abwenden müssen ! Wir müssen auswandern und Euch die Herrschaft Europas überlassen - dann wird beiden Theilen geholfen sein . Auf der einen Seite überfällt uns eine Arabella und will im Liebesrausch uns ersticken ; von der andern tritt eine Sibylle uns entgegen und theorisirt , philosophirt , dogmatisirt und systematisirt , daß uns der kalte Schweiß auf der Stirn perlt über diese Scene aus der » verkehrten Welt « . Vertiefe Dich nicht in diese Farce , die Du für ein Drama hältst , meine arme Sibylle ! Du hast große Neigung und Talent dazu une froide raisonneuse zu sein . Auf deutsch läßt sich das gar nicht ausdrücken ; uns fehlte bisher die Sache , also auch die Bezeichnung ; aber Du wirst gewiß ein Wort dafür finden . Bis dahin muß ich Dich so nennen . Wäre Dein Kopf ebenso kalt wie Dein Herz es ist , so würdest Du einsehen daß Eure Räsonnements nicht die Grundordnung der Natur hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Mann und Weib aufheben können . Wir spielen nicht Komödie mit Euch - wie Du behauptest - weil wir in einer Epoche unsers Lebens voll leidenschaftlicher Glut zu Euren Füßen liegen ; sondern es macht sich in uns die Sphäre des Gefühls geltend , aus der wir uns allmälig in die der Intelligenz hinein arbeiten , für die wir hauptsächlich bestimmt sind . Ihr aber bleibt in der inferiören des Gemüths und verfolgt innerhalb derselben den Kreislauf Eurer Entwickelung , der Euch bestimmt den Reiz Eures Daseins als Liebende und Geliebte , die Würde desselben als schöne und heitere Mütter zu finden . Jede andre Entwickelung streitet mit dem Gesetz , das Gott in Eure Natur gelegt hat , und dieser Widerspruch rächt sich an Euch selbst durch Mißmuth und Unzufriedenheit , welche Ihr umsonst hinter hochtrabenden Redensarten und Bestrebungen zu verbergen sucht . Ja , diese letzteren machen Euch immer elender , denn sie bringen Euch um Euer Glück und um Eure Glorie : Ihr werdet nicht geliebt ! - Ich gestehe Dir aufrichtig die Vorstellung peinigt mich daß Astralis bei und von Dir erzogen werden soll . Ich mögte das Kind für mich in Anspruch nehmen , sobald der traurige Fall eintreten sollte , daß es seine arme Mutter durch den Tod verliert . Freilich würde das eine Umgestaltung meiner Lage mit sich bringen auf die ich vor der Hand nicht eingerichtet bin . « - - - Es folgten Auseinandersetzungen derselben , die mir deutlich zeigten , daß sie verwickelter denn je sei . Ich war fest entschlossen ihm unter keiner Bedingung Astralis anzuvertrauen und hatte außerdem die Ueberzeugung daß er sie nie ernsthaft begehren würde . Daher schickte ich ihm eine ziemlich bedeutende Summe und schrieb ihm dazu : er möge sie zu der Einrichtung verwenden , die er zu machen habe wenn Astralis zu ihm käme . Ich wußte sehr gut daß er sie für ganz andre Zwecke verwenden würde , aber ich suchte fast vor mir selbst Vorwände um sein Verfahren zu bemänteln . Indessen brauchte ich doch die Vorsicht Arabella zu bestimmen , daß sie mir in einem rechtsgültigen Testament die Erziehung , Bildung und Versorgung ihrer Tochter anvertraute . Auf den ersten Theil von Astraus Brief antwortete ich mit ungeheuchelter großer Ruhe : » Du nennst mich froide raisonneuse . Dieser Vorwurf hat mich getroffen . Ich glaube selbst daß keine Harmonie zwischen meinem Kopf und meinem Herzen ist . Ich habe mich von der Wiege an mit Träumereien und Phantastereien abgemattet , gegen welche jede Wirklichkeit armselig war - und dann habe ich diese Wirklichkeit mit dem Verstande durchforscht und das Sinnenleben wie das Gefühlsleben unvollkommen und daher unbefriedigend gefunden . Dies gebe ich zu . Aber was beweist es ? - weiter nichts als daß ich unvollkommen bin . Die arme Arabella blindlings versunken in das Gefühls- und Sinnenleben ist in andrer Art ebenfalls unvollkommen ; und Du fühlst Dich so verletzt und beklemmt durch die weibliche Unvollkommenheit , deren thörichte und übertriebene Richtungen wir versinnlichen , daß Du vor derselben in eine neue Welt entfliehen mögtest . Ich habe hierauf nur mit einer einzigen Frage zu antworten : bist Du vollkommen ? - - Genug der dürftigen Persönlichkeiten ! ich rede jezt nicht von Dir und mir , sondern von Mann und Weib . Du hältst dieses für ein inferiöres , jenen für ein superiöres Wesen . Warum ? - Weil hier mehr dunkles Gefühl , dort mehr klarer Verstand herrscht . Wer hat festgesetzt daß der Verstand etwas Göttlicheres sei als das Gefühl ? - der Mann . Warum hat das Weib diesen lächerlichen Ausspruch angenommen ? - weil in der Welt materielle Stärke dermaßen auf der materiellen Schwäche lastet , daß im zwölften Jahrhundert des Christenthums christliche Theologen noch darüber disputiren konnten : ob das Weib eine Seele habe . Zwölf Jahrhunderte der humanisirendsten aller Religionen - und noch eine solche Frage ! - Die Seele , insofern man darunter den unsterblichen Theil des Menschen begreift , ist im Lauf von sechs andern Jahrhunderten dem Weibe , ich mögte fast sagen - octroyirt worden . Versteht man aber den erkennenden , bildenden , selbstthätigen Geist , die Intelligenz darunter - ja , dann stehen wir auf dem Punkt der alten Scholastiker . Das Weib als eine Unmündige behandelt , kann sich nicht als eine Mündige benehmen . Es unterwirft sich und vegetirt so hin in dumpfen Gefühlen , welche häufig zu unbändigen Leidenschaften aufflammen , und welche durch eine verschrobene , hohle , prunkende Erziehung wol geschwächt , jedoch nicht gelichtet werden können . Ach ja ! das Weib unsrer Tage ist eine kläglich unvollkommne Erscheinung ; - aber durch den Mann unsrer Tage wird es warlich nicht in Schatten gestellt , nur durch die einseitige Richtung in welche es gezwängt wird . Und ebenso geht es dem Mann ! in der handwerkernden Beamten- in der pedantischen Gelehrtenwelt mögen wol Studien genug zu Hause sein , aber was hat mit denen die Intelligenz zu thun ? Oder wohnt sie etwa in den Köpfen der Soldaten die in Parade aufmarschiren ? der Virtuosen , die von den vierundzwanzig Stunden des Tages zwanzig ihren Fingerübungen widmen ? der Journalisten , die ihre Zeitungsartikel aus Klatschereien , Lügen und Träumen zusammenschmieden ? der Philosophen und Menschenbeglücker von denen die Welt strotzt , während dieselbe Welt nie ärmer an Weisheit und Glück war als eben jezt ? der Künstler die zu Tausenden in den Akademien und Ateliers herum vagabondiren ? - Du wirst nicht behaupten daß in diesen verkümmerten , leeren , dürren Geschöpfen der Geist zur Entfaltung gekommen sei . Sie sehen auf das Gefühl herab , während sich die Weiber vor dem Verstande scheu zurückziehen . So bleibt jeder Theil in seiner Einseitigkeit , und ohne Verschmelzung beider Elemente ist für keinen Theil an Vollkommenheit zu denken , und ebenso wenig an die wahre heilige Gemeinschaft , die der Schöpfer zwischen den beiden Geschlechtern gewollt hat , indem er die eine Hälfte zum Vertreter der Intelligenz , die andere zum Vertreter des Herzens bestimmt hat . Das sind zwei Stralen die von demselben Licht ausgehen - und dies Licht heißt göttliche Liebe . Schmelzen sie zur Einheit zusammen , so stellen sie das Abbild jenes Urbildes dar . Ihr verhöhnt Gott und lästert die Natur wenn Ihr sprecht das Weib sei ein inferiöres Geschöpf . Laß Dir Eine nennen in der vollen Glorie wie Gott und die Natur sie gewollt haben , und dann sprich : ist der Mann superiör ? - nicht blos der , welcher neben ihr steht ; nein ! der allergrößte , den die Welt aufzuweisen hat ? - Gewiß nicht ! Heloise darf neben einem jeden stehen . Diese Schönheit , diese Liebe , dieser Geist , diese Entsagung , diese Treue , diese Weisheit , dies Marterthum , diese lichtvolle Klarheit , diese flammende Glut , diese standhafte Ausdauer über allen Schmerz , alles Elend , alle Zeit hinweg , dieser Stralen- und Dornenkranz von Seligkeit und Jammer , den Abälards finstre Liebe auf ihre Stirn drückt - bildet das Alles nicht ein geistig bewegtes Leben von solcher Entwickelung und solcher Intensität daß einem das Herz - der Mutterschooß dieses Lebens - als ein Weltmeer von Macht und Tiefe erscheint . Nein , Otbert ! ich bin sehr unvollkommen und meine arme Arabella ist es auch und Millionen unsers Geschlechts sind es mit uns ; aber wir sind es weil wir auf einer embryonischen Stufe unsrer Entwickelung stehen - nicht weil uns die Fähigkeiten zu einer höheren mangeln . Deine Bemerkung daß ein Geist der Unzufriedenheit und des Mißbehagens sich in uns rege - ist vollkommen richtig : die Chrysalide erwacht , fühlt sich in Haft und Dunkel , und strebt nach Befreiung und Licht . Aber Deine Behauptung , daß dies Bestreben uns um das Glück bringe geliebt zu werden - hat mich herzlich lachen gemacht , weil sie so sehr nach deutschem Spießbürgerthum schmeckt . Es muß wirklich namenlos schwer für einen Deutschen sein den Philister auszuziehen , da es sogar Dir , einem Dichter ! einem Cosmopoliten ! nicht gelingt . Um bei Heloisen stehen zu bleiben , so vernichtet sie Deine Behauptung ; und ich frage Dich : würde es Dir nicht eine größere Genugthuung sein ein Weib wie Heloise geliebt zu haben , obwol sie lateinisch und griechisch verstand , als ein Dämchen unsrer Tage , welches statt dessen die hergebrachten Theetisch-Phrasen versteht . Bist Du denn auch , mein armer Otbert , mit des Philisters fixer Idee von der versalzenen Suppe behaftet ? Ach , gieb sie auf ! schon deshalb , weil heutzutag auch des Philisters Frau viel zu gebildet , elegant und bequem ist um sich mit Suppenkochen zu beschäftigen . Glaube mir - wenn Ihr doch so sehr an dieser gebenedeiten Suppe hängt - Heloise würde sie Euch eher kochen , als Philisters-Frau ; denn eine Königin fühlt sich durch Mägdedienst nicht erniedrigt , weil sie ihres Königthums gewiß ist ; aber die Magd sträubt sich , weil sie für etwas Besseres gelten mögte als was sie ist . « Diesen Brief beantwortete Astrau nicht . Bis er bei ihm anlangte mogte er Arabella , welche die eigentliche Veranlassung unsrer Correspondenz gewesen war , bereits ganz vergessen haben . Sie starb im Spätherbst desselben Jahres . Das Leben hatte ihre Kräfte zu sehr aufgeregt um sie nicht zu verzehren , als sie keinen Gegenstand fanden an dem sie sich üben konnten . Sie starb an Erschöpfung in ihrem achtundzwanzigsten Jahr . Zu der Zeit wußte Astralis schon nicht mehr , daß sie eine andre Mutter gehabt als mich . Sie wuchs zwischen uns auf als mein italienisches Pflegekind - wie meine Hausgenossen sie nannten . Ereignisse gab es in jener Zeit gar nicht , also keine äußere Veranlassung zu Glück oder Unglück . Mein Schwiegervater brachte alljährlich im hohen Sommer vier Wochen bei mir zu . Dann gab ich zu seinem Empfang und zu seinem Abschied zwei große steife langweilige Diners , zu denen sich meine wenigen Nachbarn zwei bis drei Meilen weit herbemühten . Ab und an mußte ich auch ihre Einladungen annehmen , was denn freilich eine große Plage war ; denn zwei Stunden brauchte ich zur Hinfahrt , zwei Stunden saß man an der Tafel , eine Stunde trank man Kaffee und ging man im Garten spazieren , und zwei Stunden währte die Heimkehr . Das gesellschaftliche Landleben in Norddeutschland ist auf einen ceremoniösen , steifen Fuß gesetzt , der Alles erdrückt was man Vergnügen nennen könnte . Da man sich nie anders als in Galla und bei Tafel sieht , so tritt man nie aus einer förm- und feierlichen Stimmung zu einander heraus . Möge man zehn Jahr im sogenannten nachbarlichen Verkehr gelebt haben - dennoch kommt man immer wie Fremde zusammen . Das Familienleben wird dadurch gehegt , spricht man , und das ist gewiß ein großer Vorzug . Ich leugne es nicht ! ich sage nur daß jene Geselligkeit mir schwerfällig erschienen ist und höchst reizlos . Mein Verkehr war lebhafter mit den Personen zu denen ich als Herrin von Engelau in Beziehung stand . Wie das zur Zeit meines Vaters gewesen war , so richtete ich es wieder ein : an jedem Sonntag speisten meine beiden Pfarrer , mein Arzt , mein Gerichtshalter , und etwa ein oder zwei Pächter mit ihren Frauen und Töchtern bei mir . Das war kein eleganter und kein geistreicher Zirkel ; aber er war hausbacken praktisch . Ich lernte durch ihn Verhältnisse , Zustände , Ansichten und Bedürfnisse kennen , die mir sonst fremd geblieben wären - was immer ein Mangel ist ; und hauptsächlich lernte ich Theilnahme gewinnen für das Leben im kleinen Zuschnitt , an welchem man , wenn man es größer und weiter gekannt hat , so leicht wie an etwas Geringem und Kleinlichen vorübergeht - und das ist ein großer Gewinn . Man kommt durch ihn zur Erkenntniß der einzigen Gleichheit , welche zwischen den Menschen etwas Andres als ein Phantom ist : zu derjenigen , daß , welchen Platz der Mensch auf der socialen Leiter einnehmen möge , Licht und Schatten wird ihn immer umgeben , und immer werden sich Licht und Schatten ungefähr die Waage halten . Das soll nicht heißen , man dürfe nun gleichgültigen Auges auf Leid und Elend und Armseligkeit blicken . Nein , im Gegentheil ! es ist eine dringende Auffoderung , so viel an uns ist den Mangel an gleicher Vertheilung von Licht und Schatten zurecht zu rücken , damit dieser nicht jenes überwuchere - denn der Schatten wird ohnehin nimmer fehlen . Was ging mir ab um mich in diesen friedlichen Verhältnissen glücklich zu fühlen : freiwillige Beschränkung - denn ich war nicht vernünftig ! Resignation - denn ich war nicht fromm ! Ich sprach zu mir selbst : Du erfüllst Deine Pflicht , Du thust das Gute , Du suchst es in Andern zu wecken und zu fördern - warum giebt Dir das denn nicht Befriedigung ? Wo das Leben ein klarer stiller reiner Bach ist , sollte da der Durst nicht aus dessen Wassern gelöscht werden können ? - - O mit welcher heimlichen trostlosen Verzweiflung that ich mir nicht tausendmal diese und ähnliche Fragen . Ich vergaß nur daß ich meine Befriedigung nicht da suchte wo ich sie hätte finden können , weil ich fortwährend von einem idealen Glück träumte - und meinen Durst mit einem Nectartrank stillen wollte , der freilich aus meinem Bach nicht zu schöpfen war . Inzwischen lernte ich fleißig und gern - wenigstens in den beiden ersten Jahren . Da waren mir die Sachen noch fremd genug um mich durch den Reiz des Unbekannten zu locken . Geheimnißvolles Licht spielte über der untergegangenen schönen Alterthumswelt , wie über vergrabenen Schätzen blaue Flämmchen tanzen . Aber je mehr ich die Schwierigkeit des Studiums überwand , desto mehr schwand auch jener Reiz . Ja , ich las mit großem Vergnügen Homer und Sophokles ; ja , ich folgte mit tiefem Interesse der antiken Weltanschauung - allein mit dieser nämlichen , gleichsam unpersönlichen Freude , hatte ich auch Shakspeare , auch Dante gelesen . Der Horizont welcher sich um die Geschichte der Menschheit wölbte wurde weiter ; aber mein blödes Auge kehrte immer wieder zu dem eigenen zurück , den es , trotz dessen Enge , nicht überblicken lernte . - Und dann erschrack ich auch vor dem ungeheuern , titanischen Ringen des Geistes zu allen Epochen , in allen Religionen , unter allen Formen , welches - was Glück spenden und Glück genießen betrift - so geringe Resultate gehabt hat . Jeder Mensch muß sein eigenes Leben von der Wiege bis zum Sarge durchleben ; Einer wie der Andre muß die Befangenheit der Kindheit , den Rausch der Jugend , die Erkenntniß reiferer Jahre , die Hinfälligkeit des Alters willenlos erleiden , und die Freuden , Leidenschaften , Erfahrungen und Schwächen , welche mit diesen vier großen Epochen verbunden sind , willenlos annehmen . Er kann sie ein wenig modificiren und ordnen - darin besteht sein freier Wille ! - aber er kann nicht heraus aus dem Bannkreis der Natur . Wenn er Alles liest was über das Glück geschrieben ist - Alles thut was Andre gethan haben um glücklich zu sein - Alles studirt und bewundert , wodurch Andre das Glück erstrebt oder erlangt haben : so hilft das gar nichts , sobald er nicht seine volle ganze Seele mit in den Kauf giebt und daran setzt . Es ist mit dem Glück wie mit dem Reich Gottes von dem geschrieben steht : » Siehe , es ist inwendig in Euch . « Und eben darum verhilft uns die ganze majestätische Erscheinung einer vieltausendjährigen Weltgeschichte nicht dazu . Bei der Mathematik war mir nun vollends zu Muth wie dem Fisch auf dem Trocknen ! Ich , die immer auf den Grund der Dinge losging , die sich nicht abfertigen ließ mit der äußern Erscheinung sondern den Lebenspunkt in ihr suchte - ich hatte mir von der Mathematik ich weiß nicht welche Grunderkenntniß alles Daseins versprochen - ich weiß nicht welche Wissenschaft , die mir das Räthsel der Natur , den Zusammenhang zwischen dem Endlichen und Unendlichen , offenbaren würde ; - und statt dessen fand ich eine Methode , welche die Auffindung der quantitativen Verhältnisse der Dinge erleichtert . Indessen - ich hatte mir vorgenommen drei Jahr lang Mathematik zu treiben ; und ich that es - aber immer matter und matter . Hätte mein guter alter Müller nicht seine Bewunderung und Freude der ersten Zeit allmälig in Wolwollen für mich verwandelt , so vermuthe ich , daß er sich mit gänzlicher Nichtachtung von seiner ignoranten und oberflächlichen Schülerin abgewendet haben würde . Die Tage vergingen ; mit ihnen die Zeit sehr schnell , zu schnell . Ich habe nie begreifen können warum die Menschen so oft freudig sagen : Schon wieder sechs Monat vorüber ! man merkt gar nicht wo die Zeit bleibt ! - - Ist denn das ein Vorzug daß sechs Monat wie sechs Stunden vergangen sind ? Im Gegentheil ! ein Mangel ists , eine Leere ! - Nichts hat Epoche gemacht , nichts ist geleistet , nichts erstrebt worden ; keine ernste Mühe , kein hoher Genuß bezeichnet die Tage . Ein Winter ist durchgemacht , etwa wie die Pflanzen im Gewächshause , in gemüthlicher Ungestörtheit . Ist es das was den Menschen erfreuen soll ? - Wol giebt es Perioden , die einen merkwürdigen Anstrich von Monotonie haben ; aber unter ihrer stillen Hülle ist die Menschenseele in großer , rastloser Thätigkeit , und hören sie auf , so zeugen die Resultate von derselben - wie die wegschmelzende Schneedecke das grüne Saatfeld zum Vorschein bringt , das während der kalten starren Winterruhe sich festgewurzelt hat . Eine Zeit die uns nichts bringt , nichts gewährt , oder die wir so wenig zu nützen und auszufüllen verstehen , daß weder ihre Gegenwart noch ihre Erinnerung anders in unsrer Seele zählt , als eine Aneinanderreihung von Tagen - ist mir immer als eine verlorne erschienen . Und so kamen mir jene Jahre vor . Das wollte ich zuweilen nicht in mir aufkommen lassen . Ich rechnete mir vor , was ich gelernt , was ich gethan ; dann zog ich die Summe und die war : Nun ja ! aber was geht das mich , meine innerlichste Bedürftigkeit , an ? - Ich trieb Spiegelfechterei mit der Annehmlichkeit so Manches zu wissen , was Anderen viel Kopfbrechens koste , und was ich Alles so hübsch zu lesen , zu begreifen , zu erklären verstände ; und wenn ich mir Mühe gab so recht damit einher zu stolziren , verfiel ich in ein bittres trauriges Lachen , das mich fragte : Also ist es mit Dir schon zu dem letzten Stadium bettelhaften Dünkels gekommen , daß Du zu Papierfetzen greifst um Dir daraus einen Staatsrock zu schneidern ? - Oder ich überdachte das sogenannt Gute was ich geleistet , woran die Menschen so viel Vergnügen zu finden pflegen . Nun ja ! ich hatte mich der Glücklichen und Unglücklichen , der Verabsäumten und Verwahrlosten angenommen ; ich hatte in meinem Kreise Keinem das Leben schwer - Manchem es leichter gemacht ; ich hatte vielleicht einige Veranlassung mit mir zufrieden zu sein ; o mein Gott ! das machte mich erst recht traurig - denn wo lag die Befriedigung wenn nicht in jenem Bewußtsein ? - Ich verfiel in einen fürchterlichen Zwiespalt , weil sich mir die Frage aufdrängte : Ob nicht das Böse und das Unrecht einen größeren Reiz gewähren indem sie in eine Spannung versetzen , welche man bei Verfolgung des Guten nicht findet ? und ob die Stürme welche Kampf und Widerstand mit sich führen , nicht einen größeren Aufschwung des inneren Lebens erzeugen , als so ein negativer Friede ; - denn Schwung , der war es doch hauptsächlich , der Trank der Begeisterung ! nach dem ich lechzte ; und war der zu theuer erkauft durch die Region der Gewitter in welche sein Rausch uns zu schleudern pflegt ? - - - Und während dies Alles in mir tobte , wühlte , grollte , arbeitete - nahm ich Lectionen der Mathematik und andrer vortreflicher Dinge , die mir ein Greuel waren ! und gab meiner armen Benvenuta Lectionen der englischen Sprache , die ihr wiederum ein Greuel waren . Die Schulmeisterei riß dermaßen in meinem Hause ein , durch mein Beispiel angespornt war Jeder so eifrig zu lehren und zu lernen , daß mir Astralis als die Einzige von uns welche noch nicht den Wissenschaften oblag , beneidenswerth erschien ; und daß ich dem Himmel dankte mich nur auf drei Jahr und nicht auf drei Jahr und drei Tage den Studien angelobt zu haben . Denn in diesen drei Tagen hätte ich ohne Zweifel närrisch werden müssen und meine Umgebung mit mir , meinte ich . Letzteres war aber mit nichten der Fall . Herr Becker und meine Gesellschafterin Fräulein Mathilde hatten sich durch Philologie und Musik die Seele nicht absorbiren lassen , sondern sich mit einander verlobt - was mir , obgleich Beide blutarm waren , unendlich vernünftig und erfreulich vorkam . Ich fragte ihn lächelnd , ob er nicht fürchte daß sein Apostelamt der Gräcisirung in den Schatten treten würde neben den Pflichten des Hausvaters . Er entgegnete ebenfalls lächelnd : ihn wolle jezt bedünken als sei die Familie eine eben so trefliche Schranke gegen Barbarei als das Griechenthum , und er wolle es lieber auf beide Weisen versuchen - worin ich ihn mit Aufrichtigkeit und Theilnahme bestärkte . Sogar Herr Müller hatte bei mir einen Fortschritt wenn nicht in der Wissenschaft doch so zu sagen im Menschenthum gemacht , indem er sich ganz unsäglich für die polnische Revolution , ihre Anhänger , ihre Auswanderer , interessirte . Der Grund war nämlich - Copernicus ! Er fand es nicht zu viel wenn ganz Europa diesen Mann in seinem Volk geehrt hätte , und aufgestanden wäre zu dessen Wiederherstellung . Mit dem unsterblichen und unvergleichlichen Verdienst dieses Mannes könne Keiner in die Schranken treten , denn er habe durch sein System , worin die Erde sich um die Sonne drehe , doch zuerst Ordnung in die Welt gebracht und diese gleichsam erst auf die Füße gestellt . Er seines Theils könne nicht begreifen , daß die Menschen bei einem so grundfalschen Princip wie die Bewegung der Sonne um die Erde , nicht ihrerseits in die größten Verkehrtheiten verfallen , und etwa auf allen Vieren umhergewandelt oder auf den Köpfen umhergehüpft seien . Freilich wisse man auch nicht was in den germanischen , hercynischen und sonstigen Wäldern passirt sei ! und daher sei es ein Greuel des Undanks nicht vor einem Volk auf den Knien zu liegen , das einen Copernicus geboren . Das System ging dem alten wunderlichen Mann über Alles , und von allen menschlichen Empfindungen war es nur die Dankbarkeit , welche seine mumificirte Seele vor gänzlicher Abtödtung rettete . Mit einiger Freude nahm ich wahr , daß dies Gefühl bei mir in ihm wach geworden sei . Sah ich mich überhaupt in meinem Kreise um , so konnte ich mir nicht verhehlen , daß mehr oder weniger alle Menschen die ihn bildeten sich in ihrer Weise entwickelt hatten ; und nur ich selbst machte eine Ausnahme . Bei den günstigsten äußern Bedingungen fehlten mir nach wie vor Glück , Ruhe , Sammlung - Alles was nothwendig ist um jene schätzen und genießen zu können . Der Gedanke daß meine drei Studienjahre zu Ende gingen mit dem nächsten November , bereitete mir einerseits ein unsägliches Wolbehagen ; - wie erlöst kam ich mir vor ! Jedoch auf der andern überschlich mich ebenso namenlose Angst womit dann - ich sagte nicht die Zeit , denn die blieb leer ! aber die Stunden , aber die Tage , auszufüllen sein mögten . Nur nicht mehr lernen und lesen ! - war ein Hauptwunsch ; nur nicht mich langweilen ! war ein zweiter . Wol fielen mir Reisen ein ; doch wohin ? mit unbesieglicher Bestimmtheit lockte mich kein Ort und keine Stätte in der weiten Welt . Sollte ich mich selbst , und Benvenuta und Astralis mit mir ins Blaue herum schleppen ? Darin lag für mich keine Erquickung , und vielleicht ein Nachtheil für die Kinder ; also war ich entschlossen in Engelau zu bleiben - nur hätte ich gern Menschen um mich gehabt , verschieden geartete , verschieden gebildete Menschen , die das Leben verstanden - nicht ihr Fach , ihre Wissenschaft , ihre Kunst , u. dgl. mehr . Ich setzte mich eines Tages plötzlich hin und schrieb : » Meister Fidelis , wo sind Sie in der Welt ? Wie oft seit Jahren thue ich Ihnen in Gedanken diese Frage , und wie traurig war mir ' s oft , daß Sie mir nie darauf geantwortet haben . Vielleicht haben Sie ' s gethan in derselben Weise wie ich Sie fragte ; aber die Geister , durch die Körper von einander abgesperrt , können sich nicht verständlich machen und in trauriger Einsamkeit schleicht Jeder dahin und wähnt sich vergessen . Sie haben es schlecht auf dieser Welt , die Geister ! wie Sennen auf Bergeshöhen kommen sie mir vor ; durch Klüfte und Abgründe sind sie unüberwindlich von einander getrennt , und von ihrem Dasein zeugt nichts als der schallende Laut den sie zuweilen ausstoßen wenn ihnen die Seele übervoll ist . Ob übervoll von Lust oder Leid , von Angst oder Jubel , von Jammer oder Seligkeit - das hört man nicht heraus ! O Fidelis , was ist das aber für eine unharmonische Welt in welcher die Frage ohne Antwort , und der Grundton ohne Terz bleibt . Statt in majestätischen Harmonien zu erklingen , verursacht sie uns eine Art von gellendem Ohrensausen , aus welchem Dissonanzen häufiger aufkreischen als Melodien emporschweben . Da bin ich ja bei der Musik angekommen , von der ich mit Ihnen zu reden habe . Ich bitte , schaffen Sie mir einen tüchtigen Musiklehrer für meine Tochter , der außer den erfoderlichen Kenntnissen und Fertigkeiten eine musikalische Seele habe . Das ist selten , ich geb ' es zu ! Zum Handwerk und Broterwerb durch Musik braucht man weder eine musikalische noch sonstige Seele , nur gleisnerische Geschicklichkeit . Aber ich weiß nicht .... es ist etwas so Ausdörrendes , Saftloses in diesen Geschicklichkeiten , daß ich mich fürchte sie meiner Tochter quasi einimpfen zu lassen ! Die mit ihnen behafteten Menschen kommen mir vor wie die Chinesen : petrificirt in ihrer wundersamen Geschicklichkeit , daher unerquicklich wie alle Curiositäten , welche stets einen linden Beischmack von Monstrosität haben . Also schaffen Sie mir einen Lehrer nach meinen Andeutungen , lieber Meister , und schreiben Sie mir einmal . Vielleicht ermuntert mich das . Meine vereinsamte Seele verfällt immer tiefer und tiefer in einen murmelthierartigen Winterschlaf , aus dem es nur für das Thier , nicht für den Menschen ein Erwachen giebt . Wird der Mensch kalt und müde bei seiner Winterwanderung , und läßt er sich gehen an die Erschöpfung : so schläft er ein - und stirbt . Ich suche mich zu vertheidigen gegen diesen Tod ; allein es wird mir schwer . Helfen Sie mir ! und leben Sie wol . « Nach Rom schickte ich diesen Brief an die Adresse unter welcher ich Sedlaczech seine Pension seit unsrer Trennung in Venedig beständig zahlen ließ . Ich wartete lange auf die Antwort . Endlich kam sie - und zwar aus Hamburg . Er selbst brachte einen jungen Italiener und fragte an , ob er ihn nach Engelau begleiten dürfe . Meine Erinnerungen waren so stumpf und grau , daß ich mich kaum mehr seiner Verbannung durch Otbert entsann . Ich lud ihn ein so schnell wie möglich zu kommen , und er kam an dem für mich so ereignißreichen Tage Aller Seelen . Er wurde sehr gefeiert ; er war so wichtig für Engelau , denn er war mein und meiner Tochter Geburtstag . Sie wurde acht Jahr alt , ein schönes Kind mit den guten Augen und dem lieben Herzen ihres Vaters , aber still und verschlossen wie ich selbst es gewesen war . Am Morgen gab es Gesänge und Blumenkränze , am Abend Musik und Tanz . Ich hatte mich ein wenig ermüdet gegen zehn Uhr in mein Cabinet zurückgezogen , als plötzlich die Thür geöfnet ward und Sedlaczech eintrat . » Da sind Sie ! sprach ich bewegt . O Fidelis ! Gott segne Ihren Eintritt in dies Haus , das Haus meiner Väter und meiner Kindheit ! « » Er segne diesen Tag ! « entgegnete er und drückte meine Hand innig zwischen den seinen . Ich kehrte in den Salon zurück um den Italiener Herrn Mezzoni zu begrüßen . Philologie und Mathematik sollten morgen auswandern , und statt