» ja , sie könnten Alles verderben , und meine eigne frohe Wuth könnte jetzt vernichten , was wir erst im Dunkeln bauen müssen - Du bist verständiger - ich werde noch Nichts sagen , aber ich muß hinaus in ' s Freie - mir wirbelts im Hirne - mir ist , als wollt ' es mir die Brust zersprengen - mir ist , als hätt ' ich in meinen Armen Kraft , eine Welt ihrem gewohnten Gang zu entreißen und Alles zu zertrümmern . Leb ' wohl ! - oder gehst Du mit ? « Franz sagte : » Ich bleibe hier . - Aber Du versprichst mir , von diesem Briefe keinem etwas zu sagen ? Du versprichst , wenigstens jetzt und bis Du Die selbst darüber deutlicher geworden , von diesen Gedanken nicht zu reden , welche dies Schreiben in Dir erweckt hat ? Um Deiner selbst willen - um der guten Sache willen - gleichviel , ob die Sache die gute sei , welche ich dafür halte , oder diejenige , welche Du dafür hältst - versprich es , jetzt nicht von diesen Dingen zu reden ! « » Ja , ich versprech ' es ! Ein Wort ein Mann ! « sagte Wilhelm ernst . » Es ist gut , ich glaube Dir - « versetzte Franz . » Gute Nacht ! « » Gute Nacht - wenn Du jetzt schlafen kannst , « sagte Wilhelm mit wilder Stimme , die halb wie Gelächter klang , und ging fort . Franz war allein . Er setzte sich auf den hölzernen Schemel vor den Tisch , auf welchem die Lampe stand und das verhängnißvolle Schreiben lag . » Ich will es jetzt nicht noch ein Mal lesen , « sagte er zu sich und schob es in den Tischkasten , in welchem seine Papiere und Schreibereien lagen . Dann verlöschte er die Lampe , sie sollte nicht umsonst brennen . Das Oel ist theuer und ein armer Arbeiter muß das bedenken . Die Julinacht draußen war hell , durch das kleine offen stehende Fenster der Kammer schauten die Sterne hell zu ihm herein , sie leuchteten ihm genug zu seinen verworrenen Träumereien . Er hatte seinen Ellenbogen auf den Tisch gestemmt , das Haupt in die Hand gestützt . So sann er . Bald rieselte es wie eisiger Schauer über seine ganze Haut , bald fühlte er sein Herz , seine Schläfe , seine Adern heftig pochen - dann glitt eine große Thräne langsam , sehr langsam und sehr heiß über seine bleiche Wange . Er flüsterte leise für sich . Solch ' stillgeführtes Selbstgespräch allein mit sich oder mit seinem Gott war für ihn eine Art von Bedürfniß geworden . Seine Genossen verstanden ihn ja nicht - nicht einmal Wilhelm , das hatte er erst jetzt wieder erfahren . Ein Wesen gab es freilich , das ihn vielleicht verstanden hätte - aber von all ' diesen Dingen wollte er ja nicht einmal zu der schweigend verehrten Geliebten sprechen , selbst wenn er es gekonnt hätte . Jetzt sprach er zu sich : » Und was haben sie denn nun da Anderes gesagt und geschrieben , daß es mich so gewaltsam bewegt hat ? Waren es nicht hier und da meine eigenen Worte , was ich da las ? - und doch wirbelt mir das Hirn , brennt meine Stirn - mir ist , als sei ich plötzlich fieberheiß hinausgestoßen in eine große Nacht und läge da ringend in Fieberphantasieen mit tausend bleichen , wilden und wesenlosen Spukgespenstern , die ich nicht zu verscheuchen vermögte , die immer wieder sich zu mir herandrängten in ihre wirbelnden Kreise , mich mit fortzureißen , daß ich selbst nicht mehr weiß , wo aus , noch ein . Ich zürnte Wilhelm , daß er den verführerischen Stimmen dieses Schreibens , die mir doch so wahnwitzig , ungerecht und gotteslästerlich sind , ein so williges Ohr lieh , daß er sich ganz von ihnen bethören ließ - und doch hallten sie auch mir immer wieder , wie harmonisches Getön in den Ohren , in der Seele und wollen mich auch umstricken und überwältigen . « - » Es ist fast vergebens , daß ich sage : hebe Dich von mir , Versucher ! Er will nicht gehen - es ist als habe meine Seele keine Macht mehr über ihn ! - « Er lehnte sich wie erschöpft an die Wand zurück und fuhr fort : » Das sind auch die Versuchungen der Armen , von denen die Reichen nichts wissen , sie werden wohl auch oft hart versucht von ihren Schicksalen , von ihren Wünschen - und selbst aus ihrer eklen Uebersättigung an den Bedürfnissen des lüsternen Lebens , selbst durch ihre Befriedigung , ihre Uebersättigung entspringt ihnen eine neue Quelle der Versuchung - aber wie unerschöpflich dagegen ist doch die , welche zugleich mit dem Leben des Armen entquillt und es nimmer verlassend durchfluthet . « » Den Armen quält der Hunger , der Frost , der Mangel an Allem , was zu den Lebensbedürfnissen gehört - und sich von irgend einer dieser Qualen zu befreien , weiß er dein gesetzliches Mittel . Denn wie er auch arbeiten mag - seine Arbeit wird so gering bezahlt , daß sie nimmer jene schlimmen Begleiter des Armen verbannen kann , welche von dem Augenblick an , als er auf hartem schlechten Lager geboren wird , ihn mit schauerlicher Treue auf allen seinen Wegen begleiten - - aber am Schlimmsten ist doch der Versucher , der zu dem Armen tritt und ihn höhnisch fragt : warum bist Du arm ? Habe den Muth , es nicht mehr sein zu wollen und Du bist es nicht mehr - und Tausende Deiner Brüder sind es nicht mehr - - aber diesen Muth zu haben , ist ein Verbrechen - - das sieht wohl der Arme ein und schaudert vor dem Verbrechen zurück - er will es nicht begehen , er kann standhaft bleiben - er kann den Versucher immer sieghaft bekämpfen , aber er kann ihn nicht vernichten - er kann den Feind seiner Ruhe nicht verbieten , wiederzukommen . « » Wenn einst diese Versuchungen aufhören könnten - wenn eine in Liebe und Gleichheit verbrüderte Gesellschaft sie unmöglich machte ? Wenn alle Menschen es vermöchten in heiliger Eintracht neben einander zu leben , daß nicht die Einen darben müßten , wo die Andern mitten im Uebersluß sich noch unbefriedigt fühlen ? « Nachdem er eine Weile still und sinnend am Fenster gestanden , stumm in die Nacht hinaus und empor zu den Sternen geschaut hatte , trat er wieder zurück an den kleinen Tisch , auf dem die verlöschte Lampe stand . Er zündete sie wieder an , setzte sich nieder , nahm Feder und Papier zur Hand und begann zu schreiben . Er wußte es : wenn so in ihm alle Gefühle in Aufruhr waren , wie jetzt , dann kam der Gott des Liedes über ihn . In Versen versuchte er es , den gewaltigen Sturm seines Herzens ausrasen zu lassen , indem er ihn durch die Worte und Töne , welche er ihm gab , zwar noch vermehrte und erhöhte , aber ihn so auch wohlthuend und weihevoll für seine Seele machte . So schrieb er jetzt : Es zieht ein Ahnen durch die Menschenseelen In banger Lust , in des Verlangens Pein , Als könnten Erd ' und Himmel sich vermählen , Als könnte auch die Menschheit glücklich sein . Doch alles Leben ist ein dumpfes Quälen , Vergeblich Jagen nach des Glückes Schein , Es ist ein Ringen ohne Rast und Frieden , Denn alle Ruh ist aus der Welt geschieden . Und ob auch ringsum Freudenblumen blühen - Wer ist , der sie zum Heil der Menschheit bricht ? Die Menschheit ringt im Staub , in dumpfem Mühen , Der Arme weiß von anderm Ziele nicht , Der Sclave kann nicht für das Recht erglühen , Von dem nur leis ' die innre Stimme spricht . Ein großer Fluch ist in die Welt gekommen , Er lastet schwer - er wird nicht weggenommen ! » Den Armen ist das Himmelreich beschieden - « Einst klang dies Wort als Tröstung durch die Welt , Der Mensch soll dulden , leiden nur hienieden , Der Glaube ist es , der ihn aufrecht hält ! Im stillen Hoffen auf des Himmels Frieden Ertragen alles Leid , wie ' s Gott gefällt , So heischen es die frommen Christuslehren , Durch Himmelstrost die Erde zu verklären . Doch warum nur die Armen so ermahnen ? Warum , nur sie verweisen auf das Dort ? Warum daß nur auf ihren Lebensbahnen Das Grab erscheint als einzger Friedensort ? Warum ? - und wieder naht ein banges Ahnen - O flieh ' , Versucher , fliehe von mir fort ! Die Menschen nur - nicht Gott ist zu verklagen , Die Menschen , die den Gott an ' s Kreuz geschlagen . Ach käm ' er , diese Welt erlösend , wieder Und stiftete ein irdisch Liebesreich , Wo alle Menschen nicht nur Glaubensbrüder , Wo sie in Wahrheit all ' einander gleich , Dann käm ' der Himmel zu der Erde nieder , Dann wär ' gelöst der Fluch von Arm und Reich , Und Millionen sänken Brust an Brust Und würden sich des Daseins Glück bewußt ! O daß er käme zu der armen Erde In dieser bösen unglücksel ' gen Zeit - Auf daß es Frieden bei den Menschen werde , Auf daß er sie aus ihrer Schmach befreit ' Und durch die Liebe alles Sein verklärte , Das jetzt durch Druck und Selaverei entweiht . O daß ein Gott zu uns herniederkäme Mit unserm Wahn auch unser Leid uns nähme ! - Er stand auf , legte die Feder weg , trat an ' s Fenster und faltete seine Hände . » Schöner Traum , « sprach er wieder , seine sinnende Stirn in die rechte Hand drückend : » vielleicht erfüllbar auf einem schönern Sterne ! - Vielleicht , daß da oben unter diesen Tausenden strahlender Kugeln , auch eine solche Erde ihre ewigen Bahnen zieht , auf der alle Wesen in brüderlich heiliger Eintracht vereint leben - vielleicht , daß dort dieser Traum mehr ist , als ein müssiges Spiel der Phantasie - aber hier kann er nimmer zur Wirklichkeit werden , auf dieser unfähigen Erde mit diesen schwachen Wesen , die sich Menschen nennen . Wir haben ja mit uns selbst nie Frieden im Innern - wir können nicht , wir dürfen nicht im geträumten seligen Frieden leben - wir müssen kämpfen , damit wir unsere Kraft üben , kämpfen und ringen . « » Wir sollen uns nehmen , was man uns verweigert ? Wir sollen die Reichen zwingen , mit uns zu theilen . - Und unser Gewissen ? Und unser Gott ? « » Ha ! Das ist es ! Auch mit der Religion wollen sie ein Ende machen - auch den Glauben nennen sie eine Dummheit ! Und da wachen laut in meiner Brust Tausend Stimmen auf und schreien dagegen - da ist mir , als rissen sie mir mein Herz aus , während ich noch athme - und ließen mich allein in einer Nacht - nicht sanft und mild und hell wie diese - in einer Nacht ohne Sterne . « » Ach , seht Ihr auf mich herab Sterne des Himmels , gebt mir Licht ! « » Es war auch einmal so eine Stunde , wo ich den Himmel fragte , ob es einen Gott gebe ! Da lebte meine Mutter noch und hört ' es und ward bleich - und sank auf ihre Kniee nieder und betete einen frommen Spruch und weinte laut . Sie faßt ' es gar nicht , daß man so fragen könnte , und meinte vor Schauder zu sterben . Was ist ' s denn nun weiter ? fragt ' ich sie noch . - Weiter ? Es ist Alles - sagte sie . - Wenn Du keinen Gott mehr hast , bist Du auch kein Mensch mehr - - Sie wußte es nicht zu erklären - aber ich ging fort , dachte lange darüber nach und fühlt ' es : sie hatte Recht . « » Mir ist , als hört ' ich das dunkle Wort meiner Mutter von den Sternen herüber . « » Und die Armen - die Reichen ? « » Ach , nur Menschenrechte den Armen , sonst nützt es ihnen auch nicht , daß sie Gott haben ! « » Gebt uns Menschenrechte - gieb uns Menschenrechte , o Gott ! « » Sollen wir sie uns selbst nehmen ? « » Hebe Dich von mir , Versucher ! « VI. In der Fabrik » Laut läutet das Herz der Jungfrau ! Mit ihres Gebetes rauschender Harfe Begrüßt sie den Aufgang der Liebe , Des großgeaugten Sterns . « Karl Beck . Kammerjunker von Aarens erschien graziöser und eleganter als je auf Schloß Hohenthal . Vor einigen Tagen hatte ihn Elisabeth abweisen lassen - er hoffte sie heute mit ihren Eltern zu treffen und wollte sie durch unwiderstehliche Liebenswürdigkeit dafür bestrafen , daß sie sich bei seinem letzten Besuche unsichtbar gemacht , sie sollte dies bereuen . Die Gräfin Hohenthal hatte ihn empfangen , er war siegesbewußt eingetreten , sie hieß einen Diener Elisabeth rufen . Die Augen des Kammerjunkers leuchteten , er that einen Griff in die gebrannten Locken , kräuselte mit zwei Fingern den Schnurrbart , warf einen verstohlnen Blick in den Spiegel und lehnte sich selbstgefällig auf dem Sessel zurück . Da kamen Tritte - er wähnte schon Elisabeths seidnes Kleid rauschen zu hören - die Thüre öffnete sich - er sprang auf und warf sich in eine unnachahmliche Stellung - aber statt der Ersehnten trat ein Diener ein und sagte : » Das gnädige Fräulein ist vor einer Viertelstunde ausgeritten . Sie hat den Portier beauftragt , wenn nach ihr gefragt würde , da im Augenblick ihrer Entfernung die gnädige Frau Gräfin wohl noch Mittagsruhe halte , zu sagen , sie sei nach der Fabrik geritten und werde vielleicht erst in ein paar Stunden wiederkommen . « Aarens machte ein bestürztes und einfältiges Gesicht , er hatte bei dieser Enttäuschung alle Fassung verloren . Die Gräfin rang mühsam danach , die ihrige zu erhalten . » Ist meine Tochter allein ausgeritten ? « fragte sie . » Der Reitknecht hat sie begleitet - weiter war Niemand bei ihr . « » Es ist gut . « Der Diener war entlassen . » Liegt die Fabrik besonders schön , daß Ihre gnädige Fräulein Tochter dahin Ausflüge macht , noch dazu einen Ausflug von einigen Stunden ? « » Ich war niemals dort , « sagte die Gräfin ausweichend , » mir ist alles Fabrikwesen zuwider , ich habe eine , glaub ich , angeborene Abneigung dagegen . « » Diese theile ich vollkommen . Sowohl der Lärm dieser Maschinen , wie die Rohheit Aller , welche damit umgeben , ist das Abschreckendste , was ich kenne . Und nun besonders dieser Herr Felchner ! Man zeigte mir ihm neulich im Cursaal . Er kam mit vier Pferden angefahren wie ein Fürst - und aus dem Staatswagen stieg das kleine , zusammengedörrte Männchen , in dem schäbigsten grauen Anzuge , den man sich denken kann . Sein Benehmen war auch von der größten Unhöflichkeit , es war , als sage er mit jedem Blick : ich bin hier der Erste , denn ich bin der Reichste . Nein ! Es giebt nichts Entsetzlichers , als diese Geldmenschen , diese Industriekönige . « » Gewiß - « sagte die Gräfin und hätte das Thema gern auf einen andern Gegenstand gelenkt , aber Aarens war einmal im Zuge und fuhr in gleichem Tone fort : » Von seiner Tochter erzählt man die fabelhaftesten Dinge , ich selbst habe sie noch nicht gesehen , es soll ein niedliches Kind sein , welches auch fürstlich erzogen worden und erst seit Kurzem hier ist . Sie soll sich aus Ermangelung anderer Anbeter die hübschesten Fabrikarbeiter zu ihrem Umgang wählen - nicht etwa die Factoren , Buchhalter und Commis , die ihr vielleicht ebenbürtig sind , sondern Menschen der ausgeworfensten Classe , die um den niedrigsten Tagelohn arbeiten - in der That , das ist ein göttlicher Stoff zu einem Lustspiel - Seirbe sollte ihn benutzen . « » Das ist ja unmöglich , « sagte die Gräfin , » ein Mädchen von so guter Erziehung kann niemals so weit herabsteigen , und wenn sie auch von bürgerlichem Herkommen und die Tochter eines gemeinen Vaters ist . « » Eben darin liegt der größte Spas - der Vater ist in Verzweiflung über diese Aufführung seiner Tochter und bewacht sie deshalb streng - aber sie weiß ihn zu hintergehen . Wenn man nicht fürchten müßte , es wäre zu widerwärtig , müßte es eigentlich interessant sein , dies Mädchen einmal zu sehn . « Die Gräfin litt während dieser Rede unbeschreiblich , sie wollte es nicht zugestehen , daß dies Mädchen Elisabeths Freundin sei , und war doch gewiß , daß binnen Kurzem ein Zufall oder Elisabeth selbst es dem Kammerjunker verrathen würde . Die Gräfin konnte Paulinen nicht übel wollen , sie konnte nicht glauben , was Aarens von ihr erzählte , aber sie sah ungern die Freundschaft Elisabeth ' s mit diesem bürgerlichen Mädchen , welches die Tochter eines Mannes war , der ihr wie der ärgste Feind ihres Hauses erschien . Aber sie wußte , daß in dieser Sache ihren Vorstellungen Elisabeth kein Gehör gab , und dafür hatte ihr ja nun eben der gegenwärtige Augenblick einen Beweis geliefert . Der Umgang der Freundinnen hatte ihr abgebrochen geschienen seit den Differenzen zwischen dem Grafen und dem Fabrikanten - und jetzt wußte sie die Tochter auf dem Wege nach der Fabrik ! Elisabeth war noch keine Viertelstunde fort , wie sie dem Portier aufgetragen hatte zu sagen , als man nach ihr schickte , sondern erst wenig Minuten . Sie war schon entschlossen gewesen auszureiten , um Paulinen zu sehen , denn das Bedürfniß nach freundschaftlicher Mittheilung ließ sie nicht länger zögern - aber als sie Aarens ankommen sah , ließ sie sogleich ihr Pferd vorführen und entfernte sich . Sie wußte selbst nicht warum , aber Aarens war ihr nicht nur langweilig , sondern sogar widerlich und dies beinahe um so mehr , als ihre Eltern von ihm meist Abend ' s sprachen und seine Gesellschaft gern hatten . Elisabeth war der Fabrik schon ziemlich nahe , und die Ungeduld , ihr Ziel bald zu erreichen , ließ sie ihr Pferd zur Eile antreiben , als sie einen einsamen Wanderer des Wegs kommen sah , sie erkannte ihn und ließ plötzlich ihr Thier langsamer gehn . Es war Jaromir . Er hatte sie längst erkannt , er stand still und grüßte . Ein seelenvoller , inniger Blick , ein frohes Lächeln schöner Ueberraschung begleiteten den üblichen Gruß . Aber er wagte nicht sie anzureden . Sie warf ihm einen gleich frohen , innigen Gruß zu und ritt langsam vorüber . Nach einer Weile kehrte er um und folgte ihr , das Auge fest auf die schöne Gestalt der Reiterin gerichtet . Auf dem kleinen Hügel blieb er stehen , von dem aus man die nahe tiefer liegende Fabrik übersehen konnte . Er sah , wie Elisabeth ihr Pferd vor dem Hauptgebäude anhielt , wie ein junges Mädchen heraustrat und der Absteigenden um den Hals fiel , dann das schöne Thier , das sie hergetragen , schmeichelnd mit der kleinen Hand klopfte . Er besann sich , daß dies dasselbe Mädchen sei , mit welchem er hier Elisabeth zuerst wiedergesehen , und welches ihm Waldow als die Tochter des Fabrikanten bezeichnet hatte . So freute sich jetzt Jaromir , als er in Elisabeth eine neue ungewöhnliche Eigenschaft bei einem Mädchen ihres Standes und ihrer Erziehung entdeckte , sie fröhnte also keinem Vorurtheil , nach welchen : sie ihr Vertrauen abmaß , wie es das Herkommen wollte ! Es war gerade vier Uhr und die Glocke läutete zu der Feierstunde des sogenannten Halbabend . Die Arbeiter ergingen sich im Freien . Es fiel Jaromir ein , daß er zu ihnen hinabgehen wolle , ob man ihm vielleicht eine oder die andere interessante Maschine zeigen , ob er vielleicht eine oder die andere Notiz von Wichtigkeit über industrielle Einrichtungen und Erfindungen erhalten könne . Er ging also hinunter und auf die vier ersten Arbeiter zu , welche ihm begegneten . Es war Franz neben August ; Wilhelm neben Anton . August stieß Franz an und sagte : » Sieh einmal , das ist ein schönes Herrchen - wer weiß , am Ende ein Freier für unser Mamsellchen . « Franz warf einen prüfenden Blick auf Jaromir und sagte ernst : » Ja , er hat Etwas in seinem Gang und seinem Gesicht , was die andern vornehmen Leute nicht haben - er sieht vornehmer aus als sie Alle - aber das macht bei ihm nicht nur der Anzug - es ist , als käm ' es von innen heraus , als hab ' er einen vornehmen Geist . « » Ich mögte wohl wissen , wie unser eins aussähe in solch ' feinem Rock , « meinte August , » ich glaube närrisch genug , und doch , wenn wir Geld hätten , könnten wir uns eben so anziehen , und wenn wir nicht zu arbeiten brauchten und den ganzen Tag faullenzen könnten , hätten wir auch solche Hände - sieh ' einmal , die sind so weiß , wie sie bei uns kein Mädchen hat , nur etwa Mamsell Paulinchen . « Der so Gemusterte trat jetzt zu den Arbeitern und sagte leicht : » Guten Tag , meine Herren . « Er hatte sich diese Redensart einmal angewöhnt , seitdem das Jahr 1830 nicht mehr hatte dulden wollen , daß der Aristokrat den Bürger anders als Herr anrede , und da er recht wohl fühlte , wie ein Duzend Jahre später mit der Zahl der Jahre auch die Zahl der Fordernden sich ins Ungeheure vermehren mußte , so dehnte er seine Redensart » meine Herren « von den Bürgern auch gern auf die Proletarier aus , und in dieser unwillkürlichen Gewöhnung lag ein viel tieferer Sinn , als er selbst sich träumen ließ . Er sagte also : » Guten Tag , meine Herren . « Über die Gesichter der so Begrüßten zog es wie ein augenblicklicher Sonnenschein , so erfreuen kann ein armseliges , gedankenlos hingesprochenes Wort . Aber Wilhelms Gesicht verfinsterte sich noch schneller , als eine schwarze Gewitterwolke einen Sonnenblick vernichtet , denn auch so verwunden kann ein armseliges Wort , und indes die anderen höflich ihre schlechten Mützen abnahmen , antwortete er düster : » Wir sind keine Herren , wir sind arme Arbeiter . « » Sind Sie ihrer viele hier ? « fragte Jaromir . » Ein paar Hundert « , antwortete Anton und spitzte die Ohren , » Weiber und Kinder nicht gerechnet . « Eine Schar blasser , in Lumpen gehüllter Kinder hatte sich müde auf einen sonnigen Platz gelegt , einzelne von ihnen kauten an harten Brotrinden , andere warfen auf diese neidische Blicke . Jaromir warf einen mitleidigen Blick auf diese armen Geschöpfe und sagte : » Diese Kleinen sehen sehr müde aus . « » Ist wohl ein Wunder ! « versetzte Wilhelm bitter . » Sie müssen den ganzen Tag beschwerliche Arbeiten verrichten so gut wie unsereiner , drum sind sie froh , wenn sie ein paar Minuten in der Sonne ausruhen können . « » Den ganzen Tag ? Gehen sie denn in keine Schule ? « rief Jaromir verwundert . » Sonnabends nachmittags , wo wir um vier Uhr Feierabend haben « sagte August , » brauchen sie gar nicht zu arbeiten , da kommt ein Lehrer aus der Stadt heraus , ein abgedankter Unteroffizier , und prügelt sie , weil sie wieder vergessen haben , was er ihnen vor acht Tagen vorher gesagt - das heißt , sie in die Schule schicken . « Jaromir flüsterte für sich : » Mein Gott ! Auch in Deutschland ? « August fuhr fort : » Die Faktoren versichern uns , daß sie da genug lernen , denn was sie für ' s Leben brauchen , lernen sie ja eben bei der Fabrikarbeit . Zu lesen und zu schreiben braucht ein Mensch nicht , der es doch nie weiterbringen kann , als bis zu einem armen Fabrikarbeiter . « Jaromir warf einige kleine Münzen unter die Kinder , welche mit tierischem Geschrei deraüber herfielen , die Geldstücke einander wieder gegenseitig wegzureißen suchten , sich darum prügelten und herumzerrten , es war ein trauriges Schauspiel ! Ein kleiner Knabe stellte sich schreiend vor Jaromir hin und jammerte , indem er die leeren Hände zeigte : » Ich hatte ein großes , rothes Stück , die Andern haben es mir wieder weggerissen . « » Schäme Dich ! « sagte Franz . » Du weißt , daß Du nicht betteln sollst . « Er fuhr fort , während Jaromir noch ein kleines Geldstück für das Kind suchte . » Herr , nun werden Sie gewiß sagen , daß die Fabrikkinder eine böse Brut sind - so ist ' s auch , sie fluchen wie alte Sünder , sie führen häßliche Reden und machen sich freche Späße , sie betteln und stehlen , sie betrügen und balgen sich untereinander - und wenn diese Kinder groß werden , so wachsen ihre Laster mit - Herr ! Sie haben Mitleid für diese Elenden , ich sehe es Ihnen an , sonst hätten Sie sie auch nicht beschenkt - d ' rum sag ' ich ' s Ihnen : was können diese Kinder dafür , daß man sie wild aufwachsen läßt und zu Verbrechern erzieht ? « In diesem Augenblicke mahnte die heftig gezogene Glocke wieder zur Arbeit - Alles lief wieder in die Fabrikgebäude . » Wir müssen an die Arbeit , « sagte Franz zu Jaromir , der ihn staunend angesehen hatte , während er sprach , » wollten Sie etwa zu Herrn Felchner - dort ist das Wohnhaus . « Jaromir folgte Franz , der mit den Andern schnell zur Arbeit laufen wollte . Er sagte : » Ich mögte mich wohl ein Wenig umsehen und auch noch länger mit Ihnen reden , kann ich Ihnen nicht folgen ? « Franz schüttelte mit dem Kopf . » Das geht nicht , umsehen dürfen Sie sich wohl , aber nicht gleich so mit einem Arbeiter hereingehen , und reden können wir eben auch nicht viel bei der Arbeit , das würde übel vermerkt werden - dort kommt gerade der junge Herr Felchner selbst , der kann Ihnen ja Alles am Besten zeigen . « » Die Fabrikherrn beschreiben die Sachen wohl anders als die Arbeiter - « sagte Jaromir , » doch ich danke für Ihre Gefälligkeit - « damit drückte er Franz einen Thaler in die Hand und wandte sich schnell nach Georg Felchner , welcher unweit von ihm stehen geblieben war . » Ich danke , Herr , « sagte Franz , » das kommt in unsere gemeinschaftliche Casse , und ich danke Ihnen im Namen aller meiner Kameraden . « Damit ging er eilends , wohin ihn die Glocke rief . Jaromir wandte sich an Georg : » Mein Herr , ich bin fremd hier - es würde mir interessant sein , wenn ich mich in dieser Fabrik umsehen dürfte - man hat mir Sie als den Besitzer bezeichnet und ich frage deshalb bei Ihnen um Erlaubniß an ? « Georg sah gerade fast noch mürrischer als gewöhnlich aus , doch bemühte er sich ziemlich höflich zu sagen : » Ich bin eben im Begriff , in dies Gebäude rechts zu den neuen Dampfmaschinen zu gehen , welche wir kürzlich haben aus England kommen lassen , wenn Sie mich begleiten wollen , so stehe ich gern zu Diensten , Ihnen die Sache zu erklären . - Zwar Sie sprechen wohl auch Englisch ? « » Allerdings . « » Nun dann können Sie es Sich auch von dem Engländer selbst erklären lassen , welcher dort die Oberaufsicht hat und den wir uns mit den Maschinen zugleich haben kommen lassen , er spricht nur ganz schlecht Deutsch , außer mir und meiner Schwester kann Niemand hier Englisch , und so macht er uns zuweilen viel zu schaffen . Es entstehen immer Mißverständnisse zwischen ihm und den Leuten , oder diese lachen ihn gar aus . « » Es muß lästig sein , in einer solchen Fabrik einen Ausländer im Dienst zu haben . « » Bah - wir sind froh , daß wir ihn haben . « In diesem Augenblick kam ein Factor auf Georg zu und sagte aufgebracht : » Der alte Andreas kam wieder halb betrunken zur Arbeit und stieß wider eine Walze , daß wir Mühe genug hatten , den größten Schaden zu verhindern - ganz so ist es aber nicht abgegangen . « » So soll man ihm , dem Andreas , am Lohn abziehen , « versetzte Georg ärgerlich . » Der Schaden ist größer . « » Desto schlimmer - auf seine Kosten kommt man einmal bei diesem Volke niemals , es soll nur eine Warnung sein , daß er sich ein ander Mal besser in Acht nimmt . « Während der Factor sich entfernte , fuhr Georg fort : » Nichts als Aerger und Unkosten bei diesem rohen Volke ; das dann noch immer thut , als wären schlechte Zeiten , diese Leute verdienen wahrhaftig ihr Geld mit Sünden . « Während dieser hingeworfenen Aeußerungen waren sie in das Innere der Fabrik getreten . Georg gab Jaromir in der Kürze die nöthigsten Erläuterungen , die sich mehr auf die Einrichtungen einzelner Maschinen im Besondern