bei den Pferden stand ein Bauer mit der Peitsche , den Arm über den Hals des einen Tiers gelegt . Neben ihm hielt sich eine Magd , auch einen Korb , mit schneeweißer Serviette überlegt , unter dem Arme . Ein Mann in weitem , braunem Oberrocke , dessen bedächtiger Gang und feierliches Antlitz ohne Widerspruch den Küster erkennen ließ , schritt mit Würde von dem Wagen dem Hause zu , stellte sich vor den Hofschulzen hin , lupfte den Hut und gab folgenden Reimspruch von sich : Wir sind allhier vor Eurem Tor , Der Küster und der Herr Pastor , Des Küsters Frau , die Magd daneben , Die Gift und Gabe zu erheben , So auf dem Oberhofe ruht ; Die Hühner , Ei ' r , die Käse gut . So sagt uns an , ob alles bereit , Was fällig wird zur Sommerszeit . Der Hofschulze hatte bei Anhörung dieses Spruchs den Hut tief abgenommen . Nach demselben ging er zum Wagen , verbeugte sich vor dem Geistlichen , half ihm in ehrerbietiger Stellung herunter und blieb dann mit ihm seitwärts stehen , mancherlei Reden wechselnd , welche der Jäger nicht hören konnte , während die Frau mit dem Korbe auch abstieg und sich nebst dem Küster , dem Bauer und der Magd wie zu einem Zuge hinter jenen beiden Hauptpersonen aufstellte . Der Jäger ging , um den Zusammenhang dieses Auftritts zu erfahren , hinunter , sah im Flur weißen Sand gestreut , und die daranstoßende beste Stube mit grünen Zweigen geschmückt . Die Tochter saß darin , ebenfalls sonntäglich geputzt , und spann , als wolle sie noch heute ein ganzes Stück Garn liefern . Sie sah hochrot aus und blickte von ihrem Faden nicht auf . Er ging in das Zimmer und wollte eben bei ihr Erkundigung einziehen , als schon der Zug der Fremden mit dem Hofschulzen die Schwelle vom Flure aus betrat . Voran ging der Geistliche , hinter ihm der Küster , dann der Bauer , dann die Küsterfrau , dann die Magd , zuletzt der Hofschulze ; alle einzeln und ungepaart . Der Geistliche trat auf die spinnende Tochter , welche noch immer nicht emporsah , zu , bot ihr freundlichen Gruß und sagte : » So recht , Jungfer Hofschulze , wenn die Braut noch so fleißig ihr Rädchen dreht , da kann sich der Liebste volle Kisten und Kasten erwarten und verhoffen . Wann soll denn die Hochzeit sein ? « - » Auf Donnerstag über acht Tage , Herr Diakonus , wenn es erlaubt ist « , versetzte die Braut , wurde womöglich noch röter , als zuvor , küßte dem Geistlichen , welcher noch ein jüngerer Mann war , demütig die Hand , nahm ihm Hut und Stock ab und reichte ihm zum Willkomm einen Erfrischungstrunk . Die andern , nachdem sie Reihe herum die Braut ebenfalls mit Handschlag und Glückwunsch bedacht hatten und durch einen Trunk erquickt worden waren , verließen die Stube und gingen auf den Flur , der Geistliche aber unterhielt sich mit dem Hofschulzen , der beständig seinen Hut in der Hand , in ehrerbietiger Stellung vor ihm stand , über Gemeindeangelegenheiten . Gern hätte der junge Jäger , welcher , von den übrigen unbeachtet , aus einer Ecke der Stube den Auftritt mitangesehen hatte , schon früher den Geistlichen begrüßt , wenn es ihm nicht unbescheiden vorgekommen wäre , die Anreden und Antworten der Fremden und Hofesgenossen , welche trotz der bäuerlichen Szene etwas Diplomatisches hatten , zu stören . Denn in dem Diakonus war von ihm mit Erstaunen und Freude ein ehemaliger akademischer Bekannter wiedergefunden worden . Jetzt verließ der Hofschulze auf einen Augenblick das Zimmer und nun ging der Jäger zum Diakonus , ihn bei seinem Namen begrüßend . Der Geistliche stutzte , fuhr mit der Hand über die Augen , erkannte jedoch auch den andern sogleich wieder und freute sich nicht weniger , ihn zu sehen . » Aber « - fügte er den ersten Grußworten hinzu - » jetzt und hier ist keine Zeit zur Unterhaltung , kommen Sie nachher mit , wenn ich vom Hofe abfahre , dann wollen wir zusammen plaudern ; hier bin ich ein öffentlicher Charakter und stehe unter dem Banne des gebietendsten Zeremoniells . Wir dürfen voneinander keine Notiz nehmen , fügen auch Sie sich passiv dem Ritual ; vor allen Dingen , lachen Sie über nichts , was Sie sehen , das würde die guten Leute auf das höchste beleidigen . Und diese alten , festen Sitten , so seltsam sie aussehen mögen , haben doch auch immer ihr Ehrwürdiges . « - » Sorgen Sie nicht « , versetzte der Jäger , » aber ich möchte doch wissen ... « - » Alles nachher ! « flüsterte der Geistliche , nach der Türe blickend , durch welche soeben der Hofschulze wieder hereinkam . Er trat vor dem Jäger , wie vor einem Fremden , zurück . Der Hofschulze und seine Tochter trugen die Speisen auf dem Tische , welcher in dieser Stube gedeckt stand , selbst auf . Da kam eine Hühnersuppe , eine Schüssel grüner Bohnen mit einer langen Mettwurst , Schweinsbraten mit Pflaumen , Butter , Brot und Käse , wozu eine Flasche Wein gestellt wurde . Alles dies wurde zu gleicher Zeit auf den Tisch gestellt . Der Bauer war von den Pferden ebenfalls hereingekommen . Als alles stand und dampfte , lud der Hofschulze den Diakonus höflich ein , es sich gefallen zu lassen . Es war nur für zwei Personen dort gedeckt ; der Geistliche , nachdem er ein Tischgebet gesprochen , setzte sich und etwas von ihm entfernt der Bauer . » Esse ich hier nicht mit ? « fragte der Jäger . » Ei behüte « , antwortete der Hofschulze , und die Braut sah ihn verwundert von der Seite an . - » Hier ißt bloß der Herr Diakonus und der Kolonus , Sie setzen sich draußen bei dem Küster zu Tische . « Der Jäger ging in ein anderes , gegenüberliegendes Zimmer , nachdem er noch zu seiner Verwunderung bemerkt hatte , daß der Hofschulze und seine Tochter auch die Bedienung jenes ersten und vornehmsten Tisches selbst übernahmen . In dem andern Zimmer traf er den Küster , die Küsterin und die Magd um den dort gedeckten Tisch stehen , und , wie es schien , mit Ungeduld ihres vierten Genossen warten . Auch auf diesem Tische dampfte dieselbe Speise , wie auf der Pastorstafel nur fehlte Butter und Käse , auch zeigte sich dort statt des Weines Bier . Mit Würde trat der Küster an den Oberplatz und ließ , die Augen in den Schüsseln , abermals folgenden Spruch vernehmen : Alles , was da fleucht und kreucht auf der Erden , Ließ Gott der Herr für den Menschen erschaffen werden ; Hühnersuppe , Bohnen , Wurst , Schweinsbraten , Pflaumen sind allerwegen Gottesgaben , gib , o Herr , dazu uns deinen Segen ! Worauf die Gesellschaft Platz nahm , der Küster obenan . Dieser wurde von seiner Gravität nicht verlassen , wie die Küsterin nicht von ihrem Korbe , den sie dicht neben sich hinstellte . Dagegen hatte die Pastorsmagd den ihrigen anspruchslos beiseite gesetzt . Bei dem Mahle , welches aus wahren Bergen auf den Schüsseln bestand , wurde kein Wort gesprochen ; der Küster verschlang in ernster Haltung ungeheuer zu nennende Portionen , und die Frau blieb wenig hinter dem Manne zurück ; am bescheidensten zeigte sich in diesem Punkte auch wieder die Magd . Was den Jäger betrifft , so beschränkte er sich fast nur auf das Zusehen ; das heutige Zeremonialessen war nicht nach seinem Geschmack . Nach beendigtem Mahle sagte der Küster zu den beiden Mägden , welche diesen Tisch bedient hatten , feierlich schmunzelnd : » Jetzt wollen wir denn , geliebt es Gott , die allhier erfallende Gebühr und den guten Willen in Empfang nehmen . « Die Mägde hatten vorher schon den Tisch abgeräumt und gingen jetzt hinaus , der Küster aber setzte sich auf einen Stuhl mitten in der Stube , die beiden Frauenspersonen , die Küsterin und die Magd , setzten sich ihm rechts und links zur Seite , vor sich die neugeöffneten Körbe . Nachdem die Erwartung , welche diese drei ausdrückten , einige Minuten gedauert hatte , traten die beiden Mägde , begleitet von ihrem Herrn , dem Hofschulzen , wieder ein . Die erste trug einen Korb mit weitläuftigem Flechtwerk oben , in welchem Hühner ängstlich gackerten und mit den Flügeln plusterten . Sie stellte ihn vor den Küster hin und dieser sagte , hineinschauend und nachzählend : » Eins , zwei , drei , vier , fünf , sechs ; es ist ganz richtig . « Darauf zählte die zweite Magd aus einem großen Tuche ein Schock Eier in den Korb der Pastorsmagd , und sechs Stück runder Käse , nicht ohne genaues Nachzählen des Küsters . Dieser sagte , als es geschehen war ; » So , nunmehro hätten der Herr Diakonus das Ihrige ; jetzunder käme der Küster . « - Ihm wurden in den Korb seiner Ehehälfte dreizehn Eier und ein Käse zugeteilt . Sie prüfte jedes Ei durch Schütteln und Geruch , ob es auch frisch sei , und merzte zwei aus . Nach diesen Verhandlungen erhob sich der Küster und sprach zum Hofschulzen : » Wie ist es , Herr Hofschulze , von wegen des zweiten Käses , welchen Küsterei annoch vom Hofe zu gewärtigen hat ? « - » Ihr wißt selbst , Küster , daß der zweite Käse vom Oberhofe nimmer anerkannt worden ist « , versetzte der Hofschulze . » Dieser angebliche zweite Käse ruhte auf dem Baumannserbe , welches vor hundert und mehreren Jahren mit dem Oberhofe in einer Hand vereinigt war . Hernachmalen ist die Trennung wieder eingetreten , und es haftet demnach hier auf dem Hofe nur ein Käse . « Über des Küsters rotbräunliches Gesicht hatten sich die stärksten Falten gelagert , welche dasselbe nur aufzutreiben vermögend gewesen war , und zerlegten es in mehrere bedenkliche Abschnitte von viereckter , rundlichter , winklichter Gestalt . Er sprach : » Wo ist das Baumannserbe ? Zersplittert und zerspellt wurde es in den unruhigen Zeitläuften . Soll Küsterei darunter leiden ? Dem sei nicht so . Jedennoch , unter ausdrücklichem Vorbehalt aller und jeder Rechtszuständigkeiten wegen des seit hundert und mehreren Jahren strittigen , vom Oberhofe erfallenden zweiten Käses , empfange ich und nehme ich hiemit an auch den einen Käse . Sonach wäre die Zinsgebühr an Pastor und Küster abgestattet , und es käme nunmehr der gute Wille . « Dieser bestand in frischgebackenen Rollkuchen , wovon sechs in den Pastorskorb und zwei in den des Küsters gelegt wurden . Hiemit war das ganze Empfangsgeschäft beendigt . Der Küster trat dem Hofschulzen näher und sagte folgenden dritten Spruch her : Die Hühner waren alle sechs richtig , Und die Käse alle vollwichtig ; Die Eier sind befunden worden frisch , Und was sich gebührte , stand auf dem Tisch . Deshalb der Herr Euren Hof bewahr ' Vor Hungersnot und Feuersgefahr ! Bei Gott und Menschen ist beliebt , Wer Gift und Gaben richtig gibt . Der Schulze machte darauf eine dankende Verbeugung . Die Küsterin und die Magd trugen die Körbe hinaus und packten sie auf den Wagen . Zu gleicher Zeit sah der Jäger , daß die eine Hofesmagd aus dem Zimmer , worin der Geistliche gespeist hatte , Schüsseln und Teller auf den Flur trug , und sie , indem jener auf die Schwelle des Zimmers trat , vor seinen Augen wusch . Nachdem sie diese Reinigung verrichtet , näherte sie sich dem Geistlichen , er holte aus einem Papiere eine kleine Münze und gab sie ihr . Der Küster ließ sich indessen den Kaffee schmecken , und da auch für den Jäger eine Tasse hingestellt worden war , so setzte sich dieser zu ihm . » Ich bin hier fremd « , sagte der junge Mann , » und verstehe zum Teil die Gebräuche nicht , welche ich heute gesehen habe ; wollen Sie mir dieselben nicht erklären , Herr Küster ? Ist es eine Verpflichtung , daß die Bauern den Herrn Diakonus in Naturalien unterhalten müssen ? « » Verpflichtung in betreff der Hühner , Eier und Käse , nicht der Rollkuchen , welche der gute Wille sind , jedoch auch jederzeit unverweigerlich abgestattet werden « , erwiderte der Küster höchst ernsthaft . » Zum Diakonat oder zur Oberpfarre in der Stadt sind drei Bauerschaften als Filiale eingepfarrt , und ein Teil der Pfarr- und Küstereieinkünfte bestehet in der Zinsgebühr , welche von den einzelnen Hofesstellen alljährlich erfället . Diese nun , wie sie überall seit undenklichen Zeiten feststeht , einzusammeln , halten wir per Jahr zwei Gänge , oder Fahrten , nämlich die gegenwärtige Sommer- oder kleine Fahrt , und dann die Winter- oder große Fahrt , kurz nach Advent . Bei der Sommerfahrt erfallen die Zinshühner , die Zinseier und Zinskäse , an dem einen Hofe so viel , an dem andern so viel ; erstere Rubrik , nämlich die der Hühner , erfället jedoch nur pro Diaconatu , Küsterei hat sich mit Eiern und Käsen zu begnügen . - Im Winter erfallen die Kornzinsen an Gerste , Hafer und Roggen ; da kommen wir mit zwei Karren , weil eine die Säcke nicht zu fassen vermöglich wäre . So halten wir denn zweimal per Jahr die Rundfahrt durch die drei Bauerschaften . « » Und wohin geht die Reise von hier ? « fragte der Jäger . » Directe nach Hause « , versetzte der Küster , knöpfte seinen Oberrock los und zog ein Federkissen hervor , welches er , ungeachtet der warmen Witterung zum Schutze seines Magens aufgelegt hatte . Nunmehr aber , nach der starken Mahlzeit mochte ihm dasselbe doch beschwerlich fallen . - » Gegenwärtige Bauerschaft ist die letzte , und gegenwärtiger Oberhof der letzte Hof in selbiger , auf welchem denn auch das herkömmliche Zinsessen vor sich geht « , sagte er . Der Jäger bemerkte , daß , wie es ihm vorgekommen , in der Mahlzeit , bei den Begrüßungen , bei der Empfangnahme der Lebensmittel , ja sogar bei dem Waschen der Teller und Schüsseln eine vorherbestimmte Ordnung geherrscht habe , worauf sich der würdige Küster , wie folgt , weiter vernehmen ließ : » Allerdings ; in jeglichem bei diesen Zinsfahrten ist eine Observanz und ein striktes Recht , von welchem nicht abgewichen werden darf . Morgens um sechs Uhr rücken wir aus der Stadt aus , der Herr Diakonus , ich , meine Frau und die Pastorsmagd . Vom Reymannskotten wird , jedoch auf höfliches Suchen und Erbitten , die Karre gestellt , welche das liebe Gut lädt , und der Kolonus geht mit und verläßt den Herrn Diakonus nun und nimmer , setzt sich auch , wie Sie gesehen haben , einzig und allein mit ihm zu Tisch . Den ersten Hühnerkorb nahmen wir aus der Stadt mit , da dieser aber bei dem ersten Hofe schon voll wird , so leihet nunmehr letzterer einen neuen für den zweiten , und so fort bis hieher . Der Kolonus füttert hier seine Pferde mit einem Scheffel Hafer , der vom Balstrup erhoben und mitgenommen worden ist , und die Magd , welche die Teller und Schüsseln vor den Augen des Herrn Diakonus wieder rein waschen muß , erhält dafür ihre drei und einen halben Stüber , gleichfalls heute zu diesem Zweck und Ende erfallen und empfangen auf dem kleinen Beek , Bauerschaft Branstedde . « » Und die Sprüche , die Sie so laut und vernehmlich vortrugen , Herr Küster , rühren diese auch von alters her ? « fragte der Jäger . » Ja freilich « , versetzte der Küster . » Indessen « , fuhr er wohlgefällig fort , » habe ich einiges , was darin an die finstern Zeiten erinnerte , weggelassen oder verbessert , wie es sich für die Gegenwart schicken will . So lautet der Text in der Danksagungsrede eigentlich zum Schluß : Wenn ihr aber uns verkürzen wollen , So soll euch alle der Teufel holen , Und fehlt am Käs ' ein einzig Lot , So kriegt ihr gar die Schwerenot ! Diese unschicklichen Reime habe ich nach und nach eingehen lassen , indem ich Jahr für Jahr einen nach dem andern bei mir behielt , oder so tat , als ob ich den Husten dabei kriegte , und was dergleichen Anschläge mehr waren , denn mit den Bauern muß man freilich bei allen Neuerungen langsam zu Werke gehen . Es hat doch Widerspruch abgesetzt , und einige von den Dorfmicheln wollen durchaus diese Grobheiten nicht fahren lassen , weil sie sagen , daß selbige einmal dazugehören . Sie entrichten die Zinsgebühr nicht , wenn ich ihnen den Teufel und die Schwerenot nicht anwünsche ; der Hofschulze ist darin vernünftiger . « Der Küster wurde abgerufen , denn die Karre war angespannt , und der Geistliche nahm von dem Hofschulzen und seiner Tochter , die jetzt ebenso ehrerbietig und freundlich vor ihm standen , wie bei allen übrigen Verhandlungen dieses Tages , mit herzlichen Händedrücken und Worten Abschied . Nun schwankte der Zug einen andern Weg , als den er gekommen war , zwischen Kornfeldern und hohen Wallhecken fort . Der Kolonus mit der Peitsche vor seinen Pferden , die Karre langsam hinterdrein bewegt , auf ihr jetzt außer den beiden Frauenspersonen der Küster sitzend zwischen den Körben , und der Fürsorge wegen wieder das Federkissen vor die Magengegend gestopft . Der Jäger hatte sich bei der Abfahrt bescheidentlich zurückgehalten , war aber , als die Zinskarre sich eine Strecke weit entfernt hatte , mit raschen Sprüngen nachgeeilt , und fand den Diakonus , welcher ebenfalls hinter seinem eingesammelten Gute zurückgeblieben war , auf einem anmutigen Baumplatze schon seiner harren . Hier , frei vom Zeremoniell des Oberhofes , umarmten sie einander , und der Diakonus rief lachend : » Das hätten Sie wohl nicht gedacht , in Ihrem ehemaligen Bekannten , der in jener großen Stadt seinen jungen schwäbischen Grafen so säuberlich auf dem schlüpfrigen Boden der Wissenschaft und des eleganten Lebens umherführte , eine Figur wiederzufinden , welche Sie an Ehr ' n Lopez in dem Spanischen Pfarrer von Fletcher erinnern muß ? « » Ihr Küster ist , wenn auch kein lustiger Diego , doch ein ganzer Mann « , versetzte der Jäger . » Er hat mir wie ein wahrer Zeremonienmeister der Zinspflicht das ganze Ritual ausgelegt , und sich bei dem Empfangen , Verwahren und Spruchsprechen mit solcher Würde und Klugheit benommen , daß ich ihn jedem bevollmächtigten Minister , welcher eine verwickelte Angelegenheit seines Hofes zu schlichten hat , als Muster empfehlen möchte . « » Ja « , sagte der Geistliche , » das ist heute sein Ehrentag , auf den er sich schon sechs Wochen vorher freut . Überhaupt gibt es unter den Küstern noch viele komische Figuren , welche sonst so sehr jetzt abnehmen . Das beständige Anhören hoher und erbaulicher Worte von ihrem Standpunkte der Dienstbarkeit dabei , das Läuten , das Ansagen der Geburten und Sterbfälle gibt ihrem Wesen einen wundersamen Schwung , mit welchem nun wieder ihr glücklicher Appetit , oder besser zu sagen , ihre maßlose Freßgier seltsam kontrastiert . Denn da sie zu Hause nicht viel zu beißen und zu brechen haben , so versorgen sie sich auf Kindtaufen , Hochzeiten und Leichenschmäusen für ganze Wochen , und verschlingen die außerordentlichsten Portionen , aber immer mit einem Anstriche von Salbung , und nicht selten die hellen Tränen der Mitfreude oder Mittrauer in den Augen . Der meinige hat nun zu allen diesen Standeseigenschaften noch den Privatcharakter der Feigheit ; er ist ein ausgemachter Poltron und ich habe mit ihm auf einsamen nächtlichen Wanderungen zu Kranken oder Sterbenden schon die lustigsten Szenen erlebt . Doch lassen wir den Küster und seine Narrheiten . Was die Prozedur betrifft , welcher Sie heute beiwohnten , so ist es unumgänglich notwendig , daß ich mich ihr in Person unterziehe ; mein ganzes Verhältnis zu den Leuten wäre gebrochen , wenn ich zu ekel wäre , die alte Sitte mitzumachen . Mein Vorgänger im Amte , der nicht aus hiesiger Gegend war , schämte sich der terminierenden Fahrten , und wollte schlechterdings nichts damit zu tun haben . Was war die Folge davon ? Er geriet in die übelsten Zwistigkeiten mit diesen Landgemeinen , welche selbst auf den Verfall des Kirchlichen und des Schulwesens Einfluß hatten . Zuletzt mußte er gar um seine Versetzung einkommen und ich nahm mir gleich vor , als ich die Pfarre erhielt , in allen Dingen mich nach Ortsgebrauch zu verhalten . Hiebei habe ich mich denn bisher sehr wohl befunden , und weit gefehlt , daß der Schein der Abhängigkeit , welchen mir diese Fahrten geben , meinem Ansehen schaden sollte ; es wird vielmehr dadurch erhöht und befestiget . « » Wie sollte es auch anders sein ! « rief der Jäger . » Ich muß Ihnen gestehen , daß bei dem ganzen Einhergange , ungeachtet alles Komischen , was Ihr Küster darüber auszubreiten wußte , mich ein Gefühl der Rührung nicht verließ . Ich sah in diesem Empfangen der einfachsten leiblichen Gaben einerseits , und in der Ehrfurcht , womit sie anderseits dargeboten wurden , gewissermaßen das frömmste , schlichteste Bild der Kirche , welche zu ihrem Bestande des täglichen Brotes nötig hat , und das Bild der Glaubigen , welche ihr das irdische Bedürfnis in der demütigen Überzeugung , daß sie damit sich ein Höchstes und Ewiges erhalten , darreichen , so daß weder auf der einen noch auf der andern Seite eine Knechtschaft , vielmehr bei beiden nur die Innigkeit des vollkommensten Wechselbezuges entsteht . « » Es freut mich « , rief der Diakonus , und drückte dem Jäger die Hand , » daß Sie die Sache so ansehen , über welche vielleicht ein anderer gespöttelt haben würde , daher es mir , wie ich Ihnen nun gestehen darf , im ersten Augenblicke auch gar nicht recht war , in Ihnen unvermutet einen Zeugen jener Szenen zu finden . « » Gott bewahre mich , daß ich über etwas , was ich in diesem Lande gesehen , spöttelte ! « versetzte der Jäger . » Ich freue mich jetzt , daß mich ein toller Streich zwischen diese Wälder und Felder geschleudert hat , denn sonst würde ich die Gegend wohl nicht kennengelernt haben , da sie auswärts wenig in Ruf steht , und in der Tat auch nichts Anziehendes für abgespannte und überreizte Touristen haben kann . Aber mich hat hier die Empfindung stärker , als selbst in meiner Heimat angefaßt : Das ist der Boden , den seit mehr als tausend Jahren ein unvermischter Stamm trat ! Und die Idee des unsterblichen Volkes wehte mir im Rauschen dieser Eichen und des uns umwallenden Fruchtsegens fast greiflich möchte ich sagen , entgegen . « Es ergaben sich aus dieser Äußerung Reden zwischen dem Diakonus und dem Jäger , welche beide führten , indem sie der Karre langsam folgten . Zehntes Kapitel Von dem Volke und von den höheren Ständen » Das unsterbliche Volk ! « rief der Diakonus . » Ja , dieser Ausdruck besagt das Richtige . Ich versichere Ihnen , mir wird allemal groß zumute , wenn ich der unabschwächbaren Erinnerungskraft , der nicht zu verwüstenden Gutmütigkeit und des geburtenreichen Vermögens denke , wodurch unser Volk sich von jeher erhalten und hergestellt hat . Rede ich aber von dem Volke in dieser Beziehung , so meine ich damit die besten unter den freien Bürgern und den ehrwürdigen , tätigen , wissenden , arbeitsamen Mittelstand . Diese also meine ich , und niemand anders vorderhand . Aus ihnen aber , und aus dieser ganzen Masse haucht es mich wie der Duft der aufgerißnen schwarzen Ackerscholle im Frühling an , und ich empfinde die Hoffnung ewigen Keimens , Wachsens , Gedeihens aus dem dunkeln , segenbrütenden Schoße . In ihm gebiert sich immer neu der wahre Ruhm , die Macht und die Herrlichkeit der Nation , die es ja nur ist durch ihre Sitte , durch den Hort ihres Gedankens und ihrer Kunst , und dann durch den sprungweise hervortretenden Heldenmut , wenn die Dinge einmal wieder an den abschüssigen Rand des Verderbens getrieben worden sind . Dieses Volk findet , wie ein Wunderkind , beständig Perlen und Edelsteine , aber es achtet ihrer nicht , sondern verbleibt bei seiner genügsamen Armut , dieses Volk ist ein Riese , welcher an dem seidenen Fädchen eines guten Wortes sich leiten läßt , es ist tiefsinnig , unschuldig , treu , tapfer , und hat alle diese Tugenden sich bewahrt unter Umständen , welche andere Völker oberflächlich , frech , treulos , feige gemacht haben . Ich werde nicht , wie Levaillant die Tugenden der Hottentotten auf Kosten der europäischen Zivilisation herausstrich , den Lobredner idyllischer Rustizität und kleinbürgerlicher Enge machen , ich fühle sehr wohl , daß uns allen durch den Umschwung der Zeiten die Neigung zu glänzenden , geschmackvollen Dingen , zu einer Art von Aristokratie des Daseins mitangeboren ist , welche außerhalb der Mittelverhältnisse liegt , und von der wir uns , ohne an der Natürlichkeit unseres Wesens Einbuße zu leiden , nicht losmachen können , aber ich muß doch folgendes aus meiner eigenen Geschichte hier anführen . Ich war , da ich jenen jungen Vornehmen zu führen hatte , während ich noch selbst der Führung gar sehr bedürftig war , unter allen den geistreichen , eleganten , schillernden und schimmernden Gestalten der Kreise , die mir durch mein damaliges Amt zugewiesen waren , ebenso geistreich , halbiert , kritisch und ironisch geworden , wie viele ; genial in meinen Ansprüchen , wenn auch nicht in dem , was ich leistete , unbefriedigt von irgend etwas Vorkommendem , und immer in eine blaue Weite strebend ; kurz ich war dem schlimmeren Teile meines Wesens zufolge , ein Neuer , hatte Weltschmerz , wünschte eine andere Bibel , ein anderes Christentum , einen andern Staat , eine andere Familie , und mich selbst anders mit Haut und Haar . Mit einem Worte , ich war auf dem Wege zum Tollhaus , oder zur insipidesten Philisterei ; denn diese beiden Ziele liegen meistens vor den Füßen der modernen Wanderer . Und da bin ich denn doch erst hier zwischen den wunderlichen aber achtbaren Originalen meiner Mittelstadt und unter diesen ländlichen Wehrfestern wieder zu mir selbst gekommen , habe Posto gefaßt , den Schaum der Zeit von mir weichen sehen und Mut bekommen , mir ein liebes häusliches Verhältnis zu gründen . Denn in dem Volke sind die Grundbezüge der Menschheit noch wach , da ist das richtige Verhältnis der Geschlechter noch fest ausgeprägt , da gilt das Geschwätz noch nichts , sondern das Gewerbe und der Beruf , den jeder hat , da folgt der Arbeit in gemessener Ordnung die Ruhe , da ist von den Vergnügungen das Vergnügen noch nicht verbannt . Hören Sie den Jubel in der Stadt oder auf dem Lande bei sonntäglichen Tänzen , bei Hochzeiten und Scheibenschießen , und urteilen Sie , ob der Spaß so bald in der Welt aussterben wird , wie die grämlichen Jünglinge der Gegenwart meinen ? Es gibt Müßiggänger , schlechte Ehen und böse Weiber auch hier in Stadt und Land , aber sie heißen bei ihren und nicht bei vornehm umgebogenen Namen . Jene Mischungen von Langeweile und Begeisterung endlich , wie sie mir einst ein Freund treffend nannte , aus denen in den sublimierten Kreisen der Gesellschaft manches Perverse hervorgeht , und aus deren einer derselbe Freund auch die blutige Tat der armen , schönen , bejammernswerten Frau ableitete , deren Unglück darin bestand , einen mittelmäßigen Dichter und großen Selbstling geheiratet zu haben , liegen dem Volke ganz fern . Das ganze potenzierte und destillierte Genre , der Hermaphroditismus des Geistes und Gemütes , welchen die Muße eines langen Friedens hie und da erzeugt hat , wird dem Stock und Stamm der Gemeinschaft immer fremd bleiben . In dieser orthopädischen Anstalt gerader und normaler Verhältnisse legten sich denn meine etwas verbogenen Glieder auch wieder zurecht . Freilich muß man in der Stille und Abgeschiedenheit von den brausenden Strömungen der Gegenwart auf sich wachen , denn die Gefahr des Verbauerns steht auch nahe , indessen noch hange ich durch stille aber feste Fäden mit dem Weltganzen zusammen , nur mit dem Unterschiede , daß sie sich jetzt bloß um die Gegenstände schlingen , zu denen mich ein geistiges Bedürfnis hinweist , während ich mir früher manches geistige Bedürfnis , wie es so manche unserer Zeitgenossen machen , einzubilden wußte . « Der Jäger ging nach dieser Rede des Diakonus schweigend und mit gesenktem Haupte neben ihm her . » Was ist Ihnen ? « fragte sein Bekannter nach einer Pause . » Ach « , sagte jener , » Ihr Bild vom deutschen Volke ist wahr , und es macht mich nur traurig , daß teilweise über dieser Grundfläche ein so wenig entsprechender Gipfel steht . Dieses tüchtige Volk würde bei weitem mehr ausrichten , es würde weit entschiedener Front machen , wenn in den höheren Ständen eine gleiche Tüchtigkeit lebte ! Schlimm , daß ich , ich selbst sagen muß : Dem ist nicht so . « » Leider « , erwiderte der Diakonus , » sind unsre höheren Stände hinter dem Volke zurückgeblieben , um es kurz und deutlich auszusprechen . Daß es viele höchst ehrenwerte Ausnahmen von dieser Regel gebe , wer wollte es leugnen ? Sie befestigen aber eben nur die Regel . Der Stand als Stand hat sich nicht in die Wogen der Bewegung , die mit Lessing begann und eine grenzenlose Erweiterung des gesamten deutschen Denkens , Wissens und Dichtens herbeiführte , getaucht . Statt daß vornehme Personen geboren sind ,