Reise . - Ich endige meinen historischen Brief , weil es mir grade so ist , als werde nichts heut vorgehen , woraus ich geschichtlichen Honig saugen könnte . - Günderode , Minchen und Marianne grüßen . - Du kommst wohl diese Messe nicht nach Frankfurt ? - Bettine Liebe Bettine ! Dein letzter Brief hat mich mehr als je ein vorhergehender erfreut , er ist recht fröhlich , ohne alle Melancholie , und Du hast eine große Darstellungsgabe ; immer mehr werde ich überzeugt , daß Du eigentlich zum poetischen Auffassen aller Ereignisse , auch der kleinsten , das größte Talent hast , und ich kann Dir nicht genug empfehlen , daran festzuhalten . Alles , was Du mir erzählt hast , ist gut und lieb und wahr . - Wie weh sollte es mir tun , wenn Du aus Deiner natürlichen Richtung herauskämest . - Wie schön wird unsere Freundschaft werden , wenn nichts Unklares und Trübes mehr in ihr herrscht und unsre Empfindungen sich klar und tief aussprechen , und wir uns recht vernünftig aneinander freuen können . Daß Du ruhig und heiter bist und dahin strebst , fühle ich mit Freuden , und daß ich auch dahin strebe , darfst Du mit Recht von mir begehren . Du glaubst , ich werde diese Messe nicht nach Frankfurt kommen , ich komme doch , und vielleicht bleibe ich den ganzen Winter über in Frankfurt . Savigny ist dann freilich allein in Marburg , doch im Sinne des Worts genommen ist er das wohl immer , was Du wohl an ihm bemerkt hast . Am deutlichsten erscheint seine Einsamkeit darin , daß er einen nie vermißt ; mich schmerzt das oft . Da ich aber an die Vollendung eines Menschen kaum stärker glauben darf als an die seinige , so wäre es töricht von mir , näher zu untersuchen , ob er ganz recht hat , mich nur grade so zu lieben und nicht mehr ; er hat sicher recht und damit holla ! - Eines fehlt uns , liebe Bettine , und mir mehr als Dir ; es ist die Kunst , mit sich selbst genug zu haben , die müssen wir erlernen . Es ist das einzige Mittel , zum Überflusse zu kommen , denn dann haben wir die Hülle und die Fülle , indem unsre Liebe zueinander , die nun Gott sei Dank das beste und edelste Geschenk des Geschickes ist , ein Übermaß ist über das , was als unsere innere Lebensgenüge noch obendrein uns geworden ist . - Gott wird Dir vielleicht und hoffentlich zu einem lieben Manne helfen und mir zu einem lieben Weibe , mit diesen Verhältnissen und dem gehörigen Glück und Unglück wird es sich so angenehm leben , als es zum Leben notwendig ist . Das nach der Meinung vieler Narren und Weisen höchst eitel und nicht sehr zu schätzen sein soll . - Doch noch eins , mein Kind ! - Es ist zwar leicht , sich über vielen Verdruß , über viele Kleinlichkeiten hinauszusetzen , noch leichter aber ist ' s , sich alles das zu ersparen . Sich ein wenig einzuschränken , um keinen Verdruß zu haben , lohnt wohl der Mühe ; Verdruß kränkt uns doch und nimmt uns das Vertrauen zu den Menschen ; hieraus wäre wohl zu empfinden , daß er dem freien Lebensorgan unseres Herzens in den Weg tritt , und wenn wir ihn nicht mehr empfinden , so ist das doch eine Abstufung unserer Seele . Wie schön ist es nun , die Menschen um sich her so zu berühren , daß sie einem keinen Verdruß mehr machen können , und doch die Freiheit und das ganze Leben seines Herzens zu behalten . Daß Du nun von so vielen Menschen verkannt wirst , wie zum Beispiel von Ebel , der trotz seiner schwachen Seiten ein sehr gelehrter Mann ist , und von Leonhardi , der offenbar einen Widerwillen gegen Dich hat , wundert mich nicht , da mir selbst in einzelnen Minuten Deine Erscheinung nicht ganz gefällt und mich drückt . Wenn ich das empfinde , der ich Dich so gut kenne , wie sollen das alle die Leute nicht empfinden , die keinen Menschen kennen ? - Nun zweifle ich aber gar nicht , daß es Dir einleuchten werde , wie es nicht zu verschmähen sei , allgemein liebenswürdig und geliebt zu werden ; denn nur dann kann man behaupten , zur wahren Schönheit des Gemüts gelangt zu sein , wenn kein guter Mensch unbefriedigt von uns geht . - Ich weiß nicht , Bettine , warum es mich so unendlich unmutig macht , wenn ich Trätschereien über Dich höre , aber ich glaube , es ist deswegen , weil es eine wirkliche Nachlässigkeit von Dir ist , sie zu veranlassen . - So habe ich jetzt zum Beispiel wieder gehört , daß Du dem Mädchen , was Dich sticken lehrt , Briefe von mir und Dir vorliest , und was hindert dies Mädchen , sie mag ein gutes Geschöpf sein oder nicht , das , was sie gehört , herumzutragen ? - Was Du selbst nicht verbirgst , wird sie auch nicht verschweigen und hat es wohl nicht verschwiegen , sonst wüßte ich ' s nicht . So wie Du zu ihr mit Deiner Vertraulichkeit hinabsteigst , steigt sie wieder hinab , und sofort ist der Weg sehr kurz , daß unser ganzer Umgang ein Gassenhauer wird . Das ist nun eine sehr verdrießliche Sache , das macht Dich und mich den Leuten lächerlich und mit Recht , und uns beiden macht es die Leute beschwerlich , denen Du es so wenig wie ich verdenken darfst , über das zu lachen und zu spotten , was mit solchen Prätensionen im Kote gefunden wird . Sehr ungeschickt und ebenso töricht aber wär es , wenn Du dem Mädchen das verweisen wolltest oder nur ein Wort darüber verlörst ; denn das Mädchen hat gar nichts verbrochen , sondern bloß Dir selber sollst Du es verweisen und das recht tüchtig . Diese ganze Geschichte kann zwar sehr zufällig und nicht so bedeutend sein , als sie hier auf dem Papier Dir wiedergegeben ist , auch hast Du vielleicht Dein Vertrauen seitdem beschränkt , von dessen Mitteilung zu der niedrigsten Klasse kein großer Schritt ist , sie selbst mag sein wie sie will , sie darum zu verwerfen , wäre unmenschlich , aber überhaupt in eine vertraute Freundschaft mit ihr zu geraten , ist sehr töricht . Du siehst nun , ob die Brüder und Anverwandten keine Ursache haben , mit Dir und mir unzufrieden zu sein , wenn sie solche Dinge von uns erfahren sollten ; ich glaube , sie haben keine Ursache , unsern Umgang zu ehren , wenn Offenbacher Juden sich über ihn unterhalten . Werde nicht traurig über diese Geschichte , sondern nehme Dich in acht mit Deinem Vertrauen . Es kommt am Ende der Verdruß auf mich und mit Recht , warum habe ich Dich nichts Besseres gelehrt . Ich habe unlängst den Franz gebeten , Dich nach Frankfurt zu nehmen ; er täte es gern , nur macht er mancherlei Einwendungen , er begehrt , daß Du der Toni gehorchen , reinlich , fleißig und häuslich sein sollst , das ist nun freilich in etwas gegen Deinen Freiheitssinn , der in Dir von der Großmutter ordentlich erzogen wurde , aber das wirst Du ihm doch nicht verdenken , bei der großen Ausbreitung des Familienzirkels im Hause kann er nur wünschen , daß ein so junges Mädchen wie Du sich an ihn und Toni anschließe , dies ist eine notwendige Folge seines treuen Gemüts . - Du wünschest nicht in Frankfurt zu sein , so wie Du jetzt bist , ist es Dir viel angenehmer , weil Wald und Flur Dir vor der Tür entgegenlachen , weil Musik und alles und die Einsamkeit Dir dort teilweise geraubt werden und auch der Umgang der Großmutter Dir dort fehlen wird . Aber wär es vielleicht nicht besser und zuträglicher für Deine ganze Zukunft , wenn Du Dich mit Geist und Seele in einen ganz andern Zirkel stelltest ? - Du würdest eine schöne Mühe anwenden , Dich dem Franz gefällig zu machen , Du wirst selbst nach und nach Dich mehr der Gesellschaft anderer Menschen , der das Weib nie entgehen soll und darf , anpassen , und mit viel größerer Freude und Ruhe wirst Du Dich selbst und die innere Bildung Deiner Seele fortsetzen , wenn Du siehst , daß die Menschen Dich lieben . Es wäre selbst das schönste Unternehmen , mit Mühe daran zu arbeiten ( ohne doch deswegen es merken zu lassen ) , die Geselligkeit und Freundlichkeit unseres Hauses unter Deinem heimlichen Schutzrecht gedeihen zu machen , und ich zweifle nicht daran , daß es Dir möglich wäre , wenn Du recht wolltest . - Sieh , das sind alles fromme Wünsche , und ich weiß kaum , ob die Momente , an die sie sich knüpfen , wirklich eintreten werden , und ob es möglich sein wird , je auf einem solchen Parterre des Witzes und des Extraordinären einen freundlich häuslichen Garten anzulegen , wo jeder gern sein möchte . Ich habe nie Gemüter angetroffen , die so warm lieben und zugleich sich schämen , diese Liebe zu äußern . So trifft der Spott immer die Innigkeit , und ist keiner da , der sie auslacht , so lacht sie sich selber aus . - Übrigens weiß ich bei allem dem nicht , ob man damit übereingekommen ist , Dich nach Frankfurt zu nehmen ; mein Wunsch wäre es beinah , daß Du mehr in den gewöhnlichen Frankfurter Schlendrian kämst , damit Du das Auffallende in Deinem Betragen etwas unterdrücktest , denn durch dies Auffallende kannst Du leicht einstens noch viel Verdruß haben , nicht als wäre es deswegen schlecht an sich , nein , es ist nur hinderlich und steht oft und bei dem Weibe fast immer im Wege , Gutes zu wirken . Die Sitte kann keinem Menschen erlassen werden ; sie ist eine Art Allerweltsprache , ohne die man nie verstanden wird ; doch soll der Mensch in sie ebensowenig von Jugend auf hineingeleimt werden , als er ganz unfähig für sie werden darf . Aber schön ist , wenn sie der Mensch mit freiem Willen ergreift , sie durch die schöne Eigentümlichkeit seines Daseins veredelt und so allen andern in dieser allgemeinen Sprache sich selbst liebenswürdig und verständlich macht . Jede gänzliche Verschließung des Menschen ist verderblich und hat etwas Fürchterliches und Unnatürliches , um so mehr , wenn sie nicht ganz freiwillig , sondern durch eine äußere schmerzliche Berührung mit der Welt hervorgebracht ist , die aus Unfähigkeit und Unbildung entstand ; denn in dem Zusammenhang besteht die ganze Größe der Welt , und an ihr können wir uns allein stärken und bilden . Wer sich diesem Zusammenhang entzieht , muß ein großes reiches Leben zurückgelegt haben , das er nun ausbilden und verarbeiten will , oder er muß sich von seinen Wunden heilen wollen , so kann er zu entschuldigen sein , wenn er zurücktritt . Aber jener , der durch Ungewohnheit und Ungeschicklichkeit im Umgang mit Schmerz und Sehnsucht nach eben der Welt , der er sich nicht anpassen kann , sich zurückzieht und auf sich selbst reduziert , der verdient bei allen übrigen Verdiensten doch von dieser Seite für einen unvollkommnen ungeschickten Menschen gehalten zu werden und wird mit Recht ausgelacht , wenn er seiner Unbeholfenheit den Namen der Zurückgezogenheit oder der Betrachtung geben will . Solange , liebe Bettine , als die Einsamkeit Dir noch anklebt als Widerwillen gegen die Gesellschaft , mußt Du Dich nach den Menschen umsehen und alle Mittel anwenden , Dich von allen Menschen geliebt zu machen . Das Leben des Weibes ist fester und unbeweglicher als das Leben des Mannes , das Weib berührt die Menschen näher und muß Segen über ihre Umgebung verbreiten . Was frommt es Dir , wenn dann und wann ein geflügelter Denker an Dir vorübereilt , der Dich grüßt und weiter eilt und Dir die Sehnsucht unbefriedigter Liebe zurückläßt ! Ich weiß nicht , welches Bild schöner ist , ein Marienbild von einem trefflichen Meister , das in einer kleinen Dorfkirche vergessen hängt , aber vor dem fromme und unschuldige Menschen beten , oder eine herrliche Statue in den Händen von Barbaren , die dann und wann von einem durchreisenden Kunstkenner oder von einem reisenden Engländer bewundert wird . Jenes wird nie verkannt und immer gewürdigt , dieses wird selten erkannt , und jeder Dünkel brüstet sich mit ihm . Ich wünsche es daher herzlich , liebe Bettine , daß Du auch verkehrtere Menschen und gewöhnliche durch deinen Umgang , durch eine einfache , durchaus sittliche Erscheinung , die , ohne aufzufallen , alle die Rechte der Liebenswürdigkeit und Güte geltend macht , erfreuen mögest . Du rettest dadurch mich von Vorwürfen und machst , daß Deine Liebe zum Schönen nie als eine Zuflucht erscheint , sondern ein freies schönes Erheben , das wie die Andacht und Religion neben dem stillen häuslichen Leben steht . - Arnim hat mir neulich viel geschrieben , er ist bis Mailand herumgeirrt und hat viel gedichtet ; sein ganzer erster Brief ist über Dich , doch ohne Verliebtheit , mit freundlicher Achtung und Annäherung erfüllt . Wenn ich nach Frankfurt komme , lese ich ihn Dir vor ; er ist jetzt in Genf und grüßt Dich herzlich . - Sollte Dir übrigens der Vorschlag gemacht werden , nach Frankfurt zu kommen , so mache keine Einwendung , als höchstens , daß Du gern Dein eignes Kämmerlein haben möchtest ; denn die vielen anderweitigen Berührungen , denen Du ausgesetzt bist , wenn Du die Wohnung teilst mit Gundel , die ganz andere Gewohnheiten und Verkehr hat , als ein so junges Mädchen wie Du sie haben kannst , würde auf Deine fernere Bildung sehr verderblich wirken . - Adieu , liebstes Schwesterchen , sei vergnügt und fleißig und fein . Dein Clemens An Bettine Düsseldorf Bettine , Du schreibst nicht ! Das macht mich ängstlich um Dich . Du bist seit vierzehn Tagen in Frankfurt ; ich muß mir das von andern schreiben lassen , es ist zum erstenmal , daß ein Brief so lang ohne Antwort blieb ; ich hatte Dir geschrieben aus ernsten Gründen und Dir ans Herz gelegt , was Dir so notwendig , mir so wichtig und heilig ist . Was kann Dich abhalten , mir zu antworten ? - Ich bin seit gestern hier aus Jena , wo ich mit meinem Ritter war , der auch Dir so gut ist , dem Du nichts geantwortet hast auf seine liebevollen Zeilen . Was ist das , daß Du verachtest , wenn ein so großes Gemüt Dich freundlich begrüßt , daß Du diesen Gruß verschmähest ! Ist es nicht , als wenn Du dem Sonnenschein , der sich über die Dächer zu Dir herniederstiehlt , um Deine Wohnung durch seinen Besuch Dir freundlich zu machen , die Fenster verhängtest ? Ich schreib Dir heute nicht mehr , aber ich bitte Dich , vernachlässige nicht Deinen treuen Bruder ! Ich bitte Dich , schreib , Du glaubst nicht , wie es mich manchmal packt , als könne diese reine Freude an Dir mir verdorben werden . - Lieber Clemens ! Ich sitze hier schon eine halbe Stunde und besinne mich , - nicht was ich Dir schreiben soll ; denn ich hab genug zu sagen , aber wo ich anfangen soll ! Das geschieht mir nun schon so oft , als ich auf Beantwortung Deines letzten längeren Briefs denke . - Und sonst war das nicht so ! Nie hab ich mich bedacht , es floß mir aus der Feder ! - Deine Verweise kränkten mich nicht , wenn sie auch manchmal aus der Luft gegriffen waren , - und jetzt weiche ich dem aus , Dir zu schreiben , alles dient mir zum Vorwand ; ich gehe zur Günderode ins Stift , ich bleibe länger bei ihr mit dem heimlichen Willen , daß es zu spät sein möge , Dir heute zu schreiben , und so vergeht ein Tag nach dem andern ; an jedem wache ich auf mit dem Gefühl einer Tagespflicht , die ich gern hinter mir haben wollte und zu untüchtig bin , sie zu leisten . Also , Du siehst wohl , daß es nicht Leichtsinn war , hätte ich den nur dabei gehabt , so wär mein Brief schon längst bei Dir angelangt . - Ich hab der Günderode davon gesagt und hab ihr ( es mag Dir vielleicht nicht recht sein ) Deinen Brief ganz vorgelesen . - Sie sagte , der Clemens spielt in einer fremden Tonart , in der Du nicht bewandert bist , in die Du auch nie hineinkommen wirst , es ist daher nur zweierlei zu tun , entweder Du antwortest ihm Punkt für Punkt , wie wenn Du vor Gericht ständest , wo man ja auch , aus dem innern Lebenskreis herausgeworfen , wie ein Hund parieren muß . Oder Du überspringst alles , was er rügt , was er frägt und empfiehlt ; denn er wird doch wohl nicht mehr von der Stimmung dieses Briefs durchdrungen sein . Ich fand auch diesen letzten Rat vorzuziehen , allein , wo ich hier am Schreibtisch sitze mit mir allein ( denn Dein Brief hat mich isoliert , und ich weiß nichts in diesem Augenblick vom Spielplatz geschwisterlicher Liebe ) , also mit mir allein hier , in den Spiegel sehend über meinem Schreibplatz . - Da regt sich ein ungeheures Selbstgefühl ! - Clemens ! Ich glaub wohl , es gibt Menschen , die sich lenken lassen von dem Geiste anderer , ich auch , sobald dieser Geist in dem meinen widerhallt , sobald also er den meinen zur Übereinstimmung weckt . - Diesmal tut er das nicht , ich könnte diesem Brief wie der Inquisition gegenüberstehen , die nie den Sinn von einem freisinnigen Menschen erfassen kann , als nur zu seinem Verderben ! - Und - noch eine Frage : Soll ich Dich beschämen durch meine Antwort ? - Das wär schlimm ; denn es be- wiese Dir , daß es mit der Hingebung in Freundschaft und Liebe nichts ist , daß alles Rufen und Berufen immer dem inneren Selbst weichen müsse , daß alles , was diesem inneren Selbst widerspricht , von ihm mit Füßen getreten wird , und ich muß Dir sagen , lieber Clemens , daß ich ganz nach diesem göttlichen Ebenbild des Selbstseins geschaffen bin . - Nun lasse uns immer diese bittere Frucht anbeißen , denn ich seh , es geht doch nicht anders , und eher wird mir das Herz nicht leicht Dir gegenüber . Also erst der Eingang Deines Briefes , der mir ein Streben nach Klarheit und Ruhe unterlegt ! - Nein , Clemens , ich habe kein mir bewußtes Streben der Art , das muß von selbst aus dem Lebensquell hervorspringen . Eines Strebens bin ich mir bewußt , weil sich alle meine Kräfte darin bewegen . Das ist innere Unantastbarkeit . Du nennst das » die Kunst mit sich selbst genug zu haben « - mir ist das keine Kunst , warum ? - Weil ich alles mein nenne , weil alles mein ist , was ich anrede , was mich erregt . - Sehnsucht hab ich nie gehabt , von Kindheit an nicht , ich könnte Dir aus dem Kloster darüber erzählen . Das Schöne hab ich liebgewonnen , ich nahm es an , wenn man mir es schenkte , um gleich es wieder zu verschenken . Nur in der Freiheit , in dem Fürsichbestehen gefällt mir das Leben ; und ich werde nie etwas an mich reißen . Ich werde mich hinneigen , aber ich werde mich nicht gefangen geben . Du denkst Dir also unsre Liebe zueinander als den » Überfluß und die Fülle des künftigen Lebens ? Die uns zu der Genüge desselben noch obendrein gegeben ist . « - Du sprichst aus : » Gott werde mir hoffentlich zu einem lieben Manne und Dir zu einer lieben Frau helfen . « Das sind Deine Worte an mich ! Und das ist die Tonart , in die ich durchaus nicht übersetzen kann . Und - ich kann mich dabei auch gar nicht aufhalten , die liebe Frau , der liebe Mann mögen sich zusammenfinden , wo es ihnen deucht , ich will sie nicht genieren ! Mehr läßt sich von mir nicht herausbringen . - Jetzt gehst Du weiter in Deinen Vermahnungen , als ob die Philister Dich trunken gemacht hätten , und sprichst vom Verdruß und von Abstumpfung gegen die Berührung mit Menschen . Ach , das mag ich gar nicht noch einmal lesen , mir ist , als müsse ich mit einem Mückenplätscher diese närrische Mücken von Dir alle totschlagen . - Nun sagst Du , daß Dir , der mich doch so gut kenne , meine Erscheinung in einzelnen Minuten auch nicht gefalle . Ach , wär es möglich , daß eine fremde Sprache eine andre fremde Sprache mit ihren Klängen und Wortarten so ganz decke , daß einer einen Roman in der einen schrieb , der andre in der Meinung , es sei die andre Sprache , in ihr diesen in der ersten geschriebnen Roman läse ? - Und kriegte da eine Geschichte heraus , von der keine Spur je geahnt oder gemeint war . So ist ' s mit Dir , und ich muß Deine Hoffnungen alle niederschmettern , daß ich mich bemühen würde , » allgemein liebenswürdig und geliebt zu werden « . Du hast mich nicht in meiner Sprache gelesen ; Du hast eine andre Natur herausgekriegt , die Dir nur dann und wann nicht gefällt , meistens aber doch . Wenn Du aber in der meinigen Sprache mich gefaßt hättest , so würde ich keinen Augenblick Dir gefallen , nein , davon nicht , von andern Dingen wär die Rede . Ein Gewimmel von Mißverständnissen . Nun lasse uns noch durch den Morast der Trätscherei waten , da ich hochgeschürzt bin und daher nicht fürchte , mich zu beschmutzen . - Und doch kommt es mir sehr hart an , daß ich hier Halt machen muß . - Was Deine Briefe anbelangt , so liegen sie alle mit Nummern bezeichnet in einem kleinen Schränkchen , das ich zur Not bei einer Feuersbrunst oder Überschwemmung unter den Arm nehmen könnte und damit das Weite suchen ; ich geh an diesen Behälter nie , nur wenn ich einen neuen Ankömmling hineinsperre wie im Kloster , heraus kommt mit meinem Wissen keiner ! - Ja , ich selbst lese sie nicht leicht wieder , wie ich sonst wohl tat , denn eine zu große Masse von Gedanken durchströmt mich und führt mich wie ein gelichtetes Schiff auf die hohe See , die Heimat hab ich im Herzen , aber ich kehr zu ihr nicht zurück , ich lande unter fremden Himmelsstrichen . - So geht ' s mit Deinen Briefen , sie sind meine Heimat , in ihnen bin ich geboren , aber die Heimat hab ich verlassen . So wenig ich die Türe meiner Hütte öffnen kann hier im fernen Weltteil , so wenig öffne ich diese Briefe , die mir geliebt , aber fern liegen . - Versteh mich , das heißt , liebe mich darum ! Nun will ich Dir noch vom Veilchen erzählen , Du sagst von ihr , » sie mag ein gutes Geschöpf sein , zu der ich hinabsteige mit meiner Vertraulichkeit ! « - Wer bin ich denn , daß ich mich herablasse , wenn ich mich zu einem guten Geschöpf vertraulich wende ? - Bin ich ein Engel ? Nun , die fliegen ja den guten Menschen nach und bewachen sie auf Schritt und Tritt , aber ich glaube nicht , daß ich ein Engel bin , ich glaub vielmehr , daß ich zu ihr hinansteige , statt herab ! - Sie ist diesen ganzen Sommer in Wiesbaden mit ihrem Großvater , sie weiß , der alte Mann muß sterben mit seiner Krankheit , er ist schon zwischen siebzig und achtzig Jahre , aber sie hat ihn hingeführt , seine Enkel hat sie ausgetan bei befreundeten Juden für ein Kostgeld , so hoch sie es zu erschwingen vermag . Die Hoffnung , daß die Bäder ihm nutzen , macht den alten Mann geduldig in seinen Schmerzen ; so denkt sie ihn leise den Lebenspfad fortzugeleiten , so pflegt sie ihn ! Er ist mein Großvater , sagt sie , mein Vater war sein Liebling , er hat gar sehr viel an ihm getan ! - Und so wischte sie sich den Schlaf aus den Augen am Abend , denn sie war früh aufgestanden ; - also , da las ich ihr als vor aus den Büchern , die ich von Dir hatte , manches schöne Lied von Goethe hat sie auswendig gelernt während dem Sticken , und ich fädelte ihr die Nadeln ein . Es waren die liebsten Zeiten mir . Als sie wegging , hab ich ihr versprochen , nach den Kindern zu sehen ; und ich bin deswegen mit ihr im Briefwechsel , so lasse ich ihr Stickmuster bei dem Goldarbeiter Fink machen , wenn sie neue Aufträge hat , - ich schicke ihr die Seide und das Gold und geb ihr meine Ansicht , es ist mir immer das größte Pläsier , wenn ein Auftrag bei ihr einläuft , wobei meine Erfindung von ihr in Anspruch ge- nommen wird , mein liebstes ist Stahlflitter und Perlen , und letzt haben wir eine grüne Sammetrobe in solchen Stahlgirlanden angeordnet mit einem Netz von goldnen Raupen darüber , und das soll so wunderschön gewesen sein , schreibt sie , daß man nicht glaubt , in Paris könne es besser gemacht sein . - Meinst Du , so was hätte keinen Reiz für mich ? Wohl freue ich mich über einen solchen Brief . Und wie manche Stunde in der Nacht habe ich in Erfindungen geschwelgt . Du siehst , lieber Clemens , die Gegend ist anders , als Du sie gedacht hast , da ist kein Steg , der hinab in die Gemeinheit führt . Wir befinden uns innerhalb der Grenzen des einfachsten Verkehres , und Deine Furcht , daß Dein Umgang mit mir ein Gassenhauer werde , und daß man ihn belache und sich darüber ärgere , im Kote zu finden , was mit so hohen Prätensionen auftrete , ist dem inneren Wesen nach ungegründet . - Du schreibst , » in eine vertraute Freundschaft mit ihr zu geraten , ist töricht . « - Clemens , was wär es , wenn ich auch dadurch mich abhalten ließ , der Veilchen die kleinen Gefälligkeiten zu erzeigen , weil Offenbacher Juden von mir sprechen ? - Mein Aufenthalt hier in Frankfurt dauert nun schon vierzehn Tage , morgens früh wecke ich den Franz und laufe mit ihm in die Gemüsgärten vor der Stadt . Das ist meine beste Zeit . Da ich mit der Gundel in einem Zimmer wohne , so ist das Eckelchen , worin ich mich bewege , sehr klein , dafür hab ich einen größeren Raum bei der Günderode im Stift , wo ich Landkarten male von Alt-Griechenland . - Doch dort kommt der alte Domherr von Hohenfeld hin und sieht auf mich herab und gibt mir Anweisung , das ist mir unangenehm . - Ich hab früher mit dem Sonnenschein gern verkehrt , jetzt ist mir lieber die Nacht , wo ich auf den langen dunklen Gängen spazieren gehe und erwarte , daß ein Geist kommt mit mir zu reden ; mit dem Dominikus unterhalte ich mich über die Republik der Herbstspinnen auf der Altane . Wohin ich gehe , ist der wie von einem allgemeinen Landregen aufgeweichte Pfad der Langenweile , in dem man leicht mit dem Schuh stecken bleibt und nicht weiter kann ! - Doch sollte ich mich nicht fassen können und meinen Geist auf die Weide treiben ( Du nennst es Bildung meiner Seele , ist mir ganz unverständlich ! ) , » ich soll mein auffallend Betragen unterdrücken « , weiß nicht , in was es besteht , - soll die » Sitte als eine Allerweltsprache aus freier Anmut führen lernen « , wo ist das Theater , wo man diese Rolle spielt ? - Du hast es also gewünscht , ich möchte Offenbach verlassen , um in einen höheren Kreis und Verkehr mit der Welt zu treten . Lieber Clemente , in dem Offenbacher Kreis war die Katz zu Haus , in diesem hier tanzen die Mäuse auf dem Tisch ! - Die Katze konnte ich verstehen und Lehre von ihr annehmen , obschon ich oft dabei gähnen mußte . Das letzte , was ich ihr vorlas , sind die lettres de Madame de Sevigné , es hat ihr sehr leid getan , daß sie meiner Seelenbildung nicht konnte diese letzte Hand anlegen . Hier verstehe ich wohl , was sie meint . Diese an eine Tochter geschriebne Briefe sind ein eleganter Tanz der Seele auf dem Tanzplatz der höheren Welt , wo alles ihrer Grazie bei jeder Wendung Beifall klatscht . - Ich werde nie in die Verlegenheit kommen , solche Briefe schreiben zu müssen . - Adieu , Clemens . Ich werde auch unter den Mäusen keine Gelegenheit haben , mich geltend zu machen ; es ist ein apart Geschlecht , ich gehöre nicht dazu . Ich hab einen recht garstigen Singlehrer , einen alten Distelbart ! Pfui ! Wie mir der zuwider ist ; wenn er fort ist , mach ich Fenster und Türen auf , damit die Atmosphäre seines Dagewesenseins nicht im Zimmer eingeklemmt bleibe . - Wenn Dir nächstens geschrieben wird , daß ich über Schmerzen auf der Brust klage , so bedaure mich nicht , ich muß lügen um des Distelbarts