zu reuten und ein Zeugniß von unserer Unschuld abzulegen : Solches hätte aber sein alter Vater nicht gestatten wölllen , alldieweil er vermeinet , dadurch seine adeliche Ehre einzubüßen , wenn es an den Tag käme , daß sein Sohn mit einer verrufenen Hexen die Nacht auf dem Streckelberge conversiret habe . Hätte ihm dahero , da er mit Bitten und Drohen nichts ausgerichtet , Hände und Füsse binden , und in das Burgverliß setzen lassen , wo bis dato ein alter Diener sein gepfleget , der ihm nicht hätte los geben wöllen , so viel Geld er ihm auch geboten ; wannenhero er in große Angst und Verzweiflung gerathen , daß unschuldig Blut umb seinet willen fließen sölle . Aber der gerechte Gott hätte es annoch gnädig abgewendet . Denn da sein Vater von dem Aerger fast heftig krank worden , und die ganze Zeit über auf dem Bette gelegen , hätte es sich heute Morgen umb Betglockenzeit begeben , daß der Jäger nach eim Rudeärpel im Schloßteich geschossen , unversehens aber seines Vaters seinen Lieblingshund , Pakan geheißen schwer verwundet . Solcher wäre schreiend zu seines Vaters Bett gekrochen , und alldorten verrecket , worüber der Alte in seiner Schwachheit sich also geärgert , daß ihn alsofort der Schlag gerühret , und er auch seinen Geist aufgegeben . Nunmehro hätten ihn aber seine Leute herfürgezogen und nachdem er seines Vaters Augen zugedrücket , und ein Vaterunser über ihm gebetet , hätte er sich alsogleich mit allem Volk aufgemachet , so er in der Burg auftreiben können , umb die unschuldige Jungfer zu retten . Denn er bezeuge hieselbsten vor männiglich und auf Ritter Wort und Ehre , ja bei seiner Seelen Seeligkeit , daß er der Teufel gewest , so der Jungfer auf dem Berg als ein haarigter Riese erschienen . Denn dieweil er durch das Gerücht es vernommen , daß selbige oftermalen dorthin gehe , hätte er gerne wissen wöllen was sie dorten thäte , und sich in einen Wulfspelz verkleidet , daß Niemand ihn kennen müge von wegen seinem harten Vater . Und hätte er schon zwei Nächte dorten zugebracht , bis die Jungfer in der dritten gekommen und er gesehen hätte , daß sie nach Birnstein in den Berg gegraben , auch nicht den Satanas angerufen , sondern vor sich ein lateinisch Carmen gerecitiret . Solches hätte er dahero in Pudgla zeugen wöllen , aber aus gedachter Ursache nicht gekönnet , besondern sein Vater hätte seinen Vetter Glas von Nienkerken , so bei ihm zum Besuch gewest , sich für ihn in das Bette legen , und ein falsch Gezeugnüß ablegen lassen . Denn , alldieweilen Dn . Consul ihme ( verstehe den Junker ) in langen Jahren nicht gesehen , anerwogen er in der Fremde gestudieret ; so hätte sein Vater wohl gegläubet , daß er leichtlich getäuschet werden müge , wie denn auch besehenen . « Als solches der rechtschaffene Junker vor Dn . Consule und allem Volk bezeugte , welches nunmehro wieder in haufen herbeigelaufen kam , da es hörete , daß der Junker kein Gespenst gewesen , fiel es mir wie ein Mühlenstein von meinem Herzen , und dieweil mich das Volk rief ( so bereits den Büttel unter dem Wagen herfürgezogen , und also dicke um ihn wimmelte , wie ein Bienenschwarm ) daß er sterben wölle , mir aber zuvorab noch etwas offenbaren , sprang ich so leicht wie ein Junggeselle von dem Wagen , und rief Dn . Consulem und den Junker gleich mit mir , gestalt ich wohl mir abnehmen kunnte , was er auf seinem Herzen hätte . Und saß er auf eim Stein , und das Blut stund ihm wie ein Pferdeschwanz aus seiner Seiten , ( angesehen man ihm das Schwert herausgezogen ) wimmerte , als er mich sahe und sprach : daß er in Wahrheit Allens hinter der Thüren gehöret , was die alte Lise mir gebeichet , als nämlich , daß sie alle Zaubereien selbsten mit dem Amtshaubtmann an Menschen und Viehe angerichtet , umb mein arm Kind zu erschröcken und also zu einer Huren zu machen . Solches hätte er aber verschwiegen , dieweil der Amtshaubtmann ihm dafür ein Großes versprochen , müßte es aber jetzunder , wo der gerechte Gott die Unschuld meines Töchterleins an den Tag brächte , freiwillig bekennen . Bäte dahero mich und mein Kind ihme zu vergeben , und als Dn . Consul ihn hierauf kopfschüttlend fragete , ob er auf solch sein Bekenntnüß leben und sterben wölle , sprach er noch » ja ! « fiel sodann aber alsogleich auf die Seite zur Erden nieder und gab seinen Geist auf . Hierzwischen aber war dem Volk auf dem Berge , so von Coserow , vom Zitze vom Gnitze etc. alldorten zusammengelaufen war , umb mein Töchterlein brennen zu sehen , die Zeit lang worden und kamen sie nunmehro wie die Gänse , einer nach dem andern , in langer Reihe den Berg niedergelaufen , umb zu sehen , was geariviret . Und war auch mein Ackersknecht Claus Neels darunter . Als selbiger aber sahe und hörete , was geschehen , hube der gute Kerl vor Freuden an , laut zu weinen und verzählete nun auch , was er in dem Garten den Amtshaubtmann zu der alten Lisen sprechende gehöret , und wie er ihr ein Schwein versprochen , dafür daß sie ihr eigen Ferkelken todt gehexet umb mein Töchterlein in ein böses Geschrei zu bringen , summa : Allens , was ich schon oben notirt habe und er bis dato aus Furcht vor der Marter verschwiegen . Hierüber verwunderte sich alles Volk , und entstunde ein groß Lamentiren , so daß Etzliche kamen , worunter auch der alte Paassch befindlich , und mir wie meinem Töchterlein Hände und Füsse küssen wollten und uns nunmehro ebenso lobeten als sie uns vorhero verachtet hatten . Aber so ist das Volk ; dannenhero auch mein Vater seliger zu sagen pflegte : Volkes Haß : Ein schneidend Glas ; Volkes Gunst : Ein blauer Dunst ! Auch caressirete mein lieber Gevatter mein Töchterlein in einem zu , sie auf seinen Schooß haltend , und wie ein Vater weinend ( denn ich kunnte nicht mehr weinen als er weinete ) . Sie selbsten aber weinte nicht , besondern bat den Junker , welcher wieder an den Wagen getreten war , einen Reuter an ihre alte , treue Magd nacher Pudgla zu schicken , umb ihr zu sagen , was gearriviret , welches er auch alsogleich ihr zu Willen that . Aber Ein ehrsam Gericht , ( denn nunmehro hatten Dn . Camerarius und der Scriba sich auch ein Herz gefasset und waren von dem Wagen gestiegen ) war annoch nicht zufrieden gestellet , angesehen Dn . Consul anhub dem Junker von der behexten Brücken zu erzählen , welche kein anderer könne bezaubert haben , denn mein Töchterlein . Hierauf gab der Junker zur Antwort : daß solches in Wahrheit ein seltsam Ding sei , inmaßen sein eigen Roß sich darauf ein Bein zubrochen , und er darumb den Amtshaubtmann sein Pferd genommen , so er unter der Mühlen angebunden gesehen . Er gläube aber nicht , daß dieses der Jungfer zuzuhalten wäre , sondern daß es ganz natürlich zuginge , wie er schon halb und halb verspüret , aber nit die Zeit gehabt , es zu untersuchen . Darumb wölle er bitten , daß Ein ehrsam Gericht und alles Volk , wie mein Töchterlein selbsten , wieder umbkehre , umb selbige mit Gottes Hülfe auch von solchem Verdacht rein zu waschen , und männiglich ihre gänzliche Unschuld zu bezeugen . In solches Fürhaben willigte Ein ehrsam Gericht und dieweil der Junker den Amtshaubtmann seinen Schimmel meinem Ackersknecht übergeben , umb den Leichnam , so man dem Roß vorne über den Hals geleget , nacher Coserow abzuführen , stieg der Junker bei uns auf den Wagen , aber setzete sich nicht bei meim Töchterlein , besondern rückwärts bei meim lieben Gevatter nieder , gab auch Befehlig , daß nit der alte Gutscher , sondern einer von seinen Unterthanen unsern Wagen fahren sölle , und also kehreten wir in Gottes Namen wieder umb . Custos Benzensis , welcher auch mit den Kindern in die Wicken gelaufen war , so annoch am Wege stunden ( mein seliger Custos sollt es nicht gewest sein , der hatte mehr Courage ) ging wieder mit der lieben Jugend fürauf und mußte nunmehro , auf Befehlig seines Herrn Pastoren , den ambrosianischen Lobgesang anstimmen , welches uns alle mächtiglich erbarmete , insonderheit mein Töchterlein , so daß ihr Buch naß wurde von ihren Thränen , und sie es letzlich wegklegete und sprach , indem sie dem Junker ihre Hand reichete : » wie soll ich es Gott und Ihme danken , was Er an mir gethan ? « worauf der Junker zur Antwort gab : » ich habe mehr Ursache Gotte zu danken , als Sie liebe Jungfer , angesehen Sie unschuldig in ihrem Kerker gelitten , ich aber habe schuldig gelitten , dieweil ich durch meine Leichtfertigkeit Ihr Ungelücke angerichtet . Gläube Sie mir , als ich heute Morgen das arme Sünderglöcklein zum ersten Male in meim Verließ klingen hörete , vermeinete ich schon zu vergehen , und als es sich zum dritten Male vernehmen ließe , wäre ich wohl unsinnig worden in meinem Schmerz , wenn der allmächtige Gott es nicht so gefüget , daß er fast in selbigem Augenblick meinem wunderlichen Vater sein Leben genommen , umb Ihr unschuldig Leben durch mich retten zu lassen . Darumb habe ich auch dem lieben Gotteshause einen neuen Thurm angelobet , und was sich sonsten befinden wird , denn nichts Bitteres hätte mir auf Erden geschehen mügen , denn Ihr Todliebe Jungfer , und nichts Süßeres , denn ihr Leben ! « Aber mein Töchterlein weinete und seufzete nur bei diesen Worten , und wenn er sie ansahe , sahe sie zitternde auf ihren Schooß nieder , so daß ich gleich argumentirete , mein Jammer sei annoch nicht zu Ende , sondern solle nur ein ander Thränenfaß angestochen werden , wie denn auch geschahe . Hiezu kam , daß der Esel von custos , nachdem er den Lobgesang beendet und wir annoch nicht zur Stelle waren , gleich den nachfolgenden Gesang anhube , welcher aber ein Sterbenslied war , nämlich dieses : Nun lasset uns den Leib begraben . ( Gott sei Dank , hat solches aber bis dato noch nichts Böses bedeutet ) . Mein lieber Herr Gevatter schnarchete ihn davor nicht wenig an und sölle er aus Strafe vor seine Dummheit auch das Geld vor die Schuhe nit kriegen , so er ihm allbereits aus dem Kirchenblock versprochen . Aber mein Töchterlein getröstete ihn und versprach ihme vor eigene Unkosten ein Paar Schuhe , angesehen es vielleicht besser für sie wäre , er stimmete umb sie einen Leichen- dann einen Freudengesang an . Und als den Junker solches verdroß und er sprach : » ei liebe Jungfer , Sie weiß nit wie Sie Gott und mir vor Ihre Rettung danken soll , und Sie spricht also ? « gab sie wehmüthig lächelnde zur Antwort : sie hab es nur gesagetumb den armen custodem zu beruhigen . Aber ich sahe es ihr gleich an , daß es ihr Ernst war , dieweil sie schon jetzt bei sich befunde , daß sie zwar aus einer Brunst gerettet , doch in die andere kommen sei . Hierzwischen gelangeten wir wieder bei der Brücken an und stunde alles Volk und sperreten die Mäuler auf , als der Junker vom Wagen sprang , undnachdem er zuvor sein Roß erstochen , so noch auf der Brücken lag und spartelte , auf seine Kniee fiel , mit der Hand auf den Boden hin und her wischete und letzlich Ein ehrsam Gericht herbeirief , dieweil er nunmehro den Zauber aufgefunden . Aber es wollte Niemand nicht ihm folgen denn Dn . Consul und ein Paar Kerls aus dem Haufen , worunter auch der alte Paassch befindlich , item ich und mein lieber Gevatter , und zeigete uns der Junker nunmehro ein Stücklein Talg bei der Größe einer guten Nuß , so auf dem Boden lag , und womit die ganze Brücke übergeschmieret war , so daß sie fast ein weißlich Ansehn hatte , was aber männiglich in der Angst für Mehlstaub aus der Mühlen gehalten , item mit einer andern materia , so als Marderdreck stunk , wir aber nicht erkannten . Bald darauf funde ein Kerl auch noch ein ander Stücklein Talg , und zeigete es dem Volk , worauf ich ausrief : ho ho das hat Niemand , denn der gottlose Mühlenknappe gethan vor die Prügel , die ihm der Amtshaubtmann hat geben lassen , weil er mein Töchterlein gelästert und erzählete nunmehro den Fürfall , von welchem Dn . Consul auch gehöret , und dannenhero alsogleich den Müller rufen ließ . Selbiger that aber als wüßte er von Nichtes , und berichtete nur , daß sein Mühlenknappe seit einer Stunden abgewandert sei . Doch sagete ein Mädken , so bei dem Müller im Dienst stunde , daß sie heute Morgen für Tagesanbruch , als sie aufgestanden , umb das Vieh auszulassen , den Knappen habe auf der Brücken liegen und scheuren sehen . Hätte sich weiters nicht daran gekehret , sondern wäre alsbald noch wieder eine Stunde schlafen gangen . Wohin der böse Bube aber gewandert , wollte sie so wenig in Erfahrung gezogen haben , denn der Müller . Als der Junker diese Kundschaft erlanget stieg er auf den Wagen und hub an das Volk zu vermahnende , wobei er letzlich es auch persuadiren wollte , nicht mehr an Zauberei zu gläuben , dieweil sie sähen , wie es mit der Hexerei befindlich wäre . Als ich solches hörete , entsatzte ich mich , wie billig in mein priesterlichen Gewissen , und stieg auf das Wagenrad und bliese ihm ein , daß er umb Gottes willen von dieser Materia aufhören sölle , dieweil das Volk , wenn es den Teufel nicht mehr fürchte , auch unsern Herrgott nicht mehr fürchten würde4 . Solches thät der liebe Junker mir auch alsogleich zu Gefallen , und fragete nur das Volk noch , ob sie jetzunder mein Töchterlein ganz für unschuldig hielten . Und nachdem sie » ja ! « gesaget , bate er sie , nunmehro geruhsam nach Hause zu gehen und Gott zu danken , daß er unschuldig Blut gerettet . Er wölle jetzo auch wieder umbkehren und hoffe er , daß Niemand mich und mein Töchterlein beschweren würde , wenn er uns allein nacher Coserow zurückfahren ließe . Hierauf wandte er sich eilends an selbige , gab ihr die Hand und sprach : » Lebe Sie wohl liebe Jungfer , ich hoffe Ihre Ehre auch bald vor der Welt zu retten , und danke Sie nicht mir , sondern Gott ! « Also machte ers auch mit mir und meinem lieben Gevatter , worauf er von dem Wagen sprang und bei Dn . Consuli auf seinen Wagen sitzen ging . Selbiger hatte auch bereits etzliche Worte zum Volk gesprochen , auch mich und mein Kind umb Vergebung angerufen ( und muß es ihme zur Ehre nachrühmen , daß seine Thränen dabei auf die Backen niederflossen ) wurde aber von dem Junker also sehr gedränget , daß er kürzlich abbrechen mußte , und sie ohne sich umbzusehen über die kleine Brücke von dannen fuhren . Nur Dn . Consul sahe sich noch einmal umb und rief mir zu : daß er in der Eil vergessen habe , dem Scharfrichter zu avertiren , daß heute nicht gebrennet würde ; ich müge also in seinem Namen meinen Fürsteher von Uekeritze auf den Berg schicken und ihm solches sagen lassen , was ich auch that . Und ist der Bluthund auch noch in Wahrheit auf dem Berg gewest , doch obwohl er längst gehöret was fürgefallen , hat er doch so erschröcklich zu fluchen angefangen wie der Schulze ihm den Befehl Eines ehrsamen Gerichtes überbracht , daß es einen Stein hätte erwecken mögen , hat auch seine Mütze sich abgerissen , und selbige mit Füssen getreten , woraus man gießen mag , was an ihme ist . Doch umb wieder auf uns zu kommen , so saß mein Töchterlein , also still und blaß wie eine Salzsäule nachdem der Junker sie so plötziglich und unvermuthet verlassen , wurde aber alsbald in Etwas wieder getröstet , als die alte Magd angelaufen kam , ihre Röcke bis an die Knie aufgeschürzet , und ihre Strümpfe und Schuhe in den Händen tragend . Wir höreten sie schon aus der Ferne für Freuden heulen , dieweil die Mühle stille stund , und fiel sie wohl an die dreien Malen auf der Brücken , kam aber letzlich auch glücklich hinüber und küßete bald mir , bald meinem Töchterlein Hände und Füße , nur bittende : wir wöllten sie nicht verstoßen , besondern sie bis an ihr selig Ende bei uns behalten , was wir auch zu thun versprachen . Und mußte sie hinten aufhacken , da wo der dreuste Büttel aufgehacket war , angesehen mein lieber Herr Gevatter mich nicht verlassen wollte , bis ich wieder in meine Widemen gekommen . Und da den Junker sein Kerl bei dem andern Wagen aufgehacket war , fuhr uns der alte Paassch zurück , und alles Volkso bis dato gewartet , trottirete jetzt wieder umb den Wagen her , und lobete und beklagete uns , wie es uns vorhero verachtet und geschmähet hatte . Wir waren aber kaum durch Uekeritze gelanget , als ein abermalig Geschrei erging : » de Junker kümmt , de Junker kümmt ! « so daß mein Töchterlein hoch auffuhr für Freuden und so roth wie eine Erdbeer wurde , von dem Volk aber Etzliche schon wieder begunnten in den Buchweizen zu laufen , so am Wege stunde , dieweil sie abermals vermeineten , es wäre ein Spükels5 . Es war aber in Wahrheit der Junker wieder , so auf einem schwarzen Rappen angesprenget kam , undals er gegen uns war ausrief : » so eilig ich es auch habe liebe Jungfer , so muß ich dennoch umbkehren und sie bis in Ihr Haus geleiten , angesehen ich eben gehöret , daß das unflätige Volk sie unterweges schimpfiret , und ich nicht weiß , ob sie jetzunder sicher genug ist . Hierauf trieb er den alten Paassch zur Eile an , und da das Ampeln6 mit seinen Beinen , so er fürnahm nicht sonderlich die Pferde in den Trab bringen wollte , schlug er von Zeit zu Zeit das Sattelpferd mit der flachen Klingen über den Rücken , so daß wir in Kurzem in das Dorf und vor die Widemen gelangeten . Doch als ich ihn bate , ein wenig abzusteigen , wollte er nicht , besondern entschuldigte sich , daß er heute noch über Usedom nacher Anclam reisen müßte , empfohle aber dem alten Paassch so ein Schulze bei uns war , mein Töchterlein auf seinen Kopf an , und möge er alsogleich , wenn etwas Sonderbares sich eräugnen sollte , selbiges dem Rentmeister in Pudgla , oder Dn . Consuli in Usedom vermelden , worauf er , als der Mann solches zu thun versprach , mit der Hand uns winkete , und wieder von dannen jagte , so sehr er kunnte . Aber er war noch nit bei Pagels umb die Ecke kommen kehrete er zum dritten Male zurück , und als wir uns verwunderten sprach er : wir möchten ihme vergeben , daß er heute kurz von Gedanken sei . Ich hätte ihme doch vormals gesaget , daß ich annoch meinen Adelsbrief hätte , und bäte er mich , ihn selbigen einige Zeit zu lehnen . Hierauf gab ich zur Antwort : daß ich selbigen erst herfürsuchen müßte , und müge er dannenhero ein wenig niedersteigen . Aber er wollte nit , besondern entschuldigte sich abereins , daß er keine Zeit nit hätte . Blieb darumb vor der Thüren halten , bis ich ihme den Brief brachte , worauf er sich bedankete und sprach : » laß Er sich dieses nicht verwundern ; Er wird bald sehen was ich im Sinne habe ! « Und hiemit stieß er seinem Rappen die Sporen in die Seite und kam nicht wieder . Fußnoten 1 plattdeutsch : sich senken . 2 König majestät ' scher Größe ! Der umsonst deckt unsre Blöße , Quell der Liebe , komm , erlöse ! 3 Dies geschah in damaliger Zeit so häufig , daß in manchen Parochien Pommerns wohl sechs bis sieben solcher elenden Weiber jährlich den Scheiterhaufen besteigen mußten . 4 Vielleicht eine tiefe Wahrheit ! 5 Gespenst . 6 Plattdeutsch : Zappeln . Capitel 29. Von unsrer großen , abermaligen Trübsal und letzlicher Freud . Und hätten wir jetzunder wohl zufrieden sein und Gotte Tag und Nacht auf unsern Knieen danken mögen . Denn unangesehen , daß er uns so gnädiglich aus so großer Trübsal erlöset , hatte er auch das Herze meiner lieben Beichtkinder also umbgekehret , daß sie nicht wußten was sie uns Gutes thun söllten . Brachten alle Tage Fische , Fleisch , Eier , Würste und was sie mir sonsten bescheeren thäten , und ich wieder vergessen hab . Kamen auch den nächsten Sonntag alle zur Kirchen , Groß und Klein ( außer der Klienschen in Zempin so unterdessen einen kleinen Jungen gekriegt und annoch ihre Wochen hielt ) allwo ich über Hiob 5 , Verse 17 , 18 , 19 meine Dankpredigt hielte : » siehe , selig ist der Mensche den Gott strafet , darum wegere dich der Züchtigung des Allmächtigen nicht . Denn er verletzet und verbindet , er zuschmeißet und seine Hand heilet . Aus sechs Trübsalen wird er dich erretten , und in der siebenten wird dich kein Uebel rühren « , wobei ich oftermalen von wegen dem Heulen ein wenig inne halten mußte , daß sie sich verpusten könnten . Und hätt ich mich in Wahrheit anjetzo mit dem Hiob , nachdeme ihn der Herr wiederumb gnädig aus seinen Trübsalen erlöset , wohl mügen in Vergleichung stellen , wenn nicht mein Töchterlein gewesen wäre , so mir abereins viel Herzeleid bereitete . Sie weinete schon , als der Junker nicht absteigen wollte , und wurde letzlich da er nicht wiederkam immer unruhiger von einem Tag in den andern . Saß bald und las in der Bibel , bald in dem Gesangbuch , item in der Historie von der Dido bei dem Virgilio , oder lief auch auf den Berg und hohlete sich Blümekens ( hat alldorten auch der Birnsteinader wieder nachgespüret , aber nichtes befunden , daraus männiglich die List und Bosheit des leidigen Satans abnehmen mag ) . Solches sahe ich etzliche Zeit mit Seufzen an , doch , ohne ein Wörtlein zu sagen ( denn Lieber , was kunnte ich sagen ? ) bis es immer ärger wurd , und da sie jetzunder mehr denn jemalen zu Hause und im Felde ihre carmina recitirete , besorgete ich daß das Volk sie wiederumb in ein Geschrei bringen würde , und ginge ihr eines Tages nach , als sie wieder auf den Berg lief . Gott erbarms , sie saß auf ihren Scheiterhaufen , so annoch da stunde , doch also , daß sie ihr Antlitz zur Sehe gekehret hatte und recitirete die Versus , wie Dido den Scheiterhaufen besteiget , umb sich aus Brunst zum Aeneae zu erstechen nämlich : At trepida et coeptis immanibus effera Dido Sanguineam volvens aciem , maculisque trementes Interfusa genas , et pallida morte futura Interiora domus irrumpit limina , et altos Conscendit furibunda rogos . - - -1 Als ich solches sahe und hörete , wie weit es mit ihr kommen , entsatzte ich mich auf das Höchste und rief : » Maria , mein Töchterlein was machstu ? « Sie erschrak , als sie meine Stimme hörete , blieb aber auf ihrem Scheiterhaufen sitzen , und gab zur Antwort , indem sie das Gesicht mit ihrem Schurzfleck bedeckete . » Vaterich brenne mein Herze ! « Trat also näher zog ihr den Schurzfleck fort und sprach : » Wiltu mich denn noch einmal zu Tode grämen ? « worauf sie ihre Augen mit den Händen bedeckete und lamentirete : » ach Vater , warumb bin ich hier nicht gebrennet ? so hätte meine Pein doch nur eine kurze Zeit gewähret , nun aber währet sie so lange ich lebe ! « That noch immer als merkete ich nichtes und sprach : » Warumb leidest du denn so viel Pein mein liebes Kind ? « worauf sie zur Antwort gab : » ich habe mich so lange geschämet es Ihme zu sagen , umb den Junker , umb den Junker , mein Vater , leide ich so viele Pein ! Er gedenket mein nit mehr und verachtet mich , obwohl er mich gerettet , denn sonst wäre er wohl ein wenig vom Roß gestiegen und hineinkommen , aber wir seind ihm viel zu schlecht ! « Und hube ich nun zwar an , sie zu trösten und ihr die Gedanken auf den Junker auszureden , aber je mehr ich tröstete , je ärger wurd es . Doch sahe ich , daß sie noch heimblich eine steife Hoffnung hatte von wegen dem Adelsbrief , den ich ihme hatte thun müssen . Solche Hoffnung wollte ich ihr auch nicht benehmen , dieweil ich sie selbsten hatte , besondern , umb sie nur zufrieden zu stellen , flattirete ich letzlich ihrer Hoffnung , worauf sie auch etzliche Tage geruhsamer wurde , und nicht wieder auf den Berg lief , wie ich ihr verboten . Nahm auch ihre kleine Pate , die Paasschin wieder im Katechismus für , angesehen der leidige Satan sie mit des gerechten Gottes Hülfe nunmehro wieder gänzlich verlassen . Doch quinete2 sie noch und sahe also blaß aus wie ein Laken . Als aber bald hiernach das Geschreie kam : Niemand in der Burg zu Mellenthin wisse , wo der Junker verblieben , und vermeine man , daß er todt geschlagen wäre , nahm ihr Jammer wieder überhand , also daß ich meinen Ackersknecht zu reuten nacher Mellenthin schicken mußte , umb Kundschaft von wegen ihme einzuhohlen . Und hat sie wohl an die zwanzig Malen nach seiner Wiederkunft aus der Thüren und über das Hackelwerk geschauet , ist ihm auch bis an die Ecke gegen Pageis entgegengelaufen , als sie letzlich sahe daß er wiederkam . Aber , du lieber Gott , er brachte uns bösere Nachricht , denn das Geschreie uns gebracht , sagende : die Burgleute hätten ihm verzählet , daß ihr junger Herre gleich noch selbigen Tages abgeritten , als er die Jungfer gerettet . Und wär er zwar nach dreien Tagen zur Begräbnüß seines Vaters retourniret , aber auch gleich hierauf wieder abgeritten , und hätten sie nunmehro an die fünf Wochen weiter Nichtes von ihme gehöret , wußten auch nicht wohin er gefahren und vermeineten , daß ihn böse Lotterbuben wohl geschlagen hätten . Und nunmehro hube mein Jammer größer an , denn er jemalen gewesen ; denn so geduldig und gottergeben sie sich vorhero erwiesen , daß keine Märtyrin hat mügen stärker in Gott und Christo ihrem letzten Stündlein entgegen gehen , so ungeduldig und verzweifelt war sie anjetzo . Hatte alle Hoffnung aufgeben , und sich steif in den Kopf gesetzt , daß in dieser schweren Kriegszeit die Schnapphanichen den Junker geschlagen . Nichtes wollte davor helfen auch das Beten nit , denn wenn ich mit ihr auf meinen Knieen den Herren anrief , fing sie letzlich immer an so erschröcklich zu lamentiren , daß sie der Herre verstoßen , und sie nur zum Unglück auf Erden erwählet sei , daß es mir wie ein Messer mein Herze durchschnitt , und mir die Gedanken mit denen Worten vergingen . Lag auch des Nachts und winselte wie eine Schwalbe und ein Kranich und girrete wie eine Taube , und ihre Augen wollten ihr brechen3 , dieweil sie keinen Schlaf darinnen bekam . Rief ich ihr dann aus meinem Bette zu : » mein liebes Töchterlein , willtu denn noch nit aufhören , so schlafe doch ! « so gab sie zur Antwort : » schlaf Er nur mein Herzensvater , ich kann nit schlafen , ehe denn ich den ewigen Schlaf schlafe ; ach mein Vater , warumb bin ich nicht gebrennet ? « Aber wie hätte ich schlafen mügen , da sie nicht schlafen kunnte ; sagte zwar alle Morgen , daß ich etwas geschlafen , umb sie zufrieden zu stellen ; aber es war nicht also , besondern wie David schwemmete ich auch mein Bette die ganze Nacht und netzete mit meinen Thränen mein Lager4 . Verfiel auch wieder in großen Unglauben , also daß ich nicht beten kunnte und mochte . Doch der Herre handelte nicht mit mir nach meinen Sünden und vergalt mir nicht nach meiner Missethat , besondern seine Gnade sollte auch über mir elenden Knecht bald höher werden , denn der Himmel über der Erden5 . Denn was geschah am nächsten Samtstag ? Siehe unsere alte Magd kam außer Athem in die Thüre gefahren : daß ein Reuter über den Herrenberg käme , hätte einen großen Federbusch an seinem Hut wehende , und glaube sie , es wäre der Junker . Als mein Töchterlein so auf der Bank saß umb sich ihre Haare auszukämmen , solches hörete , thät sie einen Freudenschrei , daß es einen Stein in der Erden hätte erbarmen mügen , und rannte alsogleich aus der Stuben , umb über das Hackelwerk zu schauen . Währete auch nit lange , so kam sie wieder zurücke gelaufen , fiel mir umb meinen Hals und schriee in einem wegk : » der Junker , der Junker ! « wollte darauf abereins herausihme entgegen , was ich ihr aber wehrete , und sölle sie sich lieber ihre Haare wegkstecken , was sie auch einsah und lachende weinende und