, lieblichen Lippen lügen ! Dein Auge spricht Ja ! ich glaube ihm . « » Nein , nein ! « rief sie in heftiger Angst und hielt beide Hände vor den Augen ; » kehren Sie sich nicht an die verrätherischen Augen , der Mund spricht die Wahrheit . « » Faustine , « sagte Mengen und stand auf , und seine zürnende Stimme wurde noch schauerlicher durch die Bebungen , welche die gewaltigste Aufregung ihr gab - » wenn Du mich wirklich nicht liebst , wenn Alles nur ein Spiel , die Belustigung für einen leeren Augenblick gewesen , wenn Du die ganze Grazie Deiner Wesenheit nur als eine gemeine Koketterie verschwendet , wenn Du solche Nichtachtung fremder Gefühle hegst , daß Du lebende , schlagende , blutende Herzen anatomirst zu Deiner Belehrung oder Deinem grausamen Vergnügen : so habe ich keinen Ausdruck für meine Verachtung . « » Mario ! « schrie Faustine und glitt auf ihre Kniee zur Erde herab - » ich liebe Dich . « Er hob sie auf , zog sie stürmisch an seine hochschlagende Brust und drängte in einem Kuß die Seligkeit und die Sehnsucht zusammen , welche dies Wort in ihm auflodern ließ . Aber Faustine begegnete nur scheu dieser Glut . Sie machte eine ganz kleine Bewegung , so leise , jedoch so unwiderstehlich , daß die Liebe ihr gehorchen muß , und daß doch nur die Liebe sie errathen kann ; - und seine Arme umstrickten nicht mehr wie ein Netz ihre Gestalt , und er fragte gepreßt : » Warum drängst Du mir das übervolle Herz in den Busen zurück , Faustine ? O laß es an dem Deinen ruhen , mein geliebter Engel ! jetzt weiß ich ja die Wahrheit . « » Noch nicht ganz , Mario , « antwortete sie dumpf . » Aber das Wesentliche : Du liebst mich . Und morgen fährst Du mit mir zu meinen Eltern , als meine Braut , als mein Weib - wie du willst ! aber mit mir , denn Du liebst mich , Faustine ! « Er schlang ihre Locken um seine Finger . Sie sagte melancholisch : » Laß mich los ! es hilft doch nichts ! wir müssen scheiden . « Da schrie er plötzlich heftig auf : » Andlau ? « - Faustine neigte bejahend das Haupt und Mengen sank wie zerschmettert in einen Stuhl . » Siehst Du wol , wie viel schwerer Dir jetzt als vor fünf Minuten die Trennung wird ? « sagte sie gelassen ; » O hätte ich das Liebeswort verschwiegen ! « » Rede , Unglückselige , rede ! « rief Mengen ; » warum denn Trennung ? wer hat ein heiligeres Recht an Dir , als ich ? und wenn ein Anderer es gehabt hat , geht es nicht auf mich über von dem Moment an , wo Du mich liebst ? Ich will Dich haben , Faustine , ohne Theilung , ganz und gar « - » Das begreif ' ich , « unterbrach sie ihn . » Aber kann ich denn einen Tag glücklich sein , wenn ich das ganze Schicksal eines Andern , eines geliebten Menschen , zertrümmere ? Kannst du es dann noch durch mich , bei mir , sein ? unmöglich , Mario , unmöglich , wie die Sonne unmöglich zur Mitternacht über unserm Haupt stehen kann ! Und das sollst Du selbst entscheiden ! « » O Faustine ! Du liebst mich , nur mich : das wird entscheiden . « » Nein , Mario , ich liebe Andlau , den Mann , dem ich mein ganzes Geschick aus freiem , vollem Herzen in die Hand gegeben , und der es wie ein Gott unwandelbar liebend und treu gelenkt hat . « » Und nicht mich , Faustine ? besinne Dich , Herz ! wirklich nicht mich ? « Sie sank zu seinen Füßen nieder , umschlang seine Kniee und legte ihren Kopf darauf . Er wollte sie aufheben , doch sie bat : » Laß mich hier liegen , Mario , und frage mich nicht so , Du - Mensch gewordner , lichter Sonnenstrahl ! wie sollt ' ich Dich nicht lieben ? « Sie weinte heftig . Er richtete zärtlich ihr glühendes Antlitz in seiner Hand empor und sprach : » Mein Engel , erzähle mir nun Alles , was Dich betrifft . Es ist so dunkel um mich her ! wenn ich Alles weiß , wird es mir hell werden , damit ich entscheiden könne , entscheiden , wie der Mario es muß , den Du liebst . Darum die Wahrheit , Herz , die reine Wahrheit , wie vor Gott . « » Wie vor Gott ! « wiederholte sie feierlich , und stand auf . Sie waren schön die beiden Gestalten einander gegenüber . Mario saß in seiner gewöhnlichen Stellung mit untergeschlagenen Armen seitwärts am Tisch , und die Kerzen warfen nur ein Streiflicht über ihn . Aber sein marmorbleicher Kopf mit den vornehm stolzen , aber durch die Macht der Empfindung für den Augenblick melancholischen Zügen , mit dem tiefen , geistreichen , glühenden Auge und dem dunkeln Gelock , hob sich , gleich einem Gemälde von Velasquez oder Murillo , lebhaft von der dunkelrothen Lehne des Fauteuils ab , welche ihn hoch überragte . Faustine stand vor ihm , im vollen Kerzenlicht , blaßroth gekleidet , blühend , weich , schwebend , halb sinnlich , halb seelisch , hingehaucht wie von Guido Renis Pinsel , etwas vom Johannes , etwas von der Magdalena im Ausdruck , der in jeder Secunde wechselte , so wie sie die Scala der Gefühle durchflog . - Er - ruhig , fest , entschlossen , nicht unerschütterlich , aber kampfbereit und unermüdlich , die Siegesfahne tragend , vielleicht in den Tod , doch gewiß nicht in den Untergang . Sie - schwankend , und immer ungewiß lassend , ob sie fallen , ob sie in den Himmel auffliegen werde . Er - ganz Mann . Sie - ganz Weib . » Rede , mein Engel , « sagte Mario sanft ; » keine Frage , keine Einwendung , kein Blick sollen Dich stören . « » Was habe ich denn eigentlich zu sagen ? « fragte Faustine sich selbst , träumerisch die Hand an die Stirn legend . » Alltägliche Schicksale , ein Leben ohne gewaltige Ereignisse , eine Persönlichkeit ohne überwiegende Vorzüge - das ward mir , das bin ich . Und innere Zustände , Skizzen der Seele , kann man die einem Andern vors Auge führen und hindern , daß ihm der Glanz zu grell , und der Schatten zu schwarz erscheine ? die Wahrheit wird durch das Wort so hart , daß sie , wenn nicht lügenhaft , doch unglaublich , doch übertrieben erscheint . Ich aber habe von nichts , als von innern Zuständen zu sprechen ; Begebenheiten darfst Du nicht erwarten . - Aus der Pension in Mannheim , wo meine Schwester und ich , die armen Waisen , erzogen waren , kamen wir im siebzehnten Jahr zu unsrer Tante , welche ein schönes Landgut in der Nähe von Bamberg bewohnte . Ich war ein junges Mädchen , wie alle übrigen - glaube ich . Ich kann mich im Grunde gar nicht darauf besinnen , wie und was ich war , so lange mein Wesen in seiner kühlen , grünen Knospe bewußtlos wie ein Kind in der Wiege schlummerte . Ernst war ich wol , doch auch heiter ; still , aber innerlich lebhaft . Bilder wogten in mir , Gestalten tauchten auf , Erscheinungen zogen vorüber mit einer Fülle , in einer Lebendigkeit , welche mich schon zwischen meinen Pensionsgefährtinnen zu ihrer Scheherazade machten , zu einer kleinen Improvisatorin , die aber gewiß sich selbst weit mehr , als den Kreis ihrer Zuhörer amüsirte . Später gab ich diesen Phantasien keine Worte mehr , sondern Bilder ; ich zeichnete . Das macht sehr still , weil die Hand bedächtig und das Auge vergleichend verfahren muß , wenn der Kopf auch braust . Dies Talent , grade für mich , mag wol eine besondere Gnade des Himmels gewesen sein : die bestimmte Form gab mir Haltung . Mit der Poesie hingegen , deren Schützlinge zwang- und mühelos von der Form nicht mehr brauchen , als was sie in ihren Fingerspitzen zusammenfassen , hätte ich gewiß den Phaëtons-Gang und Sturz erlitten . - Von Liebe wußte ich nichts weiter , als was in den Dichtern steht , und das ist , so lange man es nicht auf einen bestimmten Gegenstand überträgt , etwas so Farbloses wie das Prisma , ehe man es zwischen Auge und Sonne hält . Ich liebte meine Bilder , meine Bücher , die Blumen , die Vögel , die ganze Natur , die ganze Menschheit , den guten Gott , der dies samt und sonders geschaffen hat , - Alles en bloc . Meine Tante am wenigsten ; denn sie war intriguant , und solche Charactere stoßen mich von Grund aus ab , weil ich ohne Waffen gegen sie bin , mögen sie mich gewinnen oder mir schaden wollen . Ich fühle mich bei ihnen beklemmt wie irgend ein scheues Thierlein des Waldes , das die fangende Schlinge ahnt . Ich hatte Scheu vor meiner Tante . Die Männer waren mir am liebsten , welche am besten tanzten und dabei nicht allzu fade plauderten . Huldigungen verlangte ich nicht - vielleicht darum wurden sie mir oft zu Theil in der oberflächlichen Manier , die zwischen ganz jungen Leuten statt findet . Nur Graf Obernau behandelte die Sache ernster . Er war Rittmeister , sieben und zwanzig Jahr alt , aus vornehmem Geschlecht , sehr reich und sehr schön - wenn man dies Prädikat den regelmäßigen Zügen , der stolzen Gestalt und guten Haltung beilegen will , welche in manchen Familien selbst dann noch erblich sind , wenn schon der Adel der Gesinnung und die Kräftigkeit des Blutes erloschen , die zuerst diesen Stempel ausprägten . Ich gefiel diesem Manne auf eine mir ewig unerklärbare Weise , d.h. er verliebte sich am ersten Abend , wo er mich bei der Tante sah , dermaßen in mich , daß er auf dem Heimritt zu einigen Kameraden sagte : » Der Teufel soll mich holen , wenn das nicht meine Frau wird . « Seine Kameraden zweifelten durchaus nicht daran , da eine so glänzende Partie wie Obernau schwerlich abgewiesen wird , und er überdies ein sogenannt guter Mensch war , Jedem Geld borgte , Jedem im Duell secundirte , keinen Spaß verdarb , und nebenbei von solcher Schwäche war , daß Jeder , der in seine Launen einzugehen und ihm ein wenig zu schmeicheln verstand , ihn lenken konnte , wie ein Kind . Solch ein Kamerad , der vornehm und reich ist , außer den guten Connexionen auch noch den stets gefüllten Beutel hat , und obenein das gute Herz , welches mit beiden aushelfen läßt - wird von allen jungen Männern zärtlichst geliebt . Kaum hatte Obernau mir sultanisch das Schnupftuch zugeworfen , so würde kein junger Mann , zehn Meilen in der Runde , sich zwischen ihn und mich gestellt haben . Es war gleichsam ein allgemeines schweigendes Uebereinkommen , daß er und ich für einander paßten und gehörten . Obernau und immer Obernau war vor meinen Augen und an meiner Seite , oder schwirrte vor meinem Ohr ; denn der Tante konnte nichts Erwünschteres kommen , als seine passionirte Neigung , und sie trug Sorge , mir von ihm stets in einem Ton zu reden , der Eindruck auf mich machen mußte . Nämlich zuerst lobte sie seine guten Eigenschaften , dann beklagte sie den bösen Einfluß , welchen schlechte Rathgeber und eigennützige Freunde in seinem wohlwollenden , vertrauenden Herzen gewonnen , und schloß endlich damit , eine gute , edle Frau könne ihn leicht zu sich emporheben und ihn zu einem neuen , bessern Menschen umwandeln - und das sei der herrlichste Beruf des Weibes . Ich hatte zwar kein Vertrauen zu dem Herzen meiner Tante , aber großes zu ihrer Klugheit . Was sie da sagte , kam mir verständig und gut vor , und ist es auch , wenn nur das Weib , welches sich diesem heroischen Beruf widmet , in sich klar , fest und abgeschlossen genug ist , um nicht selbst dabei herabgezogen zu werden . Ich armes , unerfahrnes Geschöpf , ohne Leidenschaft , ohne Schmerz - diesen zwei Binde- und Löseschlüsseln des Wesens - konnte das damals nicht in Ueberlegung ziehen . Ich dachte , was die ganze Welt gut und zweckmäßig finde und was einen Menschen glücklich mache , daß müsse ich thun , und ich verlobte mich mit Obernau . Wollte ich sagen , er sei mir gleichgültig oder gar zuwider gewesen , und ich sei zu dieser Partie beredet oder gezwungen : so würde ich lügen . Nein , ich war ihm recht gut , und gab ohne Widerstreben seiner Werbung Gehör . Ich wollte ja auch meine herrliche Bestimmung erfüllen und recht etwas Gott und den Menschen Wohlgefälliges vollführen . Ueberdies sah ich meine seit drei Monaten verheirathete Schwester äußerst glücklich mit einem Manne , der mir unerträglich schien ; daraus zog ich den Schluß , der grade umgekehrt richtig ist : der Mann sei am liebenswürdigsten in der Ehe - und die Anstalten zur Hochzeit wurden gemacht . » Je näher aber der Zeitpunkt kam , desto beklommener ward mir . Ich , die nie träume , die nie eine bange Vorempfindung des Gewitters spüre , wandelte umher , als solle ein quälender Traum in Erfüllung gehen oder ein Unwetter losbrechen . Wenigstens bilde ich mir ein , daß diese Schwüle , diese Schwere , diese Angst ohne Grund und ohne Namen , denjenigen heimsuchen müsse , welcher Traum und Ahnung kennt . Zu wem sollte ich reden ? die Tante liebte nicht Erörterungen der Gefühle , wenn sie Entscheidungen herbeiführen konnten , welche ihren Absichten widersprachen ; sie wies sie nie ab , doch mit schlauer Geschicklichkeit wußte sie stets sie zu vermeiden . Meine Schwester , wie gesagt , war verheirathet : das war eine unübersteigliche Scheidewand zwischen uns . Sie war jetzt die Frau eines Mannes , nicht meines Gleichen , kein Mädchen mehr ! kaum daß sie mir noch wie meine Schwester vorkam . Es giebt eine Jungfräulichkeit des innern Seins , rührender und reizender als die , welche der Myrtenkranz repräsentirt , weil sie unendlich seltner ist . Aber leider ! leider ! geht sie oft vor dieser und fast immer mit dieser verloren ! sie widersteht nicht der materiellen Genußsucht . Meine Schwester war in kurzer Zeit ganz fraulich worden , verloren in ihren Familien- und Haus-Interessen , und mit unendlichem Behagen sich darin zurecht setzend , wie der Vogel auf seinem Nest . Sie gehörte zu den weiblichen Wesen , die von der Geburt an , möchte ich sagen , Frauen sind und im Hause Wurzel fassen und Blüten treiben . Sie ist glücklich dabei geworden , weil Temperament , Sinnesart , Character mit ihrem Schicksal Hand in Hand gingen , und weil man von ihr sagen darf - was ich jedoch nie ohne einen leisen Schauder auszusprechen wage : - sie würde jeden Mann glücklich gemacht haben ; - und dies wird doch zuweilen als Lob von einem Mädchen gesagt ! Nun , ich habe es nie verdient . - » Aber an wen sollte ich mich wenden in meiner Herzensangst ? Sehr verständig , wie mir scheint , wendete ich mich an Obernau , und sagte ihm an einem schönen Abend , wo wir allein im Garten waren und die melancholische Herbstnatur mit heimziehenden Wandervögeln und herabrieselnden Blättern mich noch trauriger stimmte , daß ich ihn lieber nicht heirathen wolle . » Ein romanhafter Mädchengedanke ! « antwortete er spöttisch wegwerfend . Ich verstummte blöde , und sann acht Tage lang darüber nach , ob er nicht wirklich Recht habe . Bisweilen kam es mir auch so vor , aber als über diesem Besinnen der Hochzeitstag mir bis auf vierzehn Tage nah gerückt war , so fand ich , Obernau habe Unrecht , und abermals verkündigte ich ihm meinen Entschluß und bat ihn dringend , mir mein Wort zurückzugeben . Statt der Antwort sprach er : » Ini , Du siehst zum Küssen lieblich aus , wenn Du bittest ! ich wäre ein großer Narr , wollte ich Deinen Willen thun . « Indessen da er sah , daß ich weinte , fragte er , ob ich etwa einen Andern , etwa den und jenen , den er nannte , heirathen wolle . Zufällig waren das närrische , fade , dümmerliche Leute , und Obernaus Frage kam mir possierlich vor - oder war es nervöse Aufregung - kurz , ich brach in lautes Lachen aus , und Obernau sagte beruhigt und beruhigend : » Wenn Du keinen Andern lieber hast , so kannst Du mich mit gutem Gewissen heirathen . « Trotz dieser Versicherung war aber immer eine Stimme in mir wach , die mir zurief : thu ' es nicht ! und zum dritten Mal , doch nun unter tausend heißen Thränen und mit bangem Flehen , bat ich um meine Freiheit . Da wurde er endlich anders , er gab das spöttelnde , scherzende Wesen auf , womit er bisher meine Einwendungen zunichte gemacht , er beschwor mich , ihn nicht grenzenlos unglücklich zu machen , er liebe mich zu sehr , um von mir lassen zu können , er wolle Alles thun , Alles sein , was ich gut und recht fände , er lag zu meinen Füßen , er weinte - ich hatte in meinem Leben weder ihn noch irgend einen Mann in solcher Bewegung gesehen , es machte einen schauerlichen , gewaltigen Eindruck auf mich , ich dachte kindisch : wohlan , lieber unglücklich sein , als unglücklich machen ! - nicht wissend , daß in der Ehe eins aus dem Andern folgt - ich bat ihn tausendmal um Vergebung , und wünschte nun selbst den Hochzeitstag mit einer fieberhaften Ungeduld herbei , in der Hoffnung , mein Schicksal müsse sich lieblicher in der Entschiedenheit , als in der Erwartung stellen . Ich ward seine Frau . Der Stab war über mich gebrochen ! - so kam ich mir vor , so komme ich mir noch jetzt vor , wenn ich an den Moment denke , von welchem doch schon manches Jahr mich trennet . « Faustine senkte ihr Haupt wie gebrochen , und legte das Gesicht in beide Hände ; ihr Busen flog krampfhaft , sie bebte vom Scheitel zur Sohle , und als sie nach einer Pause die Hände sinken ließ , war ihr sonst so blumenzartes , holdseliges Antlitz starr , marmorbleich , tragisch . » Ja , « sagte sie mit herzzerschneidender Wehmuth , » von der Faustine , die damals unterging , mag jetzt wol keine Spur übrig sein , denn sie fiel der Schmach anheim ! Ja ja ! auf meine unschuldige , reine Stirn wurde der Stempel der Schmach gedrückt , und ich - ich habe es gelitten und es überlebt ! « Sie ging im Salon auf und ab , mit heftigen , ungleichen Schritten . Sie rang die Hände . Sie dachte nicht an Marios Gegenwart , nicht an seine Liebe - nur an ihre Vergangenheit ; und mehr zu sich selbst , als zu ihm , sprach sie mit tiefer Bitterkeit : » Giebt es denn auf der ganzen weiten Gotteswelt eine Schmach , welche der gleich kommt : einem Manne zu gehören , ohne ihn zu lieben ? O ich glaube , ein ganzes Leben von Verworfenheit wird mit diesem Begriff bezeichnet . Doch nein ! nein ! ich irre mich ! ich war ja seine Frau , am Altar ihm angetraut - dann hat es nichts zu sagen - für die Menschen . « Sie lachte in sich hinein . » Ruhig , Faustine , aus Barmherzigkeit mit Dir , sei ruhig ! « bat Mario erschüttert . » Schweigen Sie , Graf Mengen ! Sie haben mein Leben wissen wollen - da dürfen Sie mich nicht stören , wenn wir bei einem so wichtigen Punkt angelangt sind . Kennen Sie nicht die Sage von jenem Nixenbrunnen , dessen Wasser , hat man den schweren Steindeckel einmal abgewälzt , immer höher , immer höher steigt , den Rand überquillt und das Land rings umher in eine brausende Wogenflut verwandelt ? O , diese unermeßliche Flut von ungekanntem , von mißkanntem Weh in der Brust eines Weibes erschüttert sogar eine Männerbrust , wenn es sich einmal nicht als Klage , nur als Schrei , äußert ! dann muß es gewiß etwas welterschütterndes sein ! Aber ach ! als Abnormität wird es betrachtet ! Krankhaft an Leib oder Seele , verschroben , überspannt nennt man eine Frau , nachdem man sie ohne Barmherzigkeit in die Arme des Ersten Besten , der sie nach ihr ausstreckt , geliefert hat , und sie nun mit unüberwindlichem Entsetzen wahrnimmt , was von ihr gefordert wird , was sie gewähren soll . Von einer Million Ehen wird eine aus Liebe geschlossen . Die Beweggründe der übrigen kommen in keinen Betracht ; weil sie immer auf hausbackene Nützlichkeit zielen , sind die einen grade so gemein oder grade so würdig als die andern . Aber neunmal hundert neun und neunzig tausend neun hundert Frauen verlangen es eben nicht anders ; achtundneunzig verlangten es wol anders , einst , vor langen Zeiten , auf die sie sich selbst nicht mehr recht besinnen können , so untergewirbelt sind sie ; nun haben sie sich gefügt , aus Kälte , aus Verständigkeit . Und eine , nur eine , aber doch eine , eine Einzige unter der Million , die verlangt es anders und , feiner oder schwächer organisirt , kann sie nicht zahm sich fügen , und fühlt doppelt die Demüthigung , weil sie zu schwach ist sie abzuwehren . O diese Eine ! sie kommt nicht in Betracht vor euren Gesetzen , es kann kein eignes Recht für sie geschaffen werden , Gott und Menschen ziehen die Hand von ihr ab - denn im Namen Gottes ist ihr Segen verheißen worden , wo sie Unheil gefunden , und die Menschen hohnlächeln ob der Phantasterei , welche da einen Tempel erbauen möchte , wo ein ekler Sumpf liegt . O diese Eine ! - es giebt Schmerzen , vor denen die Welt das Knie beugt , strahlende Schmerzen , geputzte Schmerzen , rosenrothe Schmerzen , Triumphbogenschmerzen ! aber mit diesem Schmerz kokettirt man nicht , den vergräbt man scheu im Busen , wie man das Krebsgeschwür am Busen mit unsäglicher Beschämung verbirgt . Doch das Gift des Geschwürs durchschleicht allmälig das Geäder des Körpers und dringt in Mark und Blut , und dieser Schmerz wird zu einem Gift , zu einer Quintessenz von Haß , Bitterkeit , Verzweiflung , Empörung , Verachtung und Groll , wovon die Seele krank werden und verderben muß , und Keiner , Keiner hat einen Blick des Erbarmens dafür . O diese Eine ! - das ist nicht eine von den Schlechtesten gewesen ! nicht um den Glanz und den Genuß der Welt zu haben , ist sie in dies Jammerlabyrinth gerathen ! nur kindisch , nur unerfahren , nur jugendlich selbstvertrauend sprang sie , ein sorgloser Schwimmer , von dem stillen Felsen ins rauschende Meer , um einem Andern die liebende , die hülfreiche Hand zu bieten ! aber der ist zu Hause in dem wilden Element , der zieht die Arme in den Strudel hinein , in die Tiefe hinab , sie sinkt - und Keiner rettet sie ! ... Sind denn nicht Männer da ? ... ja doch ! ... da stehen sie , faunisch , neugierig , lüstern vor dem trostlosen Geheimniß dieser Ehe , und rathen und räthseln , und deuten und deuteln , und bringen es am Ende zur sonnenklaren Evidenz , daß diese Frau die begehrungswürdigste auf dem Erdboden ist . Ja doch ! ... wo es eine unglückliche Frau giebt , - jung und hübsch , comme de raison ! - da fehlt ein halbes Dutzend ritterlicher Männer nicht , welche sich die Ehre streitig machen , dieser holden Augen Thränen zu trocknen , dieser frischen Lippen schmerzliches Zucken in süßes Lächeln zu wandeln . Sie sind ja die gebornen Beschützer der Schönheit - die edlen Männer ! - O diese Eine ! ich will ja gar nicht weinen , weil ich gerade unter der Million es sein mußte ; ich weine nur , weil überhaupt solch Elend auf dieser schönen Welt statt findet . » Aber damals weinte ich über mich . Ich kam mir selbst unmenschlich entwürdigt vor durch die Leidenschaft , die ich erregte , ohne sie zu theilen , und das Geschöpf , welches der Mann mit dem Fuß vom Sopha auf die Straße schleudert , schien mir weniger erniedrigt , als ich mich fühlte ; - denn es steht außer dem Gesetz , denn es macht keinen Anspruch auf Ehre ; aber ich , unter dem Schirm des Gesetzes , umringt von jeder Schutzwehr , welche der Ehre heilig , jung , unverdorben , sittlich rein , ich sah mich plötzlich in der Gewalt eines Menschen , dessen furchtbares Recht über mich dadurch geheiligt sein sollte , daß er in einer Kirche vor vielen Zeugen gelobt hatte , es immer zu üben . Was ging das mich an ? ich mußte ihm das Recht geben : nur so begriff ich es ! nur so konnte es nicht entadelt werden . Ich sah bisweilen die Leute ganz erstaunt an , wenn sie mich mit Achtung behandelten - die übrigens der vornehmen , reichen Frau nie fehlt - ich hätte fragen mögen : was fällt euch ein ! der willenlose , dumpf gehorchende Sclav , zählt der mit in der menschlichen Wesenreihe ? und steht mir ' s nicht wie ein Brandmal auf der Stirn , daß ich Sclavin bin ? Ich hüllte mich in meinen Gram wie in ein Panzerhemd , und waffnete mich mit meiner Erbitterung wie mit einem scharfen Schwert , und behandelte die Männer mit einem Uebermuth , mit einer Verachtung , vor welcher sie in den Staub fielen und in Anbetung geriethen . Aber ich , die weit sehnlicher wünschte , einen Gegenstand der Liebe und Verehrung zu finden , als es zu sein , zerfiel mit mir selbst immer unheimlicher , immer tiefer , je greller der Widerspruch zwischen der äußern Erscheinung und dem innern Sein sich gestaltete . Ich wurde von meinem Mann geliebt , und empfand für ihn den unbesieglichsten Widerwillen . Die Welt huldigte mir , indessen ich mir selbst verächtlich vorkam . Man pries meine Verhältnisse glücklich und beneidenswerth , und ich fühlte mich in ihnen unaussprechlich elend . Hätte ich wenigstens den Trost gehabt , Obernau etwas über sein leeres , wüstes Treiben zu erheben , so würde mir das einigen Muth eingeflößt haben . Doch die Sclavin dient dem Gebieter nur , wenn er es befiehlt ; außerdem ist sie ein Spielwerk , welches unbeachtet im Winkel steht . Ich will gern glauben , daß es mir auf einem gewissen Wege sehr leicht geworden wäre , unumschränkte Herrschaft über ihn zu gewinnen ; allein , konnte ich meinen Gemahl nicht ehren , so mochte ich ihn doch wenigstens nicht beherrschen , nicht diese Flitterkrone für den Preis erkaufen , den er darauf gesetzt haben würde . Ich ging meine Wege , er ging die seinen . Er bekümmerte sich gar nicht um mich , sobald ich nur zu gewisser Stunde nicht fehlte . Ich war ja seine Frau und er liebte mich ! folglich , welche Ehre für mich ! » Ich war immer mit Männern umgeben ; ich ritt mit ihnen , ich fuhr mit ihnen , ich schwatzte mit ihnen , nicht weil sie mir gefielen , sondern weil sie sich an mich drängten , und weil ich gegen sie impertinent sein oder sie ganz ignoriren durfte , kurz , weil sie nicht die Rücksichten heischten , welche zum Umgang mit Frauen erforderlich , und weil überdies Obernaus beide Schwestern mir das eigene Geschlecht noch mehr verleideten , als er selbst das männliche . Die eine war in meinem Alter und verheirathet , eine dürftige , enge Natur , welche sich nicht darüber zufrieden geben konnte , daß mein Fuß kleiner und mein Auge größer als das ihre war . Die andre , ein junges Mädchen von vierzig Jahren , hatte vor Zeiten ein Leben geführt , welches die Bewerber um ihre Hand nothwendig , trotz ihres Vermögens , abschrecken mußte . Jetzt reizlos , früh gealtert , kränklich , sprach sie von ihrem nie verstandenen Herzen , welches sie ganz dem lieben Gott zugewendet habe , weil kein Mensch dieses Kleinods werth sei . Gewiß ist es , daß kein Mensch den lieben Gott um dies Kleinod beneidet hat , und daß die äußerlich werkthätige , innerlich sterile Frömmigkeit meiner Schwägerin Crescenzie mich gemahnte wie eine Schaale lauwarmen Wassers , worin man vorsichtig die Fingerspitzen wäscht und sie dann säuberlich mit einem Battisttüchlein abtrocknet , aber nicht wie ein frisches , kühles , stärkendes Bad , worein man sich begierig stürzt , um den Staub des Lebens abzuwaschen . Meine Schwägerin Naudine ging umher , die Leute fragend , ob sie je eine Person gesehen , welche mir an Koketterie , Eitelkeit und Leichtsinn gleich käme , und meine Schwägerin Crescenzie erzählte den Leuten wehklagend , mit gen Himmel gehobenen Augen und Händen , wie unglücklich ich ihren Bruder mache . » Freilich war er nicht glücklich , der arme Obernau , doch ich hätte ja ein ganz andres Wesen sein müssen , als ich war , um ihn zu beglücken . Das hatte ich dunkel geahnt ,