meinem Herrn zu mißfallen , spreche ich es geradezu aus , es ist meine Pflicht als Mitglied Eures Geheimrathes , wenn die Seele von einem Gegenstande erfüllt ist , sollte sie auch alle Kräfte ihm widmen . Wie lange hat sich ' s nun schon hingezogen , daß die Mark einer Universität entbehrt , weil Euer erlauchter Vater von zu vielen andern kleinen lästigen Sorgen gedrückt war . Ob die Straßen fahrbar , ob sicher sind , ob die Zölle gut verpachtet , ob die Bierziese richtig eingeht , dafür können andere sorgen , aber das geistige Wohl Eures Volkes zu bewachen , zu diesem hochheiligen Geschäfte weiß ich nur Einen , der fähig ist , und jeder Augenblick , den er zu anderen Beschäftigungen abstiehlt , ist ein Raub . « » Ein Fürst soll seine Augen überall haben . « » Und doch ist er nur ein Mensch . Indem er Alles selbst sehen , nichts seinen Getreuen überlassen will , sieht er oft das Wichtigste nicht . Da ist es denn geschehen , daß Kursachsen uns zuvorkam , Wittenberg ist gegründet und wir wollen noch Frankfurt bauen . « » Mein Frankfurt soll Wittenberg überflügeln . « » Aber schon entging uns der gelehrte Dr. Simon Pistoris . Er bleibt nun in Leipzig , weil sein Gegner der Dr. Pollicius , nach Wittenberg gegangen . Diese Säule von Gelehrsamkeit , die allein eine Universität getragen , dieser erste Arzt Deutschlands , ist uns verloren . « » Ich meine , wir haben dafür einen andern , bessern gewonnen , « sprach der Kurfürst mit freudestrahlenden Blicken , indem er ein eben eröffnetes Schreiben dem Ritter vorlegte . » Wimpina kommt . « Lindenberg las und blickte mit dem Ausdruck der Ueberraschung und Freude auf : » In der That , das hatte ich nicht erwartet . Das ist ein Gewinn ! « » Ein ungeheurer , sage ich Dir , Lindenberg . Eine Schule , auf weltliche Weisheit gegründet , ist ein halbes Werk ; in Pistoris verloren wir einen großen Arzt des Leibes , in Dr. Koch gewinnen wir einen Arzt des Geistes , eine Säule der Kirche , den ersten Theologen Germaniens . Ich wünsche , Du kenntest seine gelehrten Streitschriften . Noch kein Gelehrter hat mit solchen überzeugenden Gründen , mit solchem göttlichen Feuer seine Gegner niedergedonnert . « » Koch-Wimpina ! « rief Lindenberg . » Derselbe , welcher in der Streitschrift gegen den Thoribäus die Zahl der Ehemänner der heiligen Anna , Christi Großmutter , feststellte3 , und mit welcher glänzenden Beredsamkeit ! Dr. Musculus las es in einer Abendgesellschaft bei Hofe vor , Eure Gnaden waren ja selbst zugegen . Ich darf gestehen , ich ging nie so erschüttert und erbaut nach Hause . « » Derselbe , Lindenberg ! Kommen wir noch zu spät ? « rief er triumphirend . Der Geheimrath verneigte sich tief . » Hast Du noch etwas zu sagen ? Hast Du noch zu tadeln ? Sprich es aus . « » Ich kann nur wiederholen , was mein Herr schon gesprochen . Eine hohe Schule ist wichtiger , als Alles . Der Geist , der von da aus über die Mark sich verbreitet , wie aus einem reichen , vollen Flusse Wassergräben und Rinnen , wird den trocknen , dürren Boden durchsickern und die Früchte der Zucht , Gesittung , der Ordnung und des Fleißes herstellen . So bessern wir am besten , so allein den Zank , Mord und Grausamkeit , von denen der erlauchte Johannes spricht . Aber nur wenn der Fluß selbst klares Wasser ist . Daß die Worte , die mein Fürst sprach , in Granit über der Thüre eingegraben würden : eine Schule , auf weltliche Weisheit gegründet , ist nur ein halbes Werk . Herr , mein Fürst , laßt Euch nie verleiten durch glänzenden Ruf der Gelahrtheit , beruft immer nur rechtgläubige Gelehrte , die Säulen werden der Kirche , nicht der weltlichen Wissenschaft . So nur wird Frankfurt hier aufblühen , wenn die Kirche hier ihre Säulen findet , wenn die Gelehrten festhalten an ihren Satzungen , unerbittlich in dem , was den weltlich Gelehrten eine Thorheit scheint . Wo ist denn die Grenze zwischen dem , was der Verstand begreift und der Glaube faßt , und der ketzerische Dünkel , daß ich es bekennen muß , ist von Alters in der Mark zu Hause : auch der Adel ist nicht davon frei , vielleicht daher die Verderbniß , die wir beklagen . « Joachim hatte ihn nur schwer ausreden lassen . » Thue ich es denn nicht ? « » Euer Wille ist gut , Eure Weisheit über alle Frage , aber dennoch weiß die Schlange unter allerhand Wegen in das Heiligthum zu dringen . Wer hat die Einsicht auf allen ihren Krümmungen ihr zu folgen ? Sagt man doch selbst von diesem Abt Trittheim - « » Was ! « » Er ist gewiß ein großer Gelehrter . Sei es auch fern von mir , zu zweifeln , daß er ein gläubiger Christ sei . Aber man meint doch , daß er für einen Christen sich zu sehr in die Naturwissenschaften vertieft . Da spricht man von wunderbaren Dingen - « » Ich weiß es . Das dumme Volk hält jeden für einen Zauberer , der in ihre Geheimnisse zu dringen sucht . « » Auch in die verbotenen , Herr ? « » Die Naturwissenschaften sollen frei sein . Das will ich , Lindenberg . Da sind noch Dinge verborgen , die wir aus tiefen Schachten fördern müssen , wie das Gold , das erst in der Sonne glänzt . Da muß man den Arbeitern freie Hand lassen , zur Ehre Gottes . Und schützen muß man sie gegen das Volk . Das ist Fürsten Pflicht . Ich will das Licht . Was senkst Du die Augen ? « » Ich will es glauben , daß der Abt Trittheim kein Zauberer ist , da mein Herr es mich versichert - « » So wenig als ich es bin4 . « » Aber ich will es nicht für gewiß behaupten , doch hörte ich es von sicheren Leuten , er deutete an der Geschichte von Josua und der Sonne . Das Scheinbild der Sonne habe nur stillgestanden , die Sonne aber sei weitergegangen . « » Trittheim ! - Nein , das darf er nicht . An den Grundfesten der Religion darf auch die Wissenschaft nicht rütteln . Beruhige Dich , Lindenberg , ich werde mit ihm darüber sprechen . Er wird sich von seinem Irrthum überzeugen lassen . « » Er wird es , davon bin ich überzeugt . Mein gnädigster Herr , vielleicht beleidige ich Eure bessere Einsicht , ich spreche ja nur als Laie , aber verzeiht mir oder verdammt mich , ich konnte nicht anders . « Mit dem Ausdruck immer steigenden Wohlgefallens hatte der junge Fürst ihm zugehört . Er faßte seinen Arm : » Lindenberg , das ist gesprochen wie - « Er unterbrach sich selbst , wie von einem plötzlichen Entschluß durchzückt , und eilte nach einem kostbar mit Elfenbein ausgelegten Nußbaumschrank , dessen schweres Schloß er aufdrehte . Aber ebenso schnell ließ er es wieder ruhen : » Nein , nicht hier , morgen vor dem ganzen Hofe will ich Dir meinen - werde ich Dir antworten . « Mit einem gnädigen Kopfnicken entließ der Fürst den Geheimrath . Er ergriff noch einmal das Testament des Vaters und las die Stelle : Straf die Schmeichler , die Alles Dir zur Liebe und nichts zu des Landes Wohlfahrt reden . Wirst Du ihnen folgen , so wirst Du Deine klugen Räthe verlieren . - Des Schmeichlers Rede gleichet dem Schlangengifte , welches im süßen Schlaf zu Herzen dringt und den Tod wirkt , ehe man es gewahr wird . Indem er das Pergament wieder in den Schrank verschloß , sprach der Kurfürst Joachim : » Gelobt sei der Herr , ich habe einen Rath , der kein Schmeichler ist . « Fußnoten 1 Albrecht , der nachmalige Erzbischof von Magdeburg und Kurfürst von Mainz , Tebel ' s und der Wissenschaft Beschützer . 2 Diese und die folgenden gesperrt abgedruckten Sätze wörtlich aus Johannes Cicero ' s Testament . 3 Factum , wie auch die übrigen Anführungen . Koch Wimpina , als Rector der Universität Frankfurt , nachmals der größte und wirksamste Gegner der Reformation in der Mark . 4 Weil Trittheim seine Zeitgenossen an Kenntnissen übertraf und auch in den sogenannten geheimen Kenntnissen der Sternkunde , in der Physik , Chemie und Arzneikunde bewandert war , wurde sowohl er , als sein Schüler , der Kurfürst , von Vielen für einen Schwarzkünstler gehalten . Vierzehntes Kapitel . Die Macht der Ueberzeugung . Es war großer Markttag in Berlin . Aber wo die Verkäufer und Käufer ihre Köpfe zusammensteckten , war ' s nun bei den Tuchen aus Brandenburg und Burg , oder bei den Stiefeln aus Kalau , oder dem süßen Gebäck aus Spandow , oder den Kochlöffeln und Quirlen und den Honigwaben , welche die Wenden aus Beeskow und Storkow feilboten , überall gab es nur eine Neuigkeit , die besprochen ward . Ein Raubritter war gefangen worden und in Ketten eingebracht und sollte gerichtet werden . Ein Bredow war es , und der Bredow von Hohen-Ziatz , das wußten Alle ; aber was er gethan , wie er gefangen , ob er allein für sich stand , oder im Bunde mit Vielen , darüber liefen so verschiedene Erzählungen um als Berlin und Köln zusammen Einwohner hat . Eine war immer schreckhafter als die andere , wie der Kurfürst gewüthet und sich die Haare gerauft und geschworen , er wolle ihn an den höchsten Galgen hängen lassen . Waren die Bürger und die von draußen uneins , ob sie darüber sich freuen oder klagen sollten , - denn Einige meinten , es sei doch schade , daß es gerade den Götze Bredow getroffen - so sah man dafür nur zornige Gesichter unter den Herren , die vom Lande gekommen . Sie steckten die Köpfe zusammen in den Schänken und Gaststuben , die Augen rollten und die Fäuste schlugen auf den Tisch . Was da geflüstert ward , die Flüche und Drohungen , die von den Lippen quollen , wie Jener über die Tafel spie und mit dem Fuß auftrat , daß die Tischbeine knackten ; es war gut für die Herren und das Gemeinwohl auch , daß es dazumal noch keine Horcher gab , und gab es deren , daß die Angeber nicht bezahlt wurden , die nichts hinterbringen konnten als Worte . Davon wären heutzutage Berge von Acten geschrieben und Processe geworden , die hätten lange Jahre gedauert , ja , es hätte nicht Dinte genug gegeben , noch Papier , um Alles zu schreiben , noch hätte die Mark so viele Festungen gehabt , um Alle , die verurtheilt wären , einzusperren . Auch dazumal kamen die Worte bis zu den Geheimräthen und Kanzlaren und den Fürsten selbst ; die aber dachten Einer wie der Andere : Worte sind Wind . Der kommt und geht , und der ist ein Thor , der den Wind fassen will . Und darum ward es nicht schlimmer . Den Kurfürsten aber nannten seine Zeitgenossen und Nachkommen : Joachim Nestor oder Joachim den Weisen.1 Durch ' s Spandauer Thor kamen an die Hundert geritten , in Wehr und Waffen und sahen gar nicht freundlich aus . Es waren die Bredows von Friesack mit ihren Lehnsvettern und Lehnsleuten . Jeder wußte , um was sie kamen und verargte ihnen nicht ihre bösen Blicke , aber es ward darum keine Trommel gerührt , noch schickten die kurfürstlichen Offiziere in ' s Schloß , daß man sich vorsehe , ja die Wache am Thor trat nicht einmal in ' s Gewehr . Die Bredows ritten nach ihrem Hause am hohen Steinweg , um da zu rathschlagen , was zu thun sei , und man fand das gut und ließ sie rathschlagen , so viel sie wollten ; erst wenn sie etwas gethan , das nicht gut war , dann war es Zeit , daß man nach ihnen fahndete und richtete . An seinem Fenster aber sah sie der Herr von Lindenberg vorüberreiten , und sein blasses Gesicht ward darum nicht freudiger . Man sah ihm an , daß er die Nacht wenig geschlafen , sein Morgentrunk stand auf dem Tische fast unberührt : sein buntes , glänzendes Hofkleid schien wie ein Spott zu seiner Miene . An seiner Thür klopfte es , und herein trat der Dechant von Alten-Brandenburg . In Beider Blicken sprach sich etwas aus , was keiner Verständigung durch Worte bedurfte . Da bedarf ein Gespräch keiner langen Eingänge . » Wir haben wohl Beide Eil ' « , sagte der Herr von Lindenberg . » Es freut mich , daß mein gnädiger Herr von Lindenberg zu Hofe sein muß , so kostet das , warum ich ihn bitte , keinen besonderen Gang . « » Ihr kennt , wie ich , den unbiegsamen Charakter meines Herrn . « » Auch wenn der Herr von Lindenberg es auf sich nimmt , diesen Sinn zu beugen ? Wir haben alle Beweise gesammelt , die Zeugen sind unterwegs , daß Herr Gottfried in jener Nacht geschlafen hat . « » Sagt lieber , daß er zu Bett gegangen und spät am Morgen aufgestanden ist . Der Kanzler wird entgegnen , daß damit nicht das Alibi erwiesen , daß es eine oft vorgekommene List derer ist , die Nachts ausziehen , sich Abends vor den Leuten zu Bett zu legen und Morgens vor den Leuten aufzustehen , derweil man in der Nacht durch die Fenster schlüpft , an einem Seil über die Mauer gleitet und auf der Koppel ein gesattelt Pferd findet . Da kann man denn auch schwören , daß das Thor verschlossen blieb . Uebrigens wißt Ihr , was die Zeugnisse der Dienstleute und Freunde in solchen Dingen vor Gericht gelten . « » Auch mein Zeugniß ! « sprach der Geistliche mit einem scharfen Blick auf den Ritter . » Ich komme eben von einem Krankenlager . Es war ein jammervoller Anblick , den edlen Herrn von Krauchwitz zu sehen , wie er vom Fieber und unaussprechlicher Angst geschüttelt , alle Heiligen anrief , sich seiner zu erbarmen . Etwas ruchlos sonst in seinen Gesinnungen , schien doch die Gnade plötzlich zum Durchbruch gekommen . Eine rechte Freude war es , einen solchen Sünder in zerknirschter Buße der Kirche wieder gewonnen zu sehen . Auf seinen Knien , die Hände krampfhaft faltend - « » Herr Dechant , « unterbrach ihn der Ritter aufspringend , » Ihr seid ein Diener der Kirche , Ihr kennt Eure heiligen Pflichten . Ein Priester , der das Geheimniß der Beichte bricht , und gält ' es des Kurfürsten Leben , Joachim vergiebt es ihm nimmer . « » Nicht in der Beichte , als Freund vertraute mir der Junker , was er wußte . Mich bindet nichts , als - meine Vernunft , wenn ich alle Schritte thue , die Freundschaft und Religion mir gebieten , die Ehre und das Leben eines unschuldigen Freundes zu retten . « Sie standen sich gegenüber , der Ritter mit gekreuzten Armen , der Geistliche die Hände in den Aermeln verschlungen , und maßen sich mit ihren Blicken : » Sprecht ! « sagte der Geheimrath mit vollkommener Ruhe , das Auge scharf auf den Priester , der seine Augen jetzt auf der Diele ruhen ließ : » Der Rechtsstreit unseres Domcapitels über die Caveln und die Fischerei in den Havelseen dauert schon Jahre und kann noch Jahre dauern , und wiewohl ich nicht zweifle , daß das Recht , welches auf Seiten des Stiftes ist , zu Tage kommen muß , so sind die Grävenitze doch leider jetzt im Besitz und - « » Und Ihr möchtet gern die süßen Karpfen , die Aale , Karauschen und Zander schon jetzt auf Eurer Tafel haben - Herr Dechant ! Ich bin nur der Vormund der Grävenitz ' schen Kinder . « » Als gerechter Vormund dürft Ihr aber doch kein Unrecht vertheidigen ; Ihr könntet Namens der unschuldigen Kleinen - « » Das ist viel gefordert , Herr Dechant ! « » Es steht bei Euch , was Ihr opfert und was Ihr gewinnt , abzuwägen . Ich spreche nicht für mich , nur im Auftrag des Capitels , das mir schon seit länger Vollmacht ertheilte . « Der Geheimrath schwieg eine Weile : » Der Kauf wäre für Euch zu vorteilhaft und mein Gewinn mehr als zweifelhaft . Mit den stummen Fischen stopfe ich nur den Mund eines Zeugen . Wo soll ich Fische hernehmen für die andern Mäuler ! So wie Euer Verstand Euch sagen wird , kann ich auf den Handel nicht eingehen . Ihr müßt zulegen , viel , das Beste . « Der Dechant schlug wieder die Augen auf : » Sprecht ! « » Götze war es , dabei bleibt , dabei muß es bleiben . Glaubt Ihr nicht , daß ich auch Beweise sammeln kann ? Ich habe auch Zeugen vorzuführen . Aber ich will einen besseren haben . Götze selbst soll es eingestehen . « Mit halb offenem Munde sah ihn der Geistliche an . » Wäre das so schwer ihn zu überreden , daß er eine That einräumte , die ihm vor den Menschen keine Schande macht ? Was ! hat nicht der Krämer beim Handel seine Leute über ' s Ohr gehauen , mußten diese nicht selbst Justiz an ihm nehmen ? Noch mehr , wie ich erfuhr , hat der Schelm von dem Trockenplatz des Herrn Leibkleid bei nächtlicher Weile fortgestohlen . Sollte Götz das ruhig hinnehmen ! Wenn er gesteht , will ich sein Advokat sein vor dem Kurfürsten . Und kein schlechter ; das glaubt mir . Nur ein Exceß in eigenmächtiger Selbsthülfe war es ; in die andere Wagschale thut man seinen guten Leumund , die ganze Ritterschaft tritt für ihn ein . Eine ritterliche Haft von ein paar Monaten , eine Geldbuße von ein paar Mark , die ich bezahlen will , und der ganze Bettel ist ausgeglichen . « » Gnädigster Herr , wer soll ihn dazu überreden ! « » Wozu seid Ihr Pfaff , wozu habt Ihr Logik studirt und die Beredsamkeit in Ingolstadt ? « » Wenn er bei gesunden Sinnen ist , Herr von Lindenberg - « » Auf den Götz kommt ' s nicht an , es kommt auf Euch an , ob Ihr bei gesunden Sinnen seid . « » Er ist zu ehrlich und wahrhaftig . « » Will ich denn , daß er lügen soll ? - Wenn er nicht geschlafen , wenn er gewußt hätte , daß der Krämer mit seinen Hosen durchging , würde er nicht gewüthet und getobt , würde ernicht , auch ohne Hosen , auf ' s Pferd sich gesetzt haben , und hätte er dann ihn sanfter gestreichelt ? « » Ich glaube kaum . « » So verständigen wir uns . Er schlief acht volle Tage , so glaubt Ihr , er , ich vielleicht auch ; aber thut der Mensch im Schlafe nichts ? Vegetirt , träumt er nicht , fährt er nicht auf , ja man weiß sogar , daß er auf Dächern spazieren geht ! - Ist ' s so schwer , ihm einreden , daß er das gethan , was er hätte thun müssen , was er bei freien Sinnen gethan haben würde ? Ehrwürdiger Herr , bedürfen denn nicht Menschen , wie er , immer eines Vormundes , wie denn eigentlich die Mehrzahl der Menschen nur nachspricht , was Andere ihnen vorsagen ? Worauf wäre das Regiment der Kirche begründet , als daß sie bei guter Zeit die Vormundschaft über die Unmündigen übernahm ? Diese Zeit möchte ihrem Ende sich nähern , da mancher Laie mündig wird . Es thäte daher gut , wenn die Kirche bei Zeiten vernünftig theilte , was sie nicht allein besitzen kann . « » Herr von Lindenberg , wir verstehen uns , aber die Aufgabe - « » Ist nicht so schwer , als sie aussieht . Kann Götz ein künstlich gewebtes , verschlungenes Redenetz rasch durchschauen ? Nein ! Kann er , darin gefangen , sich loshaspeln ? Vielleicht , wenn er wieder geschlafen hat und erwacht ist , und noch einmal geschlafen hat . Das mag er ; wir haben , was wir wollten . Auf dem Landtage hat er immer Nein gesagt ; aber der Landtagsmarschall wußte ihn so zu verstricken in seinen Reden , daß er immer glaubte , Ja gesagt zu haben , und als er aufwachte , stand es zu Papier und sein Name darunter . Ich sage Euch da nur sehr was Alltägliches , was auf jedem Landtag vorkommt , aber wollt Ihr minder klug sein als unser Landtagsmarschall ? « Der Ritter legte seine Hand auf des Dechanten Schulter und sah ihn mit durchdringender Freundlichkeit an . » Es wäre - aber - sein Weib - « » Wir haben es nur mit ihm zu thun . Sie ist in Hohen-Ziatz . Man hat Einlagerung nachgeschickt , damit nichts verschleppt wird . « » Versuchen will ich es , « sprach der Dechant mit gedämpfter Stimme , » in Anbetracht , daß das allgemeine Wohl - « » Um Gottes Willen laßt das aus Eurem Gebet . Fliegt jetzt nach dem Mühlenhof . Der Vogt von Hoym wird Euch ohne Zaudern einlassen ; Geistliche finden bei uns nirgend verschlossene Thüren . Der Hofprediger Musculus ist , wie ich höre , schon bei ihm . Sprecht wie Cicero , wie Sanct Johannes , singt wie Orpheus , aber in einer Stunde muß es geschehen sein . « Der Dechant ging . An der Thür faßte der Ritter noch einmal seine Hand : » Der Bischof Scultetus wird alt . Mir hat es nie gefallen , daß ein Bauernsohn , eines schlesischen Schulzen Enkel , den Bischofssitz von Brandenburg einnehmen durfte . Wenn ich dann noch in der Nähe des Kurfürsten bin , so seid dessen gewiß , daß nur ein Kurmärkischer von Adel zu dieser erhabenen Würde gewählt wird . - Herr von Krummensee , rechnet dann auf mich . « Er drückte ihm die Hand . Es wäre ihm gut gewesen , wenn der Dechant fliegen können , denn das Gedränge auf der Straße war groß , es war aber doch vielleicht besser , daß er nicht flog , sondern nur mit großer Anstrengung sich durch die Volkshaufen und Marktleute den Weg bahnte . Inzwischen hatte ihm ein Anderer auf unerwartete Weise bei dem Gefangenen den Weg in ganz anderer Weise gebahnt . Der Hof-Caplan Andreas Musculus , ein junger Priester , war auf Anlaß einer alten Frau von Bredow , die in Berlin lebte , zu ihrem gefangenen Verwandten gegangen , um ihm Trost einzusprechen oder seine Beichte abzunehmen . Sie hatten Vieles und lange mit einander gesprochen , und Musculus den gedrückten Mann noch durch keine zornschnaubenden Verwünschungen und Blicke auf seine Sündhaftigkeit niedergeschmettert , wie wohl der Priester Art ist . Vielmehr hatte er so aufmerksam ihm zugehört , wie ein Arzt , der einen Kranken , dessen Zustand ihm noch zweifelhaft erscheint , ganz aushören will , um alle Symptome zu erfahren , bis er sein Urtheil spricht . » Es muß mit dem Satan zugehen « , schloß der Gefangene , » ich kann mir ' s gar nicht anders denken . Bin mir doch keines Fehls und keiner Sünde bewußt . Die drei Wochen , daß wir Stände beim Landtage saßen , lieber Gott , da haben wir doch Alle nichts gethan , das weiß jedes Kind . Ihr nickt dazu . Dann kam der Festschmauß , da tranken wir auf des Kurfürsten Wohl und des ganzen kurfürstlichen Hauses , so lange wir stehen konnten , das ist doch keine Sünde ! Wie ' s unterwegs war , das weiß ich nicht . Dann kamen wir in Hohen-Ziatz an , das weiß ich noch . Sie brachten mich zu Bett , das wird Sonntag vor acht Tagen gewesen sein . Freilich , da konnte ich nicht zur Kirche . Wäre das etwa ? - Ihr schüttelt den Kopf . Und von da ab hab ' ich denn doch geschlafen , eigentlich bis ich wieder nach Berlin geholt wurde . Da fällt mir etwas ein . Meine Frau , die Brigitte , ' s ist ein gutes Weib , aber sie sagen , daß sie ein bischen freigeistisch wäre , ich verstehe das nicht . Wär ' s das etwa ? « Der Prediger schüttelte den Kopf : » Danach verlangt itzo Satan nicht . Strengt Euer Gedächtniß , lieber Ritter , vielmehr anderswo an . Habt Ihr immer geträumt ? « » Das wohl , ich weiß es nur nicht mehr recht . Einmal , das war kurios , stand ein langer Mann vor meinem Bette , im rothen Mantel , mit einem großen , blanken Schwert unterm Arme ; der fragt mich : Warum warst Du in Berlin ? - Ich sagte : Ich war ja Landstand . - Was hast Du da gethan ? fragte er . Ich sagte : Ich habe gegessen , getrunken , geschlafen , Ja gesagt und Vivat gerufen . Er sagte : Dazu brauchst Du keinen Kopf ! Und Schwipp , Schwapp , schlug er ihn mir ab . Er rollte unter ' s Deckbett , daß ich Mühe hatte , ihn wieder zu greifen . War das etwa der Gottseibeiuns ? « Der Prediger besann sich , aber schüttelte den Kopf : » Nein , lieber Mann , in der Gestalt zeigt itzo Satan sich nicht . Ich sage nicht , daß er sich nie so gezeigt , noch je so zeigen wird , allein das ist es nicht . « » Ich hab ' mir sonst so mancherlei Bedenken darüber gemacht . « » Das ist aber Satans Werk , lieber Herr von Bredow , daß er die Gedanken der Menschen ablenkt auf andere Dinge , damit sie seinen Spuren nicht folgen sollen , und das ist mein ganzes Studium , daß ich ihm auf der Fährte bleibe . Er ist gar nicht so stark , als die Theologen meinen , daß er überall Gott in seinen Werken die Spitze bieten könnte . Er neckt und hänselt die Erdenkinder nur durch seine Geister , daß sie ihm überall nachsetzen sollen , und so ihre Kräfte zersplittern , derweil er mit seiner ganzen Kraft , wie ein schlauer Feldherr , sich auf eine Festung , auf einen Landstrich wirft , um ihn unversehens zu überrumpeln . Hat er sich festgesetzt , da erobert , dann geht er weiter in Sprüngen und Sätzen , wie der Ryssel im Schachspiel , und da ihm zu folgen , das freilich kann nicht ein Jeder , er mag sonst sehr gelehrt sein . « Der Herr von Bredow faltete die Hände : » daß Gott dem Erbfeinde solche Macht gelassen hat ! « » Nur damit wir uns anstrengen sollen , nicht ihn zu überwinden , das ist leichter ; nein , ihn nur in seinen vielen Wandlungen zu erkennen und zu fassen . Ist das geschehen , so ist die Arbeit wahrhaftig nicht so groß . Ich könnte Euch bei mir zu Hause eine Karte zeigen oder einen Stammbaum , wo ich durch die ganze Historia mundi nachgewiesen habe , wie er auf Erden gegangen . Das sind Sprünge , das sind Winkelzüge , wie er die Menschen , ganze Geschlechter und Völker , beim Schopf gefaßt hielt . Er ist der beste Menschenkenner , das muß man ihm lassen . Was ihren Sinnen , ihrem Stolz , ihrer Eitelkeit schmeichelt , o da weiß er darein zu fahren , da sendet er seine besten Gesellen hin , da versteht er weiß schwarz und schwarz weiß zu malen , daß die Gescheitesten gefangen werden . Was die alten Griechen Ideen nannten , das war sein Steckenpferd . Hatte sich ein solches Gespenst der Menschheit bemächtigt , da war sein Acker und Pflug , da säete und erntete er , und unter seiner Sichel fielen Junge , Alte , Familien , ganze Generationen und Völker . « » Der Herrgott bewahre uns vor den Ideen ! « rief Herr von Bredow . » Ihr habt Recht ; diese Gefahr ist jedoch hier nicht nahe . Er hat hier seinen Anker anderwärts ausgeworfen , auf einen andern Acker , auf dem er die Menschheit so bethört , daß gar nicht abzusehen ist , was daraus werden soll , wenn nicht den Obrigkeiten endlich die Augen aufgeben . Das ist eine fürchterliche Macht : die Leute lachen darüber , wenn ich den Mund aufthue . Verbrenne ihn Dir nicht ! rufen die Spötter mir zu , Ihr mit Blindheit Geschlagenen , die Ihr Euch Morgens einhüllt in das Gewand der Sünde , sonder Arg , und es umstrickt Euch wie das Kleid der Dejaneira , Ihr raset und tobt , und derweil Ihr noch wähnt , frei und Christen zu sein , seid Ihr Sclaven des Beelzebub . « » Um der Gebenedeieten willen , was ist ' s ? « » Mein lieber Herr von Bredow , habet Ihr Euch jemals fangen lassen von der Hoffahrt und Sünde , dann soll ' s mich nicht Wunder nehmen , habt Ihr auch Pluderhosen getragen ? « » Ich ! « rief der Ritter . » Daß mich Gott behüte , nie that ich meinen Leib in solches Zeug . Seht hier - « und er klopfte auf sein Beinkleid , aber der Prediger ließ ihn nicht ausreden . » Lobet den Herrn ! Wahrlich ich sage Euch , denen , die Pluderhosen tragen , hat Gott es