Erste Scene . Gräfin Terzky , Thekla , Fräulein von Neubrunn . Thekla unterstrichen . Ich danke Ihnen , Thekla ! Das ist ein Zufall ! rief die erröthende Dichterin , das Buch , welches ihr Oswald mit einer ironischen Verbeugung wieder überreicht hatte , an ihren Busen drückend . Ich schwöre es Ihnen bei allen neun Musen , daß dies ein Zufall ist . Und ich schwöre Ihnen beim Vater Apollo selber und bei sämmtlichen übrigen Olympiern dazu , daß ich an keinen Zufall glaube , höchstens an den glücklichen , der mich heute Abend wider alles Erwarten mit einer Freundin - ich darf Sie ja wohl so nennen ? - zusammengeführt hat . Ob Sie mich so nennen dürfen ? rief die Dichterin , Oswald ' s Arm zärtlich an sich pressend ; ob Sie es dürfen ? O , glauben Sie mir , Stein , ich bin seit dem Augenblicke , da Sie den Fuß über unsere niedrige Schwelle setzten , Ihre Freundin gewesen ; ich habe Sie stets in Schutz genommen , wenn prosaische Gemüther , die keine Ehrfurcht vor dem Großen und Schönen haben - Primula mußte dem überströmenden Quell der Zärtlichkeit , welchen Oswald so glücklich erschlossen hatte , Einhalt thun , denn sie langte in diesem Augenblicke in dem Nebenzimmer an , wo ein Theil der Gesellschaft um einen langen Tisch , der mit einem weißen Tuch bedeckt und mit zwei Lampen und zwei Lichtern erleuchtet war , bereits Platz genommen hatte . An dem oberen Ende stand Frau Director Clemens , die Gründerin und Leiterin des » dramatischen Kränzchens « , überschaute ihre Gesellschaft wie ein Hirt die Heerde und wies den noch umherirrenden Gliedern ihre Plätze an , wobei sie heftig mit ihren starken Armen gesticulirte und ihre tiefe Stimme lauter erschallen ließ , als vielleicht unumgänglich nöthig war . Setzen Sie sich zu Fredegunde , Doctor Breitfuß ! Wollen Sie neben meiner Tochter Thusnelde Platz nehmen , Doctor Stein ! Frau Professor Jäger , Sie placiren sich gefälligst bei Professor Snellius ; Professor Jäger , Sie bei Frau Doctor Kübel . So , nun säßen wir ja endlich ! Frau Director ergriff nun eine große Schelle , die vor ihr auf dem Tische stand , und begann damit eine halbe Minute lang mit der Energie eines Parlamentspräsidenten zu läuten , der die zornigen Stimmen einiger hundert durcheinander schreiender Volksvertreter übertönen will . Da die absolute Stille , welche in der Gesellschaft herrschte , endlich durchaus keinen Vorwand für die Entfaltung einer so energischen Kraftanstrengung mehr bot , so setzte Frau Director die Schelle wieder auf den Tisch und ergriff statt derselben einen halben Bogen Papier , auf welchem , wie auf einem Theaterzettel die Rollen des Stücks nebst den betreffenden Personen der Gesellschaft , denen sie zugetheilt waren , verzeichnet standen . Meine Damen und Herren ! sprach sie darauf , die Mienen der zu ihr aufschauenden Gemeinde wohlgefällig musternd ; Sie wissen , daß wir in der viertletzten Sitzung Wallenstein ' s Tod von Schiller für die diesmalige Zusammenkunft ausgewählt haben . Da in dem herrlichen Stück leider mehr Rollen sind , als wir besetzen können , so sah ich mich genöthigt , unterschiedliche , die mir weniger wichtig schienen , zu streichen . Indessen blieben doch auch so noch einige unbesetzt und würden unbesetzt geblieben sein , wenn uns nicht einige liebe Gäste heute Abend mit ihrer Gegenwart erfreut und mir es durch ihre gütig zugesagte Unterstützung möglich gemacht hätten , den Rollenzettel ganz nach meinem Wunsch anzufertigen . Obgleich nun die Meisten von Ihnen schon wissen , welches ihre Rolle ist , so will ich der Ordnung wegen und vor allem unserer lieben Gäste halber den Zettel von Anfang an noch einmal vorlesen . Frau Director räusperte sich und las unter dem ehrfurchtsvollen Schweigen der Gesellschaft : Wallenstein Director Clemens . Octavio Piccolomini Professor Snellius . Max Piccolomini Doctor Wimmer . Terzky Fredegunde Clemens . Illo Doctor Kübel . Buttler Doctor Breitfuß . Gordon Frau Doctor Kübel . Seni Fräulein Ida Snellius . Herzogin Frau Professor Snellius . Gräfin Terzky Meine Wenigkeit . Thekla Thusnelde Clemens . Fräulein Neubrunn Marie Kübel . Schwedischer Hauptmann Doctor Stein . Deveroux , Macdonald Herr und Frau ( Hauptleute in der Professor Jäger . Wallenstein ' schen Armee ) Oswald , dem diese originelle Besetzung nicht wenig Vergnügen gemacht hatte , mußte sich auf die Lippen beißen , um nicht laut herauszulachen über die albernen Gesichter , welche die beiden Letztgenannten machten , als sie ihre Namen in so inniger Verbindung mit den Namen der Mörder des Helden nennen hörten . Der Professor Jäger zog die Mundwinkel so tief herunter , wie Oswald es noch nie beobachtet hatte , und Primula , die so weiß wie der Spitzenkragen auf ihrem gelbseidenen Kleid geworden war , schien die größte Luft zu haben , in Thränen auszubrechen . Das also war der Triumph , den er , den sie sich für den heutigen Abend versprochen hatten ! War dies das gastfreundliche Haus von Menschen , die sich so viel auf ihre vollendete Humanität zu gute thaten ? war es die bluttriefende Höhle verthierter Troglodyten ? War er der Interpret der Fragmente des Chrysophilos , oder war er es nicht ? War sie die gefeierte Dichterin der Kornblumen , oder war sie es nicht ? Brach nicht ein Schrei der Entrüstung aus den Kehlen Aller , die mit eigenen Ohren die Entweihung in Wissenschaft und Kunst so berühmter Namen vernommen hatten ? Der Professor und die Professorin sahen sich über den Tisch mit Augen an , in welchen ein aufmerksamer Beobachter diese und noch mehr Fragen der Art hätte lesen müssen ; ließen sodann ihre Blicke über die Tafelrunde schweifen , den Eindruck zu erkunden , den eine solche Blasphemie auf die Anwesenden nothwendig hervorgebracht haben mußte . Aber Niemand schien etwas Besonderes in diesem schmählichen Hohn auf alle gelehrte und dichterische Berühmtheit zu finden , Niemand , mit Ausnahme vielleicht des alten dicken Doctor Kübel , der einen erstaunt fragenden Blick des Professors mit einem freundlichen Grinsen erwiderte , und Oswald , welcher Primula , die auf der linken Seite neben ihm saß ( auf der rechen hatte er Thusnelda Clemens ) , zum Zeichen seines Beileids unter dem Tische die Hand drückte . Im Uebrigen achtete Niemand auf die verhöhnten Dulder ; Jeder war in Gedanken mit seiner Rolle und mit dem Eindruck , den er auf die Uebrigen hervorbringen würde , beschäftigt und erwartete nur das Signal zum Anfang , das jetzt von der Directorin durch ein minutenlanges Läuten mit der Glocke gegeben wurde . Der Director Clemens stellte nun in seiner sanftesten Redeweise an Fräulein Ida Snellius die Aufforderung , herabzukommen , da der Tag anbreche und Mars die Stunde regiere ; worauf ihn die angeredete junge Dame mit einer Stimme , die entweder durch die zu große Entfernung des Astronomen , oder durch die Befangenheit der Vortragenden bis zur Unhörbarkeit undeutlich war , bat , » sie noch die Venus betrachten zu lassen , die eben aufgehe und wie eine Sonne im Osten glänze . « Diesem interessanten Aufgang entsprach das Uebrige vollkommen ; Director Clemens machte aus dem Wallenstein das sanfte Mitglied einer friedlichen Brüdergemeinde , Professor Snellius aus dem klugen , verstellungsreichen Octavio einen überaus hölzernen Pedanten ; Doctor Wimmer winselte und heulte den edlen Sohn des unedlen Vaters so , daß unnennbarer Jammer jedes fühlende Herz befallen mußte ; Doctor Kübel schien den wilden Illo für die Waschfrau Chamisso ' s und Doctor Breitfuß den verschlossenen Buttler für einen marktschreierischen Zahnbrecher zu halten ; Gräfin Terzky wurde in Frau Director Clemens Munde zu einem Pappenheimischen Kürassier und Thekla in dem ihrer Tochter Thusnelde zu einem verliebten Nähmädchen . Und dabei dieser heilige Eifer , der offenbar Alle beseelte , und sie trieb , schon lange bevor sie wieder an die Reihe kamen , in ihrem Buche nach ihrer Rolle zu blättern , wodurch ein fortwährendes geheimnißvolles Rauschen und Rascheln hervorgebracht wurde ; diese ungeschminkte Begeisterung , mit welcher man besonders hervorragende Leistungen , wie die des Collegen Wimmer , aufnahm ; diese selbstlose Bescheidenheit , mit welcher sich weniger begabte Talente , wie Fräulein Marie Kübel , eine Zurechtweisung von Seiten der Directorin Clemens gefallen ließen , welcher nach den Statuten des Kränzchens das Recht zustand , den Leser zu unterbrechen und ihn auf diesen oder jenen Fehler im Vortrage aufmerksam zu machen ! Unterdessen saß Professor Jäger in seinem Stuhle zusammengekauert unbeweglich da , die Winkel des Mundes so energisch nach unten gezogen , daß die Linie desselben die Gestalt eines Hufeisens beschrieb , während er mit den kleinen grünen Augen über den Rand seiner großen runden Brillengläser seine Gattin , die Gefährtin seiner Leiden , die Theilhaberin seiner Schmach , anblinzelte . Die Dichterin warf sich bald mit untereinander geschlagenen Armen in den Stuhl zurück und ließ die Blicke an der Decke haften , bald lehnte sie sich vornüber und stützte das kornblumengeschmückte Haupt in die Hände . Jetzt lächelte sie das Lächeln unsäglichster Verachtung ; jetzt gähnte sie , wie von der entsetzlichsten langen Weile gequält . Oswald war äußerst begierig , zu sehen , was sie thun würde , wenn an sie die Reihe käme ; denn sie hatte ihm schon gleich zu Anfang in fieberhafter Aufregung zugeflüstert : Ich lese nicht ; verlassen Sie sich darauf : ich lese nicht . Aber seine Neugier sollte nicht so schnell befriedigt werden , denn nachdem sich Herr Wimmer am Schluß des dritten Actes mit Aufbieten all seiner Stimmmittel » zum Sterben bereit « erklärt hatte , begann Frau Director Clemens wiederum mit aller Macht zu läuten und gab damit das Signal zu der großen Pause , welche ( nach § . 25 der Statuten ) bei fünfactigen Stücken jedesmal nach dem dritten und bei vieractigen nach dem zweiten Act eintrat , und in welcher ( nach § . 26. ) Wein und Backwerk zur Erfrischung gereicht werden mußte . Um den Bestimmungen dieses Paragraphen nachzukommen , verließ man den Tisch und begab sich nach dem Salon in der lebhaft angeregten Stimmung einer Gesellschaft , die eben von einem hohen Kunstgenuß kommt . Man saß und stand mit den Gläsern in der Hand im Zimmer umher und sprach von dem Stücke und von der Declamation . Man war darüber einig , daß College Wimmer diesmal , wie stets , den Preis davongetragen habe , und daß Fräulein Marie Kübel noch immer nicht laut genug spreche , obgleich ihre Fortschritte im Allgemeinen zu loben seien . Die Herren stellten sich untereinander Censuren aus und gaben sich natürlich gegenseitig die Nummer Eins . Die Damen sprachen von dem herrlichen Dichter , von dem keuschen Adel seiner Verse . Fräulein Ida Snellius behauptete , daß Schiller sie vielfach an Euripides erinnere , und nun wirbelten die Namen Sophokles , Goethe , Shakespeare , Schiller , Aristophanes , Calderon , Aeschylus , Plautus und Terenz wie Schneeflocken durcheinander . Oswald spähte nach der Dichterin der Kornblumen , die er seit dem Anfang der Pause aus den Augen verloren hatte . Er fand sie in einer Fensternische des zweiten Salons ( sonst jungfräuliches Schlafgemach der beiden Fräulein Clemens ) mit ihrem Gemahl eifrig flüstern . Er wollte sich bescheidentlich zurückziehen ; aber Primula sprang , sobald sie ihn erblickte , auf ihn zu , ergriff seine Hand und zog ihn mit in die Fensternische . Reden Sie leise , sprach Primula mit hohler Geisterstimme . Was giebt es ? fragte Oswald in demselben Ton . Sie sollen mir sagen , ob ich lesen darf ? hauchte Primula . Jäger hat kein Gefühl für diese Schmach . Doch , Gustchen , doch ! flüsterte der Professor ; aber ich möchte eine Scene vermeiden ; ich bitte Dich , Gustchen , was werden die Leute sagen , wenn - o , ich darf gar nicht daran denken . Ich möchte mich der Meinung des Herrn Professor anschließen , sagte Oswald , ich sehe nicht , wie Sie gerettet werden können , nachdem Sie einmal in die Löwengrube gefallen sind . Ich , die Dichterin der Kornblumen ein Mörder , ein feiler Meuchelmörder , wimmerte Primula , nimmermehr , nimmermehr ! Es ist schändlich , bestätigte Oswald , aber der Interpret des Chrysophilos ist in derselben Lage , und Sie sehen : er erträgt mit Würde sein hartes Loos . Ein Händedruck des eitlen Professors belohnte Oswald für diese Schmeichelei . O , Ihr Männer habt kein Gefühl für Beleidigungen , schluchzte Primula , nun gut , ich will es versuchen , aber wenn - Das Sturmläuten der Präsidentinglocke aus dem Nebenzimmer , ließ Primula ihren Satz nicht beendigen . Sie schritt den beiden Herren voran mit der Miene Jemands , der , geschehe , was da will , seinen Entschluß gefaßt hat . Jetzt kommt bald an Sie die Reihe , College , sagte Herr Wimmer zu Oswald ; während man ( unter fortwährendem Sturmläuten ) wieder Platz nahm ; ängstigen Sie sich nur nicht , und lesen Sie frisch drauf los . Wenn ' s auch das erste Mal ein wenig hapert ; das nächste Mal geht es schon besser und die Uebung macht den Meister . Den ich in Ihnen verehre und bewundere ; erwiderte Oswald , sich verbeugend . Nun , nun ! sagte Herr Wimmer , sich lächelnd durch die Haare fahrend ; es könnte noch besser sein . Freilich , als ich vor einiger Zeit Holtei hörte , gestehe ich , daß mir das alte Wort : » Anch io son ' pittore « unwillkürlich auf die Lippen kam . Ich glaub ' es gern ; versicherte Oswald . Die Glocke schwieg und College Breitfuß erhob ( als Oberst Buttler ) seine Stimme und schrie , daß die Fenster klirrten : » Er ist herein . Ihn führte das Verhängniß . « Die Mordnacht in dem Schlosse zu Eger entwickelte sich nun rasch von Scene zu Scene . Oswald war so gespannt darauf , wie Primula sich benehmen würde , deren Aufregung , je mehr man sich dem verhängnißvollen Augenblick näherte , sichtbar zunahm , daß er die Nachricht des Fräulein Neubrunn , » der schwedische Herr « sei da ; ohne alles Herzklopfen vernehmen und vier Zeilen später ganz kalblütig die Prinzessin Thekla - Thusnelde wegen seines » unbesonnenen , raschen Wortes « um Verzeihung bitten , ja sogar die auffallende Wärme des Tons , mit welchem Fräulein Clemens die Worte sprach : » Ein unglücksvoller Zufall machte Sie Aus einem Fremdling schnell mir zum Vertrauten « gänzlich überhören konnte , obgleich dieser Ton Herrn Wimmer alles Blut zum Herzen trieb und Fredegunde ob desselben ihrem Doctor Breitfuß einen sehr bezeichnenden Blick zuwarf . Er achtete nicht des beifälligen Gemurmels , das ihm seine Erzählung von dem Tod des Reiterobersten einbrachte ; auch die folgenden Auftritte gingen spurlos an ihm vorüber , bis denn endlich das verhängnißvolle Netz sich ganz über dem Haupte des Friedländers zusammenzieht und der finstere Buttler in der Heimlichkeit seines Zimmers die Mörderrollen vertheilt . Schon ist Major Geraldin mit seinem blutigen Auftrage davongeeilt und - jetzt ist der Augenblick gekommen , wo auf der Bühne der Vorhang sich auseinanderthut und die grimmen Hauptleute Deveroux und Macdonald in Koller und Kanonen , die langen Schwerter an der Seite , vor ihrem Regimentschef erscheinen . Was wird sie thun ? dachte Oswald , der sah , daß das Gesicht der Dulderin bald blaß und bald roth wurde , sie wird nicht lesen . Aber Primula überwand den edlen Unwillen , der ihr Herz schwellen machte , räusperte sich und sagte mit der sanften Stimme einer Heiligen , die sich in die Hände der Henkersknechte giebt : » Da sind wir , General . « Die Directorin , welcher , da es doch zwei waren , der Accent auf mir liegen zu müssen schien , verbesserte , kraft des ihr nach § . 73 der Statuten zustehenden Rechtes : » Da sind wir , General . « Das war zu viel . Die zu straff gespannte Bogensehne riß ; die beleidigte Dichterin erhob sich , klappte ihr Buch zu und sagte mit bleichen Lippen : Es thut mir leid , wenn ich die Gesellschaft durch meine Erklärung , nicht weiter lesen zu können , stören sollte . Aber , da ich eine Rolle , zu der ich mich - mit Gewalt - zwingen muß , nicht einmal lesen - kann - ohne - Sie konnte nicht weiter sprechen und brach , in ihren Stuhl zurücksinkend , in ein convulsivisches Weinen aus . Die Bestürzung , welche durch dieses Benehmen Primula ' s in der harmlosen Gesellschaft hervorgebracht wurde , konnte nicht größer sein . Man sprang von den Stühlen empor ; man drängte sich um die schluchzende Dichterin ; man fragte einander , was der Professorin fehle ? und den Professor , ob seine Gemahlin oft dergleichen Anfälle habe ? Niemand ahnte die eigentliche Ursache von diesem Zustande , dem die Herren durch Zureden , die Damen durch Eau de Cologne beizukommen suchten . Aber Primula wollte von beidem nichts wissen . Sie sprang nach wenigen Secunden vom Stuhle auf ; erklärte mit Entschiedenheit , nach Hause gehen zu müssen , und verschwand an dem Arme ihres Gatten , der zu dieser ganzen Scene ein sehr albernes Gesicht gemacht hatte , ohne irgend Jemand gute Nacht zu sagen . In dem Augenblicke , als die , durch das Verschwinden der Gastfreunde äußerst bestürzte Gesellschaft im Salon noch durcheinanderstand und sprach , wurde Oswald ein Brief übergeben , den , wie das junge Mädchen sagte , ein junger Mann , welcher auf Antwort warte , so eben überbracht habe . Oswald erbrach das Billet , in welchem weiter nichts stand , als : Mach ' , daß Du fort kommst . Ich warte auf der Straße . Dein Timm . Oswald ließ sich einen so vortrefflichen Vorwand , aus einer Gesellschaft zu entkommen , die ihm mit jedem Augenblicke unerträglicher wurde , nicht entgehen . Er habe eine Nachricht erhalten , die ihn nöthige , sofort nach Hause zu eilen . In der nächsten Minute stand er auf der Straße . Gott sei Dank ! Daß ich fort bin ; rief er , Timm , der ihn lachend in Empfang nahm , beim Arm ergreifend und mit sich fortziehend . Konnt ' s mir denken , rief Herr Timm , daß Du Höllenpein ausstandst ; dachte , dem armen Schelm muß geholfen werden . Komm , wir wollen den gelehrten Staub , so Du verschluckt hast , mit edlem Wein hinunterspülen . Zwanzigstes Capitel Ich glaube , Helene Grenwitz ist trotz ihrer schwarzen Haare und ihrer dunklen strahlenden Augen eine heimliche Wasserfrau , sagte Sophie Robran zu ihrem Vater . Der Geheimrath lachte . Du möchtest nicht so ganz unrecht haben , sagte er , denn wenn in zwei verschiedenen physischen Medien , wie Luft und Wasser , auch physisch verschiedenartige Creaturen existiren , die keine wahre Gemeinschaft mit einander haben können , so ist nichts logischer , als daß verschiedene moralische Atmosphären , wie die , in welcher der Adel lebt , und die , in welcher wir leben , auch moralisch verschieden geartete Wesen hervorbringen müssen , die niemals so recht von Grund der Seele aus Freunde werden können . Hast Du während der Zeit , daß Du bei Fräulein Bär warst , eine Freundschaft geschlossen , die über die Pension hinaus gedauert hätte ? Doch , Papa , mit Fräulein Bär selber , erwiderte schalkhaft Sophie . Da siehst Du ' s nun ! sagte der Geheimrath mit seinem satirischen Lächeln , man kann selbst mit Bärinnen innige Freundschaft machen , aber nimmermehr mit - Wasserfrauen . Sophie konnte das Mißtrauen des Vaters , welcher ein langes Leben und eine reiche Erfahrung für sich hatte , in diesem Falle nicht theilen . Sie erklärte sich Helenens Zurückhaltung durch eine angeborene oder anerzogene Scheu , aus sich herauszutreten , und verzieh ihr diese Zurückhaltung um so lieber , als sie sich selbst keineswegs frei davon fühlte . Galt sie doch selbst im allgemeinen für schroff und kalt , sagte man ihr doch manchmal offen , daß sie , gar nicht sei wie andere junge Mädchen . Sie kann nun einmal nichts dafür , dachte sie bei sich , man soll nicht Feigen pflücken wollen von dem Dornstrauch . Helene würde gegen Dich nicht anders sein , und wenn die Robrans schon zu Zeiten Karl ' s des Großen Barone gewesen wären . Wenn Sophie an dem Nachmittage des dritten Tages nach Oswald ' s Ankunft in Grünwald , wo Helene in ihrem Zimmer saß und an ihre Freundin Miß Mary Burton schrieb , einen Blick über die Schulter der Schreiberin weg auf das Papier geworfen hätte , würde sie sich vielleicht zu ihres Vaters Ansicht , daß Wasserfrauen wenigstens mit Wasserfrauen vertraulich umgehen können , bekehrt haben . Helene schrieb : Es ist das erste Mal seit langer , langer Zeit , theuerste Mary , daß ich den Muth in mir fühle , Dir auf Deine Briefe - denn es liegt jetzt ein ganzes Packet da - zu antworten . Aber ich konnte es nicht über das Herz bringen , Dir , die Du jetzt in die große Welt , in die Du gehörst , eingetreten und neulich gar bei Hofe vorgestellt bist , - Dir , der Braut und in kurzer Zeit der Gemahlin eines englischen Peers , zu schreiben , daß ich , Helene von Grenwitz , der Du eine so glorreiche Zukunft prophezeitest , - vorläufig wieder erst einmal in die Pension zurückgeschickt bin ; in Pension geschickt wie ein ungezogenes Kind , in Pension geschickt wie ein Gänschen vom Lande ! - Du staunst , Du lächelst ungläubig ; Du lispelst ein : ' t is impossible ! und wenn Du nun endlich meinen wiederholten Versicherungen Glauben schenken mußt , so fassest Du mich bei beiden Händen und rufft : aber was heißt dies ? warum dies ? und zwingst mich , die traurige Geschichte von Anfang an zu erzählen . Nun ; ich sehe keine Möglichkeit , dieser Pein zu entrinnen , aber daß ich sie abkürze , so viel ich vermag , wirst Du begreiflich finden . Also kurz , wenn auch nicht gut . Das Verhältniß zu meiner Mutter , über das ich Dir im Anfang so befriedigend schrieb , wurde in Folge meiner entschiedenen Weigerung , die Gattin meines Vetters Felix zu werden , von Tag zu Tag schlimmer , bis der offene Bruch , den ich schon lange vorausgesehen , zuletzt unvermeidlich war . Ich habe mich bei der ganzen Affaire benommen , wie ich es mir und Dir schuldig zu sein glaubte . Es war ein heißer Kampf , das kann ich Dich versichern . Meiner Mutter entgegen zu treten , erfordert Muth , und mein Vater unterstützte mich , schwach wie er ist , nur schwach . Nun wohl ! der Kampf ist vorüber , - die Todten sind begraben und die Wunden fangen an zu heilen . Ja , Mary , die Todten ! Mein Bruno , mein Stolz , mein Ritter ohne Furcht und Tadel , mein vielgeliebter Bruno ist nicht mehr ! Er ist gestorben im Kampfe für mich und hat seine junge Heldenseele in einem Kusse auf meine Lippen ausgehaucht . Der wilde Schmerz über seinen Verlust - denn als ich ihn nicht mehr hatte , wußte ich erst , was ich an ihm besessen - machte mich stumpf und gleichgiltig gegen Alles und gegen Alle um mich her . Wie dieser Knabe mich geliebt hat , so kann und wird Niemand auf Erden mich wieder lieben . Ich war ihm Sonne und Luft und Licht , ich war ihm Essen und Trinken ; ich war ihm Schlafen und Wachen , ich war ihm das Leben . Wie oft , wenn er es mich mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen und zitternden Lippen versicherte , habe ich ihn wegen seiner Ueberschwenglichkeiten ausgelacht und gesagt : Bruno , Du bist ein Närrchen ! jetzt gäbe ich viele Jahre meines Lebens darum , könnt ' ich es aus seinem stolzen Munde nur noch einmal hören ! Eine Ahnung , die ich nicht los werden kann , sagt mir , daß ich in Bruno , mit Bruno alles , was die Erde von Seligkeit mir gewähren kann , gefunden haben würde , und daß ich mit ihm jede Aussicht auf ein irdisches Glück unwiederbringlich verloren habe . Du lächelst , Du meinst : ein Knabe ! aber ich sage Dir : Du hast Bruno nicht gekannt . Verlange nicht , daß ich Dir über dies Alles ausführlich berichte . Ich kann es nicht . Mein Herz ist zu voll . Die Erinnerung an meinen todten Liebling verläßt mich keinen Augenblick , und ich möchte am liebsten die Feder aus der Hand legen und mich satt weinen . Sag ' , Mary , soll es denn wirklich unser Schicksal sein , wie wir so oft in melancholischen Stunden behaupteten , unbefriedigt , ohne Freude , ohne Glück durch das Leben zu gehen , und ohne Hoffnung , daß die Zukunft die Wünsche der Gegenwart erfüllen wird ? Soll das Glück nur immer aufleuchten wie eine Fata Morgana - zauberisch schön und ebenso vergänglich ; oder uns stets in einer Gestalt erscheinen , die , mag ihr innerer Werth noch so groß sein , doch unseren verwöhnten Sinn , unsere Vorurtheile , wenn Du willst , verletzt ? Freilich , Dein Loos scheint ein anderes werden zu wollen . In der Sphäre , in die Du durch Geburt und Erziehung gehörst , findest Du den Mann , der Deinem Herzen theuer gewesen sein würde , selbst dann , wenn Dein Verstand die Wahl Deines Herzens nicht gebilligt hätte . Ein Held , ein Mann , ein Lord ! Glückliche , dreimal Glückliche , die Du Jemand gefunden hast , zu dem Du , stolz , wie Du bist , hinaufschauen mußt ! Lächle Dein feines , aristokratisches Lächeln über - Deine Freundin in der Pension ! Freilich , ich habe es sehr gut in dieser Pension . Man geht mit mir um , nicht wie mit einer Schülerin , sondern wie mit einem Gast , und ich bin der Vorsteherin , einem Fräulein Bär , aufrichtig dankbar für die Güte , die zarte Rücksicht , mit der sie mich behandelt , als wüßte sie Alles . Vielleicht weiß sie Alles . Dergleichen Ereignisse in Familien , wie die unsere , pflegen nicht verschwiegen zu bleiben . Habe ich selbst doch Vieles , was im genauesten Zusammenhang mit meiner Verlobungsangelegenheit steht , erst mehrere Wochen später erfahren , nicht durch meinen Vater , mit dem ich während dieser ganzen Zeit correspondirte , der mich auch ein paar Mal von Grenwitz aus besuchte ( mit meiner Mutter , die seit einigen Tagen , wie ich höre , in Grünwald ist , bin ich außer aller Verbindung ) , sondern durch eine junge Dame , ein Fräulein Sophie Robran , eine frühere Pensionärin der Anstalt , deren Bekanntschaft ich hier machte und mit der ich eine Art von Freundschaft geschlossen habe . Sie ist die Braut unseres Grenwitzer Arztes , der nach Grünwald übergesiedelt ist , und somit sind ihre Nachrichten aus guter Quelle . Sie hat mir erzählt , was erst nach meiner Abreise von Grenwitz stattgefunden und der Vater mir sorgsam verschwiegen hat , daß der junge Mann , von dem ich Dir schon im Sommer schrieb , unser Hauslehrer , der Doctor Stein , mein Ritter und mein Rächer geworden ist , insofern wenigstens , als er sich mit Felix geschlagen und meinem Herrn Vetter , eine Lection ertheilt hat , die dieser , wie ich aus derselben Quelle erfahren habe , so leicht nicht wieder vergessen wird . Ich kann Dir nicht sagen , wie wunderlich mich diese Nachricht berührte . Zuerst - Dir darf ich es ja gestehen - verletzte es meinen Stolz , daß mein Name nun mit dem Namen eines Mannes , wie Herr Stein , zusammen durch die Welt getragen werden sollte ; daß ein Fremder , ein Miethling , sich in meine Angelegenheiten keck gemischt hatte , als wäre er ein Verwandter und ein Ebenbürtiger . Aber dann dachte ich an das alte Wort , daß , wenn die Menschen schweigen , die Steine reden würden ; dachte daran , daß kein Bruder sich brüderlich , kein Ritter sich ritterlich gegen mich hätte benehmen können , als es dieser Mann vom ersten Augenblick an gethan hat : dachte vor allem daran , daß dieser Mann meines Bruno ' s theuerster Freund war - und ich vergaß meinen Stolz und fühlte nicht ohne einige Verwunderung , daß ich diesem Manne für seine viele Liebe und Güte dankbar sein konnte - ohne daß mich dieser Dank , wie es doch sonst stets bei mir ist , gedrückt hätte . Ja , noch mehr , ich fühlte ein Bedürfniß , ihn , der , wie ich hörte , auf Reisen war , wieder zu sehen , ihm persönlich meinen Dank abzustatten ; und als ich ihn heute ganz unerwartet an dem Fenster , an welchem ich saß , vorübergehen sah , da - Du wirst mich auslachen , Mary ! da fühlte ich , daß , als ich seinen Gruß erwiderte , mir alles Blut in die Wangen schoß , und , als er vorüber war , habe ich ihm noch lange nachgesehen , und dann habe ich mich in das Fenster zurückgelehnt und dem Andenken Bruno ' s , das durch Stein ' s Anblick so plötzlich und so mächtig bei mir wach gerufen wurde , heiße Thränen geweint . Ich möchte , ich könnte ihn einmal ungestört sprechen . Doch hier muß ich abbrechen . Ich höre Fräulein Robran , die mit mir zu musiciren kommt ,