Armen haltend , das von ihm allein das ganze Leben hoffte , und mit so leiser Ahnung die Berührung empfunden hatte , die er aus seiner alten , ihr so gefährlichen Welt erlitten . - So geschah es , daß er unentschlossen schwieg , sie sanft aufrichtend durch das Gefühl seiner Nähe , seiner Liebe , seines Schutzes . Fennimor vertiefte sich auch bald gänzlich in dieses ihr am verständlichsten gewordene Gefühl , und sagte bloß , ängstlich aus ihren Händen mit den thränenschweren Augen zu ihm aufblickend : » Was war es denn ? « » Was ich versäumt habe , Dir gleich zu sagen , theure Fennimor ! Ein Freund aus Paris , den ich im Schlosse auf mich warten fand , ein Freund , dem ich entdeckt , daß Du mein liebes Weib bist , und der nun kommt , Dich als solches zu begrüßen . « - » Ach nein , ach nein ! « sagte Fennimor - » das soll er lieber lassen , denn - denn ich wollte lieber , ich brauchte ihn nicht zu sehn , da er der Schlange gleicht , vor der ich mich immer so gefürchtet habe . « » Das wirst Du nicht finden , wenn Du ihn näher kennst , gute Fennimor ; denn davon behält er nichts , wenn Du mit ihm reden wirst - und ich möchte gern , daß Du zu ihm freundlich wärst . « Fennimor schauderte leis zusammen , aber wie ein gutes gehorsames Kind strich sie die Locken von der Stirn und sagte mit unsicherem Tone : » Wenn Du es denn gern haben willst , da will ich mich nicht mehr fürchten und will ihn geschwind sehen , damit es vorbei ist . « Dieser zärtliche Gehorsam war so von der Angst beflügelt , daß Leonin mit innigem Mitleiden zu ihr nieder sah - ach , und wie viel hätte er darum gegeben , sie den Blicken entziehen zu dürfen , die sie so ängstlich fürchtete ! Es war ihm , als könnte er sie nicht aus seinen schützenden Armen lassen , als gehörte sie ihm nur so lange sicher , als jene Welt sie noch mit keinem Hauche berührte . Aber sie selbst machte sich los , richtete sich auf und schaute den Baum an , der nichts zeigte ; dann that sie einen Seufzer , an dem sie sich erholte , und entdeckte nun selbst den Marquis , indem sie in den Wald zeigte , wohin er , ihnen den Rücken zuwendend , zurückgekehrt war . Beide gingen ihm nach - Leonin eilte voran - und als er ihn erreicht , blieb Fennimor stehen - und sah ihn daher kommen neben ihrem Liebling - und die Angst stieg in ihrem Herzen auf - und sie sah , wie unähnlich sie sich waren - und es wollte ihr unmöglich scheinen , daß sie zusammen gehören könnten . Aber Leonin lächelte ihr freundlich entgegen , das bezwang Alles in ihr , das weinerliche Gesichtchen hellte sich auf , und sie ging jetzt auch vorwärts . » Sie sind Leonin ' s Freund - das ist recht schön und macht Ihnen gewiß viel Vergnügen ; « sagte sie , leis grüßend und das Haupt beugend , zum Marquis - » wir wollen Sie zum Vater bringen , und Sie sollen von uns allen sehr freundlich gegrüßt sein ! « Jetzt athmete sie tief auf und suchte nach Luft , die mit einem Mal weg war - und blickte auf Leonin , ob er mit ihr zufrieden sei . Ach , wie hätte er nicht , da er wußte und in jedem schwerfälligen Worte fühlte , wie gepreßt ihr Herz war , und wie sehr sie sich bemühte , ihm gehorsam zu sein . Ein Blick , der dies Alles enthielt , stärkte mehr , als jedes Andere , ihr wunderlich gelähmtes Innere . Der Marquis konnte wohl nicht eigentlich in Verlegenheit kommen , nur verweilte er sich lange bei dem Anblicke der nunmehrigen Gräfin Crecy , und sie schien ihm unergründlich schön , das heißt eine Schönheit , der es nicht gleich nachzuweisen , warum sie es war . » Sie sind sehr gnädig , « sagte er , sich tief verneigend , - » Jemand willkommen zu heißen , der Sie , fürchte ich , unangenehm erschreckt und das Gespräch mit Ihrem Freunde unterbrach . Lassen Sie mich hoffen , daß es mir später gelingen wird , Sie mit diesem Eindrucke zu versöhnen . « - » Nicht wahr , Fennimor , Du bist schon wieder ganz ruhig ? « rief Leonin , verlegen über das Schweigen , womit sie die Worte des Marquis anhörte - » hier in unserer Einsamkeit treffen wir fast nie auf einen Fremden . - Sieh ' , liebes Kind , der Herr Marquis Souvré kommt von Paris von meiner Mutter . « Augenblicklich änderte sich Fennimor ' s ganzes Wesen . Aus ihrer Erstarrung erwachend und Alles über diese Nachricht vergessend , schlug sie freudig die Hände in einander , und dem Gegenstande ihrer Furcht näher tretend , als sehe sie in ihm nicht mehr denselben , rief sie freudig aus : » O , sagt , sagt - von unserer lieben Mutter , von der schönen , herrlichen Fürstin Soubise ? Kommt Ihr darum hieher ? Soll ich gleich mitkommen ? Nicht wahr , es ist ganz gleich , ob er majorenn ist oder nicht ? Ihr wird das auch gleich sein . - Leonin ! Leonin ! « rief sie , in ihren feurigen Combinationen jetzt an den Punkt gekommen , der alle überbot - » das - das ist der Ausweg , Leonin ! Dein Freund , den die Mutter schickt , der schon Alles weiß - das ist der Ausweg , den Gott sendet ! « Leonin versuchte sie an seine Brust zu ziehen . Er wollte ihr den Ausdruck verbergen , der sein Gesicht einnahm , und der ihre Hoffnungen widerlegte , aber sie hielt ihn von sich und suchte mit leuchtenden Blicken die Antwort ihm abzufragen . » So weit ist es zwar noch nicht , mein geliebtes Kind , « sprach er sanft und traurig , » doch soll uns ein redlicher Freund , wie dieser , Trost und Rath ertheilen , und wir werden durch seinen Beistand leichter das Rechte finden . « » O thut das , « sagte sie innig und tief bewegt , » o thut das ! Seid uns ein redlicher Freund und lehrt uns , wie wir es machen müssen , um uns nicht zu trennen , denn das thut weher - weher , als der Tod ! « - Der Marquis konnte kaum das Zucken der Achseln hindern , womit er dies ihm so jämmerlich erscheinende Schäferspiel vor seinen Augen gern begleitet hätte , und er verzeichnete nur zwei Dinge in seinem Gedächtnisse , ihre romantische Schönheit und Crecy ' s unverkennbar große Leidenschaft für sie - Hoffnung genug , ihm durch die Ansprüche , die feindlich dieser Richtung entgegen traten , die Sicherheit des Glücks zu entreißen . - » Der Graf Crecy weiß , daß ich erst hier von dem Vorgefallenen unterrichtet ward - die Frau Gräfin hat keine Ahnung von dem Vorgefallenen , und ich kann nicht verhehlen , daß ihr vielleicht diese Nachricht mehr unerfreulich scheinen möchte , da sie bisher an das treue und vollständige Vertrauen ihres Sohnes gewöhnt war . « » Ach , « sagte Fennimor tief seufzend , » da sprecht Ihr ein wahres , verständiges Wort ! Das hat mir immer vorgeschwebt - aber ich wußte es nicht zu sagen , und muß mich jetzt recht wundern , daß es Dir und dem Vater nicht eingefallen ist . Die arme Mutter ! Das hat gewiß keine Mutter verdient , und Deine Mutter am wenigsten . « - Sie hatte sich während dessen in das Moos gesetzt , und unwillkürlich thaten es beide Männer ihr nach . Wie tief bekümmert sah sie aus , und der Marquis war zu guter Menschenkenner , um nicht zu wissen , sie war die Betrügerin nicht ; also der Vater - schloß er sicher weiter . » Die Umstände , « erwiederte der Graf ernst , » haben Schritte nöthig gemacht , die , wenn sie auch der Abweichung von einer ehrwürdigen Pflicht sich scheinbar schuldig gemacht haben , doch ihre innere Rechtfertigung nicht entbehren . Ich hoffe meine Mutter hievon zu überzeugen , um so mehr , da sie einsehen wird , daß ich mir ein so seltenes Glück , als Gott mir in Deinem Besitze zuführte , nur sichern konnte , wenn ich die ehrenvollsten und sichersten Mittel zu Deinem Schutze aufrief . Als meine Gattin kann ich Dich selbst allein stehen lassen , wenn meine nächsten Pflichten dies vorerst nöthig machen , und dieser Rang wird Dir Freiheit geben , mir überall zu folgen , und mir das süße Recht , überall Dein Beschützer zu sein . « » Ach , « sagte Fennimor , erquickt durch diese Worte - » das wird gewiß Deine liebe , herrliche Mutter eben so einsehen ; denn , wenn Du sprichst , dann fühle ich immer , daß Du Recht hast , und bin um Alles ruhig . Nur das Eine , nur , daß wir uns trennen sollen , das , hoffe ich immer , wird nicht geschehen , weil es so sehr unnatürlich ist . Glaubt Ihr das nicht auch , Herr Marquis , und wollt Ihr uns nicht Rath geben , wie wir Alles thun können , was nöthig ist , um dies Unglück zu vermeiden ? « - » Es stimmt vollkommen mit Eurer Unschuld und mit der völligen Unkenntniß der Verhältnisse der Welt , wie mit den besonderen des Grafen Crecy zusammen , daß es Euch so schwer fällt , einzusehen , in welche Schwierigkeiten derselbe sich durch sein Verhältniß zu Euch gestürzt hat . - Seiner Liebe zu Euch , scheint es , ist es zu schwer gefallen , sie Euch aufzudecken , und vielleicht ist darum meine Ankunft eine rettende Auskunft zu nennen , wenn ich Euch Eure wahre Lage enthülle , deren geringe Zugeständnisse Ihr dann bald einsehen werdet - oder doch unfehlbar Euer Vater , der wohl schwerlich aus Unkenntniß der damit herbeigeführten Schwierigkeiten die rasche Handlungsweise meines Freundes zulassen konnte . « » Ich muß Euch bitten , Marquis , « hob hier der Graf mit beleidigtem Stolz an , » meine Gemahlin nicht unnütz mit den Thorheiten der Welt bekannt zu machen und ihre reine Seele durch die Ansichten zu trüben , die dort als wichtig hervortreten ; sie soll von ihnen nicht getrübt werden , und ich werde das Glück meiner Verbindung nicht eher aussprechen , bis ich ihr dort die Wege geebnet und sie sicher gestellt habe gegen die abweichenden Anforderungen , von deren dort geltender Wichtigkeit sie , Gottlob , eben so wenig , als ihr verehrungswürdiger Vater eine Ahnung hat ! « » Nicht zu läugnen , daß diese naive Unkenntniß aller Verhältnisse Euch bei dieser Dame und ihrem eben so unwissenden Vater ein leichtes Spiel gaben ! « sprach der Marquis mit absichtlich kaum verhehltem Lächeln . - » Meint Ihr mit diesem Ausdrucke meine Vermählung mit Miß Lester ? wodurch sie für Alle , die es wissen , rechtmäßige Gräfin Crecy ist ? « - Der Marquis verneigte sich bloß , wie Jemand , der nichts erwiedern will , und als auch Leonin ungeduldig aufstand , sprach Fennimor ruhig und zutrauensvoll : » Wir wollen zum Vater gehen - denn er versteht Alles am Besten , und wenn Ihr nicht einig seid , wie mir scheint , wird er Euch angeben , wir Ihr das machen müßt . « » Ich weiß nicht , « sprach der Marquis frostig , » ob es dem Herrn Grafen gemäß scheinen wird , einen so unwillkommenen Gast , als mich , dort einzuführen , wo er für gut gefunden hat , Verhältnisse unerörtert zu lassen , die gerade ich , von seiner verehrungswürdigen Mutter gesandt , in Erinnerung bringen sollte . « » O , « rief Fennimor lebhaft , » theilt uns Alles mit , was diese von uns so hochverehrte Mutter Euch aufgetragen hat , da seid Ihr , « setzte sie lächelnd hinzu , » am rechten Orte - von nichts höre ich so gern , wie von der schönen erhabenen Mutter meines Leonin ' s , und all ihre Verhältnisse möchte ich eben gern wissen , denn Alles ist gewiß hoch-herrlich und erhaben an ihr . « Beide Männer schwiegen einen Augenblick vor Fennimor ' s unerschütterlich unschuldigem Vertrauen , und wenn Leonin fast mit Andacht den sicheren Frieden anschaute , mit dem sie allen nur zu verständlichen Warnungen des unerweichten Marquis entgegen stand - so konnte dieser , der ihre Sicherheit gleichfalls erkannte , nur mit bitterem Unwillen in diesem geringen , unberechtigten Wesen dieselbe Sorglosigkeit gewahren , die immer nur auf Glück zählt , den Gegensatz noch nicht kennend , und welches dieselbe Eigenschaft war , mit der ihn Leonin so bitter erzürnt hatte . » Doch , « setzte sie mit dem ernsten Pathos hinzu , der ihr so eigenthümlich war , » doch hatte ich mir immer gedacht , ein Freund , der daher käme , zeigte größere Weisheit ; denn Ihr sagt so wenig von den schönen Dingen , die man begreifen kann , daß sie dort geschehen , und dagegen viel Unverständliches . Es muß dort ganz anders sein , auch die Sprache - doch nicht wahr , Deine erhabene Mutter redet so schön , wie - etwa mein Vater - und Naimä , die Schwiegermutter Ruth ' s , oder die Königin Esther vor Ahasverus , oder wie die Königin Elisabeth zu dem Volke ? Ach , wenn ich sie nur erst sähe und hörte ! Wie habe ich mich immer gesehnt , eine erhabene Frau zu erblicken nach Gottes Willen . « » O , « rief Leonin , aufs Tiefste gerührt , » wer kann Dich hören und sehen , und nicht überzeugt werden , Deine Welt sei die eigentlich menschliche Sphäre , alles Andere eine Larve - ein Trug - eine elende Komödie , die der Natur des menschlichen Daseins Hohn spricht , und der Absicht Gottes ! « » Nein , nein ! « sprach Fennimor hastig ; » was sagst Du da ? - Du weißt ja , meine Welt , wie Du es nennst , ist noch eine ganz kleine , darum muß ich eben die andere dazu kennen lernen , wenn ich Gottes ganze Herrlichkeit begreifen soll - und die Welt , worin Deine Mutter herrscht , die ist eben die große wichtige , wo die Könige leben und das Volk in den unermeßlichen Ländern ! - Darum denke ich an diese Mutter so gern , die mich umfassen wird und schützend verbergen , wenn ich erbeben werde vor so viel Weite , Größe und Gewalt . « » Versteht Ihr jetzt dies Wesen ? « rief Leonin halb zürnend , halb entzückt dem Marquis zu . » Vollkommen ! « erwiederte der Marquis mit einem Ausdrucke , der jede Auslegung zuließ - » und ich überlasse es Eurer eigenen Beurtheilung , welche Rolle ihr mit diesen Begriffen zufallen wird in Eurer Welt und vor Eurer Mutter . « Leonin ' s Herz zog sich mit einem Schmerz und einem Unwillen zusammen , wie er ihn um so bitterer empfand im Gegensatze zu der Reinheit des jetzt erst hier erkannten Lebens , welches keinen Widerspruch gegeben hatte , weil die Meinungen der sich Gegenüberstehenden immer offen da lagen , und nur ein liebevolles Forschen um das gegenseitige Verstehen eintrat , was dann leicht gefunden war , und womit sich Alle befriedigten , selbst bei hervortretender Verschiedenheit . Nichts giebt uns mehr das Gefühl einer unübersteiglichen Schranke , als wenn wir mit unsern höheren Ueberzeugungen vor Menschen treten , welche uns weder verstehen wollen , noch können , weil auf dem Wege , den sie verfolgen , sich nur die materielle Seite der Dinge offenbart . Je freisinniger , je umfassender , je geistiger wir das Leben zu erforschen suchen - je seltner sind wir frühzeitig fertig mit Ansichten und Meinungen , denn nur das geringere Bedürfniß schließt schnell mit dem kleineren Gesichtskreise ab . Wer mit weiterreichendem Streben den Weg beginnt , möchte nicht mit jenem Zustande tauschen , wenn er auch anscheinend in Vortheil setzt , den Dingen das Geheimniß des materiellen Gelingens , ihrer subjektiven Brauchbarkeit abfrägt und mit diesem Inhalte eine beruhigende feste Stellung zu ihnen giebt . Aber es entsteht dann von jener Seite eine ironische Ueberlegenheit , die sich durch den sichtbaren Erfolg zu rechtfertigen scheint , die sich das Lob der Menge und ihre eigene Befriedigung sichert , und den begeisterten Forscher belächeln läßt , der in dem Leben , das sie so bequem handhaben , noch einen Geist entdecken will , dessen Flügelschlag er hört , und dessen Gemeinschaft er aufzufinden trachtet in demselben Leben , das sie in ihrer Auffassung schon ausgebeutet glauben . Wenn wir mit dem Verlangen , verstanden zu werden , in die Kreise dieser Frühfertigen gerathen , wird unsere fromme Unsicherheit verspottet , und wir haben Mühe , unser Selbstgefühl zu retten , welches wir oftmals nicht durch Beweise vertreten können , da Geister sich nur citiren lassen , wo die Zauberformel verstanden wird . Rette sich , wer kann , bei Zeiten ! denn der dornenvolle Weg zwischen Ergreifen und Verwerfen , zwischen Erkennen und Erblinden , zwischen Hoffen und Verzweifeln , den der sehnsüchtige Forscher wandelt , hat als Ziel , als Ideal aussöhnende Ruhe in allen Erscheinungen der Erde , vor Augen ; den großen Zwecken gegenüber , vom Selbstgefühle verlassen , imponirt ihm die materielle Ruhe , die ihm so sicher von jener Seite entgegentritt , und er wird ihre sich unterordnende Beute , oder er geräth in Zweifel , die sein höheres Bedürfniß anfeinden oder es langsam zerstören . Leonin rettete sich nicht , obwol er die Hand fühlte , die sich nach ihm ausstreckte , bereit , gleich einem Wachsbilde sein neu begonnenes Leben zu erdrücken ; ein Schauer beschlich ihn , aber er war nicht geboren , das wogende Innere durch kräftige Gedanken zur Ruhe und Klarheit zu bringen ; er ließ unheimliche Anregungen sich mehren , ohne sie zur Rechenschaft zu ziehen , und wartete stets auf die Hand , die von Außen kommen möchte , in ihm aufzuräumen . Und noch wachte ja sein guter Engel über ihm und hielt ihn fest auf dem heil ' gen Boden , wo ihm ein so reiches , tief gehendes Verständniß geworden war . Aber zuerst ließ Fennimor seine Hand los , um allein nach dem schon sichtbaren Hause zu gehn ; ihre ahnende Seele fühlte die Gemeinschaft mit dem Geliebten verkümmert durch den Fremden , der sich von ihren Vorstellungen nicht bezwingen ließ . Leonin genoß ihren Anblick , wie sie vor ihnen herschritt , und der Marquis prüfte mit eifersüchtiger Schärfe ihren Anstand . Wie schwer ward es ihm , über sie einig zu werden . - Dieser kindliche , spielende Schritt , dieser gleitende Fuß , der noch nie fehl trat , oder die leichte Gestalt im unebenmäßigen Takte bewegte , wo hatte sie es gelernt unter ihren hohen Bäumen ? Sollte er der Natur ein Recht zugestehen müssen , was hier nicht einmal vertreten ward durch den Ursprung hohen Blutes ? - Er zog sich zusammen vor jeder Combination , die ihn seinem festgeschlossenen Ideenkreise entführte ; aber dies Wesen streifte ihn wie ein Geheimniß , das sich nicht von selbst enthüllen wollte , und er grollte ihr um so mehr . Beide Männer folgten so , beherrscht von demselben Gegenstande , ihrem leichten Schritte - Beide wußten sich aber nichts zu sagen , Jeder von der abweichenden Meinung des Andern überzeugt und dennoch sicher , in der nächsten Zeit sich demselben noch nicht entziehn zu dürfen . So war Fennimor schon länger hinter den Thüren verschwunden , die von dem Wohnzimmer in den Wald führten , ehe die langsam Folgenden diesen näher kamen , und schon kehrte Fennimor zurück und öffnete leis und mit Vorsicht die doppelten Flügel , zurückschauend , ob die Strahlen der Sonne den Lehnstuhl erreichen würden , auf dem jetzt der Greis sitzend zu sehen war , der , wie es schien , vom Schlummer gebeugt , das Haupt auf die Brust gesenkt hatte . Fennimor bemerkte die Nahenden nicht ; in anderer Art angeregt , gab sie sich dieser Richtung ohne Theilung hin . Die Männer sahen sie vor dem Greise niederknieen und seine Hände fassen ; sie schien sie erwärmen zu wollen und legte dann ihre flache Hand auf seine Stirn - sie schauderte . » Du bist so kalt , mein Vater - wache auf ! « sagte sie leise - und als er , der sonst von dem schwächsten Hauche ihrer Stimme erwachte , unbeweglich blieb - da wiederholte sie den Ruf mit einem Tone , der von der Ahnung eines unermeßlichen Weh ' s geschwellt war . Leonin stürzte diesem Rufe nach in den Saal . Fennimor war aufgestanden , sie lehnte das schwere , widerstandslose Haupt des Vaters mit Mühe zurück , und bestrebte sich , die beschattenden weißen Locken von der Stirn zurück zu legen . Der Ausdruck von Eifer , von Sorgfalt und Liebe in ihren Zügen , war von einem Entsetzen beschlichen , welches sie starr blicken ließ , und erbleichen ; sie wußte noch den Namen nicht für die Ursache , denn sie kannte den Tod nicht . Aber Leonin war fast außer Zweifel . So prägt nur der letzte Bote an das Leben die Züge der Menschen um ; widerstandslos , in heitere Träume versunken , hatte er den Greis gefunden , und ihn leis hinüber geführt , wohin seine kindliche Seele schon längst reichte , ohne durch irgend einen Kampf die Trennung zu verrathen , die schöne Hülle selbst noch ehrend und ihr einen Abglanz der Verklärung des Geistes schenkend , der sie verlassen . Fennimor sah ihren Vater so schön , so lächelnd , als schwebe der Segen noch für sie auf den erblaßten Lippen ; sie faßte nicht , was geschehen war , und schauderte doch vor der verständlichen Veränderung und der nie gefühlten Kälte . » Der Vater , der Vater ! « sagte sie immer wieder - » Leonin , der Vater ! « Weiter fand sie kein Wort , die Ahnung stand dazwischen und hinderte jeden Versuch , ihr Gefühl zu bezeichnen . Endlich ließ sie die Hände ab von ihm und blickte Leonin an - und dieser Blick führte sie ihrem Schicksale näher , denn in seinen Zügen fand sie einen Schmerz , einen Jammer ausgeprägt , der sie überzeugte , er sähe mehr , als sie . » Ist er krank ? ist der Vater sehr krank ? « rief sie mit stockendem Athem - » sag ' , was fangen wir an ? « Er antwortete nicht , zog sie aber an seine Brust und fühlte mit einer unbeschreiblichen Heiligung aller seiner Gefühle , daß sie nur ihn noch auf dieser Welt habe . » Geh ' , Fennimor , rufe Emmy Gray - der Vater ist sehr krank - aber fasse Dich und denke , daß er mich gestern eingesegnet hat , daß ich Dir an seiner Statt Vater sein soll , wenn Gott ihn zu sich rufen möchte . « » Was sagst Du ! « rief sie , verwirrt aus seinen Armen fahrend - » Gott wird ihn aber jetzt nicht wollen - nein , nein ! Er lebte , wie wir in den Wald gingen - es ist nicht lang ' - ich war ja nicht bei ihm - er lebt ! er schläft ! - Großer Gott , erbarme Dich ! er schläft ! mein Vater , erwache ! Gott , wo bist Du ? Nein , nein , Du hast ihn nicht gewollt , mein Gott ; denn ich bin ja bei Dir gewesen , Du gabst mir kein Zeichen ! « So kämpfte sie mit Todesangst gegen die Ueberzeugung , die sich ihr mit der Gewalt ihrer unverkennbaren Wahrheit aufnöthigte , und erlag endlich den bloß noch in Worten ankämpfenden Zweifeln , und stürzte plötzlich mit einem Jammergeschrei , der ihrem Herzen das erste Erfassen des neuen , entsetzlichen Schmerzes gab , über dem Greise zusammen . Leonin kniete in Thränen neben ihr , und so fand der Marquis die Gruppe , als er endlich die Schwelle überschritt . » Dieser Heil ' ge hat geendet ! « rief ihm Leonin mit Schmerz gebrochener Stimme entgegen - » Gottlob , daß sie mein Weib ist ! « Ob wir den Tod , wo er seinen himmlischen Stempel abgedrückt , aushalten können , das möchte die Probe sein für manches im Bösen verhärtete Herz . Sie stehen fest gegen die Erscheinungen der Welt , deren höheres Misterium sie verlachen oder übersehen , und wissen dessen Beziehung von sich fern zu halten - aber der Tod ist die geheimnißvolle Macht , der sie sich nicht entziehen können , und haben sie auch die Brücke zerstört , die der Gläubige aus diesem Uebergange nach jener Welt baut - und trotzen sie auch dem Leben die Ueberzeugung ab , es sei in ihm der Anfang und das Ende ihres ihnen selbst gehörenden Daseins - ganz im Geheim erreicht sie doch das fürchterliche Grauen vor dem tiefen Schweigen , worin die Natur ihr letztes geheimnißvolles Geschäft hüllt , und sie können den Anblick des Todes nicht ertragen , der auf Einzelnen seine Zeichen zurück läßt , als einen sichtbaren höheren Fingerzeig . So jähling ward der Marquis hier vor den gehaßten Anblick geführt , daß er fast zweifelte , ob es sein könne , und um alle Fassung gebracht , war es mehr Zorn , als Theilnahme , was ihn zu lebhaften Aeußerungen trieb , von Allen jedoch überhört , bloß zur Nahrung seiner eigenen Stimmung . - Doch war dies Ereigniß bestimmt , Leonin zu der tiefsten Erkenntniß seiner übernommenen Pflichten zu führen . - Der Reif , den der Marquis mit dem Hauche aus der alten , lang gewohnten Welt in seine frisch duftenden Blüten gesenkt , er war zerronnen in Thränen heißen Schmerzes um den Verlust eines Menschen , wie er nur selten , unter den günstigsten Conjunkturen zu reifen vermag . - Leonin hatte ihn mit seiner durch ihn gereinigten Seele zu verstehen und zu lieben vermocht ; er wußte , er fand nie seines Gleichen wieder , und er betrauerte seinen Verlust mit tiefster Wehmuth und stärkte sein Herz für die große Aufgabe , die Fennimor ' s Loos ihm nunmehr übertrug . So neu auch alle Verhältnisse , so groß die vorliegenden und die zu erwartenden Schwierigkeiten sein mochten , sein Herz ward sein Lehrmeister , und dies giebt immer den Rath , den wir befolgt sehen von denen , die uns lieben , und welcher den Verstand und die Erfahrung zu überholen vermag , wenn es von einem wahren Gefühl erfüllt ist . Daher konnte der Marquis auch nur die kürzeste Zeit Zuschauer dieser Verwandlung bleiben , die ihn um jeden Einfluß zu bringen drohte , weil gar nicht mehr von ihm die Rede war , indem Leonin , völlig überzeugt , der Marquis könne ihm gar nicht bei so abweichenden Verhältnissen rathen , diesen auch nie aufrief , seine Meinung zu sagen , und daher sein Kommen und Bleiben zu einer Unbedeutenheit herabsank , die er bloß zu erkennen brauchte , um ihr so schnell , als möglich , ein Ende zu machen . Dessen ungeachtet mußte er , um nicht ganz ohne alle Erfolge zurückzukehren , die Ankunft des Grafen Gersey abwarten , welcher , von dem Tode des Kaplans unterrichtet , am nächsten Tage erwartet wurde . Leonin hatte nämlich jede Unsicherheit abgeworfen und war fest entschlossen , seine junge Gemahlin sogleich mit sich nach Frankreich herüber zu führen und sie nach Ste . Roche , welches er schon als sein Eigenthum ansehen durfte , zu bringen , bis er Zeit gefunden , seine Mutter von diesem Schritte zu unterrichten und , wie er hoffte , damit zu versöhnen . Er theilte diesen Vorsatz dem Marquis mit der größten Sicherheit mit und schlug jeden Einwand desselben mit der Leichtigkeit zurück , die eben so wohl fester Wille , als Unkenntniß der ganzen Größe der ihn erwartenden Schwierigkeiten war . » Eure Pläne « , antwortete der Marquis mit der stolzesten Kälte , » sind allerdings mit einer Schnelle und Sicherheit gefaßt , die es unmöglich machen , gegen sie einzuschreiten , und so lästig mir von Anfang an eine Einmischung in Eure Familien-Angelegenheiten war , so fühl ' ich sie doch dadurch noch erhöht , der Zeuge von Euren Handlungen sein zu müssen , da mir dies die Vorwürfe Eurer Mutter zuziehen wird , welche ich allerdings schwer werde überzeugen können , daß ich wirklich Beschlüsse zulassen mußte , die so Euer nothwendiges Unglück herbeiführen müssen , und die so wenig durch die Umstände gerechtfertigt werden . « » Es ist nicht Mangel an Vertrauen , « erwiederte Leonin ruhig , » daß ich Euren Rath so wenig gesucht habe , sondern das Gefühl , so und nicht anders handeln zu müssen , was durch keine abweichende Meinung umgestimmt werden konnte und jede Berathung darüber zu einer überflüssigen machte . Meine schnelle Vermählung , die meiner Gemahlin Schntz und Ansehn geben sollte , im Fall das Ereigniß , was wir jetzt so plötzlich erlebt , während meiner Abwesenheit eintreten möchte , giebt ihr das vollgültigste Recht , mich jetzt nach Frankreich zu begleiten , und ich danke Gott , daß ich ihr in ihrem tiefen und