, entgegen , winkt und dreht dabei mit den Händen und Augen noch so wunderlich - « » Ja , recht absonderlich « , rief jetzt die Äbtissin . » Ich hätte , wenn ich es nicht erlebte , dergleichen niemals für möglich gehalten . « » Was hat sich der Mann nur dabei gedacht « , sagte die Mutter , » den wir immer so freundlich aufgenommen haben ? « » Verehrte « , sagte jetzt Elsheim etwas ungeduldig , » fern sei es von mir , die Ungezogenheit des Barons auch nur irgend entschuldigen zu wollen ; die Roheit ist zu auffallend ; aber ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre , Ihr unbegreiflicher Argwohn wenigstens ist ganz ungegründet . Diese anstößigen gemeinen Worte sind in der Tat im Stück , sie sind so gedruckt , nur hat sie später der Verfasser selbst als unziemlich wieder weggestrichen . Höchst tadelnswert ist Mannlich , daß er die alte abgesetzte Leseart so willkürlich wieder aufgenommen hat . In den Proben ließ er sich nichts davon merken , daß er sie sprechen und wie sprechen würde . « » Und wie ! « wiederholte der Reichsgraf , » uns so starr dabei ansehen , so mit den Händen gegen uns fechten und wie ein Zahnbrecher schreien ! « » Also « , sagte die Äbtissin , » in dieser deutschen Tragédie findet sich wirklich diese ganz unzüchtige und obszöne Tirade ? Und ein solches Stück , Neveu , suchen Sie aus und studieren es ein ? Das also ist die neue deutsche Bildung und der jetzige Geschmack ? « » Es war Ihre Pflicht , Herr Baron « , sagte die Erlauchte mit starkem Ton , » uns davon in Kenntnis zu setzen , daß es eine Parade sei , die Sie uns zum besten geben wollten ; hätten wir dieses erfahren , so hätten wir uns gewiß nicht hieherbemüht ! « » Parade ? « nahm die Äbtissin das Wort auf ; » ungezogene und skandalöse Paraden wurden wohl früherhin auch in den Palästen der Herzoge von Orleans und Conti gespielt , aber , auf meine Ehre , niemals hörte man doch so pöbelhafte Grobheiten , die ohne Witz und Bedeutung bloß niederträchtig sind . « » Ich kann den Baron jetzt nicht und noch lange nicht wiedersehen « , sagte die Mutter ; » bedeute ihm nur dies , das bitte ich mir aus von dir , mein Sohn . Er hat mich und uns alle zu gröblich beleidigt . « » Und wir verlassen das Haus morgen mit dem frühesten « , sagte die Erlauchte . » Eine Art von Glück , daß das edle deutsche Schauspiel so endigen mußte , denn wer weiß , was uns nach diesem échantillon noch alles bevorstand . « Ohnerachtet der dringenden Bitten der Mutter wollten die Damen nicht länger verweilen , weil man sie zu tief und schonungslos verletzt habe , und der Reichsgraf , der durchaus ihren Zorn billigte und teilte , gab ihnen in allen ihren Beschwerden und Äußerungen recht . Auch die Mutter war so aufgebracht , daß sie sehr leicht dem Ersuchen der Äbtissin nachgab , sie alle nach der Residenz zu begleiten , wo sie wenigstens acht Tage hindurch in Konzerten , Opern , Schauspielen und Assembleen , wie in einem Gesundbrunnen , dieses ungeheure Erlebnis von sich abwaschen und die Verwundung des Herzens heilen wollten . Auf dem Theater , zu welchem Elsheim jetzt zurückkehrte , herrschte noch größere Verwirrung . Alle Mitspielenden hatten den Baron Mannlich bestürmt , gefragt , getadelt und gescholten , wie er sich so sehr habe vergessen können , auf so skandalöse Weise das Schauspiel zu beschließen , als wenn das letzte Epigramm gleichsam die moralische Nutzanwendung des ganzen Gedichtes hätte vorstellen sollen . Er wehrte sich , so gut er konnte , doch ließ man ihn nur wenig zu Worte , und da einige der Nebenpersonen , am meisten aber der husarische Schulmeister , mit etwas empfindlichen Vorstellungen in ihn drangen , der Graf Bitterfeld aber beinahe beleidigend wurde , so fürchtete Emmrich schon , daß er den Ausdruck des klassischen Dichters , oder wenigstens einen ähnlichen in seiner eignen Angelegenheit wiederholen möchte . Elsheim kam gerade zur rechten Zeit , um die streitenden Parteien , wenn auch nicht zu versöhnen , so doch einander näherzubringen . Er beruhigte also den zu ungestümen Schulmeister , lobte und beschwichtigte den eifernden Cadeten , der außer sich war , daß er seine schöne Rolle nicht hatte zu Ende spielen können , in welcher ihm noch Umarmung und herzlicher Kuß der vergötterten Adelheid bevorstanden , die er nicht so obenhin und nur andeutend zu spielen gedachte , wie es ihm in den Proben war vorgeschrieben worden . Die Damen , wie empfindlich sie auch natürlich waren , äußerten sich billiger , und so gelang es Elsheim und dem Professor Emmrich , die Sache nach und nach mehr in das Komische zu lenken . » Wie durft ich glauben « , rief Mannlich , nachdem es etwas ruhiger geworden war , » daß eine Tirade , freilich aus dem gemeinen Leben , aber doch aus der wirklichen Geschichte des treuherzigen Götz genommen , von unserm größten Dichter geweiht und geheiligt , ein solches Ärgernis erregen könnte . Ist die Ungezogenheit , oder Roheit , wenn wir es so nennen wollen , nicht ganz deutsch und bei uns national ? Der Franzose drückt sich anders aus , ebenso der Engländer und Spanier , und diese besitzen , soviel ich weiß , diesen oder einen ähnlichen Ausdruck des geringschätzenden Zornes gar nicht . Der Deutsche also zum Deutschen , der Rittersmann , der kein Hofmann sein will und darf , dieser sollte in einer altertümlichen Zeit , wo allerdings Roheit und Grobheit auch manchmal in besserer Gesellschaft herrschten , sich dieses Sprichwortes nicht bedienen dürfen ? « » Aber Satan von einem Menschen ! « rief Elsheim ungeduldig , » vor Damen , die am Hofe gelebt , die in Racines Tragödien gespielt haben ! Und die Stelle war ja doch gestrichen , du hast sie nie in der Probe gesagt . « » Ich wollte eben überraschen ! « rief ihm Mannlich entgegen ; » ich wollte diese nichtssagenden Striche der neuern Editionen zur alten , richtigen Lesart zurückführen . Diese Schattierung , diese Eigentümlichkeit ist nach meiner Überzeugung dem originellen Dichterwerke unentbehrlich . « Alle lachten , und Emmrich sagte : » Man hat mir erzählt , doch kann ich die Wahrheit der Anekdote nicht verbürgen , daß , als der großherzige Fürst von Weimar mit seinem Freunde Goethe auf einer Reise sich in Frankfurt aufhielt , sie in Sachsenhausen , wohin sie spaziert waren , von einem groben Sachsenhäuser , der sich mit den Nachbarn zankte , diesen nationalen Ausdruck , wie ihn der Baron nennt , vernahm . « Der Herzog sagte hierauf ganz ernsthaft zu Goethe : » Es muß dir doch wohltun , zu erleben , wie deine Dichtungen mit dem Volke verwachsen und in ihm Wurzel schlagen . Hast du gehört , wie dieser ganz gemeine Mann soeben eine Stelle aus deinen Werken zitiert hat ? « Die übrigen lachten , doch Mannlich blieb verdrüßlich und wurde es noch mehr , als er hörte , daß die Dame des Hauses sich für jetzt seine Besuche verbeten habe . Er ritt zornig fort und schwur , sich und seine Zeit niemals wieder für Freunde und für die Kunst aufzuopfern . Zweiter Teil Vierter Abschnitt Schon am frühen Morgen war alles im Schlosse lebendig . Die Herrschaften wollten eine starke Tagesreise machen , und deshalb brachen sie so zeitig auf . Noch beim Abschiede sagte die Mutter zu Elsheim : » Es kann sein , mein Sohn , daß ich zwei Wochen ausbleibe , um einmal wieder nach langer Zeit mit meiner Schwägerin zu leben und mich mit ihr zu verständigen . Auch bin ich es ihr und der Fürstin schuldig , deutlich zu zeigen , daß ich mit dieser deiner Extravaganz nicht einverstanden war . Wie die jetzige junge Welt denken mag , ist mir freilich unbekannt geblieben , aber wir müssen dir wenigstens so viel zeigen , daß man mit uns , der älteren Generation , welche bessere Zeiten gewohnt war , nicht so umgehen darf . « Elsheim kehrte verdrüßlich und verstimmt auf sein Zimmer zurück . So war das Fest geendigt . Die Erhebung des Gemütes , die Erneuung seiner Jugend , alles , worauf er sich seit Jahren gefreut , hatte nun eine solche Wendung genommen , die ihn demütigte und ihm alle Laune raubte . Er zürnte auf sich , daß er der Mutter darin nachgegeben hatte , diese übervornehmen und versteinerten Gäste einzuladen ; nicht minder aber auf jenen ältern Jugendgenossen , der ihnen allen aus barockem Eigensinn und pedantischer Roheit die Freude verdorben hatte . Dieser hatte sich erzürnt auf sein Gut begeben , indem er , der alle verletzt und beleidigt hatte , den Gekränkten spielte . Die Mutter , die in ihrer Verwandten und den hohen Gästen tief verletzt war , verließ in ihrem vorgerückten Alter ihre behagliche Wohnung , um jenen Hochfahrenden eine Art von Genugtuung zu geben . - Elsheim schloß sich ein und wollte wenigstens vor dem Mittagstische niemand sehen und sprechen . Der alte Joseph brachte dem jungen Tischler das Frühstück auf sein Zimmer , was nur selten geschehen war , aber jedesmal als ein Zeichen diente , daß der Baron auf irgendeine Weise abgehalten sei und allein sein wolle , oder schon im Freien umherwandle . Joseph war schon frisiert und im Frack , und die Spitzenmanschetten fielen länger über die dürren Hände hinunter , als an anderen Tagen . » Bei der frühen Abreise « , sagte er feierlich , » mußte ich mich schon beizeiten schmücken , weil ich mit eigenen Händen den Damen , sowie dem Herrn Reichsgrafen in ihre Wagen half . « » Ach ! bester Herr Professor « , sagte er nach einiger Zeit , » ich habe diese Nacht nicht viel schlafen können , denn ich habe viel weinen müssen . Glauben Sie mir nur , diese Begebenheit wird im ganzen Lande eine ungeheure Sensation machen . Die Herrschaften lassen es sich nicht ausreden , daß die abscheuliche Tirade allein auf sie gemünzt gewesen sei , und nun scheint es ihnen eine ausgemachte Sache , daß der Herr Baron Mannlich ein giftiger , eingefleischter Jakobiner sei , der durch dieses Motto oder diesen Unsitten-Spruch den ganzen Adel habe beschimpfen und erniedrigen wollen . Die skandalöse Anekdote kommt nun an den Höfen herum und wird sehr verschiedentlich ausgelegt werden . Zwar sind in unsern Jahren die Jakobiner völlig abgeschafft , und man will sagen , sie seien völlig eingegangen ; aber um so schlimmer , wenn man nun auf die Vermutung kommt , daß sie in unserer Familie ganz von neuem wieder aufschießen . Nein , dergleichen hätte unser junger lieber Herr vermeiden sollen . Ach , der alte selige Herr Vater ! Wenn er hätte voraussehen können , daß dergleichen hier in seinem alten ehrwürdigen Schlosse sich zutragen sollte ! Sehen Sie , lieber Herr Professor , das war so recht ein Mann nach dem Herzen Gottes . In seinen letzten Jahren wollten sie ihm nachsagen , er neige zu den Herrnhutern hin ; es war aber wohl nur , weil er über alles in der Welt Ruhe Anstand und Ordnung liebte . Still mußte es hergehen ; alles Geräusch war ihm fatal , außer es mußte denn unentbehrlich notwendig sein . Kein rauhes Wort wurde im ganzen Hause gehört , noch weniger Schimpfen und Fluchen ; das Gemeine , Triviale und Pöbelhafte war ihm in der innersten Seele verhaßt . So kam es denn , daß sich alle Dienstleute mehr oder minder nach ihm bildeten und figurierten , wie das wohl in allen Häusern geschieht , wo die Dienenden nicht oft gewechselt werden . Ich schwöre Ihnen beim Himmel , seit funfzig bis sechszig Jahren ist selbst im Stalle oder bei unsern Viehhirten jene liberale Sentenz nicht gehört worden , die der Herr Baron im Rittersaal , in Gegenwart der vornehmsten Damen , sich zu erlauben beliebten . Ich habe es oftmals bedenket und nachher auch bedacht und bin endlich überzeugt worden daß wir höchst traurigen Zeiten und Begebenheiten entgegengehen . Aber , was hilft ' s ? Der Himmel lenkt am Ende doch alles selbst mit eigner Hand . « Der Alte , gleich allen Dienern des Hauses , hatte großes Vertrauen : zu Leonhard , und deshalb hatte er sich auch während seiner langen Rede zu ihm gesetzt , was Leonhard sich schon vorlängst als ein Zeichen des Wohlwollens vom Alten erbeten hatte . » Ja « , fuhr er jetzt fort , » können Sie durch Ihren Einfluß unsern jungen Baron dahin stimmen , daß dergleichen nicht wieder geschieht , daß er von solchem neumodigen Treiben abläßt , so werden Sie sich einen Gotteslohn um ihn und uns alle verdienen . Er ist gut , aber er hat zu wenig vom seligen Herrn . Zwar wurden vor vielen vielen Jahren auch hier im Schloß einige kleine Proverbes gespielt , Hausherr und Gemahlin spielten auch selbst mit ; das war aber alles so fein und manierlich , daß es eine Lust war mit anzusehen , ja daß es beinahe zu einer Erbauung gereichen konnte . Ich habe es vielfach durchdenket und auch durchdacht , daß es ein großes Unglück für die Weltgeschichte ist , daß es in den damaligen Zuständen und Verfassungen nicht hat bleiben können ; das war alles sicher und begründet ; Sitten , Feste , Religion , Adel , Bürger , Handwerker , alles , was man nur nennen kann , hing , wie in einer gutgeordneten Bildergalerie , jedes in seinem schönen festen Rahmen ; zu jeder Gesinnung gab es im Katalog gleich Nummer und Erklärung . Aber jetzt ist die ganze Galerie durcheinandergeworfen , die Rahmen sind abgerissen , viele Bilder stehen auf dem Kopf , die besten sind umgekehrt an die Wand gelehnt , daß kein Mensch sie finden kann , und der Dummkopf und rohe ungebildete Mensch läßt sich nun von den Meisterwerken nicht mehr imponieren , er weiß sie nicht zu achten , weil die glänzenden Rahmen fehlen , und alles wie Kraut und Rüben durcheinanderliegt . « Leonhard ergötzte sich an diesem Geschwätz , und , um den Alten noch näher kennenzulernen , sagte er jetzt » Lieber Herr Haushofmeister , schon neulich wollte ich Sie darum befragen , aber wir wurden gestört - was machen Sie für einen Unterschied , wenn Sie sagen : Ich habe es gedenket und gedacht ? « » Haben Sie das bemerkt ? « sagte der Alte schmunzelnd und mit dem Ausdruck der liebenswürdigsten Freundlichkeit . » Werter Herr Professor , ich bin kein Gelehrter , Schriftsteller oder Sprachforscher , aber ich habe denn doch auch , wie der beste , meine eigenen Grillen und mir auf meinem Wege so manches herausgegrübelt . Wir gehen mit unserer lieben deutschen Sprache barbarisch um , machen nirgend Unterschiede , oder unterdrücken sie gar da , wo sie sich schon finden . Bedenken , Erdenken , Denken und bedenklich hängt genau zusammen ; die Sache ist noch nicht fertig , und darum sage ich : Ich bedenkete , es ist bedenket . Aber wenn es nun fertig ist und unwiderruflich , dann heißt es : Es ist bedacht . Merken Sie wohl ? Fertig ist es , und ein Dach darüber gegen Sturm und Regen , nun kann es nicht wieder verdorben werden . Ein Gedachtes , Bedachtes kann niemals wieder etwas Bedenkliches werden . So ist es auch mit unsern Reimen . Sie würden uns niemals wohlgefallen , die ganze Dichterei hätte sich niemals auf diesen Widerton und den angenehmen Gleichlaut begründen können , wenn nicht ein geheimer Zusammenhang in Klang und Gedank wäre , so wie in Ranken , Schwanken , Danken , Wanken , Gedanken , Erkranken , Sanken , Banken . « Leonhard lächelte und sagte : » Auch Gestank und Gedank reimt . « » Richtig « , fuhr der Alte fort , ohne sich irremachen zu lassen : » es läßt sich auch oft mit Gedanken so lange hantieren und wirrwarren , bis das an sich Richtige endlich zum Widerwärtigen ausschlägt . Das erleben wir ja alle Tage . « Leonhard war über den kleinen alten Mann in Verwunderung , dem er so viel Eigenheit und seltsame Philosophie nicht zugetraut hatte . Der Kammerdiener erriet seine Gedanken und sagte sehr freundlich , indem er in sein runzelvolles Gesicht noch mehr Falten hineinzog : » Ja , mein junger Herr Professor , wir haben so unser eigenes Wesen und mancherlei Vorstellungen . Man kann das Denken nicht immer unterlassen , wenn man auch sonst kein Wohlgefallen daran hat . Man ist oft allein , man ist krank , und Krankheit ist der allerbeste Schulmeister und auch so geduldig und so unermüdlich . Von jungen Leuten habe ich wohl manchmal gehört , wenn sie so die eigentliche Schulphilosophie studierten : Ja , unser Meister , sein Werk , sein System klärt uns doch über alles auf , über das ganze Leben , und es kann nichts vorkommen , was uns nach diesem herrlichen System nicht durchaus verständlich wäre . - Wissen Sie , wie mir das vorgekommen ist ? - Sehen Sie einmal die hübsche Fußdecke an , hier die vielen Vierecke , Rosetten , Bogen , Punkte ; wenn man so nachdenklich sitzt , so kann man sich alle diese Figuren bald in größere , bald in kleinere Verbindungen und Verhältnisse setzen . Nun mache ich ein Dreieck , jetzt ein Viereck , ein Achteck , einen Kreis , oder was ich will . Auch kreuzweis , rechts , links , oben , unten kann meine Phantasie eine regelmäßige Gestaltung herausschneiden , und immer paßt alles , und immer wieder wird etwas anderes daraus . Man kommt damit niemals zu Ende , wenn man sich Zeit dazu nehmen will . So kann man sich denn auch einbilden , alle möglichen Verhältnisse und Gestaltungen der Welt sind hier mit ihrem ganzen Verständnis niedergelegt und eingewirkt worden . Es ist , wenn man krankhaft gestimmt ist , kein unebenes Spielwerk . Man kann auch über dem Einmaleins ebenso schwärmen und alle Rätsel und alle Auflösungen derselben in diesen Zahlenverhältnissen sehen . Ja , aber dann wieder die echte Philosophie ! wie ich sie mir in meiner Unwissenheit vorstelle , so daß ich kein nachbetender Schüler werde , oder die Gestalten lege , die von selbst im Teppich in tausendfachen Verhältnissen sein müssen , wenn ihm geregelte Figuren eingewebt sind ; - sondern wahrhaft denken lernen - das Dunkel in mir hell , die aufdämmernden Lichter zu Gedanken machen , aus dem Denken und Bedenken zum Ge- und Bedachten kommen : - das muß freilich ganz etwas anderes sein ! « » Sie sind ein lieber , kluger Mann « , sagte Leonhard , » und geschickt . Ich habe Sie neulich belauscht , als Sie dort in Ihrem Zimmer so lustig und wohlgemut die Geige spielten . Auch das Talent hat mich überrascht , denn ich hatte früher noch nie etwas davon vermerkt . « » So ? « sagte der Alte lachend ; » ich treibe es auch nur für mich selber , zu meiner eignen Vergnüglichkeit . Zuhörer habe ich noch niemals gewünscht . Ja , Freundchen , diese liebe schöne Violine von Amati , und ein Buch , aus dem Spanischen in das Französische schon vor vielen Jahren übersetzt , machen meine Freude aus . Sie kennen die Geschichte wohl , sie heißt Don Quichotte , und mag im Spanischen wohl noch lieblicher sein . Ach , Mann ! in dem herrlichen Buche finde ich für mich alles mögliche erklärt und abgehandelt ; aller Aufschluß des Lebens liegt vor mir da , hell und klar und auf die lieblichste Weise in Schmerz und Ernst verkörpert und vernatürlicht . Ich fange mit Lachen und Freude an , wenn ich in dem Buch lese , und bin , wenn ich ein Weilchen innehalte , in die geistigen fernen Regionen , in Moral und Weltgeschichte versetzt und sehe und verstehe alles vollkommen , und mir ist in der Freude so wohl , so selig , möcht ich sagen , daß ich diesem Manne , dem Herrn Cervantes , die hellsten Lichtblicke meines Lebens zu verdanken habe . « » Sie verstehen zu lesen , Freund « , sagte Leonhard freudig überrascht , » ich kenne und liebe Ihren Autor , und wenn ich ihn wieder lese , und vielleicht mit mehr Applikation , so werde ich dabei an Sie denken und Ihnen danken . « » Sehen Sie « , rief der Alte , » Denken , Danken ist mehr ein Gleichlaut und kein Reim und hängt doch auch zusammen . - Ach , Herr Leonhard , was sind wir arme , gedrückte , schwache Menschen doch für Wesen ! Und wie hat uns Gottes Güte so wunderbarlich erschaffen ! Wenn ich so meine Geliebte , wie ich sie immer nur nenne , meine Geige in den Arm nehme , und das liebe Ding lacht und weint und plaudert so anmutig unter meinem Bogenstrich - so bin ich im Himmel und weiß nicht mehr , ob ich die Violine spiele oder ob sie mich spielt . Es jauchzen und winseln im schäkernden Lächeln Gefühle und Worte aus mir heraus , die ich auf keine andere Weise sprechen , Gedanken , die ich nur so finden kann , und die doch ohne alle Vernunft höher als die Gedanken stehen . Glauben Sie mir , das ist die seltsamste Freude , was Unaussprechliches , sich so selbst zu finden , sich selbst so in Tönen und in Begeisterung , die von sich doch nichts wissen , kennenzulernen . « » Bester Herr Joseph « , rief Leonhard , » Sie glauben nicht , wie sehr Sie aus meinem Herzen sprechen . Ich kann Sie versichern , unsere Geister sind sich nahe verwandt . Ich verstehe Sie ganz . « » Kann wohl sein « , sagte Joseph , und gab dem jüngeren Freunde die Hand . » Fühlen Sie einmal « , fuhr er fort , » die erhöhte starke Hornhaut an diesen meinen Fingerkuppen ; das kommt von meinem stetigen Violinspielen . Hart wie Horn die fein gehobenen Nervenpünktchen , in welchen die andern Menschen ihr leisestes Anfühlen zu haben glauben ; und mit diesen Verhärtungen fühle ich auf den Saiten um ein Atom das Höhere und Niedere , ohne zu irren . Hier hinein vibriert der Klang und wird von hier und mit dem toten Bogen zu dem seelenvollen Ausdruck erhoben , zu der Weiche und Innigkeit , wie kein menschliches Organ es vermag . Ist es eigentlich nicht wunderbar ? « » Aber von welchem Meister « , fragte Leonhard , » waren nur die ganz wunderbaren Passagen , die ich Sie neulich mit der ungeheuersten Anstrengung spielen hörte ? Eben vorgestern , als ich Sie belauschte , und Sie mir nachher verdrüßlich schienen ? « Joseph schwieg still , wandte sich ab und ging im Zimmer auf und nieder . Er schien verlegen , und Leonhard bemerkte , daß sein Antlitz röter war , als gewöhnlich . Dann stellte er sich vor Leonhard hin , sah diesen bedenklich an , und sagte : » Sosehr ich Ihnen auch vertraue , kann ich Ihnen doch , was diese musikalische Phantasie betrifft , keine Antwort geben . « » Aber ich bitte « , sagte Leonhard , » die Sache wird mir um so wichtiger , da Sie zögern und wie in Verlegenheit erscheinen . Ich bin überzeugt , ich werde Sie verstehen , so wie mir alles , was Sie mir jetzt gesagt haben , nicht fremd und unverständlich ist . « » Mag ' s sein ! « rief der Alte nach einer Pause mit dem Ausdruck einer komischen Resignation ; » was geht ' s mich am Ende an , wie Sie von mir denken mögen ? Wir sind alle Toren und gebrechliche Menschen , stellen wir uns auch , wie wir wollen . Ich gestehe , daß ich oft im Mondschein , oder am Frühlingsabend auf meiner Geige phantasiere . Die Melodien kommen mir dann von selbst , und ich habe mich auch wohl darüber betroffen , daß ich Tränen vergießen mußte . Vom Abt Vogler erzählt man , daß er sich zuweilen sein Fortepiano auf eine Bildergalerie hat nachtragen lassen , um in seinen Tönen den Ausdruck und die Bedeutung von schönen Gemälden wiederzugeben . Ich kann mir das wohl denken , obgleich man unter diesen Umständen und bei so vielen Vorbereitungen seiner Stimmung nicht gewiß sein kann . Ich möchte wenigstens vor Menschen und Zuhörern dergleichen nicht versuchen . - Das sind aber Phantasieen der innerlichen Wollust und des Wohlgefallens . Doch ist der Mensch oft wie gepeinigt , er weiß nicht wovon ; es quält ihn etwas , er weiß nicht was . Als wenn hier in diesem Teppich unter den geregelten Figuren krumme , schiefe , willkürliche unterliefen , die mit diesen Sternen , Kreuzen , Rosen und Vierecken in gar keinem Zusammenhang ständen , und man peinigte sich vergeblich und immer wieder umsonst , auch diese tollen , ausschweifenden Linien und Fratzen in jene wohltuende und besänftigende Tabelle mit aufgehen zu machen . Es gibt so Stunden in unserm Leben , die dies Gleichnis nur etwas erklärt . « » Gewiß ! « sagte Leonhard , » und der geordnete Geist leidet vielleicht am stärksten von diesen Verstimmungen , wenn auch nur selten . « » Meinen Sie ? « fuhr Joseph fort . Also denn Tollheit mit Tollheit erklärt und vertrieben , Beelzebub durch Satan . Warum sind wir denn auch so gebaut ! Was freilich , noch weiter getrieben auch jeder Verbrecher für sich anführen könnte , wovor uns Gott bewahren möge . Hier muß nun freilich der christliche Glaube Hand anlegen , und eine starke . Es regieren oft die kleinen Teufelchen in uns , aberwitzige , unheimliche , und die lassen sich durch Narretei beschwören und vertreiben . Auf meinem Zimmer habe ich einen sehr hübschen Tisch , die Platte ist ganz von Masern . Noch ein Geschenk vom Großvater des jungen Herrn , also uralt . Sehen Sie , in solchem Maser laufen nun lauter tolle Linien ohne alle Vernunft und Ordnung kreuz und quer durcheinander . Die Tugend und der Wert einer solchen Maserplatte besteht eben darin , daß kein Verstand in der Kuriosität , sondern Willkür und Aberwitz herrschen . Doch warum beschreiben ? Was werden Sie denn ein solch gemasertes Wesen nicht kennen ? » Gewiß kenne ich es « , erwiderte Leonhard , » ich sehe den Tisch leibhaftig vor mir . « Der Alte sah ihn von der Seite an und lächelte ; dann sprach er in seinem Eifer : » Also denn , wenn die Besessenheit mich ergreift und gar nicht wieder losläßt , so stelle ich mich dann mit meiner Geige vor diesen Masertisch , begeistere mich und spiele in tausend Variationen und rasenden Passagen alle die vermaledeiten krummen und zackigen Linien ab , als wenn es Noten wären . Immer fällt mir was Neues ein , und ich rassele und wüte so heftig , arbeite mich so ab , daß ich oft wie im Schweißbade bin . So kleide ich mich um , setze mich in den Sofa , lache recht von Herzen über mich und die Welt , fühle mich so recht behaglich und in meinem Innern wieder wie zu Hause und habe dann auf lange Ruhe . Sehen Sie , Bester , das war es , was Sie neulich mit angehört haben . Es war gewiß recht sonderbares Zeug . « Leonhard war zuletzt sehr nachdenklich geworden und sagte endlich : » Ihre Erzählung und dieses Heilmittel erinnert mich an so vieles , was ich in mir selbst so oft habe bekämpfen müssen . Wohl dem , der in seiner geliebten Violine einen solchen Ableiter findet . « » Jeder vielleicht auf seine eigene Weise « , antwortete Joseph . » Es ließe sich viel darüber sagen . Wenn ich so von den alten Mänaden und den bacchantischen Festen der Griechen gelesen habe , so dachte ich oft , diese und ähnliche Anstalten haben auch die tollen Geister in uns bändigen und austreiben sollen . Christliche fromme Männer haben es vielleicht durch ihre Geißelungen , Fasten und Kasteiungen versuchen wollen . Mancher tobt sich auf der Jagd aus , und in der Jugend fühlen wir es ganz deutlich , wie Springen , Laufen , Ringen und Balgen unserm Leben völlig unentbehrlich sind . Wer in meine Masern verfällt , oder sich gar freiwillig hineinversenkt , ohne sich mit der Violine wieder herauszuspielen , der wird wohl eben ein Schwärmer und Fanatiker , wovor uns denn alle der Himmel behüten wolle . « - Mit diesen Worten empfahl sich der Alte , und Leonhard blieb noch lange auf seinem Zimmer , um alle die Gedanken näher zu erwägen und zu bewältigen , die ihm jenes sonderbare Gespräch auf unerwartete Weise erweckt und zurückgelassen hatte . Als man sich bei Tische versammelt hatte , sagte Emmrich : Sollte es nicht Zeit sein , diese allgemeine Verstimmung , müßte es selbst durch ein gewaltsames Mittel geschehen , wieder in die rechte Bahn zu lenken ? Ich bin der Meinung , da wir jetzt unter uns sind , und niemand unser Vorhaben übel deuten wird , daß wir unseren Götz noch einmal aufführen und ihn dann , wie es sich gebührt , zu Ende spielen . Wozu haben wir die Mühe gehabt und uns in so manchen Proben gequält ? Wir sind es uns selbst schuldig , das unternommene Werk nicht