nicht auch zu guten Gedanken kommen : was der Flachs gelten werde dieses Jahr , in welchem Zeichen man Bohnen setzen müsse und wie machen , daß es einem mit dem Heiraten gerate , wie es Vater und Mutter gerne sähen ? « Die Weggehenden , welche den Ort verändern , kommen aus dem Fluß der Rede ; es geht eine Weile , bis sie an die Straße sich gewöhnen , die Worte wieder flüssig werden , und manchmal geschieht es gar nicht , bald sind die Beine zu müde dazu , bald ist das Roß zu wild , oder die Gedanken über das , was man gesehen und erfahren , sind zu schwer und wollen erst verwerchet sein , ehe sie zu Worten werden können , wie es auch oft aus den schwärzesten Wolken weder regnen noch hageln kann , wie gerne es auch möchte . So redeten sie auf dem Wägeli nicht viel und am allerwenigsten von der Hauptsache . Die Mutter kümmerte sich um Reslis Kopf , dieser hatte mit dem Draguner zu tun , der jedoch unter seiner Leitung besser gehorchte als unter der des Vaters , welcher sehr schläfrig war und mit seiner Pfeife sich abgeben mußte , wenn er nicht einschlafen wollte , was er jedoch nicht verwehren konnte . Daheim aber warten ängstlich und neugierig die Zurückgebliebenen , langsam verläuft ihnen die Zeit , und immer zu früh gucken ihre Augen aus nach den Heimkehrenden , und gar manchmal wird verhandelt , warum sie noch nicht da seien und wie sie kämen und was sie brächten an Kram und Neuigkeiten , und kommen sie endlich , so ist Geschrei ums ganze Haus , aus allen Löchern schießt es hervor , jedes bietet seinen Willkomm , sogar die Tiere stimmen ein , es blökt das Schaf , es wiehern die Pferde , der Hund wedelet um Roß und Menschen , und auf der Bsetzi steht mit aufgehobenem Schwanze die zurückhaltendere Katze und harrt , um ihre sittsamen Liebkosungen merkbar anzubringen , eines günstigen Augenblickes . Vorlaute Fragen werden nicht vernommen , aber ungeduldig harrt man des Augenblickes , wo die Geschäfte abgetan , Hunger und Durst gestillt , überflüssige Ohren sich entfernt , um zu fragen und auszupacken , was an Fragen und Antworten in den Herzen aufgespeichert liegt . Obgleich Resli sehr müde war und der Kopf ihm schwer , so wartete er doch die Auspacketen ab , denn auch ihn nahm wunder , ob Vater und Mutter nichts zu sagen hätten . Annelisi war sehr unzufrieden , daß der ganze Bericht eigentlich auf nichts hinauslief , als daß sie die Dorngrütbäurin gesehen , und auch dieser Bericht fiel sparsam aus , denn Vater und Mutter waren vorsichtig in ihren Äußerungen über sie , und daß mit ihr gar nichts über die Sache geredet worden , das konnte es ihnen nicht verzeihen . Es sei ume lätz , daß es nicht dabei gewesen , dSach wäre anders gegangen und ab Ort gekommen , meinte es . Endlich vernahm es , daß das Ding sich nicht so machen ließe , indem etwas anderes im Spiel sei , und wo viel Dornen seien , müsse man erst zusehen , ehe man Hand anlege , wenn man nicht die Hand voll Dornen wolle . Da meinte Annelisi , das müßten aber doch wüste Leute sein , einem Meitschi so etwas ( Schüligs , würden die Zürcher sagen ) zuzumuten . Es wolle aufrichtig sagen , keinen Augenblick könnte es Vater und Mutter mehr lieb haben , wenn sie ihm so etwas zumuten würden , so ein Einmetzgen bei lebendigem Leibe ; es düechs , ein rechtes Meitschi sollte fortlaufen , so weit es seine Beine tragen täten , einmal es würde es so machen . Da seufzte Änneli , und Christen tubakete stark . Resli aber bekam die Augen voll Wasser . Er sehe wohl , sagte er , daß sie etwas auf dem Herzen hätten , und er merke wohl was . Die Leute gefielen ihnen nicht , und wenn sie schon wegen Namen und Reichtum sich wohl schicketen , so hätten sie Kummer , inwendig sei es nicht gut . Er sehe das wohl ein , aber auf der Welt sei leider Gottes nie alles beisammen ; bald fehle es auswendig , bald inwendig , bald am Meitschi und bald an den Eltern . Auch ihm gefielen sie nicht , und wenn das Meitschi ihm nicht so lieb wäre , und bsunderbar seit er es vor seinem Bette gesehen , als er die Augen aufgeschlagen und er gemeint , er sehe einen Geist , könne er nicht von ihm lassen . Es sei aber auch ganz anders als die Alten und hätte einen andern Sinn , nicht nur er meine es , alle Leute sagten es . Es sei ja auch ganz anders anzusehen , täte anders , und man sehe wohl , wie oft es sich für die Andern schämen müsse . Zudem käme es weit von ihnen weg , des Jahrs werde man sich nicht manchmal sehen , und sie sollten nur sehen , wie wohl es sein werde , wenn es bei rechten Leuten sei und ungehindert tun könne , wie es ihm sei . Dann erst werde so recht fürecho , was ihm Guets im Herze syg . » Man kann nicht wissen « , sagte Christen , » Blut ist Blut und Art ist Art , aber ich will deswegen nicht wehren ; du bist alt genug , um selber z ' luege , du mußt sie haben . « » Vater « , sagte Resli , » glaubt mir , die Sache macht mir auch schwer , ich weiß , es ist für mein Lebtag , ja vielleicht noch für die Ewigkeit , und es ist mir manchmal , es wäre mir viel nützer , ledig zu bleiben , da wüßte ich doch , was ich hätte und woran ich wäre . Aber so will es ja Gott nicht , und darum müssen Vater und Mutter es so wünschen und den Kindern ans Herz es legen . Glaubt mir nur , blindlings will ich nicht hineintrappen , nicht meinen , es müsse erzwängt sein , weil ich einmal daran gesetzt . Die Sach wird ja nicht eys Gurts gehen , und da wärs seltsam , wenn nicht an Tag käme , was innefert ist . Und wenn ich im Geringsten merke , daß es da nicht gut ist und ds Böse eingeurbet , so zählet darauf , es wird aus der Sache nichts , und sollte es mir das Herz zerreißen afangs . Nachher besserete es schon , ich weiß es ; aber wo lange verstocktes Böses ist , da bessert es nie , da böset es alle Tag . « » Aber « , sagte Annelisi , » wie willst du mit dem Meitschi zusammenkommen , da ihr ja kein Wort mit der Mutter geredet , was dumm genug ist ; und wenn sie am Sonntag schon verkünden ließen ? Oder hast du öppis Abgredts ? « Resli kam in Verlegenheit und sagte endlich : » Häb nit Kummer , etwas muß gehen , aber lieber behalte ich die Sache für mich , bis sie zueche an gewerchet ist , daß man weiß , wo sie hinaus will . « » Das sollte ich zürnen « , sagte Annelisi , » sonst ists der Brauch , daß die Schwester so um eine Sache weiß , und schon gar manche Schwester hat dem Bruder gute Dienste geleistet , ist Lockvogel gewesen oder Deckmantel , und ohne Schwester wäre er nie zur Frau gekommen . Und warum ich das nicht so gut verstünde als eine Andere , das wüßte ich nicht , bin ich doch nicht von den Dümmsten eine . Aber wenn dus willst ghebt ha , so probiere alleine , und wenn du mich doch nötig haben solltest , so sags , ich will dir deswegen nicht ab sein , wenn du jetzt mich schon nichts schätzest . « Resli schlief selbe Nacht nicht viel ; so recht schwer lag es ihm auf dem Herzen , daß er selbst den Kopf nicht mehr fühlte . Ihm selbst gefiel das ganze Dorngrütwesen nicht , die Leute nicht , ihre Leb- und Redeweise nicht , ihr Bauern nicht ; es ging ihm fast mit ihnen , wie es einem wohlerzogenen , sittsamen Mädchen geht , wenn es unter ausgelassene , rohe Dirnen gerät ; er fühlte Ärger , Ekel und konnte sich fast nicht enthalten , zu sagen : » Ich danke dir Gott , daß ich nicht bin wie diese da . « Mit einer Frau von dem Schlage , wie sie im Dorngrüt der Brauch war , mußte er unglücklich sein , das fühlte er , und sie paßte so wenig in ihr Haus als eine Mistgülle vor das Haus , und Vater und Mutter würden weder bei einer solchen Schwiegertochter noch bei einer Gülle vor dem Hause es aushalten können , das wußte er . Wo ein Haus seit einer Reihe von Geschlechtern ein bestimmtes Gepräge hat und die Familie eine wohl hergebrachte Lebensweise , da ist das Heiraten ganz was anderes , wenns nämlich glücklich sein soll , als wenn Zwei auf der Straße sich finden und im ersten , wohlfeilsten Stübchen sich ansetzen . Und in einem adelichen Bauernhaus ist dies noch viel schwerer als in einem adelichen Herrenhaus ; im Herrenhaus ist der Haushalt zumeist in den Händen einer angestammten Dienerschaft , im Bauernhaus ist es die Bäurin , welche ihn führt und die Regel macht . Nun schien Anne Mareili dem Äußern nach vollkommen zu ihnen zu passen ; gemessen , freundlich , stattlich , säuberlich erschien es ihm , flink zur Arbeit und im Befehlen nicht ungeübt . Vater und Mutter hatte es nicht widerredet , Hund und Katze liebten es , Hühner und Tauben liefen ihm draußen nach . Das alles waren ihm gute Zeichen , aber doch nur äußere , und was inwendig in ihm war , hatte in der kurzen Zeit , in welcher er es sah , nicht zum Vorschein kommen können . Und er wußte es wohl , daß ein Mädchen Sinn für ein anständiges Äußere haben kann , vor seiner ganzen Familie sich auszeichnet , aber inwendig , wo man mit keiner Brille , keinem Feldspiegel hinsieht , da läßt es es ruhig beim Alten und gleicht den Übrigen auf ein Haar ; das kömmt dann aber erst zum Vorschein nach der Heirat , wenn man hat , was man will , und sich nun nach innerm Behagen kann gehen lassen . Resli hatte schon manchmal es gesehen , wie aus einer jungen schönen Frau ein Ding , fast ein Ungetüm sich herauspuppte , welches man gar nicht im feinen und lieblichen Meitschi gesucht hätte . Wenns ihm auch so gehen sollte , wenn seine Eltern ihre grauen Haare mit Jammer in die Grube tragen müßten , und er müßte dem zusehen - es trieb ihm aufs neue das Wasser in die Augen . Wie das auch möglich sei , dachte tief Resli nach , aber er ergründete es nicht ; aber genau zu forschen mit Furcht und Zittern , das beschloß er . Daß Resli dies Geheimnis nicht ergründet , soll niemand verwundern , ergründet es doch Mancher nicht , der Professor ist oder Ratsherr sogar oder gar ein halber Moses mit glänzendem Gesichte , mit dem Unterschiede nur , daß dessen Glanz nur rückwärts und innerlich wirkt , daher ein Schleier nicht nötig ist . Hat aber niemand je ein herrlich Kleid gesehen , funkelnagelneu , glitzernd und aller Menschen Wohlgefallen , hat er das Kleid später nicht gesehen , abgeschossen , ohne Glanz , mit übertünchten Flecken , einem Kammermeitli am Leibe , hat er es nicht bald darauf gesehen im matten Schimmer , aber voll Staub , bei einem Grämpler , dann alle Tage schmieriger am Leibe einer welschen Köchin , und endlich als Hudel irgendwo , den niemand in die Hand nehmen mochte ? Hat niemand ein zierlich Reitroß tänzerlen sehen unter einem mageren Kavalier oder ein herrlich Tier hochauf sich bäumen sehen an einem köstlichen Tilbury , später das gleiche Tier mühsam traben an einem Lohnfuhrwerk , dann es Zügelten ziehen und Mistkarren , endlich aber in den Händen eines Kachelers , mit berganstehendem Haar , einem von Mäusen zerfressenen Schwanz und gen Himmel schreienden Rippen . Ja , hat noch niemand eine Mädchenhaut gesehen , glatt und weich wie Sammet , glänzend der Seide gleich , fest und drall wie ein Trommelfell , und die Haut spannte sich allmählig ab wie das Trommelfell , wenn viel darauf gepaukt wird , verlor die Weiche wie Sammet , der viel getragen wird , wie Seide an Wind und Wetter ? Sie ward anfänglich zur währschaften Weiberhaut mit etwelchen Klecksen und Spälten , dann welk wie eine Zwetschge nach etwelchen Reifen und endlich gleich einem alten Judenkrös , wo man den Spiegel braucht , um die gelben Falten und Fältchen zu zählen . So geht es mit allen irdischen Dingen , der Glanz verschwimmt , Flecken gibts , die Häßlichkeit kömmt , und bald darauf tritt Verwesung ein , und manchmal schon bei lebendigem Leibe . Ja , wenn nun auch das Herz irdisch ist , nur irdischer Stoff es schwellt zu Glanz und Schönheit , zu Prunk und Lieblichkeit , was sollte anders sein Los sein , als das Los alles Irdischen ist , zu verblühen , zu verwelken ! Flecken und Schmerz , steigende Häßlichkeit , zahllose Falten , Jämmerlichkeit bis in alle Ewigkeit ! Man balsamiert wohl ein , aber damit wehrt man der Häßlichkeit , wehrt man den Falten nicht ; man setzt Herzen in Weingeist , aber damit werden sie um nichts appetitlicher . Aber einen Balsam gibt ' s , ein Geist hat ihn getränket , und wo ein Tropfen dieses Balsams auf ein Herz gefallen ist , da sprüht er Leben aus und das Leben ätzt Schmutz und Flecken aus ; in immer reinerem Glanze strahlet es , es blüht die Schönheit auf , die in ewiger Jugend strahlet , von der man viel gefaselt , zu der man lange das Elixier gesucht , das doch längst schon gegeben war vom Himmel herab , aber die Menschen erkannten es nicht , es suchten es immer noch die Toren , wie noch immer die Juden des Messias warten . Wo aus kleinem Senfkorne das Leben erblühet , dessen Funke Christus auf die Erde gebracht , da bleibt dem Herzen die Häßlichkeit ferne , es glätten sich die Falten , es tritt nicht die gräßliche Täuschung ein , die den schlägt , der mit einer Schlange am Herzen aus der Liebe Traum erwacht . Es strahlet immer klarer das wunderbare Ebenbild auf , dessen Urbild auf des Himmels Throne sitzet . Wer ein solches Ebenbild gebunden , der hat einen ewigen Fund getan wenn er auch nur eine sterbliche Hand gefaßt ; denn wenn auch die Hand welkt , modert , das neugeborne Herz blüht als ewig jung , ewig schön in immer göttlicherer Klarheit fort . Wie schwer ists aber , durch glatte , seidensammete Haut hindurch zu sehen auf des Herzens Grund , zu entdecken dort tief unten , ob die Flamme des ewigen Lebens glühe , ob die Lüfte der Verwesung wehen , ob Moder oder süßes Leben unser Teil sein werde . Zu solchem Schauen hilft Wissenschaft nicht , taugen Brillen nicht , das Alter schützt vor Torheit nicht , kindliche Augen sehen am klarsten , das Beste aber tut Gott und denen besonders , die kindliche Augen haben , ungeblendet noch vom Glanz oder Staub der Welt . Wenn Liebende unbemerkt sich finden wollen , so müssen sie entweder die größte Einsamkeit wählen oder das größte Menschengewühl ; die Gegensätze berühren sich . Der Instinkt der Jugend fühlt das so sicher heraus , was die Erfahrung des Alters bestätige . Will ein Mädchen so recht sicher und unbemerkt einen Werber zu Gesichte fassen oder ein Werber unbehorcht einem Mädchen das Glück auseinandersetzen , welches er ihm zugedacht , so wird ebenso lieb als das dunkle Obergaden ein heller , lichter Markttag gewählt , und in irgend einem Winkel oder Stübchen unterhandelt das Pärchen ungestört und unbeachtet einen lieben langen halben Tag lang , denn wenn Geigen gehn und lauter gut Schick vom Himmel fallen , am Morgen auf dem Kühmärit , am Abend auf dem Meitschimärit , da hat jeder mit sich selbst zu tun , rennt dem eigenen Glücke nach , hat nicht Zeit , einem Andern nachzulauern oder horchend an einer Wand zu stehen . Man denkt sich gar nicht , wenn man mitten im Gewühle des Roß- oder Garnmärit ist , wie manches Pärchen einsam zusammensitzt , denn die Narren sind selten , gewöhnlich halbsturme Witwer , welche förmlich Stuben empfangen , wie allfällig fremde Roßhändler tun , um sich Witwen und Mädchen vorführen zu lassen , zur Auswahl und zum Heiraten . Wenn man die Scharen Mädchen mit ihren Gesichtern voll Hoffnung zMärit ziehen sieht , so denke man sich nur , daß die meisten was im Schilde führen , daß man in Burgdorf oder Langnau oder Signau oder Höchstetten was zum Gschauen zu finden hofft und an wichtige Verhandlungen denkt . Aber o je , was für ganz andere Gesichter sieht man so oft schon durch den Nachmittag nach Hause kehren ; die Nase um einen halben Schuh gewachsen und die untere Lippe hangend bis auf den Boden , daß sie alle Augenblicke Gefahr laufen , darauf zu trappen , oder daß man sie für Lätschen an den Schuhen ansieht . Als Resli sein vergessenes Nastuch holte , hatte er rasch ein Bestelltes gemacht , aber nicht das Gewühl hatte er auserlesen , sondern die Einsamkeit , teils weil er sowohl mit den Marktgelegenheiten als mit der Familie Läuf und Gängen zu wenig bekannt war . Denn Anne Mareili auf einen Markt zu bestellen , den die halbe oder ganze Familie besuchte , wäre gefährlich gewesen , und auf einen Markt , welchen gewöhnlich niemand besuchte , wäre verdächtig gewesen , und wahrscheinlich hätte man aufpassen oder Anne Mareili nicht gehen lassen . Aber an einem Orte , von Natur einsam , lag ein Bad , das wegem Wasser bsunderbar berühmt war , wegen den Wirtsleuten aber destweniger , denn entweder hatten sie nichts , das Fleisch gestern aufgegessen und das Brot am Morgen , oder aber wenn sie etwas hatten , so ließen sie sich bezahlen , daß einem das Liegen weh tat . Sie wollten halt so und so viel aus dem Bade ziehen , und jeder Gast sollte seinen Anteil daran bezahlen . Nun meinten sie , wenn nur hundert Gäste kämen , so hätten sie das Recht , aus diesen hundert Gästen den gleichen Profit zu ziehen , als sie gezogen hätten , wenn tausend Gäste gekommen wären . Das Publikum versteht bei solchen Rechnungen aber nicht Spaß , und da ihm meist an der Wirtschaft mehr gelegen ist als am Bade , so ward der Ort nicht nur von Natur einsam , sondern auch von Menschen leer , und wer was Ruhiges wollte , der fand es dort Sonntag und Werktag . Tag und Namen dieses Ortes hatte Resli dem Meitschi ins Ohr geflüstert , und es hatte genickt dazu ; das wars , was ihn so getrost machte und warum er nicht begehrte , daß einstweilen jemand anders hinein sich mische . Dort saß nun Resli schon lange am bestimmten Tage , und kein Anne Mareili kam dem waldigen Abhange nach oder über den gebrechlichen Steg von der Ebene her . Düstere Wolken jagten sich am Himmel , ein saurer Wind strich durch die Lüfte , Badewetter war es nicht , und düster und sauer sah es aus in Reslis Gemüte , und Liebesfreuden sonneten es nicht . Angst und Bangen war darin , und wie es dann geht , wenn man warten muß und immer banger wird ob dem Warten : hunderterlei Dinge kommen einem in Sinn , warum man warten müsse , und ein Ding ist immer ärger als das andere Ding , und eines macht einen immer böser als das andere , und wenn man endlich recht böse ist , so schlägt der Zorn in Angst über , und tausenderlei fällt einem ein und steigert von Minute zu Minute des Wartens Pein . Oh , Warten ist hart , so recht Warten ist fürchterlich , ist eine Folterbank , die kein Gesetz abschaffen kann , über die keine Zeit hinauswächst . Aber wir sollen eben nie vergessen , was das Warten ist an der Himmelstüre , wenn kein Pförtner kommen kein Schlüssel im Schlosse sich drehen , kein Willkommen uns entgegenschallen will , kein Liebesblick durch das Schlüsselloch dringt , kein Säuseln uns Gnade verheißt , wenn es immer düsterer um uns wird , immer kälter , schauerliche Finsternis wie eine Wolke uns umfängt , die Wolke allmählig zur Nacht wird und die Nacht zur Hölle erglüht , und keine Stimme will ertönen , keine will Erbarmen rufen , wie wir auch warten unter Heulen und Zähneklappern in des Wartens entsetzlichstem Entsetzen . Aber wenn man so in banger Spannung auf etwas Geliebtes auf Erden wartet , denkt man an jenes entsetzliche Warten nicht , sondern man sitzt auf glühendem Stuhle und wiegt die Wenn und Aber ab , die Ob und Noch , die Was und Wie . Hat es mich nicht verstanden ? Kömmt es noch ? Wars schon da ? Hat es sich verirrt ? Haben sie es nicht gehen lassen ? Hat es nicht kommen wollen ? So werweisete Resli in sich in einer glühenden Pein , denn wochenlang hatte er es sich ausgedacht , wie , wenn er gegen das Bad komme , er Anne Mareili von der andern Seite her kommen sehe , und wie sie akkurat bei dem Bade zusammentreffen würden . Jetzt war er schon stundenlang da , man hatte ihn gefragt , ob er baden , ob er essen wolle ; er solle es nur zu rechter Zeit sagen , von wegen an einem solchen Orte könne man nicht hexen , wie etwa die Leute meinen möchten , daß wenn sie daran dächten , die Sache schon zweg sei . Resli hatte ausweichenden Bescheid gegeben , endlich Essen bestellt ; die Stubenmagd brachte Teller und sagte , ds Angere werde sie bringen , sobald der Bub mit dem Brot komme ; der schießig Bub mache immer so lange , er werde wahrscheinlich auch öpperem warten . So leitete sie ein Gespräch ein , von dem man nicht recht wußte , sollte es eine Einleitung sein zu einer Schimpfeten über ihre Meistersfrau und des Hauses Unordnung oder aber zu einem Privatvergnügen mit dem hübschen Burschen . Da ging langsam die Türe auf . » Gott grüß euch miteinander « , sagte eine Stimme , und ein Mädchen stand in der Stube , dessen Backen rot anliefen , während die Stubenmagd aufstund vom Vorstuhle und antwortete : » Gott grüß dich wohl . Womit kann ich aufwarten ? « Resli war auch rot geworden , ob aus Überraschung oder weil er es ungern hatte , daß die Stubenmagd so nahe bei ihm gesessen , wissen wir nicht ; rasch stund er aber auf und sprach : » Gottwilche , Base ! Bist du auch da ? Was bringt dich Guts dahin ? « Anne Mareili merkte Resli und sagte : » Bis mir auch Gottwilche ! Ich bin auf dem Wege gewesen zu euch , und jetzt kann ich dir die Sache verrichten ; es ist mir noch anständig , so kann ich zu rechter Zeit wieder heim sein Es ist bei solchem Wetter nicht lustig auf der Straße sein , aber dSach hat pressiert . « Resli sagte : » Komm hock und tue Bescheid « ; er hätts bald nicht gekannt . Das war wirklich auch fast kein Wunder , denn Anne Mareili war nicht geputzt , sondern mehr verkleidet , hatte ein dünn , kurz Kitteli , einen halbleinernen Tschopen , ein halbreistenes Hemde an , eine Roßhaarkappe auf dem Kopf , war mehr angezogen wie eine mittelmäßige Jumpfere und nicht wie eine reiche Bauerntochter , und doch war es auch so recht hübsch und stattlich , daß man da auch wieder sah , daß nicht immer die Kleider es sind , welche die Leute machen . Die Stubenjumpfere sagte , sie werden dSach wohl zusammen wollen , und wenn sie es begehrten , so wolle sie dieselbe ihnen in ein oberes Stübli tragen , es seien weniger Fliegen dort , und wenn man mit einander zu reden habe , so sei man bas alleine . Nit daß sie jemand hier stören würde , so an einem Orte sei sie nie gewesen , wo weniger Leute kämen , längs Stuck niemand als der Mühlekarrer und der Kämifeger , nicht einmal Bettler . Von wegen je böser eine Stubenmagd über die Frau Wirtin ist , desto zärtlicher wird sie in der Regel gegen die Gäste , und warum sollte sie nicht ? Zieht es doch zum Herzen das Herz , und wenn die Frau Wirtin das Herz der Stubenmagd nicht will , warum sollte diese dasselbe nicht den Gästen austeilen dürfen ? Das Stübchen war klein , das Lischenruhbett eingesessen , der Tisch wackelte ; es hatte nicht die fernste Ähnlichkeit mit irgend einem Prunkgemach , sei es einem Salon oder der berühmten blauen Stube ; aber doch kam es Resli und Anne Mareili wunderbar vor , und als sie neben einander auf dem Ruhbett saßen , fanden sie anfänglich keine Worte . Alles , was sie einander zu sagen hatten in der kurzen ihnen zugemessenen Frist , hatte sich aufgestaucht vor dem engen Durchpaß ; eins klemmte das andere ein , bis endlich Resli die Masse zu lösen begann mit der Bemerkung : » Ich habe geglaubt , du wollest nicht kommen , ich müsse unverrichteter Sache wieder heim . « » Es ist ein Wunder , daß ich da bin « , sagte Anne Mareili ; » ich habe lange nicht gewußt wie machen , und als ich einmal es gewußt , da hat es etwas gegolten , bis ich los geworden . « » Hast du dann nicht im Sinne gehabt , zu kommen ? Hast du Mut gehabt , mich zu sprengen und umsonst warten zu lassen ? « sagte Resli . » Zürn nicht « , sagte Anne Mareili , » aber wenn das nicht so gegangen wäre wie der Blitz , so hätte ich es dir gleich damals abgesagt . « » Begehrst du dann nichts von mir , oder mich nur zum Narren zu halten ? Hab ich mich dann geirrt , wenn es mich düechte , es sei dir fast wie mir und ich sei dir auch öppe e weneli wert ? « Da tat Anne Mareili einen Blick auf Resli ; das Wasser schoß ihm in die Augen , dann sagte es langsam : » Du weißt darum nicht , wie ich es habe . Mein Brauch ists nicht , öppe im Lande herumzufahren , bald hierhin , bald dorthin ; das ist das erstemal , daß ich einem an ein Ort hingekommen bin . Und wenn ich schon wollte , man ließe mich nicht . Wir haben immer zu werchen mehr als genug , und dann ists Üse auch , daß es nach ihrem Kopf gehe und nichts dazwischenkomme . Und da ists mir lang gewesen , was es doch nütze , zu kommen . Nichts , als mir das Herz noch schwerer zu machen , als es schon ist , und ds Beste war , ich schlüge alles aus dem Kopf und ließ es sein , als wüßte ich nichts von dir . « » Das wäre schön von dir gewesen , und darauf hätte ich dir nicht viel gehabt ; dann hätts mih düecht , es sei kein Meitschi mehr einen Kreuzer wert , und was du von deinen Alten sagst , wird doch nicht eine Sache sein , die nicht zu ändern wäre « , sagte Resli . » ' s wird wohl . Aber eben deswegen hets mih düecht , ich möchte dich noch einmal sehen und dir sagen , du sollest es doch recht nicht an mir zürnen , daß meine Eltern es dir so wüst gemacht haben und dich fortgelassen , wo du ja kaum bei dir selbst gewesen bist und ds Ryten nicht hast erleiden mögen . Aber es ist ihnen eben gewesen , daß es dr Kellerjoggi , den ich nehmen soll , nicht vernehme und daß wir nicht etwa viel mit einander redeten und es ihnen dann etwa eine Störung gebe in ihr Eingricht . Von wegen , wo der Vater durch will , da muß es durch , kosts was es wolle und gehe es übel oder nicht . Da hets mih düecht , das möchte ich dir noch sagen , daß du nur nicht zürnest und mit mir dich nicht plagest , dSach trag doch nichts ab . Aber einist wäre ich doch noch gerne bei dir gewesen , darum bin ich gekommen , vielleicht sehen wir uns dann unser Lebtag nicht wieder . « » Das wär « , sagte Resli ; » sövli übel wird es doch nicht stehen , haben wir doch nicht z ' ernstem probiert ; so leicht setz ich von einer Sache nicht ab , darauf kömmt es nur an , daß du willst und mich begehrest . Dann möchte ich doch sehen , ob man dich zum Alten zwängen kann und dich mir nicht lassen muß . Aber eben darauf kömmt es jetzt an . Was meinst ? « » Das werde ich dir öppe nicht z ' längem sagen müssen « , sagte Anne Mareili ; » wenn du