- Was soll ich da thun ? - sagte zweifelhaft der Capitain . - Welche Frage ? Dem gehorchen , was man Euch befohlen hat . Doch einen Rath als Freund will ich Euch geben . Bewahrt beide Dokumente sorgfältig ! Es könnte eine Zeit kommen , wo man die Verantwortlichkeit für die insgeheim angeordneten Maßregeln auf Euch wälzen möchte . Ihr könntet dann die Papiere nöthig haben zu Eurer Rechtfertigung . - Ihr habt wieder recht , Chevalier - erwiederte der Capitain , ihm die Hand schüttelnd . - Ich werde Euch dankbar sein . - Es ist gut ! - sagte jener kalt . - Ich glaube , wir haben für heute unser Geschäft beendet . Nicht wahr , ich werde nicht in einer Hängematte schlafen müssen ? - Ich bitt ' Euch , schweigt davon ! Es war eine Dummheit von mir . Wann sehe ich Euch wieder ? - Das weiß ich nicht . Sollte ich Euch sprechen müssen , so werdet Ihr hier um diese Zeit ein kleines Licht bemerken . Setzt Euch dann in Euer Boot und kommt herüber . - Vortrefflich . Nun gehabt Euch wohl ! - - - Holla , Bursche ! - rief er nach dem Ufer hinunter . - Macht Euch fertig . Nach einem kräftigen Händedruck stieg er den Hügel hinab . Der Chevalier blieb mit gekreuzten Armen an dem Steine stehen und lauschte den Ruderschlägen des sich entfernenden Bootes . Als sie verklungen waren , zog er seine Blouse fester zusammen und stieg ebenfalls herab , nach der Landseite sich wendend . Bald war er im Schatten der Nacht verschwunden . Als seine Schritte verhallt waren , bewegte sich das Gebüsch hinter dem Steine und ein menschlicher Kopf zeigte sich . Sie sind fort ! - sagte eine weiche Stimme . Bald darauf trat ein noch ganz junger Mann in der grünen Uniform eines Berliner Freischärlers heraus . - Hallunken Ihr ! - sagte er , drohend die kleine Faust erhebend - ich werde Euer Teufelsgebräu Euch versalzen . Traurig ließ er den Kopf sinken und setzte sich hart an das Meer . - Also auch dies Blut soll umsonst geflossen sein ? - sagte er vor sich hin . Es war wiederum nur ein Wahn , der uns hieher trieb , für die Größe , Einheit und Freiheit Deutschlands in den Kampf und Tod zu gehen . Fluch über die Erbärmlichen , die am grünen Tische durch meineidigen Verrath die Fesseln an einander schmieden , mit denen sie auf ' s Neue die deutschen Stämme in Banden schlagen wollen ! Doppelten Fluch aber über die Verräther in der Paulskirche , die das Volk hingesandt , sein Recht gegen die Ränke der Fürsten zu vertheidigen , und die nun ruhig zusehen , wie man dies Recht mit Füßen tritt und die Sehnsucht Deutschlands nach Freiheit verhöhnt . O Felix ! Felix ! Auch Du bist einer der Verräther ! Aber die Rache des Volkes wird Euch Alle ereilen . Er erhob sich . Sein Fuß stieß an einen Gegenstand . Er bückte sich . Es war das Fernrohr des Chevalier . - Das soll mir eine Erinnerung an diese Stunde sein - sagte er , es einsteckend . Da nahten auf ' s Neue Tritte . Es war der Chevalier , der sein Fernrohr vermißte und zurückgekehrt war , es zu suchen . - He , was ist das ? ! - - Dieser Ausruf galt dem jungen Manne , welcher plötzlich vor dem vor Schreck Erstarrten stand . Doch nur einige Sekunden dauerte der Eindruck , dann hatte der Chevalier sich gefaßt . Mit der linken Hand griff er rasch nach der Brust des Knaben , während die Rechte in dem Brustlatz seiner Blouse etwas zu suchen schien . - Wer bist Du ? - Was suchst Du hier ? - donnerte er den Knaben an , welcher von seinem Zorn durchaus nicht bewegt schien , sondern ruhig stehen blieb . - Ich suchte und fand einen Verräther am Vaterlande - erwiederte Jener kalt . Beim ersten Laute schon war der Chevalier einige Schritte zurückgetreten . - Alice ! - sagte er mit zitternder Stimme . - Elender Meineidiger ! - fragte mit dem Tone schmerzlicher Verachtung das bleiche Weib - hast Du auch wohl überlegt , was Du beginnst ? Wird Deine feige Seele den Gedanken , ein Herostrat an dem Freiheitstempel Deutschlands gewesen zu sein , ertragen ? - Du hast also gelauscht ? - Alice ! - Gilbert , ich habe Dich gepflegt , als Du zum Tode verwundet , Deinem Ende entgegensahst ; als Alle , auch der Fürst , Dich verlassen hatten . - - Gedenkst Du des Schwures , den Du mir geleistet , als Du , durch meine Hand genesen , vom Krankenlager erstandest ? Gilbert schwieg . - Wirst Du auch diesen Eid brechen ? Antworte ! - Ich werde ihn halten - erwiederte er düster . - Das Wort hat Dir Dein guter Engel eingegeben - sagte sie mit unveränderlicher Ruhe . Jetzt antworte mir : Weiß der Fürst Lichninsky um diesen Cabinetsstreich ? - Ich bin sein Bevollmächtigter . Wir haben hierin gleiches Interesse . - Wie ? Der alte Löwe und der feige Schakal : Beide morden ihre Opfer , um sich zu sättigen . Wann wird der Waffenstillstand ratificirt werden ? - Noch in diesem Monat . - Wer ist von Seiten Preußens mit der Ratification beauftragt ? - Der General von Below . - Und von Dänemark ? - Herr von Reetz . - Der General von W. ist natürlich eingeweiht ? - Er hält sich vorläufig neutral , doch wird es sich morgen entscheiden . - So muß ich eilen ! - sagte Alice zu sich selbst und setzte dann laut hinzu : Es ist gut , Du kannst gehen . Ohne ein Wort zu erwiedern , schritt Gilbert den Hügel hinab . Alice eilte ins Gebüsch zurück und bestieg ein Boot , das tief in einer vom Meere ausgespülten kleinen Bucht verborgen war . Ein Mann , der der Länge nach im Boote ausgestreckt lag , erhob sich bei der Ankunft Alicens und nahm die Ruder zur Hand . - Du bist lange geblieben - sagte er , mit einem kräftigen Stoß das gebrechliche Fahrzeug in das Meer hineinschleudernd , so daß die Wellen hoch aufspritzten . - Ich war bange um Dich . Hättest Du mir nicht ausdrücklich verboten , Dir zu folgen , so hätte ich Dich aufgesucht . - Guter Ralph ! - sagte Alice mit Wehmuth - nicht wahr , Du verräthst weder mich noch das Vaterland ? ! Ralph sah sie erstaunt an . - Weißt Du , mit wem ich ein Rendezvous gehabt ? - Wie soll ich ' s wissen ! - Mit Gilbert . Das Ruder entsank seiner Hand , als er diesen Namen hörte . - Und Du hast ihm nicht den Dolch ins Herz gestoßen ? - Pfui , wer wird gleich so unhöflich sein ! - Du hast recht - sagte lachend Ralph - wer Pech angreift , besudelt sich . Wohin fahren wir ? - Nach dem Schlosse . - - - Ich muß Herrn von W. noch eine Visite machen . - Es ist ja nahe an Mitternacht ! - bemerkte Jener . Alice beantwortete diese Worte nicht . Sie war in tiefes Sinnen versunken . Nach einer kurzen Zeit landete das Boot . Alice stieg aus . - Erwarte mich , Ralph - sagte sie , den Weg nach dem Schlosse einschlagend . Ralph streckte sich wieder in seinem Boote aus und starrte , von der lauen Sommernacht angefächelt , zu dem blauen Sternenhimmel hinauf . Das Schloß des Kammerherrn von Stehmann , der durch die wiederholten Brandschatzungen der Dänen zu einem eifrigen Verfechter der Schleswigschen Unabhängigkeit geworden , war , theils um den edlen Kammerherrn gegen dänische Ueberfälle zu schützen , theils weil in diesem Augenblicke der General von Wrangel darin sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte , in eine kleine Festung verwandelt worden . Die dem Meere zugekehrte Seite war zwar offen , indeß mit einer starken Wache versehen , die andern drei Seiten waren durch hohe Wälle ziemlich geschützt . Außerdem standen vor dem Hauptthor des Schlosses zwei Zwölfpfünder . Alice wurde auf ihr Verlangen , den General zu sprechen , sogleich durch einen der wachhabenden Soldaten in das Schloß geführt und dem General gemeldet . Obgleich es schon spät war , so wurde sie dennoch vorgelassen . Der General saß an einem mit Papieren und Karten bedeckten Tisch . Sein runzliches , gelbes Gesicht mit dem kurzen , borstenartigen Schnurrbart , wie ihn die Militairs aus den » Freiheitskriegen « zu tragen pflegen , seine halbgeschlossenen Augen und das graue , kurze Haar bildeten ein Ensemble , das den lebendigen Typus eines » preußischen gedienten Soldaten « darstellte , in diesem Augenblicke aber der eintretenden Alice trotz ihrer ernsten Stimmung ein Lächeln abnöthigte , da der General die Folie , auf welcher das Bild erst seinen eigentlichen Charakter erhält , nämlich die preußische Uniform abgelegt hatte und wegen der großen Hitze in einem Leinwandrocke da saß . Alice war dem General nicht unbekannt . - - General ! - begann sie , ihren Chef militairisch begrüßend - ich komme , Ihnen eine wichtige Nachricht mitzutheilen . Um 9 Uhr 35 Minuten Abends hat sich eine dänische Fregatte vor dem Apenrader Hafen gelegt . - Was Sie sagen ! - rief der General erstaunt aus . - Ihre Nachricht beruht auf keinem Irrthum ? - Sie können sich selbst davon überzeugen . Unten liegt mein Boot . Wenn ' s Ihnen beliebt , steuern wir hinaus , den Gast in der Nähe zu besehen . Der General erhob sich und ging einige Mal , die Hände auf den Rücken gelegt , das Zimmer auf und ab . Endlich blieb er vor Alicen stehen . - Sie sind zur glücklichen Stunde gekommen , liebe Tochter - sagte er . - Einige Minuten später und es wäre zu spät gewesen . - - - - Es ist sicher , man hat parlamentirt , um unter der Hand einen desto sichern Schlag auszuführen . Obgleich er die letzten Worte mehr im Selbstgespräch an sich selbst als an Alicen richtete , so glaubte diese dennoch darauf antworten zu müssen . - Ich glaube nicht , General - sagte sie . - Was glauben Sie nicht ? - fragte er rasch . - Daß der Däne den Hafen forciren wird . - Und woraus schließen Sie das ? - Der Capitain hat eine geheime Instruktion , die es ihm verbietet . - Eine geheime Instruktion , von der Sie Kenntniß haben ? - fragte er , ungläubig lächelnd . - So ist ' s , General . Sie glauben mir nicht , so will ich Ihnen den Beweis geben , daß ich gut unterrichtet bin . Man trifft Vorbereitungen zu einem Waffenstillstande , vielleicht zu einem Friedensschlusse ; Vorbereitungen , die bisher an Ihrem Widerstande gescheitert sind . Da hat man Sie auf die republikanischen Tendenzen hingewiesen , die sich in den unter Ihrem Oberbefehl stehenden Truppen kund gegeben und daraus die Nothwendigkeit abgeleitet , besonders die süddeutschen Truppen zu entlassen . Morgen hätten Sie sich entschieden , und zwar für den Waffenstillstand entschieden . Deshalb bin ich gekommen , um Ihnen zu sagen , daß das Ganze eine abgekartete Verrätherei ist , der sich als Werkzeug zu leihen für einen braven Soldaten keine Ehre sein kann . Das Erstaunen des Generals wuchs . - Der dänische Capitain hat deshalb ausdrücklichen Befehl , sich völlig passiv zu verhalten , um Sie nicht zum aktiven Widerstande gegen ihn und dem zufolge auch gegen den Waffenstillstand zu reizen . Ich meine , daß Sie keine Ursache haben werden , dies Alles für bloße Träumerei zu halten . - - Denken Sie daran , General , daß Sie in diesem Augenblicke die höchste militairische Ehrenstelle in Deutschland bekleiden , Sie das Oberkommando der deutschen Reichstruppen inne haben . Wollen Sie Deutschlands Ehre , Deutschlands Freiheit den separatistischen Gelüsten der Fürsten , die Sympathieen des ganzen Volks den absolutistischen Intriguen weniger Dutzend Diplomaten zum Opfer bringen ? - Ich bin eine Frau , General , aber ich würde eher mein Leben hingeben , als diese Verantwortlichkeit auf mich nehmen . - Mein Geschäft ist vollendet ; leben Sie wohl , General , und möge der Himmel Ihren Entschluß zum Segen des Volkes lenken . - Ich werde die heutige Nacht nicht vergessen - sagte der General , sichtlich bewegt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Auf dem Schloßhofe begegnete Alice Gilbert , welcher ebenfalls zum General eilte , dessen Geheimsekretair er war . - Ha - sagte er mit unterdrückter Wuth - Verrätherin ! Du meinst , ich habe die Langmuth eines Lammes , daß Du es wagst , mich zum Aeußersten zu reizen . Du warst beim General ? Alice würdigte ihn keines Blicks , sondern eilte dem Ausgange zu . - Du sollst mir Rede stehen ! Hast Du mich verrathen ? - Es steht Euch gut , Chevalier - sagte Alice mit schneidendem Hohne - Euch gegenüber von meiner Verrätherei zu reden . Indessen rathe ich Euch , Eurer Zunge nicht allzusehr den Zügel schießen zu lassen und Euer heißes Blut etwas abzukühlen . Meine Feldapotheke enthält vortreffliche Pillen , welche eine wunderbare Kraft der Beruhigung besitzen . Seht ! - diese kleine Phiole ist damit bis zum Rande gefüllt . Sie hielt ihm die Mündung eines niedlichen Terzerols entgegen . - Adieu ! Gilbert verharrte einen Augenblick in seiner Stellung , als sei er unschlüssig , ob er ihr folgen solle oder nicht . Dann wandte er sich kurz um und ging mit zögernden Schritten zum General hinauf . II Am andern Morgen gab sich in der Stadt Apenrade eine mehr als gewöhnliche Bewegung kund . Zahlreiche Gruppen sammelten sich am Ufer , um die dänische Fregatte in Augenschein zu nehmen , die sich nicht weit vor die Mündung des Hafens gelegt hatte . Aber nicht blos Neugierde war es , was sich in den Gesprächen des Publikums kund gab . Es hatte sich das Gerücht von einem nahe bevorstehenden Waffenstillstande verbreitet , womit man die Anwesenheit des Unterstaatssekretärs und Reichskommissarius , Max von Gagern , im Hauptquartier , in Verbindung brachte . Auch hieß es , in Rendsburg seien in Folge ähnlicher Nachrichten Unruhen ausgebrochen . Gegen 9 Uhr erschien der General v. Wrangel in Begleitung des Reichskommissarius und umgeben von einer zahlreichen Suite am Ufer und ritt nach der nördlichen Landzunge , von welcher die Strandbatterien ausliefen . Nicht wie sonst brach die Menge in einen Vivatruf aus , sondern machte den Reitern schweigend Platz . Der General bemerkte die veränderte Stimmung und warf einen forschenden Blick über die Zuschauer hin . Da traf sein Auge in das ernst zu ihm aufblickende Auge Alicens . Schnell wandte er das seinige ab . - - - Komm Ralph - sagte Alice , als die Cavalkade sich entfernt hatte . - Es ist für uns hier nichts mehr zu thun . - Auch der General hat sich entschieden . - Ich kann ' s nicht glauben - erwiederte kopfschüttelnd Ralph . - Es ist so , wie ich Dir sage ; ich werde Dir den Beweis schaffen . - Wenn wir den dänischen Capitain gefangen nähmen und ihn ihm überlieferten , er würde ihn laufen lassen . - Schweig ! - sagte jener zornig . - Spräche ein Anderer als Du solche Verdächtigungen über den » alten Wrangel « aus , so würde ich ihm bei Gott keine Zeit lassen , sie zu widerrufen . - Du bist ein Thor , guter Ralph ! - Ich hoffe , Du kennst mich hinlänglich , um zu wissen , daß ich nicht den Beweis für meine Behauptung schuldig bleibe . - Vortrefflich ! Ich bin auf den Beweis begierig . - Was gilt die Wette , daß noch heute der Capitain in meiner Gewalt ist ? - Ralph blickte Alicen an wie Jemand , der nicht weiß , ob sich der Andere über ihn lustig macht oder aber im Ernste redet . - Es ist mein vollkommener Ernst , setzte sie , die Hand ausstreckend , hinzu . - Topp ! - schlug Ralph ein - ich nehme die Wette an . Und was ist der Preis ? - Den zu bestimmen überlaß ich Dir . Ralph ' s Augen strahlten plötzlich in einem eigenthümlichen Glanz . - Gut ! - sagte er kurz , als wolle er mit Gewalt seine Empfindungen unterdrücken . - Willst Du mir bei der Ausführung behülflich sein ? - Ich würde ein unzuverlässiger Gehülfe werden , da ich an dem Mißlingen des Plans Interesse habe . - Thut nichts . Ich weiß , Du wirst mich nicht im Stiche lassen . Also , Du bist bereit ? - Natürlich . - So hole mich nach Sonnenuntergang in unserm Boote ab . Auf Wiedersehn ! Zu Hause angekommen , wurde ihr ein Diener des Prinzen N .... r gemeldet . - Lassen Sie ihn eintreten ! - sagte Alice verdrüßlich . Bald darauf erschien der Angemeldete und blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen . Alice entfuhr ein Ausruf des Erstaunens , als sich der junge Mensch plötzlich zu ihren Füßen warf . - Was bedeutet dies ? - fragte sie einen Schritt zurücktretend . Da erhob sich das dunkle Auge des Knieenden mit schmerzlich fragendem Ausdruck zu ihr empor . Sie erkannte ihn jetzt . In der That aber war das Erstaunen Alicens wohl gerechtfertigt . Denn wer hätte in der bunten Livree , dem kurzgeschorenen und glattgescheitelten Haar den unbändigen und träumerischen Knaben Salvador gesucht . - Salvador ? ! - Du in dieser Vermummung ? Welcher Sturm hat Dich nach diesem Norden heraufgeweht ? Sprich , mein Knabe ! Salvador erhob sich . Er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert . Fast um einen Kopf größer als vor einem halben Jahre , war er in demselben Verhältniß schlanker und schmächtiger geworden . Das bräunliche Roth seiner Wangen war einer krankhaften ins Gelbliche spielenden Blässe gewichen und der trotzige Feuerblick seines Auges hatte sich in den düstern Glanz einer halb verglimmenden Kohle verwandelt . Alice wurde schmerzlich von dieser Umwandlung getroffen , aber sie unterdrückte mit feinem Zartgefühl jede Bemerkung darüber . - Der Pater Angelikus hat es so gewollt - sagte Salvador . Alice bemerkte , daß er den Pater nicht mehr Tio nannte . - Ich müsse nach Norden , um in Ihrer Nähe zu sein . Sie würden mich mit nach Frankfurt nehmen , meinte der Pater . - Und jetzt bist du wirklich im Dienste des Prinzen von N .... r ? - - Ja - sagte Salvador , indem eine flüchtige Röthe sein Gesicht färbte . - Er hat mich gesandt , um Sie um eine Unterredung zu bitten . - Was will der Prinz von mir ? Ich kenne ihn nicht . Salvador sah Alicen forschend an , als wolle er die Wahrheit dieser Aeußerung erproben . - Was soll ich ihm antworten ? - fragte er mit weniger befangenem Ton . - Er mag kommen - sagte Alice nach kurzem Nachdenken . - Wann ? - Heute Nachmittag . - Nicht wahr ? - fragte er zögernd - Sie nehmen mich wieder zu sich ? - Wenn es der Prinz zufrieden ist , gewiß . Freudig drückte er die Hand Alicens an seine Lippen und entfernte sich rasch . Alice war durch das Zusammentreffen tiefer bewegt , als sie sich gestehen mochte . Alle alten Erinnerungen , die sie längst begraben glaubte , tauchten mit neuer Kraft in ihrer Seele wieder empor . Sie setzte sich an den Schreibtisch und ergriff mechanisch die Feder . Da fiel ihr die Ueberschrift eines angefangenen Briefes in die Augen , und sie ließ die Feder sinken . - Durchlaucht - - - früher lautete es anders , wenn ich an Dich schrieb , Felix - - - Ich mag jetzt nicht - - - vielleicht giebt mir das Gespräch mit dem Prinzen neuen Stoff . Aber warnen will ich ihn , er sieht den Abgrund nicht , der sich zu seinen Füßen öffnet . Wehe ihm , wenn der unselige Waffenstillstand zum Abschluß kommt , dieser neue Verrath an der deutschen Sache . Felix , Felix ! Mit jedem Schlage , den Du gegen die Größe Deutschlands führst , treibst Du einen Nagel in Deinen eignen Sarg . - - III Als die Sonne längst gesunken war und nur noch eine falbe Röthe am nordwestlichen Horizont die Stelle ihres Untergangs zeigte , stieß ein leichter Nachen vom innern Ufer des Hafens ab . Drei Personen befanden sich darin . Die eine , ein junger Mann mit gebräuntem Gesicht , führte mit kräftigen Armen zwei Ruder , welche sich fast unhörbar in die schwärzlich-grüne Fluth tauchten , obschon die Schnelligkeit , mit der das Boot die Wogen durchschnitt , bewies , mit welcher Kraft es in Bewegung gesetzt wurde . Am Hintertheil des Bootes , den linken Arm nachlässig um das Steuer geschlungen , den rechten auf den Bord des Fahrzengs gestützt saß , oder lag vielmehr ein dem feinen von unzähligen kleinen Locken beschatteten Gesicht und der üppig schlanken Gestalt nach , um welche sie die enge , einfache Uniform der schleswigschen Freischärler schmiegte , zu urtheilen , eine junge Dame , die mit scheinbarer Gedankenlosigkeit in die grünliche Fluth starrte . Der dritte war ein Jüngling , welcher nur erst kürzlich das Knabenalter verlassen haben konnte . Er stand aufrecht mit im Boot und schaute trübe der geschiedenen Sonne nach . Keines von den dreien sprach ein Wort . Man hörte nur den eintönigen Taucherschlag des Ruders und das Zischen der Wogen , die sich am Kiel des Bootes brachen und zuweilen hoch aufspritzten . Als der Nachen sich bereits mitten auf dem Hafen befand , wandte Ralph - den meine Leser wohl schon in dem Ruderer erkannt haben werden - seinen Blick nach dem Meere , dem er den Rücken zukehrte und sagte halblaut , als fürchte er das Schweigen zu unterbrechen : - Ich meine , wir müssen mehr rechts halten . Hier auf offnem Hafen sind wir zu sehr der Beobachtung ausgesetzt . Alice , welche das Steuer führte , fuhr aus ihrer Träumerei empor . Sie blickte jetzt ebenfalls auf den Hafen , nickte bejahend mit dem Kopfe und wandte das Steuer . Das Boot beschrieb einen Bogen und schoß dann in grader Richtung auf die südliche Landzunge zu . - Setze dich , Salvador ! - sagte sie zu dem Stehenden , zog das Fernrohr Gilberts hervor und richtete es auf die dänische Fregatte , die einen Kanonenschuß entfernt , wie ein dunkler Koloß über den Spiegel des Wassers emporragte . Du hast heute eine Zusammenkunft mit dem Prinzen von N .... r gehabt ? - sagte Ralph mit anscheinender Gleichgültigkeit . - Erinnere mich nicht an diese Menschen , die mit ihrem Golde Seele wie Körper kaufen zu können glauben ! Er wollte mich für die Reaktion gewinnen , und fing nach der gewöhnlichen Manier damit an , mir Schmeicheleien zu sagen , zuerst über meine Schönheit , als das nicht glückte , über mein Talent und meine Kühnheit , als auch dies keine Wirkung that , über meinen Einfluß auf die Freischaaren . Jetzt verstand ich ihn . Man wünschte nämlich , ich solle , bei etwa » eintretenden Ereignissen « , die nicht im Sinne unserer Partei seien , dazu beitragen , daß keine Aufregung entstände , oder wenigstens mich passiv zu verhalten . Ich lehnte das Anerbieten natürlich keineswegs ab , um das schön aufblühende Vertrauen des edlen Herrn nicht zu früh zu verscherzen , ohne mich indeß zu etwas Bestimmtem zu verpflichten . So habe ich denn einen Blick in das Intriguengewebe gethan , worin die contrerevolutionäre Partei den Willen des Volks fangen will , der mir von Nutzen sein wird . Nun , die Zeit ist nahe , wo das Conto geschlossen und die Abrechnung gehalten wird . Wehe dann den diplomatischen Thierbändigern , wenn der starke Löwe sich erhebt und das Netz wie Spinnengewebe zerreißt . Ralph sagte nichts , aber die doppelt kräftigen Schläge , welche seine pfeifenden Ruder dem schäumenden Meere versetzte , verriethen seinen Ingrimm . - Wo weilt jetzt deine Mutter , Salvador ? - fragte Alice , von dem Thema abweichend . - Ich weiß es nicht - versetzte dieser - aber Pater Angelikus sagte mir , ich würde sie wiedersehen , wenn der Augenblick gekommen . Alice fragte nicht , welchen Augenblick der Pater gemeint habe . Sie verstand nur zu gut . Sie seufzte . - - Dieser Seufzer barg eine tiefe , unheilvolle Bedeutung . Sie dachte an den Fürsten Lichnowski , der Vorkämpfer der Volksfreiheit in Wien , und Lichnowski , der Verräther an der Volkssache in Berlin ! Jenen hatte sie mit Leidenschaft geliebt , auf diesen blickte sie mit schmerzlicher Verachtung herab . Aber nicht blos diese Verachtung war es , die wie ein Winterreif auf die Liebesglut in ihrer Brust gefallen war und sie bis auf den letzten Funken gelöscht hatte , so daß nur noch die kalte Asche der Erinnerung übrig geblieben war - nicht nur diese Verachtung war es , was ihr Herz schmerzlich in diesem Augenblicke zusammenzog , sondern der Gedanke an das Verhängniß , welches wie ein Damoklesschwert über seinem ahnungslosen Haupte schwebte , und dessen Erfüllung mit Sturmschritten herannahte . Sie schauerte oft wie in einem Fiebertraume zusammen , wenn sie auf den bleichen Salvador blickend schon das Racheschwert in seiner Hand zu sehen glaubte . Sie sprach mit dem Knaben nie von seinem Vater , aber sie wußte , daß in seiner Brust nur zwei Gedanken und zwei Empfindungen lebten , das Gefühl der Erbitterung bei dem Gedanken an den Verführer seiner Mutter und das Gefühl der zerstörendsten Liebe bei dem Gedanken an Lydia . Diese beiden Gefühle waren zuletzt trotz ihres völligen Gegensatzes zu einer einzigen Empfindung zusammengeschmolzen , und in der That hatten sie Eins gemein : das Gefühl einer stets unbefriedigten Sehnsucht und der daraus entspringenden tiefen Bitterkeit . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Das Boot landete . Das letzte Roth war vom Himmel verschwunden , die Nacht senkte sich auf das Meer herab . Ralph erhob sich zuerst . Er ergriff seine Doppelbüchse und lehnte sie vorsichtig an eine junge Birke am Fuße des Hügels . Dann reichte er Alicen die Hand , die diese jedoch nicht annahm , sondern mit einem graziösen Sprunge das Ufer erreichte . Salvador folgte ihr . Ralph zog das Boot in die Bucht . Alle drei stiegen jetzt behutsam den Hügel hinan . Nachdem das Terrain rekognoscirt und sicher befunden war , wurde auf dem alten Runensteine Posto gefaßt . - Wir müssen nach zwei Seiten hin auf Gäste gefaßt sein - sagte Alice , welche in der Erwartung des Abenteuers ihre düstere Stimmung gegen eine ausgelassene Munterkeit vertauscht hatte . - Es ist sehr wahrscheinlich , daß Gilbert den heutigen Abend selber zu einem Rendezvous benutzen wird . Salvador achte du auf die Landseite und melde Alles , was du siehst . - Es ist nothwendig , Ralph , daß mich der Capitain allein trifft - sagte sie zu diesem . - Ist er nicht zu stark bewaffnet , so werde ich wohl schon mit ihm allein fertig . Jedenfalls kommst du mir nicht eher zu Hülfe , als bis ich das verabredete Zeichen gebe . Das Andre wird sich finden . Hast du die Laterne und die Stricke in Bereitschaft ? - Alles in Ordnung - erwiederte Ralph , die Pistons der Büchse mit Zündhütchen versehend - schreiten wir bald zur Ausführung ? - Noch ist ' s nicht Zeit ! - wollte Alice sagen , aber das Wort erstarb auf ihren Lippen ; als ganz in ihrer Nähe , in der Richtung nach der Stelle hin , wo sie Salvador postirt hatte , ein Pistolenschuß fiel . Alice erbleichte . Ralph sprang mit dem Ausrufe : Wir sind verrathen - Salvador zu Hülfe . Alice folgte ihm . Als sie die Stelle erreichten , bot sich ihnen ein unerwartetes Schauspiel dar . Gilbert lag , das abgeschossene Pistol krampfhaft in der Hand haltend , regungslos am Boden . Salvador knieete , mit der linken Hand seine Gurgel umschließend , auf seiner Brust , während die Rechte den funkelnden Dolch nach seinem Herzen zuckte . - Halt ! - gebot Alice vortretend - tödte ihn nicht . Wir müssen ihn noch gebrauchen . Salvador erhob sich und ließ Gilbert frei , welcher nun mit einem raschen Sprunge auf Alice zustürzen wollte . Da streckte sich ihm der Büchsenlauf Ralphs entgegen und bestürzt zurücktaumelnd wollte er sein Heil in der Flucht versuchen . - Ein Schritt und du bist ein Sohn des Todes . - Da brach die Kraft des Elenden zusammen . - Was wollt ihr mit mir beginnen ? - stammelte er zitternd , als Salvador Stricke herbeiholte und Gilberts Hände auf den Rücken zusammenband . - An uns ist es jetzt , zu fragen , an dir , zu antworten - versetzte Alice . - Ins Boot mit ihm ! - wandte sie sich zu Ralph . Gilbert wurde ins Boot hinabgebracht und ihm bedeutet , daß bei dem geringsten Laut seinerseits eine Kugel sein Gehirn zerschmettern würde . Salvador wurde ihm zur Gesellschaft zurückgelassen . Dann wurde die Laterne angezündet , doch so , daß nur von der Meerseite das Licht sichtbar war