schwankte unter den Nußbäumen heran , daß er die untersten Äste streifte , die Söhne und Töchter mit einer Menge anderer Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher unter Gelächter und Gesang , der Oheim , seine Flinte reinigend , schrie ihnen zu , ich wäre da , und bald fand ich mich mitten im fröhlichen Getümmel . Erst spät in der Nacht legte ich mich zu Bette bei offenem Fenster ; das Wasser rauschte dicht unter demselben , jenseits klapperte eine Mühle , ein majestätisches Gewitter zog durch das Tal , der Regen klang wie Musik und der Wind in den Forsten der nahen Berge wie Gesang , und die kühle erfrischende Luft atmend , schlief ich sozusagen an der Brust der gewaltigen Natur ein . Zweiter Band Erstes Kapitel Am frühen Morgen , als Sonnenglanz durch das viele Laubwerk ins Zimmer drang , wurde ich auf eigentümliche Weise geweckt . Ein junger Edelmarder mit zartem Pelze saß auf meiner Brust und beschnüffelte mit den feinen hastigen Atemstößen seiner spitzen kühlen Schnauze meine Nase und huschte , als ich die Augen aufschlug , unter die Bettdecke , blinzelte da und dort hervor und versteckte sich wieder . Als ich aus dieser Erscheinung nicht klug wurde , brachen meine jungen Vettern aus ihrer Schlafkammer , in welcher sie gelauscht hatten , lachend hervor , veranlaßten das behende Tier zu den anmutigsten und possierlichsten Sprüngen und erfüllten das Zimmer mit Fröhlichkeit . Dadurch herangelockt , drang eine Meute schöner Hunde herein , ein zahmes Reh erschien neugierig unter der Tür , eine prachtvolle graue Katze folgte und schmiegte sich durch das Getümmel , die spielenden und zutäppischen Hunde würdevoll abweisend , Tauben saßen auf dem Fenster , Menschen und Tiere , die ersteren kaum halb angezogen , jagten sich durcheinander ; alle aber hielt der kluge Marder zum besten und schien viel eher mit uns zu spielen als wir mit ihm . Nun erschien auch der Oheim mit dem rauchenden Waldhörnchen , uns eher noch zu Unfug anspornend als abwehrend ; seine frisch blühenden Töchter folgten ihm , um nach der Ursache des Geräusches zu sehen und uns zu Frühstück und Ordnung zu rufen , mußten sich aber bald ihrer Haut wehren , da ein Krieg allgemeiner Neckerei sich gegen sie entspann , an dem sogar die Hunde teilnahmen , welche sich die Parole der erlaubten Ausgelassenheit am frühen Morgen nicht zweimal geben ließen , sondern sich tapfer an die starken Kleidersäume der scheltenden Mädchen hingen . Ich saß an dem offenen Fenster und atmete die balsamische Morgenluft ; die glitzernden Wellen des raschen Flüßchens flimmerten wider an der weißen Zimmerdecke , und ihr Reflex überstrahlte das Angesicht jenes seltsamen Kindes , dessen altertümliches Bild an der Wand hing . Es schien unter dem Wechseln des spielenden Silberscheines zu leben und vermehrte den Eindruck , den alles auf mich machte . Dicht unter dem Fenster wurde Vieh getränkt , Kühe , Ochsen , junge Rinder , Pferde und Ziegen gingen in der Mitte des klaren Wassers , tranken in bedächtigen Zügen und sprangen mutwillig davon ; das ganze Tal war lebendig und glänzte vor Frische , und sein Rauschen vermischte sich mit dem Gelächter in meinem Zimmer , ich fühlte mich so glücklich wie ein junger Fürst , bei welchem glänzendes Lever gehalten wird . Endlich erschien die Muhme und befahl uns ohne Widerstand zum Frühstück . Ich sah mich wieder an den langen Tisch versetzt , um welchen die zahlreiche Familie mit ihren Schützlingen und Arbeitern versammelt war . Letztere kamen schon von mehrstündiger Arbeit und erholten sich von der ersten leichten Müde , von der erstarkten Sonne als Morgengruß gesendet . Alles aß kräftige Hafersuppe , in welche reichlich Milch gegossen wurde ; nur am obern Ende , zwischen Vater , Mutter und der ältesten Tochter , herrschte die Kaffeetasse , und ich , als Gast diesem vornehmen Anhängsel beigefügt , sah mit Neid in die frische Suppenregion hinüber , wo fröhliche Witzworte getauscht wurden und die geneckten Mädchen , mit braunen Wangen und Armen , doch mit schneeweißen Hemden und Halstüchern , geschützt durch den Anstand des versammelten Tisches , die vorlauten Jungen glänzend heimschickten . Doch bald brach die Gesellschaft wieder auf , um zur Arbeit auf dem fernen heißen Felde oder in Scheunen und Stall sich zu zerstreuen . Die Auszüge des Tisches wurden ineinandergeschoben , daß er , eine schwere Masse glänzenden Nußbaumholzes , still in der geleerten Stube stand , bis die Hausfrau einen mächtigen Korb Hülsenfrüchte darauf schüttete , um sie für das Mittagsmahl vorzubereiten , und dem Oheim kaum für seine Hefte Raum ließ , in welchen er den diesjährigen Ertrag seiner Felder eintrug , mit den früheren Jahrgängen , und überdies noch das Verhalten der einzelnen Äcker untereinander verglich . Der jüngste Sohn , etwa in meinem Alter , mußte ihm , hinter seinem Stuhle stehend , Bericht erstatten , und als er seiner Pflicht genügt hatte , forderte er , selbst noch nicht zu anhaltender Arbeit verbunden , mich auf , mit ihm hinauszustreifen und etwa mitzuarbeiten , wo es uns am besten gefiele , vorzüglich aber uns bei dem Zwischenimbiß einzufinden , der auf dem Felde gehalten würde und wo es an Scherz nicht fehle . Indessen erschien aber ein Sendbote der Großmutter , die von meiner Ankunft gehört hatte und mich einlud , sogleich zu ihr zu kommen . Mein Vetter bot sich mir zur Begleitung an , ich putzte mich , nicht ohne Affektation , halb einfach ländlich , halb komödiantisch heraus , und wir gingen auf den Weg , welcher zuerst über den Kirchhof führte , der auf einer kleinen Höhe gelegen ist . Dort duftete es gewaltig von tausend Blumen , eine flimmernde , summende Welt von Licht , Käfern und Schmetterlingen , Bienen und namenlosen Glanztierchen webte über den Gräbern hin und her . Es war ein feines Konzert bei beleuchtetem Hause , wogte auf und nieder , erlöschte bis auf das gehaltene Singen eines einzelnen Insektes , belebte sich wieder und schwellte mutwillig und volltönig an ; dann zog es sich in die Dunkelheiten zurück , welche die Jasmin- und Holunderbüsche über den Grabzeichen bildeten , bis eine brummende Hummel den Reigen wieder ans Licht führte , die Blumenkelche nickten im Rhythmus vom fortwährenden Absitzen und Auffliegen der Musikanten . Und unter diesem zarten Gewebe lag das Schweigen der Gräber und der Jahrhunderte , beredt und vollmächtig , und schwoll hinunter bis in die Tage , wo dieser Zweig alemannischen Wandervolkes sich hier festgesetzt und die erste Grube gegraben . Ihr Wort , Spuren ihrer Sitte und ihrer Gesetze leben noch im grünen Gau , in den kleinen grauen Steinstädten , die an den Flüssen hangen oder an Halden lehnen , und ein heiliges Bewußtsein der Geschichte tat sich auf auf diesem Friedhofe . Daher empfand ich eine Art von Scheu , vor die ergraute Frau zu treten , die ich noch nie gesehen und mir eher als eine gestorbene Vorfahrin denn als eine lebendige Großmutter erschien . Auf engen Pfaden , unter fruchtbeschwerten Bäumen hin , um stille Gehöfte herum gelangten wir endlich vor , ihr Haus , welches in tiefgrünem schweigendem Schatten lag sie stand unter der braunen Tür und schien , die Hand über den Augen , sich nach mir umzusehen . Sogleich führte sie mich in die Stube hinein und hieß mich mit sanfter Stimme willkommen , ging zu einem blanken zinnernen Gießfasse , welches in gebohnter Nußbaumnische über einer schweren zinnernen Schale hing , drehte den Hahn und ließ sich das klare Wasser über die kleinen gebräunten Hände strömen . Dann setzte sie Wein und Brot auf den Tisch , stand lächelnd , bis ich getrunken und gegessen hatte , und setzte sich hierauf ganz nahe zu mir , da ihre Augen schwach waren , betrachtete mich unverwandt , während sie nach der Mutter und unserm Ergehen fragte und doch zugleich in Erinnerung früherer Zeit versunken schien . Auch ich sah sie aufmerksam und ehrerbietig an und behelligte sie nicht mit kleinen Berichten , welche mir nicht hieher zu gehören schienen . Sie war schlank und fein gewachsen , trotz ihres hohen Alters beweglich und aufmerksam , keine Städterin und keine Bäuerin , sondern eine wohlwollende Frau ; jedes Wort , das sie sprach , war voll Güte und Anstand , Duldung und Liebe , Freude und Leid , von aller Schlacke übler Gewohnheit gereinigt , gleichmäßig und tief . Es war noch ein Weib , von dem man begreifen konnte , wie die Alten das verdoppelte Wergeld des Mannes forderten , wenn es erschlagen oder beschimpft würde . Freilich war sie von ihrem Manne weder geachtet noch geliebt , sondern geknechtet , soweit dies möglich war ; aber da nicht mehr alle Mannen sind , kann auch das Weib seinen Vollwert nicht mehr haben . Ihr Mann erschien , ein diplomatischer und gemessener Bauer ; er begrüßte mich mit freundlicher Teilnahmlosigkeit , und nachdem er mit einem Blicke gesehen , daß ich eine ähnliche » phantastische « Natur wie mein Vater und desnahen in der Zukunft weder Ansprüche noch Streitigkeiten zu befürchten seien , ließ er seine Frau in ihrer Freude gewähren , gab ihr sogar gelassen zu verstehen , daß sie mich nach Gefallen bewirten dürfe , und ging wieder seine Wege . Ich blieb einige Stunden bei ihr , ohne daß wir viel sprachen ; sie saß stillvergnügt neben mir und schlief endlich lächelnd ein . Über ihre geschlossenen Augen ging eine leise Bewegung wie das Wallen eines Vorhanges , hinter welchem etwas vorgeht , man ahnte , daß sich dort Bilder in zartem , verjährtem Sonnenscheine zeigten , und die freundlichen Lippen verkündeten es in schwachen Regungen . Als ich mich erhob , um behutsam fortzugehen , erwachte sie sogleich , hielt mich an und betrachtete mich fremd ; wie in ihrer Person das meinem Dasein Vorhergegangene groß und unvermittelt vor mir stand , mochte ich als die Fortsetzung ihres Lebens , als ihre Zukunft dunkel und rätselhaft vor ihr stehen , da meine Tracht wie meine Sprache von allem abwich , in dem sie sich lebenslang bewegt hatte . Sie schritt gedankenvoll in die Nebenkammer , wo sie in einem hohen Schranke einen Vorrat neuer Kleinigkeiten aufbewahrte , die sie von fahrenden Krämern zu kaufen pflegte , um sie gelegentlich an das junge Volk zu verschenken . Statt eines mächtigen Taschentuches ergriff sie , ihres blöden Gesichtes wegen , ein kleines rotseidenes Halstuch , wie es Bauermädchen tragen , und gab mir es , noch in das gleiche Papier gewickelt , in dem sie es gekauft . Ich mußte ihr versprechen , jeden Tag zu kommen und nächstens einmal dort zu speisen . Mein Vetter hatte sich längst entfernt , und ich suchte allein meinen Heimweg , das rote Tüchelchen in der Tasche . Bei einem Hause vorbeigehend , bemerkte ich einige derbe Kinder , welche wie der Blitz hineinliefen und dort lärmend etwas riefen . Eine Frau kam heraus , holte mich ein , kündigte sich als Base an und fragte , ob ich denn nichts von ihr und ihrer Familie wisse ? Ich bejahte die Frage , indem ich mich entschuldigte , sie nicht gekannt zu haben . Sie nötigte mich nun in das Haus , wo es von frischgebackenem Brote duftete und eine lange Treppe von unten bis oben mit großen viereckigen und runden Kuchen bedeckt war , auf jeder Staffel einer , um zu verkühlen . Während diese Base , ein rüstiges Weib in voller Blüte der Arbeitslust und Kraft , schnell ihre Haare zurückstrich und eine Schürze umband , hockten die Kinder alle hinter dem heißen Ofen und guckten scheu , doch kichernd hervor , ohne daß ich die Gewandtheit besaß , sie zahm zu machen , weil ich selbst noch zu nah an ihrem Alter stand und ihnen zuwenig überlegen war . Meine neue Gönnerin verkündigte , daß ich gerade zu einer guten Stunde gekommen sei , da sie heute gebacken hätte , zerschnitt sogleich einen gewaltigen Kuchen in vier Stücke und setzte Wein dazu , um dann den Tisch für das Mittagsmahl zu decken . Dieses Haus hatte nicht den patriarchalischen Anstrich wie dasjenige der Großmutter ; man sah keine Geräte von Nußbaum , sondern nur von lackiertem Tannenholz , die Wände waren noch von frischer Holzfarbe , die Ziegel auf dem Dache hellrot wie das zutage tretende Gebälke und vor dem Hause wenig oder kein Baumschatten ; die Sonne überwand spielend die jungen Obstbäumchen und lag heiß auf dem weiten Gemüsegarten , in welchem nur ein bescheidenes Blumenrevier verkündete , daß diese Haushaltung einen jungen Wohlstand zu begründen im Begriffe und vorderhand an den prosaischen Nutzen gewiesen sei . Nun kam der Mann vom Felde mit dem ältesten Knaben , besorgte , obgleich er vernahm , daß ich in der Stube sei , erst seine Ochsen und Kühe , wusch sich am Brunnen gemächlich die Hände und trat dann , dieselben mir reichend , fest und ruhig herein , sogleich nachsehend , ob seine Frau mich gehörig bewirte . Dabei zeigten die Leute keinerlei Ziererei , als ob ihre Gaben zu gering wären und dergleichen . Der Bauer ist der einzige , welcher nur sein Brot als das beste erachtet und es als solches jedermann anbietet . Seine Leckerbissen sind die Erstlinge jeder Frucht ; die neue Kartoffel , die erste Birne , die Kirschen und die Pflaumen gehen ihm über alles , und er schätzt sie so hoch , daß er wunder glaubt was zu gewinnen , wenn er von fremden Bäumen im Vorübergehen eine Handvoll erhaschen kann , während er an den bunten Leckereien der Städte gleichgültig vorübergeht und seinen Lieben höchstens ein ungenießbares Bonbon von Stärkemehl kauft , weil es die Form eines Herzens hat und ein hübscher Spruch darauf steht . Eine andere Delikatesse , die er aus der Stadt mitbringt , ist einfaches Weißbrot ; hier holt er sich nur wieder zurück , was er selbst hervorgebracht hat , und deswegen zeichnet er es aus . Diese überzeugung , daß er das Beste und Gesundeste biete , welche in unverdorbenen und noch nicht servilen Gegenden nicht ohne Ostentation hervortritt , geht auf den Gast über , welcher sich alsbald einer kräftigen Eßlust hingibt , ohne sie zu bereuen . Darum saß ich schmächtiges » Vetterlein « wieder tapfer schmausend hinter dem Tische , obgleich ich heute schon ein Erkleckliches getan hatte . Mit Wohlwollen überhäuften mich die Verwandten und betrachteten mich , wie jeden Städter , der nicht ein Zinsherr ist , als einen Hungerschlucker . Sie führten ein lebhaftes Gespräch über unser Schicksal und befragten mich des genauesten nach allen unseren Umständen . Die Frau erkundigte sich , ob ihre jährlichen Geschenke an Feldfrüchten immer richtig ankämen , und versprach , gewiß selbst einmal nach der Stadt zu kommen ; der Mann erzählte von meinem Vater , wie derselbe als kleines Jüngelchen , wenn man ihn gefragt habe , was er geben wolle , geantwortet Ein ' n Herr ab ! nämlich abgeben , was aber lustigerweise geklungen hätte wie Ein Herab ! » Nun « , fügte der Vetter hinzu , » wenn er gelebt haben würde , so wäre er noch ein vollständiger Herr geworden ; eigentlich war er an sich schon mehr als unsereiner ! Aber nun müsset Ihr aufmerken , Vetterlein , daß Ihr es auch zu was bringt und das zu Ende führet , was er angefangen hat . Allem Anscheine nach werdet Ihr für die Feder gut sein , sonderlich da Euch die Mutter gut schulen läßt , soviel wir hören , und was ehrenfest von ihr gehandelt ist . Da müsset Ihr vor allem aus nicht stolz werden und nicht so ein Fuchsschwanz , sondern Euch immerdar zu uns halten , damit Ihr ein rechter Volksmann werdet und wir auch was an Euch haben . Denn wir leiden in unserm Dorfe Not an gelehrten Leuten und müssen unseren Bezirksnachbaren trotz unserer starken Zahl bei Wahlen immer die Vorhand lassen , weil wir keine Federhelden aufbringen können . Wenn Ihr , gutes Vetterlein , daher etwas Rechtes werdet , so brauchet Ihr alsdann die Herren in der Stadt gar nicht , wir wollen Euch schon zu etwas machen . Obgleich Euer Vater schon lange tot ist und es dann noch länger sein wird , so hat er doch in dieser Gegend ein solches Andenken hinterlassen , und Ihr selbst seid so mitten unter uns bürgerlich , daß Ihr weiter keine Gunst brauchet als Euere Tüchtigkeit ! « Diese Rede , an sich etwas zu früh an mich gerichtet , betrübte mich , daß ich ganz stillschwieg ; denn erstens war es nun mit der Schule vorbei , was der Mann noch nicht wußte , und zweitens fühlte ich mich nicht nach dem Geschäftsleben hingezogen , fühlte vielmehr eine Art von Grauen vor demselben . Nachdem ich noch den Stall besehen und in der Scheune jeder Kuh eine Gabel voll Klee hinübergeschoben , verabschiedete ich mich ; die Base ließ es sich aber nicht nehmen , mich ein Stück Weges zu begleiten , um mich schnell noch einer anderen Base vorzustellen , wo ich mich nicht lange aufzuhalten brauche für dieses Mal . Ich fand eine freundliche Matrone , nicht ganz von dem edlen und feinen Wesen meiner Großmutter , aber doch voll Anstand und Wohlwollen . Sie lebte allein mit einer Tochter , welche früher , einer häufigen Sitte gemäß , zwei Jahre in der Stadt gedient , dann einen vermöglichen Bauer geheiratet hatte , welcher bald gestorben , und nun Witwe bleiben wollte , wie sie versicherte , obgleich sie erst ungefähr dreißig Jahre alt war . Sie war von hohem und festem Wuchse , ihr Gesicht hatte den ausgeprägten Typus unserer Familie , aber durch eine seltsame Schönheit verklärt ; besonders die großen braunen Augen und der Mund mit dem vollen üppigen Kinn machten augenblicklichen Eindruck . Dazu schmückte sie ein schweres dunkles , fast nicht zu bewältigendes Haar . Sie galt für eine Art Lorelei , obschon sie Judith hieß , auch niemand etwas Bestimmtes oder Nachteiliges von ihr wußte . Dies Weib trat nun herein , vom Garten kommend , etwas zurückgebogen , da sie in der Schürze eine Last frischgepflückter Ernteäpfel und darüber eine Masse gebrochener Blumen trug . Dies schüttete sie alles auf den Tisch , wie eine reizende Pomona , daß ein Gewirre von Form , Farbe und Duft sich auf der blanken Tafel verbreitete . Dann grüßte sie mich mit städtischem Akzente , indessen sie aus dem Schatten eines breiten Strohhutes neugierig auf mich herabsah , sagte , sie hätte Durst , holte ein Becken mit Milch herbei , füllte eine Schale davon und bot sie mir an ; ich wollte sie ausschlagen , da ich schon genug genossen hatte , allein sie sagte lachend » Trinkt doch ! « und machte Anstalt , mir das Gefäß an den Mund zu halten . Daher nahm ich es und schlürfte nun den marmorweißen und kühlen Trank mit einem Zuge hinunter und mit demselben ein unbeschreibliches Behagen , wobei ich sie ganz ruhevoll ansah und so ihrer stolzen Ruhe das Gleichgewicht hielt . Wäre sie ein Mädchen von meinem Alter gewesen , so hätte ich ohne Zweifel meine Unbefangenheit nicht bewahrt . Doch war dies alles nur ein Augenblick , und als ich mir darauf mit den Blumen zu schaffen machte , zwang sie gleich einen großen betäubenden Strauß von Rosen , Nelken und stark duftenden Kräutern zusammen und steckte mir denselben wie ein Almosen in die Hand ; das alte Mütterchen füllte meine Taschen mit Äpfeln , daß ich nun , mit Gaben förmlich beladen , ohne Widerrede gedemütigt , von dannen zog , von sämtlichen Frauen zu fleißigem Besuche bei ihnen , wie bei den noch übrigen Verwandten , aufgefordert . Es war schon tiefer Nachmittag , als ich endlich das Haus meines Oheims wiederfand ; es war verschlossen , weil alle Bewohner im Freien waren ; doch wußte ich , daß ich durch Scheune und Stall ein Schlupfloch finden würde . In der Scheune sprang mir das Reh entgegen und schloß sich mir unverweilt an , da es ihm langweilig sein mochte , im Stalle sahen sich die Kühe , Unterhaltung fordernd , nach mir um , und ein lediges Rind tappte halbwegs auf mich zu , sah mich verwundert an und machte Anstalt , einen vertraulichen Satz gegen mich zu nehmen , daß ich mich furchtsam in den nächsten Raum salvierte , der ganz mit Ackergerätschaften und Holzgerümpel angefüllt war . Aus dem dunklen Wirrsal hervor schoß mit vergnüglichem Murren der Marder , welcher sich hier einsam amüsiert hatte , und saß mir im Augenblicke auf dem Kopfe , mir mit dem Schwanz um die Backen schlagend und vor Freude tollen Unsinn treibend , daß ich laut lachen mußte . So gelangte ich mit meiner Gesellschaft in den hellern , bewohnten Teil des Hauses und fand endlich die Wohnstube , wo ich meine Bürde von Blumen , Früchten und Tieren abwarf . Auf dem Tische stand mit Kreide geschrieben , wo ich zu essen finden würde , im Falle ich Lust hätte , nebst allerlei beigefügten Witzen des jungen Volkes ; aber ich zog vor , mir das Geburtshaus meiner Mutter nun gemächlich anzusehen . Mein Oheim hatte schon seit einigen Jahren seiner geistlichen Pfründe entsagt , um sich ganz seinen Neigungen hinzugeben . Da der Staat ohnehin willens war , der Gemeinde ein neues Pfarrhaus zu bauen , kaufte der Oheim dazumal das alte Pfarrhaus von ihm , welches ursprünglich eigentlich der Landsitz eines Aristokraten gewesen war und daher steinerne Treppen mit Eisengeländern , in Gips gearbeitete Plafonds , einen Saal mit einem Kamine , viele Zimmer und Räume und überall eine Unzahl geschwärzter Ölgemälde enthielt , Tierstücke , Stilleben , Landschaften und Perückenbilder . In dieses Wesen hinein hatte der Oheim , unter das gleiche Dach , seine Landwirtschaft geschoben , indem er einen Teil der Wohnung herausgebrochen , daß sich beide Elemente , das junkerhafte und das bäuerliche , verschmolzen und durch wunderliche Türen und Durchgänge verbanden . Aus einem mit Jagden bemalten und mit alten theologischen Werken versehenen Zimmer sah man sich , wenn man eine Tapetentür öffnete , plötzlich auf den Heuboden versetzt , das Parkett und die Decke des Kaminsaales waren mit Falltüren versehen , welche mit Tenne und Speicher korrespondierten , und ich verwunderte mich nachher , als ich in dem kühlen und heitern Saale meinen Sitz aufgeschlagen und an nichts dachte , als plötzlich eine schwere Garbe aus dem Boden stieg , an einem Seile aufgezogen , und in den Gipsblumen der Decke wieder verschwand , wie ein Traum von den sieben fetten Jahren . Von der Decke dieses Saales hingen überdies große gläserne Kugeln herab , welche inwendig mit Herren und Damen in Reifröcken und Perücken , auf Papier gemalt , beklebt waren ; dazwischen ein Kronleuchter , aus Hirschgeweihen zusammengesetzt , und neben der Flügeltür ragte eine in Holz geschnittene und bemalte Meerfrau aus der Wand , zwischen ihren Händen eine zierliche Walze haltend , über welche ehemals ein langes Handtuch gehangen wurde zu allgemeinem Gebrauche . Unter dem Dache fand ich eine kleine Mansarde , deren Wände mit alten Hirschfängern und Galanteriedegen sowie mit unbrauchbarem Schießgewehr bedeckt waren ; eine überlange spanische Klinge mit herrlich gearbeitetem stählernem Griffe war ein seltenes Prachtstück und mochte schon seltsame Tage gesehen haben . Ein paar Folianten lagen bestäubt in der Ecke , in der Mitte des Zimmers stand ein mit Leder bezogener zerfetzter Lehnstuhl , so daß nur der Don Quixote fehlte , um das Ganze zu einem Bilde zu machen . Übrigens setzte ich mich behaglich hinein und dachte an den guten Herrn , dessen Geschichte ich , unter der Leitung meines ehemaligen Lehrers , aus dem Französischen des Mr. Florian übersetzt hatte . Ich hörte ein seltsames Geräusch , Gurren und Krabbeln an der Wand , schlug einen hölzernen Schieber zurück und steckte den Kopf hindurch in - den heißen Taubenschlag , welcher alsobald in solchen Alarm geriet , daß ich mich zurückziehen mußte . Ferner entdeckte ich die Schlafzimmer der Töchter , stille Gelasse mit grünen Fenstergärtchen und überdies von treuen Baumwipfeln bewacht , mit geretteten Stücken blumiger Tapeten bekleidet , wo die zahlreichen Rokokospiegel des ehemaligen Herrensitzes eine ehrenvolle Zurückgezogenheit gefunden hatten ; so auch die große Kammer der Söhne , welche mit den Spuren einiger nicht zu tiefen Studien und den Werkzeugen des ländlichen Müßigganges , mit Angelzeug und Vogelgarnen , verziert war . Gegen Osten sahen die Fenster des Hauses in das Wirrsal von Obstbäumen und Dachgiebeln des Dorfes , aus welchem der erhöhte Kirchhof mit der schneeweißen Kirche wie eine geistliche Festung emporragte , nach der Abendseite schaute die hohe lange Fensterflucht des Saales über ein sattgrünes Wiesental , durch welches sich der Fluß in vielen Armen und Windungen buchstäblich silbern schlängelte , da er höchstens zwei Fuß tief war und wie Brunnenwasser in lebendigen heftigen Wellen über weißes Geschiebe floß . Jenseits dieses Wiesengrundes stieg eine waldige Berghalde oder haldiger Bergwald auf , an welchem alle Laubarten durcheinanderwogten , von düsteren Felswänden und Kuppen unterbrochen . Die untergehende Sonne aber hatte einen freien Eingang über fernere Blauberge in das Tal und übergoß es alle Abend mit Glut , daß man an den Fenstern des Saales im Roten saß , ja die Röte drang durch diesen hin , wenn seine Türen geöffnet , ins Innere des Hauses und überzog Gänge und Wände . Gemüse- und Blumengärten , vernachlässigte Zwischenräume , Holunderbüsche und eingefaßte Quellen , alles von Bäumen überschattet , bildeten eine reizende Wildnis weit herum und dehnten sich noch mittelst einer kleinen Brücke über das Wasser Hinaus . Die etwas weiter oben liegende Mühle aber gab sich nur durch das Geräusch und durch das Blitzen und Stäuben des Rades kund , welches unter den Bäumen durchleuchtete . Das Ganze war eine Verschmlelzung von Pfarrei , Bauernhof , Villa und Jägerhaus , und mein Herz jubelte , als ich alle Schönheit und Poesie entdeckte und übersah , umgaukelt von der geflügelten und vierfüßigen Tierwelt . Hier war überall Farbe und Glanz , Bewegung , Leben und Glück , reichlich , ungemessen , dazu Freiheit und Überfluß , Scherz , Witz und Wohlwollen . Der erste Gedanke war eine freie ungebundene Tätigkeit . Ich eilte auf mein Zimmer , welches auch nach der Abendseite lag , und begann meine indessen angekommenen Sachen auszupacken , meine Schulbücher und abgebrochenen Hefte , welche ich so gut möglich noch zu pflegen gedachte , vorzüglich aber einen ansehnlichen Vorrat von Papier verschiedener Art , Federn , Bleistifte und Farben , vermittelst deren ich zu schreiben , zu zeichnen , zu malen gedachte , was weiß ich was alles ! In diesem Augenblicke wandelte sich der bisherige Spieltrieb in eine ganz ernsthafte und gravitätische Lust zu Schaffen und Arbeit , zu bewußtem Gestalten und Hervorbringen um . Mehr als alles vorhergehende Ungemach weckte dieser eine , so einfache und doch so reiche Tag den ersten Schein der Klarheit , die Morgendämmerung der reiferen Jugend in mir auf . Als ich meine bisher übermalten Streifen und Bogen auf dem großen Bette ausbreitete , daß es mit wunderlich bunter Decke bezogen war , fühlte ich mich mit einem Male über diese Dinge hinausgerückt und mit dem Bedürfnis auch den Willen , sogleich einen Fortschritt aus mir selbst hervorzuzwingen . Es lag in der Luft , es lag in mir oder weiß Gott wo , daß ich das nächste Blatt mit mehr Energie und Geschick angegriffen vor mir schweben sah . Zuletzt eigentlich mochte ich nur die äußere Anregung vorausempfinden , die sich in diesem Augenblicke mir näherte . Mein Oheim trat , von einer Aufsichtswanderung zurückgekehrt , zu mir herein und faßte eine gutmeinende Verwunderung , als er mich von meinem Krame umgeben sah . Die kindliche Renommisterei und Keckheit meiner Machwerke , die marktschreierischen Farben imponierten seinem ungeübten Auge , und er rief » Ei , du bist ja ein ganzer Maler , Herr Neveu ! Das ist nun recht ; da hast du ja auch eine Menge Papier und Farben ? Gut ! Was hast du hier für Sachen , wo hast du sie hergenommen ? « Ich erwiderte , daß ich alles aus dem Kopfe gemacht hätte . » Ich will dir nun andere Aufgaben stellen « , sagte er , » du sollst nun unser Hofmaler sein ! Gleich morgen sollst du versuchen , unser Haus zu zeichnen mit Gärten und Bäumen , und alles genau nachbilden ! Auch kann ich dir manchen schönen Punkt in unserer Gegend zeigen , wo du interessante Prospekte aufnehmen magst ; das wird dich üben und dir nützlich sein . Ich wollte selbst , ich hätte dergleichen geübt . Halt , ich kann dir einige hübsche Sachen zeigen , welche von einem Herrn herrühren , der vor dreißig Jahren oft bei uns zu Gast war , als wir immer Besuch aus der Stadt hatten . Er malte zu seinem Vergnügen in Öl , in Wasserfarben und stach in Kupfer oder radierte , wie er es nannte , und war geschickt , trotz einem Künstler ! « Er holte eine uralte Mappe herbei , welche mit einer ansehnlichen Schnur umwickelt war , und indem er sie öffnete , sagte er » Ich habe bei Gott diese Dinge längst vergessen , ich seh sie selbst einmal gern wieder ! Der gute Junker Felix liegt in Rom begraben , schon manches lange Jahr ; er war ein alter Junggesell , trug gepuderte Haare und ein Zöpfchen noch anfangs der zwanziger Jahre ; er malte und radierte den ganzen Tag , ausgenommen im Herbste , wo er mit uns jagte . Damals , zu Anfang der zwanziger Jahre , kamen ein paar junge Herren aus Italien zurück , worunter ein Malergenie . Diese Bursche machten einen Teufelslärm und behaupteten , die ganze