duldete nicht immer täglich frische Blumen , sie wollte erst die alten sterben , vergehen sehen , todt und geknickt , wie der Erlöser . Sie war so sinnig , die liebe Frau in ihrer stillen Schwärmerei ! Und wenn wir auch durch ihren Tod hier Alle , die wir sie umgaben , wie von einem schweren Traume befreit sind , der unsere Sinne gefangen nahm und uns zu sehr , zu sehr von der üblichen Ordnung des Lebens abzog , so ist ihr doch nur das Lob der edelsten Eigenschaften nachzusagen , und wenn ich wagen könnte , durch Ew . Excellenz Mund zu unserer zartfühlenden Landesmutter zu sprechen , so würd ' ich bitten : Lassen Sie diese sinnige Einrichtung beieinander ! Stellen Sie diese Schränke , diese Tische , Stühle mit den vielen Andenken der Liebe , den gestickten , von frommwirkenden Vereinen ihr gewidmeten Kissen , den eingerahmten Blumenstücken , den gußeisernen , bronzenen , elfenbeinernen kleinen Nippsachen , die treffend gewählte Bibliothek und besonders die werthvollen Bilder , die das Beste in Stichen wiedergeben , was Overbeck , Wach , Veit geleistet haben , der Gemälde nicht zu gedenken , von denen einige Originale sind und keinen vorübergehenden Werth ansprechen dürfen , stellen Sie alles Das in irgend einem Landsitze des erhabenen Königspaares auf ! Man bewahrt auf diese Art ein Gemeinschaftliches , das mir vorkommt wie ein wandelbarer , fernwirkender , geheimnißreicher , elektrischer Leiter . Aus der Liebe geboren , weckt es Liebe . Ich bin gewiß , Niemand wird diese drei Zimmer der Fürstin , selbst wenn sie , wie weiland die heilige Krippe von Bethlehem nach Loretto , anderswohin übersiedelt würden , ohne innerlichste , tiefste Anregung betreten und von dem Odem unergriffen bleiben , der früher in ihnen wehte . So sprach Guido Stromer , den wir bei dieser Gelegenheit schon vollständiger kennen lernen . Als er diese Worte , die fast eine Rede waren , geendet hatte , blickten natürlich Aller Augen zum Intendanten und erwarteten von ihm eine Erwiderung . Guido Stromer hatte einen Wunsch vom Herzen geschüttet , der etwas Feierliches hatte . Der Geheimrath repräsentirte in dem Augenblicke . Die Einzige jedoch , die den gewaltigen Widerspruch einer so beredt vorgetragenen geistvollen Bitte und eines so unglaublich beschränkten Kopfes , wie Henning von Harder , sogleich ganz übersah und nachfühlte , war vielleicht nur Melanie ' s Mutter . Melanie hatte für lange Perorationen überhaupt keinen Sinn . Hannchen Schlurck aber , die Mutter , überdachte in ihrer üblichen trockenen Weise diese Situation ganz kurz und sprach ihr Resultat leise zur Frau von Reichmeyer , die in ihrer Nähe saß , mit den Worten aus : Was nutzt der Kuh Muskate ! Herr von Harder schwieg nämlich ganz und nickte nur , statt aller Antwort . Er nannte sonst , von seiner Gattin unbelauscht , Äußerungen , wie sie der Pfarrer hier vorgetragen hatte , » schwülstig « und verwies auch ihre Beantwortung meist an seine Frau , die ein Organ dafür hatte . Er belächelte Alles , was ihm zu schwunghaft auftrat . Wußte er doch von seiner Gattin , wie künstlich oft die Schwingen erst angebunden werden müssen , mit denen die großen Geister vorgeben , natürlich zu fliegen ... Melanie übernahm es daher , das Gespräch fortzuführen . Ich wäre gerade im Gegentheil dafür , sagte sie , daß eine so werthvolle Einrichtung ganz getheilt und überallhin zerstreut würde . Gehet hin in alle Welt und lehrt und prediget ! Das kann man auch diesen kleinen Herrlichkeiten der frommen Fürstin zurufen . Da kommt ein Briefbeschwerer Dem wieder vor Augen , dessen Briefe oft darunterlagen , eine kleine Stickerei Dem , der dazu Subscriptionen sammelte , und wenn sich dann in Allem , wie Sie versichern , Herr Pfarrer , jenes gewisse Parfüm , der schöne Duft der Liebe und Andacht wiederfindet , so wirkt Das sogar noch Wunder . Es macht Proselyten , bekehrt Heiden . Es gewinnt , ohne daß ein starres Herz es ahnt , wie ich immer , wenn ich bei der unglücklichen Anna von Harder in Tempelheide die Windharfe im Parke flüstern und klagen höre , von Gefühlen bewegt bin , die ich selbst nicht habe , mir aber aus Andern herausdenke . Man fand auch diese Auffassung charmant . Der Geheimrath lächelte wieder und dachte bei sich , wozu diese Reden alle ! Ich halte mich an den Buchstaben meiner Instruction ! Was kann ich von meiner sentimentalen Schwägerin Anna und ihrer Windharfe im Dienste meines Monarchen brauchen ? Stromer aber drohte der Sprecherin mit dem Finger und mit blitzenden exaltirten Augen . Zu weltlich ! zu weltlich ! sagte er . Aber Sie mögen in Ihrem Sinn Recht haben ! Ich wollte nur in dem meiner verstorbenen Gönnerin mich aussprechen . Wenn man so viele Beweise der Huld empfing , wie die Fürstin mir zutheilwerden ließ , so ist man verpflichtet , das Gedächtniß der Spenderin in ihrem Geiste aufrechtzuerhalten . Ach ! Ich fühle wohl , wie mit den Menschen auch die Gedanken sterben , die sie zu verwirklichen schienen . Ich bin jetzt über zwölf Jahre in diesem Orte und habe zehn Jahre lang täglich mindestens einige Stunden hier oben zugebracht . Die Fürstin war von einer bewundernswürdigen Offenheit und fand eigentlich eine Art von Genugthuung darin , sieh durch Aufrichtigkeit zu demüthigen . Sie gestand jede Unwissenheit ein . Sie hatte , ich darf es so nennen , ein katholisches Princip , das ich natürlich nicht ganz billigte . War sie von irgend einem Gegenstande lebhaft erfreut , so schenkte sie ihn sogleich weg . Sie wollte ihr Herz an nichts hängen , außer an die Betrachtung des Ewigen . So gern hätte sie die allgemeine Beichte unserer Kirche in eine Ohrenbeichte verwandelt und sich über jeden Fehler umständlich und unter Thränen ausgesprochen . Denn erst dadurch , sagte sie oft , kommt mir die Erleichterung von dem Druck , daß ein Anderer ganz weiß , was ich that . Was sind Sünden , die man nicht bekennt ! Sie schrieb viel , zerriß es wieder , ließ aber auch Manches stehen . Ich warnte sie oft vor der Gefahr , die mit dem Buchstaben verbunden ist , aber es erleichterte sie , sich schriftlich auszusprechen . Einige solcher Betrachtungen hab ' ich ja als Manuscript für Freunde später drucken lassen . Sie gefielen natürlich nur da , wo man die rechte Stimmung mitbrachte . Jetzt freilich würd ' ich mich weniger so ganz darin verlieren , da die persönliche Beziehung fehlt und nur für das Persönliche sprech ' ich ja . Melanie ' s Mutter , um der drückenden und allzu persönlichen Vortragsweise Stromer ' s einen Damm zu setzen , sagte mit angenehmem Lächeln offen und ehrlich : Ja , ja , Herr Pfarrer , tragen Sie nur jetzt den Kopf ein bischen mehr nach oben und lassen Sie die alten Zeiten ruhen ! Es sind nun Leute in dies Schloß gekommen , böse , böse Leute , die sich gern freuen , daß es in der Welt hübsch munter und lustig hergeht . Wer nach uns einzieht , kann man freilich nicht wissen . Aber wer ' s auch sei , Herr Pfarrer , bleiben Sie nur jetzt bei unserm Glauben . Wollen Sie Das ? Immer ! Wissen Sie , es hält oben , und einmal lebt man nur . Das ist zwar Alles recht dumm geredet , aber gesund ist ' s , darauf verlassen Sie sich , und Ihre liebe Frau blinkt mir schon zu und meint : Justizräthin , da treffen Sie , was ich seit zwölf Jahren dachte . Nicht wahr ? Alles lachte über dieses derbe , ehrliche Votum . Melanie sprang auf , die Mutter zu umarmen . Du bist köstlich , Mama ! sagte sie ; ja baue du die Brücke , auf der der Herr Pfarrer wieder ins Leben zurückkehrt . Ein so junger liebenswürdiger Mann ! Ich sage Das , Frau Pfarrerin , Ihnen zum Trotz ! Ich sollte nur hier wohnen und eine Zeitlang die Fürstin von Hohenberg spielen dürfen ! Wie wollt ' ich die Fenster aufreißen und Luft hereinlassen ! Wie wollt ' ich in die Hütten gehen , wo früher für die Heiden gesponnen und genäht wurde , und die Leute lehren , auch noch an viel schlimmern Menschen Geld zu verdienen ! Und dann käme Excellenz und zauberten uns hier einen seiner schönen Gärten wie in Buchau oder Solitude , wo die herrlichen Fontainen springen , die Wasserfälle rauschen und die Schwäne auf den Teichen schwimmen ... Eines Inspectors Mangold , der des Geheimraths rechte Hand war und nach englischen Studien alle diese Verschönerungen angegeben und lenkte , wurde dabei natürlich nicht gedacht ... Habe zwei neue Schwäne kommen lassen - sagte der Intendant - aus Island - diplomatische Vermittelung mit Dänemark - seltene Race - sehr elegante Thiere - allerliebst ! Ich kenne sie ja , sagte Melanie . Im Atelier des Professors Berg wurden sie copirt zu einem reizenden Ledabilde , das Heinrichson entwirft ... Heinrichson - ganz recht ! fiel der Intendant ein . Meine Frau protegirt Heinrichson und hat mich veranlaßt , ihm die beiden isländischen Schwäne aus Island kommen zu lassen , wollt ' ich sagen , zu versprechen , ... ... daß sie ... ich meine , daß sie ihm aus dem königlichen Ankauf geliehen wurden ... Das mehrfache Versprechen war für Diejenigen komisch , die da wußten , daß Frau Geheimräthin von Harder für den schönen und eleganten Maler Heinrichson wol noch größere Opfer gebracht hätte , als nur eine Veranlassung , daß zwei schöne wilde Schwäne ... vom König für ihre Privatinteressen angekauft wurden ... Lasally kannte dies Verhältniß und wollte sich einige spottende Bemerkungen darüber erlauben . Doch unterbrach ihn Melanie : Heinrichson war von dieser Aufmerksamkeit so gerührt , daß er auch der Freundin der Geheimräthin , Frau von Trompetta , versprochen hat , ein Blatt für ihr Gethsemane zu malen . Bitte , sagte der Geheimrath scherzend , bitte Fräulein Melanie , nicht der Frau von Trompetta , sondern mir , mir direct hat er es versprochen . Ich hab ' ihm die beiden Schwäne , festgebunden natürlich , selbst gebracht , wie sie vom Schiff kamen und war dabei , als er sie zeichnete ... Sie waren schrecklich wild ... Ganz Recht , fuhr Melanie lachend fort , aber Frau von Trompetta stand doch während dem Acte hinter einer spanischen Wand - Ofenschirm , verbesserte der Geheimrath . Gut , Ofenschirm ... und gedeckt von diesem Sittlichkeitsfächer unterhandelte Frau von Trompetta mit Heinrichson über das Gethsemane und schrie entsetzlich über die bösen Schwäne und verwünschte die frivole Malerkunst und eine große hölzerne Puppe .... Melanie konnte vor Lachen nicht weiter . Ja , sagte der Geheimrath , ganz Recht ! Die große hölzerne Puppe sollte nämlich den Moment bezeichnen , wo die Lady von den Schwänen beängstigt wird . Die Puppe stellte die Lady vor - Die Leda , corrigirte Melanie - Leda , Excellenz ! Ganz Recht ! Die Puppe war die Lady und der Schwan , nicht wahr ? Der Schwan war eine verkleidete Gottheit .... Jupiter ! rief Melanie , während alle Die , die ein wenig Mythologie verstanden , sich auf die Lippen bissen und die Übrigen gespannt zuhorchten .... Ganz Recht , Jupiter ... in einem Travestissement ... es ist nur eine Maskerade ... und mein Franz hielt den einen isländischen Schwan so fest an den Flügeln , daß das wilde grimmige Thier furchtbar tobte und mit den Flügeln ausschlug .... Und Frau von Trompetta hinter dem Ofenschirme schrie - erzählte Melanie unter fortwährendem Lachen - schrie , als stäke sie am Spieß und rief : Excellenz , er beißt ! er beißt ! Er biß auch , sagte der Geheimrath . Bei Gott ! Er hat Franzen gebissen ... schickte deshalb in die Thierarzneischule ... ... beinahe hätte ja das wilde Thier die ganze hölzerne Lady in Grund und Boden zertreten .... Leda ! Leda ! Excellenz ; eine allerliebste Nymphe aus dem Alterthum - berichtigte Melanie . Enfin , schloß Baron von Harder , der sehr angenehm ins Feuer gerieth , enfin , Frau von Trompetta fiel über diese antike Scenerie in Ohnmacht , und meine Frau , die ja dabeistand , wußte nicht , womit wir sie anders trösten sollten , als .... Ich zeichnete im Nebenzimmer , unterbrach Melanie , und beobachtete den ganzen Vorfall . Die geistreiche Frau Geheimräthin schalt Frau von Trompetta in einem kaum unterdrückten Zornausbruch kindisch und sagte vor allen Malern : O , schämen Sie sich , Trompetta . Sie fürchten sich vor Schwänen und reden den ganzen Tag vom Schwanenorden ! Das sagte sie und fügte hinzu : Das ist nun da ein Schwan , ein echter isländischer ! Und nun machen Sie den Lärm ! Aber , bei aller Achtung vor der Geheimräthin von Harder , ich hielt diese Vorwürfe für ungerecht . Ich glaube , Frau von Trompetta fiel in Ohnmacht nicht über das Beißen der Thiere , sondern über das Sujet des Herrn Heinrichson , über die Puppe , über die Idee des Ganzen . Heinrichson zeichnete lachend und freute sich , je wilder und toller sich das abscheuliche Thier gebehrdete .... Die Schwäne machten Aufsehen , fuhr Herr von Harder fort . Man wollte sie sehen , alle Freundinnen meiner Frau wohnten den Wiederholungen der Action bei , und Frau von Trompetta ... denken Sie sich , Frau von Trompetta gewöhnte sich an das Schauspiel und hatte später selbst darum gebeten , noch einmal dabei sein zu können , falls sie von der Estrade in dem Atelier aus zusehen dürfte . Aber wie gesagt , das erste mal , aus Furcht , gebissen zu werden , fiel sie in Ohnmacht , sodaß meine Frau nichts Anderes wußte , sie wieder ins Leben zurückzurufen , als daß Heinrichson - ein berühmter Maler , sehr ausgezeichneter Künstler und Weltmann - versprach , meiner Frau zu Gefallen und aus Dank für die königlichen Schwäne ihr nun auch ein schönes Blatt für das Gethsemane zu machen . Ah ! sagte man allgemein , von der Anekdote vortrefflich unterhalten . Alle lachten , selbst Frau Pfannenstiel . Nur Einem schien dieses Durcheinander von Lachen , Erzählen und Fragen im höchsten Grad unheimlich , dem Pfarrer Guido Stromer . Die Ausdrücke : Maler , Schwan , Schwanenorden , Leda , Solitude , Gethsemane - gingen so bunt an seinem Ohr übereinander weg , daß ihm schwindelte . Aber die heilige Entrüstung , die er sonst bei einer Erzählung würde gefühlt haben , die so ganz und gar nicht in die alten Erinnerungen dieser Räume paßte , überkam ihn zu seinem eigenen Staunen nicht mehr . Zu lachen vermochte er freilich nicht . Fehlten ihm doch die Verbindungsfäden näherer Bekanntschaft mit den Personen und die genauern Details . Aber es war da Etwas in ihm von eigenthümlichen Jugenderinnerungen , die ihn ergriffen und ihn wonnig überrieselten . Er gedachte , so im Stillen grübelnd , der Zeiten , wo er noch in akademischen Jahren den Trieb hatte , bei einem berühmten Archäologen Kunstgeschichte zu hören , wo er noch mit aufmerksamer , herzinniger Betrachtung durch die Säle einer Kunstausstellung schreiten und marmorne Gestalten mit Professor Tholuck , den er in Halle später hörte , noch nicht Götzenbilder nannte ! Er strich sich nachdenkend über die Augen , er , der außer Melanie der Einzige war , der etwas Genaueres von der Mythe der Leda , die die Unwissenheit des Intendanten mit einer Lady verwechselt hatte , verstand und diese Mythe zu deuten wußte . Als nach dem Lachen eine Pause eingetreten war und Alles nun zu ihm , dem heiligen schweigenden Manne , mit einer gewissen Befangenheit hinblickte , sagte er mit sehr leiser Stimme : Ich wollte mir nur die einfache Frage erlauben , was es mit dem vorhin mehrerwähnten Gethsemane der Frau von Trompetta für eine Bewandtniß hat ? Melanie erklärte es ihm , indem sie noch einige Entdeckungen über die Art , wie Frau von Trompetta ihr Album zu sammeln und einer gewissen geräuschvollen Wohlthätigkeit zu widmen verstand , zu erzählen wußte . So ! so ! war Stromer ' s ganze Antwort . Er versank in ein stilles Nachdenken und spann Betrachtungen für sich aus , die ihn auch auf die große Ähnlichkeit führten , die zwischen einer von ihm einst bewunderten Leda der dresdener Galerie und der reizenden Melanie bestand . Er blickte nieder , brütend , abwesend und nur unheimlich schoß sein Auge zuweilen einen Blick empor , der forschend über die Versammlung glitt . Er überdachte einen andern Entwickelungsweg , den er hätte zurücklegen können , wenn die hohe Frau , die ihn an den Pietismus , an sein einfaches Weib , an seine fünf Kinder und diese Dorfpfarre fesselte , nicht eine Fürstin gewesen wäre .... Nachdem sich , wie immer , wenn ein Gegenstand erschöpft ist , um den Theetisch eine gewisse Stille eingestellt hatte und Henning von Harder noch in dem Gefühl , durch interessante Entdeckungen eine ganze , wenn auch seiner nicht würdige Gesellschaft angeregt zu haben , sich wiegte , versuchte nun auch der Commerzienrath von Reichmeyer sich geltendzumachen . Er stellte seine Theetasse auf den runden Tisch , auf dem inzwischen schon die große Lampe aufgetragen wurde , räusperte sich und bemerkte : Soeben las ich in der Zeitung die Ankunft des Prinzen Egon von Paris . Wer kennt den Prinzen Egon ? fragte Melanie mit einiger Lebhaftigkeit , ohne jedoch aufzuhören , sich in einem Fauteuil lang auszustrecken und dabei sorglos und fast abgespannt mit einem Fächer von Maraboutfedern zu spielen . Als Alles schwieg , richtete sie ihren Blick auf den Intendanten und sagte : Sie vielleicht , Excellenz ? Ich habe nicht die Ehre , Se . Durchlaucht zu kennen , bemerkte Herr von Harder . Commerzienrath von Reichmeyer theilte daher mit , was er wußte . Der Prinz , sagte er , kann jetzt etwas über sechsund-zwanzig Jahre alt sein . Er wurde von seinem zwölften Jahre in Genf erzogen , kam achtzehn Jahre alt nach Deutschland zurück , um jedoch sogleich die Universitäten von Bonn und Heidelberg zu besuchen . Er versuchte dann ein Jahr in der Nähe seiner Familie zu leben , war aber so wenig mit den Maximen seines Herrn Vaters in Einklang zu bringen , daß er Deutschland wieder verließ , nach der Schweiz zurückkehrte und auf Reisen theils in Frankreich , theils in England zubrachte . Eben im Begriff nach Nordamerika sich einzuschiffen , traf ihn die Kunde vom Tode des Generalfeldmarschalls . Mit der bestimmten Erklärung , sich den Antritt seines überschuldeten Vermögens noch vorzubehalten , einer Erklärung , die er an die Curatoren der Masse vorausschickte , ist er nun zurückgekehrt ; indessen hoffen wir Alle , daß er sich von diesem Entschlusse abbringen läßt und durch weise Sparsamkeit von den Besitzungen , die einmal seinen Namen tragen , soviel rettet , als noch zu retten ist . Melanie nannte Das geschäftliche Äußerlichkeiten . Sie wollte Anderes von dem Prinzen Egon hören . Wie sein Äußeres wäre , sein Wuchs , die Farbe seiner Haare , sein Wesen und Benehmen .... Nach Allem , was man hier und da von dem Prinzen erfahren hat , sagte sie mit trockenem ironischem Humor , muß man wol darauf rechnen , in ihm eine große Ähnlichkeit mit Sr. Excellenz zu finden . Diese Bemerkung fiel natürlich allgemein auf . Wie so ? In der That ? Mit Excellenz ? Da wir nicht hoffen können , fuhr der Schalk fort , daß der Prinz mit meinem guten Vater , den er zu hassen scheint , weil er sein Herz nicht kennt , verkehrt , so bleibt uns nichts übrig als uns an Diejenigen zu halten , die ihm ähnlich sehen . Man rühmte mir schon oft den eleganten Fuß und die kleine weiße Hand des Fürsten .... Über diese Spitzbüberei brummte die Mutter etwas erschrocken vor sich hin und Alle fühlten , daß Melanie die Gesellschaft auf Kosten eines Mannes , der den Spott nicht merkte , unterhalten wollte . Harder erröthete , er wurde unruhig . Er rückte mit dem Stuhl und schien plötzlich sprachunfähig . Auch Eugen Lasally erschrak . Er schien an Melanie ' s Komödienstreichen keinen Gefallen zu finden und drückte Dies genugsam durch die Schärfe des Tones aus , mit dem er das Wort ergriff und sagte : Prinz Egon gilt unter den Leuten , die ihn kennen , für einen halben Gelehrten . Manche seiner Universitätsfreunde nennen ihn überstudirt . Er soll erst die Rechte getrieben haben , jetzt aber ein Narr sein . Man sagt , er hat drei Handwerke , Tischler , Schlosser und noch eins gelernt , ich weiß nicht , Horndrechsler , Friseur , Kammmacher oder welches andre solide Metier ! Während jetzt besonders Herr und Frau von Zeisel über diese Äußerung eines kecken jungen Fremdlings erschraken , bestand Melanie sogleich darauf , diese dritte Profession müßte die Kammacherei sein .... Das Haar ist die schönste Zierde des Menschen , rief sie . Ob ein Haar sich gefällig lockt oder schlicht am Scheitel fällt , ob es die Stirn bedeckt oder ihre Fläche frei erglänzen läßt , immer ist es der lebendigste Sprecher für den Charakter , der in dem Kopf unter ihm schlummert . Kammmacher , nicht wahr , Excellenz ? Herrn von Harder war diese Bemerkung allein gewidmet . Sie galt seinem Haar . Aber , im Hause des Gehenkten ist nicht gut von Stricken reden . Der Blick auf seine pariser Bagno-Perrücke , die Franz , sein Bedienter , wie das natürlichste Haar zu kräuseln verstand , erschreckte ihn doch . Es war ihm daher nur erwünscht , daß man vom Scherz auf Ernstes zurücklenkte .... Wir lachen , sagte der innerlich etwas entrüstete Justizdirector von Zeisel mit beklommener Stimme , wir lachen über die wunderlichen Sagen , die man sich von Sr. Durchlaucht , meinem gnädigsten Prinzen Egon erzählt . Soviel steht allerdings fest , daß Prinz Egon ein ... ein ... ein sehr unglücklicher junger Mann ist . Denn ... erlauben Sie die Bemerkung ... denn denken Sie sich eine Jugend , die allerdings nicht behaglicher , angenehmer sein konnte , als noch die reichen Mittel des Vaters , ich sage , als diese noch ... noch beisammen waren . Aber schon im genfer Pensionat muß er gefühlt haben , wieviel ... sozusagen ... wieviel Störungen in dem Hauswesen seiner Ältern eintraten . Als er , es war gerade Winter und die Fürstin in der Residenz , von Genf zurückkam ... entdeckte er ohne Zweifel die gewaltige , wie soll ich ' s nennen ? allerdings ... die Zerrüttung des schon lange gestörten ... oder ist Das zuviel gesagt ? ... nein ! allerdings - des gestörten häuslichen Friedens zwischen den beiden hohen Personen . Wir sahen ihn hier gar nicht . Er bezog sogleich im nächsten Frühjahr die Universität . Nach seinen akademischen Studien lebte er mit seiner Mutter einige Wochen auf den Gütern der Familie , über die sie damals noch ... hm ! hm ! ... ja noch ! ... im obern Gebirge frei ... ja allerdings - frei zu schalten hatte . Dann ist er , wie ganz richtig erzählt wurde , sozusagen verschollen , und was man von ihm erfuhr , war in der That ein wunderbares Durcheinander der seltsamsten Dinge , die er , wie man erzählt - hm ! hm ! treiben , wenn man diesen Ausdruck brauchen darf - treiben soll und unter Anderm allerdings auch die Nachricht über seinen Entschluß , sich ... wie soll ich ' s nur nennen ? ja allerdings ... sozusagen , sich mechanische Fertigkeiten anzueignen . Und niemals war er in Hohenberg ? fragte man , nach dieser höchst discreten Rede eines taktvollen und feinfühlenden Beamten , allgemein erstaunt und sah dabei auf Guido Stromer , der noch immer abwesend und wie in Träumen verloren schien . Herr Pfarrer ! Herr Pfarrer ! hieß es , wo waren Sie ? Ei ! ich wette , sagte Melanie , Sie sind noch immer bei der Scene mit dem Maler Heinrichson . Ja ! Ja ! Sie überlegten , wieviel Genuß Ihrer verstorbenen Freundin , der Frau Fürstin , die Bekanntschaft mit dem Album der Frau von Trompetta verschafft haben würde . Guido Stromer war allerdings noch bei jener Scene , aber im völlig andern Sinne . Dennoch sammelte er sich und sagte : Ich leugne nicht , daß ich das Vertrauen der Fürstin in seltenem Grade besaß , und überlegte bei mir im Stillen , wie sie wol eine so erpreßte Wohlthätigkeit , von der Fräulein Melanie erzählte , beurtheilt haben würde . In ihrem Geiste sagte ich mir : Wenn der Künstler soll mit Gewalt gezwungen werden , in das Gethsemane einen Beitrag zu stiften , so ist ja in der That dieses Album recht ein Thränengarten , wie der Name bedeutet , und Judas der Verräther lauert ja mit dem falschen Kuß der Liebe an seinem Eingang . Frau von Trompetta gleicht da dem heiligen Crispinus , der den Reichen das Leder stahl , um den Armen daraus Schuhe zu machen . Nimmermehr würde die selige Fürstin eine solche Unternehmung , etwa durch Übernahme von Loosen , unterstützt haben . Denn es liegt doch wol kein Segen in Dem , was nicht aus reiner Quelle fließt .... Nun , Herr Pfarrer , meinte Herr von Reichmeyer , der erst seit seinem letzten Knaben Christ war , wenn das Album mit zweihundert Louisdors verkauft wird und der Betrag , ich will einmal sagen , an das Waisenhaus käme , um den Kindern daraus warme Jacken anzuschaffen ; die Jacken halten ebenso warm , ob nun das Album zusammengebetet oder zusammengebettelt wurde . Stromer horchte auf und betrachtete den witzigen Sprecher mit ernster Miene . Und gleichsam als würdigte er ihn keiner Antwort , wich er der weitern Debatte mit den leisen Worten aus : Irr ' ich nicht , so hört ' ich vorhin den Namen des Prinzen Egon erwähnen ? Melanie , die eine unbehagliche Stimmung in der Gesellschaft nicht wollte aufkommen lassen , bestätigte diese Bemerkung . Allerdings ! sagte sie . Er ist ganz frisch von Paris angekommen . Kennen Sie ihn , Herr Pfarrer ? Geistig sehr wohl , sagte Stromer . Gesehen hab ' ich ihn niemals . Er war auch zu Ihrer Zeit nicht in Hohenberg ? bemerkte Herr von Zeisel und fügte bei : Seit meinem Amtswirken wenigstens ist er abwesend . Doch ! doch ! lieber Herr Justizdirector , erzählte Stromer ; Prinz Egon lebte bis in sein vierzehntes Jahr größtentheils hier in Hohenberg . Mein Amtsvorgänger war damals sein Erzieher . Später verbrachte er , nach vollendeten Universitätsstudien einmal acht Tage hier - acht Tage - wo Sie eine Inspectionsreise machten und ich , entsinnst du dich , Linchen , lag ja wol krank ? Linchen , seine Frau , nickte . Sie war so schüchtern , kaum ein leises Ja ! zu flüstern . Als ich wieder vom Krankenlager erstand , fuhr Stromer fort , erzählte mir die Fürstin , wie wenig sie sich mit ihrem Sohne verständigen könne . Beide Gemüther , in so vielen Dingen nahe verwandt , trennten sich gerade in den wichtigsten Lebensfragen . Sie liebte den Prinzen , ihr einziges Kind , mit einer Leidenschaft , deren Ausbrüche mich oft in Angst versetzten . Nie konnte sie seiner ohne Thränen gedenken . Wenn sie einen Brief von ihm empfing , klopfte ihr das Herz mit hörbaren Schlägen . Sie schluchzte , indem sie ihn las , und gestand mir , daß sie sich durch dies Kind oft unglücklicher fühle , als selbst ein Mutterherz tragen könne . Rudhart , mein Amtsvorgänger , hatte dem Prinzen die ersten Grundlagen seiner Bildung gegeben . Es war Dies ein strenger , unfreundlicher Mann , der in der Religion nur eine gegenseitige Übereinkunft der Menschen sah , sich nicht zu morden und zu bestehlen . Diese Übereinkunft war ihm durch den Lauf der Zeiten so oder so verbrämt , bunt und willkürlich ausgeschmückt , sodaß er Christenthum und Islam ineinanderwarf , wenn nur der äußerste Zweck einer gewissen moralischen Haltung und Erziehung durch diese Religionsformen erzielt wurde . Als dieser Seelsorger , ein sonst sehr achtbarer Mann , unserer Gemeinde entsagte und zu einer deutsch-russischen Familie in Liefland zog - er scheint jetzt verschollen - , war mit der Fürstin schon längere Zeit jene Veränderung vorsichgegangen , die sie bestimmte , nicht nur einen Geistlichen der jüngern und neuern Richtung zu wählen , sondern auch ihren Sohn vorzugsweise nach Genf zu schicken in die Anstalt des Professors Monnard , wo sie gewiß sein durfte , ihn nach ihren Principien erzogen zu sehen . Solange Prinz Egon in diesem Institut verweilte , erhielt die Mutter von ihm zwar etwas kalte , aber doch in religiöser Hinsicht beruhigende Briefe . Man konnte oft zweifeln , ob diese Briefe der reine Erguß seines Innern oder nur Schulübungen waren . O Gott , rief sie einst aus , wenn diese Briefe von den Lehrern erst deshalb gelesen würden , um auch ihren Geist so zu corrigiren wie die Sprachfehler ! Wenn Egon nur aus Furcht , seinen Lehrern zu misfallen , so schriebe , wie ich wünschte , daß es ihm aus innerster Seele käme ! Als ich sie dann , die treffliche Frau , damit zu beruhigen suchte , wie ja Allem , was dereinst uns innerlich und ureigen werden solle , doch wol erst etwas Äußerliches und anderswoher Entlehntes vorangehen müsse , antwortete sie : Wie aber , wenn dies ungern Aufgenommene in Egon ' s Seele nicht haften bliebe , sich nicht in sein eigenstes Blut verwandelte und von seinem eigenen Bedürfniß