' sie gern , dich , wie du bist , tät keine gern haben . « » Dann will ich mich vor den Reichen in acht nehmen , die brauchen mein Geld nicht , geradeso wenig als ich das ihre . Überhaupt heiratet jeder für sich , drum soll man es ihm überlassen . Mir kommt es ungemein groß und wichtig vor , sich auf sein Lebtag an ein Weibsbild zu binden . Ich mein ' , das muß so aus einem herauswachsen ; aber wenn man den gesäten Erdäpfeln oder Rüben jeden Tag nachgräbt , wächst gar nichts . Das war grad ' auch so ein Gezisch und Getue bei verschlossenen Türen , bis man die gute Angelika dem Andreas verkuppelt hatte , und nun - ? « » Die geht mich nichts an , und ich weiß nicht , warum du noch mit der alten Geschichte kommst . « » Wer daran keine Schuld hat , kann um so leichter und ohne Gewissensplag ' eine gute Lehre daraus nehmen . Es wär ' für beide Teile besser gewesen , sie hätten sich gar nie gesehen . Er mag nun einmal nicht mit ihr gehen , drum kommt er gerade dann am meisten auf den Abweg , wenn sie auf dem rechten ist . Warum bin nicht ich an sie verkuppelt worden ? Dann hätt ' ich jetzt den Batzen schon gegolten . Zusel hat auch keinen besseren Vater als sie , denn der Krämer ist seitdem noch kein Heiliger worden . « » Und sonst natürlich ist nur noch die Magd für dich im Dorf und auf der Welt . « » Man redet also von uns beiden ? « fragte Hans lächelnd . » Eben . « » Und tadelt uns ? « » Wenigstens dich . Daß sie dich gern hätt ' , ist etwas , das man sich einbilden kann . Sie ist ja nicht einmal hübsch mit dem blassen Gesicht , den großen Betschwesteraugen und dem fuchsigen Haar . « » Hübscher freilich wär ' Angelika gewesen . « » Und Zusel gleicht ihr , ohne das Alter , wie ein Ei dem anderen . « » Auch sie ist hübsch . Wenn ihr Blick eins trifft , wenn sie einem zulächelt und dann den Mund wieder so stolz und trotzig spitzt und das Näschen aufwirft , meint man schon - « » Was meint man ? « » Man müsse rasend werden , daß so ein - ja noch ein herrlicheres und vor allem besseres Wesen so elend verschachert werden konnte . Ja , Mutter , damals war ich ein Tropf , sonst wär ' s anders gegangen . « » Lassen wir das Alte , solang wir am Jetzigen so genug haben . Die Magd soll noch heut ' aus dem Haus , denn nach dieser Predigt will ich euch nicht mehr unter einem Dache wissen , solang ihr beide ledig seid . « » Dann « , sagte Hans entschlossen , » dann muß ich gleich fragen , ob sie mich nicht heiraten möchte . « » Möchte ! « schrie die Stigerin , mit dem Fuße stampfend , » möchtest du sie ? « » Sobald sie sonst nicht mehr bei uns und alles im alten bleiben kann . « » Das geht nicht mehr , denn sie ist mit dir nun und du bist wegen ihr in ein greuliches Geschrei gekommen . Ich glaub ' selbst nicht alles , nicht das Halbe - aber ... « » Und ich geb ' jetzt schon gar nicht mehr nach . Nachgeben hieße alles bestätigen und alles auf sie werfen . Mutter , was würde dein Herrgott sagen ? Er nimmt es sonst in Kleinigkeiten so genau , daß man glauben sollte , du dürftest ihm gar nicht mit so etwas kommen , denn das ist grundschlecht und schändlich . Da kommt das Mädchen in unser Haus als kleines Kind , noch unverderbt , ein Engel , wenn es gestorben wär ' . Von dir nur ist es erzogen worden , denn das Mathisle hast du nicht bei ihr und sie kaum einmal bei ihm gelitten . Dorotheen haben wir auf dem Gewissen und alle bösen Reden und alles , was sie jetzt