gefiel sich darin selber . Noch ehe sie sich in das Schlafgemach zurückzog , gab sie ihrer Kammerfrau die Weisung , ihr für den Morgenanzug verschiedene Zierathen und Bänder zu beliebiger Auswahl bereit zu legen . Auch das war eine Neuerung . Die Huldigung und die Bewunderung , welche die Männer in der Residenz und am Hofe ihr gezollt , hatten sie völlig kalt gelassen , die bloße Erscheinung der Herzogin regte sie auf ; denn sie gehörte zu jenen Frauen , die weniger durch die Neigung für den Mann als durch die Nebenbuhlerschaft mit ihrem eigenen Geschlechte in Bewegung gesetzt und geleitet werden , weil sie nicht einem Andern , sondern sich selbst genügen wollen , und die nicht lieben können ohne rückblickenden Vergleich auf sich , ja , die oft , ohne es zu wissen , sogar auf die Bewunderung eifersüchtig sind , welche sie einer Andern zollen . Ueber dem Antheile , den man an der Herzogin nahm , hatte man ihres Bruders beinahe vergessen , obschon sich in dem Marquis das Bestreben , zu gefallen und die Aufmerksamkeit und Theilnahme der Andern auf sich zu ziehen , unverkennbar kund gab . Gelang ihm dies , so war er lebhaft und voll guter Laune , beschäftigte man sich nicht mit ihm , so versank er in eine Zerstreutheit , in eine Gleichgültigkeit , die es klar verriethen , daß er wohl die Rücksicht auf Andere , aber nie die eigene Befriedigung aus den Augen setzen könne . Er war dreißig Jahre alt und sah noch jünger aus . Seine mittelgroße Gestalt war leicht und fein , sein Schritt vorsichtig wie der eines Hofmannes , und auf eine Laufbahn am Hofe hatte er es ursprünglich auch wohl abgesehen . Er sah ein wenig bleich , ein wenig ermüdet aus , aber er trug den Degen , den kleinen Haarbeutel und den seidenen Strumpf mit so viel Zierlichkeit , er scherzte und bewegte sich so heiter , daß man Mühe hatte , an seine Kränklichkeit zu glauben , von welcher die Herzogin stets sprach , oder ihre Sorgfalt für ihn so nothwendig zu glauben , als sie dieselbe darzustellen liebte . Seine Befriedigung und sein augenblickliches Behagen waren ihm unverkennbar das Wichtigste auf der Welt . Selbst der politische Zustand seines Vaterlandes schien ihm bisher nicht viel Kummer gemacht zu haben . Er hatte , als der jüngste von mehreren Brüdern , kein Vermögen ; die Herzogin hatte für ihn gesorgt , und er überließ ihr diese Sorge auch jetzt und für die Zukunft . Freilich war es eine selbstsüchtige Liebe , welche sie für den Bruder hegte , denn sie wünschte sich in ihm einen Gesellschafter zu erhalten , der ihr angehörte und ihr doch völlige Freiheit ließ ; aber sie mußte es wenigstens verstanden haben , ihm die Bande leicht und die Abhängigkeit lieb zu machen , in denen sie ihn gefesselt hielt . Er war ausgewandert , weil die Herzogin es so gewollt hatte , und diese war umsichtig genug gewesen , die Auswanderung rechtzeitig vorzubereiten . Bald nach dem Ausbruche der Revolution hatte sie bedeutende Capitalien flüssig gemacht und in sicheren Händen außer Landes niedergelegt . Weil man aber nach der Flucht aus Frankreich auf eine schnelle Rückkehr in die Heimath gerechnet , so hatte die Herzogin Anfangs auch in Deutschland das ihr gewohnte breite und fürstliche Leben fortgeführt , und der Augenblick war denn , da man an die Heimkehr nicht denken konnte , schnell genug gekommen , in welchem es sich absehen ließ , wann sie mit ihrem Bruder sich mittellos , wie so viele ihrer französischen Standesgenossen , aller Noth der Verbannung und Entbehrung anheimgegeben finden würde . Da hatte sie zum ersten Male eine große Verzagtheit überfallen , und in ihren eigenen Verhältnissen und Verbindungen umherschauend , hatten ihre Gedanken sich auf den Freiherrn von Arten gerichtet . Daß sie bei diesem Manne sich keiner abschlägigen Antwort versehen durfte , wenn sie im Namen ihrer Stammesverwandtschaft seine Gastlichkeit und seinen Beistand in Anspruch nahm , davon hielt sie sich überzeugt , und ihre Erwartung hatte sie nicht getäuscht , ja , sie hatte dieselbe bei ihrem Empfange noch weit hinaus übertroffen gefunden . Nur in Einem Betrachte hatte die Herzogin sich geirrt : sie hatte die Bedeutung der Baronin unterschätzt und , nachdem sie dieselbe mit scharfem Blicke schnell erkannt , sich nicht der Hingebung versehen , welche Angelika ihr seit der Stunde ihrer Ankunft entgegenbrachte . Die Baronin hatte den guten Geschmack , ihren Gästen nicht gleich in den ersten Tagen die Bekanntschaft der benachbarten Adelsfamilien , mit denen man , seit der Baron verheirathet war , ohnehin nur geringen Verkehr unterhalten hatte , anzubieten , oder besondere Zerstreuungen und Unterhaltungen für sie vorzubereiten . Denn wem man das Gute , das man besitzt , alles auf einmal und gleich bei seiner Ankunft darbringt , dem giebt man damit unwillkürlich zu verstehen , daß man ein langes Verweilen nicht von ihm erwarte ; wem man aber die Zeit läßt , sich erst heimisch in dem Hause zu machen , dessen Gast er sein soll , wen man vor allen Dingen erst sich zu einem Hausgenossen einleben läßt , dem gewährt man die Möglichkeit , sich allmählich anzueignen , was ihm von dem Nächstliegenden wünschenswerth ist , und sich selbst nach demjenigen umzuschauen , was ihn von fern her lockend oder angenehm bedünkt . Das Leben im Schlosse gewann nun auf diese Weise plötzlich einen neuen Mittelpunkt und das Alltägliche in demselben eine veränderte Bedeutung , weil man es mit dem Hinblicke auf die Gäste ansah und bedachte , und weil durch das Zusammensein einer größeren Menschenzahl dem schöpferischen Walten des Zufalls mehr Raum geboten wurde , als bisher . Der Freiherr und seine Gattin und der Caplan kannten einander so genau , Jeder wußte mit nie irrender Zuversicht , was er im gegebenen Falle von dem Anderen zu erwarten hatte . Was man besaß , hatte man genossen , und da man sich außerdem in der Lage befand , der Sorgen für des Lebens Nothdurft enthoben zu sein , so hatte man in der letzten Zeit im Schlosse , wenn nicht von Außen sich Anregungen boten , in einem Zustande der Ruhe gelebt , dessen Vorzüge man zwar zu würdigen wußte , der aber in seiner Einförmigkeit doch auch seine Gefahren barg . Bei Personen von Bildung , wie die Schloßherrschaft und ihre Gäste , bei Menschen , die sich selbst zu achten verstanden , konnte es natürlich nicht leicht und nicht schnell zu jenen Mittheilungen über die eigenen Angelegenheiten kommen , welche bei Leuten , denen der Sinn für das Allgemeine abgeht , den eigentlichen Boden des gegenseitigen Antheilnehmens ausmachen . Aber da man die gleichen Ansichten über den Kampf hatte , der in Frankreich von dem Bürgerstande gegen den Adel und das von diesem getragene und ihn schützende Königthum ausgefochten wurde , da von dem Siege des Letzteren die Erhaltung der eigenen Vorrechte abhing , während durch seinen Sturz die eigene bisherige Existenz in Frage gestellt ward , so besaß man in diesen gemeinsamen Sorgen und Befürchtungen die erste sichere Annäherung und Verständigung , wenngleich der Freiherr und seine Gattin noch keinen Anlaß gefunden hatten , an eine ihnen und ihrem Vaterlande drohende Gefahr zu glauben . Fünfzehntes Capitel Neben diesen Befürchtungen und Hoffnungen für die Monarchien und den Adel im Allgemeinen war es der Kirchenbau , welcher bald ein Gegenstand gemeinsamer Berathungen wurde , und auch in Bezug auf diesen fehlte es an Sorgen und an Hoffnungen nicht . Denn wie schon die erste Absicht dieses Unternehmens in der Herrschaft nicht mit gutem Auge angesehen worden war , so war die Abneigung gegen dasselbe nur gestiegen , seit man die Vorkehrungen dafür zu treffen angefangen hatte . Seit mehr als einem Menschenalter und darüber hinaus waren in Richten keine Bauten ausgeführt worden , zu denen man genöthigt gewesen wäre , Fremde herbeizurufen . Die protestantische Kirche in Neudorf stand fest gegründet und wohl gefügt seit mehr als hundertundfünfzig Jahren , der Schloßbau war , so wie er sich gegenwärtig darstellte , auch schon vor der Geburt seines jetzigen Besitzers vollendet worden , und was man sonst an Baulichkeiten für das Beamtenpersonal , an Wirthschaftsgebäuden und an gelegentlichen Reparaturen nöthig gehabt , das hatte der in Rothenfeld ansässige Maurer theils allein und nach eigener Einsicht mit den Gutsleuten , theils unter Anleitung und Aufsicht des Meisters aus der Kreisstadt mit dessen Arbeitern ausgeführt . Nun sollte endlich wieder einmal ein bedeutendes Bauwerk in Angriff genommen werden , und die Leute hatten sich , so wenig sie sich auch der Gründung einer katholischen Kirche erfreuten , doch der Hoffnung hingegeben , daß dabei ein Gewinn für sie nicht fehlen könne , wenn sie der Herrschaft auch zu bestimmten Tagesleistungen , deren Zahl nicht gering war , verpflichtet waren . Aber gleich bei der Grundsteinlegung in Rothenfeld hatten sie die Erfahrung gemacht , daß es nicht bei dem guten Alten bleiben solle . Denn es waren Briefe nach auswärts geschrieben worden , und nach den Antworten , welche auf diese Briefe gekommen waren , hatte nicht der Maurer aus Rothenfeld , der das doch gewiß verstand , sondern der Meister aus der Kreisstadt die Arbeit verrichten müssen . Die Mißstimmung war seitdem eine allgemeine gewesen . Sogar diejenigen , welche bei dem Baue selbst nichts zu leisten hatten , fanden eine angenehme Beschäftigung darin , die Betheiligten in dem Gedanken der Ehrenkränkung und in der Erbitterung über dieselbe zu bestärken und zu befestigen . Sie wollten doch wissen , wie die Betroffenen sich dabei benehmen würden , wenn ihnen so etwas geboten werde , denn in dem Aufstacheln und Hetzen , in dem eifrigen Zusprechen und in dem schlauen Besänftigen war eine Thätigkeit verborgen , durch die man sich unterhielt und in welcher man für seine Freunde und für die Gutsherrschaft zugleich , zu einer wichtigen Person wurde , ohne daß man selbst Kosten hatte oder Gefahr dabei lief ; und sich ohne alle Gefahr zu einer wichtigen Person zu machen , ist den meisten Menschen ein Vergnügen . Den Winter hindurch lag das Alles , wie die Saat in der Erde , still und verborgen . Als aber das Frühjahr heraufzog und man daran denken konnte , an den Bau zu gehen , dessen Beginn die Baronin kaum zu erwarten vermochte , änderte sich die Sache . Es war im Anfang des Maimonats , als der fremde Baumeister in Schloß Richten erwartet wurde . Man hatte ihm einen Wagen bis in die nächste Stadt entgegengesendet , im Schlosse waren zwei Zimmer für ihn hergerichtet worden , und obschon man wußte , daß der Baron den Bau einem jungen Manne übertragen hatte , dessen Vater , einen tüchtigen Maler er zur Zeit seiner ersten Reisen in Italien kennen gelernt , und der dann später auch in Richten die Eltern und die Schwester des Barons gemalt hatte , so fand man dennoch , daß um eines bloßen Baumeisters , und noch dazu um eines so jungen Menschen willen , viel zu viel Aufhebens gemacht werde . Als dann an dem festgesetzten Tage der Wagen , welcher den Architekten brachte , durch Neudorf fuhr , bemerkte die Pfarrerin , die den ganzen Nachmittag , als ob es Sonntag wäre , mit dem Strickzeug am Fenster gesessen hatte , daß der junge Herr sich das Verdeck der Kalesche habe zurückschlagen lassen . Er macht ' s wie der Herr Baron , wenn er von Reisen kommt , sagte sie spöttisch lächelnd . Er gönnt uns das Vergnügen , gleich sein Antlitz anzuschauen ! Ach ! und er ist so höflich , gleich zu grüßen ! bemerkte sie in demselben Tone , während sie jedoch nicht unterließ , mit der freundlichsten Miene zu danken und dabei die rechte Hand , wie die gute Sitte es mit sich brachte , an die unterste Krampe des Fensters zu legen , als stehe sie auf dem Punkte , es zu öffnen und den Vorüberfahrenden zur Einkehr aufzufordern . Der Pfarrer , der sich nicht leicht von seinem Stuhle vor dem Studirtische fortlocken ließ , hob sich doch von seinem Sitze empor und hatte offenbar die Absicht , auf die Bemerkung seiner Frau an das Fenster zu treten . Aber das Gefühl seiner Würde trug es über seine Neugier schnell davon , und ruhig sitzen bleibend sagte er : Was läßt sich denn Anderes als Selbstverblendung erwarten von einem jungen Manne , der durch die Gnade Gottes in einer rechtschaffenen protestantischen Familie geboren worden ist und sich dazu hergiebt , dem Ball Tempel zu erbauen ! Ich hoffe , er wird nicht die Stirne haben , sich in ein ehrbares protestantisches Pfarrhaus einzuführen . Ich mag nichts zu schaffen haben mit solchen Abtrünnigen . Man wird ihn aber doch im Schlosse treffen , wenn man an den Feiertagen zur Mittagstafel eingeladen wird ! wendete die Pfarrerin ein , die stets überlegt und vorsichtig an die Zukunft dachte und dabei nicht abgeneigt war , von dem Architekten auch einmal etwas Neues aus der Welt zu vernehmen . Dann wird man ihn nach Gebühr zu behandeln wissen , erwiderte der Pfarrer , und schlimm genug , daß er nicht der einzige Abtrünnige ist , dem man jetzt auf dem Schlosse zu begegnen hat ! Mann ! Aber um Gottes willen , lieber Mann ! rief die Pfarrerin , der solche Aeußerungen ihres gestrengen Eheherrn immer die Kälte durch alle Glieder jagten , und die sich vorsichtig umsah , ob nicht etwa die Thüre nach der Küche offen sei . Bedenke doch , daß unseres Gotthold ' s ganze Zukunft von der Herrschaft abhängt , und daß .... Mag er durch die Lande gehen , wie ich vielleicht es auch noch thun werde , und wie mancher Bessere als ich , wie ja auch der fromme Paul Gerhard es einst gethan hat . Besser Hunger und Durst und Frost und Hitze tragen , als abfallen von der heiligen reinen Lehre , auf die wir getauft sind und die zu verkünden wir geschworen haben ! Er stand bei diesen Worten endlich von seinem Platze auf , und ging in der Stube auf und nieder , in so ernste Gedanken versenkt , daß die gutmüthige und ängstliche Frau , die zu ihrem Gatten wie zu dem Urquell aller Weisheit emporschaute und zu ihm als zu einem Muster gewissenhafter Redlichkeit aufsehen durfte , ihn nicht mehr unterbrach , und schweigend überlegte , wie es hier noch werden , und was ihr und ihrem Manne und ihrem Sohne noch für Unglück beschieden sein könne . Während dessen fuhr der junge Mann , welcher , ohne es zu wissen , den Anlaß zu dem Kummer der Pfarrerin gegeben hatte , in fröhlichster Stimmung durch das Dorf . Er freute sich des Sonnenscheins und der Wärme , er sah die weißen Wölkchen an dem hellen Himmel mit dem träumerischen Wohlgefallen eines Kindes über sich hingleiten , er warf , als er durch Rothenfeld kam , einen freundlichen Gruß nach dem Amtshause hinüber , aus dessen offenem Fenster die hübsche Schwester des jungen Amtmannes neugierig nach dem Fremden hinausguckte , und er gewahrte dann mit Behagen , wie das Schloß sich immer deutlicher vor seinen Augen entfaltete . Seine Gedanken gewannen dadurch eine bestimmte Richtung , das hindämmernde Wohlgefühl machte ernsteren Ueberlegungen Platz . Er erkannte , nach den Zeichnungen , die man an ihm übersendet hatte , die Stelle , welche für den Kirchenbau bestimmt war , und die Ueberzeugung , die er schon brieflich mehrfach ausgesprochen , daß der geweihte Ort nicht der rechte Platz sei , daß die Kirche von dem Punkte aus lange nicht die Wirkung machen würde , die sie haben könnte , wenn man sie auf der kleinen Höhe aufrichtete , welche sich am Ende des Parkes , fast dem Schlosse gegenüber , erhob , stellte sich ihm jetzt als eine Gewißheit dar . Dazu sah er , daß man ihm auch über das Terrain nicht mit der nöthigen Sachkenntniß berichtet habe . Der Boden in Rothenfeld war keineswegs so trocken , als man ihn geschildert hatte und wie er sich an der Oberfläche zeigte . Ueberall , selbst ganz in der Nähe des Bauplatzes , kamen Quellen zum Vorschein , und wenn man auch bei der Grundsteinlegung für die Kapelle nicht auf Wasser gestoßen war , so konnte es nicht fehlen , daß man jetzt , da man für den Kirchenbau ein ganz anderes Fundament zu legen und deßhalb viel tiefer zu graben hatte , nothwendig auf Wasser kommen mußte , das zu beseitigen jedenfalls Schwierigkeiten und unnöthige und bedeutende Kosten veranlassen konnte . Wer es mit einer Arbeit , einem Gewerbe oder Geschäfte zu thun hat , das seiner Natur nach die beständige Anwendung des streng urtheilenden Verstandes erfordert und in dem sich das Abweichen von dem Gesetze und der Regel stets augenblicklich und ersichtlich rächt , der gewöhnt sich , die Unterordnung unter das Vernünftige und Zweckmäßige , deren er sich zu befleißigen hat , auch bei anderen Menschen vorauszusetzen . Er wird , wie groß sein Gemüthsleben und sein Schönheitssinn daneben auch sein mögen , vor allen Dingen ein praktischer Mensch , und kann es sich nicht erklären , daß Andere sich mit launenhafter persönlicher Willkür gegen das von der Vernunft und Nothwendigkeit Gebotene auflehnen mögen . So hatte denn Herbert das Schloß noch nicht erreicht , als es bei ihm feststand , daß man die Kirche nicht in Rothenfeld , sondern auf der Höhe in Richten erbauen müsse . Er erwog daher im Geiste nur die Aenderungen , welche sein Entwurf durch die ihm unerläßlich dünkende Verlegung der Kirche zu erleiden haben würde , und fuhr mit dem heiteren Bewußtsein , dem Baron zweckmäßige und darum willkommene Vorschläge machen zu können , in den Schloßhof ein . Der Diener , welcher ihm sein Zimmer anwies , bemerkte ihm , daß man um ein Uhr speise , daß die Herrschaft ihn zur Tafel erwarte , und es blieb Herbert daher nur eben die Zeit , sich für sein erstes Erscheinen in der Familie des Freiherrn angemessen umzukleiden . Er war achtundzwanzig Jahre alt und ein schlanker braunäugiger Mann , voll heiterer Sicherheit im Betragen . Er war im Wohlstande aufgewachsen , hatte zu seiner künstlerischen Ausbildung Italien , England und Frankreich bereist und war , da er ein hübsches Vermögen durch seinen Vater für sich erworben wußte , durchaus darauf gestellt , seinen Platz in der Welt nach seinem Sinne auszufüllen und zu behaupten . Verschiedene Bauten , die er trotz seiner Jugend in seiner Vaterstadt und in deren Umgebung bereits ausgeführt , hatten ihm einen guten Namen gemacht , so daß sein Vater ihn mit Fug und Recht dem Freiherrn hatte empfehlen können , als dieser bei dem alten Freunde um einen Architekten für seinen Kapellenbau nachgefragt . Man hatte sich dann schriftlich in Verbindung gesetzt , und Bauherr und Architekt waren mit dem gegenseitigen Verhalten so wohl zufrieden gewesen , daß Herbert sich der bevorstehenden persönlichen Bekanntschaft mit dem Freiherrn , von dem er , seit er denken konnte , hatte sprechen und Gutes sagen hören , lebhaft erfreute . Er war bereits selbstständig und Weltmann genug , um sich von der Begegnung mit vornehmen Leuten keine besondere Vorstellung zu machen , und doch noch in dem Alter , in welchem die Aussicht , mit einem gebildeten Edelmanne täglich zu verkehren und für eine längere Zeit der Hausgenosse der schönen Schloßherrin zu werden , ihn reizte und beschäftigte . So ging er denn nicht ohne Achtsamsamkeit daran , sich für die bevorstehende Zusammenkunft zu kleiden . Sein ungepudertes Haar wallte ihm frei um den Nacken , das erbsenfarbene Beinkleid und die niedrigen Klappstiefel zeigten , wie gut er gewachsen sei , der braune , weit vom Halse abfallende Frack ließ mit seinen langen schmalen Schößen den ganzen Vorderkörper frei , die Weste schlug in breiten , spitzen Rabatten auf der Brust zurück , das weiße Halstuch , das große Jabot , die dunkle Camee in demselben und die Uhrkette mit den vielen Berloques würden von jedem Incroyable in Paris als tadellos befunden worden sein . Auch gestand Herbert es sich mit unschuldiger Selbstgefälligkeit , daß er sich wohl sehen lassen dürfe . Herzlich guten Muthes folgte er dem Diener , der ihn zur Tafel rufen kam , und es gefiel ihm , daß er auf diese Weise nicht erst jenes Examen des gesellschaftlichen Verkehrs zu bestehen haben sollte , welches vornehme Herren mit Jedem anzustellen sich für verpflichtet halten , dessen Kräfte sie irgendwie in ihrem Dienste verwenden , dessen Arbeit sie bezahlen . Sechzehntes Capitel Die breite Stiege hinauf geleitete der voranschreitende Diener den jungen Baumeister über den weiten Flur und durch ein Vorgemach nach dem Zimmer der Baronin , dann öffnete er ihm die Thüre desselben , um ihn eintreten zu lassen . Der Baron stand auf , als er Herbert erblickte , ging ihm freundlich entgegen und sagte , indem er ihm die Hand reichte : Willkommen , lieber junger Mann , und doppelt willkommen , denn ich begrüße in Ihnen den Sohn eines werthen Jugendgefährten und zugleich den Mitarbeiter an einem Werke , dessen Ausführung mir und der Baronin eine Gewissenssache ist . Je eifriger Sie sich daran halten , es seiner Vollendung entgegen zu führen , um so mehr werden die Baronin und ich es Ihnen danken . - Er führte ihn damit Angelika zu , die ihn ebenfalls willkommen hieß ; aber ihren Worten und ihren Mienen fehlte der Ausdruck der Freundlichkeit , die der Baron ihm bewiesen hatte , und wie ein erkältender Hauch fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn : dieser Frau mißfalle ich ! Wie dies geschehen könne , da er kaum noch ein Wort gesprochen und da er gewohnt war , durch seine Erscheinung sonst ein günstiges Vorurtheil für sich zu erwecken , das begriff er allerdings nicht ; indeß er war sicher , sich in seiner Voraussetzung nicht zu irren . Der beobachtende Blick , mit welchem Angelika ihn betrachtete , dünkte ihm mit einem spottenden Zuge um ihre Lippen in Verbindung zu stehen , und obschon er sich es nicht leugnen konnte , daß sie schön sei , fühlte er sich dennoch von ihr eher abgestoßen , als angezogen . Die heitere Zuversicht , mit der er ihr genaht war , ging ihm dadurch verloren ; er sagte sich , daß man mit dieser Frau auf seiner Hut sein müsse , und er nahm sich vor , ihrem adeligen Stolze sein unabhängiges bürgerliches Wesen und sein freies Künstlerbewußtsein mit fester Entschiedenheit entgegenzusetzen . Der Baron fragte ihn nach seinem Vater , erinnerte daran , wie dieser , als er aus Italien zurückgekehrt , hier im Schlosse die Eltern und die Schwester des Freiherrn gemalt und dieselben Zimmer bewohnt habe , welche man Herbert jetzt angewiesen hatte . Er machte ihn dabei auf die erwähnten vortrefflichen Portraits aufmerksam , welche an den Wänden hingen ; und da der Sohn Gelegenheit fand , des Vaters Arbeit von Herzen zu bewundern , würde er bei der Zuvorkommenheit , mit welcher der Baron ihn behandelte , sich sehr behaglich gefühlt haben , hätte nur die Baronin aufhören wollen , ihn zu betrachten , oder sich entschließen mögen , an dem Gespräche irgend einen Antheil zu nehmen . Es war ihm daher wirklich eine Erleichterung , als endlich ein leises Lächeln über ihre Mienen flog und sie , gegen ihren Gatten gewendet , die Frage that , ob Monsieur Herbert geraden Weges von Paris komme . Der junge Mann , den es schon verdroß , daß die Baronin diese Frage , die ihm auffallen mußte , da er alle seine Briefe an den Baron aus seiner Vaterstadt geschrieben hatte , nicht an ihn selber richtete , übernahm eben deßhalb die Antwort selbst und sagte ihr , daß er schon über Jahr und Tag wieder in der Heimath gewesen sei . So kleidet man sich also auch bei uns schon nach der neuen Sitte der revolutionären Franzosen ! bemerkte sie weiter , und der Ausdruck ihres Mißfallens trat nun deutlich und bestimmt hervor . Herbert mußte ihn beachten , aber eben , weil er das that , entgegnete er : Die Mode , gnädige Frau Baronin , ist bei uns von den aus Frankreich entflohenen Edelleuten eingeführt worden , welche in dieser bürgerlichen Tracht über die Grenze zu uns gekommen sind . Und wenn sie es dann nachher auch für gut befunden haben , den Haarbeutel und den seidenen Strumpf wieder anzulegen , so sind für uns geringere Leute , für uns , die wir arbeiten müssen , das unfrisirte Haar und der Stiefel weit angemessener , als der Zopf und die Escarpins , die uns sogar zu Sclaven des Friseurs und der Witterung machen . Er hatte das absichtlich mit ziemlicher Schärfe gesprochen und erwartete daher , eine Antwort zu erhalten , welche möglicher Weise jeden Zusammenhang zwischen ihm und den Herrschaften für immer zerstören konnte . Indeß die Baronin hatte Rücksichtnehmen von Jugend auf gelernt und war stolz genug , bei den Personen , welche sie nicht als Ihresgleichen ansah , nur dasjenige zu hören und zu verstehen , was ihr genehm war . Sie war als echte Aristokratin bisweilen nachsichtig aus Hochmuth und , wo es ihr paßte , trotz ihrer Jugend duldsam aus Berechnung . Da sie nun obenein bemerkte , daß ihr Gatte mit dem Empfange , welchen sie dem Architekten bereitete , unzufrieden war , und da sie selbst es bedauern mochte , einen jungen Mann , auf dessen gute Dienste sie sich Rechnung gemacht hatte , gegen sich aufgebracht zu haben , so lenkte sie nun plötzlich ein und meinte : Sie haben Recht , mein Herr , und ich habe mich geirrt . Verzeihen Sie , daß ich Ihren besonderen Fall nicht bedacht und Ihnen meine Ueberraschung über die neue Mode , die ich zum ersten Male in der Wirklichkeit vor Augen sehe , ausgesprochen habe . Ich leugne es nicht , ich hege gegen diese Kleidung eine gewisse Abneigung , seit man uns neulich aus der Hauptstadt die Bilder der Männer zur Ansicht geschickt hat , welche sich in Paris als Vaterlandsfreuude und als Helden geberden , während sie doch Empörer und Rebellen sind . Zudem lebt eine verehrte Freundin , eine Verwandte von uns , die Frau Herzogin von Duras , in unserem Hause , welche genöthigt gewesen ist , aus ihrem unglücklichen Vaterlande zu entfliehen , und ich stellte mir vor , wie unangenehm der Anblick einer Kleidung sie berühren müsse , die in ihren und auch in meinen Augen , zu einem Symbol der - der Zustände geworden ist , vor denen Gott uns gnädig bewahren wolle . Sie hatte die letzte Wendung offenbar beschönigend gewählt , denn der Ton ihrer Stimme verrieth , daß sie einen stärkeren und härteren Ausdruck zurückhalte , und weit davon entfernt , eine versöhnliche Wirkung auf Herbert hervorzubringen , erhöhte die Art von herablassender Schonung , die sie ihm angedeihen ließ , nur das Mißfallen , das Angelika ihm einflößte . Er war fest entschlossen , dieser Frau nicht nachzugeben , und er schickte sich eben zu einer , wie es ihm schien , gebührenden Antwort an , als der Freiherr den unangenehmen kleinen Vorfall damit zu beenden versuchte , daß er ihn in das Scherzhafte zog . Es wird also , sagte er lächelnd , unserem jungen Baumeister , wenn er sich anders Deiner Zustimmung und der Gnade der Frau Herzogin erfreuen will , nichts Anderes übrig bleiben , als ein habit habillé anzulegen , wenn er ein solches mit sich führt , und sich die Dienste meines Kammerdieners gefallen zu lassen . Wenn die Gunst der Frau Baronin und der Frau Herzogin einzig durch einen solchen Kleidungswechsel zu erlangen ist , so bin ich leider in der übeln Lage , auf diese Gnade verzichten zu müssen , entgegnete der junge Mann gleichfalls im Tone des Scherzes , obschon er sich zu einem solchen nicht aufgelegt fühlte . Mit dem habit habillé , mit dem Puder und dem Zopfe habe ich ein für alle Mal gebrochen . Die Baronin entschloß sich , diese Erklärung mit anscheinender Heiterkeit hinzunehmen und dem jungen Manne zu wiederholen , daß er für sich und von seinem Standpunkte aus sicherlich das Rechte thue . Aber er mißfiel ihr mehr und mehr , ja , er mißfiel ihr ganz besonders deßhalb , weil sie sich ' s eingestehen mußte , daß er ein schöner Mann und in dem Vollbesitze derjenigen Vorzüge sei , welche sie sich gewöhnt hatte , als ein besonderes Erbtheil des Adels zu betrachten . Seine Haltung war vornehm , seine Redeweise besser , als die der meisten ihrer Standesgenossen , welche das Deutsche nur fehlerhaft zu sprechen wußten , und sie hatte im Grunde an ihm nichts auszusetzen , als daß er , der gekommen war , ihrem Hause bezahlte Dienste zu leisten , sich ihr als einen Ebenbürtigen und Freien gegenüber stellte . Und wie Herbert Anfangs sich gesagt hatte : dieser Frau mißfalle ich ! so sagte er sich jetzt , daß ihm niemals eine Frau so sehr mißfallen habe , als Angelika . Es war gut für alle Theile , daß die Herzogin und ihr Bruder sich zu ihnen fanden und der Diener die Meldung machte , daß die Mahlzeit aufgetragen sei . Der Baron stellte Herbert seinen Gästen und dem Caplan vor , der sich inzwischen auch zu ihnen gesellt hatte , und wenn die Herzogin und der Marquis auch nicht sonderlich auf den jungen Baumeister achteten , so lag doch wenigstens nicht die abweisende Kälte in ihrer Begrüßung , mit der Angelika ihn aufgenommen hatte . Beide , die Herzogin sowohl als der Marquis , waren es durch die Erfahrungen der letzten Jahre gewohnt worden , ihre Haltung nach den Umständen einzurichten , sich in der Fremde