der Fensternische ward sehr leise geführt . Mit der süßesten Miene flötete St. Real der Frau ins Ohr : » Sie unverantwortliches Plappermaul ! Jetzt , auf der Stelle , wiederhole ich Ihr , schaff ' Sie die Predigerfamilie fort ! « Wie zutraulich drückte er dabei ihre Hand , und wie war sie erfreut über dies Zeichen von Vertrauen , und bat ihn , ihr ja diese gütige Gesinnung zu bewahren . » Weiß Sie , was der König thut , wenn er ' s erfährt ? « Dabei klopfte er ihr zutraulich auf die Schultern . - » Nur bis morgen , gnädigster Herr , ich kann sie ja doch nicht auf die Straße schmeißen . « - » Durch den Büttel lässt er Sie aus der Stadt peitschen , und Sie hat ' s verdient , Sie unverschämtes Mensch ! « - » Zu gütig ! « - » Ihre Zunge müsste man Ihr mit glühenden Zangen ausreißen , denn sie geht mit Ihr durch , weiß Sie , bis wohin - bis zum Galgen , und Sie hat ihn verdient . « - » Nein , mein Herr Kammerherr sind doch die Obligeance selbst , und nun wollen Sie uns auch die Mamsell Kriegsräthin entführen . Ganz nach Ihrem Kommando . « » Man hat sich kaum gefreut , so soll die Adelheid schon wieder fort , « sagte Karoline . » Jülli aber sagte , es sei wohl gut , es scheine ihr ein Gewitter aufzusteigen , daß sie das nicht noch überraschte . Sie sah dabei aber ängstlich nach der Thür zum Seitenzimmer . Der Kammerherr meinte , ein Gewitter wäre nicht im Anzuge , es sei dafür zu kühl , aber ein Sturm und Regen . Er fragte , ob Adelheid nur das dünne Umschlagetuch habe ? « - » O , wir leihen ihr ein andres , « sagte Jülli . » Ach das rothseidne der chère tante ! « rief Karoline . » Adelheid hat ' s ja noch nicht gesehen . Das ist ja wahr ! - Wie prächtig wird sie darin aussehen . Und das hält warm ! - « Der Kammerherr nickte der Obristin zu , sie möge das Fräulein nur recht warm und schön anziehen . Dann ging er hinaus , um nach dem Wagen zu rufen , sagte er . Es mochte aber auch sein , um nicht bei der Toilette zu stören , oder um sich nach dem Lärm zu erkundigen , den man auf der Straße hörte . Ein Reiterregiment ritt vorüber , aber es schien , als ob sie Halt machten , und man hörte Gelächter und Rufen . Die Obristin hatte das viel besprochene Tuch vom Malayenlande aus der Kommode geholt , als sie im Vorübergehen einen Blick aus dem Fenster warf : » Was das nun wieder ist ! Sind doch die Herren Gensd ' armen nur da , um Unfug mit ehrlichen Leuten anzufangen ! « Sie breitete das Tuch aus , und es glänzte in so köstlichem duftendem Roth , daß Adelheid selbst ein unwillkürliches Ach ! ausrief . Man hing es ihr um , man zog sie vor den Spiegel . Zuerst als wallender Talar . Die Obristin schien darin wirklich geschickt : » Du meine Güte , wie eine Opferpriesterin ! « - » Wie eine Königin ! « Der Lärm draußen wurde lauter ; kein Aufruhr , aber ein wüstes Gelächter . Man rief Spottnamen hinauf ; es schien , als ob von oben geantwortet würde . Darauf ein noch ausgelasseneres Gelächter , und einzelnes gellendes Pfeifen . Die Tante beschwor die Nichten , sich vom Fenster fern zu halten . Sie nahm das Tuch wieder ab , um es anders zu drapiren , als man Jemand die obere Treppe hastig herabkommen hörte , und die Thür aufklinkte . Die Obristin schien ein anderes Gesicht zu erwarten , als das etwas ängstliche , welches zur halb aufgestoßenen Thür hereinsah . Die Päffchen über der schwarzen Weste verriethen einen Geistlichen . Der geblümte Schlafrock und die lange Pfeife , welche die halbzugehaltene Thür verbergen sollte , und doch nicht verbarg , hätten sich auch zu jedem guten Bürger geschickt , dem häusliche Behaglichkeit über alles geht . » Haben Sie gehört , verehrteste Frau Obristin ? « » Ach , mein allerbester Herr Prediger ! « » Bitte tausend Mal um Vergebung , wenn ich derangire , insondern wegen meiner Toilette . Aber das ist ja nicht zum Aushalten ! « » Ist Ihnen was arrivirt ? « » Ich sehe ja nur zum Fenster hinaus , und meine Töchter neben mir , und rauche ganz in Frieden mein Pfeifchen , als Einer der Herren Offiziere mit dem Arm nach mir weist , ich weiß noch nicht , warum , und darauf strecken Alle die Hälse und heben mit einem Aha ! ein schallendes Gelächter an . Sagen Sie mir , was man da zu thun hat . Ich habe zwar einige Worte an sie gerichtet , sehr freundlich und zurechtweisend , sie antworteten mir aber nur durch unarticulirte Laute , nachahmend den Gesang der Hühner durch ein Kikeriki ! oder noch unbegreiflicher durch ein sogenanntes Kukuksgeschrei . « » Ist ' s die Möglichkeit ! « rief die Obristin . » Ja , von einem der Herren Offiziere , bei denen man doch Bildung annehmen sollte , hörte ich den unanständigen Ausdruck : Pfaff ' und Pfäffchen ! Und Einer rief : Gefällt ' s Dir im Kukukssneste ? Wird mir doch in der That bange , denn der Pöbel fängt auch schon an mit zu krähen und die Nachbarn reißen die Fenster auf . Soll ich nun zur Polizei schicken oder erlauben Sie mir , daß ich hier ans Fenster trete , wo sie mich besser hören können , und ihnen recht eindringlich ins Herz rede , wie ihr Betragen sich besser zu Sodom und Gomorrha schickt , als der Residenzstadt unseres Königs ? « » - Sodom und Gomorrha ! Da haben Sie recht , das ist das richtige Wort ! « rief die Obristin , erfreut , an ein Wort sich klammern zu können , das sie für den Augenblick aus einer Verlegenheit riß , die , wie man an ihrem Zittern wahrnehmen konnte , schon peinlich geworden . Wie sie sich herausriß , war ihr gleichgültig . » Sodom und Gomorrha , Herr Prediger . O , Sie werden unsere Stadt noch anders kennen lernen . Aber um Gottes Willen nicht die Polizei ! Nicht zehn rechtschaffene Menschen unter tausend . Aber nicht die Polizei . Wer sich die auf den Hals ladet , sehen Sie - « Sie hatte in ihrer Angst das Tuch hin- und hergewickelt , bis sie ' s Jülli zuwarf mit dem Befehl , es ordentlich zu legen , daß es das Fräulein umschlagen könne , und hatte damit schnell einen neuen Ausweg gefunden . - » Sehen Sie , Herr Prediger , das ist ' s , ein reines pures Mißverständnis . Sehen Sie , Herr Prediger , das Tuch hier , weil ' s so kokliko roth ist - hier giebt ' s nicht solche - müssen die Mädchen damit ' rum schmeißen , gegen ' s Fenster - das haben sie für ' nen Affront angesehen , die Herren Kavalleristen - warum , das weiß der liebe Himmel ! Was sehn die nicht für ' nen Affront an , wenn ein ehrlicher Bürgersmann was thut - Sie wissen ja vom Lande , man darf kein roth Tuch aufhalten , dann fliegt das Federvieh - und rothe Federbüsche haben sie - alles , lieber Herr Prediger , nur nicht die Polizei ! Und die Herren Offiziere sind , im Grunde genommen , seelensgute Menschen . Nur Jugend ! Jugend muß man austoben lassen . Aber nur nicht die Polizei ! Soll Ihnen auch Keiner ein Haar krümmen , lieber Herr Prediger , jetzt erlauben Sie , will Sie in ein Dachstübchen schaffen , hinten raus , und Ihre Mamsell Töchter , die lieben Mädchen , wie mögen sich die erschrocken haben , da soll Sie auch keine Seele finden . Denn das Soldatenvolk ist grausam boshaft oft gegen die Herren Geistlichen , ach , und die Herren Offiziere auch , aber unser herzensguter König wird sie schon besser machen . Und heut Abend kommen sehr vornehme Herren vom Hofe her ; da wollen wir Alles arrangiren , ganz nach Ihrem Belieben ! Nur nicht die Polizei ! « Der Herr Prediger fand sich von der Frau Obristin hinauskomplimentirt , er wusste so wenig warum , als Adelheid den Zusammenhang verstand , und noch weniger , warum die beiden Nichten , die mit ihr allein geblieben , in ein Kichern ausbrachen . Sie fragte nach dem Grunde . Karoline wollte vor Lachen platzen und drehte sich auf dem Hacken . Jülli aber umarmte von hinten Adelheid und drückte einen Kuß auf ihre Schultern : » Ach ' s ist besser für Dich , daß Du das nie erfährst . « - Adelheid schlang den Arm um ihren Nacken und sagte leise : » Das musst Du mir das nächste Mal sagen , wenn wir uns wiedersehen . « - Jülli drückte hastig einen Kuß auf die schönen Lippen : » Du darfst uns nie wiedersehen . Adieu auf immer ! « Im selben Augenblick hatte Karoline das Tuch um Adelheids Nacken geschlungen . Sie musste eine besondere Geschicklichkeit darin besitzen . In antikem Faltenwurf fiel es von der einen Schulter , während die Kleine mit verstohlener Schnelligkeit ihr das Kleid von der andern herabzog : » Nun sieh Dich in den Spiegel ! Das ist Venus , wie sie leibt und lebt , da auf dem Bilde ! « Adelheid sah in den Spiegel und erröthete , als sie den kleinen Betrug entdeckt . Es war ein schöner Anblick , sie musste es sich selbst sagen . Sie hob eben die Hand , um ihren Anzug zu ordnen , als - sie noch etwas anderes im Spiegel sah . Neunzehntes Kapitel . Der Sturm bricht los . Eine Thür ging auf , und ein junger Mann trat ein . Sein wild schönes Auge , trüb und wüst , wie eines Trunkenen , der eben aus dem Schlaf erwacht , die Haare verstört . Die Halsbinde hing ungeknotet über die Weste , den Rock hatte er nicht nöthig gefunden , anzuziehen . Er blieb auf der Schwelle stehen , und reckte die Arme , um den Schlaf zu vertreiben . Dies Bild sah Adelheid im Spiegel . Sie blieb athemlos stehen . Jetzt sah er sie ; nur ihre Gestalt in der Wirklichkeit , ihr Gesicht im Glase . Sein Auge belebte sich , es schoß auch im Spiegel einen Blitz , vor dem sie erschrak . » Was habt Ihr denn da für eine neue Tugend ! « Rasch mit drei festen Schritten war er vorgetreten , und ehe Adelheid ausweichen konnte , hatte er sie umfasst und wollte sie zu sich umdrehen : » Tugend , ich will Dir ins Gesicht sehen ! « » Louis , Du wirst - ! Um Gottes Willen , Louis ! sie ist nicht von hier ! « hatte Jülli geschrieen , und riß vergebens an seinem Arm . » Eure Larven kenn ' ich . « Im selben Augenblick war die andere Thür aufgeflogen , die Obristin hereingestürzt . Ihre sonst so gutmüthigen Augen funkelten : » Der wieder da ! O , das musste noch kommen ! Für einen verlorenen Sohn ist Die zu gut ! Reißt sie dem Trunkenbold aus den Armen ! « Es wäre nicht unmöglich gewesen , daß sie mit ihren Fingern einen Griff nach dem Gesicht des jungen Mannes versucht , wenn nicht Adelheid sich jetzt rasch umgewandt , die herabgefallenen Locken aus dem Gesicht gestrichen hätte und gerufen : » Mein Herr ! So sehe ich aus . « Es war etwas Ueberwältigendes in dem Blicke der äußersten Entrüstung , was man nicht vergisst , im Tone der Stimme ein Metall , das Keiner bis da gehört ; es tönte durch das Zimmer und in den nächsten Sekunden hörte man nichts anderes . Er hatte sie unwillkürlich losgelassen . Sie standen nicht einen Schritt von einander , und ihre Blicke begegneten sich . Sie wollte sprechen , aber die Stimme versagte ihr . Thränen wären eine Wohlthat geworden , es überstürzte sie nur eine krankhafte Hitze , der sogleich eine fieberhafte Kälte folgte . Sie wandte den Kopf ab , bedeckte das Gesicht , und , ein Schrei der gepressten Brust , stürzten die Worte heraus : » O , mein Gott , wo bin ich hingerathen ! Was ist das mit mir ! « Sie wankte ; aber sie schauderte vor der Obristin , die sie auffangen wollte , sie tappte mit aufgehobenen Armen , als der junge Mann eine Bewegung machte , war ' s , seine Beute wieder zu ergreifen , war ' s , der Ohnmächtigen beizustehen . Aber die Erscheinung eines andern fremden Mannes der ein : » Halt , mein Herr ! « ihm entgegen rief , veränderte die Scene . Es war ein hochgewachsener Mann von leichtem , vornehmem Anstande . In seinem blassen , ausdrucksvollen Gesicht , in dem man einen Philosophen , Staatsmann , wenigstens einen Denker erkennen mögen , brannten auch zwei dunkle Augen , nicht groß , aber bedeutend durch den Ausdruck edlen Zornes , der in ihnen glühte . Ein Mann von mittleren Jahren , der aber durch die Entrüstung , den Stolz seiner Haltung , die Elasticität der Bewegung , um vieles jünger schien . Es war ohne Zweifel das bedeutendste , ausdruckvollste Gesicht im Zimmer , vielleicht , was man überhaupt in diesen Räumen gesehen , ein Mann , in dem jeder Muskelzug , jede Bewegung die Weltkenntniß und Erfahrung ausdrückten und ein Mann , der geboren schien , um zu imponiren . Den leichten Umwurfmantel , mit dem er ins Zimmer getreten , hatte er schon an der Thüre abgeworfen und stand im schwarzen Civilkostüm dem Andern gegenüber . Auf dem Gesichte dieses Jüngern , dem die Leidenschaften viele Falten eingedrückt hatten , suchte man indeß umsonst nach einem Zuge , der eine Inklination verrieth , sich imponiren zu lassen . Mit einem verächtlichen Achselzucken : » Das geht Sie nichts an ! Die Dame ist ohnmächtig ! « wollte er an ihm vorüber . Ein : » Elender zurück ! « donnerte ihm entgegen . » Ihr Arm darf die Unschuld nicht berühren . « Die Hand des Kavaliers hatte die Halsbinde des jungen Mannes gefasst , als dieser auch auf diese Worte nicht geachtet . Ein fürchterlicher Blick des Jüngeren , während seine Arme krampfhaft zitterten , sagte dem Kavalier , was er im nächsten Moment erwarten konnte , wenn er nicht zuvor kam . Louis war unzweifelhaft der Stärkere , aber er war in einer ungünstigen Stellung , des Angriffs nicht gewärtig , noch vom wüsten Traumschlaf ermattet . Der Kavalier war auf einen Angriff gefasst eingetreten , wahrscheinlich ein gewandter Fechter , der die Schwäche des Gegners zu nutzen weiß . Ihn kurz an sich ziehend , warf er ihn mit einem heftigen Stoß zurück : » Schlafen Sie Ihren Rausch aus ! « Louis fiel auf einen hinter ihm stehenden Stuhl ; doch so heftig gegen die Lehne geschleudert , daß er einen Moment besinnungslos blieb . Ein fürchterlicher Moment . Heulen , Schreien , Lärm jeder Art. Es polterte von oben , es stürmte die Treppen herauf , Leute waren eingedrungen ins Haus , schon sogar als ungerufene Zeugen ins Zimmer . Als Adelheid , an die Wand gelehnt , ihre Besinnung zurückkam , hatte auch der junge Mann sie wieder gewonnen . Es war der entsetzlichste Blick , den sie gesehen , eine Basiliskenblick , die Zornader glühte auf seiner Stirn und die Brust hob sich wie eine Meereswelle , als er aufsprang und nach einer Waffe griff . » Mord ! « » Todtschlag ! « » Polizei ! « - » Blut ! « schrieen verwirrte Stimmen . Dem Stuhle , den der Rasende wie eine Keule in der Luft schwang , hätte der Galanteriedegen , den der Andere rasch gezogen , nicht parirt . Aber die Obristin fasste nach dem Stuhlbein , als der Degen schon mit einem gefährlichen Parirstoß nach der Brust zückte . Jülli sah die Spitze funkeln , sie hing an Louis Brust , sie umklammerte seinen Hals , ein Schild , das ihn schützte , aber ihm die freie Bewegung raubte : » Louis , nicht Dein Blut ! « Der Stoß des nur zur Vertheidigung gezückten Degens hätte tödtlich werden können , wo der Feind in blinder Wuth sich auf den Gegner gestürzt hatte , als Adelheid dem Kavalier in die Arme fiel : » Um Gottes , um Gottes Barmherzigkeit willen , kein Blut um mich ! « Es war alles das Werk eines Momentes . Die Degenspitze hatte Jülli ' s Schulter gesteift ; es rieselte roth von ihrem Nacken . Im selben Augenblicke trennte ein dritter Fremder die Kämpfer . » Auch Mord und Blut in diesem Sündenhaus ! « Des Predigers Gesicht war krampfhaft verzogen , er hob die zitternden Arme gegen die Obristin ; er drohte ihr , aber die Stimme schien auch ihm zu versagen . Er griff in die Tasche und warf ihr eine kleine Börse zu Füßen : » Weib , mach ' Dich bezahlt mit meinem Sparpfennig . « Der Lärm hatte inzwischen einen bacchantischen Charakter angenommen . Den Pöbel kitzelte die wilde Luft , hier die Nemesis zu spielen , zerstören zu können . Die Träger der Effekten des Predigers , die er in aller Hast hinunterschaffen ließ , fanden auf Treppen und Thüren kaum Durchweg ; man wollte untersuchen , ob nichts Verdächtiges damit entschlüpfe . Rohe Witzworte begleiteten diese Improvisation . Noch ärgere Invektiven schallten von der Straße , denn das Gerücht von dem , was im Hause sich zugetragen , wuchs natürlich je entfernter man davon stand . Die Schwadronen zogen ab , und das von den Blasinstrumenten angestimmte Lied : » Ach , du lieber Augustin ! « dröhnte als Parodie durch das Getöse . Da hatte die Obristin , die nicht nach dem Geldbeutel griff , denn sie sah , es war hier mehr verspielt , eine unbeschreibliche Wuth ergriffen . Die Larve der Sanftmuth und Gleisnerei war abgefallen , die innerste Natur des gemeinen Weibes hatte sich herausgekehrt und ihre funkelnden Augen und fletschenden Zähne suchten nach einem Gegenstand der Rache . Sie hatte ihn gefunden . Den Geistlichen hatte sie mit dem Ellnbogen und einem Schimpfwort bei Seite geschoben , die » Natterbrut an ihrem Busen , « die ihr so mit Undank gelohnt , die den Störenfried versteckt , sollte es entgelten . Aber stand der nicht selbst vor ihr , der all das Unglück angerichtet , - mit seinen bösen , schönen Augen ? Sprach sie ' s aus , oder sah sie ' s an ihren gespitzten Fingern , an den gehobenen Armen , die Hyäne auf dem Sprunge ? Jülli ' s Augen funkelten auch dämonisch : » An seinen schönen Augen Deine Hand , Du schändlich Weib ! Erst über meinen Leib , den zertritt nun vollends ! « » Die Weiber bringen sich um ! « schrie es . » Polizei ! « Schon arbeitete der Kommissar sich durch die Thür . Das Weib hatte das Mädchen an der Schulter gepackt , wo der Degen gestreift . Das Mädchen stieß einen Schmerzensschrei aus und sank ohnmächtig nieder , während von hinten eine andere Megäre die Wüthende umklammerte . Auch hier eine abgefallene Larve , auch hier die lang verhaltene Wuth einer gemeinen Natur , die keine Rücksichten mehr kennt ! Der Polizeibeamte sah nicht mehr des Kavaliers gezückten Degen , er hatte ihn eingesteckt , auch der geschwungene Sessel war längst aus Louis ' Händen zu Boden gefallen ; er saß , zurückgesunken in einem Stuhl und starrte , Todtenblässe im Gesicht , auf das zu seinen Füßen liegende Mädchen , seine Lebensretterin . Der Polizeibeamte sah nur die ringenden Weiber , eine blutbedeckte Hand von der zusammenschnürenden Umarmung einer Wüthenden in die Luft gestreckt . Mit kräftigem Arm , mit dem Griff des Säbels , der unsanft auf ihre Schultern fuhr , riß er sie auseinander . Die beiden Sergeanten ergriffen die Obristin und Karolinen . Indem sein Blick umherstreifte , nach den übrigen Komplicen zu suchen , fiel er zunächst auf Adelheid . Sie war , von Mitleid fortgerissen , neben der Verwundeten hingekniet ; aus dem natürlichen Impuls sich den Blicken zu verbergen , beugte sie sich tiefer über das unglückliche Mädchen als nöthig war , in dem Augenblick vielleicht das glücklichere ; sie wusste ja nicht , was um sie vorging . Auch Adelheid wusste es kaum , als die rauhe Hand des Kommissars sie aufriß : » Aufgestanden ! Marsch ! « - » Sie ist unschuldig ! « rief eine Stimme . - » Da den Beweis ihrer Unschuld ! « sagte der Kommissar , und zeigte Adelheids Hand , auch sie blutig von der Berührung . » Auf der Wache wird sich alles herausfinden , mein schönes Kind . Einstweilen mitgefangen , mitgehangen . « - » Sie ist unschuldig ! « schrie Louis , aus seinem Starrsinn erwachend . Er war aufgesprungen . Der Beamte sah ihn mit einem höhnischen Blicke an : » Wenn man Sie als Zeugen aufrufen wird , ist Zeit für sie zu sprechen . Oder sind Sie etwa auch unschuldig ? Die Person hier auf eine Trage , und vorsichtig ! Auf der Wache wollen wir untersuchen , wo sie hin muß . « Wie so viele Nadelstiche bohrte das rohe Gelächter in Adelheids Herz . An wen sich wenden ! Sie hatte keinen Freund , keinen Bekannten hier . Der Kammerherr war verschwunden . Sollte sie das Weib anrufen , das jetzt noch kochte , und , grimmige Blicke mit dem andern Mädchen tauschend , von neuen Thätlichkeiten nur durch die Wache abgehalten ward ? Und was hätte deren Zeugniß in dieser Lage ihr geholfen ? Durfte sie den Namen ihres Vaters nennen ? Der Retter stand aber schon vor ihr : » Diese Dame ist an den Auftritten hier so unbetheiligt als ich selbst , « rief der Fremde ; und schon sein Kostüm und Anstand brachte auf den Kommissar so viel Eindruck hervor , daß er unmerklich Adelheids Arm losließ . » Ich bin der Legationsrath , Kammerherr von Wandel aus Thüringen . Auf der Rückkehr von der Tafel Seiner Königlichen Hoheit führte mich der Zufall , ich meine der Spektakel , in dies Haus , und ich kam glücklicherweise noch zu rechter Zeit , um dies junge Mädchen vor Beleidigungen zu retten , über die ich , wenn es erfordert wird , Zeugniß ablegen kann . Ich verbürge mich für den unbescholtenen Ruf der Dame , deren Name und Familie mir bekannt sind , und die nur der Zufall oder die Bosheit hierher locken konnte . Diesem würdigen Geistlichen und seiner Familie ist es nicht besser ergangen . Daß sie keinen Theil an den Excessen dieser Personen da hat , brauche ich kaum auszusprechen ; das Blut an ihrer Hand rührt , wie Sie sehen , von der liebreichen Pflege , die sie jenem armen Geschöpfe angedeihen ließ . « Der Polizeikommissar verneigte sich leicht vor dem Fremden , nachdem dieser ihm den Namen des Vaters ins Ohr geflüstert hatte : » Diese Demoiselle kann demnächst auf Bürgschaft des Herrn Legationsraths entlassen werden . « » Und ich ersuche Sie , mein Herr Prediger , « wandte sich der Legationsrath an den durch das Gedränge noch immer festgehaltenen Geistlichen , » das junge Mädchen unter dem Geleit Ihrer Töchter aus diesem Hause zu bringen . Sie bedarf eines weiblichen Schutzes vor Neckereien und Brutalitäten , die Begleitung eines Mannes , wer es auch sei , würde sie nur anlocken . « » Bleiben Sie mir vom Leibe ! Soll ich noch von der Brut mir anhängen , wo ich kaum weiß , wie ich mit meinen unschuldigen Töchtern ohne Insulten davon komme ? « Dem Geistlichen diente die eigene peinliche Lage gewiß zur Entschuldigung , wenn er jetzt so hart erschien , als er früher leichtgläubig gewesen . Auch die Reden unter den Zuschauern konnten ihn rechtfertigen , denn man zischelte sich zu oder sagte es vielmehr ganz laut : » Die Hübscheste wird losgerissen von dem vornehmen Herrn . « » Das weiß man schon , an wem nichts mehr zu verlieren ist , den lässt man dem Galgen . « Der Polizeikommissar , der mit dem Bleistift einige Notizen gemacht , wies auf Louis : » Wollen Herr Legationsrath auch etwa für diesen jungen Herrn bürgen ? « » Mich dünkt , sein Zustand bürgt für ihn , « sagte Wandel . » Wenn er ernüchtert ist , wird er selbst am besten Rechenschaft geben , welche Motive ihn in dies Haus geführt . Ich meinerseits habe durchaus keine Ansprüche an den Sohn des Herrn - « , er flüsterte wieder den Namen in das Ohr des Beamten , » sollte der Herr Forderungen an mich haben , so ist ihm meine Adresse bekannt , « setzte er scharf betonend mit einem eben so scharfen als kurzen Blick auf den Betreffenden hinzu . » Demoiselle , « sagte er dann , Adelheid seinen Arm bietend , » da sich kein anderer Ritter findet , müssen Sie sich meinem Schutz anvertrauen . Platz ! « Die Menge machte ihn . Im Hinausgehen sah Adelheid unwillkürlich zurück . » Sie mögen sich entfernen , Herr von Bovillard , « hatte der Komissar diesem zugeflüstert , indem er anscheinend in seinem Taschenbuche Bemerkungen notirte . » Doch erst nachher , wenn die Menge sich verläuft . Sie verdanken diese Berücksichtigung dem Zeugniß des Herrn Legationsrath ; Sie werden selbst am besten wissen , daß die Polizei andere über Sie hat . « Der junge Mann stand aufgerichtet , wie eine Bildsäule , regungslos ; seine Hand wühlte krampfhaft in der Brust , nur die Augen schossen noch einen Blick auf Adelheids Begleiter , dessen Ausdruck sich nicht beschreiben lässt . Es war nicht mehr das Feuer des Zornes , nicht das Aufprasseln eines Brandes , der seinen Höhepunkt erreicht , es war die Gluth des Hasses , die still fortlodert , weil sie unerschöpflichen Stoff unter der Asche gefunden . Und doch zuckte dies stiere Auge , als es dem des jungen Mädchens begegnete , und senkte unwillkürlich die Augenlider . » Eilen Sie ! « rief ihr Begleiter . » Draußen ist frische Luft . « Sie schwankte an seinem Arm , als er sie durch die Thür gerissen . » Nur einen - einen Augenblick nur ! « - stöhnte sie im Vorzimmer . » O Gott , mein Vater , meine Mutter ! « Sie war in einen Sessel im Vorzimmer gesunken . Der Retter hatte ein Etui mit kleinen Essenzfläschchen aus der Tasche gezogen und tupfte , vorsichtig Tropfen davon auf den Finger gießend , über ihre Stirn . Die Vorübergehenden machten ihre Glossen , es waren keine freundlichen . Ein Glück für die Ohnmächtige , daß sie nichts davon hörte . Ihr Begleiter hörte und verstand sie . Aber keine Miene , kein Blick verrieth ein innere Bewegung . Er betrachtete die Ohnmächtige wie der Kenner ein Bildwerk . Als das Zimmer zufällig leer war , lüftete er vorsichtig das Tuch , das sie um sich geschlungen : » In der That ein Prachtwerk der Schöpferin . Fast zu schön , um es zu verschwenden , setzte er hinzu . Und doch , wenn wir es nicht verschwendeten , nicht mehr werth , als eine Mumie in einer Raritätensammlung . « Erst die Tropfen aus dem letzten Fläschchen , die er noch behutsamer anwandte , brachten die Wirkung , die er beabsichtigt , hervor . Es musste eine sehr starke , gefährliche Essenz sein , denn nur , nachdem er verdrießlich nach der Uhr und der Sonne gesehen , und die Schläferin , ohne daß sie erwachte , stark am Arm gerüttelt , hatte er die doppelte Metallkapsel und den Stöpsel gelüftet . Sie war erwacht , aber ihre Augen , ihr Athmen , ihr Lächeln , bald auch ihre Sprache , zeugten von einer Einwirkung auf die Nerven , die der Retter nicht beabsichtigt hatte . Sie erhob sich und sprach in Extase . Es war das schöne Metall der Stimme , das vorhin fast berauschend ins Ohr der Zuhörer geklungen ; aber hier nicht ein schneidender Laut der Todtenglocke , es klang und wogte melodischer , wie ein Lobgesang , als sie ihrem Retter ihren Dank aussprach , ihn versichernd , es werde alles gelingen , alles gut werden , er sollte nicht sorgen . Sie sprach sehr schnell . Der Legationsrath kniff sich ängstlich in die Lippen , als sie Schiller ' sche Verse recitirte , von der Tugend , die kein leerer Wahn , von der Welt , die das Strahlende zu schwärzen liebe , aber die edlen Herzen schlügen überall , auch im Hause des Verderbens . O wie würde sich ihr herrlicher Lehrer freuen , welch ein Triumph für ihn , daß sein Wort in Erfüllung gehe : nur durch die Leiden , die großen Leiden , entwickele sich die Seele . Und wie erst würde ihr Vater sich freuen , wie sehne sie sich , ihm in die Arme zu sinken . Da , da ! - sie zeigte ans Fenster . Die Thürme auf dem Gensd ' armenmarkt glühten in der Abendsonne , in jener wunderbaren Pracht , wie sie ein kalter nordischer Abendhimmel zuweilen auf die Dächer und