der feinsten Berechnung aus dem Hause , ja so viel wie möglich sogar aus dem Gesellschaftskreise verwiesen fühlte , der Annen umgab , erwachte ein furchtbarer Zorn in seiner Seele . Anfangs kochte und tobte nur der wilde Wunsch nach Rache in ihm ; er war entschlossen , den ihm an Talent weit untergeordneten Kronberg sinken zu lassen , ihn zu Grunde zu richten , ihn fühlen zu machen , welche Gewalt er über Anna ' s Herz habe , was er thun könne ; ihn brannte das Bewußtsein des so ganz unverdienten Mistrauens , das ihn getroffen , wie eine glühende Kohle fortglimmend in immer wachsender Glut . Bald aber siegte seine edlere Natur . Mit erneuten Kräften begann er auch in der ihm aufgedrungenen Ferne Anna ' s Geschick in Kronbergs Händen zu bewachen und , wo irgend die Umstände es gestatteten , zu erleichtern . Und leider bot gar bald von zwei Seiten zugleich sich hierzu die Gelegenheit . Kronberg hatte sich , durch die immerwährende Anstrengung , seine Eifersucht zu verbergen und sich anders zu geben , als er in diesem Augenblicke wirklich war , in eine so grimmig Alles negirende Stimmung versetzt , daß ihm jedes längere Zusammensein mit Annen unerträglich ward . Sah sie ernst oder traurig aus , so schien sie ihm in Liebesgram sich zu verzehren ; war sie heiter , so glaubte er sich betrogen und sein klarer Geist ertappte sich selbst auf den abenteuerlich-lächerlichsten Vermuthungen . - Als ihm gelungen war , Gotthard fast ganz aus ihrer Nähe zu verdrängen , ward jedes unnöthige Gespräch mit ihr ihm doppelt peinlich , denn zu seinen übrigen Qualen gesellten sich die eines unreinen Gewissens und der Erkenntniß eines durchaus verfehlten Schrittes . Sehr bald bemerkte er den innern Kampf seiner Frau und die aus einer unnöthigen Beschränkung erwachsende gesteigerte leidenschaftliche Stimmung derselben ; er fühlte , daß er das Feuer nur heller angeschürt , und in einer plötzlich ihn befallenden Art Muthlosigkeit versuchte er sich gewaltsam zu zerstreuen . Unglücklicherweise reizten ihn gerade in diesem Augenblicke einige Neckereien seiner Bekannten ; Baron Ruthberg klagte ihn der Eifersucht an , die ihn zu Hause festhalte . Kronberg begann , Annen zu vernachlässigen , sie seltener zu begleiten und an Ruthbergs Seite eine Menge etwas zweifelhafter Vergnügungsorte und Arten aufzusuchen . Er spielte , obgleich nur in guter Gesellschaft , hatte abwechselnd Glück und Unglück und schadete sich nicht bedeutend ; er unternahm eine Art Touristenronde durch alle Theater und Volksgesellschaften , blieb aber insgeheim gelangweilt . Endlich machte er bei Ruthbergs Geliebter die Bekanntschaft einer spanischen Sängerin , die ihn anzog und amusirte . Dies Verhältniß , dessen lockere Fäden der innere Ueberdruß geknüpft , ward bald ein ihn fesselndes , was trotz momentanem Selbstvergessen bisher seit seiner Heirath nie der Fall gewesen . Und dennoch blieb er - eifersüchtig . Anfangs erfuhr Anna nichts von dem Allen ; erst als sie Kronberg im Theater einer Dame in eine grillirte Loge folgen sah , als sie derselben Dame in seinem mit dem Wappen seiner Familie gezierten Wagen begegnete , erschrak sie , weit mehr vor dem Unpassenden seines Betragens und dem möglichen Aufsehen , als vor dem Gedanken seiner Untreue , vor dem Vergessensein da , wo sie so sehr geliebt gewesen . Ein unsäglich betrübtes Gefühl des Irrens im menschlichen Gemüth , eine bange Scheu vor der Vergänglichkeit seiner Empfindungen paarte sich der mildesten Anerkennung , daß sie ihn ja nicht durch Liebe an sich gefesselt . Und wiederum mischte sich dieser edleren Empfindung ein erleichterndes Aufathmen ; sie fühlte sich im Innern minder schuldig , wohl aber sich und ihn tief beklagenswerth ! - Denn ein ernsteres Nachdenken rief das Bild ihrer Knaben ihr in die Seele , eine solche Liaison mußte die Kinder ihr und Kronberg entfremden und sie zwischen die Eltern stellen . Sie beschloß , sich von Egon loszureißen und ihn in eine Pensionsanstalt zu thun , und trug Gotthard auf , ihr eine passende zu finden . Aus diesem Hinzuziehen des Freundes entwickelte sich die Nothwendigkeit , ihrem Gemahl zu verbergen , daß jener ihr noch in Rath und That beistehe , und somit hatte Kronberg abermals selbst den ersten ihm verheimlichten Schritt des erneueten Einverständnisses herbeigeführt . Gotthards Klugheit verstand ihn zu decken . Kronberg ahnte nicht , wer ihm das Erziehungshaus empfohlen , in dem er seinen Knaben untergebracht . Gotthard aber sah nun das Kind täglich . Josephs Nähe glaubte Anna sich noch eine Weile gönnen zu dürfen , der Kleine war jünger und schwächer als Egon . St. Luce hatte den jungen Geheimrath kaum zwei-oder dreimal in Kronbergs Hause getroffen , so war er im Geheimniß , obschon keines von ihnen eine Sylbe ihm anvertraute . Er sah sehr bald ein , daß Anna zum ersten Male liebe , und trotz des unleugbaren neidischen Verdrusses darüber überflog ihn eine stille wehmüthige Rührung und ein fernes Erinnern der eigenen Jugend . St. Luce war von guten bürgerlichen Eltern in der Normandie geboren . Die blutigere Revolutionsepoche fiel noch in seine Kindheit , sie hatte ihn nicht verhärtet ; ihm war etwas von dem geblieben , was die Franzosen in der Provinz enfant de famille nennen , das ihn , trotz manchem leichtsinnigen Streich seiner eigenen früheren Jahre , an ein einfaches rechtliches Gefühl , auch in Männern Frauen gegenüber glauben ließ . Es ist traurig , daß in einer Menge an Erfahrung reichen Männern der höheren Stände ein Unglaube entsteht , der sie ihr eigenes Geschlecht in Bezug auf das unsere fast unbedingt des Egoismus und der Unwahrheit anklagen macht , noch trauriger aber , daß unzählige Beispiele dies Urtheil rechtfertigen , und zwar gerade da rechtfertigen , wo eine Menge höchst ehrenwerther Eigenschaften die Beschuldigung fast unbegreiflich erscheinen läßt . St. Luce traute also Gotthard zu , daß ihn keine unlautere Absicht zu Annen zog , aber ihr Ruf , ihr Glück , ja selbst ihre Frauenehre schienen ihm deshalb nicht um ein Haar breit weniger gefährdet . Kronbergs Verhältniß zur hübschen Spanierin war eben bekannt geworden , es war dem alten Freund höchst widerwärtig . In einem andern Augenblicke würde er es leichter genommen haben , jetzt aber erklärte er es für eine franche bêtise , welche Annen einem Abgrund zustoße . Und dann il n ' y avait pas regardé de près ! denn die Spanierin war dem Grafen untreu , das schien nun St. Luce nicht des Spektakels werth , den die alberne Geschichte machte , und gar unwerth der kleinsten Thräne seines Lieblings . Kronberg fühlte sein Unrecht auch , aber um so mehr trieb ihn die innere dämonische Gewalt , darin zu beharren . Was hätte er dagegen nicht um eine einzige Thräne Annens gegeben , wie theuer wäre ihm der Ausdruck der erwachenden Eifersucht , des Schmerzes in ihren Zügen gewesen ! Ihre sanfte , würdige Haltung empörte ihn - gerade weil er sie billigen mußte . Ihm fiel ein Stein vom Herzen , als während Gotthards Abwesenheit ein unangenehmer Vorfall ihn Annen gegenüber in Vortheil setzte und ihm eine ganz neue , mit jenen Empfindungen durchaus nicht in Verbindung stehende Ursache zur Misbilligung und Unzufriedenheit mit ihr gab . Anna trug die Trauer um ihren Vater , der sanft und ohne alle Leiden seiner Frau in ' s Grab gefolgt war . Ihre beiden Brüder , von denen der eine vier Jahre , der andere um eines älter war , als sie , hatten , nachdem sie mit der Generalin Geiersperg ihre Heimat verlassen , die schon früher gewählten Lebenseinrichtungen festgehalten : der ältere war Militär , der jüngere Kaufmann geblieben . Unglücklicherweise aber war der erste , durch Verwendung und Rath eines jungen Verwandten verleitet , in ein preußisches Regiment eingetreten , und als es später zum Offiziersexamen kam , fand man ihn unfähig , dasselbe zu machen . Das Nachstudiren , zu welchem ihn Vater und Freunde mit wohlmeinendem Rath anhielten , wollte dem bereits über die eigentliche Lernzeit hinaus Gewachsenen nicht schmecken , im Ueberdrusse des Mislingens wandte er sich dem praktischeren Artilleriedienst zu und ward endlich Unteroffizier und Feuerwerker . In einer kleinen schlesischen Grenzstadt vergingen ihm nun mehrere Jahre , ohne irgend eine Spur in Herz oder Gemüth zu hinterlassen Bei Gelegenheit einer ernstlichen Krankheit , die ihm eine Unvorsichtigkeit beim Manoeuvre zugezogen , lernte er die Tochter seines Hauswirths , eines ehrsamen Bäckermeisters , näher kennen . Er gewann das frische , hübsche Mädchen lieb und sie erwiderte seine Liebe . Die im jetzigen Bürgerstande leider etwas leichter gewordenen Sitten begünstigten ein Verhältniß , dessen allzugroße Vertraulichkeit den jungen , durchaus nicht unredlichen Mann zu einer Verlobung zwang . Das Mädchen war nicht ganz arm , auch Louis hatte etwas Vermögen zu hoffen , die Einwilligung der Militärbehörde fand mithin keine Schwierigkeit ; der alte Bürgermeister dagegen verweigerte die seine aufs Bestimmteste und Hartnäckigste . Er erklärte sehr ruhig seinem Sohne , daß seiner Ueberzeugung nach kein Mann eher heirathen solle und dürfe , als bis er eine Frau unabhängig zu ernähren im Stande sei , könne mithin Louis nicht ohne den Theil seines Vermögens auskommen , den er , der Alte , noch selbst zum Weiterleben bedürfe , so könne von dieser Verbindung vorläufig keine Rede sein ; wenn jedoch der Soldatensold und die Mitgabe der Braut ausreiche , werde er ihm sein Jawort nicht versagen ; freiwillig dazu beitragen , daß ein Paar unvorsichtige Menschen sich in ' s Elend stürzten , wolle er nicht . Im Hintergrunde der Weigerung lag freilich noch der Umstand , daß der Katholicismus der in Schlesien wohnenden Braut dem alten Lutheraner zuwider war . In dieser peinlichen Verlegenheit - denn er hatte das Mädchen wirklich lieb - wandte sich Louis an seine Schwester . Als auch ihre Fürbitten beim Vater nichts fruchteten und Brief auf Brief ihr die traurige Lage des Mädchens schilderten , bei deren Eltern der junge Mann bereits angehalten , versprach sie ihm ohne Kronbergs Vorwissen bis zum Tode des Vaters einen bestimmten Beitrag zu seiner Wirthschaft , den sie ihrem sehr reichen Nadelgelde entnahm . So weit war Alles gut . Die jungen Leute heiratheten und der Vater gab , obschon widerstrebend , seine Einwilligung , weil kein gerichtsgültiger Grund vorlag , sie zu versagen ; auch würde die ihm eigene Art Aengstlichkeit den öffentlichen Widerspruch immer gemieden haben . Einige Jahre gingen ungetrübt , ohne besondere Ereignisse den Eheleuten vorüber ; Annen führten sie nach Wien . - Louis ' Erstgeborenem hatte sich ein Schwesterchen zugesellt ; er lebte zufrieden mit seiner jungen Frau , ihre Verhältnisse blieben kleinbürgerlich , was bei seiner Stellung und der Unbedeutendheit des Städtchens nichts auf sich hatte . Da ward plötzlich das Regiment nach Glatz verlegt und nun reichte das Einkommen nicht mehr . Die Schwiegereltern thaten das Möglichste , denn die Tochter wollte ihren Mann nicht verlassen , sie kehrten jeden Pfennig um , sparten sich ' s am Munde ab , vergebens ! In der größeren Stadt , ohne den Beistand der Mutter , unter den ihr wildfremden Leuten , verstand das arme junge Weib die kleine Wirthschaft nicht so vortheilhaft zu führen , als daheim . Louis ärgerte sich , schalt sie , wenn sie weinte und lamentirte , wurde heftig , grob ; auch in ihr traten die Mängel der Erziehung ihres niedern Standes vor : es ward ganz ernstlich schlimm und mußte doch getragen werden , denn die ärmeren Classen denken nicht so leicht an Scheidung , Katholiken nun gar nicht . Da starb der Bürgermeister . Louis erhielt Urlaub , seine Angelegenheiten zu ordnen , und eilte nach Thüringen , die ihm zugefallene Erbschaft in Empfang zu nehmen . Aber , ach ! des Alten kleines Vermögen , in drei Theile getheilt , zeigte sich an Ort und Stelle weit geringer , als er vermuthet . Der zweite Bruder , der unterdessen in der kleinen Stadt , in welcher er in Condition gestanden , auch geheirathet hatte , bedurfte der ihm hinterlassenen Summe , um sein Geschäft zu vergrößern und Compagnon seines Schwiegervaters zu werden , mithin konnte ihm gar nicht einfallen , an Unterstützung seiner Verwandten zu denken . Louis beschloß , seinen noch nicht abgelaufenen Urlaub zu einer Reise nach Wien anzuwenden , um Annen nicht nur zur Fortdauer seiner Pension und zur Entsagung ihres Antheils von der Erbschaft zu seinen Gunsten zu vermögen , sondern auch , um , wie er sich ausdrückte , seinen vornehmen Schwager zur Anleihe einer namhaften Summe » breitzuschlagen « . Er hielt sich zu all diesen Anforderungen vollkommen berechtigt : je enger die Gemüther , je größer die Ansprüche , das fehlt nie ! Anna saß nach einem ganz kleinen Diner mit Kronberg , St. Luce und noch ein Paar Herren am Kaffeetische , den sich ersterer en petit comité nicht gern nehmen ließ . Geheimnißvoll neigte sich Duguet , indem er die silbernen Kannen auf den Tisch stellte , wie zufällig etwas tiefer als nöthig , und flüsterte ihr zu , wo möglich auf einige Minuten in das Nebenzimmer zu treten . Das war noch nie geschehen ; sie erschrak und eilte unter einem Vorwande hinüber . Hier fand sie den soeben den Händen der Mauth entronnenen , mit dickem Staub bedeckten Reisenden , dem sie in ihrer Herzensfreude laut aufjauchzend in die Arme flog . Ach ! nach wenigen Minuten schon ward diese reine Freude der Schwester getrübt ! Louis war zu sehr mit dem Drange seiner eigenen Angelegenheiten beschäftigt , um andern Gedanken Raum geben zu können . Die durchaus eigennützige Absicht seines Besuchs trat sogleich in das grellste Licht . Des Vaters Tod schien als Verlust gar keinen Eindruck ihm hinterlassen zu haben , die Enttäuschung in Hinsicht auf das geerbte Vermögen sprach sich scharf aus ; Klagen über sein Geschick und die sehr bestimmte Bitte , ihm nicht nur die Pension zu lassen , sondern zu seinem Vortheil der Erbschaft ganz und gar zu entsagen , folgten einander so schnell , daß Annen kaum Zeit blieb , eine Frage oder ein erwiderndes Wort einzuschalten . Die kleine Summe , meinte Louis , sei ihr ganz gewiß entbehrlich , er sähe jetzt recht ein , wie sie mitten im Golde sitze , und auf der Post habe ihm auch schon Jemand mitgetheilt , daß sein Schwager , den er übrigens noch nie gesehen , Millionär sei . Anna fühlte sich wie betäubt von dem Allen , sie war durchaus noch zu keiner klaren Auffassung der Umstände gekommen , als unglücklicherweise Kronberg , dessen unsinniger Argwohn durch ihr ungewohntes Verlassen der Gesellschaft geweckt worden , in ' s Zimmer trat . Es folgte eine für Anna sehr schwere halbe Stunde . Der junge Unteroffizier , seit Jahren an ganz untergeordnete Kreise gewöhnt , verletzte mit jedem Worte des Grafen Eitelkeit . Abwechselnd verlegen durch die vornehme Haltung und sichtliche Ueberlegenheit desselben , und familiär mit dem Manne seiner Schwester , trug er seine Geschichte augenblicklich , ohne weitere Einleitung , auch ihm vor . Kronberg wandte sich , ihn unterbrechend , zu Annen , die ihm leid that , und bat sie an seiner Statt auf ein Paar Minuten zu den Herren hinüberzugehen , um ihre längere Abwesenheit zu entschuldigen , zugleich aber Erfrischungen für ihren Bruder zu senden , der gewiß nach der Reise derselben bedürfe . Er winkte ihr freundlich mit den Augen und versprach , daß er sie gleich wieder ablösen werde . Anna hätte natürlich lieber gesehen , daß Kronberg drüben den Wirth gemacht hätte ; es lag aber nach langer Zeit wieder einmal die edle , milde Güte in seinen Zügen , die ihn immer ihr gegenüber den Sieg davontragen ließ ; und da dem vollströmenden Redefluß des jungen Kriegers ohnehin kein Einhalt zu thun möglich schien , ergab sie sich in das Unvermeidliche und ging . Sehr anmuthig sagte sie den noch um den Kaffeetisch versammelten Freunden , daß ein lieber unerwarteter Besuch aus der Heimat sie heute um die Freude ihrer Gesellschaft bringe und sie Kronberg allein das Vergnügen , sie zu unterhalten , überlassen müsse . Sie hatte kaum den Glückwünschen und Bedauern ihrer Gäste Genüge gethan , indem sie auf einen der nächsten Tage sie wieder einlud , um sich zu entschädigen , als Kronberg wirklich schon kam , um sie zu befreien . Aber , ach ! der schöne Strahl des Wohlwollens in seinen Zügen war erloschen , und sein convulsivisch zusammengekniffener Mund , sein ganz verändertes Aussehen erschreckten sie bis in das tiefste Herz . Drüben fand sie ihren Bruder in der Aufregung des heftigsten Verdrusses . Er war im Sprechen mit Roderich immer vertraulicher geworden , hatte nicht nur die von Annen ihm zugestandene Summe jährlicher Rente erwähnt , sondern auch geäußert , er habe ihr das eigentlich viel zu hoch angeschlagen ; wenn er gewußt hätte , wie reich sie sei , wie kostbar sie wohne und wie alles um sie her von Gold strotze , so würde ihm doch sehr schwer geworden sein , sich nicht mit größeren Ansprüchen an seine Schwester zu wenden . Es sei freilich einmal die schlimme Einrichtung in dieser Welt , daß der Eine in Sammt und Seide einhergehe , während der Andere barfuß laufe ; aber Geschwister sollten doch immer an einander halten , und was ihn beträfe , er sei nur ein armer Schlucker , würde aber , wenn Noth an den Mann gekommen , nie einen Augenblick angestanden haben , mit Schwester und Schwager sein bischen Salz und Brod zu theilen . Statt Salz und Brod verzehrte er im Eifer eine kalte Rebhühnerpastete und trank starken Ungarwein und Burgunder durcheinander , die ihm Duguet zur Auswahl hingesetzt . Der ungewohnte Wein stieg ihm zu Kopfe und raubte ihm die Besinnung . So , fuhr er fort zu peroriren , sollte Anna auch denken , und wenn sie ein rechtschaffenes Herz im Leibe habe , könne sie ihre Geschwister nicht in Schulden und Mangel versinken lassen ; und dasselbe Vertrauen habe er auch zu seinem Herrn Schwager , darum rede er so offen , frischweg von der Leber . Er und seine Frau wären freilich nur arme , geringe Leute und ihre Freundschaft keine gräfliche , sie gehöre aber zu einem ehrsamen , achtbaren Handwerk , das seinen Mann redlich und nothdürftig nähre . Daß ihn und seine Marie das Unglück betroffen , sei nicht ihre Schuld , sein Weib sei brav ; aber der Herr Schwager könnten sich ' s ja leicht selber denken , denn er habe solchen Wohnortswechsel ja auch durchgemacht . Seine Frau verstehe in Glatz die Wirthschaft nicht so knapp und vortheilhaft zu führen ; Annen werde es anfangs wol auch sauer geworden sein an fremden Orten . Kronberg lächelte ; in seinem ganzen Leben hatte er noch nicht mit Annen von der Wirthschaft gesprochen . Louis trank ein Glas nach dem andern , wurde immer verworrener und steigerte sich in ' s Absurde . Allmälig siegte , trotz der feinen und gewandten Weise , auch in Kronberg die rohere Natur , er ward ärgerlich ; ihn verdroß Annens Heimlichkeit , ihn verdrossen die auf nichts basirten Ansprüche des Schwagers , der nichts gelernt hatte , und nichts gethan , als heirathen und Kinder in die Welt setzen , die er nicht ernähren konnte , und der nun herkam , um sein , Kronbergs , von seinen Ahnen und ihm selbst wohlerworbenes Gut mit ihm zu theilen , und zwar blos , weil er der Bruder einer Frau war - wieder hob die innere Schlange ihr Haupt - einer Frau , die ihren Mann nicht einmal liebte ! Der eine Gedanke war in Kronberg zur fixen Idee geworden , vielleicht gerade , weil er ihn nicht eingestand . Sehr gemessen und ernst erklärte er Louis , daß er von dem ihm von Annen gewährten Zuschuß nichts gewußt , daß Niemand seinen Geldbeutel zu taxiren habe und er auf keinen Fall zugeben werde , daß Anna zu seinen Gunsten ihres Erbrechts sich begebe , weil es gegen sie selbst , dann aber auch gegen ihren jüngeren Bruder Franz unrecht sein würde . Ob er ihr ferner überhaupt noch gestatten werde - er erschrak über das Wort , was ging denn ihn ihr Nadelgeld an ? - oder rathen könne , fügte er sanfter hinzu , die mit so wenig Dank anerkannte Zahlung der Pension fortzusetzen , könne er für den Augenblick nicht bestimmen . Nun brach der Ingrimm des vom ungewohnten Wein Erhitzten mit doppelter Gewalt los ; er sprach von einem goldenen Bauer , in den freilich nicht immer Glück zu finden sei , äußerte , daß , wenn seine Schwester , die recht wohl wisse , welchem ihrer Brüder ihre Hülfe nöthig , nicht einmal den freien Gebrauch ihres Reichthums haben sollte , dann freilich sei die reiche vornehme Dame nicht besser daran , als seine eigne Frau ; sie wären Beide arm , das sei wahr , er aber lege das Geld in eine Schieblade , über welche sie und er gingen . Er sähe freilich nun wol ein , bei den Adeligen sei Alles das anders ; er habe oft seinen seligen Vater innerlich angeklagt , daß er die Mutter zu knapp gehalten , und sie habe ihn oft gejammert , aber nun , wenn er ' s recht überlege , ginge es ja bei den Vornehmen nicht um ein Haar besser zu , die es obendrein nicht einmal brauchten , die das Geld haufenweise zum Fenster hinauswürfen , es verspielten oder zu allerlei liederlichen Streichen anwendeten , und das oft auf noch schlimmere Art , als der Soldat , der doch immer in den Augen der fein Gebildeten für den Aergsten gelten müsse , während jene mit Comödiantinnen und Tänzerinnen Alles vergeudeten . Das traf einen wunden Fleck in Kronbergs Brust . Der ganz absichtslose Ausdruck - denn Louis hatte ja keine Ahnung vom Dasein der Capacelli - fachte eine furchtbare Flamme des Zorns in ihm an . Nach wenigen schonungslosen , durch Eiseskälte und Schärfe des Tons gleich vernichtenden Worten verließ der Graf das Zimmer und begab sich wieder zur Gesellschaft . Dies Alles erfuhr oder vielmehr errieth Anna aus den rhapsodischen Ausbrüchen der Empörung , in welcher sie ihren Bruder fand . Ohne auf ihre Bitten oder mildernden Erörterungen zu hören , ergriff Louis seinen Tschako und rannte hinaus , sie hatte eben noch Besinnung , Duguet ihm nachzuschicken . Duguet , der immer wortlos die Stimmung und den Zustand seiner Gebieterin zu errathen verstand , folgte dem jungen Manne , führte ihn höflich in ein anständiges Gasthaus , besorgte sein Ränzel hin , bediente ihn und stand am frühesten Morgen mit einem Magazinschneider vor ihm , der einen äußerst anständigen Civilanzug ihm präsentirte . Wer irgend Wien kennt , muß begreifen , daß Anna ihrem Gatten die möglichste Rücksicht auf Louis , des Unteroffiziers , äußere Erscheinung schuldig war . Sie durfte Kronberg nicht den spottenden Fragen und Blicken der Ein- und Ausgehenden preisgeben , und gestern hatte doch auch ihr ein wenig vor der staubbedeckten Montur ihres Bruders , vor dessen sonneverbranntem Angesicht und harten Händen gegraut . Ohnehin mußten die in der kleinen Grenzstadt nicht feiner gewordenen Manieren desselben Kronberg störend sein , das war nicht zu ändern . Sie bewilligte alles , was Duguet für ihn verlangte ; als sich aber die Thür hinter ihm schloß , schossen ihr ein Paar sehr bittere Thränen in die Augen . Man gibt der menschlichen Charakterbildung allgemein klimatische und nationale Färbung zu ; Niemand wundert sich , einen Italiener heftig , einen Spanier rachsüchtig , einen Holländer ruhig oder gar phlegmatisch zu finden , das alles ist als traditionell längst in die allgemeine Volksansicht übergegangen ; aber an den nicht kleineren Unterschied , den die äußere Stellung , die früheste Umgebung , der Umgang unserer ganzen menschlichen Entwicklung aufdringt , an die Modificirung der Ansichten und Begriffe , die sie erzeugen , denken Wenige , und doch steht diese Einwirkung der klimatischen noch immer wenigstens gleich . Im Grunde hatten Beide , der Graf und der Unteroffizier , jeder von seinem Standpunkte aus , Recht , Beide mischten nur ihrer Selbstbeurtheilung einen Theil Selbsttäuschung zu . Der Cavalier hätte nicht vermocht , einem so hoch über ihm stehenden Verwandten mit solchen Anforderungen sich an den Hals zu werfen , aber Unterstützung , Avancement , Avantagen hätte er ohne Scheu von ihm erwartet und angenommen ; seine edlere Natur würde vielleicht dabei mehr gelitten haben , aber die Noth hätte ihn wie jenen gezwungen . Der kleine Bürger dagegen ging directer zu Werke , ihm war die reiche Verwandtschaft eine bloße Fundgrube , die Delicatesse drückte ihn durchaus nicht . Als reicher Fabrikant würde er ähnliche zudringliche Ansprüche , wie er selbst sie an Kronberg machte , auf ' s Gröbste abgewiesen haben , dagegen aber , auch ohne Aufforderung , seiner armen Freundschaft beigesprungen sein in kurzer drängender Verlegenheit ; einem reichen Verwandten hätte er vielleicht noch lieber beigestanden und hätte dann die Selbstbefriedigung geschmeichelter Eitelkeit mit in den Kauf genommen . Von welchem Standpunkte aus sollten oder konnten sich nun wol diese Beiden verstehen ? Wem saß das brennende Nessuskleid frühjähriger Gewöhnung fester um Sinn und Seele ? Und auch im zarteren Charakter Anna ' s hafteten die ersten Erfahrungen des noch kaum in die Außenwelt blickenden Kinderauges . Sie fühlte sich in ihren Erinnerungen verletzt , zerspalten und weinte - um ihren Bruder . Sie gedachte der übersehenden nichtachtenden Gleichgültigkeit , mit welcher Kronberg stets ihre Familie betrachtet ; sie schaute weit zurück in ihrer Mutter Herz , die für jeden noch so entfernten Vetter Trost und Theilnahme in sich trug ; sie gedachte Otto ' s und ihres Oheims Ankunft am Neujahrstage , und es kam ihr vor , als ertrage doch Kronberg ihre bürgerliche Abkunft sehr schwer . Sonderbar , daß ihr nicht einen Augenblick beifiel , daß auch Gotthard ein Bürgerlicher sei ! Es ist aber unleugbar , daß in unseren Tagen dem wirklich eminenten Talent überall Bahn bereitet ist und die Aristokratie des Geistes jede andere weit überflügelt , bei Männern und Frauen . Daß bei den letztern an den Fühlfäden des Gemüths , wie an den Wurzeln einer schönen Blume , der Heimatsboden fester haftet beim Verpflanzen , liegt an der innern Poesie , mit welcher sie der Gegenwart überhaupt selten gestatten , der schönen Vergangenheit es gleich zu thun . Vermöchten wir daher nur in dem jetzigen Ringen befugter und unbefugter Weltverbesserungen , Jeder in sich selbst die große Revolution zu bewerkstelligen , die das individuelle Urtheil von den Banden aller Gewöhnung und des eigenen Standpunktes erlöste , dann wäre wirklich dem intellectuellen Sein ein schöner Tag erschienen , es feierte dann seine goldne Zeit ! Aber als Louis nun nach vollendeter Umwandlung zu Annen sollte , erklärte er ihr schriftlich , sie müsse irgendwo mit ihm zusammenkommen , zu seinem vornehmen impertinenten Schwager setze er keinen Fuß mehr . Anna traf ihn auf der Promenade , fuhr mit ihm um ganz Wien herum , stieg am Glacis aus und ging mit ihm spazieren . Die gestrige Scene erneute sich . Anna versprach , die Pension ferner zu zahlen , zu Abtretung des Erbtheils verstand sie sich aber nicht - ein dunkles Gefühl warnte sie . Als sie ihn verlassen mußte , um sich zum Diner zu kleiden , bat sie ihn , mit ihr den Abend in ' s Burgtheater zu gehen , sie wolle ihn abholen . Mochte ihn ihre abschlägige Antwort verdrossen oder er vergessen haben , daß er selbst am Morgen sich geweigert , Kronbergs Wohnung zu betreten , er ward abermals heftig und meinte , vermuthlich dürfe sie ihn nicht in ' s Haus bringen , ihr Mann wolle den geringen Soldaten gar nicht einmal sehen , er werde ihn wol durch seine Lakaien zur Thür hinauswerfen lassen ? Anna litt unsäglich . Im nämlichen Augenblicke rollte Kronbergs Equipage heran . Die Spanierin kannte Annen , sah sie mit einem stattlichen , sogar schönen jungen Manne gehen und lorgnettirte das Paar aufmerksam und dreist . Auch Kronberg sah schärfer hin , trotz seiner Verwandlung erkannte er Louis ; natürlich grüßte keines von Beiden . Wer war das ? Wer ist die ? fragte Louis ? Ich weiß nicht , stotterte Anna verlegen und wurde abwechselnd bleich und roth . Aber ich weiß es ! Kreuz , Bomben und Granaten ! Armes , armes Weib ! - Er drohte ihnen mit der Faust nach . Ohne ein Wort weiter zu reden , führte er Annen an ihren Wagen , hob sie hinein , warf den Schlag zu und war verschwunden . Anna zitterte heftig , sie konnte kein Auge aufschlagen . Wild wogte das Blut in Louis ' kochender Brust , er glaubte , den Wagen einholen zu können , um zu erfahren , wohin der Graf mit seiner Geliebten fahre , aber die Pferde entschwanden ihm nach wenig Secunden . Betäubt , nach Entschluß ringend , trat er in ein Weinhaus . Er trank hastig , er wußte nicht wie viel , noch was . Am Morgen hatte er in seinem Hotel allerlei Erkundigungen eingezogen und die widersinnigsten Uebertreibungen hatten ihn gegen den Grafen aufgehetzt ; in seinem halben Rausch hielt er Kronberg für einen Schlemmer und niedrig schlechten Menschen , seine Schwester für eine arme verlassene Frau . Seine eignen Nodomantaden befeuerten ihn mehr und mehr , und ehe er selbst sich dessen klar bewußt worden , hatte der Portier , der ihn erkannte , ihm geöffnet und er war ungesehen in ' s Haus bis zu Kronbergs Zimmer vorgedrungen , woselbst er Posto faßte und ihn zu erwarten beschloß . Unterdessen war Anna im Nachhausefahren St. Luce begegnet , den sie sogleich in ihren Wagen zu steigen und mit ihr nach Hause zu fahren bat . Der alte Freund erschrak , als er ihre heftige