einem hochgewölbten Zimmer des Erdgeschosses loderte ein mächtiges Feuer , hohe Polsterlehnstühle , mit verschossenem braunen Sammet bezogen , standen am Kamin . Herr Anton Kreß deutete darauf und sagte : » Ihr werdet müde sein und habt noch einen weiten Weg zu machen , wenn Ihr vor Nacht zurück müßt . « » Die zwei Stunden bis zum Kloster , « sagte Amadeus , » werden mich nicht erschöpfen , wenn ich den Weg hierher nicht vergeblich gemacht habe . « Eine Frau in mittleren Jahren , die Wirthschafterin des Propstes , trat ein , nahm dem Propst seinen Pelzmantel ab und brachte ihm einen Hausrock , blies mit dem Blasebalg in den Kamin , legte neue Scheite auf , warf dabei neugierige Blicke auf den Mönch und schien Lust zu haben , sich allerlei im Zimmer zu thun zu machen , um gegenwärtig bleiben zu können . Der Propst aber sagte zu ihr : » Bringt uns schnell einen Krug Wein , etwas Brod und Schinken , und dann sehet auf den Boden ; mich dünkt , die Fenster standen offen und der Schnee wird sich drinnen häufen . « Ehe nicht die Wirthschafterin wiedergekommen war , das Verlangte gebracht und auf einen kleinen Eichentisch am Kamin zwischen den Lehnstühlen zurechtgestellt , auf denen die Beiden Platz genommen , sprachen sie kein Wort zusammen . Erst da sie sich entfernt , sagte der Propst : » Nun , Amadeus , Euren Auftrag ? « » Ich habe ihn schon gesagt , « versetzte dieser ; » der hochwürdige Abt läßt Euch sagen , uns zwei der geschicktesten Baubrüder aus der Lorenzer Bauhütte zu senden , noch besser , sie mir gleich mitzugeben . Da im Winter ja doch nur in der Hütte und nicht außen an der Kirche gearbeitet werden kann , so meinen wir , Ihr könnet sie jetzt entbehren . « » Gleich heute geht das nicht , « antwortete Kreß unruhig ; » ich muß es erst mit dem Hüttenmeister besprechen - - aber jetzt sind wir allein , hier hört uns Niemand , darum jetzt keine unnützen Redensarten mehr : wie hab ' t Ihr es angefangen , daß man gerade Euch und gerade mit diesem Auftrag zu mir gesendet ? « » Ich rede die Wahrheit , « antwortete Amadeus ; » ich bin still und fromm geworden , habe Buße gethan und verstanden mich selbst zu zähmen , so ist mir der Abt wieder geneigt worden wie vordem . Heute um Mitternacht hatte mich die Pflicht der Buße allein in die Kirche geführt - da sah ich das Sakramentshäuslein zertrümmert , und meldete es dem Abt noch zur selben Stunde zuerst und schlug ihm auch vor , daß wir es eilend wollten durch Nürnberger Baubrüder wieder herstellen lassen , und da er weiß , daß Ihr mir gewogen , und da ich der Erste war , der das Unglück gesehen , so gab er mir Urlaub und sandte mich hierher . Und soll ich weiter die Wahrheit reden : der Abt kümmert sich nicht um die Monogramme Euerer Steinmetzgesellen , ich aber kenne das des Einen und bitte Euch : sendet uns den mit dem Zeichen des Kreises , den das Winkelmaß durchschneidet . « » Amadeus ! was soll daraus werden ? « sagte Kreß unruhevoll , lehnte sich bekümmert in seinen Stuhl zurück und drehte hastig einen Daumen um den andern an seinen über den wohlgenährten Leib gefaltenen Händen . » Da Ihr mir keine Gewißheit geb ' t , will ich sie mir selbst suchen ! « antwortete Amadeus . » Und wenn Ihr sie hab ' t , so wird sie Euch in ' s Verderben stürzen ! « warnte der Propst . Der Mönch lächelte : » Dem bin ich so oder so verfallen , daran liegt nicht das Geringste . « » Da habt Ihr recht , « antwortete der Propst , » aber mit oder ohne Gewißheit ; schon durch Euer Forschen , eine einzige Unvorsichtigkeit , ein verdächtigendes Wort werdet Ihr den edlen Jüngling in ' s Verderben stürzen , sei er , wer er sei - das bedenkt ! « » Ich werde ihn nicht verrathen , « antwortete Amadeus , » und schon am wenigsten dann , wenn er mein - « » Halt ! « fiel ihm der Propst in ' s Wort ; » Ihr hab ' t es gezeigt , wie wenig Ihr Eurer mächtig seid ! Ich hab ' ihm meine Gunst erwiesen , aber nur als wackerem Künstler , und sonst bin ich ihm immer fern geblieben ; aber ich habe im Verborgenen über ihn gewacht und ihn geschützt , wo es Noth that . Schon wollte sich der böse Leumund an ihn wagen , schon munkelte man über sein Herkommen und wollte seine Mutter verunglimpfen - noch haben ihn die Zeugnisse geschützt , die er mitgebracht , noch glaubt er denselben fest . Er ist stolz und edel und sein Lebenswandel frei von jedem Makel ; er ist hochbegeistert für seine Kunst und kennt kein anderes Streben und kein anderes Glück , als ihr zu dienen : nun drängt Euch an ihn , forscht und spähet und macht ihn selber irre an sich selbst und seinem Herkommen , nehm ' t ihm die Ruhe des Gemüthes , den freudigen Stolz auf niedere , aber brave Eltern , auf die Zeugnisse der Benediktiner - und Ihr vernichtet in ihm die frohe Kraft des Schaffens , die Zuversicht , die ihn jetzt beseelt ; aber noch mehr : findet und bringt Beweise , lähmt seine Hand , seinen Muth , macht ihn zum Lügner und Heuchler - noch mehr : nehmt ihm die ehelichen Eltern , verrathet Alles , was ihr jetzt denkt , im halben Wahnsinn vielleicht hofft - kaum Tage werden vergehen , und er wird ein Ausgestoßener sein aus der Zunft der freien Steinmetzen ; Schimpf und Schande wird über ihn kommen , die seine stolze Seele nicht erträgt ; mit Fingern wird man auf ihn zeigen , und es wird ihm nirgends eine Freistatt werden für sich und seine Kunst und sein ganzes verfehltes und verunehrtes Leben ! « Anton Kreß hatte lange nicht so viel und im Eifer gesprochen ; kalter Schweiß stand auf seiner Stirn , und wer ihn jetzt gesehen , der konnte ihm manches vergeben und denken , daß in diesem Manne doch ein guter Kern war , an den man nur einmal zu pochen brauchte , so klang er hell und rein , trotz der dichten Hülle alltäglicher Erscheinung , die ihn umgab . In seinen Augen standen Thränen , und während der Ausdruck seines Gesichtes sich drohend auf den Mönch richten sollte , ward er vielmehr angstvoll und flehend . Dieser starrte vor sich nieder und sagte dann : » Wenn man fünfzehn Jahre im Benediktinerkloster ist , so lernt man sich selbst beherrschen . « » Das ist nicht wahr , Bruder Amadeus , das ist von Euch nicht war ! « antwortete rasch der Propst ; » denkt , in welchen Zustand Ihr vor anderthalb Jahren kamet , da Ihr zuerst ihn wiedergesehen , nur seinen Namen und sein Alter erfahren hattet - und als Ihr darauf hörtet : er sei todt ! « » Eben weil ich das nicht vergessen kann ! « sagte Amadeus ; » es kam zu plötzlich - und ich erlag . Seitdem hab ' ich gebüßt und mich geprüft , und bin vorbereitet . Aber wie könnt Ihr denken , daß ich etwas thun oder sagen würde , das Ulrich ' s Dasein vergiften könnte ? Ihr habt Ulrika vor mir verborgen , daß ich weder weiß , ob sie noch unter den Lebenden wandelt oder nicht - und wenn ein Wunder selbst mir Ulrich zugeführt , so habt Ihr kein Recht , Euch dem entgegen zu stemmen . « Der Propst sah zwar noch kummervoll aus , aber um seinen Mund spielte ein schlaues Lächeln , mit dem er sagte : » Glaubt Ihr wirklich an die Wunder der Heiligen ? Die haben wohl auch um Euretwillen das Weihbrodgehäuse umgeworfen ? Was bildet Ihr Euch ein , daß sie noch weiter thun werden ? - Antwortet mir lieber kurz und bündig : Was gedenkt Ihr zu thun , wenn ich nun wirklich Ulrich von Straßburg und seinen treuen Gefährten , den blonden Hieronymus auf Arbeit in das Kloster sende ? « » Ihr kennt die strengen Regeln des Ordens , « sagte der Mönch : » ich werde ihn nur beim Gebete sehen , und wenn ich mit ihm zu sprechen komme , so wird das nicht allein sein . « » Ich kenne die gelockerten Ordensregeln , « versetzte der Propst , » und daß es jetzt in den Klöstern nicht so streng hergeht wie ehedem und wie die Welt noch glauben soll , aber doch nicht glaubt : Ihr werdet es schon schlau anfangen , daß ihr mit Ulrich allein zu sprechen kommt - Ihr werdet darum doch keine Ruhe finden und die seine werdet Ihr ihm rauben . « » Nun denn , « antwortete der Mönch aufstehend , » was hinderte mich denn gleich selbst in die Bauhütte zu gehen , ehe ich zu Euch ging , und dort meinen Auftrag zu sagen ? « » Ihr habt das Paßwort nicht und hättet keinen Einlaß gefunden , « entgegnete der Propst . » Aber der Hüttenmeister wäre herausgekommen , « versetzte Amadeus , » und ich hätte mein Gesuch vorgebracht ; ich hätte auch draußen warten können , bis Ulrich herauskam , und ihn begleiten ; noch mehr : als Ihr vorhin beim Meister Kraft mit seiner Ehefrau scherztet , da sah ich Ulrich draußen beim Lindwurm vorübergehen - ich hätte auf ihn zueilen können , mit ihm reden , was ich gewollt , ohne daß ich erst meine Bitten bei Euch erschöpfe . Urtheilt , ob ich mich bezwingen kann und gehorsam sein , daß ich das nicht that ? Ich weiß auch , daß er beim Rädleinmacher Sebald beim Sonnenbad wohnt , und könnte jetzt zu ihm gehen , statt mit Euch nutzlose Worte zu wechseln - wenn ich nicht ein Gelübde und noch mehr : wenn ich nicht seine Ruhe berücksichtigen wollte . Was also habt Ihr noch zu fürchten ? Kann ich aufrichtiger gegen Euch sein , als ich es gewesen bin ? Verdiente ich nicht dafür , daß Ihr es auch wäret ? Geb ' t mir Gewißheit , und Ihr ersparet mir weiter zu forschen ! « » Ich habe selbst keine Gewißheit ! « sagte der Propst nach langem Sinnen und mit sich selbst Ringen ; » wie oft soll ich es Euch sagen ! Er ist nicht der einzige Oblate , der in jenem Kloster erzogen worden , und ich mag keine Nachforschungen anstellen , die ihm schaden könnten . Ich liebe und achte diesen wackern Gesellen und erweise ihm meine Gunst , mag er mir nahe stehen oder nicht ; es bringt durchaus keinen Nutzen , Geheimnissen nachzuspüren , bei denen wir Gott danken müssen , daß sie es vor der Welt sind - mögen sie es auch vor uns sein und bleiben . « » Wohlan ! « sagte Amadeus , » so laßt mich Eurem Beispiel folgen - ich will nur thun wie Ihr und Nichts verrathen , was dies alte Herz dabei empfindet . « Er reichte dem Propst seine Hand ; dieser nahm sie , stand auch auf und sagte : » Euch selber träfe der größte Fluch , wenn Ihr Fluch und Schande auf Ulrich brächtet . « » Ich will Nichts als meine alte Hand segnend auf seinen Scheitel legen - vielleicht find ' ich dann die Ruhe , die mir bis jetzt noch niemals geworden . « » Ich will Euch vertrauen , « sagte Kreß ; » vertraut mir auch . Wie Ihr alles Auffallende vermeiden wollt und müßt , will und muß ich es auch . Morgen in der Hütte werd ' ich mit dem Hüttenmeister sprechen , ihm sagen , daß Ihr die geschicktesten Steinmetzen verlangt , und daß es eine Ehre für die sein wird , welche wir senden . Ulrich und Hieronymus sind die besten ; wählt der Werkmeister sie selbst und schlägt sie vor , so werde ich freudig beistimmen - einen Vorschlag selbst kann und mag ich nicht machen ; ich habe Ulrich schon mehr als einmal gegen seine Neider und Feinde geschützt - ich werde Nichts thun , was sie vermehren könnte . - Und nun eilt Euch , damit Ihr zur rechten Zeit heim kommt , ehe sie zur Hora läuten . Dem Abt vermeldet meinen Gruß und daß übermorgen die Steinmetzen kommen würden ; die Bedingungen wird ihnen der Werkmeister schriftlich mitgeben . - Da , leert noch einen Becher , ehe Ihr in die Winterkälte hinauswandert . « » Auf Ulrich ' s Wohl - und Euch zum Dank ! « sagte Amadeus , mit seinem frischgefüllten Humpen an den des Propstes stoßend . Dann zog er die Kaputze über sein Haupt , nahm seinen Wanderstecken und verließ das Haus . Der Propst sah ihn bekümmert nach und überließ sich eine Weile bangen und traurigen Gedanken . Aber es war seine Gewohnheit , denselben nie zu lange nachzuhängen ; er schellte der Wirthschafterin und sagte ihr , daß er noch einmal ausgehen werde - er hatte das Bedürfniß sich in heiterer Gesellschaft zu zerstreuen , und die Collegen und Rathsherren , in deren Mitte er sich bald gesprächig und frohgelaunt wie immer bewegte , merkten ihm nicht an , daß er eben eine so ernste und ihn quälende Unterredung gehabt . Drittes Capitel Die beiden Baubrüder An demselben Abend , an welchem die Baubrüder Ulrich von Straßburg und der blonde Hieronymus Gegenstand des Gespräches zwischen dem Propst und dem Mönch gewesen waren , saßen die ersten Beiden wie gewöhnlich allabendlich zusammen in ihrer schlichten Wohnung . Die Mutter des Hieronymus hatte ihnen einen großen Topf Suppe im Zimmer gekocht und nickte fröhlich lächelnd mit dem wankenden Kopfe , selbst die größte Freude darin findend , daß sie es ihren Söhnen so behaglich gemacht , denn auch Ulrich war ihr im Laufe der Zeit wie ein zweiter Sohn geworden - nannte doch ihr Hieronymus ihn auch Bruder . Ist es doch auch immer von jeher Frauen- und Mutterart gewesen , an das Wesen sich am innigsten zu schließen , das die meisten Sorgen , Mühen und Aengsten verursacht , und hatte nun doch auch Mutter Martha dies Alles um Ulrich empfunden , seit man ihn länger als einem Jahr in einer Septembernacht für todt in das Haus getragen , aus mehr als einer Wunde blutend . Wochenlang hatte er damals bewußt- und regungslos zwischen Tod und Leben gerungen , und wenn auch der berühmteste Bader Nürnbergs im Auftrag Herrn Christoph Scheurl ' s alltäglich mehrmals kam , seine Wunden neu zu verbinden , und Hieronymus alle Nächte an seinem Lager wachte , am Tage mußte er doch zur Arbeit in die Bauhütte , und da war es immer seine Mutter , die den Kranken mit sorgsamer Hand pflegte und jede Liebeswohlthat ihm erwies . Zum Glück war wenigstens dabei kein Mangel , wie wenig Ulrich auch selbst besaß ; denn wenn ein Baubruder krank war und nicht zur Arbeit kommen konnte , so erhielt er dennoch aus der Hütte den vollen Wochenlohn ausbezahlt , damit er davon verpflegt würde . Nun nahm auch der Bader durchaus keine Bezahlung und brachte alle Medicamente unentgeltlich mit . Auch der Propst Kreß sprach öfter vor und sandte immer von seinen Vorräthen aus Küche und Keller , besonders wie der Kranke einmal so weit war , daß er sich deren bedienen konnte . Ein paarmal kam in der Dämmerung auch ein fremder Knabe , der Größe nach etwa fünfzehn Jahre alt , brachte Wäsche , Geld und Erfrischungen für den Verwundeten , fragte immer sehr angelegentlich und ängstlich nach ihm , und suchte sich wenigstens zwischen die Thür zu drängen , um einen Blick auf den bewußtlosen Ulrich zu werfen . Wenn die alte Frau ihn fragte : woher das komme ? antwortete der Knabe stets : er habe schwören müssen , es nicht zu sagen und sie solle auch mit Niemanden davon reden . Anfangs nahm es die Frau und auch Hieronymus hatte Nichts dagegen ; als aber nach etwa sechs Wochen Ulrich ' s Fieber nachließ , er wieder zur Besinnung kam und man ihn allmälig Alles erzählte , was indeß für ihn geschehen , widersetzte sich sein Stolz solchen Gaben , und er verpflichtete seine treuen Pfleger , dergleichen nicht mehr anzunehmen , nur von seinem Vorgesetzten und Gönner , dem Herrn Propst , meinte er sich nicht weigern zu dürfen . Aber von fremden Leuten erklärte er Nichts zu nehmen , und auch dem Bader sagte er , daß er seine Wunden im Dienste christlicher Pflicht , aber nicht in dem des Herrn oder der Frau Scheurl sich geholt , daß weder sie ihm verpflichtet wären , noch er sich ihnen verpflichten wolle . Der Bader erzählte ihm , daß Frau Scheurl seit derselben Zeit am hitzigen Fieber darniederliege und daß sie schwerlich mit dem Leben davonkommen werde . Uebrigens aber bemühte er sich , so wie bei Elisabeth , auch bei Ulrich und Hieronymus vergeblich , nähere Aufklärungen über einen Vorfall zu erhalten , über den die widersprechendsten Gerüchte umliefen . Als der fremde Knabe mit seinen Gaben wieder kam , ließ ihn Ulrich selbst an sein Lager kommen , um zu erforschen , wer ihn sende . Der Knabe ward glühendroth vor Verlegenheit , brachte fast kein Wort hervor , und da Ulrich jede Annahme aus fremder Hand verweigerte , auch Hieronymus und seine Mutter hinzukamen , mit Fragen und sogar Drohungen in den Knaben drangen , die Wahrheit zu gestehen , sprang er weinend auf , eilte fort und kam niemals wieder . Ulrich aber sagte zu Hieronymus : » Mir klang die Stimme bekannt , und solche braune flehende Augen hab ' ich auch schon gesehen ; meinst Du nicht , es könne der Bruder des Judenmädchens gewesen sein , das uns warnte und zu Elisabeth ' s Schutz sandte , oder dieses selbst ? « Hieronymus hatte nicht daran gedacht , er hatte den Knaben jetzt zum ersten Male gesehen ; die Vergleiche , die er nun anstellte , schienen allerdings Ulrich ' s Vermuthen zu bestätigen , aber er wollte nicht daran glauben , auch dem Kameraden es ausreden , was ihm als Schmach erschien : wenn dies Judenpack , wie er sich ausdrückte , solchen Antheil an einem freien Maurer nehme , in seine Wohnung sich schleiche und sie doppelt verunehre durch Gaben , die nun Anfangs doch angenommen und verbraucht worden - das dünkte ihm ein unauslöschlicher Schimpf ! Und um nicht wirklich die Gewißheit zu erlangen , vermied er danach zu forschen - und seitdem sahen die Baubrüder wirklich weder von dem Judenmädchen noch dem fremden Knaben etwas wieder . Während Ulrich noch in Gefahr schwebte und bewußtlos war , diente es Hieronymus zu einiger Beruhigung , daß noch eine größere Anzahl der Baubrüder bei jenem nächtlichen Vorfall betheiligt gewesen . Wenn auch der Rath , da Herr Scheurl selbst keine Untersuchung wünschte , die Sache dahin gestellt sein ließ , so waren doch die Gesetze der Baubrüder strenger als die des Rathes und ließen sich nicht beugen und umgehen wie jene . In Gegenwart aller freien Steinmetzen , des Propstes , Hüttenmeisters , Werkmeisters und Pallirers wurden sämmtliche Baubrüder über den Vorfall abgehört , denn es war ihnen streng verboten , Händel und Raufereien anzufangen und ihre Schwerter , die sie an der Seite trugen , anders zu brauchen als im Fall der äußersten Nothwehr oder zum Schutze Hülfsbedürftiger , unschuldig Bedrängter , zur Ehre Gottes . Da nun aus allen Aussagen nichts anderes hervorging , als daß sie auf den Hülferuf einer von einem vermummten Ritter und seinen Genossen wehrlos überfallenen Dame herbeigeeilt waren , und man erfuhr , daß dies die Gattin des hochangesehenen Herrn Christoph Scheurl gewesen und dieser sich den Baubrüdern nicht nur dadurch dankbar erwies , daß er den Verwundeten seinen Bader sandte , sondern auch daß er eine große Summe Geldes an die Lorenzbauhütte selbst sandte , aus Dankbarkeit gegen die Baubrüder , die ihm beigestanden , damit sie davon eine Zeche feierten und gleicherweise auch Fürbitte in ihrer Kirche thäten für die Genesung seiner Gemahlin - - so ward das Betragen der Baubrüder als unschuldig und rechtlich befunden , und jeder Verdacht beseitigt , der von einigen war auf Ulrich geworfen worden : weil er schon zum zweiten Male Händel mit einem Ritter um einer Dame Willen gehabt . Denn gleich den Tempelherren mußten sich die Baubrüder von allen zärtlichen Regungen und Beziehungen frei erhalten , und wenn sie auch noch in stärkere Strafen verfielen , wenn sie mit bösen oder berüchtigten Frauen umgingen , als mit ehrbaren , so durften sie sich doch auch nur diesen nähern , wenn es die Nothwendigkeit gebot . Weil Ulrich hierbei unschuldig befunden , und was man wider ihn vorgebracht , sich als böser Leumund erwies , so fußten sowohl Hieronymus als sein Gönner , der Propst darauf , wenn es galt , andere böse Gerüchte niederzuwerfen , die über ihn umliefen . So wollte Einer wissen , daß er ein paar Abende vor seiner Verwundung im Abenddunkel ein Judenmädchen mit zu sich in das Haus genommen ; ein Anderer , daß er nicht nur nicht wisse , was aus seinen Eltern geworden , sondern auch nicht , wer sie gewesen , ja daß seiner Mutter als Zauberin der Proceß gemacht worden . Aber die Zeugnisse des Maurerhofes zu Straßburg und der Benediktiner wurden dem doch entgegen gehalten , der Propst und der Hüttenmeister bedrohten Diejenigen mit Strafen , die solchen entgegen einfältigen Gerüchten Glauben schenken wollten - und so waren diese zum Schweigen gebracht , lange bevor Ulrich wieder in der Bauhütte erschienen , und da auch Hieronymus ihn nicht damit aufregen wollte , so erfuhr er gar nichts von der Gefahr , die über ihm geschwebt zugleich , als der Todesengel seine Fittiche um ihn schwang . Erst als das Frühjahr kam , vermochte er wieder sein Schmerzenslager zu verlassen , aber dann dauerte es noch lange , ehe er wieder in der Hütte arbeiten und den Meißel kräftig schwingen konnte wie vordem . Die Wunde , die er an der Brust empfangen , schmerzte ihn dann immer auf ' s Neue , und er mußte sich erst allmälig wieder an die Arbeit gewöhnen . Inzwischen war doch die Zeit für ihn daheim nicht ganz verloren gewesen . Der Propst hatte ihm alle neuen Bücher geschickt , die aus Anton Koberger ' s Druckerei hervorgegangen und auch sonst noch erschienen waren , darunter die Schedel ' sche Chronik von Nürnberg , Conrad Celtes ' Beschreibung derselben Stadt , Regiomontan ' s Kalender , Tucher ' s Reise in das gelobte Land und die ganze heilige Schrift . Ulrich studirte eifrig alle diese Bücher und so nebenbei übte er sich , sobald es ging , im Zeichnen , machte Risse zu großen Münstern nach dem System des Sechs- und Achtortes , wie zu kleinen Weihbrodgehäusen , zu Säulen , Portalen und Ornamenten - wagte sich an die größten Aufgaben der Kunst und zeichnete dabei das Kleinste mit demselben Fleiße . Etwa ein paar Wochen mochte er wieder regelmäßig gleich den andern Steinmetzgesellen in die Bauhütte zur Arbeit gehen , als er an einem schönen Herbsttage mit andern Baubrüdern außen am Kirchthurm auf schwindelnder Höhe selbst zu arbeiten hatte . Da rief ihn ein Handlanger im Auftrag des Werkmeisters von der Arbeit fort , hinunter in ' s Schiff der Kirche zu kommen , wo man ihn bedürfe . Unten fand er den Werkmeister und Pallirer mit einigen Steinmetzen in der Nähe des Hochaltars , und bei ihnen stand der Propst , der Maler Hans Beuerlein , Frau Elisabeth Scheurl mit Ursula Muffel und Charitas Pirkheimer . Zeichnungen , Gemälde und Teppichstoffe lagen vor dem Hochaltar ausgebreitet . Es war zum ersten Male , daß die Genesenen sich wiedersahen nach jener verhängnißvollen Nacht . - Ulrich war inzwischen bei Herrn Scheurl gewesen und hatte ihm für seine Güte gedankt - seiner Gemahlin hatte er nichts zu sagen . War es nicht an ihr , ein dankendes oder doch erkenntliches , theilnehmendes Wort an ihn zu richten ? - Sie that es nicht - aber sie erröthete und zitterte unwillkürlich bei seinem Anblick und stützte sich auf Ursula . Der Propst erklärte ihm , daß diese edlen Frauen die Kirche mit einem Teppich beschenken wollten , daß Meister Beuerlein das Gemälde als Muster zu dem Mittelstück gefertigt , daß sie aber über die Ornamentik in den Kanten noch nicht einig wären , da sie mit der der umstehenden Säulen harmoniren sollten - und daß er ja wohl allerlei Zeichnungen , die dem entsprächen , von Laub und Schnörkeln in seiner Krankheit angefertigt , die er eilends aus seiner Wohnung holen möge . Ulrich bejahte , aber der blonde Hieronymus , der auch mit zur Berathung gezogen war , ließ es sich nicht nehmen , statt seiner die Zeichenrollen aus der gemeinschaftlichen Wohnung zu holen , da Ulrich noch nicht zum schnellen Laufen tauge und indeß auch lieber hier seinen Rath mit ertheilen möge . Darüber fand zwar erst ein edler Wettstreit Statt , aber der Propst und Charitas Pirkheimer billigten Hieronymus Vorschlag und ließen ihn gehen und Ulrich bleiben . Anfangs schien es , als fühle sich Elisabeth durch Ulrich ' s Nähe - die sie zugleich wünschte und floh - peinlich berührt und von einer Verlegenheit ergriffen , die ihrem sonstigen selbstbewußten und stolzen Hervortreten gänzlich fremd war ; nachdem er aber auch , ohne weiter seine Worte an sie zu richten , mit dem Propst und dem Maler sich über den vorliegenden Gegenstand in ein kunstverständiges Gespräch vertieft , aus dem man deutlich erkennen mochte , daß jene eigentlich die Schüler waren und der einfache Steinmetzgeselle der Meister : da war es , als ob auch Elisabeth plötzlich sich zusammenraffe - mit kühner Sicherheit mischte sie sich in die Unterhaltung , ließ das Licht ihres Geistes glänzen und die Strahlen ihrer Kunstbegeisterung in blühender Bilderpracht sich entfalten . Als Hieronymus mit Ulrich ' s Zeichnungen zurückkam , und als er selbst mit einem Fuß auf den Altarstufen knieend sie vor den Beschauenden entrollte , sprach Elisabeth zu ihm , als Beuerlein mit Andern in einiger Entfernung Anderes betrachtete : » Warum seid Ihr nicht Maler geworden ? Ihr wäret ein großer Künstler ! « Da schüttelte er stolz das lange Haar aus dem edlen , von der Krankheit noch bleichem Gesicht , und stolz und groß in Elisabeth ' s flammende Augen blickend , sagte er : » Die Kunst ist doch nur eine , ob wir ihr dienen mit Meißel und Richtscheit oder mit Malerstab und Pinsel - sie hat nur einen Zweck : Gott zu dienen und damit zugleich Andere zu demselben Gottesdienst zu entflammen . Mir gilt es mehr in unserer freien Brüderschaft , namenlos , nicht als ein eitler Einzelner , sondern als das Glied eines Ganzen , eines Leibes , wie es der Herr Jesus Christus gesagt hat , zu streben , zu schaffen , nicht für profanen Ruhm , sondern für die Ewigkeit des Kunstwerkes . « Elisabeth antwortete darauf nur : » Stolzer Maurer ! « aber Charitas Pirkheimer , die seine Worte auch vernommen , rief in einer Art von Verzückung : » Ja ! so ist der rechte christliche Sinn : selbst Nichts sein wollen und ganz aufgehen im gemeinschaftlichen Streben , dem Höchsten zu dienen . « Ulrich ' s Zeichnungen waren zur Einfassung des Bildes auf dem Teppich gewählt worden . Seitdem arbeiteten die Nürnbergerinnen bei Elisabeth daran und die Baubrüder verrichteten die gewohnte Arbeit in ihrer Hütte , so daß sie nichts wieder von einander sahen und hörten . So war der Winter zur Hälfte vergangen . Als Ulrich und Hieronymus jetzt zusammen saßen , sagte der Erstere : » Als ich vorhin zur Vesperstunde bei Meister Kraft ' s Wohnung vorüberging , betrachtete ich mir die schön gefrorenen Wasserstrahlen an dem Lindwurm vor seinem Hofthor , und wie so mein Blick hinüber nach dem Fenster der Werkstatt streifte , war es mir , als sähe ich dort denselben Benediktinermönch am Fenster stehen , der mir gleich an dem ersten Tage meines Hierseins begegnete , wo mein Schwert seinen Rosenkranz zerriß . Du weißt , diese zünftigen profanen Nürnberger Steinmetzen lieben es nicht , wenn Einer von uns in ihre Werkstatt tritt , sonst wär ' ich hineingegangen , mir Gewißheit zu holen und ihm zu seinem Eigenthum zu verhelfen , das ich freilich nicht bei mir hatte und das ich auch inzwischen schier vergessen . Mir schien , der Propst stand bei ihm - sobald ich ihn sehe , werde ich nach dem Mönche fragen . « Er suchte das Kreuz , das wohl verwahrt in einer kleinen Lade lag , und Hieronymus sagte : » Hättest Du Dir wirklich von diesem einmaligen Sehen die Züge des Mönches , der uns schnell entschwand , so genau gemerkt , daß Du über Jahr und Tag ihn wieder erkanntest ? « » Er hatte etwas Eigenthümliches in seinem Gesicht , das man nicht vergißt , « sagte Ulrich , » und merkwürdig : entweder in meinen Fieberphantasien oder in meinen Träumen ist mir dieselbe Gestalt mehrmals wieder erschienen , nur in der letzten Zeit hatte ich sie vergessen . « Jetzt unterbrach das Mütterchen die Beiden und sagte : » Wißt Ihr es denn , daß übernächste Woche die Potentaten und großen Herren zum Reichstag kommen , und daß zwar der alte Kaiser