heraus kleidete . Er machte mir ganz genau wieder den nämlichen Eindruck wie im vergangenen Jahre , als ob er einer ganz anderen Beschäftigung angehörte . Da ich von dem Gewächshause gegen die Fütterungstenne ging , begegnete mir Gustav . Er lief mit einem Rufe auf mich zu und grüßte mich . Der Knabe hatte sich in kurzer Zeit sehr geändert . Er stand sehr schön neben mir da , und gegen die rauhe Art der Natur , die noch kein Laub , kein Gras , keinen Stengel , keine Blume getrieben hatte , sondern der Jahreszeit gemäß nur die braunen Schollen , die braunen Stämme und die nackten Zweige zeigte , war er noch schöner , wie ich oft beim Zeichnen bemerkt hatte , daß zum Beispiele Augen der Tiere in struppigen Köpfen noch glänzender erschienen , und daß feine Kinderangesichtchen , wenn sie von Pelzwerk umgeben sind , noch feiner aussehen . Ein sanftes Rot war auf seinen Wangen , braune Haarfülle um die Stirne , und die großen schwarzen Augen waren wie bei einem Mädchen . Es war , obwohl er sehr heiter war , fast etwas Trauerndes in ihnen . Wir gingen dem Platze zu , auf welchem sein Ziehvater beschäftigt war . Ich erzählte ihm auf dem Wege von meinen Angehörigen ; von meiner Mutter , von meinem Vater und von meiner lieblichen Schwester . Auch erzählte ich ihm von der Stadt , wie man dort lebe , was sie für Vergnügungen biete , was sie für Unannehmlichkeiten habe , und wie ich in ihr meine Zeit hinbringe . Er sagte mir , daß er jetzt schon in die Naturlehre eingerückt sei , daß ihm der Vater Versuche zeige , und daß ihn die Sache sehr freue . Wir blieben eine Weile bei dem Ziehvater . Gustav zeigte mir allerlei , und machte mich bald auf diese , bald auf jene Veränderung aufmerksam , welche sich seit meiner früheren Anwesenheit ergeben habe . Der Mittag vereinigte uns in dem Hause . Da ich so , da die Speisen erschienen , meinem alten Gastfreunde gegenüber saß , fiel mir plötzlich auf , was der Mann für schöne Zähne habe . Sehr dicht , weiß , klein und mit einem feinen Schmelze überzogen saßen sie in dem Munde , und kein einziger fehlte . Seine Wangen hatten durch den vielen Aufenthalt in der freien Luft ein gutes und gesundes Rot , nur seine Haare schienen mir wie bei dem Gärtner noch weißer geworden zu sein . Nach dem Essen begab ich mich ein wenig in mein Zimmer . Es war sehr freundlich hergerichtet worden , und in dem Ofen brannte ein erwärmendes Feuer . Nachmittags gingen wir in das Schreinerhaus . Eustach begrüßte mich , aus seiner Stelle tretend , sehr heiter , und ich erwiderte seinen Gruß auf das herzlichste . Auch die andern Arbeiter gaben zu erkennen , daß sie mich noch kannten . Ich besah zuerst die Dinge nur flüchtig und im allgemeinen . Der schöne Tisch war sehr weit vorgerückt ; aber er war noch lange nicht fertig . Es waren wieder ein paar neue Erwerbungen gemacht worden . Man zeigte sie mir und machte mich darauf aufmerksam , was aus ihnen werden könne . Auch Pläne zu selbstständigen Arbeiten waren wieder gemacht worden , und man legte mir in kurzem die Grundansichten auseinander . Ich bat Eustach , daß er erlaube , daß ich ihn während meiner Anwesenheit ein paar Male besuche . Er gestand es sehr gerne zu . Nach diesem Besuche machten wir trotz der sehr schlechten Wege einen weiten Spaziergang . Da ich davon sprach , daß ich schon die Vögel in dem Garten bemerkt habe , sagte mein Gastfreund : » Wenn Ihr länger bei uns wäret , so würdet Ihr jetzt eine ganze Lebensgeschichte dieser Tiere erfahren . Die Zurückgebliebenen fangen schon an , sich zu erheitern , die fortgezogen sind , treffen bereits allmählich ein und werden mit Geschrei empfangen . Sie drängen sich sehr an die Tafel und sputen sich , bis die in der Fremde erfahrnen Nahrungssorgen verwunden sind ; denn dort werden sie schwerlich einen Brodvater finden , der ihnen gibt . Von da an werden sie immer inniger und singen täglich schöner . Dann wird ein Gekose in den Zweigen , und sie jagen sich . Hieran schließt sich die Häuslichkeit . Sie sorgen für die Zukunft , und schleppen sich mit närrischen Lappen zu dem Nesterbau . Ich lasse ihnen dann allerlei Fäden zupfen , sie nehmen sie aber nicht immer , sondern ich sehe manchmal einen , wie er an einem kotigen Halme zerrt . Nun kömmt die Zeit der Arbeit wie bei uns in den Männerjahren . Da werden die leichtsinnigen Vögel ernsthaft , sie sind rastlos beschäftigt , ihre Nachkommen zu füttern , sie zu erziehen und zu unterrichten , daß sie zu etwas Tüchtigem tauglich werden , namentlich zu der großen bevorstehenden Reise . Gegen den Herbst kömmt wieder eine freiere Zeit . Da haben sie gleichsam einen Nachsommer , und spielen eine Weile , ehe sie fort gehen . « Als wir von dem Spaziergange zurückgekehrt waren und es Abend wurde , versammelten wir uns an dem Kamine des Speisezimmers , in welchem ein lustiges Feuerbrannte . Auch Eustach wurde herüber geholt , und der weiße Gärtner mußte kommen und sagen , welche Fortschritte die Pflanzen in den Winterbeeten und in den Gewächshäusern gemacht hatten . Die Haushälterin Katharina setzte hie und da ein warmes Getränke auf ein Tischchen . Am andern Tage morgens ging ich zu meinem Gastfreunde in das Fütterungszimmer , um zuzusehen . Er suchte sich alle Gattungen Nahrung aus den Fächern zurecht , öffnete dann die Fenster und tat das Futter auf die Brettchen . Er blieb an dem Fenster stehen , und ich bei ihm . Trotzdem kamen die Vögel in Bögen oder geraden Linien herbei geflogen . Ihn fürchteten sie nicht , weil sie ihn als den Nährvater kannten , und mich nicht , weil ich bei ihm stand . Sie drängten sich , pickten , zwitscherten , und balgten sich sogar mitunter . » Ich gebe im späteren Frühlinge und Sommer den Weibchen sehr gerne noch eine leckere Draufgabe , « sagte er , » weil manches Mal eine bedrängte Mutter unter ihnen sein kann . Die so hastig und zugleich so erschreckt fressen , sind Fremde . Sie würden um keinen Preis zu einem Menschen herzu gehen , wenn sie nicht der bitterste Hunger nötigte . Ich habe in harten Wintern schon die seltensten Vögel auf diesen Brettern gesehen . « Als alles vorüber war und sich keine Gäste mehr einfanden , schloß er die Fenster . Ich stieg von da auf den Dachboden des Hauses empor , weil er gesagt hatte , daß jetzt auch den Hasen außerhalb des Gartens Futter gestreut würde , und daß man sie von da sehen könnte . Sie haben noch nichts als die karge Wintersaat und Nadelreiser , weshalb man noch nachhelfen müsse . Da die Magd die Blätter ausgestreut und sich entfernt hatte , kamen schon Hasen herzu . Ich schraubte ein Fernrohr an einen Balken , und es war lächerlich anzusehen , worauf mich Gustav aufmerksam machte , wenn ein riesiger Hase in dem Fernrohre saß , mit schreckhaften Augen auf das verdächtige Mahl sah , und schnell die Lippen bewegte , als fräße er schon . Da ich auch dies gesehen hatte , stieg ich wieder herunter , und ging mit Gustav in das Zimmer , in welchem die Geräte zur Naturlehre standen . Es sollte nun erst das Frühmahl eingenommen werden . Dasselbe wurde zur Winterszeit immer in dem Zimmer der naturwissenschaftlichen Gerätschaften genommen , weil man , da man einen Teil des Vormittages in seinen Zimmern zubrachte , nicht eigens dazu in das Speisezimmer hinabsteigen wollte , und weil in derselben Zeit in den andern Wohngemächern des alten Mannes , im Arbeitszimmer und Schlafzimmer , eben aufgeräumt und gelüftet wurde . Mein Gastfreund erwartete mich und Gustav schon ; denn er war nicht mit uns auf den Dachboden hinauf gestiegen . Das Gemach war sanft erwärmt , und in der Nähe des Ofens stand ein Tisch , der gedeckt und mit allen Geräten versehen war , ein angenehmes Frühmahl zu bereiten . Er stand auf einem freien Raume , um den herum sich die Werkzeuge der Wissenschaft befanden . Da wir nach dem Frühmahle nun so saßen , da eine anmutige Wärme das Zimmer erfüllte , da von dem Widerscheine der ganz schief die Fenster treffenden Morgensonne das Messing , das Glas und das Holz der verschiedenartigen Werkzeuge erglänzte , sagte ich zu meinem alten Gastfreunde : » Es ist seltsam , da ich von Eurer Besitzung in die Stadt und ihre Bestrebungen kam , lag mir Euer Wesen hier wie ein Märchen in der Erinnerung , und nun , da ich hier bin und das Ruhige vor mir sehe , ist mir dieses Wesen wieder wirklich und das Stadtleben ein Märchen . Großes ist mir klein , Kleines ist mir groß . « » Es gehört wohl beides und alles zu dem Ganzen , daß sich das Leben erfülle und beglücke « , antwortete er . » Weil die Menschen nur ein Einziges wollen und preisen , weil sie , um sich zu sättigen , sich in das Einseitige stürzen , machen sie sich unglücklich . Wenn wir nur in uns selber in Ordnung wären , dann würden wir viel mehr Freude an den Dingen dieser Erde haben . Aber wenn ein Übermaß von Wünschen und Begehrungen in uns ist , so hören wir nur diese immer an und vermögen nicht die Unschuld der Dinge außer uns zu fassen . Leider heißen wir sie wichtig , wenn sie Gegenstände unserer Leidenschaften sind , und unwichtig , wenn sie zu diesen in keinen Beziehungen stehen , während es doch oft umgekehrt sein kann . « Ich verstand dieses Wort damals noch nicht so ganz genau , ich war noch zu jung , und hörte selber oft nur mein eigenes Innere reden , nicht die Dinge um mich . Gegen Mittag kam derjenige meiner Koffer , den ich in das Rosenhaus bestellt hatte . Ich packte ihn aus , und zeigte Gustav , der mich besuchte , manche Bücher , Zeichnungen und andere Dinge , die er enthielt , und richtete mich in meinem Zimmer häuslich ein . So gingen nun mehrere Tage dahin . In diesem Hause war jeder unabhängig und konnte seinem Ziele zustreben . Nur durch die gemeinsame Hausordnung war man gewissermaßen zu einem Bande verbunden . Selbst Gustav erschien völlig frei . Das Gesetz , welches seine Arbeiten regelte , war nur einmal gegeben , es war sehr einfach , der Jüngling hatte es zu dem seinigen gemacht , er hatte es dazu machen müssen , weil er verständig war , und so lebte er darnach . Gustav bat mich sehr , ich möchte einmal seinem Unterrichte in der Naturlehre beiwohnen . Ich sagte es meinem Gastfreunde , und dieser hatte nichts dawider . So war ich dann nicht einmal , sondern mehrere Male bei diesem Unterrichte zugegen . Mein alter Gastfreund saß in einem Lehnsessel und erzählte . Er beschrieb eine Erscheinung , er machte die Erscheinung recht deutlich , zeigte sie , wenn es möglich war , mit den Vorrichtungen seiner Sammlung , oder wo dies nicht möglich war , suchte er sie durch Zeichnung oder Versinnbildlichung darzustellen . Dann erzählte er , auf welchem Wege die Menschen zur Kenntnis dieser Erscheinung gekommen waren . Wenn er dieses vollendet hatte , tat er das gleiche mit einer zweiten , verwandten Erscheinung . Und wenn er nun einen Kreis von zusammengehörigen Erscheinungen , der ihm hinlänglich schien , ausgeführt hatte , dann hob er dasjenige , was allen Erscheinungen gleichartig ist , hervor und stellte die Grunderscheinung oder das Gesetz dar . Bei diesem Unterrichte wurde nicht ein gewisses Buch zu Grunde gelegt , sondern Gustav schrieb später das , was ihm erzählt worden war , aus dem Gedächtnisse auf , der alte Mann besserte es dann in seiner Gegenwart aus , und so erhielt der Knabe nicht nur ein Handbuch der Naturwissenschaft , sondern lernte den Stoff selber schon durch das Aufschreiben und Ausbessern . Was sich Gustav angeeignet hatte , wurde zu Zeiten gleichsam in freundlichen Gesprächen durchgenommen . Die Sprache des Unterrichtes war stets so einfach und klar , daß ich meinte , ein Kind müsse diese Dinge verstehen können . Mir fiel es jetzt erst recht auf , wie ungehörig manche Lehrer in der Stadt in dieser Wissenschaft verfahren , welche sie gewissermaßen in eine wissenschaftliche Necksprache kleiden , die ein Schüler nicht versteht , und mit welcher sie die Mathematik so in eins verflechten , daß beide beides nicht sind und ein Ganzes auch nicht darstellen . Ich sah , daß Gustav auch die Rechnung auf die Naturlehre anwandte , aber wo er es tat , erkannte ich , daß er es stets mit Sachkenntnis und Klarheit tat , und daß er immer die Rechnung nicht als Hauptsache , sondern hier als Dienerin der Natur betrachtete . Ich urteilte aus meinen eigenen früheren Arbeiten , daß er auch in diesem Fache einen gründlichen Unterricht erhalten haben mußte . Ich fragte ihn einmal darnach , und erfuhr , daß auch hierin sein Ziehvater sein Lehrer gewesen sei . Ich besuchte später auch den Unterricht in der Länderkunde . Hier fiel mir auf , daß gezeichnete Karten gebraucht wurden , welche alle den nämlichen Maßstab hatten , so daß Rußland in einer außerordentlich großen , die Schweiz in einer sehr kleinen Karte dargestellt war . Mir leuchtete der Zweck dieser Maßregel ein , damit nämlich bei der lebhaften jugendlichen Einbildungskraft ein Bild der Größenverhältnisse dauernd eingeprägt werde . Ich erinnerte mich bei dieser Gelegenheit einer Wette , die wir Kinder um eine Kleinigkeit über die Frage abgeschlossen hatten , ob Philadelphia nicht beinahe so südlich wie Rom liege , was die meisten mit Lachen verneinten . Eine herbeigebrachte Karte zeigte , daß es südlicher als Neapel liege . Allgemein sagten damals auch die großen Leute , die zugegen waren , daß bei Kindern dieser Irrtum durch die Raumverhältnisse , in denen unsere gewöhnlichen Karten gezeichnet seien , veranlaßt werden mußte . Die Karten , welche Gustav gebrauchte , waren von dem Zeichner im Schreinerhause nach Karten unserer sogenannten Atlasse verfertiget worden . Ich fragte meinen Gastfreund , ob Gustav auch Geschichte lerne , worauf er erwiderte : » Man nimmt sehr häufig mit jungen Schülern gleich zur Erdbeschreibung auch Geschichte vor ; ich glaube aber , daß man hierin unrecht tut . Wenn man in der Erdbeschreibung nicht bloß die geschichtliche Einteilung der Erde und Länder vor Augen hat , was ich auch für einen Fehler halte , sondern wenn man auf die bleibenden Gestaltungen der Erde sieht , auf denen sich eben durch ihren Einfluß verschiedenartige Völker gebildet haben , so ist die Erde ein Naturgegenstand , und Erdbeschreibung zum großen Teile ein Bestandteil der Naturwissenschaft . Die Naturwissenschaften sind uns aber viel greifbarer als die Wissenschaften der Menschen , wenn ich ja Natur und Menschen gegenüber stellen soll , weil man die Gegenstände der Natur außer sich hinstellen und betrachten kann , die Gegenstände der Menschheit aber uns durch uns selber verhüllt sind . Man sollte meinen , daß das Gegenteil statthaben solle , daß man sich selber besser als Fremdes kennen solle , viele glauben es auch ; aber es ist nicht so . Tatsachen der Menschheit , ja Tatsachen unseres eigenen Innernwerden uns , wie ich schon einmal gesagt habe , durch Leidenschaft und Eigensucht verborgen gehalten oder mindestens getrübt . Glaubt nicht der größte Teil , daß der Mensch die Krone der Schöpfung , daß er besser als alles , selbst das Unerforschte sei ? Und meinen die , welche aus ihrem Ich nicht heraus zu schreiten vermögen , nicht , daß das All nur der Schauplatz dieses Ichs sei , selbst die unzähligen Welten des ewigen Raumes dazu gerechnet ? Und dennoch dürfte es ganz anders sein . Ich glaube daher , daß Gustav erst nach Erlernung der Naturwissenschaften zu den Wissenschaften des Menschen übergehen soll , und daß er da ungefähr die Reihe beobachten soll : Körperlehre , Seelenlehre , Denklehre , Sittenlehre , Rechtslehre , Geschichte . Hierauf mag er etwas von den Büchern der sogenannten Weltweisheit lesen , dann aber muß er in das Leben selber hinaus kommen . « Zum Unterrichte für Gustav waren gewisse Stunden festgesetzt , welche der alte Mann nie versäumte , andere Stunden waren für die Selbstarbeit bestimmt , welche Gustav wieder gewissenhaft hielt . Die übrige Zeit war zu freier Beschäftigung überlassen . In solchen Zeiten waren wir manches Mal in dem Lesezimmer . Mein Gastfreund kam auch öfter , und gelegentlich auch Eustach oder der eine und der andere Arbeiter . Für Gustav waren nach der Wahl seines Lehrers die Bücher , die er lesen durfte , bestimmt . Er benutzte sie fleißig , ich sah aber nie , daß er nach einem anderen langte . Eustach und die anderen Leute hatten freie Auswahl , und natürlich ich auch . Da ich das erste Mal in diesem Hause war , hatte ich es getadelt , daß das Bücherzimmer von dem Lesezimmer abgesondert sei , es erschien mir dieses als ein Umweg und eine Weitschweifigkeit . Da ich aber jetzt länger bei meinem Gastfreunde war , erkannte ich meine Meinung als einen Irrtum . Dadurch , daß in dem Bücherzimmer nichts geschah , als daß dort nur die Bücher waren , wurde es gewissermaßen eingeweiht , die Bücher bekamen eine Wichtigkeit und Würde , das Zimmer ist ihr Tempel , und in einem Tempel wird nicht gearbeitet . Diese Einrichtung ist auch eine Huldigung für den Geist , der so mannigfaltig in diesen gedruckten und beschriebenen Papieren und Pergamentblättern enthalten ist . In dem Lesezimmer aber wird dann der wirkliche und der freundliche Gebrauch dieses Geistes vermittelt , und seine Erhabenheit wird in unser unmittelbares und irdisches Bedürfnis gezogen . Das Zimmer ist auch recht lieblich zum Lesen . Da scheint die freundliche Sonne herein , da sind die grünen Vorhänge , da sind die einladenden Sitze und Vorrichtungen zum Lesen und Schreiben . Selbst daß man jedes Buch nach dem zeitlichen Gebrauche wieder in das Bücherzimmer an seinen Platz tragen muß , erschien mir jetzt gut ; es vermittelt den Geist der Ordnung und Reinheit , und ist gerade bei Büchern wie der Körper der Wissenschaft , das System . Wenn ich mich jetzt an Bücherzimmer erinnerte , die ich schon sah , in welchen Leitern , Tische , Sessel , Bänke waren , auf denen allen etwas lag , seien es Bücher , Papiere , Schreibzeuge oder gar Geräte zum Abfegen ; so erschienen mir solche Büchersäle wie Kirchen , in denen man mit Trödel wirtschaftet . Ich ging auch öfter zu Eustach in das Schreinerhaus . An einem der ersten sehr heiteren Tage nahm ich alle Zeichnungen mit seiner Erlaubnis heraus , und sah sie noch einmal mit großer Muße und Genauigkeit an . Ich konnte es fast kaum glauben , wie sehr mich meine Zeichnungsübungen während des vergangenen Winters gefördert hatten . Ich verstand jetzt vieles , was ich da vorfand , besser als im Sommer , und es gefielen mir die meisten Dinge auch mehr . Ich teilte ihm manches von meinen Zeichnungen mit , namentlich von Zeichnungen von Pflanzen , deren ich dieses Mal eine größere Anzahl in meinem Koffer mitgebracht hatte . Bei meiner ersten Anwesenheit hatte ich in dem Ränzchen nur einige Schriften , ein Fernrohr und andere Sachen getragen , die in ein so kleines Behältnis gehen , Zeichnungen aber nicht . Er hatte eine Freude an diesen Dingen ; aber sonderbar war es anzusehen , wie er die Pflanzenzeichnungen nicht als Pflanzenfreund und Kenner anblickte , sondern als Baumeister , der ihre Gestalt verwenden kann . Er versuchte später selber auch Zeichnungen nach lebenden Pflanzen ; aber hier trat der Unterschied von einem Pflanzenfreunde noch mehr hervor : die Bilder wurden ihm allgemach durch unmerkliche Zusätze aus Gewächsen schöne Verzierungen . Er suchte sich auch in der Regel solche Vorbilder aus , die zu seinem Berufe in näherer Beziehung standen , oder in eine solche gebracht werden konnten . In Bezug auf die anderen Dinge , die in dem Schreinerhause gearbeitet wurden , zeigte er mir alles , und erklärte mir manches , wenn ich nach Erklärung verlangte . Auch hierin glaubte ich seit dem vorigen Sommer Fortschritte gemacht zu haben , namentlich , da ich die Gegenstände , die mein Vater besaß , wohl genau betrachtet und mir eingeprägt hatte , um ihre Bilder hieher übertragen und mit dem , was sich hier befand , vergleichen zu können . Die Gestalten gingen jetzt leichter in mein Wesen ein , mir gefiel vieles mehr als im vorigen Sommer , und ich wurde auf manches aufmerksam , was ich damals nicht beachtet hatte . Wir saßen zuweilen in dem freundlichen Zimmer Eustachs , wenn die Vormittagssonne durch die geschlossenen Vorhänge sanft herein blickte , und redeten von allerlei Dingen . An Nachmittagen , besonders wenn trübes Wetter war und die Geschäfte im Freien nicht eine große Ausdehnung hatten , versammelte man sich in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes . Dieses Zimmer war an Nachmittagen , wo es sehr zusammengeräumt , und wo mehr Muße war , der Vereinigungspunkt der kleinen Gesellschaft , wenn sie sich überhaupt vereinigte . Mein alter Gastfreund hatte sich dieses Gemach sehr wohnlich , wenn auch für Einsamkeit geeignet , herrichten lassen , wie er überhaupt , wenn er nicht eigens Menschen um sich versammelte , die Einsamkeit liebte . Er hatte neben seinem Sessel einen Glockenzug , der durch den Fußboden in die Gesindezimmer hinab ging , um schnell einen Diener rufen zu können . In dem Schlafzimmer war etwas Ähnliches . Dort befanden sich außer dem gewöhnlichen Glockenzuge an den Seitenbrettern des Bettes zwei Platten , die durch das leiseste Auflegen einer Hand eine laut und lange tönende Glocke in Bewegung setzten , damit man , wenn dem alten Manne etwas zustieße , schnell zu Hilfe eilen könnte . Zwei Diener hatten immer die Schlüssel zu seinen Gemächern , um auch in der Nacht von außen aufsperren zu können . Diese Vorrichtungen waren eine Erfindung Eustachs , weil der alte Mann jede Einschränkung durch Dienerschaft , ja die Nähe derselben nicht wollte , um nicht gestört zu werden . Er ließ auch nicht zu , daß Gustav in einem Zimmer neben ihm schlafe , um sich nicht an ihn zu gewöhnen und ihn dann zu vermissen , da der Jüngling doch einmal fort müsse . Wenn man in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes versammelt war , besprach man gewöhnlich Angelegenheiten des Besitztums , Veränderungen , die notwendig sind , Arbeiten , die man vornehmen müsse , und Gegenstände der Kunst . Hieher wurden die Pläne und Entwürfe von Dingen gebracht , die man entweder in Holz ausführen wollte , oder die Anlagen in dem Garten oder Umänderungen an Gebäuden betrafen . Es war gut , diese Entwürfe gerade in dieses Zimmer zu bringen , weil sie da eine sehr schöne und ausgezeichnete Umgebung antrafen , und sich daher jeder Fehler und jede Unzulänglichkeit , wenn derlei in dem Entwurfe waren , sogleich aufzeigte und verbessert werden konnte . An dem Tage , wo mehrere Menschen in das Arbeitszimmer des alten Mannes kamen , war immer ein Teppich Über den auserlesenen Fußboden desselben gebreitet , damit er keine Beschädigung erleide . Wenn trockene Wege waren , gingen wir öfter in den Meierhof . Dort wurden die Arbeiten , welche der erste Frühling bringt , rüstig betrieben . Das Ganze war seit meiner vorjährigen Anwesenheit in Ordnung und Fülle sehr vorgeschritten . Man mußte bis spät in den Herbst hinein und selbst im Winter , soweit es tunlich war , fleißig gearbeitet haben . Im Innern des Hofes war nicht mehr bloß die schöne Pflasterung an den Gebäuden herum und der reinliche Sand über den ganzen Hofraum , sondern es war in der Mitte desselben ein kleiner Springquell , der mit drei Strahlen in ein Becken fiel und eine Blumenanlage um sich hatte . Auf das alles sahen die hellen Fenster des Hofes ringsum heraus . So sah dieser Teil des Gebäudes , obwohl zwei Seiten des Hofes Ställe und Scheunen waren , wie ein Edelsitz aus . Ich fragte meinen Gastfreund , ob er neues Mauerwerk habe aufführen lassen , da ich den Meierhof viel vollkommener sehe als im vergangenen Jahre , und da er auch schöner sei , als sie hier im Lande gebaut wurden . » Ich habe keine Mauern aufführen lassen , « antwortete er , » nur die letzten äußeren Verschönerungen habe ich angebracht , und die Fenster habe ich vergrößert , der Grund war schon da . Die Meierhöfe und die größeren Bauerhöfe unserer Gegend sind nicht so häßlich gebaut , als Ihr meint . Nur sind sie stets bis auf ein gewisses Maß fertig , weiter nicht ; die letzte Vollendung , gleichsam die Feile fehlt , weil sie in dem Herzen der Bewohner fehlt . Ich habe bloß dieses Letzte gegeben . Wenn man mehrere Beispiele aufstellte , so würden sich im Lande die Ansichten über das notwendige Aussehen und die Wohnbarkeit der Häuser ändern . Dieses Haus soll so ein Beispiel sein . « Die Wege um den Hof und dessen Wiesen und Felder waren auch nicht mehr so , wie sie größtenteils in dem vorigen Sommer gewesen waren . Sie waren fest , mit weißem Quarze belegt , und scharf und wohl abgegrenzt . An schönen Mittagen , die bereits auch immer wärmer wurden , saß ich gerne auf dem Bänkchen , das um den großen Kirschbaum lief , und sah auf die unbelaubten Bäume , auf die frisch geeggten Felder , auf die grünen Tafeln der Wintersaat , die schon sprossenden Wiesen und durch den Duft , der in dem ersten Frühlinge gerne aus Gründen quillt , auf die Hochgebirge , die mit dem Glanze des noch in ungeheurer Menge auf ihnen liegenden Schnees spielten . Gustav schloß sich an mich viel an , wahrscheinlich weil ich unter allen Bewohnern des Hauses ihm an Alter am nächsten war . Er saß deshalb gerne bei mir auf dem Bänkchen . Wir gingen manches Mal auf die Felderrast hinüber , und er zeigte mir einen Strauch , auf dem bald Blüten hervor kommen würden , oder eine sonnige Stelle , auf der das erste Grün erschien , oder Steine , um die schon verfrühte Tierchen spielten . Eines Tages entdeckte ich in den Schreinen der Natursammlung eine Zusammenstellung aller inländischen Hölzer . Sie waren in lauter Würfeln aufgestellt , von denen zwei Flächen quer gegen die Fasern , die übrigen vier nach den Fasern geschnitten waren . Von diesen vier Flächen war eine rauh , die zweite glatt , die dritte poliert , und die vierte hatte die Rinde . Im Innern der Würfel , welche hohl waren und geöffnet werden konnten , befanden sich die getrockneten Blüten , die Fruchtteile , die Blätter und andere merkwürdige Zugehöre der Pflanze , zum Beispiel gar die Moose , die auf gewissen Orten gewöhnlich wachsen . Eustach sagte mir , der alte Herr - so nannten alle Bewohner des Hauses meinen Gastfreund , nur Gustav nannte ihn Ziehvater - habe diese Sammlung angelegt und die Anordnung so ausgedacht . Sie soll nach dem Willen des alten Herrn noch einmal gemacht und der Gewerbschule zum Geschenke gegeben werden . Seine seltsame Kleidung und seine Gewohnheit , immer barhäuptig zu gehen , welch beides mir anfangs sehr aufgefallen war , beirrte mich endlich gar nicht mehr , ja es stimmte eigentlich zu der Umgebung sowohl seiner Zimmer als der um ihn herum wohnenden Bevölkerung , von der er sich nicht als etwas Vornehmes abhob , der er viel mehr gleich war , und von der er sich doch wieder als etwas Selbstständiges unterschied . Mir fiel im Gegenteile ein , daß manches nicht geschmackvoll sei , was wir so heißen , am wenigsten der Stadtrock und der Stadthut der Männer . In die Zimmer , welche nach Frauenart eingerichtet waren , wurde ich einmal auf meine Bitte geführt . Sie gefielen mir wieder sehr , besonders das letzte , kleine , welchem ich jetzt den Namen die Rose gab . Man konnte in ihm sitzen , sinnen und durch das liebliche Fenster auf die Landschaft blicken . Daß ich nicht um den Gebrauch dieser Zimmer fragte , begreift sich . Ich erzählte meinem Gastfreunde oft von meinem Vater , von der Mutter und von der Schwester . Ich erzählte ihm von allen unsern häuslichen Verhältnissen , und beschrieb ihm mehrfach , so genau ich es konnte , die Dinge , die mein Vater in seinen Zimmern hatte , und auf welche er einen Wert legte . Meinen Namen nannte ich hiebei nicht , und er fragte auch nicht darnach . Ebenso wußte ich , obwohl ich nun länger in seinem Hause gewesen war , noch immer seinen Namen nicht . Zufällig ist er nicht genannt worden , und da er ihn nicht selber sagte , so wollte ich aus Grundsatz niemanden darum fragen . Von Gustav oder Eustach wäre er am leichtesten zu erfahren gewesen ; aber diese zwei mochte ich am wenigsten fragen , am allerwenigsten Gustav , wenn er unzählige Male unbefangen den Namen Ziehvater aussprach . Der Mann war sehr gut , sehr lieb und sehr freundlich gegen mich , er nannte seinen Namen nicht , ich konnte auch nicht mit Gewißheit voraussetzen , daß er meine , ich kenne denselben ; daher beschloß ich , gar nicht , selbst nicht in der größten Entfernung von diesem Orte , um den Namen des Besitzers des