Reisen gemacht , und daß er die wunderbarsten Dinge davon erzählte . - Wenn er in der Garderobe mit dem Anziehen fertig war , so stahl er sich auf die Bühne und placirte sich meistens in die Nähe des ersten Maschinisten , von dem er komischer Weise behauptete , es sei auf der ganzen Welt Niemand , der so lügen könne wie der Herr Hammer . Deßhalb paßte er auch jedem Worte desselben auf und suchte ihm augenblicklich nachzuweisen , wo er blau färbe . Auf der linken Seite des Thronsessels befand sich ein schwarzer Sarg , der aus der letzten Scene von Romeo und Julie , die gestern Abend auf der Bühne geliebt und gelitten , stehen geblieben war . Auf dem Kopfende desselben saß der Garderobegehülfe , die Hände über den Knieen gefaltet , den Kopf etwas nach der linken Seite geneigt , um besser hören zu können . Neben ihm befanden sich ein paar Zimmerleute : rechts vom Throne stand eine Gestalt , die des näheren Betrachtens werth ist . Es war dies ein kleines zartes Männchen in einem abgeschabten schwarzen Frack , mit einem klugen Gesichte , auf welchem das Alter und vielleicht auch ein lustiges Leben tiefe Furchen gezogen hatten . Aus dem schwarzen Halstuch ragte ein ziemlich hoher Hemdkragen hervor , aschfarben wie der Teint dieses Mannes , welchem nur ein paar scharfe dunkelblaue Augen etwas Lebhaftes verliehen ; den Scheitel bedeckte eine kleine fuchsige Perrücke , die aber nirgendwo mehr festliegen wollte und rings herum struppig und drohend in die Höhe stand . Das Merkwürdigste an diesem Manne aber war unbedingt eine ziemlich große Wasserspritze , die er geladen und aufgezogen an seinem linken Arm trug . Dies war Herr Wander , ein Mann , der seltsame Schicksale gehabt . Von guter , vermöglicher Familie , hätte er in seiner Jugend ein unabhängiges Leben führen können , wenn ihn nicht eine unüberwindliche Leidenschaft zum Theaterleben an den Thespiskarren gespannt hätte , wo er übrigens mehr zum eigenen Vergnügen als zur wirklichen Hülfe mit lief . Das ging Alles so lange gut , als Jugend und Geld ausreichte ; dann aber wollte sich kein Theaterdirektor mehr mit dem Herrn Wander einlassen , er durfte die geliebten Bretter nicht ferner betreten , und da es ihm denn doch einmal unmöglich war , von dem für ihn so anziehenden Leben und Treiben zu lassen , so half er aus , wo man gerade seiner kleinen Dienste bedurfte . So diente er nach und nach als Inspicient , Requisiteur , Souffleur , ja er frisirte sogar eine Zeit lang in der Herrengarderobe , und als das Alles nicht mehr ging und ihn Niemand mehr haben wollte , so kehrte er in seine Heimath , die Residenz , zurück , wo er das doppelte Glück hatte , eine kleine Erbschaft zu machen , sowie von dem Intendanten die gnädigste Erlaubniß zu erhalten , bei großen Vorstellungen als überzähliger Spritzenmann aushelfen zu dürfen . Der Spritzenmann , geneigter Leser , ist eine Person , welche mit dem sehr großen Exemplare eines Instrumentes , das dir unter einem unaussprechlichen Namen bekannt ist , hinter den Coulissen auf und ab wandelt und sorgsam an Lampen und Decorationen umher späht , um zuzuspritzen , wo sich ein verdächtiger Funke zeigt . Vor dem Thronsessel auf einer künstlichen Rasenbank saß Herr Schwindelmann , der jetzt ebenfalls , sobald sich sämmtliche Künstler und Künstlerinnen im Theater befanden , nur am Ende eines jeden Aktes zu thun hatte , denn seine Nebenbeschäftigung war alsdann , den großen Portalvorhang herab zu lassen . An der Coulisse Numero acht , die sehr weit hineingeschoben war , lehnte der Sohn des Herrn Hammer , ein junger Mensch von einigen zwanzig Jahren , eine schöne , kräftige Gestalt . Er war ebenfalls Maschinist und sprach gerade mit einem Kameraden , der neben ihn auf einem hölzernen Blocke saß , und der dem Aeußern nach den vollkommensten Gegensatz zu ihm bildete . War der junge Hammer mit seiner breiten und muskulösen Gestalt , mit dem frischen gutmüthigen Gesichte ein Bild der Gesundheit und des Lebens , so war der Andere ein leibhaftiges Conterfei der Krankheit , ja des Todes . Er saß mit gefalteten Händen , an den Fuß und wenn er so schwer und tief athmete , so bemerkte man auf dem Rücken durch das dünne Röckchen hindurch , womit er bedeckt war , wie die Schulterblätter zitternd auf und ab gingen . Sein Gesicht war eingefallen , und er schien , in tiefes Nachdenken versunken , auf die schwarze , schauerliche Bank zu stieren , auf welcher Herr Schellinger saß . » Ja - a , ja - a , « sagte der erste Maschinist , mit dem Kopfe nickend , indem er sich an den kranken Mann wandte , » nur nicht den Muth verloren , Albert . Dann kann und wird Alles gut gehen . Wenn einmal der Winter vorbei ist , mit seinem ewigen Schnee und Frost - wenn der Frühling kommt - « » Und wenn er reisen könnte , « meinte der Garderobegehülfe mit näselnder Stimme und aufgehobenem Zeigefinger . » Wenn er reisen könnte , da links herüber nach Italien , wo die meisten Leute über hundert Jahre alt werden . - Als ich damals dort war - « » Wir wissen die Geschichte schon , ja - a , ja - a , « unterbrach ihn Herr Hammer . » Als Ihr in Italien waret und ebenfalls krank , und als sie Euch mit dem bewußten Mückenfett kurirt . « » Nein , es war Schlangenhaut , « entgegnete ruhig der Schneider , » von der großen Schlange , die sich am Baume aufhängt und dann selbst ihren Balg abstreift . Ich habe ein Stück davon mitgebracht . - Wollt ihr es sehen ? - - « » Später ! später ! « sprach ungeduldig Herr Hammer , und fuhr dann zu dem Anderen gewendet fort : » Wie ich Euch sagte , Albert , laßt Euch nur zuweilen vor den Regisseuren und dem Obermaschinisten sehen . Faßt nur hie und da ein Tau an und thut , als wenn Ihr was schafftet . Haltet Euch dabei immer nur an meinen Sohn Richard , der reißt Euch schon durch . Und im Grunde ist es ja ganz einerlei , man thut damit der Theaterkasse keinen Abbruch , denn Richard arbeitet für zwei . « » Ich bin ihnen sehr dankbar dafür , « erwiderte der Kranke , » denn wie sollte ich existiren , wenn man mich als untauglich entließe ! Da wäre mein letztes Brod gebacken und ich müßte gerade Hungers sterben . Sie haben überhaupt schon so viel an mir gethan , daß ich gar nicht weiß , wie ich es wieder gut machen soll . - Ach ! wer würde mich als Taglöhner nehmen ! « » Ja , es ist eigentlich ein prekäres Geschäft , so von seiner Händearbeit im Taglohn leben zu müssen , « sagte Herr Wander . » Ich habe das oft mit angesehen , wenn man sechs Tage schafft , so hat man sechs Tage Lohn ; aber nun kommt der Sonntag , der doch zur Ruhe und zur Freude für Menschen und Vieh geschaffen ist , und an dem ist nichts da zu beißen und zu nagen , wenn man nicht von den paar Kreuzern der Wochentage sich etwas aufhebt . Das ist schlecht eingerichtet . « » Und wenn man erst krank wird , « versetzte Albert , indem er langsam den Kopf erhob ; » ich sage es noch einmal : wenn ich von euch keine Hülfe hätte , ich wäre mit Weib und Kindern ein verlorner Mann ! « » Dafür sollte dem , für den man schafft , auch die Verpflichtung obliegen , Einen zu unterhalten , wenn man keine Hand mehr regen kann , « meinte der junge Hammer . » Das wäre nicht so übel , « sagte nachdenkend der Schneider . » Und ich will dir was sagen , Richard , das kannst du haben . Da mußt du dich schwarz anstreichen lassen und zu die Geschlafen gehen ; da hast du ' s , wie es dein Herz begehrt : du arbeitest da ziemlich hart , das ist wahr - « » Bah ! « erwiderte der junge Zimmermann , » was das harte Arbeiten anbelangt , davon kann unsereins auch erzählen . Ich will am Ende nicht einmal vom Theater sprechen ; aber man sollte einmal so ein Dutzend lumpige Neger , die sich in ihrem Baumwollenfeld bei ihrem Schaffen und ein Bischen Prügel beklagen , man sollt ' die sein thuenden Hallunken auf einmal auf einen Zimmerplatz hinaus thun , so wo es gilt , mit achtziger Balken zu arbeiten , namentlich im Spätherbst , wenn ein Dach aufzusetzen ist , und wo jeden Morgen das helle Glatteis auf den Balken sitzt . Da hat man immer sein Todtenhemd an ; und was die Prügel anbelangt , da braucht man nur einen jähzornigen Obergesellen zu haben , der ein Lattenstück gut anzugreifen versteht ; da fliegen die Funken davon , das kann ich euch versichern . « » Aber dafür seid Ihr ein freier Mann , « meinte Herr Wander , indem er seine Spritze vorsichtig auf den Boden stellte , und eine Prise aus der dargebotenen Dose des ersten Maschinisten nahm . » Ein freier Mann ! « lachte der Andere . » Ja , Ihr versteht ' s ! - Jetzt bin ich frei , dachte auch der Esel eines Tages , an welchem er die Säcke abgeworfen , und sagte das dem Wolf einen Augenblick vorher , ehe dieser ihn auffraß . « » Der Richard hat nicht ganz Unrecht , « sagte leise Herr Schellinger . » So ein Geschlaf hat ' s gar nicht schlecht ; ich möchte auch eins sein . So ein Kerl sitzt in seiner Hütte , ißt den ganzen Tag die theuersten Früchte , nährt sich von Reißbrei und jungen Hühnern , und wenn er einmal nicht schaffen will , so gibt er Bauchschmerzen vor und bleibt zu Hause . « » Das kannst du auch thun , « bemerkte Schwindelmann . » Ja , aber nicht unter den vorhin angegebenen Bedingungen , « entgegnete der Schneider . » Wo bleibt dann der Reißbrei und die Früchte ? « » Pfui , Schellinger ! « sagte lachend Herr Wander , » du bist eine knechtisch gesinnte Natur ! Was nutzt dich das Bischen Essen und Trinken , wenn du dafür von allem Erhabenen und Schönen , was die Freiheit bietet , nichts erreichen kannst ? « » Was habe denn ich armer Schneider je Erhabenes und Schönes zu erreichen gehabt ? « » Wenn du ein Geschlaf bist , « entgegnete lachend Richard , » so kannst du dir kein eigenes Vermögen erwerben , kein Haus besitzen . « » O , das wäre schade ! « grinste der Schneider . » Ja - a , ja - a ! « sprach der erste Maschinist , » und könnte niemals Abgeordneter oder Stadtrath werden . « » Wozu ich als freier Mann freilich hier alle Aussicht habe , « meinte höhnisch Herr Schellinger . » Aber Spaß bei Seite ! « warf der Schwindelmann dazwischen , indem er seinen Nachbar verstohlen an die Seite stieß , » über das Geschlafenleben kann uns Niemand besser aufklären wie der Schellinger . Nicht wahr , du bist ja da hinten in Südamerika gewesen , und hast den Onkel Tom besucht ? « » Es ist das schon lange her , « entgegnete kopfnickend und träumerisch der Schneider ; » ich glaube so an die zwanzig Jahre , aber ich erinnere mich seiner noch recht gut . - Unter uns gesagt , der Onkel Tom « - damit schob er wichtig die Unterlippe vor , zog die Augenbrauen in die Höhe und schüttelte mit dem Kopfe - » der Onkel Tom , na ! ihr versteht mich ! « » War er ein etwas verwegener Bursche ? « fragte Richard , indem er sich , um besser zu hören , fester in die Coulissen hinein drückte . » Der Hafer hat ihn gestochen , « fuhr Herr Schellinger fort . » Er hatte es zu gut ; es war so ein Bischen Wühlerei dabei , was Demokratisches , weßhalb er auch verkauft wurde . Und das Buch , « sagte er geheimnißvoll , indem er den Zeigefinger erhob , » soll auch eigentlich keine Bibel gewesen sein , sondern eine Verfassungsurkunde , die er für die Schwarzen entworfen . - Ich habe es in der Hand gehabt . « » Aber das Verkaufen wirst du nicht rechtfertigen wollen ? Denke dir , du hast Weib und Kind , mit denen du schon lange Jahre lebst , nun will man dir deine Frau verkaufen . « » Ja , das hätte er sich schon gefallen lassen , « sagte Herr Wander . » Nicht wahr , Schellinger , darüber hättest du kein Buch geschrieben ? « Der Schneider gab über diese schlechten Spässe keine Antwort , er blickte nachdenkend an den Schnürboden hinauf und erwiderte dann : » Das Verkaufen ist allerdings sehr hart . Aber als ich da hinten war , da hat mich so ein amerikanischer Oberamtmann darüber aufgeklärt . Man muß das Ding nicht mit unserem Maßstab messen . Was Teufel ! Wenn ich hier bei uns heirathe und Kinder bekomme , so hat kein Mensch ein Wort darein zu sprechen ; Frau und Kinder sind mein , das weiß ich , denn ich lebe in einem Lande , wo man mir alles Andere , nur nicht die Familie verkaufen kann . « » Wenigstens nicht öffentlich , « sagte Richard finster . » Nun also , « fuhr der Schneider fort , » ich versichere euch , als ich damals da hinten war - ich kam gerade von Mexico herüber , wo ich mich eine Zeit lang bei den Schwarzen aufhielt - da hatte ich auch nicht übel Lust , mich zu verheirathen . « » Wenn das deine Alte gewußt hätte ! « meinte Schwindelmann . Wir waren so zu sagen schon einig , da ging ich eben zu jenem Oberamtmann und trug ihm die Sache vor . Er dachte eine Zeit lang nach , spuckte - mit Respekt zu vermelden - mehrere Male gerade aus an die Bäume , und das mit solcher Kraft und Geschicklichkeit , daß ein Kolibri , den er treffen wollte , todt herunter fiel . » Ah ! - Schellinger ! « » Gott straf mich , es ist wahr ! - Seht ihr die Honoratioren da hinten herum , die zu faul sind , ein Gewehr zu tragen , gehen auf solche Art auf die Vögeljagd , und wenn man so durch den Wald geht , da sieht man sie bald hier und bald da mit gespitztem Maule stehen , und auf einmal patsch ! - patsch dich ! - prrdauz ! Da rappelt ' s droben und herunter fällt euch so ein Lämmergeier , der mit ausgespreitzten Flügeln seine sechsunddreißig Fuß mißt . « » Lüg ' du und der Teufel ! « rief Schwindelmann . - » Schellinger , wie kann man so unverschämt sein ! « » Es ist leider wahr , « entgegnete traurig der Schneider ; » man gewöhnt sich in Amerika das Spucken auf diese heftige Art so leicht an . Als ich hieher zurück kam , könnt ' ich ' s nimmer lassen , und eines Tages passirte mir ein großes Unglück . Da stand mein ältester Sohn vor mir , ich - patsch dich ! und fliegt ihm die linke Hand fort . « » Aber , Schellinger , « sagte ziemlich ernst der erste Maschinist , » du hast ja nie einen Sohn gehabt ! « » Das ist leicht möglich - aber gewiß ohne meine Schuld , « versetzte unerschütterlich der Schneider . » Ich habe es meiner Frau immer gesagt . Nun , dann war es der älteste Sohn von sonst Jemand . Aber wahr ist die Geschichte , und wenn Einer die Probe davon machen will , da steh ' ich zu Befehl . « » Na , wir glauben es ja ! « erwiderte Schwindelmann . » Aber jetzt bleib ' bei deinem Oberamtmann . Er rieth dir also vom Heirathen ab ? « » Das versteht sich , « erzählte Schellinger weiter . - » Siehst du , sagte der Oberamtmann , - er sprach natürlicher Weise amerikanisch - wenn du hier heirathest , so hast du freilich den Schutz der Gesetze , aber der ist verflucht gering , und wenn du Kinder kriegst und es gibt so ' ne rare Rasse , wie du selber bist , da geht dein Herr gleich her , ehe sie noch ausgeflogen sind - « » Was , Schellinger , ehe sie noch ausgeflogen sind ? - Was soll das heißen ? « » Habt ihr denn nie gehört , daß es da gewisse Stämme gibt , die sich ordentliche Vogelnester in die Bäume hinein bauen ; es sind eigentlich Menschennester , und darin führen sie ihre Haushaltung , und wenn die Kleinen anfangen zu laufen , da müssen sie zuerst den Baum herunter und herauf trappeln , und das nennt man ausfliegen . Das ist nämlich der Stamm der sogenannten Vögelneger . « » Und darunter habt Ihr Euch vorzugsweise wohl aufnehmen lassen ? « fragte Herr Hammer . » Es war nur ein vorübergehendes Gelüste , « antwortete der Schneider , indem er die Hände auf seine Kniee legte und den Kopf tief herab sinken ließ . - » Aber was nutzen mich meine schönen Geschichten ! Ihr seid wahrhaftig zu dumm , die Moral davon heraus zu finden . « Der erste Maschinist legte den Finger an die Nase , nickte mit dem Kopfe und sprach : » Ja - a , ja - a , es ist nicht ganz ohne , was der Schellinger meint ; er will nämlich sagen , wenn es auch eine totale Ungerechtigkeit ist , so einem armen Geschlafen sein Weib und seine Kinder zu verkaufen , so ist es doch lange nicht so schlimm , als wenn so was bei uns geschähe . Der Geschlaf weiß vorher , wenn er sich verheirathet , daß dort so Mode ist , sein Vater ist vielleicht verkauft worden , seine Mutter , seine Brüder , was weiß ich ! Und da kann es ihm mit seiner Familie auch so gehen ; er sieht das immer vor Augen , meint der Schellinger , und gewöhnt sich am Ende daran , und so wäre es denn lange nicht so schlimm , denkt der Schellinger , als wenn man unsereins Frau und Kinder verkaufen wollte . « Der Schneider nickte stumm mit dem Kopfe , als wollte er sagen , seine Rede sei vollkommen richtig ausgelegt worden . » Ja , « meinte Richard , indem er die Arme über einander schlug , » so Eines weiß es nicht besser , wie die Köchin von dem Aal sagte , als sie ihm lebendig das Fell abzog . Und dagegen müßte man schon Schritte thun . « » Das muß man aber den Amerikanern überlassen , « mischte sich Herr Wander in ' s Gespräch . » Gott ! was geht uns die Geschichte eigentlich an , und was können wir dazu thun ? Ich begreife nur eigentlich nicht , wie die Geschichten der amerikanischen Miß , die das Buch geschrieben , bei uns so viel Spektakel haben machen können . « Der Schneider lächelte kopfschüttelnd vor sich hin , wurde aber nicht beachtet . » Aber da finden sie ein Vergnügen daran , sich Grausamkeiten erzählen zu lassen , die weit weg von uns geschehen , darüber ein Maul zu machen und zu jammern . - - Und weßhalb haben die meisten dieser Enthusiasten kein Herz , wenn man ihnen vom Unglück zu Hause erzählt , und schmachten über den Ozean hinüber , wenn da einmal ein Onkel Tom verkauft wird oder irgend eine Mulattin davon läuft ? - Ich will es euch sagen : den Jammer haben sie wohlfeil , da hat man ihnen gut sagen : na ! wenn euch denn das Elend da hinten in Amerika so ungeheuer schmerzt , so thut was dafür , - da zucken sie die Achseln und entgegnen : was können wir thun ? Wir haben nur unsere Thränen . - Ja , Thränen sind wohlfeil ! « » Sie haben aber auch Adressen an die Amerikanerinnen gemacht , die Weiber in England , « sagte Schwindelmann . » Ganz richtig ! « lachte Herr Wander ; » aber die gescheidten Amerikanerinnen haben ihnen artig heimgegeigt und ihnen gesagt : bekümmert euch um die Sklaverei bei euch , die ist viel härter und grausamer als die unsrige . « » Ja - a , ja - a , und haben Recht gehabt . Es gibt bei uns wahrhaftig mehr Sklavenhalter als in Amerika . - Apropos , es heißt ja , sie soll auch hieher kommen , die Amerikanerin ; sie macht eine Rundreise durch Europa und läßt sich sehen . « » Da wollen wir ihr ein festlich beleuchtetes Haus veranstalten , « meinte Richard . - » Aber etwas muß man dem Buch doch lassen , man sieht , daß es Jemand geschrieben hat , der das Leben in Amerika genau kennt . « Der Schneider schüttelte abermals und mit ziemlich verächtlichem Lächeln den Kopf . » Nicht , Schellinger ? Hat die Amerikanerin ihr Land nicht gut beschrieben ? « » Das hat gar keine Amerikanerin geschrieben , « sprach der Schneider mit schmerzlichem Tone . » Was Teufels ! ist denn Madame - - Stowe keine Amerikanerin ? « » O ja , « entgegnete Schellinger , indem er das spitze Kinn in sein rechtes , mageres Händchen stützte ; » die Stowe ist eine Amerikanerin ; ich kenne sie ganz genau , eine recht brave Frau , sie wohnte da links um die Ecke ; wenn man nach Amerika fährt , kommt man dicht am Hause vorbei , gleich nebenan ist das Wirthshaus zum weißen Roß , wo man einen sehr guten Clevner trinkt . Der Wirth ist ein Spanier und heißt Schwitzgäbele . « - Das Alles erzählte er mit so melancholischem Tone und stierte dabei vor sich hin , daß man glauben konnte , ihn schmerze tief die Erinnerung an jene schöne Reise , und er sehe leibhaftig vor sich das weiße Roß und den Spanier Don Schwitzgäbele . » Und da wohnte die Stowe ? « » Da wohnte sie gleich nebenan . Ich reiste damals mit einem Preußen , der den Spleen hatte und überall Berlin vor sich sah , denn als er den Mississippi erblickte , rief er aus : ganz wie bei uns zu Hause ; nur ist die Spree zur Regenszeit ein wenig größer und meistens viel klarer . - Die Stowe nahm uns freundlich auf , wir speisten bei ihr zu Mittag , sehr gut und sein . Alles war von Bernstein , die Schüsseln , Gabeln und Löffeln , kurz Alles , Alles . « » Von Bernstein ? « fragte Herr Wander erstaunt . » Hat man in Amerika so viel Bernstein ? « » Da wird er gefunden , « entgegnete ruhig Herr Schellinger . » Ah ! der kommt ja aus der Ostsee , das weiß ich besser ! « rief Schwindelmann . » Das ist ein großer Irrthum , « fuhr der Garderobegehülfe fort . » Von den amerikanischen Pferden kommt der Bernstein her ; wenn sie wild aufgefangen werden , so hebt man ihnen den linken Vorderfuß auf , und da hat jedes ein großes Stück Bernstein , das schlägt man los und macht die schönsten Sachen daraus . « » Aber , Schellinger ! « » Als wir bei der Madame Stowe gegessen hatten , ließ sie ein paar wild gefangene Pferde herein kommen , schlug den Bernstein vor unseren Augen los und gab Jedem von uns ein Stück . - Ich weiß wohl , daß ihr mir nicht glaubt , aber ich will euch überzeugen . - Seht her . « Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in , seine Rocktasche und brachte eine unbedeutende Cigarrenspitze von Meerschaum hervor , an welcher sich ein kaum nennenswerthes Stück Bernstein befand . - » Da schaut her , « fuhr er fort , » das habe ich mir davon machen lassen , und wenn ihr mir bei allem dem nicht glauben wollt , so schreibt in Gottes Namen an den Preußen in Berlin , der mit mir gereist ist . Seine Adresse weiß ich freilich nicht mehr , aber er ist nicht schwer zu finden , denn er heißt Müller . « » Was machen sie draußen auf der Bühne ? « fragte der erste Maschinist seinen Sohn . » Haben wir bald Actus ? « » O nein , es sind noch vier lange Scenen . Der Schellinger kann schon noch seine Geschichten zu Ende bringen . - Also die Stowe ist nicht die Verfasserin von dem bekannten Buch ? « Der Schneider schüttelte mit dem Kopfe , rieb sich die Hände und blickte , seit längerer Zeit zum ersten Mal , in die Höhe , als er mit großer Bestimmtheit sagte : » Die Frau denkt nicht daran ; das ist ein braves Weib , die ihre Hühner und Gänse füttert , ihren Kindern die Strümpfe stoppt und ihre Wäsche pünktlich besorgt , viel zu pünktlich - die schreibt keine Bücher - Stowe , sagt ' ich zu ihr , als wir nach Tische eine Cigarre mit einander rauchten - « » Wie ? sie rauchte auch ? « » Alle Amerikanerinnen rauchen zu Hause . Also ich sagte zu ihr : Stowe , hat Sie das Buch geschrieben oder nicht ? « » Wenn hast du diese Reise eigentlich gemacht , Schellinger ? « fragte Richard lächelnd . » Ich habe euch schon einmal gesagt , daß es ungefähr zwanzig Jahre her sein mögen , « entgegnete der Garderobegehülfe . » So , vor zwanzig Jahren hast du sie gefragt , ob sie das Buch geschrieben hat ? - Na , das hab ' ich nur wissen wollen . « » Aus ihr Ehrenwort habe ich sie damals gefragt , « versetzte ruhig der Schneider , indem er aufblickte , » und sie sagte : nein , Schellinger , ich hab ' es nicht geschrieben , Gott straf ' mich ! Ich kenne aber den Verfasser : es ist von einem pietistischen Pfarrer in Rheinpreußen . « Die Zuhörer hatten lange an sich gehalten , jetzt aber brachen sie in ein so lautes Gelächter aus , daß der Inspicient , der mit seinem Buche hinter den Coulissen hin und her ging , erschrocken herum fuhr und eifrigst Ruhe gebot . Schellinger zuckte die Achseln und sprach nach einer Pause : » Ihr seid so verwildert , daß man euch gar nichts Vernünftiges mehr erzählen kann , und ich bin einmal so ein Narr und kann es nicht lassen , an jene Zeit , welche die glücklichste meines Lebens war , zurück zu denken . Ich versichere euch , wenn man hier unsere miserable Kälte annimmt , so ist es eine wahre Wonne , da mit den Negern so still und friedlich zu leben , unter den Palmenbäumen zu sitzen und reife Orangen zu verspeisen . So ein Negerdorf hat etwas sehr Angenehmes , und sie wohnen ganz charmant . Na ! ihr habt das ja in der Beschreibung gelesen ; auch essen sie vortreffliche Kuchen , trinken Dattelwein und singen dazu : Noch ist Polen nicht verloren . Das kann ich euch versichern - Gott straf ' mich ! - an das lumpige Leben hier zu Land habe ich nicht mehr gedacht , wenn ich so Abends mit ihnen vor ihren Hütten auf der seinen Matte lag , neben so einem behaglichen Schwarzen ; die Weiber saßen daneben und vor ihnen im Grase spielten die weißen Kinder . « » Die weißen Kinder , Schellinger ? « » Die weißen Kinder ! « entgegnete nachdrücklich der Schneider . » Wißt ihr denn nicht , weßhalb die Schwarzen so schwarz sind ? - Nun , das will ich euch sagen . Die Sonne hat eine so furchtbare Kraft , daß sie einen dort in fünf , sechs Jahren ganz schwarz brennt . « » Du bist aber weiß geblieben , Schellinger ! « » Ja , ich hatte keine Anlage zum Schwarzwerden , « erwiderte der Garderobegehülfe ; » man muß dazu gestimmt sein wie die Neger - « » Aber , Schellinger - « wollte Richard fortfahren ihn zu examiniren . » Laßt ihn doch , « rief Schwindelmann , » daß wir fertig werden ; draußen der Herzog hat schon seinen Degen gezogen und wird im nächsten Augenblick seinen Freund erstechen , dann fällt der Vorhang . - Also die Negerkinder kommen weiß aus die Welt ? « » Und mit einer Anlage zum Schwarzwerden ? « fragte Richard lachend . » So ist es , « entgegnete der Schneider , indem er sich ruhig erhob , denn auch seine Zeit war gekommen , in die Garderobe zu gehen . » Die Negerkinder kommen weiß aus die Welt , aber sie haben um den Bauchnabel einen kleinen schwarzen Ring , der immer größer und größer wird , bis sie zuletzt vollkommene Neger sind . « Nach diesen Worten legte Herr Schellinger seine beiden Hände auf den Rücken und ging gesenkten Hauptes ruhig davon , ohne sich weiter um seine Zuhörerschaft zu bekümmern , die aber auch im nächsten Augenblick aus einander stob ; Jeder eilte an seinen Posten und