, durch Gottes Gnade , ruft , so ziehen Sie ihre Seele ein wenig zurück von der buntgefärbten Aschenwelt , die Sie umgibt , und beten Sie für die arme Peri Judith , daß diese Tochter der Nacht und der Finsternis , wie der Apostel Paulus so schön sagt , in ein Kind des Lichtes und des Tages umgewandelt werde . So kann der himmlische Sinn den ganzen Plunder von Welt heiligen und nebenbei wird das Ihnen den wahrsten und richtigsten Ausdruck geben . Diese innere Sammlung würde ich freilich keiner anderen Dame hier zumuten ; da Sie aber derselben fähig sind , so haben Sie die Güte , sie in Anwendung zu bringen . « Regina war so vertraut mit dem Bestreben , sich stets innerlich gesammelt zu haben , daß ihr Ernests Zumutung gar nicht seltsam oder übertrieben erschien . Auch wußte sie , daß ein wahrhaft apostolischer Eifer , um Seelen für die Erkenntnis der ewigen Wahrheit zu gewinnen , ein Grundzug bei den geistlichen Töchtern der heiligen Therese , und die Gebetsinbrunst für diesen Zweck unter allen Umständen und in allen Verhältnissen eine Hauptaufgabe der Karmelitesse sei . Daß dieser Auftrag eine wundersame Huldigung für sie enthalte , bemerkte sie gar nicht . Demütig und dankbar antwortet sie : » Wie sind Sie gütig , Herr Ernest , mich an etwas zu erinnern , was man so leicht in dem betäubenden Getümmel aus den Augen verliert . Nun kommt doch ein vernünftiger Sinn in den charmanten Unsinn ! « Die Tableaux kamen zur Darstellung unter ungeheurem Beifall . Einige waren sehr malerisch , andere sehr elegant , alle im schönsten Lichteffekt und umwogt von passender Musik- und Gesangsbegleitung . Aber alle erbleichten vor den beiden letzten , in denen niemand figurierte , als Judith und Regina , die jede in ihrer Art und für ihre Rolle von idealischer Schönheit waren . Die Peri trug ein lichtblaues , silberdurchwirktes Florgewand , Schmetterlingsflügel von Silberflor mit Pfauenfederaugen , und über der Stirn , wo die dunkeln Wellen ihres Haares sich scheitelten , einen Stern von Saphieren , deren bläuliches Licht mit dem Schimmer von Schwermut harmonierte , der immer auf ihrem schönen Antlitz lag und der so passend für ein Wesen war , dem das Paradies verschlossen blieb . Der Engel des Lichtes trug ein weißes Gewand , mit Saum und Gürtel von Goldstickerei , große , blendend weiße Flügel , in der Rechten einen Palmzweig und um die Fülle der blonden Locken einen feinen Goldreif , den über der Stirn ein kleines Kreuz von strahlenden Brillanten zusammenhielt . So stand eine jede unter ihrer eigenen Signatur , unter dem Schönsten , was die natürliche und übernatürliche Welt aufzuweisen hat : unter dem Stern und unter dem Kreuz . Im ersten Bilde lag die Peri flehend vor dem Engel auf den Knien , der verneinend ihr entgegentritt . Im zweiten nahte sie sich hoffnungsfreudig , und der Engel reicht ihr den Palmzweig dar . Judith , die für alle Künste Talent hatte , besaß ein großes für die Mimik und verstand es meisterhaft , sowohl ihren Zügen , als ihrer ganzen Gestalt und Haltung zuerst den Ausdruck von flehender Bitte und dann von triumphierender Freude zu geben . Regina mochte wohl keine Spur von mimischem Talent haben ; allein sie nahm sich Ernest ' s Auftrag so zu Herzen , daß sich ganz natürlich eine milde Trauer um die arme Judith und eine süße Wonne bei dem Gedanken an deren Rettung in den klaren Frieden ihres schönen Angesichts mischte . » Ganz wie ein Engel , « flüsterte halblaut Ernest vor sich hin , der sich unter die Zuschauer begeben hatte . » Wie ein Engel , der die Schwingen zum Fluge in die himmlische Heimat ausbreiten wird ! « Es war finster im Saal , wie es eben sein muß , damit die richtige Beleuchtung der Bilder nicht gestört werde . Ernest wußte nicht , wer ihm ins Ohr sagte : » O schweigen Sie von Prophezeiungen des Todes . « Ernest sah sich um , erkannte in dem Sprechenden Uriel , der sein Mönchsgewand wie eine Raupenhülle abgestreift hatte , und antwortete ihm : » Sie wissen ja gar nicht , von wem ich spreche . « » Nicht ? « fragte Uriel ; » könnte man wirklich in Zweifel darüber sein , wen Sie meinen ? « » Nun , Herr Graf , wenn Sie auch die eine Meinung richtig getroffen haben , so irren Sie doch in der anderen . Ich dachte nicht an Todesprophezeiungen , sondern drückte mich nur figürlich aus , um das Schwunghafte in diesem Engel des Lichtes zu bezeichnen . Ist denn die Gräfin Regina kränklich ? fürchtet man für ihre Gesundheit ? « » Nein , gar nicht ! Aber ich weiß nicht , wie es kommt , diese Bilder machen mich traurig , und es ist mir , als ob ich meine Cousine im Himmel sähe . « » Anticipando - ist das ganz richtig , Herr Graf und ich wünschte sehr , daß Sie diese Second sight auch von der Peri hätten . « » Die Peri , « sagte der vielbelesene junge Mann , der auf der anderen Seite neben Ernest stand , » die Peri ist und bleibt eine Oreade . « Ernest tat ihm den Gefallen , gutmütig zu fragen : » Warum denn gerade eine Oreade ? könnt ' es nicht auch eine Dryade sein , oder eine Najade ? die ich freilich lieber Nixe nenne . « » Keineswegs ! « sagte der Belesene . » Die Oreade muß es eben sein ; denn die Oreade ist ein Geist , der in Felsen wohnt , und der dadurch so gewiß versteinert und unnahbar ist , wie diese Peri , d.h. wie ihre Darstellerin . « Ernest dachte in seinem Sinn , es sei der Peri kaum zu verargen , wenn sie diesem Belesenen gegenüber ihren Oreadencharakter recht entschieden hervorgekehrt habe . Er fragte weiter : » Nun , und der Engel des Lichtes ? was haben Sie von dem zu bemerken ? « » Wie es in dem indischen Gedicht Nal und Damajanti heißt : Sie ist an Schönheit und Huldgeberden - Wie eine Wundersage auf Erden « - war die Antwort . » Ei ! « rief Ernest , » was Sie nicht alles wissen ! Von der griechischen Mythologie bring ' ich wohl allenfalls ein Stückchen zusammen wegen der allegorischen Manier der bildenden Künste , welche im Zeitalter der Renaissance und ihres Auswuchses , des Rokoko , in ganz Europa florierte , und von der unsereiner Notiz zu nehmen hat . Aber indische Poesie - nein ! so hoch hab ' ich mich nie verstiegen ! und was Sie für ein ausgezeichnetes Gedächtnis haben ! das ist auch beneidenswert . « » Mein Gott , « flüsterte Uriel Ernest zu , » er bringt uns ja alle vor Langeweile um mit seinen Zitaten , und Sie bestärken ihn darin ! « » Ach , « sagte Ernest , » solch harmlose Leute sind gar nicht übel und etwas sanftmütige Langeweile bei indischen und sonstigen Zitaten ist meiner Seele viel heilsamer , als die Unterhaltung durch pikante Bosheiten . « - Der Vorhang rauschte zum letztenmale nieder , die Kronleuchter wurden wieder angezündet , die Darstellungen waren zu Ende , der Ball begann . Die meisten Damen , die in den Bildern figuriert hatten , blieben in ihrem Kostüme . Regina hatte es aber für sich höchst unpassend gefunden und ihr Kammermädchen mit einem Ballanzug nach Judiths Zimmer beordert . Als sie dies Zimmer betrat , fiel ihr Blick auf die Uhr ; es war Mitternacht . » Genug der Mummerei ! « sagte sie zu dem Mädchen , das erwartungsvoll zwischen Flor , Blumen und Bändern dastand . » Ich kann unmöglich in tiefer Nacht ein Maskenkleid ablegen , um ein anderes anzuziehen . Packen Sie den Kram zusammen , Brigitte , während ich meinem Vater in zwei Zeilen schreibe , daß ich nach Hause fahre . « Als ein Diener dem Grafen dies Zettelchen überreichte , stieg Regina mit Brigitte in einen Fiaker und fuhr von dannen . Der Graf war gar nicht darüber erzürnt , suchte die Baronin Isabella auf und folgte mit ihr seiner Tochter . Im Wagen sagte er zu seiner Schwägerin : » Es war ein recht unheimlicher Abend ! Haben Sie nichts gehört ? « » Doch ! schlimme Gerüchte von einer Revolution in Paris . « » Wobei das allerschlimmste , daß die Gerüchte wahr sind ! Die Revolution ist ausgebrochen , Louis Philipp hat seinen Bündel schnüren müssen , und wir wollen dasselbe tun und unverzüglich nach Windeck zurückkehren . Die Herren von der Diplomatie und von der Bank hatten die größte Mühe , ihre bedenklich verlängerten Gesichter in den stereotypen , nichtssagenden Falten zu erhalten . Besonders der Festgeber selbst , von dem man behauptet , auch er werde sein Bündelchen schnüren müssen . « » Welche Kalamitäten verhängt doch dies beständig revolutionierende Frankreich über die Welt , und wähnt sich im Fortschritt begriffen , während es dem Abgrunde zutaumelt und andere mit hinabreißt ! « seufzte die Baronin . Revolution Die Nachrichten waren ganz richtig , und die revolutionäre Mine , welche am 24. Februar 1848 in Paris Explosion machte , setzte nach und nach alle Minen voll lange angesammeltem Zündstoff in ganz Europa in Feuer . Wie weit die Flamme um sich greifen werde , wußte niemand , und noch viel weniger , wie sie zu löschen sei . Die gesunde Vernunft ließ sich in einer Weise teils überrumpeln , teils hinter das Licht führen , teils terrorisieren , die vielleicht ohne Beispiel in der Weltgeschichte ist . Der Geist , der die Geschicke der Menschheit regiert , ließ das zu , um warnend zu zeigen , wohin die Worte Fortschritt und Freiheit führen , wenn man sie ihres wahren Sinnes , ihres Zusammenhanges mit dem Christentum beraubt und die edelsten und heiligsten Aspirationen des Menschenherzens , zu denen die Sehnsucht nach Freiheit und das Streben nach Fortschritt gehören , durch materialistische Auffassung und egoistische Deutung verfälscht und mißbraucht . Die wahre Freiheit und der wahre Fortschritt des Menschen führen ihn zu seiner Heiligung , und da es seine Bestimmung ist , hienieden an seiner Heiligung zu arbeiten , und da zwischen seiner Bestimmung und seiner Sehnsucht ein geheimer Zusammenhang besteht , so gibt es wohl wenig Herzen , die bei den Worten : Fortschritt , Freiheit kalt und gleichgiltig blieben . Aber , wenn nur auf irdischem Gebiet und mit irdischen Kräften und Mitteln jener sich schrankenlos fortbewegen , diese sich unbegrenzt entfalten soll ; wenn der Begriff der Freiheit zur willkürlichen Ungebundenheit herabsinkt und der des Fortschrittes ausartet in ein tolles Rennen für materielle Zwecke ohne übernatürliches Ziel ; wenn diese beiden Triebe des Menschen , die dazu bestimmt sind , ihn zu adeln , indem er sie der Leitung der ewigen Wahrheit und dem Dienste eines höheren Willens unterwirft , statt dessen von blinder Leidenschaft irregeführt , in das Netz der Lüge ihn verwickeln : dann gibt es wenig Waffen , welche dem Geist der Finsternis willkommener wäre , um mit ihnen seinen uralten Krieg gegen das Licht fortzusetzen , als die falsche Freiheit und der falsche Fortschritt , d.h. Willkür und Zügellosigkeit auf religiösem , sittlichem und politischem Gebiet . Dadurch wird die Welt in Barbarei gestürzt , in Nichtachtung fremden Rechtes und eigener Pflicht , in einen Individualismus , der das Gegenteil von aller Civilisation ist , weil er jeden einzelnen in einen Ismaël verwandelt , » dessen Hand gegen alle und aller Hand gegen ihn « sich erhebt . Civilisation ist die Bildung der Menschheit nach christlichen Prinzipien . Das Christentum allein ist bildend , weil sein Lebenskern das Opfer ist , weil allein es opferwillig macht und die Achtung fremden Rechtes , die Erfüllung eigener Pflicht und die heilige Notwendigkeit lehrt , den Individualismus zu beschränken , um die Einheit herbeizuführen , die einst wilde Horden samt ihren Häuptlingen , und Sklavenvölker samt ihren Neronen in christliche Staaten umgestaltete . Das Christentum allein erfaßt die Freiheit als eine freiwillige Unterwerfung von gottentstammter Autorität , und den Fortschritt als eine freiwillige Bewegung in die Richtung auf christlich-sittliche Vollkommenheit . Dieser übernatürliche Gehorsam , verbunden mit dieser übernatürlichen Strebsamkeit , entwickelt eine solche Kraft des Geistes und einen solchen Adel der Seele , daß eine Menschheit , die von diesen beiden Begriffen durchdrungen und belebt wäre , in die höchsten Bahnen der Civilisation , der harmonischen Entfaltung und Anwendung aller guten , sittlichen und geistigen Kräfte einlenken , und ihre politischen , bürgerlichen und sozialen Institutionen zu einem ihnen entsprechenden Ausdruck machen würde . Da nun ein solches Ideal wohl angestrebt , aber , vermöge der Unvollkommenheit , die allem , was Mensch ist , durch die Sünde anklebt - in allen Einzelheiten nicht verwirklicht werden kann : so sucht der gefallene unruhige Menschengeist den Grund dieser Unvollkommenheit nicht in der eigenen Schwäche und der eigenen Neigung zum Bösen , nicht in seinem Hochmute und in seiner Sinnlichkeit , welche die edelsten Institutionen entkräftigen und unwirksam machen , sondern in den bestehenden Institutionen selbst ; und da diese in ihren Grundzügen aus dem Christentum hervorgegangen sind und der gefallene Menschengeist wesentlich antichristlich ist : so ist es ihm bei Abschaffung verhaßter Institutionen im letzten Grund um Abschaffung des verhaßten Christentums zu tun , was ohne Revolution , d.h. ohne völligen Umsturz aller bestehenden Verhältnisse unmöglich ist . Die Worte , die das Christentum so erhaben deutet und durch sie auf die Bahn des Heiles hinweist und hinzieht , behält er bei , der gefallene Menschengeist , ja er macht sie recht zu seinen Losungsworten , weil die Herzen gewöhnt sind , für sie zu entbrennen ; nur aber verfälscht er ihren Begriff dergestalt , daß sie förmlich in ihren Gegensatz umschlagen , daß Fortschritt genannt wird , was eine unmäßige Steigerung der niederen Fähigkeiten und Tätigkeiten auf Kosten des höheren ist ; und Freiheit , was der Rausch eines Sklaven , der gekettet an subjektive Ansichten und selbstsüchtige Leidenschaften ist , und Civilisation , was Versumpfung der Seelen in die Materie ist . Dies alles , sophistisch dargestellt , mit halben Wahrheiten vermischt , mit verwegener Berufung auf große Namen geharnischt , deren Träger sich freilich gegen diesen Mißbrauch ihres gewichtigen Zeugnisses empören würden , wenn sie noch unter den Sterblichen wandelten ; dies alles wird durch Trugschlüsse einleuchtend gemacht , durch Schlagworte scheinbar zu unantastbarer Wahrheit erhoben , und der Menschengeist , der gleich verdunkelt ist , so wie er aus dem Licht des Glaubens heraustritt , geht auf die Täuschung ein , die ihm blendend und schmeichelnd entgegenkommt . Es lebt kein Mensch auf Erden , der nicht irgendwo Last und Druck , irgendwie Entbehrung und Mangel spürte und in dem sich nicht ein Etwas regte , um sich davon zu befreien . Aber dies Etwas wird wachgerufen - entweder durch die Lockung der alten Schlange , die ihm ihr altes Lied vorzischt : Wie Götter werdet ihr sein , wenn ihr euch aufbäumt gegen Gott ; oder durch den Mund der ewigen Wahrheit , die unablässig zu ihm spricht : Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach . Je nachdem der Mensch so viel Selbsterkenntnis hat oder nicht hat , um den Grund dieser Regungen in sich wahrzunehmen , und so viel Selbstverleugnung , um seine Last als einen Splitter vom Kreuz zu betrachten oder nicht - wird er den Weg der Empörung einschlagen , das Kreuz verwerfen und durch den Umsturz des Gesetzes zur Barbarei und übertünchten Sklaverei gelangen - oder den Weg der göttlichen Gebote wandeln und die Freiheit finden und geben , von welcher der Apostel Paulus sagt : » Wo der Geist des Herrn , da ist Freiheit . « Der Geist des Herrn aber ist Liebe zum Kreuz in solchem Maße , daß dadurch das Kreuz zum Symbol der höchsten Liebe geworden ist . Freilich richtet sich die Revolution öffentlich nicht zuerst gegen das Kreuz , welches eins und dasselbe mit Christentum ist ; denn das würde vielen Wohlmeinenden , deren Zustimmung , wenigstens der passiven , die Revolution in ihrem Beginn sehr nötig hat , die Augen öffnen ; sondern sie erhebt ihr Feldgeschrei gegen Absolutismus und Obskurantismus für Menschenrechte , oder Aufklärung , oder Volksvertretung , oder Preßfreiheit , oder Grundrechte , oder wie immer die Parole heißt , die aus einem wahren oder eingebildeten Bedürfnis der Zeit enspringt , dem die Wohlmeinenden gern beistimmen ; die aber allmählig gesteigert und übertrieben durch die Reibung der Massen , die Erhitzung der Leidenschaften und die sündige Verblendung der Anführer zu etwas Ungeheuerlichem aufschwillt , das kein Recht und Gesetz über oder auch nur neben sich dulden will , so daß sich dann , etwas zu spät , die Wohlmeinenden ernüchtert und verstört die Augen reiben und sagen : Das haben wir nicht gedacht und dahin nicht gewollt ! Lange bevor die Revolution öffentlich , gleichviel mit welchem Schlachtruf und gegen welche Institutionen auflebt , hat sie aber ihre Empörung gegen das Kreuz betrieben , und auch da wieder große , gangbare Worte gebraucht , deren Begriff sie fälschte . Geist , Wissenschaft , Forschung , Humanität - alles dies , so gewichtig für die wahre Bildung der Menschheit , so berechtigt in einer richtigen Anwendung - mußte jener Empörung zur Maske dienen und zur Waffe werden . Der Kalvarienberg ist der Mittelpunkt und der Schlußstein der Weltgeschichte . Welch ein Hindernis für diejenigen , welche die Weltgeschichte mit sich beginnen und die Weltordnung nach ihrem Kopf konstruieren möchten ! Um die Freiheit und den Fortschritt auf ihre Irrbahn zu reißen , müssen diese das Kreuz aus den Augen verlieren , muß der Kalvarienberg so gut wie jeder andere Berg , der im Wege liegt , mit einem Tunnel durchsprengt werden , damit die Menschheit durch diesen dunkeln Schacht hindurch irdischen Seligkeiten entgegen rase , deren Horizont nichts abschließt , als die krankhaft und leidenschaftlich gesteigerte Entwicklung des Individuums , und deren Schranke nichts ist als der Tod , dem Glaube und Hoffnung fehlen auf das ewige Leben , weil diese Tradition , die vom Kalvarienberg herabklingt , mit ihm vom Fortschritt überflügelt ist . Der Abfall der Geister von der ewigen Wahrheit geht dem Ausbruch einer politischen Revolution , die er herbeiführt , lange vorher , und äußert sich jedesmal durch die neue Phase eines Lichtes der Aufklärung , das nicht vom » Vater des Lichtes « stammt . So ging der große Abfall von der Kirche im sechszehnten Jahrhundert der englischen Revolution vorher , die König Karl I. auf das Schaffot brachte . So war die materialistische Philosophie der Engländer und die atheistische Literatur der Franzosen im vorigen Jahrhundert Vorläuferin der Revolution von 1789 . So bereitete Deutschlands pantheistische Philosophie , verbunden mit seiner eigenen und mit Frankreichs Literatur des Kommunismus und Sozialismus , den neuesten Revolutionen die Wege . Wissenschaftliche und belletristische Werke , Journale , Gedichte , Flugschriften , Zeitungen , Lehrvorträge , Theater , öffentliche Vorlesungen : Alles atmete , bewußt oder unbewußt , den Geist der Empörung gegen politische , oder soziale , oder kirchliche Zustände aus . In der Theorie war längst die Revolution da . Die geheimen Gesellschaften , gleichviel welchen Namen sie führen , sind die Laboratorien , wo das Gift dieser Theorien am gründlichsten destiliert und am begierigsten eingesogen wird . Alles Geheime hat seinen Reiz , besonders für die Unerfahrenen und für Menschen , deren Leidenschaften in der gesetzlichen Ordnung nicht den begehrten Spielraum finden . Unerfahren und in Gährung der Leidenschaften ist hauptsächlich die Jugend . Die Verpflichtungen , welche die christliche Religion ihr auferlegt , finden diejenigen drückend , die nicht guten Willens sind , die Leidenschaften zu beherrschen . In den geheimen Gesellschaften werden sie belehrt , daß die christliche Religion ein schmählicher Aberglaube und nur erfunden sei , um die große Mehrzahl zum Besten einer geringen Minderzahl zu knechten , und es werden die Mittel ersonnen , um die Sache umzukehren und um ohne Religion die bisher Geknechteten zu befreien und die bisher Bevorzugten in Sklaverei zu bringen oder zu vertilgen . Das Hauptmittel besteht immer darin , Thron und Kirche zu stürzen und Fürsten und Priester aus der Welt zu schaffen . Das ist das letzte Wort aller geheimen Gesellschaften und aller Revolutionen . Der in tausend Sekten zerfallene Protestantismus mit seinen letzten erbärmlichen Ausläufern , den sogenannten Lichtfreunden , zu denen sich Freunde desselben Lichtes , abgesetzte und abgefallene Priester der heiligen katholischen Kirche voll Sympathie neigen , führen ihre Anhänger , die keine Befriedigung in der dürren Öde und den ängstlichen Schwankungen der Sektiererei finden , und die nicht um Rettung vor der Pforte der Gnade flehen , schnurstracks in die finsteren Abgründe der geheimen Gesellschaften , bei denen sie das finden , was der Mensch so sehr bedarf : Gemeinsamkeit , Vereinigung der Kräfte ; aber zum Faktionsgeist , diesem blinden und wilden Zerstörer aller Ordnung , aller Gesetzlichkeit , alles Friedens , aller Freiheit , aller Kultur , der mehr als jeder Mißstand die gedeihliche Entwickelung der Staaten hemmt , indem er eine permanente Widersetzlichkeit hervorruft und dadurch die Herrschaft gesetzlicher Ordnung unmöglich macht . Die übernatürliche Einheit der Menschheit in Christus , welche die katholische Kirche vermittelt und darstellt , wird von dem Faktionsgeist mit blindem Grimm angefallen , wirklich verzerrt und dann wird diese Verzerrung mit unerhörter Frechheit für eine wahre Gestalt ausgegeben , die kein vernünftiger Mensch bezweifeln könne . Dann wird alles begeifert ! Der großartige Associationsgeist , der dem triebkräftigen Boden des Christentums entwächst , durch die Kirche geheiligt wird und während anderthalb Jahrtausenden Wunder der Sittigung , der Bildung , der harmonischen Entfaltung aller Kräfte , der selbstständigen Bewegung auf allen Gebieten des Lebens geleistet hat und immer und überall leistet , wo man ihm Spielraum gönnt - wird entweder als böser Mißbrauch gehässig gemacht , oder mit verächtlichem Achselzucken kurzweg abgefertigt als : finsteres Mittelalter ! oder man drückt seinen Formen irgend ein beliebiges Brandmal auf . Das Ordenswesen befördert den Müßiggang , so wird behauptet ; die Bruderschaften verbindet der Aberglaube ; das Zunftwesen raubt die persönliche Freiheit : folglich sind es hassenswerte Institutionen , was zur Genüge dadurch bezeugt wird , daß sie in der christlichen Kirche wurzeln , welche die Anstifterin alles Unheils auf Erden ist . Bewiesen werden solche Behauptungen gar nicht : sie werden nur so lange und so laut wiederholt , daß sie in jedes Ohr dröhnen . Laster und Mißbräuche gab es freilich zu allen Zeiten ; Missetaten wurden in allen Epochen begangen ; aber zwischen den Frevlern in Tagen des Gaubens und des Unglaubens besteht sogar noch ein ungeheuerer Unterschied zum Vorteil der Ersteren : sie haben nicht selten die Kraft , ihre Missetaten durch Reue und Buße zu sühnen . Auf ihrer Seite stehen die großen Bekehrungen , während sich auf der Seite des Unglaubens das Zeichen der äußersten sittlichen Verkommenheit , der Selbstmord , gräßlich häuft . Da es nun nichts Christlicheres gibt für den gefallenen Menschen , als die Buße , und nichts Unchristlicheres , als die Judastat des Selbstmordes : so wird jene aufs äußerste verhöhnt vom Antichristentum , damit sich nur niemand einfallen lasse , auf dieser Notbrücke sich zu retten , wenn ihm die steigende Flut des bösen Gewissens an ' s Herz geht . Dem Selbstmord hingegen , als dem Höhepunkt des Abfalles von Gott , hat die Apotheose nicht gefehlt . Bis zur letzten Masche wird das Netz ausgewebt , worin die alte Schlange alle diejenigen zu fangen sucht , denen es lockender klingt » wie Götter « - als » Kinder Gottes und Mitbürger der Heiligen « zu sein . Bei diesem Werk hat sie alle bösen Neigungen und verderblichen Leidenschaften der ganzen Menschheit zu Bundesgenossen . Darum darf sich Keiner von der Mitschuld freisprechen , wenn ein solcher Krater zum Ausbruche kommt . Es gibt Stufen in der Mitschuld ; es gibt Sandkörner und Felsblöcke im Reiche des Bösen ; aber jeder klopfe an seine Brust und spreche sein » mea culpa « ; denn in ihrem innersten Wesen sind Revolutionen nie etwas anderes , als sittliche Erkrankungen der Menschheit in Folge der Sünde - und dazu hat jeder in seiner Weise beigetragen , sei es ein Atom , sei es auch nur negativ , oder durch Gleichgiltigkeit gegen Wahrheit und Recht , oder durch unbedachtsamen Beifall für das blendendgeschmückte Böse , oder durch passives Gewährenlassen desselben , das man Toleranz nennt und das doch nur ein Mangel an Entschiedenheit für das Gute ist . Im heimlichen Bewußtsein dieser allgemeinen Mitschuld erbebte die Welt , vom Thron bis zur Hütte , und alle Fundamente , die man schon so lange aus ihren Fugen zu sprengen suchte , schienen wirklich auseinander zu fallen und einen Schutt- und Trümmerhaufen nach sich zu ziehen , als die Revolution im Jahre 1848 Europa in Brand steckte . Der Augenblick der Emanzipation aller von allem schien gekommen zu sein , denn diejenigen , welche nicht in den Schwindel einstimmten , wurden als Minorität betrachtet und für die , welche ihm entgegentraten , wurde das Wort » Reaktionär « erfunden , wodurch sie als Verbrecher gegen das erhabene Werk der Revolution gestempelt und den Folgen einer blindrasenden Aufregung in den unteren Volksschichten preisgegeben wurden . Die Revolte ging bis in die Kinderstuben herab : Schulknaben empörten sich gegen mißliebige Lehrer . Die Fürsten aber ließen sich einschüchtern durch Studenten , Literaten , Advokaten , Journalisten und deren Anhang , flohen oder unterwarfen sich - und die Revolution regierte . Niemand sog ihren Rausch mit volleren Zügen ein , als Florentin ! Endlich war die Ära angebrochen , nach welcher sein vom Stachel des Ehrgeizes in ein beständiges Wundfieber versetztes Herz so brennend verlangte ! Endlich sollte eine großartige Demokratie die Ketten Europa ' s brechen und die befreite Menschheit aus den widernatürlichen Zuständen erlösen , unter denen sie schmachtete ! Endlich sollte das Individuum zu seiner wahren Geltung kommen und die ungeheuere Geistes- und Charaktergröße offenbaren , welche die revolutionäre Gesinnung in ihren Anhängern entwickelt ! Er schwelgte in diesen Voraussetzungen . Zu welcher Höhe er selbst sich erschwingen werde - ob zu einem Cajus Gracchus , ob zu einem Brutus , oder Cromwell , oder Washington , oder Danton - das war ihm freilich nicht klar ; das hing ab von Umständen und Verhältnissen . Es galt nur , sie zu ergreifen und zu benutzen : dann war ihm die Größe gewiß . Vor der Hand galt es , mit den großen Schlagworten Emeute zu machen und zum Schutz derselben Barrikaden zu bauen . Florentin hätte sich verhundertfachen mögen , um überall dies hochherzige Werk des Barrikadenbaues zu fördern . woran » die vertierte Soldateska , « welche so niedrig dachte , ihren Fahneneid zu halten , scheitern sollte . Als ein eifriges Mitglied geheimer Bünde wußte er , daß die Revolution in ganz Europa organisiert sei . Er wollte daher seine Kräfte der Befreiung Deutschlands widmen - so sehr ihn auch das Verlangen zog , nach Paris , dem großen Babylon der Revolution , zu eilen - oder nach Rom , um diese wichtigste Citadelle der Völkerknechtschaft und der Geistesverfinsterung stürmen zu helfen . Im deutschen Vaterlande gab es ja aber eine ganze Kette solcher Citadellen zu sprengen ! Florentin verließ Würzburg und seine Studien . Dort war nicht mehr die Stätte und das Feld seiner Tätigkeit . Nicht der leiseste Gedanke an Windeck erschwerte seinen Entschluß . Wie hätte das sein können ? Hatte nicht Brutus den Cäsar umgebracht ? Gab es Größeres als die Taten der alten Römer ? War die aristokratische Usurpation minder fluchwürdig , als imperatorische Kronengelüste ? Nicht Dank war er dem Windecker Grafen schuldig für seine Erziehung , Bildung und Erhaltung ; denn das alles war ihm ja nur infolge einer Laune der bigotten Gräfin Kunigunde zu Teil geworden , die nichts Höheres kannte , als den Ultramontanismus zu verbreiten . Wie leicht hätte er demselben verfallen können gleich dem armseligen Hyacinth ! Nein ! sein Dank gebührte den großen Männern , deren wissenschaftliche Forschungen auf dem Gebiete der Natur- und Geschichtskunde herausgestellt hatten , daß die Natur die ewig aus sich selbst gebärende Allmutter und Schöpferin - der Geist des Menschen ein Produkt seines Gehirns - Religion die Erfindung und Politik schlauer Priester - göttliche Offenbarung ein widersinniges Märchen - ein außerweltlicher persönlicher Gott etwas Undenkbares - das Leben ein Tummelplatz für alle Gelüste - der Tod der Eintritt in das Nichts sei . Sein Dank gebührte den freien Denkern , die nicht nur gänzlich absahen vom Katholizismus , der ja , seit dreihundert Jahren schon tot , nur noch als Gespenst mit den Nachteulen und Wehrwölfen zu mitternächtiger Stunde umherschleiche , und nur von kleinen Kindern und alten Weibern wahrgenommen werde ; sondern auch vom Protestantismus ; der ja nichts weiter sei , als eine Kritik des Katholizismus , viel weniger innere Triebkraft und schöpferische Befähigung habe , als dieser , um einen Fortschritt der Menschheit zur Verbrüderung zu erzielen , und allenfalls nur zu dulden sei , weil seine tausend Sekten ebenso viel Tore öffneten , durch die man dem Christentum entfliehen könne.3 - Nein , dem Windecker Grafen gebührte kein Dank ! Aber mit unaussprechlichem Wohlbehagen stellte sich Florentin die Möglichkeit vor , daß er in irgend einem , für die Windecker recht gefährlichen und recht demütigenden Augenblick als ihr Beschützer vor ihnen auftreten und ihnen beweisen könne , welch ' edles Herz in einer demokratischen Brust schlage . So , ohne einen Funken von religiöser Denk- und Willensrichtung , die gänzlich erloschen war in dem eisigen Egoismus seines Hochmutes und Ehrgeizes , machte sich Florentin an die Neugestaltung der menschlichen Verhältnisse . In erfahrungsloser Kurzsichtigkeit und ohne richtige Kenntnis des Menschen und