. Aber er irrte . Ein junges weibliches Herz , das noch nicht beschlichen ist von dem Wunsche , solche Empfindungen zu erregen , kann die deutlichsten Liebeserklärungen anhören , ohne sie zu verstehen , wenn ihr eigenes Herz nicht in verwandten Anklängen dem Worte entgegenschlägt . Es giebt bis dahin eine unendlich frostigjungfräuliche Fähigkeit , alle solche Worte in die Weite und Ferne und aus der intimen Beziehung zu sich selbst hinweg zu deuten . So sah Maria in den Worten des Herzogs nichts als seine holde gastfreundliche Güte und die Bestätigung , daß sie von allen den Theuern seiner Familie und so auch von ihm selbst geliebt sei , und sie wollte eben in diesem Sinne ihm antworten , als die alte Herzogin die Stimme erhob und ihrem Enkel zurief : Hierher , mein lieber Freund ! Ich habe Dir willkommene Nachrichten zu geben . Die Gräfin von Dorset wird mich mit ihrer ganzen Familie in Burtonhall besuchen , und wie zu hoffen steht , setzte sie lächelnd hinzu , wird sie nicht gerade Anna Dorset davon ausschließen , und so darf ich wol auf Deine Gegenwart unter all den lieben hiesigen Gästen am ersten rechnen , und verdiene mir hoffentlich mit dieser Nachricht ein sehr freundliches Gesicht von meinem lieben Enkel . - Der junge Herzog fühlte sich wie durch tausend Schmerzen aus dem süßesten Traume seines Lebens zu einem Dasein erweckt , das ihn mit Erstaunen und Verwirrung zu Verhältnissen zurückführte , welche ihm gänzlich aus den Gedanken verschwunden zu sein schienen . Wir wollen nicht untersuchen , wodurch er in der letzten Zeit zu der Ueberzeugung gelangt war , Anna Dorset sei ihm so fremd , wie jede andere Dame des Königreichs . Zwar war er von den Unterhandlungen beider Familien unterrichtet , hatte sich auch nie mit einem Worte dagegen erklärt , ja , er schien sie bestätigt zu haben , durch den Beifall , den er der Lady Anna ertheilte , und der ihm vielleicht früher ganz hinreichend erschienen war , um sie seine Braut zu nennen . Jetzt aber war dies Verhältniß weit zurückgetreten , und die Kenntniß des wahren Gefühls der Liebe , das ihm Worte eingab , die Anna Dorset nie von ihm gehört hatte , überredete ihn , so oft er gemahnt ward , dessen zu gedenken , daß er nie Hoffnungen erregt habe , die er als rechtlicher Mann genöthigt sei zu erfüllen , und die Sehnsucht , sich den zärtlichen Empfindungen seiner Brust gegenüber frei zu sehen , überredete ihn , es zu sein . Was hätte die eigenthümliche Logik der Liebe , die den Anfang ihrer Folgerungen immer in dem Gefühle selbst findet , nicht fertig gebracht , selbst in noch verwickelteren Fällen , als der vorliegende ! Auch war er nach einem Augenblicke völlig gerüstet und entschlossen , und es ist nicht unwahrscheinlich , anzunehmen , gerade das harte Nebeneinanderstellen der erwähnten Momente habe von seinem Entschlusse die letzte Unsicherheit abgestreift . Meine theure Großmutter , sprach er mit ernster Festigkeit , ist sicher immer überzeugt , die freundlichsten Empfindungen in ihrem Enkel zu erregen , und es bedarf dazu nie eines Nebenumstandes , wozu überdies die Gräfin Anna Dorset mir am wenigsten geeignet scheinen würde , da ich nicht wüßte , wie sie die Liebe theilen oder erhöhen könnte , die mich für Euch erfüllt . Gewiß , lachte sorglos die alte Herzogin , verlangt sie selbst auch nicht darnach , eben die Gefühle , wie Du für die alte Großmutter bewahrst , zu theilen ; doch wirst Du ihr vielleicht ein anderes Plätzchen in Deinem Herzen einräumen können , mit dem sie besser zufrieden sein wird . Ihr irret , theure Lady , erwiederte schnell der Herzog . Anna Dorset ist ein edles , achtungswerthes Mädchen , doch in meinem Herzen kann und wird sie nur den Platz einer ehrenden Anerkennung einnehmen ; ich kenne kein Verhältniß , was mich anders oder näher zu ihr stellte . Verzeih ' ! sagte die alte Lady , jetzt ernster werdend , daß ich mich habe von meiner guten Laune hinreißen lassen , Dich mit Verhältnissen zu necken , bei deren Behandlung Du mich mit Deinem Zartgefühl weit übertriffst ; Du mußt der alten Großmutter schon etwas zu gut halten , und bist doch wol ein gutes Kind und besuchst mich in Burtonhall , wo ich mich dann besser betragen will . Der Herzog sprang auf , die gütige Hand zu küssen , die sie ihm mit einem Engelslächeln darbot , und gern hätte er jetzt gleich vor ihr das Knie gebeugt und sein Herz erleichtert durch das feurige Bekenntniß seiner Liebe ; aber er hatte noch kein Recht dazu , denn das ersehnte Wort war von den Lippen der Geliebten noch nicht gedrungen . Er wendete daher seine Blicke mit dem ganzen Verlangen einer endlichen Entscheidung auf die junge Gräfin , die mit so unschuldig klaren , fast kindlich neugierigen Augen in diese Scene schaute , daß wol für den unbefangenen Beobachter kein Zweifel blieb , wie wenig sie sich in dieselbe verflochten wähnte , und wie sie das ruhig kühle Herz noch unentzündet in sich trug . Er nahm seinen Platz neben ihr ein . Doch Graf Archimbald sagte , sichtlich erheitert , indem er seine Briefe zusammen legte : Wir dürfen Richmond erwarten ; gleich nach der Rückkehr des Prinzen aus Spanien wird er zu uns eilen , und jene erwartete man bei Abgang dieses Briefes schon binnen zwei Tagen . Gott Lob , sprach die Herzogin aus tiefer Brust und von der Erstarrung sich erholend , worein die vorangegangenen Vorfälle sie versetzt hatten ; so wird mir Trost und Freude kommen . So auffallend diese Worte sein mußten , so wenig wurden sie beachtet , da die meisten Anwesenden von eigenen Gefühlen und Gedanken in Beschlag genommen waren . Die jungen Leute erhoben sich , um nach dem See sich zu begeben ; die alte Lady und Lord Archimbald wollten ihre Briefe beantworten , und die Herzogin begab sich mit Stanloff , welcher einige Tage abwesend gewesen war , nach ihren Zimmern . Was bringst Du uns für Nachrichten , Stanloff , sprach die Herzogin und setzte sich abgewendet von ihm in einen Sessel ; warst Du glücklich in Deinen Nachforschungen ? Euer Durchlaucht zu Befehl , erwiederte Stanloff , alle Nachforschungen , die ich anstellte , treffen mit den Einzelheiten in der Geschichte der jungen Dame überein ; es muß das Schloß der Gräfin von Buckingham sein , aus dem sie entflohen . Gründe , Gründe ! rief die Herzogin , Gründe will ich wissen . - Sie sind in meiner Erzählung . Ich begab mich zu Pferde dahin und erreichte den großen parkartigen Wald , in dessen Mitte das Schloß liegt , am Mittage des dritten Tages . Den Park umgiebt , nach der Landstraße zu , eine Meierei . In dieser sprach ich ein und fand dort eine zahlreiche Familie , die verheiratheten Kinder der noch lebenden Eltern , die sich in die Herrschaft des Hauses und in die Geschäfte getheilt hatten . Man hatte sich bei meiner Ankunft um eine große Tafel gelagert , um zu Mittag zu essen , und mir ward ohne weitere Bemerkungen an derselben ein Platz angewiesen , der mir Muße gab , eine Unterredung über die Bewohner des Schlosses anzuknüpfen . Doch war dies nicht leicht ; meine Frage , ob die Herrschaft gegenwärtig , beantwortete man mit Nein und fuhr sogleich fort , unter sich über eigene Angelegenheiten zu sprechen . Schnell war die Mahlzeit von den jüngeren Leuten geendet ; sie standen auf , um sich an die verschiedenen Stellen zu vertheilen , die ihrer Sorgfalt übergeben waren , und die Eltern blieben allein zurück . Ich fragte aufs Neue , ob das Fieber diese Gegend auch verheert habe , und die alte Frau nannte nun sogleich als das einzige dieser Krankheit gefallene Opfer die Gräfin von Buckingham . Weniger glückte es mir , über andere Dinge Auskunft zu erhalten , und noch bleibt es mir ungewiß , ob Unkunde oder andere Gründe dies so erschwerten . Den jetzigen Besitzer des Schlosses kannten sie nicht ; sie gaben zu , daß es der Bruder sein könne ; dagegen bestätigten sie , Gersem zu kennen ; ob er aber lebe oder todt sei , wußten sie nicht . Von dem Feuer jedoch sprachen sie , daß es den alten Theil des Schlosses verheert habe ; daß Jemand zu Schaden gekommen sei , verneinten sie . Meine Fragen nach der frühern Lebensweise der Gräfin , die ich in der Hoffnung einleitete , dann zu den Gästen des Schlosses übergehn zu können , beantworteten sie blos mit dem großen Lobe ihrer Wohlthätigkeit und Güte ; doch Gäste , behaupteten Beide , seien nie auf dem Schlosse gewesen , die Herrschaft habe jedoch öfter Reisen gemacht . Ich suchte nun von ihnen los und in den Park zu kommen , und erreichte so das Schloß selbst , wovon nur ein kleiner Theil , der in einem ganz versteckten Hofraume lag , vom Feuer gelitten hatte , dessen Spuren überall deutlich zu sehen waren , ohne daß , wie es mir schien , man irgend Sorge getragen hatte , sie zu beseitigen . Ich näherte mich dem Eingange des völlig einsamen Schlosses , aber meine Bemühungen , hinein zu dringen , waren umsonst . Ich wollte eben zurückkehren , als eine kleine Thür unter einer Treppe aufschlug und ein junges Mädchen in ländlicher Tracht herausflog , in der Richtung über den Hof laufend , in der ich mich befand . Sie stand vor mir , ehe sie mich sah , schrie jetzt laut auf und wollte entfliehn , ich hielt sie aber mit sicherer Hand fest und bat sie , mir Einlaß in das Schloß zu verschaffen . Um Gott , Herr ! was denkt Ihr ? Es darf Niemand hinein , Alles ist verschlossen , und der Herr Aufseher verreiset . - Ist das Gersem ? fragte ich schnell . Gersem ? wiederholte das Mädchen , sichtlich erschreckend ; nein , Herr , sprecht nicht so , laßt mich los , ich darf Euch nichts von Gersem sagen , kein Mensch darf von ihm sprechen ! - Gut , ich will Dich nicht quälen ; aber das darfst Du mir doch sagen , ob er im Schlosse ist ? - Gersem ? O Herr , laßt mich , ich bin des Todes , wenn Ihr mich nicht los laßt ! - Nun , sagte ich , ich will Dich gleich los lassen , so wie Du mir sagst , ob ich nicht die Frau Hanna sprechen kann ? - Mistreß Hanna ? Großer Gott , sie will täglich sterben . Kein Mensch darf zu ihr , und sie erkennt Niemand ; nein , Herr , das geht um die Welt nicht . - Ich ließ sie jetzt und habe mich vorläufig damit begnügt , Euch diese Nachrichten zurück zu bringen , da mir Euer Durchlaucht Befehle nicht weiter zu gehen schienen . - Ich weiß genug ! sagte die Herzogin , winkte ihm , sich zu entfernen , und blieb in ihrem Stuhle sitzen , daß , wer sie einige Zeit lang beobachtete , in ihr kein lebendes Wesen zu sehen gewähnt hätte . Doch ward sie bald genöthigt , sich an dem Leben langsam wieder aufzurichten . Pons flog herein , den Grafen Archimbald zu melden , der so unmittelbar hinter ihm eintrat , und mit so sichtlichen Zeichen von Gemüthsbewegung , daß die Herzogin nur eines mühsam auf ihn gelenkten Blickes bedurfte , um von der Ahnung neuer Leiden ergriffen zu sein . Ihr erster Gedanke wendete sich auf Richmond , diesen letzten Hafen , in dem sie Ruhe und Schutz hoffte , diesen Balsam auf die brennenden Wunden ihres Herzens . Es schien ihr gewiß , ihm mußte etwas begegnet , auch in ihm sie noch verwundet worden sein , und sie blickte in die gänzliche Trostlosigkeit dieses abgeblätterten Daseins fast mit Genuß ; mit dem Genuß , den dann die Gewißheit des Untergehens noch im Stande ist zu gewähren . Graf Archimbald hinderte sie aufzustehen , er schob ein Tabouret an ihre Seite ; er sah ihr verändertes Gesicht , er fühlte , daß sie litt , und er konnte nicht annehmen , daß das , was er kam ihr zu sagen , sie ruhiger stimmen werde ; aber diese Wahrnehmungen gaben ihm die Güte und Wärme des Gefühls , die ihn seine Worte bedenken ließ . Sagt es schnell , Mylord , ich bin auf Alles gefaßt , sagte sie tonlos und kalt , und vernehme lieber das Unvermeidliche ohne alle Einkleidungen . Ich kann allerdings annehmen , daß Ihr schon längst eine Ahnung von dem habt , was ich gesandt werde Euch mitzutheilen , erwiederte der Lord , doch bitte ich Euch dringend , Euch nicht so davon zu erschüttern , vielmehr den Antheil vorwalten zu lassen , den Euch die Wünsche Eures Sohnes , die an sich nichs Unwürdiges und Euch Kränkendes enthalten , einflößen dürfen . Ich muß allerdings mich als überrascht bekennen ; denn ich kann nicht leugnen , daß ich die Verbindung zwischen Robert und der Lady Anna Dorset für entschieden hielt . Und was , Mylord , rief die Herzogin und richtete sich heftig empor , was hat diese Ueberzeugung , die ich mit Euch theilte , was hat sie in Euch geändert ? So sehe ich also , sagte Graf Archimbald , daß ich mich irrte , indem ich Euch auf die Wünsche vorbereitet wähnte , die allein jetzt noch Euern Sohn erfüllen , und welche die Gräfin Melville zur ausschließlichen Besitzerin seines Herzens erhoben . Ein dumpfer Schrei der Herzogin war ihre Antwort , sie sank sogleich leblos zusammen , und wahrlich unter wenig glücklichen Umständen . Denn der Graf fühlte sich höchst verlegen . Die Sorge abgerechnet , welche ihm die heftigen Gemüthsleiden seiner edeln Schwägerin gaben , wußte er sich wenig bei solchen Zufällen zu helfen und betrachtete daher die Ohnmächtige einige Augenblicke in der Hoffnung , sie werde sich erholen . Als er sich hierin aber getäuscht und nun zur Thätigkeit aufgefordert sah , öffnete er die hohen Fensterflügel und überließ dem Strom der Luft das Wiederbelebungsgeschäft , da er einmal entschlossen war , diesen Zustand nicht zur Kenntniß eines Andern außer ihm selbst kommen zu lassen . Er hatte sich auch nicht getäuscht . Die Herzogin fuhr zuckend aus ihrer Ohnmacht empor ; ihr Auge streifte wild umher und blieb an Graf Archimbald haften , indem hiermit alle die traurigen , abgerissenen Gedanken zurückkehrten , womit sie sich gezwungen sah ihren Geist zu beschäftigen , so sehr sie sich dagegen sträubte . Sie winkte , die Fenster zu schließen , und , wohl ahnend , was geschehen , dankte sie in der Stille dem Grafen für seine kühle Beharrlichkeit bei ihrem Zustand , wodurch dieselbe einer größeren Aufmerksamkeit entzogen geblieben war . Sagt mir jetzt , hob sie leise an , was ist geschehen ? Was seid Ihr gekommen mir zu sagen ? Ich bin gefaßt , auch das Härteste zu vernehmen . Ich kenne Eure Ansichten nicht genug , verehrte Schwägerin , um zu wissen , in wiefern Euch meine Mittheilungen beunruhigen mögen ; daher muß ich mich auf den Bericht der Thatsachen beschränken und nur wünschen , daß es Euch bald gelingen möge , die bessere Seite daran hervor zu heben . Robert ließ mich um eine Unterredung bitten und erklärte mir , daß er entschlössen sei , der Gräfin Melville seine Hand anzubieten , da sie seine ganze Zuneigung besitzt , und er sei in der Absicht zu mir gekommen , für die nun folgenden Schritte Rath und Beistand von mir zu erbitten , da ihm allerdings nicht entgehe , wie die Angelegenheit mit der Familie Dorset von einigen Schwierigkeiten begleitet sein möchte . Ich gestehe , Mylord , hob nun die Herzogin an , daß der Grad von Erstaunen , den mir Eure Erzählung erregt , fast dem Unwillen gleich kömmt , womit sie mich erfüllt . Doch wird dies Alles übertroffen von dem gekränkten mütterlichen Gefühl , Euch , Mylord , an der Stelle zu sehen , die einzig nur mein Sohn einnehmen durfte , hätte diese unselige Leidenschaft nicht , wie es scheint , jedes bessere Gefühl in ihm ersterben lassen . Wo und wie ich anfangen soll , meinen Tadel über das Vergangene auszudrücken , bin ich verlegen . Mein Sohn hat Euch zur Mittelsperson zwischen seiner Mutter und sich gewählt . So geht denn und sagt ihm , nie wird ihm meine Einwilligung zu dieser empörenden Verbindung zu Theil werden . Ich werde sie zu hindern suchen mit aller Macht und allen Kräften , die Gott und Menschen in meine Hände gelegt haben , um Schande und Verderben von einem Hause abzuwenden , dessen Ehre ich berufen scheine noch länger aufrecht zu erhalten , da die , denen sie zunächst anvertraut ward , wenig mit ihren hohen Anforderungen bekannt scheinen . Graf Archimbald eilte nicht , sie zu unterbrechen . Einige etwas zu stark aufgetragene Aeußerungen abgerechnet , fühlte er ihren Unwillen natürlich und wohlbegründet ; er konnte sogar nicht läugnen , daß sie schneller auf den wahren Standpunkt gelangt sei , als er , da er , mit ganz anderen und öffentlichen Dingen beschäftigt , in großer Zerstreuung seinem Neffen zugehört und , von dessen jugendlichem Ungestüm überjagt , keinesweges die Umstände so scharf erfaßt hatte , um darin etwas Ehrenrühriges für das hohe Haus oder Beleidigendes für das Herz der Mutter zu entdecken . Nichtsdestoweniger hielt er es für unzweckmäßig , daß die Herzogin ihrem Sohne so stolz und bestimmt widersprechend entgegen trete , da sanfte Gemüther , wenn sie einmal Muth gefaßt , einen bestimmten Willen zu haben , selten durch stolze Härte , welche ihnen nichts gestatten will , davon abgebracht werden , vielmehr um so hartnäckiger im Widerspruch sich zeigen , als diese Stimmung fast den ganzen Karakter aus seiner Bahn treibt . So ungern er sich auch zum Lenker dieser heftigen Frau aufwarf , so glaubte er doch dies nicht unterlassen zu dürfen , um eine wirklich befriedigende Ausgleichung herbei zu führen . Er sammelte sich daher und rückte der Erzürnten näher , um sie mit der ganzen ihm eigenen Feinheit darauf aufmerksam zu machen , wie nöthig es sei , dem jungen Herzoge milder entgegen zu treten . Man könne ihm doch unmöglich und namentlich in seiner jetzigen Stellung das Recht bestreiten , die wichtigste Wahl des Lebens nach eigener Ueberzeugung zu treffen . Hierbei unterstütze ihn sogar das Testament seines Vaters , welches ausdrücklich verfüge , daß alle seine Kinder ihrer eigenen freien Neigung bei ihren Verheirathungen überlassen bleiben sollten . Die Unterhandlungen mit der Gräfin von Dorset betrachtete er nur dann als seinem Wunsche gemäß , wenn die Neigungen beider jungen Leute ebenfalls hierin überein kämen . Er verkenne übrigens nicht die Schwierigkeiten einer Erfüllung des eben geäußerten Wunsches des jungen Herzogs , und er glaube gewiß , daß die liebevolle Stimme der Mutter sein Herz erreichen und seinen Willen beugen werde . Ja , Mylord , erwiederte die Herzogin mit mehr Ruhe , deren Nothwendigkeit ihr selbst aus den klugen Worten ihres Schwagers klar geworden war , ich will meine Stimme flehend an sein Herz dringen lassen , ja , der Sohn soll seine Mutter als Bittende vor sich sehen ; denn niemals , niemals darf sie ihm gewähren ! Doch sagt mir , fuhr sie fort , erzählte er Euch von der Gräfin ? War sie von seinen Absichten unterrichtet und theilte sie seine unseligen Wünsche ? Er hatte sich noch nicht erklärt , und ich erinnere mich , ihn aufgefordert zu haben , es bis dahin aufzuschieben , wo ich Gelegenheit fände , Euch seine Wünsche mitzutheilen . - So gebe Gott , daß er dieser Forderung willfahre , denn je wenigere um seine Verirrung wissen , desto leichter wird sie auszulöschen sein ! - Es entstand eine augenblickliche Pause , in der die Herzogin nicht undeutlich wahrnahm , wie Graf Archimbald von irgend einer Idee beschäftigt , keine Anstalten machte , sie zu verlassen . Sie glaubte bei einigem Nachdenken die Ursache darin zu finden , daß es ihr noch oblag , ihren lebhaft ausgesprochenen Widerwillen näher zu bezeichnen und dessen Gründe scharf genug hervorzuheben , um jeder weiteren Erwägung ihrer Wichtigkeit vorzubeugen . Wir sind gewiß alle einig , Mylord , hob sie an , ihn scharf beobachtend , daß die Natur kaum je ein weibliches Wesen reicher ausstattete , als eben diese Fremde , die der Wille des Himmels an unsern Schutz verwies ; aber wie unser Eifer und unsre Menschlichkeit sich auch abmühe , ihr einen bürgerlichen Standpunkt einzuräumen , Ihr könnt gewiß nur mit mir die Befürchtung theilen , dies werde nie so vollständig gelingen , um jeden Schatten von ihrem Namen , wenn sie auf irgend einen Anspruch hat , zu verscheuchen , und brauche ich Euch an den , seit Jahrhunderten fleckenlosen Glanz dieses Hauses zu erinnern , um Euch meine Abneigung gegen eine solche romaneske Verirrung des nunmehrigen ersten Trägers dieses erlauchten Namens anschaulich zu machen ? Dies wäre allein hinreichend , fuhr sie stolzer fort , als Graf Archimbald noch immer abgezogen , wie es ihr schien , sich blos stumm gegen diese hochbegeisterten Ansichten verneigte , aber mein Sohn ist durch sein Erscheinen im Hause Dorset , nachdem er zur herzoglichen Würde und Selbstständigkeit erhoben war , und durch den öffentlichen Beifall , den er der Gräfin Anna gezollt , stillschweigend in die Wünsche der Familien eingegangen , und Herzoge von Nottingham feilschen nicht , wie ehrlose Spekulanten , um die Deutung eines Wortes ; die Gesinnung , die sie in einer ehrenvollen Sache andeuten , bindet sie so stark , wie das Wort der rohen Menge . So muß ich denn meinen Sohn als den Verlobten der Gräfin Dorset betrachten , so lange sie nicht zurücktritt , und der Bruder meines Gemahls wird meine schwachen Kräfte unterstützen wollen , diese innere Ehre unseres Hauses zu erhalten . Gewiß , Mylady , sagte der Graf etwas ungeduldig , war ich nie im Zweifel , was ich dem Namen , dem ich angehöre , schuldig bin , und es giebt allerdings in dem Leben eines Mannes , der mit seiner Thätigkeit der Oeffentlichkeit verfallen ist , oft Gelegenheit , die Stärke solcher Anforderungen kennen und in ihrer Wahrheit würdigen zu lernen . Sollte die Gräfin namenlos oder eines befleckten Namens sein , würden die Familiengesetze dieses Hauses sie schon hindern , zu uns zu gehören ; doch sah ich diese Befürchtung noch nicht bestätigt , und Ihr selbst hattet mich ja gewarnt , hierin zu schnell zu sein . Doch , denke ich , ist vorläufig diese Ungewißheit Grund genug , meinen Neffen aufzuhalten , und eine so kluge und gütige Mutter wird indessen Mittel finden , ihre Wünsche und Ansichten dem Sohne geltend zu machen . Auch dürfen wir Richmonds Beistand entgegen sehn , der stets besser , als ich , sich verstand , auf Herzen einzuwirken , und obwol ein Jahr jünger , als Robert , stets den Einfluß eines Aelteren über ihn behauptete . - Der Graf sah nach diesen Worten , die Richmond berührten , wie sie diesem Troste horchte und ihn wirklich ergriff . Er schob nun vertraulich seinen Stuhl näher , indem er fortfuhr : Graf Burleigh hat mir Briefe des Grafen Bristol gesendet , die auch Euch angehen , und die väterliche Autorität , die ich mit mir führe , mag mich entschuldigen , wenn ich Euch mit einigen Fragen lästig werde . Ihr seid meiner Aufmerksamkeit stets gewiß , und mein Vater hat über mich zu befehlen , erwiederte die Herzogin in wieder gewonnener Fassung . Nun , sagte Graf Archimbald lächelnd , so muß ich Euch zuerst in ein Staatsgeheimniß einweihen , welches , wie ich fürchte , nur zu bald eine nicht mehr zu verbergende Oeffentlichkeit erhalten wird . Unsere Angelegenheiten in Spanien haben eine sehr ungünstige Wendung genommen , und die jahrelangen , weisen , nicht genug zu rühmenden Unterhandlungen unseres größten Geschäftsmannes , des Grafen Bristol , scheinen ganz gegen ihr Verdienst erfolglos zu werden ! - Aber um Gott , Mylord , rief hier die Herzogin erschrocken , was sagtet Ihr und alle übrigen offiziellen Nachrichten uns denn bisher so verschwenderisch vom Gegentheil ? Welche chimärische Träume waren dies , wer hat denn hier betrogen sein wollen , daß man so geschäftig war , es zu thun ? Weder das Eine , noch das Andere , antwortete der Graf ; Alles ging von Seiten des Prinzen und des Hofes in Wahrheit so vor sich , wie es uns gemeldet ward . Aber Ihr werdet Euch wohl erinnern , wie die Begleitung des Herzogs von Buckingham mich sogleich über die ganze Angelegenheit in Zweifel setzte , da es wohl unmöglich war , einen ungeschicktern und übelwollendern Begleiter für den Prinzen aufzufinden . Der Erfolg hat nun alle dadurch auch beim Grafen Bristol erregten Besorgnisse bestätigt , und schon nach den ersten Tagen war der Herr Graf , der Buckingham beobachten ließ , überzeugt , daß es der bestimmte Wille des Herzogs war , durch die zügelloseste Aufführung und die absichtlichste Beleidigung aller höheren dabei interessirten Personen , den Prinzen trotz seines eigenen makellosen Betragens in Mißkredit zu bringen . So bewundernswürdig klug Graf Bristol alle diese Dinge für den Prinzen unschädlich zu machen suchte , so wenig vermochte er doch die gerechten Befürchtungen der königlichen Familie zu unterdrücken , daß der unläugbare Einfluß dieses Mannes auf den Prinzen die Lage der Infantin höchst bedenklich machen müsse . - Woher aber dieser Einfluß so plötzlich ? unterbrach ihn hier die Herzogin ; weiß ich doch , daß der Prinz früher eine in der That nur allzu furchtbare Beleidigung ihm nie vergeben zu können glaubte , und später nur aus kindlicher Rücksicht für seinen Vater ihn ertrug , ohne doch seine Verachtung gegen ihn unterdrücken zu können . Graf Archimbald wußte entweder hierüber selbst noch nichts , oder zog vor , diese Aufklärungen nicht zu geben ; genug , er begnügte sich , seine Absicht weiter verfolgend , ruhig fortzufahren . Dessenungeachtet ist die Thatsache nicht zu läugnen , Buckingham ist im Vertrauen des Prinzen , und so doppelt mit Ansehen ausgerüstet , überschreitet seine Unverschämtheit alle Grenzen . Er hat sich dem vortrefflichen Herzoge von Olivarez , der bisher unser eifriger Freund und der Beschützer dieser Bewerbung war , öffentlich als Feind erklärt und ihn dabei so beleidigend behandelt , daß der Herzog , da man Buckingham vor der Abreise des Prinzen nicht vom Hofe entfernen darf , diesen bis dahin vermeidet . Des Grafen Bristol Einmischung hat die Sache nur verschlimmert , obwol sie mit seiner gewohnten Umsicht geschah . Denn Buckingham hat sich die abscheulichsten Ausbrüche gegen die Gesandschaft des Grafen erlaubt , und der Graf zog sehr richtig , fürchte ich , daraus den Schluß , daß des Herzogs Neid im bösesten Grade erregt sei , in Bezug auf das durch den Grafen so glücklich eingeleitete gute Vernehmen beider Höfe , und daß er dieses Verdienst nicht durch eine Vermählung noch erhöht sehen wollte . Wie dem auch sei , der Hof hat sogleich nach Abreise des Prinzen die Unterhandlungen , um höchst unbedeutender Ursachen willen , fürs Erste bei Seite gelegt , wenn man sie nicht schon jetzt richtiger abgebrochen nennen soll . Graf Bristol fühlt sich dadurch äußerst gekränkt und wünscht , wie natürlich , irgend einen neuen Anknüpfungspunkt aufzufinden . Hierzu möchte er durch Euch einige Nachrichten erhalten , die ihm jetzt wichtig werden könnten . Durch mich ? fragte die Herzogin fast spottend . Wie kann ich meinem theuern Vater , entfernt vom Hofe , gehüllt in Trauer , über diese Angelegenheiten , die auch den dort Lebenden nicht immer klar sein mögen , den geringsten Aufschluß geben ? Nein wahrlich , ich kann nur als Tochter und Engländerin seinen Unwillen theilen , aber ihm Licht über das Dunkle dieser Sache zu geben , ist außer meinem Bereich . - Es beziehen sich die Nachrichten , die der Graf wünscht , auf die Reise meines theuren Bruders , Euers Gemahls . Der Graf , dem über die eigentliche Ursache Zweifel entstanden , glaubt bei dem ausgezeichnet vertrauten Verhältniß zu Euerm Gemahl von Euch Näheres erfahren zu können . - Schwermüthig sank der Kopf der Herzogin nieder , und mit einem Seufzer hob sie an : Mylord , Ihr berührt hier eine schmerzliche Erinnerung ! Mein Gemahl durfte von mir einer Treue gewiß sein , die seine Geheimnisse , so er mich würdigen wollte , sie zu theilen , zu einem Heiligthume gemacht haben würden , an dem selbst der mächtige und stets ehrwürdige Wille meines Vaters hätte scheitern müssen . Aber ich habe bei seiner unglücklich übereilten und durch nichts gerechtfertigten Reise diesen Vorzug nicht genossen , und ich darf daher nach dem Willen meines Vaters handeln , dessen Scharfblick sich nicht trog , denn auch mir ward es eine unleugbare Gewißheit , daß ihn ein anderes Motiv , als das der Sehnsucht , meinem Vater seinen Sohn vorzustellen , trieb . Er fühlte auch selbst zu wohl , wie wenig mir dieser Grund zur Befriedigung dienen konnte , und er achtete mich und sich zu sehr , um ihn vor meinen Ohren zur Wahrscheinlichkeit aufschmücken zu wollen , wohl wissend , daß mir die Ehrfurcht vor seinem stets reinen Willen nicht erlauben würde , ein Vertrauen erzwingen zu wollen , welches seiner treusten Freundin vorzuenthalten , er wichtige Gründe haben mußte . Und , rief Graf Archimbald , aufs Höchste gespannt , hatte er kurz zuvor eine seiner gewöhnlichen Zusammenkünfte mit dem Prinzen ? Verhehlt mir nichts ! Euer Scharfsinn hat Euch können errathen lassen , ob der Prinz vielleicht