gütiger Oheim . Ich habe weder Vater noch Tochter gesehen und weiß überhaupt Alles , was ich Dir jetzt gesagt habe , blos von einer dritten Mittelsperson , einem jungen schlanken Bauerburschen , der mich heut Morgen um Fürsprache bat . « » Aber Herta ! Du , ein Sproß des hochgräflichen Hauses von Boberstein , läßt Dich in Unterredungen mit schmutzigen Bauerburschen ein ! « rief die Gräfin und schob das Buch mit einer Bewegung des Abscheus zurück , um wieder nach ihrem schirmenden Fächer zu greifen . » Ach , beste Tante , der gute Mensch war nicht schmutzig , aber arm , recht sehr arm mochte er wohl sein , « versetzte Herta , betrübt die Augen niederschlagend . » Und was ist es denn Böses , wenn ich einen Unglücklichen anhöre ? An wen anders soll sich denn der Bedrängte wenden , als an den Mächtigern ? Die Starken sollen die Schwachen beschützen , sollen die Bösen im Zaume halten und sie zum Guten zwingen . Und wenn ich auch weder stark noch mächtig bin , so hat das arme Volk doch Zutrauen zu mir , weil ich es liebe und ihm helfe , wo ich es vermag . Und deshalb wenden sich die Bekümmerten an mich in der Hoffnung , daß ein bittendes Wort bei meinem braven , mächtigen Oheim Linderung ihrer Leiden bewirken könne . « » Du spannst meine Neugier , Mädchen , fast befürchte ich eine gewaltthätige , ungesetzliche Handlung , « sagte der Graf . » So dürfen wir das Geschehene wohl nennen , « ergriff Herta abermals das Wort und fuhr , immer leidenschaftlicher und zürnender ihre zarte Stimme erhebend , fort . » Der erwähnte Bursche Clemens liebt Sloboda ' s junge Tochter und will sie als Gattin heimführen , wenn Du Deine Einwilligung dazu gibst . Der arme Wende wohnt in einem entlegenen Dorfe , das zum Zeiselhofe gehört . Auf seines Vaters Gehöft war Röschen zu Besuche . Da wird die Dienstschau ausgeschrieben und der Gutsherr verlangt , daß das zarte Mädchen mit andern ihres Alters auf den Hof kommen soll - « » Er wußte gewiß nicht , daß sie fremd war . « » Dies wurde ihm gesagt und dennoch beharrte er auf seinem Befehle . « » Nun ? « » Die Wendin und ihre Verwandten weigerten sich , dem Befehle zu gehorchen - « » Und ? - Sprich , sprich , was geschah ? « » Der erzürnte Herr raubte das arme Kind mit Gewalt und schleppte es mit sich . « » Der Bube ! Wie heißt er ? Kennst Du ihn ? Kann ich ihn erreichen ? « » Ich sagte schon , mein guter Oheim , daß der Herr vom Zeiselhofe sich eine solche Gewaltthat erlaubt hat ! « » Das ist eine von den ekelhaften Erfindungen des Pöbels , « fiel die Gräfin ein , » wodurch er sich an dem Adel rächen will , weil er nichts besitzt . « » Wie ist das ! « sagte Erasmus mit zitternder Lippe und mit beiden Händen die gepolsterten Arme des Lehnstuhles umklammernd . » Herr des Zeiselhofes ist ja mein Sohn Magnus ! « » Der arme Clemens nannte bebend diesen Namen . « » Weiter , weiter ! « rief der Graf mit zornfunkelndem Auge . » Durch einen Zufall , den ich nicht näher kenne , entkam das Mädchen und flüchtete sich zu ihrem Vater . Dieser fürchtet aber , daß ihm sein Kind abermals entrissen werden könne und wünscht es deshalb unter Deinen oder - fügte sie lächelnd hinzu - wie der gute Bursche sagte unter meinen Schutz zu stellen . « » Hast Du ihm Hoffnung gemacht ? « » Der arme Mensch dauerte mich , bester Oheim . Er zitterte an allen Gliedern vor Furcht und Scheu und bat so inständig , so aus der rechten Schmerzenstiefe seines Herzens , daß ich mich seines verfolgten Bräutchens anzunehmen versprach , wenn Du mir Erlaubniß dazu gäbest . « » Sehr brav , mein Mädchen ! Doch was soll ich mit der Wendin beginnen ? « » Diese Sorge will ich Dir sogleich abnehmen , Herzensoheim . Aller Beschreibung nach ist Röschen hübsch und ich habe gern hübsche Dienerinnen um mich . Sie wird auch geschickt , lernbegierig sein , wie alle Wenden , und da hab ' ich mir denn vorgenommen , so lange sie in meinen Diensten bleibt , sie zu unterrichten und recht gebildet ihrem Bräutigam auszuliefern , wenn er sie als Hausfrau von mir zurückbegehrt . « » Gestatte dies nicht , ich bitte Dich , mein Freund ! « sprach die Gräfin . » Das Mädchen weiß in ihrer Tollheit nicht mehr , was sie verlangt , was sie zu thun im Begriffe steht ! Eine gebildete Leibeigene , mon dieu , wo soll das hinaus ! « Erasmus saß mir vorgebeugtem Oberkörper schweigend im Lehnstuhl . Er hielt den ausdrucksvollen Kopf etwas gesenkt und aus seinen düster zusammengezogenen Augenbrauen und der tiefen Furche , die sich von der Nasenwurzel an senkrecht bis in die Hälfte der hohen intelligenten Stirn hinauf zog , war zu ersehen , daß er ernstlich und grollend über den Vorfall nachdachte . Aengstlich und erwartungsvoll schwieg Herta , empört über die ihrer festen Ueberzeugung nach erfundene Geschichte die Gräfin . In der stillen Abendluft klang vom See herauf Stimmengeräusch , dann schlugen die Wolfshunde im Schloßhofe an und die Dienerschaft ward lebendig . Der Graf erhob langsam sein Haupt . Sein Gesicht war bleich , sein Blick ernst und entschlossen . » Herta , « sprach er , die Winke seiner grollenden Gemahlin nicht beachtend , » wenn Magnus dies wirklich gethan hat , dann wehe ihm ! Er hat mein Vaterherz hundertmal verwundet und immer verzieh ich ihm wieder , eine Schandthat aber , die mein reines Wappen beschmutzt , vergeb ' ich nimmer ! Ich verstoße , ich enterbe ihn . Er ist mein Sohn nicht mehr ! « Der Bediente trat ein . » Was gibt es für Geräusch im Schlosse ? « fragte die Gräfin . » Seine Gnaden , der Herr Graf Magnus , ist so eben angekommen , und bittet den gnädigen Herrschaften seine Aufwartung machen zu dürfen . « Bei diesen Worten trat Magnus in ' s Zimmer . Drittes Kapitel . Vater und Sohn . Ein zertrümmernder Erdstoß hätte keine größere Wirkung auf die kleine Theegesellschaft hervorbringen können , als die unerwartete Erscheinung des jungen Grafen . Erasmus wendete langsam sein todtenbleiches stolzes Gesicht nach dem frechen Sohne , ihn mit flammendem Blick betrachtend . Herta stand auf und verbeugte sich leicht vor dem Vetter , der mit zarter Anfmerksamkeit an die Gräfin herantrat und ihr ehrfurchtsvoll die Hand küßte . Nur von der Seite streifte sein Blick den alten Vater , dessen Aussehn und finstre Miene ihm sagte , daß er kein willkommener Gast sei . Dies hinderte ihn jedoch nicht , sein Auge mit brennender Lüsternheit auf der untadelichen Gestalt seiner schönen Cousine ruhen zu lassen . Magnus trug seinen alltäglichen modischen Reitrock und war überhaupt eben so fein als elegant gekleidet . Nur sein linkes Auge und die Schläfe waren jetzt mit einem feinen schwarzseidenen Tuche umwunden , was ihm ein lauerndes Ansehen gab . Der kecke Schlag Röschens mit dem silbernen Leuchter hatte diesen Verband nöthig gemacht . Da Niemand Anstalt traf , den Sohn des Hauses freundlich zu begrüßen , und selbst die Mutter nur einen » guten Abend , lieber Sohn ! « zu flüstern wagte , schwellte der Zorn seine Adern . Er trat hart an den Lehnstuhl des Vaters und fragte höflich-kalt : » Sollte ich vielleicht einen wichtigen Familienrath stören , mein Vater , so bin ich erbötig , mich zurückzuziehen und zu gelegnerer Stunde um eine Unterredung mit Ihnen zu bitten . « » Kommst Du als reuiger Sohn , so werde ich Dich gern anhören , « versetzte der Greis , » willst Du aber Deine neueren Thaten mit gleißnerischen Worten beschönigen , dann wirst Du wohl thun , Dich so lange von meinem Zimmer fern zu halten , bis ich als Leiche darin liege . « » Man hat mich verleumdet , wie ich sehe ! « fuhr Magnus auf . » Es wird mir doch gestattet sein , nach dem Namen meines Verleumders fragen zu dürfen ? « » Das habe auch ich behauptet , « sagte die Gräfin , dem Sohne beitretend . » Du hast dem Mädchen ein zu leichtgläubiges Ohr geliehen . « » Also meiner liebenswürdigen Cousine bin ich für diesen unfreundlichen Empfang zu Dank verpflichtet , « entgegnete Magnus mit teuflischer Grazie , und das verschüchterte Mädchen mit einem furchtbaren Blicke überflammend . » Nimm einstweilen die Versicherung meiner innigsten Erkenntlichkeit für diese Aufmerksamkeit . « » Magnus , « nahm jetzt der alte Graf das Wort , » ich will mich noch einmal bemühen , ruhig und liebreich wie ein Vater mit Dir zu reden , aber ich bedinge mir aus , daß Du Herta mit all der Achtung behandelst , die ein tugendhaftes Mädchen von Dir fordern darf . « » Ich werde mich anstrengen , Ihren Befehlen nachzukommen . « » Ich wollte , Du hättest es stets gethan , dann hätten wir beide nicht so viele traurige Stunden zu beklagen . Doch laß uns dieses Gespräch endigen und sage , was Dich zu so ungewohnter Stunde zu uns führt ? « Diese Frage hatte Magnus erwartet . Er richtete sich stolz auf und versetzte : » Hätte mein gnädiger Vater mich weniger unfreundlich empfangen , so würde er in meinen Nachrichten erkannt haben , daß kindliche Gefühle meinem Herzen nicht fremd sind . « Er stützte sich jetzt mit dem linken Arm auf die Lehne eines Sessels und nahm eine nachlässige , aber leichte und gefällige Stellung an . Dann fuhr er fort : » Mein Vater , die Folgen der revolutionären Bewegungen in Frankreich fangen an auch in Deutschland einen Wiederhall zu finden . Unsere Bauern , unsere Leibeigenen werden widerspänstig und wagen es , einen eigenen Willen haben zu wollen . « » Dies ist ein Pröbchen , welchen Nutzen die Verbreitung neuer Ideen stiftet , « bemerkte die Gräfin mit einem Seitenblick auf Herta . » Sprichst Du aus eigener Erfahrung ? « fragte der Graf . » Seit einigen Tagen murren meine Knechte , « versetzte Magnus . » Sie weigern sich , dem Voigte , einem rechtlichen , strengen Manne , zu gehorchen und zeigen sogar mir unzufriedene Mienen . Ich kann und will das nicht dulden , und weil ich weiß , daß mein Vater niemals der Willkür das Wort geredet hat , wende ich mich zuerst an Sie und ersuche , ja flehe Sie , mit mir vereint diesen aufrührerischen Trotz zu beugen , den frechen Uebermuth elender Sclaven empfindlich zu strafen ! « » Ich erwarte Deine näheren Angaben , « sagte Erasmus vornehm gelassen . » Vielleicht wissen Sie nicht , mein Vater , daß der Heerd der Unzufriedenheit unmittelbar am Fuße Ihres Stammschlosses zu suchen ist ? Ihre Milde , Ihre Güte , Ihre Herablassung hat diese Rotte armseligen Volkes kühn gemacht . Meine schöne Cousine - Sie vergeben mir , mein Vater , daß ich mit aller Achtung vor Schönheit und Herzensgüte den Ankläger machen muß - meine schöne Cousine sät täglich wild fortwucherndes Unkraut durch ihre Besuche in den schmutzigen Hütten der Leibeigenen . Sie behandelt diese Auswürflinge wie gesittete Menschen ; sie spricht mit ihnen , als wären sie ihres Gleichen , und fabelt ihnen von bessern Tagen , von einer gerechten Freiheit und Gleichheit der Gesetze vor . Kurz meine liebenswürdige Muhme predigt mit dem besten Erfolge die schmachvollen Lehren der französischen Jakobiner ! Sie erlauben mir , mein Vater , daß ich meine Behauptungen durch Thatsachen beweisen darf . Vor einigen Wochen schrieb ich eine Gesindeschau auf meinen Ortschaften aus . Ein Mädchen , das ich besonders tauglich fand für meine Dienste , widersetzte sich hartnäckig und bestritt meine Herrschaft über sie . Diese Dirne war die Tochter eines Ihrer Unterthanen , seit längerer Zeit aber schon heimisch in einem mir speciell zugehörenden Dorfe . Dennoch war sie weder durch freundliche Worte noch durch Drohungen zu einer Sinnesänderung zu bewegen . So that ich denn , was ich mußte , ich brachte sie gewaltsam auf meinen Edelhof , und was glauben Sie wohl , mein Vater , daß diese Dirne zu thun wagte ? « Magnus sah den Grafen und seine gespannt aufhorchende Mutter lange an . Erasmus winkte . » Sie war so beispiellos frech , Hand an mich zu legen , mich beinahe lebensgefährlich zu verwunden ! « sagte Magnus . » Ueberzeugen Sie sich selbst , mein Vater , und Sie , meine gütige Mutter , halten Sie Ihr Entsetzen über eine That zurück , für die ich vorschlagen möchte , eine eigne Strafe zu erfinden ! « Geschickt wußte der schlaue Magnus während dieser Worte die schwarze Binde zu lösen , unter der eine rothblaue , noch nicht ganz verharrschte Wunde sichtbar ward , die gefährlicher aussah , als sie war . Gräfin Utta schlug die vollen weißen Hände in stummem Erstaunen in einander und auch Herta warf einen kurzen Blick auf den vorgebeugten schönen Kopf des jungen Mannes . Vollkommen ruhig betrachtete Erasmus die Verwundung seines Sohnes . » Nur eine geringe Kraftvermehrung würde mich todt niedergeworfen haben , « sagte Magnus mit erheuchelter innerer Erregung . » So lag ich nur eine Zeit lang in starrer Betäubung , und diese benutzte das freche Geschöpf , um zu entfliehen . Ich habe sichere Kunde , daß dieses strafwürdige Mädchen sich unter Ihre Obhut , mein Vater , begeben hat , und weil ich nicht Ihre Rechte schmälern will , bitte ich ganz gehorsamst entweder um ihre Auslieferung an mich , damit ich über die Art ihrer Bestrafung mit mir zu Rathe gehen kann , oder ersuche Sie , daß Sie selbst das Richteramt in dieser Sache übernehmen . « » Wie heißt das Mädchen ? « fragte Erasmus . » Röschen Sloboda . « » Röschen ! « wiederholte Herta leise , doch laut genug , um von Magnus verstanden zu werden . » Hast Du bei Deiner Erzählung auch nichts zu erwähnen vergessen ? Es wäre mir sehr unlieb , wenn ich in dieser Angelegenheit zu Deinem Nachtheil entscheiden müßte . « » Sie haben die volle Wahrheit gehört . « » Wahrheit , die uns mit ewigem Abscheu gegen diese Elenden erfüllen muß ! « rief die Gräfin . » Armer Sohn , guter gemißhandelter Magnus ! Sei versichert , daß Dein Vater diese uns Allen zugefügte Schmach streng , beispiellos streng ahnden wird ! « » Uebereilen wir uns nicht , meine Freundin , « erwiederte Erasmus . » Hat sich das Mädchen wirklich so hart an unserm Sohne vergangen , wie Magnus behauptet , so wird es der Strafe nicht entgehen . Vorher aber wollen wir ganz unparteiisch die Sache untersuchen . « » Sie setzen Mistrauen in die Worte Ihres Sohnes ? « » Ich vertraue Dir so viel , wie Du verdienst , « arrtwortete Erasmus streng . » Darin erfülle ich nur Demen Willen . Hättest Du mich nie getäuscht , so würde ich keine Zweifel in die Wahrhaftigkeit Deiner Erzählung setzen . So aber pflegtest Du mich stets zu hintergehen und der lügenhaften Worte sind zehnmal mehr über Deine Zunge gegangen , als der wahrheitsgetreuen . « » Mein Vater ! « » Schweig , es ist so ! - Und was hast Du zu Deiner Entschuldigung anzuführen , wenn ich Dir sage , daß die arme Wendin Dich bereits bei mir verklagt hat ? « Magnus verließ seine bisher beibehaltene etwas kokette Stellung und trat einen Schritt vom Stuhle zurück . Dann sagte er : » Ich kann es mir denken , daß diese intrigante Person ihre Frechheit so weit getrieben hat , oder sollte ich vielleicht auch diese neue Wendung der Dinge der zuvorkommenden Vermittelung meiner schönen Cousine - « » Herta bittet blos für Arme und Unterdrückte , « fiel Erasmus ein , » aber entstellt nie einfache Thatsachen . Mich dünkt , mein Sohn , es ist nicht Alles rein in Deinen Worten ! Röschen ward gewaltsam entführt und hat Gewalt mit Gewalt erwiedert . Es ist daran gar nichts Unbegreifliches , nichts Uebernatürliches . Aber wenn ich nun Gelegenheit nehme , diese geheime Entführungsgeschichte genauer zu beleuchten , würde dann mein Sohn nicht etwa Ursache haben zu erröthen ? Ich will jetzt nicht weiter gehen , Magnus , ich gebe Dir nur zu bedenken , daß ein böses Gerücht umläuft unter dem Volke über den Tod von Jan Sloboda ' s Schwiegertochter , und daß ich alter Mann nicht vermag , diesem Gerücht die Zunge auszureißen ! « » Geschwätz , rachsüchtige Verleumdungen derer , die ich wegen Waldfrevel bestrafen ließ . « » Ich sprach die Sterbende , « sagte Erasmus mit einem Tone , der furchtbar klang und selbst Magnus erblassen machte . » Sie hat mir , mir ganz allein gebeichtet und auf ihren Wunsch habe ich ihre Beichte tief in mein bekümmertes Herz verschlossen . Doch glaube mir , Magnus , daß ich seitdem an jedem Abend mein Haupt mit schwerem Kummer zur Ruhe lege , daß ich die Zukunft , daß ich Deine Zukunft fürchte ! « Gräfin Utta blickte zum ersten Male mit Entsetzen auf ihren Liebling , in der Hoffnung , daß der Ausdruck seiner Züge ihr zu muthiger Entgegnung Anlaß geben werde . Aber sie bebte in sich selbst zurück vor Magnus . Dieser stand wie leblos vor seinem mit finsterm Richterauge zu ihm aufblickenden Vater . Seine Hände zitterten sichtbar und das Antlitz mit der schwarzen Binde glich vollkommen weißem Marmor . Er hatte die Augen fest auf den Boden geheftet . Weil ihm die Kräfte versagten , sank er auf den Stuhl nieder , auf dessen Lehne er sich bisher in eitler Selbstgefälligkeit gestützt hatte . Es mußte ein furchtbares Geheimniß sein , zu dessen Kenntniß der alte Graf gekommen war und das er jetzt im entscheidenden Augenblick als niederschmetternde Waffe gegen seinen eigenen Sohn gebrauchte . Eine beklemmende Pause trat ein , die Niemand zu unterbrechen wagte . Um diese Todtenstille aufhören zu lassen , die wie ein Sargdeckel über den Häuptern der Familie schwebte , fing Herta an , mit dem Theegeschirr zu klappern . Dies gab dem alten Grafen aufs Neue Fassung , und da es nun einmal zu einer Aussprache gekommen war , ergriff er abermals das Wort und wendete sich damit fast ausschließlich an seinen Sohn . » Es scheint , als verkenntest Du ganz die Pflichten des Herrn gegen seine Untergebenen , « sagte er . » Dir und leider tausend Andern , welche Dir gleichen , sind alle Unterthanen nur Werkzeuge , nur Maschinen , die man abnutzen kann nach Belieben und zu seinem Vergnügen . Du glaubst bloß Forderungen , keine Pflichten an sie zu haben . Es sollte aber die Ehre des Adels sein , die Unterthanen zu schirmen , sich in Noth und Jammer ihrer anzunehmen , sie zu bilden , zu erziehen und aus der dumpfen Atmosphäre geistiger Erniedrigung , in der sie schmachten , emporzuheben in die heitere Luft einer hellern Denkungsart , eines bessern Daseins ! Was soll denn aus uns und der Welt werden , wenn wir immer nur auf einem Punkte uns fortdrehen wollen , wie wahnsinnige Derwische ? Wir müssen zuletzt in völlige Apathie versinken und als blödsinnige Schwächlinge verkümmern ! Schreitet fort ! ruft jede Seite der Weltgeschichte uns zu ; lernt die Zeiten und deren Bedürfnisse verstehen , predigt uns jeglicher Tag ! Es taucht keine Sonne hinter Berg und Meereswoge unter , ohne fern von unserm Auge einen neuen Bildungshalm ins Leben zu rufen , und jeder neue Morgen ist der Tauftag einer neuen That , eines gewaltigen ins Leben geschleuderten Geistes ! Das , mein Sohn , laß uns bedenken , dann wird uns der Sturmschritt der Zeit nicht wie ein versengender Sirocco überfallen ! - Wir sind alle krank , krank an Gedanken , Meinungen , Vorurtheilen , die wir aus längst vergangenen Tagen in unsere Zeit herübergeschleppt haben und die wegzuwerfen als leere Hüllen aus ihnen hervorgegangener buntbeschwingter Seelen uns schwer fällt . Aber wir müssen uns selbst an die Brust fassen und munter rütteln , wenn uns der ermattende Schlaf trüber Erbschaft überfallen will ! - Was war , was ist , was soll der Adel sein ? Die Gesellschaft der Besten , der Fähigsten , der Muthigsten aller Zeiten ! Sucht er nicht darin seinen Ruhm , seine Ehre , so hat er sich überlebt und ist auf ewig verloren ! - Wir Deutschen , die wir diesem glücklichen und bevorzugten Stande angehören , sollten nicht blind und taub sein bei den furchtbaren Ereignissen in Frankreich . Sie enthalten eine große Lehre für Jeden , der in albernem Dünkel und in brutaler Macht sich über die Masse der Menschheit erheben will . Ich mag nicht behaupten , daß ich ein Anhänger jenes Camille Desmoulin , jenes Danton und Robespierre sei , daß ich billige , was der Wahnsinn eines verzückten , wuthschäumenden Pöbels ruft : Jeder sei dem Andern gleich und Alle hätten gleiche Rechte zu fordern . Aber ich glaube und sterbe auf die Wahrheit des hohen gottähnlichen Gedankens , daß es Zweck und Ziel dieses Erdenlebens und irdischer Fortenlwickelung sei , im Laufe der Jahrhunderte das gesammte Menschengeschlecht zu vervollkommnen und jedem Individuum ein solch allgemeines Bildungsmaß zu Theil werden zu lassen , daß jeder Einzelne behaupten darf : er sei gleich dem Besten der Besten ! Diese Zeit , wann sie kommt , wer weiß es ! Daß sie kommen wird und muß , sagt mir meine eigene Vernunft ! Daß sie bald komme , dahin wirke , wer Kraft und Macht dazu hat , und dies ist zur Zeit noch der Adel ! Will er stolz sein und Ursache haben zu solchem Stolze , so schmücke er seine Wappen und die Zinnen seiner Burgen mit Lorbeerkränzen gewunden von den Händen derer , die er jetzt seine Unterthanen , seine Leibeigenen nennt ! - « Schon geraume Zeit hatte Herta mit froh glänzendem Auge dem Grafen zugehört . Als dieser jetzt schwieg , warf sie sich mit Leidenschaft an Erasmus Brust , küßte ihn auf den Mund und sagte : » Ich wußte es ja , daß mein guter , klarer Oheim mich nicht mißverstehen könne ! Grade so , wenn auch mit andern Worten , spricht mein lieber Schiller , der noch vor einer Stunde ein schlechter , anfrührerischer Mensch sein sollte ! Jetzt lies Du nur meine Bücher , lies , so lange Du willst , ich weiß doch , daß Du mir sie selbst wiederbringen und mich obendrein noch beloben wirst ! « » Der Entwurf Ihres idealen Lebens , mein Vater , hat viel Bestechendes , « erwiederte Magnus . » Offen gestanden aber ist es mir noch unklar , wie Sie die gepriesene Bildung in der rohen Masse des Volkes hervorrufen wollen ? Sie verlangen doch schwerlich , daß wir selbst das Amt der Schulmeister verwalten oder als Vögte und Verwalter uns unter Knechte und Mägde mischen sollen ? Ich wenigstens muß dieses Amalgamirungssystem ein für allemal verschmähen . Es ist mir persönlich nichts entsetzlicher , als eine schwielige Hand , die sich nur mit wenigen Tropfen Wasser begnügt . « » Mir aus der Seele gesprochen ! « sagte die Gräfin und begann wieder ihr Fächerspiel . » Ich hätte meinen Sohn für fassungskräftiger gehalten , « entgegnete Erasmus . » Wie ich jedoch zu meinem Leidwesen sehe , gehört oder zählt er sich mit Absicht den Hohlköpfen zu , die Würde und Ehre des Adels nur im Junkerthume und all den äußern Dingen suchen , zu deren Erlangung weiter nichts als leidliches Geld , etwas Frechheit und ein kaltes Herz gehört . « » Verzeihen Sie , mein Vater ! Haben Sie vielleicht die Absicht , den Notablen Frankreichs nachzuahmen und sich freiwillig zu Gunsten der brüllenden Menge , die sich Volk nennt , Ihrer Ehren , Würden , Titel und Besitzthümer zu entschlagen ? « » Damit wir Deutschen nicht ebenfalls eines schönen Morgens dazu genöthigt sind , fordere ich Gerechtigkeit , Milde und Erziehung für das Volk . « » Ich möchte Ihnen gern gefällig sein und bitte deßhalb , mir die Wege zu zeigen , die wir einschlagen müssen , um das Volk , wie Sie sagen , zu uns emporzuheben . « » Wem sie das eigene Herz , die ruhige Besonnenheit nicht nennt , dem wird kein Fingerzeig eines Andern etwas frommen . Es ist so leicht , wie den Gesetzen der Natur folgen ! Erhebe Dich zu der freien und allein richtigen Ansicht , jeden Menschen als Deines Gleichen zu betrachten , und Du wirst gegen Deinen geringsten Diener nicht hart , nicht launisch , nicht herrisch sein können . Die Stellung , die er durch einen bloßen Unfall Dir gegenüber einnimmt , berechtigt Dich nicht , sein Menschengefühl zu beleidigen , im Gegentheil , wir sind verpflichtet , weil er abhängig ist , ihn zu schonen und seine Schwächen mit Geduld zu tragen ! « » Sehr wohl , mein Vater ! Sind Sie gesonnen , diese Grundsätze unter Ihren Leibeigenen mittelst Ausruf bekannt machen zu lassen ? « » Lieber Magnus ! « bat die Gräfin . » Du vergißt Dich ! « » Nicht doch , meine Freundin , er bleibt sich nur selbst gleich . Da ich aber nicht gesonnen bin , einen Streit über Ideen und Zeitansichten fruchtlos länger auszudehnen , erkläre ich diese Unterredung für beendigt . Unser Sohn mag überlegen , was zu seinem Frieden dient , und sich am Tage nach Ostern früh um zehn Uhr in der Schloßhalle einfinden . Dort wird er sich seiner Anklägerin gegenüber rechtfertigen oder für schuldig erklärt werden . Keine Einwendung , meine Freundin ! Die Frucht ist reif zur Aerndte , und ich will endlich einmal dieser tyrannischen Willkürherrschaft ein Ziel setzen , und müßte ich mein eigenes Fleisch und Blut verurtheilen . « In diesen Worten des alten Grafen lag eine so bestimmt ausgesprochene Entlassung , daß Magnus Anstand nahm , seinem Vater nochmals starren Trotz entgegen zu setzen . Dennoch durfte er um keinen Preis die rücksichtslose Confrontation mit der Wendin geschehen lassen , wenn er nicht vor Unterthanen und Dienerschaft gebrandmarkt dastehen und allen Einfluß auf sie verlieren wollte . In dieser peinlichen Verlegenheit richteten sich seine Gedanken auf Herta . Sie allein konnte , wenn sie zu überreden war , den Vater zu anderer Maßnahme bestimmen . Sie wußte um seine Gewaltthat , wie er aus der Einleitung des Gesprächs wohl erkannt hatte , und darum galt es , sie entweder auf seine Seite herüberzuziehen oder durch irgend welche Scheingründe zu einer andern Ansicht zu vermögen . Noch war er sich unklar über den Operationsplan , den er einschlagen wollte , aber er hoffte auf sein gutes Glück , auf prägnante Einfälle und auf sein Ueberredungstalent , wenn ein schönes Mädchen seinem Geiste Schwung , seiner Rede Kraft und Feuer verlieh . Er stand auf und griff nach seinem Hut . » Ich bitte meinen Ungestüm der Aufregung zu verzeihen , beste Aeltern , in die mich das Unerhörte versetzt hatte . Gehorsam Ihren Winken ziehe ich mich zurück , um zur bestimmten Stunde im Auge meines Vaters Gnade oder Verdammung für sein einziges Kind zu lesen . Meine theure Mutter , vergeben Sie mir , wenn die gemachten Mittheilungen Ihre Nachtruhe stören sollten ! « Magnus führte Utta ' s Hand mit der ihm eigenen gewinnenden Liebenswürdigkeit an den Mund , verbeugte sich achtungsvoll vor seinem Vater und grüßte mit wohlwollender Vertraulichkeit Herta . Dann verließ er das Zimmer . » Leuchte mir nach meinen Gemächern ! « befahl er barsch dem Bedienten und folgte dem Vorausschreitenden durch mehrere schmale Corridore . Während dieses Ganges riß er ein goldberändertes Blatt aus seiner Schreibtafel , schrieb einige Worte darauf und faltete es in einen Knoten zusammen . Auf seinem Zimmer angekommen , fragte er den Bedienten : » Wann zieht sich Fräulein Herta auf ihr Zimmer zurück ? « » Schlag neun Uhr , gnädigster Herr ! « » Siehst Du sie noch ? « » Ich kann es so einrichten . « » Willst Du mir einen Dienst leisten , von dem das Wohl unseres Hauses abhängt ? « » Gnädigster Herr , Sie wissen , daß ich für das gräfliche Haus in den Tod gehe ! « » Dann gib dies Billet an Fräulein Herta . Ich werde in der Nähe sein und sobald das Fräulein es erbricht , zeige es mir durch das Oeffnen der Thüre an . Ich werde dann in demselben Augenblick , wo Du das Zimmer des gnädigen Fräuleins verläßt , dasselbe betreten . Hast Du mich verstanden ? « » Sehr wohl , Herr Graf . « » Dann gib Acht , daß uns Niemand störe ! « Der Bediente verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor dem Erben des Hauses und ging nachdenkend , das unscheinbare Blättchen zwischen den Fingern drehend , zu seinen Genossen zurück . Viertes Kapitel . Magnus und Herta . Etwa fünf Minuten vor neun Uhr verließ Magnus sein Zinrmer ohne Licht und schlüpfte durch die engen matt erleuchteten Gänge des alten Schlosses nach dem Flügel , welchen seine Aeltern bewohnten . In dem großen Vorzimmer , auf das eine ganze Reihe von Thüren mündete , befand sich ein hoher schwerfälliger Kaminschirm , der zugleich als Garderobe benutzt ward . Hinter diesen zog sich Magnus zurück , nachdem er mit schnellem Griff die gemeinsame Klingel mit einem seidenen Tuche umwunden hatte . Aus diesem