die Doktorin auf Elisabeths Frage , wer die alte Dame sei . Fräulein von Quittelsdorf sah heute wunderschön aus in ihrem weißen Kreppkleide und einen brennend roten Malvenkranz auf ihr dunkles Haar gedrückt , als sie sich in ehrerbietigster Weise um ihre Vorgesetzte bemühte , wobei sie jedoch nicht unterließ , dann und wann einen schalkhaften Blick auf Fräulein von Walde zu werfen . Das Erscheinen der Gäste vom Hofe war das Signal zum Beginn des Konzerts . Elisabeth hörte fast ihr Herz klopfen . Noch stand sie hinter der Doktorin ; noch konnte sie ihr Gesicht verbergen vor all den Augen , die im nächsten Momente auf ihr haften , jeder ihrer Bewegungen folgen würden . Eine unsägliche Scheu überkam sie plötzlich , und sie bereute bitter , daß sie darauf eingegangen war , zuerst allein zu spielen ... ... Sie bebte , als Fräulein von Walde ihr winkte , zu beginnen ; aber nun half kein Sträuben mehr ... Sie schöpfte tief Atem , nahm das Notenheft und schritt langsam , mit gesenkten Augen zum Klavier , wo sie sich schüchtern verbeugte . Zuerst entstand atemlose Stille , dann lief ein Geflüster von Mund zu Mund , das aber sofort erlosch , als das junge Mädchen die Tasten berührte . Auch Elisabeths Angst und Beklemmung entwichen bei dem ersten Akkorde . Sie war ja nicht mehr allein , er war ja bei ihr , an dessen Hand sie unzähligemal über sonnige Halden , an dunklen Abgründen vorüber , durch Sturm und Wetter geschritten war , der süße Ahnungen in ihr geweckt und alle heiligen und erhabenen Empfindungen ihres Herzens in unendlichem Wohlklange zusammenfaßte ... er , der ihr so lieb und vertraut war , wie das Gesicht der Mutter , wenn sie auch scheu den Blick senken mußte vor der feurigen Glorie , die sein gewaltiges Haupt umzuckte ... Die geschmückten Damenköpfe , die sich drüben an den Wänden hinreihten , die Lorgnetten- und Brillengläser , welche in der Sonne funkelnd , beharrlich ihre Blitze auf die einsame Spielerin mitten im Saal schleuderten , alles verschwand , sie war allein mit dem großen Beherrscher der Töne und folgte entzückt jeder Wendung seines schöpferischen Geistes . Ein wahrer Beifallssturm schreckte sie auf , als sie geendet hatte . Sie verbeugte sich und floh dann förmlich zu ihrer Beschützerin , der Frau Fels , die ihr , sprachlos vor innerer Bewegung , beide Hände entgegenstreckte . Das Konzert dauerte nicht lange . Vier junge Herren aus L. sangen ein hübsches Quartett , dann folgte der Vortrag eines tüchtigen Geigenspielers . Fräulein von Quittelsdorf sang auch zwei Lieder mit schöner Stimme , aber ohne Gehör , so daß bei jedem hohen Tone die Gesellschaft entweder unwillkürlich und angstvoll auf den Stühlen hin und her rückte oder verlegen den Blick auf den Boden richtete . Auch eines der so lange einstudierten vierhändigen Musikstücke kam an die Reihe . Fräulein von Walde hatte ihre Fassung wiedergewonnen und spielte im Vereine mit Elisabeth vortrefflich . Als das Konzert zu Ende war , trat Elisabeth in die Thür eines Nebenzimmers , um ihre Mantille zu holen . Fast auf dem Fuße folgte ihr ein ältlicher Herr , der ihr gegenüber gesessen und sie fortwährend mit großer Aufmerksamkeit betrachtet hatte . Die Doktorin , die mit Elisabeth gegangen war , stellte ihn auf sein Verlangen dem jungen Mädchen vor als den Herrn Kreisgerichtsdirektor Busch . Er sagte ihr viel Schönes über ihr Klavierspiel und fügte hinzu , es sei für ihn von großem Interesse , die kühne Lebensretterin des Schloßherrn kennen zu lernen ; er habe um so eiliger die heutige Gelegenheit ergriffen , als ihm seit einigen Stunden die Hoffnung genommen sei , in der Untersuchung der Attentatsgeschichte mit ihr verkehren zu dürfen . Elisabeth fuhr erschrocken zurück . Er lachte laut und herzlich . » Nun , nun , entsetzen Sie sich nicht nachträglich , mein Fräulein ! « rief er endlich . » Wir haben ja , wie ich Ihnen eben sagte , leider keine Veranlassung mehr , Sie vor unsere Schranken zu laden ... Linke hat die ganze Angelegenheit mittels eines einzigen Sprunges niedergeschlagen - seine Leiche wurde heute nachmittag aus dem Teiche bei Lindhof gezogen , « fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu . » Man machte mir die Meldung im Gasthofe , wo ich abgestiegen war . Ich begab mich in Begleitung des Wahlheimer Arztes , der sich zufälligerweise im Gastzimmer befand , nach dem Schauplatze des Verbrechens und habe mich überzeugt , daß sich jene Hand nie wieder gegen das Leben eines andern erheben wird ... Der Zustand der Leiche beweist , daß Linke sofort nach dem Mißlingen seiner verbrecherischen Absicht den Tod gesucht hat . « Elisabeth schauderte . » Weiß Herr von Walde dies schreckliche Ende ? « fragte sie mit bebender Stimme . » Nein , ich fand noch keine Gelegenheit , ihn allein zu sprechen . « » Von allen Anwesenden scheint niemand eine Ahnung zu haben von dem , was gestern geschehen ist , « sagte Frau Fels . » Glücklicherweise nicht , und dank unserer Umsicht und Verschwiegenheit , « entgegnete der Kreisgerichtsdirektor ironisch . » Der arme Herr von Walde hat sich ohnehin kaum retten können vor der Gratulantenüberschwemmung ; wehe , wenn die Veranlassung eine doppelte gewesen wäre , ihn seines Daseins wegen zu beglückwünschen ! « Der Hausverwalter Lorenz näherte sich in diesem Augenblicke Elisabeth und präsentierte ihr einen kleinen silbernen Teller , auf welchem mehrere Papierröllchen lagen . Als ihn das junge Mädchen erstaunt ansah , sagte er respektvoll : » Bitte , haben Sie die Güte , eines der Papiere an sich zu nehmen . « Elisabeth zögerte . » Es wird sich um irgend einen Scherz handeln , « meinte die Doktorin . » Nehmen Sie schnell , damit der Hausverwalter nicht länger aufgehalten wird . « Fast mechanisch ergriff das junge Mädchen ein Röllchen , fuhr aber erschrocken zurück , als die Baronin Lessen plötzlich in der Thür erschien und einen forschenden Blick in das Zimmer warf . » Nun , « sagte die Eingetretene rasch , indem sie auf den alten Diener zuschritt , » was thun Sie hier , Lorenz ? ... Sie können sich doch denken , daß Frau Fels sich nicht entschließen wird , mit einem andern als ihrem Herrn Gemahl zu gehen ! « » Ich habe dem Fräulein Ferber präsentiert , gnädige Frau , « entgegnete der alte Mann . Die Baronin schleuderte ihm einen wütenden Blick zu , dann maß sie das junge Mädchen von Kopf bis zu Füßen . » Wie , Fräulein Ferber , « sagte sie schneidend , » Sie sind noch hier ? ... Ich glaubte Sie längst zu Hause auf Ihren Lorbeeren ruhend . « Ohne eine Antwort abzuwarten , trat sie wieder über die Schwelle , wandte sich aber nochmals , den Kopf schüttelnd , zurück nach dem verblüfft dastehenden Hausverwalter und zuckte mit den Achseln . » Sie waren wieder einmal recht zerstreut , Lorenz , eine Schwäche , die sich leider in der letzten Zeit oft sehr unangenehm fühlbar macht . « Mit diesen Worten rauschte sie hinaus , während ihr der Alte geräuschlos folgte . Er erwiderte auf ihre maliziöse Zurechtweisung nicht eine Silbe , aber in sein blasses Gesicht trat eine leichte Röte , und die weißen , buschigen Brauen zogen sich dergestalt zusammen , daß die gutmütigen Augen fast verschwanden . Noch standen die drei Zurückbleibenden und sahen sich erstaunt an , als der Doktor hereintrat . Er machte eine tiefe , komische Verbeugung vor seiner Frau und sagte feierlich : » Sintemalen Fräulein von Quittelsdorf soeben die Gnade gehabt hat , uns abermals zusammenzuthun , wie bereits vor fünfzehn Jahren durch Priesterhand geschehen , so bin ich gewillt , das sanfte Joch der Ehe geduldig weiterzuschleppen und heute ausschließlich an deiner Seite , vielgetreues Ehegespons , genährt und gepflegt von deiner zartwaltenden Hand , die Freuden des Tages zu genießen ! « » Was fällt denn dir ein , lieber Mann ? « rief erstaunt und lachend die Doktorin . » Bitte , das ist nicht mein Einfall ... Ach , ich merke , du hast Fräulein von Quittelsdorfs schwungvolle Rede nicht mit angehört ... wie schade ! ... Ich sehe mich also genötigt , dir hiermit zu sagen , daß jegliches Ehepaar , gleichviel , ob auf dem Kriegsfuße stehend oder nicht , binnen jetzt und einer Viertelstunde sich hübsch einträchtig nach dem Nonnenturme im Walde zu verfügen hat , allwo ein ländliches Fest gefeiert werden soll . Dort hast du die Verpflichtung , mich zu bedienen , respektive mir so viel Essen und Trinken herbeizuschaffen , wie mein Herz begehrt , und überhaupt für mein Wohlbefinden zu sorgen , wie es nur je die vielgefeierte Penelope gethan ... Damit aber die unbeweibten Männer , die in der Mehrzahl hier vertreten sind , nicht zu kurz kommen , d.h. wenn sie es für einen Vorzug halten wollen , daß ihnen der Mund gestopft wird , so hat man höchst sinnreich eine Art Lotterie veranstaltet . Jede unverehelichte Dame zieht ein mit dem Namen eines unverheirateten Herrn versehenes Papierröllchen , und es bleibt nun Fortuna und Amor überlassen , ob sie begünstigen oder hämischerweise zwei zärtliche Herzen trennen wollen . « Elisabeth geriet bei diesem Berichte in eine unbeschreibliche Aufregung . Sie hatte nicht weiter darüber nachgedacht , ob sich an das Konzert eine andere Festlichkeit reihen werde . Jetzt wurde ihr klar , weshalb die Baronin gestern den Schluß des Konzerts und ihr Nachhausegehen so eigentümlich betont hatte ... Ihre Wangen glühten vor Beschämung , denn sie hatte sich mit der Annahme des Papierstreifens , den der Hausverwalter aus Versehen ihr präsentiert hatte , und der in diesem Augenblicke wie Feuer in ihrer Hand brannte , den Anschein einer grenzenlosen Aufdringlichkeit gegeben . Rasch entschlossen trat sie in den Saal , wo eben das Oeffnen der verhängnisvollen Rollen unter Lachen und gegenseitigen Verbeugungen der Herren und Damen vor sich ging . » Welche abgeschmackte Idee von der Quittelsdorf ! « sagte eben , als Elisabeth vorüberging , ein junger adliger Aktuar verdrießlich zu seinem Nachbar . » Jetzt habe ich die dicke , fromme Lehr auf dem Halse - Fi donc ! « Das junge Mädchen brauchte die Baronin nicht lange zu suchen ; sie stand ziemlich abgesondert in der Nähe des einen Fensters . Fräulein von Quittelsdorf , die Oberhofmeisterin und Helene standen bei ihr in lebhaftem , aber , wie es schien , nicht sehr angenehmem Wortwechsel . Die Oberhofmeisterin sprach heftig auf Fräulein von Quittelsdorf hinein , die ein um das andere Mal ratlos mit den Achseln zuckte . Auf dem Gesichte der Baronin Lessen spiegelte sich der tiefste Verdruß , es hätte diesmal der zwei roten Flecken nicht bedurft , um zu erkennen , daß sie sich schwer ärgerte . Nicht weit von der Gruppe , an einem Pfeiler , lehnte Herr von Walde mit verschränkten Armen ; er schien nur mit halbem Ohre auf die Mitteilungen des alten neben ihm stehenden , dekorierten Begleiters der Oberhofmeisterin zu hören , während seine Augen unablässig auf den gestikulierenden Damen ruhten . Elisabeth schritt eilig auf die Baronin zu . Sie konnte nicht umhin , zu bemerken , wie Fräulein von Quittelsdorf bei ihrem Erblicken die Oberhofmeisterin leicht anstieß , und wie diese sich daraufhin umdrehte und einen feindseligen Blick auf sie richtete . Sie erkannte , daß sie der Gegenstand der Debatte gewesen war , und beeilte ihre Schritte , um so schnell wie möglich den unwürdigen Verdacht zurückzuweisen . » Gnädige Frau , « sagte sie , sich leicht verbeugend , zu der Baronin , » ich habe , ohne zu wissen , um was es sich handle , infolge eines Mißverständnisses dies Papier an mich genommen und erfahre in diesem Augenblicke , daß mit demselben eine Verpflichtung verknüpft ist , die ich nicht auf mich nehmen kann , denn meine Eltern erwarten mich . « Sie reichte die kleine Rolle der Baronin , die , urplötzlich einen wahren Sonnenschein in ihren Zügen entwickelnd , hastig danach griff . » Ich glaube , Sie sind im Irrtume , Fräulein Ferber ! « rief plötzlich Herr von Walde mit seiner ruhigen , klangvollen Stimme herüber . » Vor allem haben Sie sich wohl bei dem Herrn zu entschuldigen , dessen Namen das Papier enthält ; von ihm hängt es ab , ob er Sie freigeben will oder nicht . « Sein Auge flog während er eigentümlich lächelte , über die Anwesenden , die sich bereits paarweise gruppiert und zum Fortgehen gerüstet hatten ; selbst der alte Kavalier schritt eben auf die Oberhofmeisterin zu und reichte ihr galant den gekrümmten Arm . Herr von Walde fuhr fort , indem er langsam näher trat : » Als Hausherr , der keine Beeinträchtigung eines Gastes dulden darf , muß ich Sie bitten , mein Fräulein , das Papier zu öffnen . « Elisabeth gehorchte schweigend und reichte ihm tief erglühend den entfalteten Papierstreifen hin . Er warf einen Blick auf den Zettel . » Ah ! « rief er . » Ich habe , wie ich sehe , meine eigenen Rechte gewahrt ! ... Sie werden mir zugeben , Fräulein , daß es völlig in meiner Hand liegt , ob ich Ihre Entschuldigung beachten will oder nicht ; ich ziehe das letztere vor und bitte Sie , streng der Verpflichtung nachzukommen , die Ihnen dies kleine Stückchen Papier auferlegt . « Die Baronin näherte sich ihm und legte die Hand auf seinen Arm . Es sah fast aus , als ob sie mit dem Weinen kämpfe . » Verzeihe , lieber Rudolf , « sagte sie , » es ist wirklich nicht meine Schuld ! « » Ich weiß nicht , welche Schuld du meinst , Amalie , « erwiderte er eiskalt , » aber du hast den richtigen Moment gewählt , wenn du Verzeihung suchst , ich könnte in diesem Augenblicke viel Böses vergessen , was mir widerfahren ist . « Er griff nach dem Hute , den ihm ein Bedienter brachte , reichte Elisabeth den Arm und gab das Signal zum Aufbruche . » Aber meine Eltern ! « stammelte Elisabeth . » Sind sie krank , oder wollen sie in diesem Augenblicke verreisen ? « fragte er stehen bleibend . » Beides nicht . « » Nun , dann lassen Sie mich dafür sorgen , daß sie den Grund Ihres Ausbleibens erfahren . « Er rief einen Bedienten und schickte ihn sofort hinauf nach Gnadeck . Während der Saal sich allmählich leerte , blieb die Gruppe , zu der sich außer dem alten Kavalier auch noch Hollfeld mit einem sehr verdrießlichen Gesicht gesellt hatte , am Fenster stehen . » Es geschieht Ihnen ganz recht , Cornelie , « zürnte die Oberhofmeisterin . » Sie haben sich heute blamiert für alle Zeiten ... Welch ein hirnloser Gedanke , diese Lotterie ! ... Wie oft schon habe ich gegen Ihre Farcen geeifert , denen leider unsere gnädigste Fürstin auch manchmal ein williges Ohr leiht ! ... Nun soll der Hausverwalter schuld sein ! Warum haben Sie ihn nicht gehörig instruiert ? ... Sie halten sich für eine Hofdame par excellence und wissen nicht einmal , daß diese Art Leute nie ihre eigenen Gedanken haben dürfen ? ... Ihnen gönne ich diese Lehre von Herzen , wenn nur nicht gerade der unglückliche Walde das Opfer Ihres Leichtsinns sein müßte ! ... Da hat er nun das blonde Gänschen am Arme , er , der sich in seinem stolzen aristokratischen Bewußtsein unzählige Male des Fehlers schuldig gemacht hat , es nicht zu bemerken , wenn sehr hochgestellte Damen von ihm geführt zu sein wünschten ... Wie mag ihm zu Mute sein gegenüber dieser kleinen Klavierlehrerin , der Tochter eines - Forstschreibers ! « » Warum opfert er sich so bereitwillig ? « entgegnete Fräulein von Quittelsdorf ; » es war ganz unnötig , daß er sich in den Handel mischte . Die Kleine war ja im Begriffe zu gehen ; nein , da tritt er vor , wie der Ritter ohne Furcht und Tadel , und nimmt die Last freiwillig auf sich . « » Nun , diese Last ist wenigstens blendend schön ! « hüstelte der alte Kavalier mit einem frivolen Lächeln . » Was fällt Ihnen ein , Graf ? « rief die Oberhofmeisterin . » Das ist wieder einmal eine Bemerkung , ganz Ihrer würdig , der Sie sich für jedes runde Bauerngesicht enthusiasmieren ... Uebrigens leugne ich nicht , daß die Kleine hübsch ist - aber war nicht die arme Rosa von Bergen ein wahrer Engel an Schönheit ? Hunderte haben ihr zu Füßen gelegen ; der Walde aber , auf den sie sich kapriziert hatte , ist wie ein Gletscher an ihr vorübergegangen ... Nein , für weibliche Schönheit und Liebenswürdigkeit hat er kein Verständnis ! ... Ich habe ihn auch längst vom Register der Heiratsfähigen für meine jungen Protegés gestrichen ... Weshalb er sich heute großmütig opfert , das hat er ja eben deutlich genug ausgesprochen . Er ist innerlich befriedigt und beglückt durch die große Teilnahme und Aufmerksamkeit , die wir alle ihm heute an den Tag gelegt haben , und will alles , selbst das kleine Ding , das übrigens ganz nett gespielt hat , froh und heiter sehen ... Ich rate Ihnen , liebste Lessen , künftig bei dergleichen Arrangements dem Takte und Talente unserer Quittelsdorf nicht allzu unbedingt zu vertrauen . « Die Hofdame biß sich auf die Lippen und warf heftig ihren Spitzenshawl über die Schultern . Draußen rollte der Wagen vor , der die Hofmeisterin und Helene in Begleitung der Baronin und des Grafen nach dem Festplatze bringen sollte . » Die alte Katze ! « rief Fräulein von Quittelsdorf , nachdem sie der Oberhofmeisterin in den Wagen geholfen und darin für die Bequemlichkeit der Dame gesorgt hatte . » Sie ist wütend , daß man bei dem Arrangement nicht erst ihren hochweisen Rat eingeholt hat ... Haben Sie nicht gesehen , Hollfeld , beinahe wäre Ihrer Exzellenz der falsche Scheitel auf die Nase gefallen , als sie so zornig mit dem Kopfe wackelte ? Ich hätte mich vierzehn Tage lang nicht beruhigen können vor Lachen , wenn plötzlich unter dem Blumengarten ihrer Haube der kahle Kopf zum Vorschein gekommen wäre ! « Sie wollte sich auch jetzt ausschütten vor Lachen bei dem Gedanken . Ihr Begleiter aber schritt wortlos , als habe er von ihrem ganzen , langen Geschwätze nicht eine Silbe gehört , immer rascher vorwärts . In seinem ganzen Wesen lag eine auffallende Hast und Unruhe . Es schien ihm offenbar daran zu liegen , die vorausgegangene Gesellschaft so schnell wie möglich zu erreichen . Sein Blick eilte stets weit voraus und drang nach allen Richtungen hin in das Gebüsch ; nur wenn der Schimmer eines weißen Kleides in der Ferne auftauchte , dann blieb er einen Augenblick stehen , als wolle er beobachten . » Nein , Sie sind doch zu langweilig , Hollfeld ! Langweilig bis zum Sterben ! « rief die Hofdame ärgerlich . » Sie haben zwar das Privilegium , stumm zu sein wie ein Fisch , um dabei doch für einen geistreichen Mann zu gelten ... wo ich aber in diesem Momente Ihren Geist suchen soll , weiß ich wahrhaftig nicht ... Weshalb , um Gotteswillen , rennen Sie denn so ? ... Und denken Sie , wenn ich bitten darf , doch an mein nagelneues Kreppkleid , das alle Augenblicke an den Büschen hängen bleibt , an denen Sie mich vorbeizerren wie ein armes Schlachtopfer ! « Der sogenannte Nonnenturm , das einzige standhafte Ueberbleibsel eines ehemaligen Frauenklosters , lag tief versteckt in einem Eichen- und Buchenforste , auf dem Waldgebiet , das zu dem Gute Lindhof gehörig , sich meilenweit nach Osten hin erstreckte . Ein Fräulein von Gnadewitz , die Schwester jenes Ahnherrn mit dem Rade , hatte das Kloster erbaut , um mit noch zwölf anderen Jungfrauen für das Seelenheil des schmählich Dahingegangenen zu beten . Viele Jahre lang hatten die mächtigen Aeste der Eichen an die Zellenfenster geklopft und sich über die Mauer in den engen Garten geneigt . Sie hatten gesehen , wie manches junge , frische Menschenkind hastig den schmalen , stillen Waldweg dahergeschritten kam , in fieberhafter Ungeduld an dem schrillen Pfortenglöcklein reißend , als dürfe der verheißene Frieden da drinnen nicht um eine Minute verzögert werden ... Sie hatten gesehen , wie dann hinter den nie wieder zu lösenden Riegeln der schweigende Mund der Nonne erblaßte , wie ihre wachsbleichen Hände krampfhaft das Kruzifix umschlossen , wie ihre wundgeriebenen Kniee immer wieder auf das Steinpflaster sanken , während der Blick angstvoll am Boden irrte - denn der heitere , blaue Himmel da droben , der sich auch draußen über den genießenden Weltkindern wölbte , rief glückliche Erinnerungen wach und hauchte Lebensluft und fröhliche Sehnsucht in die Brust , die unwiderruflich eingesargt war in das härene Ordensgewand . Die Reformation , welche die Klöster umstieß wie Kartenhäuser , war auch durch den stillen Wald geschritten und hatte mit gewaltigem Finger über die Mauern des dunkeln Hauses gestreift , das , um Verbrechen und Elend zu sühnen , dem Fluche seiner Entstehung zufolge , stets neues Elend umschloß ... Und siehe da , selbst das Scheinleben entfloh nach allen vier Winden - ein Stein nach dem andern rollte herab neben die alten Eichenstämme , deren Wipfel ihn einst als zierlich gemeißelten Fenstersims oder als stattliches Glied der Mauer berührt hatten , und die nun jahraus , jahrein ihr Laub auf ihn streuten , bis er versank , weicher gebettet , als die Nonnenleichen da drunten , die der Sage nach samt und sonders in einem unterirdischen Grabgewölbe schliefen . Der Turm stieg viereckig , plump und schmucklos in die Höhe . Droben auf dem platten Dach , das eine steinerne Galerie umgab , endete die Treppe in einem engen viereckigen Raume , den eine schwere Eichenthür verschloß . Von dem Plateau aus genoß man eine reizende Fernsicht nach L. Diesem Vorzuge hatte wohl hauptsächlich der Turm sein durch aufbessernde Menschenhände gefristetes Dasein zu verdanken . Mächtige Eisenklammern umschnürten die Ecken , und zahllose Adern frischen Mörtels ringelten sich durch das geschwärzte Gemäuer , so daß der alte Bau von weitem aussah , wie ein riesiger Achat . Heute aber hatte sich der alte Bursche ausstaffiert wie ein junges Blut , das auf die Wanderschaft gehen will . Frische Reiser , d.h. vier kräftige Tannenbäume steckten auf seinem alten Hute , und darüber her wehten ungeheure Fahnen und schwammen wie helle Schwäne über den grünen Wogen der Baumwipfel . Er , der zwar bisher Tag und Nacht ein trautnachbarliches Gespräch mit seinen Kameraden , den Eichen , geführt hatte , nie aber auch nur fingerbreit von seinem würdevollen Standpunkte aus ihnen entgegengerückt war , er griff heute mit grünen Armen keck an ihr ehrwürdiges Haupt , es waren lange Guirlanden an den Mauern befestigt , deren anderes Ende unter den Zweigen der Bäume verschwand . Sogar ein langes weißes Taschentuch hing dem junggewordenen Springinsfeld aus der Tasche . Die beiden freien Zipfel des Tuches waren stramm an zwei mit Laubwerk bekleideten Tannenstämmen befestigt ; es beschützte einige Fäßchen , eine ganze Batterie bestaubter , rotgesiegelter Bouteillen , zahllose Flaschen mit silbernen Köpfen in Eiskübeln und ein neben all diesen Herrlichkeiten stehendes hübsches Mädchen in Marketenderkostüm vor den Sonnenstrahlen ... Elisabeth hatte willenlos und schweigend an Herrn von Waldes Arme den Saal verlassen . Sie hatte trotz der Ueberzeugung , daß sie gehen müsse , nicht den Mut gefunden , ihm zu widersprechen , zu sagen , daß sie bei ihrem Entschlusse beharre . Er hatte in einem so gebietenden Tone gesprochen , und - was ihr zumeist den Mund verschloß - er war für sie in die Schranken getreten und hatte ihr offenbar aus der Verlegenheit helfen wollen ; jeder Widerspruch hätte in jenem Momente wie Trotz aussehen müssen , auch wäre durch eine Entgegnung ihrerseits das peinliche Aufsehen erhöht worden , dessen Gegenstand sie ohnehin schon geworden war . Hinter ihr streiften knisternd die seidenen Gewänder der Damen an die Wand des Korridors . Lachend und plaudernd folgte der Menschenschwarm in langem Zuge Herrn von Walde bis vor das Hauptthor , dann aber floh alles auseinander und begab sich auf die verschiedenen Waldwege , die nach dem Nonnenturme führten . Viele , die besondere Toiletterücksichten zu nehmen hatten , blieben auf dem breiten , gut gehaltenen Fahrwege . Herr von Walde hatte sicher keine Ahnung , daß seine Begleiterin ihr selbstgewaschenes und gebügeltes Mullkleid mit ebenso ängstlichem Auge behütete , wie die anderen Damen ihre teueren Toiletten , sonst würde er sie sicher nicht auf den schmalen , wenig betretenen Weg geführt haben , in den er plötzlich einbog . » Hier ist es gewöhnlich sehr feucht , « brach Elisabeth mit schüchterner Stimme das Stillschweigen , denn es war bisher kein Wort zwischen ihnen gefallen . Ihr Fuß zuckte , als habe er die größte Lust , zurück statt vorwärts zu gehen . Vielleicht dachte sie aber auch in diesem Augenblicke gar nicht an ihr Kleid und ihre dünnen Schuhe , und sah nur den engen , grünen Laubgang vor sich , durch den sie mutterseelenallein mit ihm gehen sollte , hörte bebend schon im Geiste seine Stimme , die plötzlich rauh , ungeduldig und herrisch wurde , denn das war ja stets der Fall , wenn er sich mit ihr allein sah . » Es hat lange nicht geregnet ; sehen Sie die Risse und Sprünge in dem trockenen Boden ? « entgegnete er ruhig weiterschreitend und einen Zweig abknickend , der Elisabeths Wange bedrohte . » Wir kommen auf diesem Wege schneller vorwärts und haben den Vorteil , auf eine Viertelstunde dem Geschnatter zu entgehen , das meine Verwandten zur Verherrlichung meiner siebenunddreißig Jahre heraufbeschworen haben ... Oder fürchten Sie in dieser engen Gasse Linkes Begegnung ? « Ein Schauder flog durch die Glieder des jungen Mädchens . Sie dachte an das verzweiflungsvolle Ende des Verbrechers , aber sie konnte es nicht über sich gewinnen , Herrn von Walde diese Mitteilung zu machen . » Ich fürchte ihn nicht mehr ! « sagte sie ernst . » Er hat auf alle Fälle die Gegend verlassen , und wenn nicht , nun , so wird er doch nicht so unhöflich sein , den Leuten die Freude zu verderben , die sich nun auch für die gehabte Anstrengung des Glückwünschens amüsieren wollen ... Apropos , es wird Ihnen nicht entgangen sein , daß ein jedes aus der Gesellschaft mir heute einen Augenblick besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat ; selbst das jüngste Gänschen im florenen Flügelkleide hat nicht versäumt , mir seinen huldigenden Knix zu machen und einen einstudierten Glückwunsch herzusagen ... Sie halten mich wohl noch nicht für alt genug , um mir ein noch längeres Leben zu wünschen ? « » Ich meine , diesen Wunsch kann man der Jugend und dem kräftigen Lebensalter so gut aussprechen , wie den greisen Menschen ; denn jene haben ebensowenig ein Monopol für die Lebensdauer , wie diese . « » Nun , warum kamen Sie dann nicht auch zu mir ? ... Gestern retten Sie mir das Leben , und heute ist es Ihnen so gleichgültig , daß Sie nicht einmal die Lippen öffnen und sagen mögen : Gott beschütze es auch ferner . « » Sie sagten vorhin selbst : Jedes aus der Gesellschaft , ich gehörte aber nicht zu der Gesellschaft und durfte mich deshalb auch nicht in die Reihen der Glückwünschenden drängen . « Sie sprach hastig , denn schon grollte es in seiner Stimme , und er machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Arme , auf welchem ihre Hand lag . » Sie waren doch eingeladen - « » Um die Eingeladenen zu amüsieren . « » War diese bescheidene Ansicht einzig und allein der Grund , weshalb Sie vorhin nicht mit mir gehen wollten ? « » Ja , meine Weigerung galt durchaus nicht dem Herrn , dessen Name mir ja völlig unbekannt war . « » Das machen Sie mir nicht weis , Sie mußten ja auf den ersten Blick sehen , daß bereits sämtliche Herren - mich ausgenommen - versagt waren ; Sie wußten sogar , daß meine Schwester , ohne ein Papier zu ziehen , sich schon vorher Hollfelds Begleitung ausgebeten hatte , weil sie an seinem Arme am sichersten geht . - Gestehen Sie ! « » Ich sah und wußte gar nichts ... Ich war viel zu aufgeregt , als ich in den Saal trat , um das Papier zurückzugeben ; denn man hatte mir gestern ganz bestimmt die Stunde genannt , zu welcher mir gestattet sein würde , nach Hause zu gehen . Daß nach dem Konzerte irgend welche Festlichkeit folgen könne , darüber hatte ich gar nicht nachgedacht ; mit der Annahme der kleinen Papierrolle habe ich mir eine Gedankenlosigkeit zu schulden kommen lassen , die ich mir nie verzeihen werde . « Er blieb plötzlich stehen . » Sehen Sie mich einmal an ! « sagte er gebieterisch . Sie hob das Auge , und obgleich sie fühlte , daß eine hohe Röte in ihr Gesicht stieg , hielt sie seinen Blick doch aus , der zuerst flammend auf ihren Zügen ruhte , dann aber in einem unbeschreiblichen Ausdrucke schmolz . » Nein , nein , « flüsterte er wie für sich mit weicher Stimme , » es wäre Sünde , hier an das abscheuliche Laster , die Lüge , zu denken ... Ja , doppelte , « fuhr er in gänzlich verändertem , sarkastischem Tone fort - es klang fast , als wollte er seine momentane Weichheit persiflieren - » habe ich nicht selbst als unfreiwilliger Zeuge den Ausspruch von Ihnen gehört : Man brauche mehr Mut dazu , eine offenbare Lüge dreist zu sagen als