auch für ihn die Bequemlichkeit des Lebens an Reiz gewann , um so angenehmer erschien ihm die Weise , mit der Therese vorzusorgen wußte . Jenny ' s Aeußerung , daß Therese sich Liebe erkoche und erwirthschafte , begegnete daher allgemeinem Tadel , wie überhaupt ihr Verhältniß zu ihrer Freundin der Pfarrerin immer mehr mißfiel und Allen ein Räthsel dünkte , Reinhard ausgenommen , der diese ungewohnte Härte in Jenny ' s Charakter nur zu leicht und gern entschuldigte . Nach Jenny ' s früher geäußertem Wunsche sollte auch Therese unter ihren Taufzeugen sein , doch schien sie diesen oft besprochenen Vorsatz jetzt ganz plötzlich aufgegeben zu haben . Sie erklärte , als die Pfarrerin sie deshalb zur Rede stellte und ihr bemerklich machte , wie diese Zurücksetzung für Therese empfindlich sein müsse : Es thäte ihr leid , aber sie könne sich nicht entschließen , es wäre ihr unmöglich , sie dazu aufzufordern . Diese entschiedene Aeußerung veranlaßte die Pfarrerin , weiter in Jenny zu dringen , sie konnte jedoch keine nähere Erklärung von ihr erlangen . Jenny behauptete , ohne Gründe anzugeben , sie habe sich in Therese geirrt , sie fühle eine wachsende Abneigung gegen sie , und könne dieselbe nicht überwinden . Als zufällig eben während dieser Unterredung Therese mit einer Anfrage von Jenny ' s Mutter hinzukam und mit einer heftigen , kurzen Antwort von Jenny abgefertigt wurde , die gleich darauf das Zimmer verließ , benutzte die Pfarrerin die Gelegenheit , mit Theresen einmal darüber zu sprechen , ob sie vielleicht den Grund zu Jenny ' s gereizter , launenhafter Stimmung kenne ? Therese verneinte es . Ich weiß nur das Eine , sagte sie , daß ich ihr Betragen gegen mich nicht verdient habe , und ich würde es nicht ertragen , wenn mich das Andenken an unser früheres Verhältniß nicht nachsichtig gegen sie machte . Und wissen Sie denn nicht , liebes Kind , seit wann diese Verstimmung sich Jenny ' s bemächtigt hat ? Man könnte vielleicht irgend Etwas zu ihrer Beruhigung thun , wenn man die Veranlassung dazu kennte . So wie Sie Jenny jetzt sehen , liebe Frau Pfarrerin , ist sie seit wir in Berghoff sind , antwortete Therese , und allerdings habe ich eine Vermuthung darüber , die ich Ihnen mittheilen möchte , wenn Sie mir heilig versprechen wollen , gegen Jeden , besonders aber gegen Ihren Sohn darüber zu schweigen . Die Pfarrerin zauderte einen Augenblick , dann bat sie Therese , diese Mittheilung lieber zu unterlassen , wenn sie nicht wirklich nöthig zu Jenny ' s Glück , zu ihrer Herstellung sei . Ich bin in einer sonderbaren Lage , antwortete Therese , und weiß selbst nicht , ob es nicht meine Pflicht ist , ein Geheimniß zu verrathen , zu dessen Kenntniß ich nur zufällig gelangte ; denn noch dürfte es Zeit sein , ein Unheil zu vermeiden , das meinen theuersten Freunden droht . Die Pfarrerin wurde unruhig , und Therese fuhr fort : Den Abend , ehe wir nach Berghoff zogen , zeichnete Jenny mit Erlau auf dem Balkon vor dem Treibhause eine Ansicht der Gegend , welche sie für ihren Bräutigam bestimmte . Sie war Anfangs ganz heiter ; Steinheim war auch mit ihnen , und Jenny rief mich ebenfalls herbei , um mir ihre Arbeit zu zeigen und mich an der Unterhaltung Theil nehmen zu lassen . Diese nahm , wie gewöhnlich , wenn jene Drei ohne Reinhard beisammen waren , eine ziemlich fade Wendung . Das Gespräch langweilte mich , so daß ich Jenny aufmerksam machte , wie wenig dieses Geplauder und Geschwätz ihrem Bräutigam behagen würde . Darüber wurde sie verdrießlich und heftig , und so ist es seit jenem Tage geblieben . Aber mein Kind , sagte die Pfarrerin im Tone des Vorwurfs , Sie können doch kaum annehmen , daß ein so geringer Tadel Jenny ' s ganzes Wesen , ihr ganzes Verhältniß zu Ihnen so vollkommen verändern könne , besonders da sie sonst Tadel von Jedermann mit großer Freundlichkeit zu ertragen pflegte , was mir an ihr stets angenehm aufgefallen ist . O , Gott bewahre ! das glaube ich auch nicht , erwiderte Therese , ich halte es nur für begreiflich , daß ihre üble Laune sich gerade gegen mich richtet , weil wir zufällig jenen kleinen Streit in einer Stunde hatten , die außerdem von entschieden traurigen Folgen für Jenny war . Therese , unterbrach die Pfarrerin sie sehr ernsthaft , Ihre halben Reden scheinen mir ein Geheimniß mittheilen zu wollen , das Sie vielleicht verschweigen sollten . Sie sind aber bereits zu weit gegangen , und ich muß Sie bitten , mir nun die volle Wahrheit zu enthüllen , damit ich selbst entscheide , was wir für Jenny , die ich als meine Tochter liebe , thun können und müssen . Therese schien zu schwanken , dann aber sagte sie rasch und mit großer Bestimmtheit : Nun denn , Frau Pfarrerin ! Ich glaube , Erlau ' s Abreise ist die Veranlassung zu der vollkommenen Veränderung , welche mit Jenny vorgegangen ist . Das wäre ein großes Unglück , rief die alte Dame erschreckt . Aber was bringt Sie auf diese Vermuthung ? Eine bloße Vermuthung hätte ich Ihnen nicht mitgetheilt , antwortete Therese , ich habe die feste Ueberzeugung , daß es so ist . Nachdem Steinheim den Balkon verlassen hatte , hörte ich , denn ich war im Treibhause beschäftigt , Erlau lebhaft mit Jenny sprechen , und obgleich ich weder Alles verstehen konnte noch wollte , vernahm ich , daß Erlau ihr seine Liebe gestand und ihr zugleich Lebewohl sagte , weil er ohne Hoffnung in ihrer Nähe nicht leben könne . Den nächsten Tag war er abgereist , und als sein Abschiedsbrief uns gebracht wurde , behauptete Jenny , die man darum fragte , von seiner Reise ebenso wenig gewußt zu haben , als wir . Trotzdem hat sie ihm wahrscheinlich das für Reinhard bestimmte Bildchen zum Andenken geschenkt , denn ich habe es seit dem Abend nicht mehr gesehen , und es ist auch nie wieder die Rede davon gewesen . Am nächsten Tage zogen wir hieher und seitdem ist Jenny ' s traurige Stimmung , wie Sie selbst wissen , im Zunehmen begriffen . Die Pfarrerin schwieg lange Zeit und schien mit sich selbst zu Rathe zu gehen , dann sprach sie : Gott verhüte , daß Ihre Behauptung wahr sei ! Ich kann nicht glauben , daß Jenny sich so vollkommen über ihre Gefühle getäuscht haben könne , und bin ebenso fest von ihrer Liebe zu Reinhard überzeugt , als von der seinen für sie . Indeß ist leider unser Herz tausend befremdlichen Eindrücken zugänglich , und es ist nicht unmöglich , daß sich irgend ein Widerstreit von Gefühlen in der Seele der armen Jenny erhoben hat , den sie mit ihrer leidenschaftlichen Weise gewaltsam bekämpfen will und hoffentlich bekämpfen wird . Es ist denkbar , daß ihre Unruhe dadurch entstanden ist , und ich danke Ihnen für das Geständniß , das Sie mir gemacht haben , wie für die Geduld , mit der Sie die Unfreundlichkeit des armen Mädchens ertragen . Nur Eins muß ich Ihnen wie die heiligste Pflicht an ' s Herz legen : Lassen Sie weder Jenny , noch meinen Sohn es ahnen , daß Sie irgend eine Vermuthung der Art hegen . Wie können Sie das nur glauben ? fragte Therese . Rechnen Sie fest auf meine Verschwiegenheit , um so mehr , als auch Ihres Sohnes Glück davon abhängt , dem ich lebenslang für so Großes verpflichtet bin und für den kein Opfer mir zu schwer fallen sollte . Die Pfarrerin umarmte sie gerührt . Sie versicherte sie , wie sie ihre Achtung in hohem Grade gewonnen habe , und wie sehr sie ihr die Schonung Dank wisse , mit der sie Jenny behandle . Lassen Sie uns vereint , sprach sie , dahin wirken , Jenny mit sich selbst wieder auszusöhnen und ihr das Glück zu erhalten , das sie und mein Sohn von der Zukunft erwarten . Unsere innigste Anerkennung wird es Ihnen danken , und wenn Sie sich wirklich meinem Sohne verpflichtet fühlen , tragen Sie ihm Ihren Dank jetzt in einer Weise ab , welche ihn für immer zu Ihrem Schuldner macht . Therese versprach Alles und sie schieden mit den herzlichsten gegenseitigen Versicherungen . Wie weit Therese bei dieser Unterredung sich selbst über die Beweggründe ihrer Handlungen getäuscht hatte , wie weit sie absichtlich dabei zu Werke gegangen , möchte schwer zu entscheiden sein . Ob sie wirklich an Jenny ' s Liebe für Reinhard zweifelte , an eine Neigung für Erlau glaubte , ob nur der Wunsch , Reinhard und Jenny vor Reue zu bewahren , allein sie antrieb , der Pfarrerin jenen Bericht zu erstatten , das lassen wir dahingestellt sein . Jedenfalls aber war sie sich der eigensüchtigen Motive , die zweifelsohne in ihrer Seele sich regten , nicht deutlich bewußt , so daß sie die Lobsprüche der Pfarrerin mit ruhigem Gewissen annahm und sich Jenny gegenüber in einer stillen Größe erschien , welche es ihr leichter machte , sich fügsam und nachgebend gegen sie zu betragen . Ihrem Vorsatz getreu , schwieg die Pfarrerin gänzlich über die Entdeckung , welche Therese ihr gemacht hatte . Jenny that ihr leid , und doch zürnte sie ihr , weil sie nicht daran zweifelte , daß Erlau wirklich einen Eindruck auf Jenny ' s bewegliche Phantasie gemacht und sie verleitet haben könnte , Reinhard untreu zu werden , wäre Erlau selbst ihr nicht zur rechten Zeit zu Hülfe gekommen . So lieb sie ihre künftige Schwiegertochter hatte , konnte sie sich doch nicht verbergen , was sie stets gedacht und früher auch gegen ihren Sohn geäußert hatte , daß eine Frau mit so unruhigem Geiste , mit solch beweglichen Leidenschaften viel weniger zu Hoffnungen auf ein ruhiges eheliches Glück berechtigte , als z.B. ein Mädchen von Theresens soliden , wenn auch weniger glänzenden Eigenschaften . Sie zitterte bei dem Gedanken , ihr Sohn könne durch irgend einen Zufall von der Neigung seiner Braut für Erlau unterrichtet werden , und fühlte sich sehr beruhigt , als endlich der für die Taufe bestimmte Tag gekommen war und sie die Aussicht hatte , nun mit ihrem Sohne Berghoff auf einige Monate zu verlassen . In dieser Zeit , so hoffte sie , würde Jenny zur Ruhe kommen , ohne daß Reinhard etwas von dem Kampfe in ihrem Herzen zu erfahren brauchte . Die Eltern beide , Eduard , Joseph , die Pfarrerin , Therese und Clara waren in ernster Haltung in einem Zimmer beisammen , in das freundlich die Strahlen der untergehenden Sonne hineinfielen . Ein runder , mit schwerem Teppich behangener Tisch , auf dem ein silbernes Becken in silberner Schale stand , nahm die Mitte desselben ein . Neben diesem einfach hergerichteten Hausaltar stand Jenny ' s Lehrer , der würdige Pastor , und erwartete , gleich den Uebrigen , den Eintritt seiner Schülerin . Sie hatte gewünscht , die letzten Stunden vor ihrer Taufe ganz allein zu bleiben , und ihren Bräutigam ersucht , sie erst rufen zu kommen , wenn Alles zu der feierlichen Handlung bereit sein würde . Nun trat sie an Reinhard ' s Arm in das Zimmer und Allen fiel die Blässe ihrer schönen Züge auf , als sie sich in die Nähe des Pastors stellte und Reinhard zurücktrat . Nach einer kurzen Anrede des Geistlichen sprach Jenny ihr Glaubensbekenntniß und empfing die Taufe . Sie schien sehr ergriffen zu sein , als das Taufwasser ihre bleiche Stirn berührte . Aber keine Thräne war in ihr Auge gekommen , keine Muskel ihres Gesichtes hatte gezuckt , und nur der bebende Ton der Stimme hatte , während sie das Glaubensbekenntniß ablegte , der Herrschaft ihres festen Willens Trotz geboten . Jetzt war die kurze Ceremonie vorüber ; Jenny war Christin geworden . Mit wahrer Innigkeit zog Reinhard die Geliebte an sein Herz und Thränen der reinsten Freude glänzten in seinen Augen . Doch nur einen kurzen Moment ruhte sie , wie um sich zu erholen und Kraft zu gewinnen , an seiner Brust ; dann flog sie , von einem innern Impuls getrieben , zu ihrer Mutter und sank , bitterlich weinend , ihr in die Arme . Es wäre vielleicht für einen ruhigen Beobachter anziehend gewesen , hätte er während der Taufe in den Seelen der anwesenden Personen die verschiedenen Gefühle zu lesen vermocht , von denen sie bewegt wurden . Jenny ' s Mutter weinte , weil es ihr vorkam , als trete durch die Taufe ein fremdes Element zwischen sie und ihre Tochter . Eduard und Clara , welche einander gegenüber standen , waren in schmerzliche Gedanken vertieft , und wenn ihre Blicke sich zufällig trafen , wandten sie dieselben schnell von einander ab , als fürchteten sie , die ernste Feier durch die beredte Sprache ihrer Augen zu entweihen . Die Pfarrerin dankte Gott , daß es endlich so weit gediehen sei , und betete inbrünstig , der Herr möge nun auch ferner dies Paar beschützen und alles Störende , das ihnen noch in der nächsten Zukunft drohen könne , gnädig an ihnen vorüberführen . Dieses innere Gebet verhinderte sie , Theresens Unruhe zu bemerken , die keinen Blick von Reinhard und seiner Braut abwendete und , fast ebenso bleich als diese , mit Gewalt in Jenny ' s Seele lesen zu wollen schien . Joseph aber entging dies ängstliche Spähen Theresens nicht , das ihn ebenso wenig , als Jenny ' s qualvolle Aufregung befremdete . Er sah finster auf die Scene vor seinen Augen , als auf etwas , das er lange erwartet hatte ; nur als Reinhard nach der Taufe die Braut in seine Arme schloß , fuhr er mit der Hand nach dem Herzen , als ob er dort einen flüchtigen Schmerz empfinde . Der Vater allein war vollkommen ruhig und heiter geblieben . Er hatte Wohlgefallen an Reinhard und dessen stolzer , voller Freude ; er ließ alle den erregten Empfindungen Raum , sich zu beruhigen , dann war er es , der die Thüren des Zimmers öffnete , in den Garten hinaustrat und die Uebrigen aufforderte , ihn zu begleiten . Es war drückend warm im Zimmer geworden , denn die Sonne brannte auf die Scheiben der geschlossenen Fenster . Um so erquickender erschien Jedem die frische Abendluft , welche , von dem Duft der prächtigen Orangenblüthen balsamisch durchzogen , ihnen entgegenströmte . Reinhard war einer der Ersten , die der Aufforderung des Vaters folgten . Er verlangte sehnlichst , mit seiner Braut allein zu sein , und wandte sich mit ihr , sobald es thunlich war , einem entlegenern Theile des Parkes zu . Dort angekommen , setzten sie sich nieder unter den Schatten einer mächtigen , von Epheu grün umrankten Kastanie und schweigend sah Reinhard lange mit der innigsten Liebe auf Jenny , die , noch sehr bleich und ermattet , sich mit geschlossenen Augen an ihn lehnte und dringend Ruhe zu bedürfen schien . Die Spannung der letzten Zeit hatte , nun die That vollbracht war , nachgelassen und einer weichen Müdigkeit Platz gemacht . Als Reinhard das zarte Mädchen so in seinen Armen hielt , das mit den geschlossenen Augen , den ruhigen , regungslosen Zügen und der weißen Kleidung wirklich einer schönen Leiche glich , fuhr ihm schmerzlich der Gedanke durch die Seele , sie könne sterben , während er sich von ihr trenne , und er werde sie niemals wiedersehen . Er schrak zusammen . Wäre es eine Ahnung ? fragte er sich , und eine fast kindische Furcht ließ ihn die Möglichkeit wähnen , die Geliebte könne gerade jetzt in seinen Armen gestorben sein . Behutsam küßte er plötzlich Jenny ' s lange Wimpern , indem er sie mit den zärtlichsten Worten bat , nur einen Laut zu sprechen , ihm nur zu sagen , daß sie lebe , daß sie sein Glück mit ihm fühle . Ja , ich lebe , Geliebter ! antwortete sie auf seine Frage und schlug lächelnd die Augen zu ihm empor . Ich lebe ! Und ob ich Dich liebe ? O ! Gott weiß es , wie ich davon in dieser Stunde Zeugniß gegeben habe . Ich liebe Dich wie mein Leben , wie meine Seele - nein , mehr als meine Seele . Ist es so recht ? fragte sie und lehnte sich wieder an ihn , nachdem sie sich während des Sprechens aufgerichtet und die Hände fest ineinander gefaltet hatte . Aber warum fragst Du mich erst , ob ich Dich liebe ? fuhr sie nach einer kleinen Pause fort . Weil ich den Ton Deiner Stimme hören wollte , mein süßes Leben . Du sahst so bleich und so verklärt aus , daß ich fürchtete , Du könntest die Erde verlassen und aus meinen Armen in den Himmel zurückkehren , von dem Dein Antlitz ein so treues Bild war . Ach ! hätte ich so hinüberschlummern können , seufzte Jenny , so im vollen Besitz Deiner Liebe . Als ob diese Liebe Dir jemals fehlen könnte , rief Reinhard fast entrüstet aus . Siehe , Jenny , einst gab es eine Zeit , in der ich an Dir , an Deiner Liebe zweifelte , Dich fliehen und vergessen wollte . Das ist Alles nicht mehr möglich , und seit Du durch Deine Liebe mich zum Herrn über Dein Geschick gemacht , bin ich Dir zu eigen geworden , mehr als irgend einem Menschen . Du weißt es , sagte er , immer wärmer werdend , ich würde vor keinem Könige knien , kein Weib hat mich jemals zu seinen Füßen gesehen , ich glaubte , nur vor Gott mich beugen zu können - und nun knie ich vor Dir , und bekenne Dir , daß ich Dich fußfällig bitten könnte , mich zu lieben , mir treu zu bleiben , wenn ich daran zweifeln könnte , weil in Dir allein das ganze Glück meines Lebens beruht . Er war wirklich vor ihr niedergesunken und hielt sie mit seinen Armen umfaßt , während seine Augen an den ihren hingen . Schöner , hingebender hatte sie ihn nie gesehen , glücklicher hatte sie sich nie gefühlt , und doch stieg eben in diesem Augenblicke der Zweifel in ihr auf , ob Reinhard sie mit dieser Innigkeit lieben , ob seine Neigung nicht wanken würde , wenn er einst erfahren sollte , wie sie ihn getäuscht , um sich seine Liebe zu bewahren , um die Seine zu werden . Sie drückte ihn voll Leidenschaft an ihre Brust , und ihm zärtlich und fest ins Auge blickend , sagte sie : Versprich mir , dieser Stunde immer zu gedenken , wie ich ihrer nie vergessen werde , und wenn einst ein Tag käme , an dem Du irre an mir würdest , an dem ich Dir Deiner Liebe weniger würdig schiene - dann , aus Barmherzigkeit , dann denke an diese Stunde , dann laß mich Dich daran erinnern und eine Stütze in dieser Erinnerung bei Dir finden ! Was bedeutet das ? fragte Reinhard verwundert , wie kannst Du glauben , jemals eines andern Fürsprechers bei mir zu bedürfen , als meiner Liebe zu Dir ? Das gebe Gott ! rief Jenny . Aber wenn Du mich einst schwach und tadelnswerth finden , wenn Du mich deshalb weniger lieben , mich von Dir weisen solltest , dann möge Deine Neigung mein treuer Schutz sein ; sie möge Dir deutlich machen , daß ich aus Liebe kein Opfer scheute , daß ich Alles erdulden wollte , Alles ! Nur Dir entsagen - das konnte ich nicht , das werde ich niemals können , dazu fehlt mir die Kraft . Ich verstehe Dich nicht , sagte Reinhard , vergebens einen Sinn in diesen Reden suchend , der in irgend einem Zusammenhang mit ihren Verhältnissen stehen konnte , aber das schwöre ich Dir , ich werde nie an der Lauterkeit Deiner Seele , an der Reinheit Deines Herzens zweifeln ; Du sollst in mir alle Liebe finden , die Dir gebührt , und auch Nachsicht , wenn es möglich wäre , daß Du sie jemals brauchtest ; denn wie sollte ich Dir nicht Alles verzeihen , so lange Deine Liebe mir bleibt ! Schwöre mir das , Geliebter , flehte sie mit einer Angst , als ob sie fürchtete , er könne seine Meinung ändern . Ich schwöre es Dir ! antwortete Reinhard und reichte ihr seine Hand , welche sie lange festhielt , dann leidenschaftlich an ihre Lippen drückte und mit den Worten : Nun bin ich ruhig , nun ist es gut ! endlich wieder losließ . Wenige Tage nach Clara ' s erstem Besuch in Berghoff war William zurückgekehrt . Da er den Tag seiner Ankunft nicht bestimmt angegeben , fand er zufällig weder seine Tante noch Clara zu Hause , und wurde von dem Diener zu Herrn Horn in das Comptoir gewiesen , mit dem Bemerken , Frau Commerzienräthin würde sehr überrascht sein , ihn schon zu finden , da man seine Ankunft heute noch nicht erwartet hätte . Nicht erwartet zu werden von Personen , nach denen man sich gesehnt hat , gehört zu den peinlichsten Gefühlen , die uns nach längerer Trennung von denselben berühren können . Tausendmal hatte er es sich vorgestellt , während er in seinem Wagen einsam und rasch dahinflog , wie die Tante und Clara ihm entgegeneilen und er mit dem Willkomm zugleich den Brautkuß von den Lippen seiner Cousine küssen werde . Statt dessen empfing ihn sein Onkel zwar freundlich , aber durch Geschäfte zerstreut , in denen er ihn unterbrochen hatte , und mit so eiligen Fragen nach dem Befinden seines Vaters , nach seiner Reise und den Aussichten für das nächste Handelsjahr in London , daß der junge Mann wohl merken konnte , wie gern sein Onkel ihn abzufertigen wünsche . Er zog sich also bald zurück und begab sich in die Zimmer der Damen , um dort die Heimkehr derselben zu erwarten . Eine eigenthümliche Empfindung beschlich ihn , als er sich wieder in den Räumen befand , aus denen er , von Furcht und Hoffnung bewegt , geschieden war . Gleich nach seiner Ankunft in London hatte er der Commerzienräthin geschrieben und einen kurzen , herzlichen Brief für Clara beigelegt , den sie ihm beantwortet , ohne eigentlich seiner Werbung zu gedenken , indem sie ihm hauptsächlich ihre Theilnahme an der Krankheit seines Vaters , ihr Bedauern über seine plötzliche Abreise unter so traurigen Umständen ausdrückte , und die Hoffnung äußerte , daß dennoch Alles sich zum Besten und nach ihren Wünschen fügen werde . William selbst gehörte nicht zu den Menschen , welche es lieben , sich mündlich oder gar schriftlich über ihre Gefühle auszusprechen ; die Zurückhaltung seiner Cousine überraschte ihn deshalb nicht . Sie wußte , daß er sie liebe ; die Tante hatte ihm die Hand ihrer Tochter zugesagt , hatte ihm die Versicherung gegeben , daß Clara seine Neigung erwidere , und da diese sich nicht dagegen erklärt hatte , las er mit fröhlichem Vertrauen aus den wenigen und flüchtigen Briefen , welche er von ihr erhielt , Alles das heraus , was sein Herz begehrte . Jetzt , wo er jeden Augenblick den leichten Tritt der Geliebten zu hören hoffte , wo er ihrer mit lebhafter Ungeduld harrte , fiel es ihm auf , wie wenig Clara bis jetzt dazu gethan hatte , ihn ihrer Liebe oder nur der Zustimmung zu seinen Ansprüchen zu versichern . Er setzte sich sinnend auf den Platz nieder , den er so häufig Clara gegenüber an ihrem Arbeitstische eingenommen hatte . Ein Nähkästchen , welches Eduard in einer Verloosung gewonnen und in William ' s Beisein Clara geschenkt hatte , erkannte er wieder . Es war schon ein wenig abgenutzt und mußte eben gebraucht sein , denn es enthielt außer verschiedenen Geräthschaften für weibliche Arbeit eine Visitenkarte des Doctor Meier , auf welche mit Bleistift das Datum eines der letzten Tage und die Worte geschrieben standen : Bedauert , die Einladung der Frau Commerzienräthin Horn für heute nicht annehmen zu können . Eine politische Broschüre lag aufgeschlagen neben dem Kästchen ; sie gehörte ebenfalls dem Doctor Meier , wie die von seiner Hand geschriebenen Anmerkungen in derselben verriethen . Von all jenen eleganten Kleinigkeiten , die William seiner Cousine geschenkt , schien sie keinen Gebrauch zu machen , denn sie standen in kalter Ordnung neben einander auf einer der Etagèren aufgerichtet , wo sie nur die Hand des Hausmädchens gesäubert und Clara ' s Auge vielleicht niemals getroffen haben mochte . Das that William wehe und machte ihn unmuthig und nachdenkend , so daß er fast erschrack , als er endlich die Stimme seiner Tante hörte . Eilig stand er auf und ging den Damen entgegen . Mit einem : Willkommen , mein Sohn ! umarmte ihn die Commerzienräthin und , gegen Clara gewendet , fügte sie hinzu : Nun , da ist er ! Ich will wie eine ächte Romanmutter , die ich Euch immer war , den zärtlichen Erguß Eurer Herzen nicht stören und erwarte Euch erst in einer halben Stunde in meinem Zimmer . Es ging aber der sonst so klugen Frau , wie allen sehr förmlichen , gemessenen Leuten , die , wenn sie einmal unbefangen und herzlich scheinen wollen , meist völlig aus der Rolle fallen und die ungeschicktesten Verstöße begehen . Clara und William standen sich verlegen gegenüber , beide gepeinigt durch die unvortheilhafte Lage , in der sie sich befanden . William hatte statt einer zärtlichen Braut , die ihn liebend begrüßte , sehnsüchtig nach ihm verlangte , ein Mädchen vor sich , das ihn mit scheuer Zurückhaltung behandelte und offenbar eher erschreckt , als erfreut durch seine Anwesenheit war . Er fand Clara verändert , und um nur aus dem peinlichen Schweigen herauszukommen , fragte er : Warst Du krank , mein Clärchen ? Du bist so bleich , so still . Und freut es Dich denn gar nicht , daß wir beisammen sind ? O gewiß , lieber Cousin ! antwortete sie , es freut mich von Herzen , daß Dein Vater hergestellt ist und daß Du zu uns zurückkehren konntest . Lieber Cousin ? und weiter Nichts ? rief William scherzend , Mein Clärchen , das klingt doch wirklich zu cousinenmäßig , und selbst eine Cousine hätte mir längst ihren Mund statt der Hand zum Willkomm reichen müssen . Er schloß sie in seine Arme und küßte sie , trotz ihres Widerstrebens , herzlich . Ah , rief er , das ist ein ander Ding , nun lebe ich erst wieder ! nun weiß ich , daß ich hier bin und wozu ich wieder hier bin . Wenn Du wüßtest , Clärchen , wie meine Eltern sich freuen , Dich bald als Tochter zu begrüßen ! Mein Vater will , wenn seine Kräfte es erlauben , selbst bei unserer Hochzeit gegenwärtig sein , und ich habe ihm versprochen , daß wir auf ihn warten , wenn er sich ein wenig mit seiner Erholung beeilt . Und wie weit ist diese vorgeschritten ? fragte Clara , froh , das Gespräch von der bisherigen Richtung ablenken zu können . William aber deutete diese Frage nach seinem Sinne und antwortete tändelnd : So weit , mein Fräulein , daß Sie ihr Hochzeitskleid bestellen und Ihr Reisekostüm anordnen müssen ; denn so lieb mir Deutschland und seine Sitten geworden sind , nach der Trauung geht es fort , und unsern Honigmonat verleben wir in England , bei uns auf dem Lande . In der Freude seines Herzens bemerkte William nicht , wie er ganz ausschließlich die Kosten dieser Unterhaltung trug , während Clara mit schlecht verhehltem Bangen seinen Worten zuhörte und nur dann und wann eine gleichgültige Frage dazwischen warf , bis das Eintreten ihrer Mutter sie befreite . Natürlich war eine der ersten Fragen , welche die Commerzienräthin an ihren Neffen richtete , nach dem Ergehen ihres Sohnes , weil dieser die Zeit seiner Heimkehr von Monat zu Monat gegen seines Vaters Wünsche hinausgeschoben hatte . Ferdinand ist gesund , berichtete William ; fügte aber mit einer gewissen Zurückhaltung hinzu : ich zweifle jedoch , ob er freiwillig sobald zurückkehrt , als Sie es wünschen , liebe Tante . Und was ist es , was ihn davon abhält ? Was fesselt ihn so sehr ? Eine Schwäche , falls man eine Leidenschaft so nennen darf , mit der man Nachsicht haben müßte , wenn sie einem würdigeren Gegenstande zugewendet wäre . Die Commerzienräthin gab ihrer Tochter ein Zeichen sich zu entfernen , dann nöthigte sie William , sich zu ihr zu setzen , und verlangte , daß er ihr rasch und unumwunden sage , was sie wissen müsse . Die Angst der Mutter machte William vorsichtig . So schonend als möglich theilte er ihr mit , wie Ferdinand gleich bei seiner Ankunft in England die Bekanntschaft einer schönen aber übel berufenen Frau gemacht habe , welche seine Geliebte geworden sei und ihn in seinem Hange zur Verschwendung bestärke , nachdem sie ihren frühern Geliebten , einen jungen Mann vom Stande , ruinirt und verlassen habe . Sie hat Ferdinand vorgespiegelt , erzählte William , um seinetwillen und nur aus Liebe für ihn mit ihrem ersten Verehrer gebrochen zu haben , der , wie sie behauptet , ihr die Ehe versprochen hatte , und Ferdinand ist in einer unglücklichen Stunde so thöricht gewesen , ihr schriftlich eine eben solche Zusicherung zu geben , die er später in Gegenwart ihrer und seiner Bekannten wiederholt hat , und auf deren Erfüllung sie jetzt dringt , ohne von irgend einem Vergleich oder einer Abfindung hören zu wollen . William hielt inne , weil er sah , wie schwer die Nachricht seine Tante traf . Nur weiter , weiter ! bat sie , als sie das Zaudern ihres Neffen