. In das dieser Familie gehörende Haus auf dem Neuenwall flüchtete sich Lucinde . Madame Möller und Fräulein Wulff schliefen zu ihrem Schutze in der Stadt . Aus dieser verschwiegenen Einsamkeit entstand freilich eine Frequenz , welche die des im Parterre befindlichen Sommergeschäfts übertraf . Herr Noodt hatte den Aufenthalt bald erkundschaftet und gönnte Herrn Wulff nicht die beständige Nähe Lucindens und machte Besuch und Fräulein Smidt fürchtete das und machte sich selbst bei Madame Möller zu schaffen und Fräulein Jansen fürchtete wieder , Herr Gensler würde demselben Triebe folgen , und suchte die Fährte auf , die auch endlich nicht nur Herr Gensler , sondern auch Herr Burmester , Herr Johannsen und Herr Wilckens gefunden hatten . So verstrichen drei Tage in einem nicht endenden Klingeln der Dielenthür und einer Aufregung der an der Verborgenheit betheiligten Personen , die sich nur durch Musik beschwichtigen ließ ; man sang , man stritt über Noten und Tonarten und da der Flügel fehlte , sang man Scalen und Solfeggien und stritt über den größern Werth der Schumann ' schen oder der Mendelssohn ' schen Lieder . Um ein Wesen , das sich in dieser Lage so benehmen konnte und nur auf das dringendste Verlangen der Damen Carstens zu bewegen gewesen war , einige Zeilen des Bedauerns an Klingsohr zu schreiben , ihm ihre Flucht , ihre Sicherheit , ihren Antheil an seinem schmerzlichen Erlebniß auszudrücken , schoß sich dann zwei Tage nach der erhaltenen öffentlichen Beschimpfung Klingsohr mit seinem Jugendfreunde hinter Ottensen auf zehn Schritt Barrière . Man hatte vieles erwogen gehabt . Klingsohr hatte sich mit den Secundanten vorher eingeschlossen , hatte von seinen Verpflichtungen gegen den Kronsyndikus gesprochen ; immer aber trat allen Abmahnungen das Bild entgegen : Vor einer ganzen Stadt mit der Reitpeitsche durchgehauen ! Die Satisfaction konnte nur in einem Duell bestehen . Man hatte die Formen des Duells so leicht wie möglich gemacht , die Distanzen nach den größten Maßen genommen und dennoch schoß Klingsohr seinen Beleidiger , nachdem dieser , ohnehin abgekühlt und von der Gefahr erschreckt , einen verfrühten Schuß ohne zu avanciren blindlings abgefeuert hatte , mit dem seinigen auf einen einzigen Anschlag nieder . Die Kugel drang zwischen die untern Rippen in Blutgefäße , die sich augenblicklich zu entleeren begannen . Eine Secunde stand noch Jérôme , entfärbte sich , suchte sich zu wenden und sank entseelt zu Boden . Nach vollbrachter That wurde Klingsohr von seinen Freunden dringend aufgefordert , den im Gehölz befindlichen Wagen zu besteigen . In dieser menschenbesäeten und gutbewachten Gegend mußten zwei Schüsse selbst in der ersten Morgenfrühe auffallen . Der mitgenommene Arzt erklärte , jeder Versuch , den Gefallenen ins Leben zu rufen , wäre vergeblich . Klingsohr zeigte einen dumpfen Schmerz . Er stand wie erstarrt und mochte sich von der Leiche nicht trennen . Laßt mich ! rief er und schleuderte die , die ihn fortziehen wollten , zurück . Wir beschwören dich ! rief man . Klingsohr ! Die Flurschützen kommen ! Klingsohr blieb starr und schauderte ... Der Frevel ist bestraft , wie er ' s verdiente ! rief man . Komm ! Klingsohr beugte sich mit einem Knie , stemmte das Haupt auf das andere und faßte die erkaltete Hand des schon Verblichenen . Die lange herculische Gestalt lag marmorblaß , die Lippen waren krampfhaft geöffnet , wie wenn ein Wort noch von ihnen hätte kommen sollen , das der plötzliche Tod abschnitt . Da jeder Lebenshauch geschwunden war , so nahmen die Secundanten die wichtigsten Dinge aus den Taschen der Leiche , um sie selbst bis auf weiteres liegen zu lassen , gerichtliche Rencontres zu vermeiden und vorläufig nur sich selbst zu flüchten . Mit Widerstreben wurde Klingsohr in den Wagen gezogen . Man sah Menschen dem Gehölz zueilen , glaubte aber den Vorsprung noch frei . Die Rosse zogen an , der tiefe Sand gestattete kein schnelles Ansprengen . Kaum aber hatte man das Gehölz hinter sich , als der Flurschütz mit einigen schnell herbeigerufenen Landleuten ihnen schon in die Zügel fiel . Jetzt , wie zur Besinnung kommend , springt Klingsohr auf , reißt die eine der noch geladenen Pistolen an sich und erschreckt dadurch seine Freunde so , daß sie sich nur beschäftigen können , ihm die gefährliche Waffe zu entwinden . Darüber verlieren sie den Vortheil entweder zu entkommen oder , wie wol in solchen Fällen geschieht , sich durch Bestechung loszukaufen . Sie mußten ihre Namen nennen und versprechen , mit dem Wagen dem Flurschütz zu folgen . Auf dem Stadthause in Altona wurde ein Protokoll aufgesetzt . Klingsohr , dem nur zunächst an der würdigen Bestattung seines Opfers lag , mußte zurückbleiben . Die andern entfernten sich auf Ehrenwort . Nach einer so ernsten Wendung war für niemand der Boden unter den Füßen mehr hinweggenommen als für Lucinden . Sie kehrte auf die erste Schreckenskunde zur Carstens ' schen Familie zurück , aber der Fall wurde so vielfach erörtert , mindestens so allgemein besprochen , daß sie der Gegenstand der allgemeinen Neugier und keines ihr günstigen Urtheils wurde . Der Schimpf , der Klingsohrn angethan gewesen , war bestraft ; ihn erwartete ein Spruch der Richter ; nur sie , die Veranlassung dieser blutigen Scenen , ging frei aus , und jetzt konnte selbst die Musik nicht mehr ihren klingenden Schild über sie legen . Sie fühlte ihre Lage und zum ersten mal war ihr Nr. 33 gerade recht ; die zwei Bettschirme , die sie von den Schwestern trennten , ließen ihr gerade so viel Raum , wie sie auf einige Tage bedurfte . Daß in solchen Lagen Naturen , wie die ihrige , allein stehen , aber auch ganz allein , das erfüllte sie mit Bitterkeit . Sie machte sich Geständnisse über sich selbst , ihre Umgebungen und über ihre Grausamkeit gegen Klingsohrn . Sie liebte ihn nicht mehr . Was traf sie da nach ihrer Meinung weiter für eine Schuld ! Diese ganze Umgebung war ihr peinlich geworden , da schon lange alles das es wurde , was von ihr durchschaut werden konnte . Sie hatte angefangen , sich fortgesetzt einzureden , daß diese Welt eine ganz nichtige , nur dem Schein huldigende , daß diese Menschen alle , die sie bevölkern , nur Puppen wären , die an den Drahtseilen einiger kluger Matadore tanzten . Welche Narrheiten rechts und links ! Diese Schwestern , die einen Bruder tyrannisirten , nur um ein gesichertes Alter zu haben ! Pedantinnen in jedem Worte , das sie sprachen , in jedem Schritt , den sie thaten , immer nach dem Wetter lugend , auch in geistigen Dingen , immer bedacht : Was werden die Leute dazu sagen ! Und Herr Carstens selbst , eitel auf eine Liebhaberei , zu der er nur die Geduld , nicht die Kenntnisse besaß , sonst stundenlang beschäftigt mit dem Selbstrasiren seines Bartes , dem Knüpfen seiner Halsbinde ! Dieser Professor links , bei jedem Worte , das er sprach , sich umsehend , wie wol dessen Wirkung wäre , die Silben zählend , als wenn er die deutsche Sprache erfunden hätte und sie schonen und nicht allzu gemein machen müsse ! Diese Frauen überall von Haus zu Haus ; jede versunken in ihr eigenes Interesse , in ihre Kinder , ihre Möbel , ihre Tassen , ihre Kleider , ihre etwaige Schönheit ! Des Prahlens mit Gefühlen da , mit Gedanken dort kein Ende ! Die Musiknärrinnen vollends schon die lächerlichsten von allen ! Nun entdeckte sie , daß sie ja viel mehr wußte als sie alle , daß sie Gesichtspunkte hatte , während alle im Nebel tasteten ; denn keines wußte vom Leben selbst so viel , als wie sie doch schon erkannt hatte oder wie sie Klingsohrn verdankte , der so viel Ahnungen und Lichtblicke in ihr entzündet hatte . Doch auch für diesen ergriff sie kein reines Mitgefühl mehr . Sie hatte die Vorstellung von sich , daß ihr im Leben irgendein weit größeres Ziel beschieden wäre und daß alle diese Begegnungen , die sie bisjetzt erlebt hätte , nur dazu dienten , ihre Entwickelung zu fördern . Nur Schlangenhäute waren es , die sie abstreifte . Seit dem Tode Jérôme ' s rechnete sie tiefinnerlich auch schon Klingsohrn zu dem , was für sie abgethan war . Was aber beginnen ? Zurück mochte sie in nichts ! Das Verhältniß zum Kronsyndikus mußte nun doch wol aufhören ! Ihr Verlobter war ja der Mörder seines Sohnes geworden ! Jetzt erkannte sie wohl , daß Klingsohr nicht des Kammerherrn Bruder sein konnte ! Die Rolle , die sie in jener Schreckensnacht auf Schloß Neuhof angefangen zu spielen , war zu Ende ! ... Diese unbestimmte Gegenwart konnte indessen nicht bleiben . Und sollte sie mit ihren seidenen Kleidern und Hüten betteln gehen , sie dachte an Flucht . Sie schrieb einige Briefe . Einen an ihre Geschwister , die aus dem Waisenhause zu Meistern gegeben worden waren , um Handwerke zu erlernen , einen sogar nach Eibendorf an den Pfarrer , einen wagte sie auch an den Kronsyndikus . Die Empfindungen , die die Situation der Anzeige des erlebten Schrecklichen mit sich brachte , waren ihr geläufig , sie schrieb sie mit der größten Gewandtheit nieder . Auch dachte sie an jene Angelika Müller , mit der sie nach Hamburg gereist war . Irgendwo hoffte sie auf Rath , nur nicht in ihrer nächsten Umgebung oder von Klingsohr . Von diesem bekam sie aber täglich einen Brief . Die Sprache darin war besonnen . Er sagte , daß seine jetzige Lage ihm wohlthäte ; es läge ein unendlicher Trost darin , sich einmal so recht von dem Gesetz des Lebens , wie es ist , von den eisernen Armen der natürlichen Folgen unserer Handlungen gehalten zu sehen und keinen freien Willen mehr zu haben . Er bat sie , eine Weile auszuharren , bald würde sein Geschick entschieden sein ; ein Jahr Festung würde nicht ausbleiben ; er würde diese Strafe in einer schönen Stadt am Busen der Ostsee zu verbüßen haben ; wenn er wüßte - und er wisse es ja ! - daß ihm in sein dunkles Leben nur der Glanz ihrer Liebe schiene , so könnte er sein Loos nur preisen . » Es liegt « , schrieb er , » ein Zauber im Dulden und Gehorchen ; es liegt ein Zauber im Müssen , die wahre Freiheit im Sichgefangengeben ! Schon mit dem entströmenden Blut meines unglücklichen Opfers wurde mir leichter ! Ich hätte mit seinen rinnenden Tropfen selbst sterben können ! Daß ich diese That auf dem Gewissen habe , drückt mich nicht zu sehr . Die Beschimpfung , der ich vor hunderten von Zeugen ausgesetzt war , überschritt jedes Maß . Der Kammerherr war nicht in dem Grade geistesschwach , daß er nicht mit kluger Berechnung einen so boshaften Plan ausführen konnte . Alle meine Richter sind voll Theilnahme und schon meine Freunde geworden . Der Greis auf Schloß Neuhof wird seinen Sohn von mir nicht fordern , ... von mir nicht , Lucinde ! ... Ich schrieb ihm nicht . Theile Du mir mit , was er Dir antworten wird , falls Du ihm den Vorfall anzeigst , wie schon andere thaten . Sag ' ihm , daß ich ihm das Vaterherz , das er mir einst schenken wollte , jetzt zurückgegeben hätte und meinen Weg auch über die Wälle einer Festung hinweg finden würde ; irgendwohin komm ' ich schon , wo ich mit Dir , Lucinde , meine Hütte bauen kann ! Lies Bernardin de St.-Pierre ! Und lerne dann englisch ! Diese britische Literatur hat Freude an den Dingen , wie sie sind ! Es geht nichts über die Ergebung , nichts über die Geduld , die sich mit einer Blume und einem einzigen Sonnenstrahl beschäftigen kann ! Sieh , hier hab ' ich ein Zimmer , angenehm , geräumig , aber das Licht fällt von oben , die untern Fensterladen sind geschlossen und nicht zu öffnen . Zwischen den Ritzen stiehlt sich ein Sonnenstrahl hindurch . Ich beobachte ihn stundenlang . Er geht wie der Schatten eines Sonnenuhrzeigers im Kreise . Es ist ein Nichts , ein Schein und doch wie wesenhaft ! Die Atome zittern und tanzen in ihm ! Ohne diesen Strahl würden die Atome sinken und nicht , für mich wenigstens , dasein , aber in ihm wirbeln und erhalten sie sich und immer rundum . So halten sich die Welten ! In einem höhern Sonnenstrahl werden wir einst das selber sehen , selber fühlen ! Wie überflüssig alles Wissen , wenn man das weiß ! Ich brauche kein Buch mehr . Man hat mir Bücher und Schreibpapier angeboten . Ich will nicht mehr haben als ich brauche , um an Dich zu schreiben . Lesen ist mir verhaßt . Jeder Buchstabe , der nicht aus der Welt jenes meines einzigen Sonnenstrahls kommt , thut mir weh . Menschen ! Menschen ! Ihr dünkt euch so viel ! Ich könnte alles hingeben wie ein Mönch , wenn nur im Klostergarten ihm sein kleines Blumenbeet bleibt ! « Für Lucinden waren diese Klagen nicht im mindesten rührend . Sie schrieb , aber sie beantwortete gerade diese Klagen nicht . Sie überließ sich scheinbar Klingsohr ' s Anordnungen , besprach aber eine Reise nach England mit Herrn Carstens , der schon , um sie zu entfernen , in Correspondenz mit jenem Pachter stand , dessen Bekanntschaft er die Pensionärin verdankte . Nach dem Glauben der Nachbarn war Lucinde schon fort und manchem ihrer Nekrologe oder ägyptischen Todtengerichte , die ihr vor dem Fenster und hinter herabgelassenen Vorhängen draußen in der Laube von einem Einsprechenden gehalten wurden , konnte sie selber zuhören . Am Tage nach dem Begräbniß des Kammerherrn war ihrer Ungeduld kaum noch einzuhalten . Die Verantwortlichkeit des Hauses für sie hatte sich aufs höchste gesteigert . Die Damen Carstens schliefen nicht mehr . Sie schlossen Lucinden am Tage ein , sie versagten sich selbst den Genuß der Natur , gingen nicht aus , verschlossen sogar das Piano , nur damit sich Lucinde nicht durch Spielen verrieth . Noch den dritten , vierten Tag ließ sie sich durch eine Reisebeschreibung über England beschwichtigen . Am fünften aber drohte sie mit einem Sprunge aus dem Fenster . Sie hatte gerade beide Schwestern , die sie verzweiflungsvoll an den Kleidern zurückhielten , hinter sich , als ein eleganter Wagen draußen am Staket vorgefahren kam mit zwei Bedienten , von denen einer die Livree des Schlosses Neuhof trug . Der Schlag öffnete sich und ganz in Schwarz gekleidet trat , unterstützt von dem andern Diener , eine lange , hagere Gestalt aus dem niedergelassenen Schlage . Excellenz , der Kronsyndikus ! rief Lucinde und wäre fast aus dem Fenster und dem Ankommenden an den Hals gesprungen . Um alles in der Welt von den Schwestern um Anstand und » sittliches Betragen « ersucht , hielt sich Lucinde zurück und bedeutete die Wächterinnen , daß sie denn doch eilends selber Seiner Excellenz entgegengehen möchten . Die Schwestern , » zwei Seelen und Ein Gedanke « , drängten sich schon vor einem Spiegel , um ihre Frisur , ihre Kleider zu ordnen . Dies währte lange . Der Kronsyndikus war inzwischen im Garten und pochte schon an die seither immer verschlossen gewesene Hausthür . 18. Hätte Lucinde den Ankommenden nicht schon beim ersten Schritt aus dem Wagen erkannt , aus diesem leisen und zurückhaltenden Pochen würde sie es nicht gekonnt haben . So pflegte sonst der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof nicht zu pochen . Er nahm , da nicht geöffnet wurde , den Stab , auf den er sich im Gehen gestützt hatte , und pochte wiederholt an die Thür , doch aber auch mit dem Stabe ebenso zurückhaltend wie zuvor mit der Hand . Als die Fräulein Carstens in ihrer Toilette so weit vorgeschritten waren , sich einem solchen Besuche vorstellen zu können , öffneten sie und baten wegen der Verzögerung um Entschuldigung . Das Auge des Greises , der leise irgendetwas Verbindliches brummend erwiderte , suchte nur Lucinden . Als sie vortrat , umarmte er sie mit Innigkeit . Eine Thräne stand ihm in den weißen Wimpern ; er bedurfte iniger Erholung , bis er sprechen konnte . Thränen kannten Lucindens Augen in dieser Situation nicht , aber sie sprach mit Innigkeit zu dem gebeugten Greise , der jetzt einen Stuhl suchte , sich zu sammeln . Lucinde würde mit noch größerer Herzlichkeit seinen Gruß erwidert haben , wenn die Redseligkeit der Fräulein sich nicht in einen Wettstreit von Beileidsbezeigungen ergangen hätte . Da so vier Stühle jetzt zusammengerückt zu sehen zum ceremoniellen Erörtern des » Unglücks « und des » bejammernswerthen Vaterschmerzes « u.s.w. , das benahm ihr jede Lust , sich ihrerseits an dem Beileid zu betheiligen . Der Kronsyndikus schien die gleichen Gefühle zu hegen . Nach einigen Klagen über sein schmerzliches Geschick , einigen Berichterstattungen über die nach Schloß Neuhof bereits von einem andern der mitgebrachten Diener abgesandte Leiche seines Sohnes erhob er sich und forderte Lucinden auf , in den Wagen zu steigen und mit ihm in den Umgebungen der Stadt spazieren zu fahren . Diese Veranlassung , die Gefangene wieder in die Öffentlichkeit zurückkehren zu lassen , war zu gebieterisch . Die Fräulein trugen selbst Hut , Sonnenschirm , einen Ueberwurf herbei und erschöpften sich in Zärtlichkeiten und Schmeicheleien für Lucinden , als wäre nie etwas zwischen ihnen vorgefallen . Der Kronsyndikus bot Lucinden den Arm . Es war eine Artigkeit ; aber eher hätte sie sich veranlaßt fühlen können , ihm den ihrigen anzubieten . Denn wie schritt er langsam und hinfällig ! Seine Augen lagen tief in den Höhlen ! Das Antlitz war so wachsbleich und mit einem Netz von Runzeln und Furchen nach allen Richtungen hin überzogen , wie ein Kopf von jenem Denner , der in dieser Stadt gemalt hat . Die weißen Barthaare standen auf den hohlen Wangen wie zum Zählen . Der in der großen Livree der Wittekinds harrende Diener war noch zu dem Commissionär des Hotels , der durch die Stadt den Führer machte , hinzugesprungen , um seinen Herrn beim Einsteigen in den Wagen zu unterstützen . Lucinde erkannte ihn wohl . Es war der gewöhnliche Diener des Kammerherrn ... Jérôme war dem Grafen Zeesen plötzlich entsprungen gewesen . Wer ihn mit den Vorgängen auf Schloß Neuhof bekannt gemacht , ihm Lucindens und Klingsohr ' s Aufenthalt verrathen , die Mittel zur Flucht verschafft hatte , war unbekannt . Erst zwei Tage darauf , nachdem man ihn vergebens in Eibendorf beim Pfarrer gesucht , entdeckte man die Spur , die nach Hamburg führte , und die schnell nachgeschickten beiden Diener kamen zu spät . Diese waren es gewesen , die noch früher als Lucinde und die Behörden an den Kronsyndikus das traurige Ende seines Sohnes berichtet hatten . Nach vollständiger und so auf alles Erlebte wiederholt zurückkommender Erörterung sagte der Kronsyndikus : Lucinde ! Du kennst meine Anhänglichkeit an den Doctor ! Du weißt , wie mich der Tod seines Vaters erschütterte ! Ich trug ihm , wie du weißt , gleich denselben Abend meine Hand zum Schutz und Beistand an , ja , bot ihm sogar den Vaternamen ! So schmerzhaft er mir diese Gesinnung vergolten hat , so will ich sie ihm darum doch nicht entziehen . Die ihm von Jérôme angethane Mishandlung war die schimpflichste , die ein Mann erleben kann . Eine Genugthuung mußte ihm werden . Daß freilich seine Hand dazu bestimmt war ... Nun stockte der Greis ; die leise zitternden Kinnladen schienen die Kraft nicht zu haben , seinen Gedanken zu folgen . Er veränderte seine Rede und sagte : Daß seine Hand so unglücklich war , Jérôme bis auf den Tod zu treffen ! Es ist aber einmal Gottes Fügung so gewesen , nun muß es verschmerzt werden ! In unserm Kloster Himmelpfort werden wir Jérôme beisetzen und im Park will ich ihm an der Stelle , wo er dir damals , als die Verwandten dich entdeckten , zum Pavillon hinaufrief - da will ich ihm noch eine kleine Pyramide setzen lassen , so eine , wie er zu drechseln pflegte , das Bild der jenseitigen Sehnsucht - nach Püttmeyer ... Jérôme ist ohne Beistand seiner Kirche gestorben . Das Fräulein Angelika Müller sprach ich schon . Du hast sie arg vernachlässigt ! Lucinde schützte Mangel an Zeit und Interesse vor . Das Verweilen bei religiösen Erwägungen war ihr am Kronsyndikus neu ... Der Wagen fuhr , wie befohlen worden war , langsam über die Wälle der Stadt ... Manche Spaziergänger in den Alleen erkannten Lucinden und diese hielt sich denn auch gerade so , als sollte alle Welt die Genugthuung bemerken , die ihr soeben wurde ... Der Kronsyndikus fuhr fort : Auch Klingsohrn sah ich schon ! Er hat nur den einen Schmerz , nicht in deiner Nähe zu sein . Die große Stadt hat dich zerstreut , Lucinde ! Ich hoffe nicht , daß du mir den Schmerz anthust und deinen Freund vernachlässigst ! Ich habe versprochen , euer beiderseitiges Glück im Auge zu behalten , werde aber meine Hand unerbittlich von dir abziehen , wenn du Heinrich täuschen könntest ! Es ist einer von den Männern , die des weiblichen Umgangs bedürfen , die aber nicht die Geduld haben , sich einen würdigen Gegenstand ihrer Liebe langsam zu erobern . Mit Geist und Charakter wollen die Frauen selten einen Mann . Sie wollen fast immer nur , wer ihnen schmeichelt oder amüsant ist oder im besten Falle Gemüth verräth , worunter sie etwas verstehen , was so viel wie unbedeutend ist . Klingsohr würde in der Wahl seiner Liebe immer nur fehlgreifen . Er ist tief gebeugt . Du wirst ihn durch deine Heiterkeit und Unbefangenheit wiederaufrichten . Also ? Ich rechne auf deine Beständigkeit ! Nicht aus Schonung für den wie verwandelten Greis , sondern aus Furcht vor seiner , wie es schien , sehr ernst gemeinten Drohung gab Lucinde Versicherungen , von denen ihr Herz nichts wußte . Man wird deinen Freund , fuhr der Kronsyndikus fort , zu einer Festungshaft verurtheilen . Er wird sie abzubüßen haben in einer Stadt , die ich in meinen jüngern Jahren wohl gesehen habe . Sie liegt an einem schönen Busen der Ostsee . Ja , der liegt mir so blau vor Augen , als wäre ich erst gestern dagewesen ! Der Menschenkreis dort ist klein , aber traulich . Eine Universität , eine Besatzung beleben den kleinen Ort . Familien , die dich in ihre Obhut nehmen , werden sich finden lassen wie hier . Heinrich sitzt dabei auf der Festung . Anfangs wirst du ihn wol in der Festung sehen können , später wird er , denk ' ich , auf Stunden sie verlassen und in der Stadt sich aufhalten dürfen . Man ist gegen Gefangene dieser Art nachsichtig ; nach einem Jahre schon ist die Strafe , wenn sie auch vielleicht auf drei Jahre verhängt würde , abgebüßt . Ich , als Vater des Erschossenen , werde in Kopenhagen selbst um Gnade bitten , das wird die Haft kürzen . Dann bin ich dafür , daß Heinrich seinen Schatz von Gelehrsamkeit in Göttingen zur Anerkennung bringt und dort um eine Professur wirbt ; du hast all die Fähigkeiten , die ihm für die strenge Verfolgung solcher Plane mangeln . Du wirst ihm durch die Ehe überhaupt erst die Erziehung geben , die er eigentlich nie bekommen hat . Seine Mutter starb früh ... Was ich dir einst von ihr sagte , war ... Eingebung - des Augenblicks ! Nichts weiter ! Er hat dir davon erzählt ? Lucinde nickte . Sie versprach alles , was der Kronsyndikus nur zu hören wünschte . Sie war schon glücklich , aus der Gesellschaft der Fräulein Carstens erlöst zu sein . Sah sie doch jetzt , auf einer Spazierfahrt , wie sie sie nie gemacht , zum ersten mal erst das schöne Hamburg ! Und nun schon wieder das neue Bild der See , einer Universität , einer Besatzung - Vorstellungen , die ihre Phantasie ganz in Beschlag nahmen . Nur mit Widerstreben kehrte sie in ihre Klause zurück , an welcher der Kronsyndikus nach einer Stunde vorfuhr . Von den Fräulein am Staket empfangen , gab sie sich unbehindert den staunenden Blicken aller Nachbarn preis . Der vornehme Herr , der sie so ehrte , war ja der Vater ihres erschossenen » ersten Verlobten « . Am folgenden Tage sah sie , wieder in Begleitung des Greises , auch Klingsohrn im altonaer Stadthause . In der Sehnsucht , ihre gegenwärtige Lage geändert zu bekommen , ging sie auf alles ein , was man von ihr voraussetzte . Sie war , vom Kronsyndikus , der indessen eine Weile am Ufer der Elbe auf- und abfuhr , mit Klingsohrn allein gelassen , ganz so hingebend , ganz so vertrauend , wie der Gefangene nur verlangte . Sie konnte ihn in der Voraussetzung zurücklassen , daß er auf die Treue » seines Mädchens « wie auf Felsen würde bauen können . Vor ihrer Kunst , sich in die Umstände zu schicken , auf eine Erinnerung an den Kammerherrn den Blick zu umfloren , auf ein stürmisches : Sieh mir ins Auge ! fest und sicher die schwarzen Sterne Klingsohrn entgegenzuhalten , erschrak sie selbst . Klingsohr gerieth in einen Ausbruch von Wonne , wie damals in der verhängnißvollen Abendstunde auf Schloß Neuhof . Sprang er auch wol mitten aus einer Liebkosung auf , trat vor sie hin , streckte die Hand aus wie um sie zu erwürgen und sagte : Schlange ! Bist doch falsch ! Falsch ! Ich weiß es ! ... so entwand sie sich ihm leise , wendete ihm ihren Nacken zu , versteckte den Kopf wie schmollend in die Ecke des Sophas , und erst dann , wenn er sie dennoch in dieser Lage umfing , mit den Armen gewaltig ihren schlanken Leib umspannte , den Kuß seiner Lippen auf ihre Schultern drückte , zog sie diese wie furchtsam ganz in die Höhe und wandte sich leise und allmählich erst mit dem Kopfe herum , allmählich die brennenden Augen erhebend , dann sprang sie auf und warf ihn scherzend zurück , gerade so , wie im Käfige die Panther zu spielen pflegen . Vierzehn Tage brachte Lucinde dann noch mit dem Kronsyndikus zu , um mit ihm allem die Güter desselben zu bereisen . Der Abschied von den Damen Carstens war ein einziger Jubel ihrer endlich befreiten Seele . Da sie den trauernden Greis , wie es auch dieser ihr ausdrücklich dankte , mit ihrer Heiterkeit erfreute , so ließ sie ihrem Humor ganz den Zügel schießen ... Sie parodirte alle Erinnerungen an Schloß Neuhof , an die Lisabeth , an alle Inspectoren , an die Arbeiter , und nur vor Stephan Lengenich mußte sie Halt machen . Der Arme saß noch immer und kämpfte gegen die Verdachtsgründe , die ihn gravirten , vergebens . Seine wichtigste Entlastung , jenes grüne Stück Tuch , das man gleich anfangs bei der Leiche des Deichgrafen gefunden hatte , war , räthselhaft genug , abhanden gekommen . Auch von ihren neuern Erfahrungen erzählte Lucinde und stellte so viel Caricaturen auf , daß sie den Greis zu der aufrichtigen Versicherung veranlaßte , nur mit schwerem Herzen träte er sie an Klingsohrn ab , sie wäre wie geschaffen , ihm den Rest seiner Tage zu vertändeln . Auch von seinem jetzt alleinigen Erben , dem Oberregierungsrathe , sprach er wieder mit der alten Erbitterung . Dieser war ein Anhänger des Gouvernements in einem Grade , daß er ihn , nach einer in seiner heimatlichen Gegend geläufigen Erinnerung an Hermann den Cherusker , immer nur den neuen Segest nannte ; Lucinde besaß Kenntnisse genug , darunter einen Verräther zu verstehen . Die holsteinische Reise bot Natureindrücke und Abwechselungen , wie sie sich von diesen Flachländern kaum erwarten ließen . Sanfte Hügel und Thäler wechselten mit Seen , letztere von prachtvollen Buchenwäldern eingerahmt , fischreich und überflattert von wildem Geflügel . Die Glocken von stattlichen Rinderheerden läuteten auf Wiesen , die sich hinzogen wie Alpenmatten . Jede Blume , die auf den Stoppelfeldern noch zurückgeblieben , mußte mitreisen . Lucinde stieg aus und wand Kränze , den Greis zu schmücken , der sich ' s gefallen ließ , wenn ihn sein Rundblick über die landwirthschaftlichen Eindrücke zu ernst stimmte . Die Besitzungen , an denen man vorüberfuhr , waren schloßähnlich , von großen , massiven Wirthschaftsgebäuden umgeben , mit Gärten und Parks geschmückt . Die Bauernhäuser standen denen ihrer Herrschaften nicht nach . Alles zeugte von Wohlhabenheit und bestritt die Ansichten , die Lucinde vom Plattdeutschen als dem Ausdruck der Lässigkeit und Trägheit hatte . Die Krone aller dieser Eindrücke , die noch über den Eindruck der in sonnenglänzenden Wäldern still verborgenen Seen ging , war das letzte Ziel der Reise , die Hafenstadt am Busen der Ostsee selbst . Wo kamen in diesen Flachländern plötzlich diese dunkelgrünen hohen Ufer her ! Diese bewaldeten Höhen , von deren Fuß sich die grellrothen Dächer der Fischerdörfer abhoben , wie wenn im gleichen Landschaftsgefühl Natur und Kunst sich begegneten ! Auf dunkelblauer Fläche weiße Segel , Möven im flatternden Neckspiel , der Spiegel des Wassers so blau , so krystallen , wie eine riesige Schale von Saphir , und darüber her der Himmel , so durchsichtig und ahnungsschwer die nahe gerückte Ferne verrathend , Ufer so vieler Inseln , Skandinaviens wie gesehene Küste ! ... Auch die Festung mit dem hochragenden Danebrog , auch die Stadt mit ihren Promenaden und Alleen trug den Charakter , als beträte man einen einzigen üppigen großen Garten . Hier in Kiel , wo man später noch jahrelang von Lucinden sprach , wurde sie einer Professorenfamilie übergeben . Als die Bedingungen geschlossen waren und ihr Einzug gehalten werden konnte , rüstete sich der Kronsyndikus , von ihr Abschied zu nehmen . Er hatte seine