der an Raimund eingeschlossene Brief , in dem sich der Schluß von Gleichmuth ' s Autobiographie befindet . Lies diese Blatter mit dem Willen , Versöhnung zu finden auch im Frevel . Wir Alle müssen dies , sonst würden wir uns bald gezwungen sehen , die Weltgeschichte als eine in ' s Unendliche hinauswachsende Unmoralität zu verdammen . Und davor behüte uns Gott und die Heiligkeit unseres eigenen Geistes ! 10. An Raimund . Bonn , im August . Bekenntnisse eines durch Zeit , Menschen , Lehre und Leben Irregeleiteten . ( Schluß . ) » Es gibt nichts so Seltsames , Unnatürliches , Widervernünftiges , das nicht durch consequente Skepsis zum Gesetz und dadurch zur Lebensregel erhoben werden könnte . Aeußerlichkeiten bestimmen auch hier viel , wie bei Allem , und übernehmen das Amt eines Schulmeisters oder Zuchtknechtes . Mir hat mein Lebenlang nicht in den Sinn gewollt , daß irgend ein Individuum verpflichtet sei , der Willensmeinung eines andern seine geistige Freiheit zu opfern . Und dennoch strebt unsere ganze Erziehung darauf hin , die kräftige Gottesnatur möglichst frühzeitig aus uns herauszutreiben . Die unglückliche Maxime : man muß dem Kinde frühzeitig den Willen brechen , ist Lebensregel geworden und hat heiligende Gesetzeskraft erhalten . Wir leben sehr curios , wenn wir Alles thun , was uns von Kindesbeinen an als Grundsatz vorgepredigt wird . Für ein freies , vernünftiges Geschöpf kann es nichts Heiligeres geben , als sich einen festen Willen zu bewahren . Jedes Titelchen davon , das ihm abgeht , ist ein Verlust an seiner Gottheit . Wir dürfen , Andern zu gefallen , nichts von unserm Willen opfern , nur , insofern Beschränkung aus Ueberzeugung eine moralische Förderung sein mag , ist es uns anheimgestellt , ob wir uns freiwillig derselben unterwerfen wollen . Es müssen sehr schwache Seelen gewesen sein , die zuerst auf den Gedanken gekommen sind , mit der Liebe zu verfahren , als sei es eine Waare . Können wir schachern mit dem Gott in uns ? Darf die Erde eine Psalmensängermiene annehmen , wenn es der Sonne gefällt , einen überschwenglichen Lichtstrom auf sie herabzugießen ? Es gibt nirgend etwas Uberflüssiges , nur die nackte Armuth , der beschränkte Verstand kann sich ärgern über den Reichthum und Abzugskanäle für ihn erfinden . - Diese Gedanken wurden mir von Tage zu Tage geläufiger in dem Leben , das ich von jetzt an führte . Ich mag nicht vertheidigen , was der Taumel aufgeregter Lust in mir beging ; aber ich gewann durch das Zügellose sinnlicher Bewegung doch eine Freiheit des geistigen Ueberblickes , die mich selbst überraschte . Durch sie vergaß ich Druck und Gram schwacher Momente , lernte aber leider die Neue als ein lebentödtendes Ungethüm auffassen ! - In meiner Stellung war dieser Gewinn offenbar ein Verlust zu nennen ; denn er entzweite mich täglich mehr mit dem Gesetze , dem ich meinen Willen unterthänig machen sollte . Nach der gewonnenen Ueberzeugung konnte ich diesen Forderungen nicht entsprechen , ohne mir selbst das Verdammungsurtheil zu schreiben . Dennoch sah ich ein , daß die Gegenwart nur dauern könne , wenn sie in der schlaffen Willenlosigkeit fortgeschoben werde , die nun einmal Leiterin ihrer Schritte geworden war . Wie schon früher , führte mich auch dies wieder auf das Spalten des Menschen von dem Diener des gemachten Lebens . Ich wollte mir selbst , als einem Atom der Gottheit , den Kreis des Wirkens nicht verengern , aber dem irdischen Zwiespalt geben , was er forderte . Der Gehorsam in mir sollte Mittel werden , ihn zu vertilgen in der Menschheit . Ich wollte Theolog sein , um den Menschen zu retten , nicht durch die anerkannte Heiligkeit der Doctrin , sondern durch ein allmähliges Aufdecken des Widerspruchs , worin eine menschlich geordnete Wissenschaft mit der freien Kunst des religiösen Gemüthslebens steht . Ein Märtyrer zu werden für die Erlösung eines Theiles der Gemeinde aus den Fesseln selbst auferlegter Beschränkungen ward Ziel meines Lebens . Die Leidenschaftlichkeit meiner Natur legte mir hierbei tausend Hindernisse in den Weg . Zum Märtyrer taugt nur ein Schwärmer , wie zum Reformator Besonnenheit allein und ein fester Charakter befähigen . Ich ging still mit meinem Leben zu Rathe . Anatomisch zerlegte ich jede Faser meines Herzens , prüfte jeden Gedanken und wog ihn ab mit gewissenhafter Pedanterie auf der Wage des redlichsten Willens . Ich fand mehr spezifische Schwere in ihnen als ätherische Schwungkraft , und mein Muth wuchs , je lauter die Nothwendigkeit einer Aenderung mir aus allen Enden der Welt in die Ohren schrie . Allein Leben , Lust und Reiz hatten sich schon zu tief eingewühlt in das Mark meiner Seele , als daß eine heftige und schnelle Scheidung von diesen für mich möglich gewesen wäre . Außerdem umschlich jeden meiner Schritte ein unheimlicher Geist und maß ihn aus mit heimtückischem Lächeln , ohne daß es doch in meiner Macht stand , ihm zuzurufen : Du bist ein Schurke ! Dieser Geist war Mardochai . Er ließ nicht von mir und umkreis ' te mich , wie mein eigner Schatten . Immer stand er auf der der Sonne entgegengesetzten Seite . Mardochai besuchte mich , ging in meine Pläne ein , gab vor , selbst wirksam dafür zu sein und wiederholte unablässig seinen Refrain : « Wollen Sie bleibend wirken , so müssen Sie zuvor auch jede Gemeinschaft mit irgend einer Secte völlig in sich vernichtet haben . Sie müssen ein freier Sohn der Natur werden , der Alles thun kann , wenn er will , und Alles lassen , wenn er nicht will . Sie müssen auch Alles erprobt haben , weil Sie sonst in Diesem und Jenem irrige Ansichten Ihren Zwecken unterschieben könnten . Studium ist nie Sünde , und das Laster selbst , nur so lange verächtlich , als es aus den Lüsten geboren , wird Tugend , wenn es für die Tugendhaftigkeit geübt werden kann . Lassen Sie uns zusammen studiren , sagte er , ich halte es für die Pflicht eines aufgeklärten Juden , den Christen ihre Ungerechtigkeiten gegen unsern Stamm zu vergelten durch Liebe . Ich ging darauf ein , weil es mir nicht möglich ward , den seltsamen Menschen zu entfernen . Auch würde dies wenig genützt haben , da mein ganzes Wesen schon auf das Innigste mit jener Zweideutigkeit des Genusses verwachsen war , die immer Produkt eines zerbrochenen Gewissens ist . So setzte ich meine sinnlichen Ausschweifungen fort , ohne dem Geist die üppigste Nahrung zu entziehen . Der Geist war mächtiger , als meine Sinne und fruchtbarer als sie . Die physischen Kräfte erschöpften sich nach und nach , aber die geistigen wuchsen und tobten um so ungestümer , je spärlicher sie einen Gegensatz und Widerstand fanden im Tumult sinnlichen Rausches . Mardochai stand treu ausharrend an meiner Seite . In seinem dunklen Auge lag ein eigner Glanz . Nicht die Sonne der edlen Freiheit schien dieses Licht entzündet zu haben , sondern irgend ein Dämon . Die Gluth warf keinen Schimmer auf den Himmel , aus dem sie herabflammte , vielmehr spielte die Blässe eines ewiges Todes mit winterlich kältendem Hauch um das edelgeformte Antlitz . Ein abstoßender Ernst lag auf den kalten Zügen , eine zurückhaltende Scheu dämmerte oft um sein Auge und schien Traumgebilde zu formen , die nicht Leben empfangen hatten am Busen der Liebe und Schönheit . Bald zog Mardochai auch Casimir in unsern seltsamen Bund . Nun ist die Dreieinigkeit fertig sagte er , als wir zum ersten Male beisammensaßen und die Rettung der Menschheit besprachen aus dem Tod fesselnder Gesetze . Casimir war aber eher ein störender , als helfender Gefährte . Diesem Menschen lag in der Bizarrerie seines ganzen Daseins mehr daran , Unerhörtes vorzuschlagen , als ernstlich auf ein rettendes Mittel zu sinnen für die trübselig dahin sterbende Menschheit . Dennoch sträubte sich Mardochai immerdar , den einmal Angeworbenen wieder zu entlassen . Solche Käuze sind nöthig , um unsere zu große Zahmheit immer zu stacheln , meinte er . Casimir vertritt die Stelle eines Sporns . Er haut uns die Weichen wund und treibt die deutsche Sentimentalität aus unsern Leibern . Ich gab mich zufrieden und lebte dem Ziele entgegen , das ich mir gesteckt hatte . Mardochai begleitete mich überall hin . Sein Geist war unermüdlich , selbst in Dinge einzudringen , die ihm völlig fremd geblieben . Mit erstaunenswerther Pfiffigkeit erlauschte er die Schwächen der christlich- theologischen Doctrin , indem er zugleich feine , ich möchte sagen , graziöse Blicke der Misbilligung auf Christum warf . Ich würde mich wundern , pflegte er dann wol zu sagen , wie es möglich gewesen , daß einer meiner früheren Stammesgenossen so leise dem Irrthum nahe treten konnte , hätte nicht die Liebe zu allgewaltig gesprochen in seinem Herzen . Liebe frommt und treibt zu bewundernswürdigen Thaten , es ist aber doch gut , sich nicht von ihr beherrschen zu lassen . Dadurch gibt man zu leicht der Rache Gelegenheit und dem Hasse , sie mindestens zu kecken Neckereien zu verlocken . Ware ich ein Prophet , die Religion meiner Liebe würde eine gepanzerte Jungfrau sein ! Und ist die unsrige das nicht ? warf ich fragend dazwischen . Nein , Gleichmuth , Eure Religion ist ein unschuldiges Mädchen . Man kann es bethören durch unbefangene Zärtlichkeit . Es wäre ein tragischer Scherz , wenn ein Jude so liebenswürdig bezaubernd , so galant siegreich sein könnte , daß diese unschuldsreine Heilige seinen Einflüsterungen Glauben schenken und sich ihm in freudiger Hingebung überliefern könnte . Sapperment , fiel Casimir ein , ich wollte die Unschuld seufzen lassen und ihr blutige Thränen auspressen . Die Lust ist eine Schraube ohne Ende in der nachgiebigen , weichen Mutter der Dummheit . - » Solche Fratzenschneidereien der Gedanken würden mich verletzt haben , wären sie nicht aus Freundes Munde gekommen und ein Beweis gewesen für das Gefallensein unserer ganzen Verbrüderung . Auch trug das abgestumpfte Nervenleben dazu bei , mich vor nichts mehr erröthen zu lassen . Ich hielt für Gleichmuth weisen Ueberblick und ein grenzenloses freies Denken , was doch nur Ergebniß war einer langsam gesuchten und erlangten Entsittlichung . Die Heiligkeit des göttlichen Ebenbildes war mit Schleiern in mir bedeckt , die nur aufstiegen vor dem zitternden Auge , wenn es die Wollust berührte mit dem schmeichelnden Finger der Dunkelheit . Es war ein grauenvoller Irrthum , in dem ich mich selbst zu Tode tobte , aber der Irrthum war verzeihlich , ja sogar natürlich ; denn ihn hatte geboren die Unnatur des Seelenlebens , in dessen heiligen Schlingen die Religion des Herzens unter Wonneschauern abgewürgt wird . Mardochai mochte ahnen , daß meine Physis sich erschöpfe , theils durch die Zügellosigkeit , der ich mich anfangs überlassen hatte , theils durch das geistige Ueberspannen aller Kräfte , das aufreibend wirken mußte auch auf den Körper . Ich brach zusammen , wie eine Eiche , an dessen Stamm der Zahn der Vernichtung feilt . Mardochai rieth zur Mäßigung , der er selbst sich hingab . Dieser Mensch war nie enthaltsam aber immer mäßig . Es gibt keinen mehr auf Erden , den ich so zerrüttet , so durchpeitscht gesehen habe von Leidenschaften , als diesen Juden . Die entsetzlichste seiner Leidenschaften war aber doch die Ruhe . Und nur so kann die Rache groß sein , weil sie eine Errettung erzielt . Ungeachtet ich Mardochai ' s Rath befolgte , mußte ich doch mit innerm Entsetzen wahrnehmen , daß sich die Natur und Gott in ihr nur einmal foppen und höhnen lasse . Ich ward physisch , was bei geistiger Ermattung der Blödsinn ist . Die Lust der Sinne erlosch , weil die Kraft erschöpft war , aus der sie hervorgetobt . - Noch hielt ich es für Täuschung und Mardochai bestärkte mich darin . Als Arzt vertraute ich ihm , bat um Hilfe , und ein Lächeln , das den bleichen Schleier seines Gesichtes zerriß , wie das Erdbeben beim Tode Christi den Vorhang vor dem Allerheiligsten des Tempels , schlug eine Oeffnung in das Herz Mardochai ' s , durch die ich nur einen Augenblick lang hinabschauen konnte in die unerforschten Geheimnisse , die darin ihre stammenden Häupter träumerisch zu Boden gesenkt hielten . « » Ich kenne ein Mittel , « sagte er , » aber Sie werden sehr wahrscheinlich anstehen , es zu gebrauchen , schon deshalb , weil ein starker Glaube an die Unfehlbarkeit desselben durchaus unerläßlich ist . Sie glauben nicht mehr , da Sie wissen , darum . - « » Der Ungläubige ist mindestens abergläubig , « fiel ich ein , » und die Verzweiflung gebiert zuweilen eine Gedankenfestigkeit , die an Glauben grenzt . Sollte sie nicht dieselbe Kraft haben ? « » Gewiß , « versetzte Mardochai , » und sind Sie im Stande sich einige Tage lang mit diesem Gedanken zu tragen , so will ich Ihnen das Mittel sagen . « » Ich war es zufrieden . Der Schmerz , vielleicht weniger um meine Unschuld , als um die Entbehrung einer Sünde , die mich im Genusse den Ekel vergessen ließ , womit das bloße Leben mich sonst berührte , steigerte meine Ungläubigkeit zu wahrhaftigem Glauben . Mit Ungeduld erwartete ich den Tag , wo Mardochai als ein zweiter Schöpfer meines Ich ' s mir die verlorne Hälfte des Lebens wiedergeben wollte . Der Tag erschien , es war ein Bußtag - und indem ich dies schreibe , wüthet noch die Erinnerung daran , wie ein Tiger in allen meinen Nerven , und ich flehe Denjenigen , dessen Auge zuerst diese Bekenntnisse überfliegt , in der Angst meines ohnmächtigen Gewissens an , Gott zu bitten um ein Verhüllen der Sonne und Sterne , damit Niemand belausche die Zornröthe auf seiner reinen Stirn , und ist er selbst ein Frevler , die Schamgluth , die purpurn fällt über sein Angesicht ! Mardochai trat in mein Zimmer , zum ersten Male in der Tracht des Orients , als Jude , als Hoherpriester seiner Brüder . Ihm folgten Casimir , in einem langen Mantel , unter dem er ein Harlekinskleid trug . Der Dritte war Friedrich mit seiner Geige . - Ich war verwundert über diesen Aufzug und verlangte den Grund davon zu wissen . Sind Sie bereit ? fragte der Jude . Ich bejahte dies . Dann kommen Sie mit uns . Unterwegs sollen Sie erfahren , was zu Ihrer Gesundheit dient . Dämmerung umhüllte schon das Thal , als wir die Stadt verließen . Mardochai führte mich die Allee hinaus nach Poppelsdorf . Um das Kirchlein des Kreuzberges flogen die Funken der niedergehenden Sonne , wie brennende Rosenblätter aus dem Brautkranz der Natur . Casimir und Friedrich gingen uns voran , ich folgte mit Mardochai in einiger Entfernung . Lieber Gleichmuth , hob der Jude an , im Fall Sie nicht der starke Geist sind , den ich immer in Ihnen zu erblicken glaubte und der mich so fest an sich kettete , daß ich selbst Liebe und Freundschaft Ihnen gegenüber fühle ; so muß ich bitten , abzustehen von dem , was ich verlange und sich in Ihr Schicksal zu ergeben . Es trägt unser jetzt durch Noth gebotenes Handeln den Schein der Sünde , doch , ruhig betrachtet , es ist keine , überhaupt nichts , als ein Hingeben an die Natur , die ja etwas Anderes nie verlangt , diese aber stets fordert . Es ist nöthig , Gleichmuth , daß Sie jetzt einmal den Glauben und die Natur des Glaubens lieben , wie Sie die Schönheit umarmt und an ihren Brüsten der Natur einen zu reichen Zoll gegeben haben . Wie soll ich dies verstehen ? fragte ich meinen Begleiter . Einfach und mystisch zugleich , wenn Sie wollen , fuhr der Jude fort . Durch Sympathie heilt die Natur leichter und sicherer Uebel , die von einer Art Sympathie erzeugt wurden , als durch andere künstliche Mittel . Diese Heilung will ich an Ihnen versuchen und sie wird gelingen , wenn Sie Glauben haben . Wahrlich den Hab ' ich ! rief ich betheuernd aus . Nur schnell gesagt , wodurch mir geholfen wird ! Ruhe ist auch beim Glauben zu empfehlen , fiel Mardochai ein . Sobald wir an Ort und Stelle sind , werden Sie das Uebrige erfahren . Unter zitterndem Bangen erreichte ich Poppelsdorf . Mit der Last einer einstürzenden Welt auf dem Herzen erstieg ich an Mardochai ' s Hand den Kreuzberg . In der Kirche hatte die letzte Messe begonnen , viele Menschen lagen vor der Kirchthür auf den Knien . Andacht senkte ihren Fittig schützend über den Tempel und die dämmernde Natur . Wir sind zur Stelle , sprach Mardochai . Er rief Casimir herbei und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr . Der grauenhaft-geniale Mensch lachte und ging in die Kirche . Der Jude setzte sich an die Erde neben die heilige Treppe , die nahe der Kirche liegt und von welcher der letzte Gläubige auf den Knien herabstieg . Aus der Kirche hallte dumpf das Benedicite ! das Dominus vobiscum ! Der ganze tönende Stolz der Messe zog im Echo vorüber an meinen umdüsterten Sinnen . - Ich hörte Casimir zurückkommen , er lachte und warf einige jener colossalen Gedanken bedachtlos in die warme Abendluft , wie sie ihm nun einmal zur Natur geworden waren . Unterdeß trug Mardochai in kalten , skeptischen Reden mir die Notwendigkeit gewisser Lebensversuchungen vor , und wußte seine Gedanken dabei doch in eine so fromme Mystik zu hüllen , daß ich momentan sogar die Ueberzeugung gewann , mein geheimnißvoller Freund und Rathgeber sei , wann nicht längst schon Christ , doch nahe daran , es zu werden . Lauschend seinen mild erwärmenden Worten , ergab mein selbstständiges Denken sich dem Willen meines Begleiters . Ehe ich es noch ahnte , hatte Mardochai docirend , erzählend , Mährchen dichtend , oft seine Seele in schluchzender Wehmuth auszittern lassend , mein ganzes Wesen auch so völlig in sein goldenes Sündennetz verstrickt , daß ich zusagte und unversäumt zuletzt that , was er verlangte . Es wäre mir eine Erleichterung , hier auszusprechen , worin dies bestand , allein auch der in den Schlamm der Verbrechen tief Hinabgesunkene bewahrt sich doch immerdar jene Weihe der Scheu , die ihn erst verläßt , wenn der letzte göttliche Funken in ihm erloschen ist . Und , Gottlob , noch fühle ich , wenn auch nur schwach , das belebende Flimmern desselben still und vergebend in mir pulsen . Darum bleibe verschwiegen , was ohne mich selbst zu entweihen , meine Feder nicht aufzeichnen kann . Es gibt Thaten , die geschehen können , ohne daß die Geschichte erröthet und der Tag erbleicht , an dem sie entweihend sich einschleichen in die offenen Hallen , wo die Vergangenheit zur Auferstehung der Zukunft sich ordnet , aber ein offenes , wenn auch reuiges Wiedererzählen derselben verbreitet pestartige Dünste um sich . Darum sei mir vergönnt , hier nur schweigend zu sprechen , stumm zu bekennen , im Gebehrdenspiel einer wach gewordenen Angst abzubüßen den Frevel einer unseligen , im Rausch des Schmerzes und dem Sirenengesange der Verführung vermaledeiten Lebensstunde ! Noch lebt ein Zeuge jener That , der Kastelan , dessen Aufsicht die Kapelle anvertraut ist . Er weiß , wer an jenem Abende dem Priester administrirte , und was dieser Administrant vollzog während des erschlichenen Dienstes . Seine That und meine durch Mardochai bewerkstelligte Wiederbelebung des erschlaffenden Naturlebens hingen sehr eng zusammen . Ware Casimir noch am Leben , so würde er in der ungenirten Weise , sich zu offenbaren , dem Fragenden wol schwerlich eine Antwort versagen . Es war eine herzbrechende Farce , die Mardochai , Casimir und Friedrich , diese letzten Beiden freilich , ohne zu wissen , mir zum Heil aufführten . - Genug , Mardochai kam zu seinem Ziele und ich erlangte , wonach ich begehrte . Der Jude reichte mir den Arm und führte mich langsam den Berg hinab , während Friedrich aufregende Melodien , heitere , ergötzliche Lieder zu spielen schon früher beauftragt worden war . Mardochai blieb dabei ruhig , wie immer , er sprach von Unsterblichkeit , Glaube , Liebe und andern erhabenen Gegenständen , während in meinen erhitzten Adern eine Raserei der Lust tobte , wie ich sie in diesem Grade nie gefühlt hatte . Mein Wille war völlig gefangen während dieser Begebenheiten . Mardochai blieb mein Begleiter oder vielmehr Führer in der darauf folgenden Nacht , aber die Trefflichkeit seines Mittels ward außer Zweifel gesetzt . Ich gesundete , und erst später erlag ich für immer der strafenden Rache der Natur . O , damals ahnte ich noch immer nicht , warum Mardochai so gehandelt hatte ! Die späteren Jahre erst ließen mich erkennen , daß ich Teilnehmer einer Rache geworden sei , wie sie nur ein zweitausendjähriger Haß und ein gleich langes Dulden der himmelschreiendsten Ungerechtigkeiten ausbrüten konnte . Allein jene Rache hatte auch einen Zweck , einen heiligen Zweck , der ebenfalls , bei mir wenigstens , erreicht wurde , obwol mein Handeln dafür der trotzigen , dummen Menge gegenüber nur von geringer Wirkung geblieben ist . Von diesem Zwecke zu reden , kommt jedoch nur dem zu , der für ihn keine Sünde scheute ! Die Zukunft wird auch diesen dereinst bekannt werden lassen . - - Mardochai sprach nicht mehr von dieser Geschichte , denn seine Ruhe ist gleich mächtig in ihrer Consequenz , als der Haß unaustilgbar , den er in sich nährt und dessen Befriedigung seine eigenste Religion zu sein scheint . Mardochai ist entsetzlich , aber doch ein großer Mensch ! Denn er steht als strafender Rachegott auf für sein Volk , treu seiner Lehre , die in Gott ja nur einen starken , eifrigen Gott erkennt . Obwol ich Mardochai ' s Opfer geworden bin , ahne ich doch in ihm den reinen Menschen und weiß ihn zu sondern von dem Henker , wozu ihn das Jahrhundert berufen hat in der Nothwendigkeit seiner läuternden Auswüchse . - Es vergingen einige Tage und Mardochai ließ sich nirgends blicken . In mir stritten sich Ingrimm , eine lächerliche Verzweifelung und entschiedener Hohn gegen Alles , was bisher der Gewohnheit lieb und werth gewesen war , um den Besitz meines Herzens . Des Juden ausgesuchte diabolische Rache an dem Heiligsten , was unser Glaube geboren hat , schreckte mich auf aus dem Traume geistiger Vernichtung . Ich wollte den Schrecklichen meiden , aber ich hatte weder die Kraft , ihm zu fluchen , noch den Muth , zu behaupten , seine Handlungsweise sei die schandbarste , welche je geschehen unter der Sonne . Und dann - hatte er mich nicht gerettet , wieder hergestellt ? Ein neues Leben durchwärmte ja mein frierendes Nervenmark ! Ich fühlte mich ganz wieder Mensch , frei und stolz auf die Kraft einer vollen Männlichkeit . Es war ihm leicht , mich der niedrigsten Undankbarkeit zu beschuldigen , - sich als Retter , als großmüthiger Freund mir gegenüber hinzustellen ! Hätte nur der furchtbare Blick nicht noch immer meinen zerrissenen Herzenshimmel , wie ein blendender Blitz , zerspalten ! Ich zweifelte an der Rache des Juden und fand mich beruhigt , indem Gleichgiltigkeit bald den tiefern Eindruck verwischte . Als ich endlich Mardochai wieder sah , ging er gekleidet , wie am Tage der Entheiligung . Er trauerte und meldete mir ruhig , Eugenie , seine Geliebte , sei gestorben . Diese Nachricht erschütterte mich , obwol ich furchtbar drohend die Vergeltung auch hier die Fahne des Sieges schwingen sah . Mardochai zeigte sich von nun an immer auch in seinem Aeußern als Jude . Mich befremdete dies und ich forschte nach der Ursache . Mein zweideutiger Freund zuckte die Achseln und schwieg . Späterhin bemerkte ich , daß er mehr als früher mit seinen Glaubensgenossen umging . Er stand in vielfachen Verbindungen und mir schien es , als betreibe er neben seiner medicinischen Praxis noch ein Geschäft . Ich habe immer gefunden , daß Juden , wenn sie sich den Wissenschaften widmen , das Studium der Medicin erwählen . Der Grund davon ist leicht zu ermitteln . Als Arzt findet der Nichtchrist auch bei den Christen noch immer das sicherste Aus- und Unterkommen . Man vergißt über der Geschicklichkeit des zu Rathe Gezogenen den Makel des Bekenntnisses , den alle Aufklärung der Neuzeit noch immer nicht ganz zu tilgen vermocht hat . Dennoch wagt nicht jeder Ort und jede Bevölkerung , sich selbst zu diesem so beschränkt liberalen Standpunkte zu erheben . Ich habe Städte gekannt , in denen keine Familie , weder aus den höhern noch niedern Ständen sich je entschlossen haben würde , die Pflege der Gesundheit einem jüdischen Arzte anzuvertrauen . Die Tyrannei der Angst , die Geißel der Beschränktheit , sind kaum zu vernichten . Mardochai , bereits der Praxis sich hingebend , machte aus Stolz und geistiger Ueberlegenheit kein Geheimniß von seinem Judenthume , eher setzte er eine Ehre darein , gegenüber einer oft sehr bornirten Christenheit mit den Funken seines Geistes das Jämmerliche , dem Menschen so tief Herabwürdigende gewisser moralischer Maximen so stark zu beleuchten , daß sie am Ende in Asche aufgelöst niedersielen Weil er den Menschen in sich achtete und auch in Andern hervorsuchte , entzog man ihm die Gegenachtung . Viele zuckten die Achseln , wenn des geistreichen , scharfsinnigen Mardochai gedacht wurde und bedauerten , daß er ein so starrer Jude sei . Man muß anstehen , ihn in Gesellschaft zu bitten bei seinen Grundsätzen , sagte irgend ein Kirchenrath , denn der sonderbare Mann ist im Stande , laut zu gestehen , daß er Jude ist . Man kommt in Verlegenheit bei Umherreichen der Speisen und möchte jedesmal Waschwasser an der Tafel herumgehen lassen . Diese Stimmung ward bald allgemein . Die Weiber hatten zwar gern sein schneidendes und dabei doch galantes Wesen , allein den Juden konnten sie ihm nicht vergeben , weil er ihn nicht vergessen mochte . Mardochai sah sich außer Connexion gesetzt , eh ' er selbst noch daran dachte . Die Freisinnigsten , genugsam bekannt mit seiner Gesinnung , riethen ihm zum Uebertritt , fanden sich aber sarkastisch abgewiesen . Mein Stamm handelt mit allen Lumpen , die es auf Erden gibt , sagte er , mit seiner Religion aber hat er noch nie geschachert . Ein Jude wird Alles zu Gelde machen , weil er es muß . Er wird ein Hund sein , ist es seit Jahrhunderten gewesen und ist es noch , aber ein Schuft ist er nicht . Christen sind Apostaten geworden aus elendem Ehrgeiz , Geldsucht und andern Erbärmlichkeiten , ein wahrer Jude aber wird als Held sterben , wenn ihm Jemand den Antrag macht , entweder seiner Religion zu entsagen , oder des elendesten Todes zu verbleichen . Ich bin stolz auf meinen Stolz . Es war natürlich , daß diese Art , offen zu sein , nicht fördernd wirken konnte auf seine Carrière . Die Familien suchten sich ihm fern zu halten , man nahm Anstand , einen solchen Juden Blicke in das Hauswesen und Familienleben thun zu lassen , die Vertrauen voraussetzten , und um der unangenehmen Nothwendigkeit zu entgehen , schied man sich lieber ganz von dem Hartnäckigen und überließ ihn seinem Schicksal . Keiner seiner nähern Freunde würde irgend etwas davon erfahren haben , hätte nicht die plötzliche Aenderung in den äußeren Gewohnheiten auf eine Revolution im Innern Mardochai ' s hingedeutet . Nicht allein das Anlegen jüdischer Kleidung fiel auf , auch sein Vernachlässigen der Wissenschaft mußte befremden . Er machte Reisen , blieb Wochen lang fern , kehrte dann wieder , und setzte seinen Umgang mit mir , Casimir und Friedrich fort . Unser Forschen führte zu nichts . Das Schweigen Mardochai ' s blieb sich gleich , seine Gesinnung war unwandelbar , seine Ruhe tödtend . So oft ich auch noch mit ihm zusammentraf , immer vertheidigte er nur die Moral der Consequenz , nicht ihre Basis . Es kam ihm nie auf das Was ? an , sondern nur auf das Warum ? Und Mardochai war und blieb Jude , und wollte Jude sein , weil er Jude geboren war . Mit mir stand er fortwährend in engem Verkehr und zeigte nach jener Handlung der Rettung eine zärtliche Anhänglichkeit . Dabei aber unterließ er nie , in jedem Gespräch Gift in meine Seele zu träufeln und jeden Gedanken der Reinheit in mir zu verpesten . Er erklärte mir das jüdische Gesetz mit einer Schlauheit der Ruhe , versteckter Liebe und grimmigen Hasses , die Bewunderung verdiente . Ihm entging kein Zug der Schwäche in unserm Religionsbekenntniß , und so oft er nur einen leisen Zweifel in mir aufspürte , versäumte er gewiß nicht , ihn anzuschwellen zum Gebirge , das drückend meine Seele belastete . So stieß mich dieser böse Dämon des Christenthums immer tiefer in die Entsittlichung meiner selbst , angeblich um mich zur Erlösung der gesunkenen Religiosität zu stärken , eigentlich aber zum Kampf für die Emancipation der Juden zu treiben . - Casimir entschwand mir in dieser letzten Zeit des Zusammenlebens mit Mardochai aus dem Gesicht . Seine colossalen Sünden des Gedankens gegen die Zimperlichkeit des parfümirten Zeitalters trieben ihn fort in die Welt . Ich erhielt noch einige Briefe von ihm aus der Umgegend , den letztern aus H. , wo er sich eine Zeit lang aufhielt , und mir seinen Enschluß , nach Amerika zu gehen , meldete . Ich füge diesen hier bei , um einer spätern Zeit etwas von Urmenschlichkeit aufzubewahren , wenn sie längst keinen Begriff mehr davon haben wird . « H. am Tage der lutherischen Gedankenallianz gegen die päpstliche Heiligen .... cht 18 - Fromme Bestie ! » Ich habe meinen Leichnam begraben unter den Schuhsolenstaub unserer Ahnen . Diese Lage bekommt ihm gut und er conservirt sich sehr wohl , namentlich gefällt der Wildleder-Duft meiner Nase ganz ausnehmend . Sonst ist es sehr langweilig hier