würde meinen Herrn schmerzen , und diese Menschen sind es nicht werth , daß er um ihretwillen einen trüben Augenblick haben soll . Du bist ein braver Mensch , sagte der Haushofmeister , und da ich sehe , daß der junge Graf nicht sowohl Dein Herr , als Dein Freund und Wohlthäter zu nennen ist , so werde ich dafür sorgen , daß das Verhältniß hier so eingerichtet wird , wie er es sebst bei seinem Vater gestellt hat , ich werde befehlen , daß ihn einer von den hiesigen Bedienten aufwartet . Nimmermehr ! unterbrach der Knabe mit Heftigkeit den alten Mann ; von diesen Menschen , die über seine Armuth gespottet haben , soll ihn Niemand anrühren , sie würden sich am Ende noch heraus nehmen , auch darüber zu lachen , wenn nicht alle Stücke des Anzugs meines Herren so prächtig sind , wie ihr reicher Graf vielleicht Alles hat . Der gute Haushofmeister konnte das Gefühl nur ehren , welches den Knaben bestimmte , den jungen Grafen selbst zu bedienen ; er sagte also : Handle darin , wie Du willst , mein Kind , aber das wirst Du mir nicht abschlagen , daß Du , so lange der junge Graf hier bleibt , bei mir wohnst und an meinem Tische mit mir speisest . Dafür danke ich Ihnen herzlich , sagte der junge Mensch mit Thränen in den Augen , denn Sie können wohl einsehen , daß ich mich unter den Bedienten elend gefühlt hätte . Kaum waren die letzten Worte gesprochen , als die Klingeln von allen Seiten läuteten , und die Bedienten eilten , ihre verschiedenen Herren zu bedienen . Der Haushofmeister nahm einen Armleuchter und eilte mit dem jungen Gustav , um den Saal zu erreichen . Die Gesellschaft trennt sich heut ungewöhnlich früh , bemerkte er noch unterwegs und kam eben zur rechten Zeit , um dem jungen Grafen vorzuleuchten und ihn nach seinem Zimmer zu führen . Der junge Graf war finster eingetreten , das gutmüthige Gesicht und das silberweiße Haar des Haushofmeisters bewirkten aber doch , daß er ihn höflich entließ . Stumm ließ er sich nun die Dienste seines jungen Freundes gefallen und warf sich , rasch entkleidet , mit dem Ausdrucke der Verzweiflung auf sein Bett . Die Thränen stiegen dem Knaben in die Augen , als er sich anschickte das Zimmer zu verlassen , ohne ein freundliches Wort aus dem Munde des geliebten Herrn zu vernehmen . Gustav , rief dieser , als der Knabe eben gehen wollte , was wird aus Dir hier in dem prächtigen Hause ? Der gute alte Haushofmeister , sagte der Knabe , hat sich meiner angenommen , ich wohne bei ihm und speise an seinem Tische . Dann ist es gut , sagte der junge Graf , ich hatte Dich armen Jungen heute vergessen , Du wirst mir ein ander Mal erzählen , wie es kommt , daß sie Dich trotz dem nicht unter die Bedienten verstoßen haben ; heut habe ich zu vielen Kummer , heut kann ich nichts mehr hören . Du armer Junge , setzte er mit weicher Stimme hinzu , ich dachte Dir wohl zu thun , und Du mußt so Vieles mit mir leiden . Der Knabe küßte die dargebotene Hand mit Thränen . Nun geh nur heut und suche zu schlafen , sagte der Graf , indem er ihm die Hand drückte ; morgen , wenn wir beide geschlafen haben , wollen wir über Manches sprechen . Der Knabe ging und fand den Schlummer bald , den der junge Graf ihm gewünscht hatte , aber Zorn , qualende Sorgen und herzzerreißender Gram hielten diesen selbst noch lange wach , und der Morgen fing schon an zu dämmern , als endlich auch seine Augenlieder sich senkten und der lang ersehnte Schlaf wohlthätig ihn umfing . XVI Als der junge Graf am andern Morgen erwachte , sah er seinen Knaben am Fenster sitzen und mit Eifer in einem Buche lesen . Er rief ihn zu sich und fragte nach seiner Beschäftigung . Ach , lieber Herr Graf , rief der junge Mensch , ich habe hier in dem alten Manne , dem Haushofmeister , einen wahren Schatz gefunden . Heut Morgen , schon sehr frühe , hat er mich in die Bibliothek des Grafen geführt und mir erlaubt , von den Büchern zu nehmen , was ich will ; ich habe mir gleich den Shakespeare genommen . Sie können es nicht glauben , welche Glückseligkeit es ist , nach so vielen Monaten , nach einem wilden Leben , wieder ruhig bei solchem Buche zu sitzen . Ich wollte , ich könnte Dir erst die Mittel verschaffen , Deine Studien fortzusetzen , sagte der Graf , und mich bekümmert es herzlich , daß sich für jetzt noch keine Aussicht dazu zeigt . Man kann ja auch für sich studiren , sagte der Knabe tröstend , und hier der alte Mann , fuhr er lächelnd fort , hat mich ordentlich examinirt , doch er sah bald , daß ich mehr wußte wie er ; aber mit meiner Aussprache des Französischen war er sehr unzufrieden , und er hat mir befohlen , so lange wir hier sind , immer mit ihm in dieser Sprache zu reden , damit er mir zurechthelfen kann , und ich nicht eine Aussprache bekomme , wie ein gewisser Doktor , der hier im Hause sein soll , über die alle wohlerzogenen Leute lachen müßten , versicherte Dübois . Er hat mir auch versprochen , daß für unsere Pferde gut gesorgt werden soll , und da ich mich auf ihn verlassen kann , so kann ich den ganzen Tag , wenn Sie mich nicht brauchen , auf seinem Zimmer sitzen und lesen , denn hier sind unermeßlich viele Bücher . Du und Dein neuer Freund , sagte der junge Graf , Ihr scheint zu glauben , daß mein Aufenthalt hier sehr lange dauern wird , da Ihr solche Pläne darauf gründet . Herr Dübois meint freilich , erwiederte der Knabe schüchtern , daß Sie eine Zeitlang hier bleiben würden , um einen so vortrefflichen Verwandten , wie er den hiesigen Grafen schildert , näher kennen zu lernen . Das wird sich zeigen , sagte der Graf düster , indem er sich erhob , um sich anzukleiden . Während dieser Beschäftigung rief er sich die Ursache zurück , die ihn hieher geführt habe , und daß er gezwungen sei , diese schwere , drückende Pflicht gegen seinen Vater zu erfüllen . Nur kann ich es nicht auf seine Weise , schloß er in Gedanken seine Betrachtungen ; ich verstehe es nicht , eine Begebenheit langsam herbei zu führen ; ich kann Niemanden untergraben und , wenn er fällt , geschickt seine Stelle einnehmen , wie mir der Vater das Alles so weitläufig auseinandergesetzt hat . Der Franzose soll aus dem Hause , und das auf die einfachste Weise von der Welt . Mit diesen Gedanken beschäftigt , betrat er den Saal , wo er die Hausgenossen schon versammelt fand , auf die er einen bessern Eindruck machte , als am vergangenen Abend . Der kurze Schlaf hatte die leidenschaftliche Spannung gelöst , die den vorigen Tag zu bemerken war , er war höflicher , wenn auch Kälte und Zurückhaltung in seinem Betragen nicht zu verkennen war , und man es wohl bemerkte , daß seine Seele sich mit andern Gegenständen beschäftigte , als denen , die eben im Gespräch verhandelt wurden . Er hatte einige Mal höflich das Wort an St. Julien gerichtet , so daß es Niemandem auffallen konnte , als er ihm endlich einen gemeinschaftlichen Spaziergang in den Garten vorschlug . Dem Grafen war es angenehm , daß die beiden jungen Männer sich zu nähern schienen , und auch St. Julien ergriff gern die Gelegenheit , einem Verwandten seines väterlichen Freundes näher zu treten , dessen unhöfliche Kälte ihn den vorigen Tag empfindlich beleidigt hatte . Beide durchschritten die dem Hause zunächst liegenden Gänge des Gartens ohne zu reden , und als St. Julien ein Gespräch anzuknüpfen suchte , wurde er bald durch die einsylbigen Antworten des jungen Grafen davon abgeschreckt . So gingen sie stumm neben einander , bis sie einen einsamen , vom Hause ziemlich entfernten Platz erreichten , und St. Julien fing eben an zu bemerken , daß mit dem Gange in dem Garten wohl kein harmloser Spaziergang beabsichtigt sei , als der junge Graf auf ein Mal still stand und seinen Begleiter also anredete : Ich habe Sie gebeten , Herr St. Julien , mich in den Garten zu begleiten , um ungestört Ihnen Eröffnungen machen zu können , deren Folgen die Art bestimmen wird , wie Sie meine Offenherzigkeit aufnehmen werden . St. Julien schwieg betroffen und erwartete mit Spannung , wie der junge Graf in seinen Mittheilungen fortfahren würde . Wenn von meinem Geschick allein die Rede wäre , hob dieser nach sichtbarem Kampfe von Neuem an , so könnte es sein , daß ich Ihren Plänen nicht in den Weg getreten wäre ; da aber das Schicksal eines alternden Vaters , einer leidenden Mutter , die Zukunft jüngerer Schwestern auf dem Spiele steht , so sind mir dadurch Pflichten auferlegt , die ich erfüllen muß . St. Julien glaubte zu träumen , er begriff nicht , wie er auf die entfernteste Weise auf das Schicksal aller dieser genannten Personen einwirken könne , und bat den jungen Grafen , fortzufahren , damit er diesen Zusammenhang begreifen möge . Sie könnten mich leicht verstehen , sagte der junge Graf mit Bitterkeit , ohne weitere Auseinandersetzung , da Sie es aber selbst so wollen , so will ich Ihnen eine genügende Erklärung geben . Das Vermögen , welches Ihr Gönner , mein Oheim , besitzt , ist nicht so schlechterdings nach dem Rechte sein , sondern käme zum großen Theile meinem Vater zu , dessen beschränkte Lage ihn zwingt , den Raub in den Händen seines Verwandten zu lassen . Die unglückliche Heirath des Grafen hat ihn von seiner Familie gänzlich entfernt , welche die Gräfin , wie wir aus sicherer Quelle wissen , haßt und von der sie den Grafen fern hält , damit er nicht etwa in einer schwachen Stunde , von seinem Gewissen angeregt , der Familie einigermaßen Gerechtigkeit widerfahren lasse . Hier nun übt der Graf , mein Oheim , Großmuth nach allen Richtungen aus fremden Mitteln , aber doch vorzüglich gegen die Feinde des Landes , die seine Freunde zu sein scheinen , und , schloß der Graf zornig , da die Gräfin eine Vorliebe für Sie empfindet , die sich nicht erklären läßt , und meinen schwachen Oheim beherrscht , so wissen wir , daß es im Werke ist , Ihnen das ganze Vermögen zuzuwenden , wie Sie auch schon große Summen empfangen haben . Deßhalb wollte ich Ihnen rathen , sich mit dem Empfangenen zu begnügen und nicht einer achtungswerthen Familie zu entziehen , was ihr wenigstens nach dem Tode des Grafen zufallen muß , wenn sie auch leidet , so lange er lebt , und ich fordre , um diesen Zweck zu erreichen , daß Sie das Haus meines Oheims verlassen , und werde von dieser Forderung nicht abstehen , so lange ich lebe . Ich hoffe , Sie verstehen mich nun vollkommen . St. Julien war erstarrt bei dieser Rede des jungen Grafen . Ein instinktartiges Gefühl leitete seine Hand , nach der Waffe zu greifen , die er aber glücklicher Weise nicht an seiner Seite trug ; seine Augen schienen Funken zu sprühen , seine Wangen glühten und seine Glieder bebten vor Zorn . Blässe des Todes folgte dieser Gluth , und den Augenblick darauf schossen die Flammen des Zornes von Neuem in den Wangen empor ; er suchte nach Worten , und seine Lippen bebten , ohne einen Ton zu finden ; endlich , ohne dem Grafen zu antworten , eilte er mit schnellen Schritten einen Baumgang auf und ab , bis nach und nach sein Gang ruhiger , seine Haltung gemäßigter wurde . Er kehrte endlich zu dem seiner mit Verwunderung harrenden jungen Grafen zurück , und das bleiche , mit kaltem Schweiße bedeckte Gesicht des leidenschaftlichen jungen Franzosen erschreckte selbst diesen , der ihm feindlich gegenüber stand . Herr Graf , sagte St. Julien mit tonloser Stimme , Sie haben vermuthlich erwartet , daß nach den Mittheilungen , die Sie mir gemacht haben , kein Wort weiter zwischen uns nöthig sei , als die Bestimmung des Orts , wo wir uns beide noch ein Mal treffen , und den nur Einer lebend verläßt , und ich gestehe , daß mir dieß selbst ganz natürlich vorkommen würde ; da aber auch ich nicht bloß mich zu berücksichtigen habe , so muß auch von meiner Seite eine Erklärung vorangehen . Er erzählte ihm nun , wie der Graf ihn gefunden und aus reiner Menschenliebe in sein Haus genommen habe . Die Erinnerung , wie zart und edel er von der ganzen Familie behandelt worden war , füllte wieder seine Seele und löste die Bande , mit denen Haß und Wuth sein Herz umschnürt hatten . Mit weniger Empfindung erwähnte er , wie das Wohlwollen des Grafen für ihn täglich zugenommen habe und wie in seiner Seele die dankbare Verehrung täglich gewachsen sei . Dieß sind die Bande , rief er , die mich an dieß Haus fesseln ; dieß sind die Gefühle , die ewig unauslöschlich in meiner Seele ruhen , und wahrlich , setzte er hinzu , heute fühle ich , daß ich der Liebe des Grafen nicht unwerth bin , da das Gefühl der Dankbarkeit mich bestimmt , so unerhörte Beleidigungen nicht sogleich auf die einzige Art , die hier unter Männern von Ehre denkbar ist , zu rächen . Da die lächerliche Verläumdung dem Grafen bekannt wurde , fuhr er fort , daß man mich als einen Kundschafter darstellen wollte , den er in seinem Hause hielte , um Frankreich zu dienen , so nahm mir der edle Mann mein Ehrenwort ab , sein Haus nicht ohne seinen Willen zu verlassen , damit er mich vor die Behörde stellen kann , die sein König ernennen mag , um diesen Flecken von dem Namen des besten der Menschen zu vertilgen ; und Sie sehen also , sagte er bitter lächelnd , daß , wenn ich auch so feig sein wollte , mich Ihren Wünschen zu fügen , ich dieß nur mit dem Willen Ihres Oheims thun könnte . Was sein Vermögen betrifft , so kann ich nicht beurtheilen , in wiefern ihm der Besitz desselben zukommt ; ich weiß nur , daß er den edelsten Gebrauch davon macht . Ihre Befürchtung aber , daß ich mich als sein Erbe eindrängen wolle , ist völlig grundlos . Ich habe selbst Anspruch auf ein großes Vermögen , und die Summen , die ich von dem Grafen als Darlehn empfangen habe , sind in Beziehung auf sein , wie auf mein Vermögen unbedeutend , und da ich täglich Briefe aus meiner Heimat erwarte , die mich in den Stand setzen werden , meine Verpflichtung zu lösen , so mag die Rückzahlung alsdann durch Ihre Hände gehen , um Sie völlig zu beruhigen . Alles dieß habe ich gesagt , schloß St. Julien , um mein Gewissen gegen den Grafen frei zu erhalten , wenn mich ein unglückliches Schicksal zwingen sollte , seinen Verwandten beinah unter seinen Augen zu tödten , oder wenn er über die Leiche eines Freundes trauern muß , dem er seine Liebe geschenkt hat ; und jetzt , Herr Graf , erwarte ich , welche Genugthuung Sie mir nach der mir zugefügten Beleidigung anbieten werden . St. Juliens Worte trugen das unverkennbare Gepräge der Wahrheit , und unangenehme Gefühle kämpften in der Seele des jungen Grafen . Er mußte sich gestehen , so schmerzlich ihm dieß als Sohn auch wurde , daß nicht immer die edelsten Beweggründe seinen Vater leiteteten , er konnte es nicht abläugnen , daß er nicht immer der Wahrheit treu blieb , um seinen Zweck zu erreichen , und doch hatte er keine andern Beweise für alle seine Anschuldigungen , als die Worte eben dieses Vaters ; er erinnerte sich , daß ihm dieser selbst jedes offene , gewaltsame Unternehmen dringend widerrathen und von ihm begehrt hatte , er solle zu Falschheiten und Verläumdungen sich herablassen , die sein ganzes Herz verabscheute ; ja er mußte es sich bekennen , daß der Inhalt aller Aufträge seines Vaters eigentlich kein anderer gewesen sei , als auf jeden Fall eine Summe Geldes von seinem Verwandten zu erhalten , um den Fall des eigenen Hauses abzuwenden . Diese Betrachtungen drängten sich ihm auf , und er fühlte lebhaft das Unschickliche und Unwürdige seines Betragens , und die Verlegenheit , die dieß in ihm erregte , erhöhte seinen Unmuth über sich selbst . Endlich , da er die Nothwendigkeit fühlte , eine Antwort zu geben , sagte er : Ich kann nicht läugnen , daß ich mich übereilt und auf zu wenig begründete Angaben Ihren Charakter falsch beurtheilt zu haben glaube ; unsere Bekanntschaft ist zu neu , als daß ich Sie möchte in meinem Herzen lesen lassen , wodurch Sie vielleicht die Entschuldigung meines Betragens fänden ; ich muß es mir also gefallen lassen , wie Sie auch immer meinen Charakter beurtheilen mögen ; da ich Ihnen aber darin unbedingt Recht geben muß , daß es eine unglückliche Nothwendigkeit wäre , wenn einer von uns beiden hier unter den Augen meines Oheims bleiben müßte , und meine unbesonnene Rede ein solches Unglück möglich gemacht hat , so bitte ich Sie dieser Rede wegen um Verzeihung , hier unter vier Augen , setzte er nachdrücklich hinzu ; und wenn Sie mit dieser Genugthuung zufrieden sind , so gewähren Sie eben so einsam die Verzeihung , wie Sie die Beleidigung empfingen . Um Ihres Oheims Willen bin ich zufrieden , sagte St. Julien , und aus freiem Antriebe sage ich Ihnen noch , daß ich selbst es betreiben werde , so bald als möglich ein Haus verlassen zu können , an welches sich die schönsten Empfindungen meiner Seele knüpfen , das mir aber dennoch nicht lange mehr ein Obdach gewähren darf , weil man bei meinem hiesigen Aufenthalte mir Pläne unterlegt , die nur ein Ehrloser hegen könnte . Er verbeugte sich gegen den Grafen , und beide junge Männer gingen auf verschiedenen Wegen nach dem Schlosse zurück . St. Julien fragte sich unterweges oft , ob er recht gethan habe , nach einer so leichten Entschuldigung eine so schwere Beleidigung zu verzeihen , und sein Stolz wollte ihm vorspiegeln , daß er sich zu willig zur Vergebung habe finden lassen , aber sein besseres Selbst bekämpfte diese Gedanken , und er war zufrieden mit der Selbstüberwindung , die er seinem väterlichen Freunde zu Liebe geübt hatte . Die baldige Trennung von diesem und von der Gräfin , ach ! und von Emilie , die er sich selbst auferlegt hatte , fiel beklemmend auf sein Herz ; aber die glückliche Mischung seines Blutes machte , daß er in der Gegenwart leicht die nächste Zukunft vergaß , und so heiterte sich sein Auge auf , als Emilie ihm in dem Saale entgegen trat und ihn scherzend aufforderte , heut an diesem großen Tage als ein würdiger Hausgenosse dazu beizutragen , das Fest angenehm und lebendig zu machen , welches der Baron Löbau gewiß immer ein Friedensfest nennen würde , so wenig der Graf dieß auch wollte . Ein Friedensfest , wiederholte St. Julien lächelnd und dachte an die wenig friedliche Unterredung , die er eben im Garten gehabt hatte . Man hat meinen Geburtstag vorgeschoben , sagte die Gräfin , die hinzugetreten war , aber der Baron wird es nicht gelten lassen . Mit inniger Empfindung küßte St. Julien die Hand der Gräfin , indem er ihr seinen Glückwunsch darbrachte , und lobte sich innerlich , daß er einen Streit vermieden hatte , durch den dieser Tag als ein blutiger wäre bezeichnet worden . Die Stimmung des jungen Grafen war nicht so angenehm ; er fragte sich , was er eigentlich damit gewollt habe , daß er St. Julien beleidigte . Sein Vater hatte ihm die Nothwendigkeit vorgespiegelt , diesen zu entfernen und sich seinem Oheim anzuschließen , aber die Frage drängte sich ihm auf : welch ein Recht hatte Dein Vater dieß zu verlangen , und würdest Du selbst wohl jemals auch nur von Ferne auf den Gedanken dieses Vaters eingegangen sein , wenn Dich nicht die verzweiflungsvolle Lage desselben dazu bestimmt hätte . Und wie schön , sagte er zu selbst , wie schön habe ich die Aufträge des Eigennutzes ausgeführt ? Durch mein größtes , entsetzlichstes Unglück , was mein Vater am Wenigsten verstehen würde , zur äußersten Verzweiflung gebracht , komme ich hier an und soll höfliche Reden wechseln , indeß ich selbst mit meinen Händen ein Grab aufwühlen und mich hinein verscharren möchte , um nur von dem Leben nichts mehr zu wissen . Der Zorn über die verächtliche Rolle , die ich hier übernommen habe , kam hinzu , und ich ließ eigentlich Jeden meine eigne Schlechtigkeit büßen ; und wenn ich nun den Franzosen erschossen hätte , sagte er bitter lächelnd , das würde unfehlbar meines Vaters klug angelegte Pläne sehr befördert haben , das würde meinen Oheim , der den jungen Mann liebt , gewiß bestimmt haben , dessen Mörder für seinen Erben zu erklären . Nein , sagte er zu sich selbst , indem er sich heftig die Thränen von den Wangen trocknete , nein , verläumde Du Dich nicht selbst ; nein , Du wolltest nicht morden aus Eigennutz , Du suchtest einen Zweikampf , um darin zu fallen , um dem gräßlichen Elende des Lebens zu entfliehen , das Du , Thor , doch zu feig bist freiwillig zu verlassen . Der junge Graf hatte gesucht , auf einem einsamen Spaziergange die nöthige Fassung wieder zu gewinnen . Ich muß ja doch , sagte er sich selbst , was mein Herz auch leidet , heute die abgeschmackte Festlichkeit mitmachen , morgen will ich darüber nachdenken , was ich eigentlich hier will . Er kehrte also ebenfalls nach dem Schlosse zurück und fand , daß man mit der Mittagstafel schon auf ihn wartete , denn es war beschlossen worden , heute früher zu speisen als gewöhnlich , um nicht durch die Ankunft der ersten Gäste in Verlegenheit zu gerathen . Der Graf hatte geglaubt , sein Vetter und St. Julien wären einander näher getreten , und er erstaunte also , als er bemerkte , daß ihr Betragen gegeneinander noch förmlicher geworden war . Sie begegneten einander höflicher als früher , aber die Höflichkeit war von so sonderbarer Art , daß jede höfliche Rede , die der Eine an den Andern richtete , mit einer Herausforderung hätte endigen können . Das heutige Fest hinderte alle ernsten Mittheilungen , und der Graf nahm sich vor , den folgenden Tag seinem jungen Vetter entweder näher zu treten oder den peinlichen Besuch mit kurzer Art abzukürzen . Die Mittagstafel war aufgehoben . Der junge Graf entfernte sich , um noch einen einsamen Spaziergang zu machen und in der Natur Trost für sein zerrissenes Herz zu suchen . Er fühlte sich aus tausend Gründen unglücklich , aber was ihm den letzten Trost und alle Haltung raubte , er mußte sich fragen , ob er noch seiner eignen Achtung werth sei , nachdem er den Bitten seines Vaters nachgegeben und in dessen Aufträgen auf Schloß Hohenthal erschienen war ; er konnte durchaus nicht begreifen , was er eigentlich hier wollte , denn Alles , was ihm sein Vater zur Aufgabe gemacht hatte , kam ihm geradezu verächtlich und abgeschmackt vor . Die Damen hatten sich wegbegeben , um sich festlich zu kleiden , und St. Julien zog sich in derselben Absicht auf sein Zimmer zurück ; der Graf blieb allein und wünschte , das Fest möchte vorüber und die gewöhnliche Ordnung des Hauses wieder eingetreten sein , da rasselten mehrere Wagen in den Hof , und aus verschiedenen Equipagen stieg der Prediger und seine zahlreiche Familie . Der Graf entschuldigte die Damen , daß sie , mit ihrer Kleidung beschäftigt , die Frau und Töchter des Predigers noch nicht empfangen könnten . Ich bin eigentlich etwas früher gekommen , sagte der Geistliche , weil ich , noch ehe die Gesellschaft kommt , etwas mit Ihnen zu sprechen wünsche . Der Graf führte den Prediger in sein Kabinet , und die Familie desselben blieb für ' s Erste sich selbst überlassen in dem Gesellschaftszimmer , wo sie der Haushofmeister mit Kaffee bewirthen ließ . Wissen Sie , redete der Geistliche den Grafen an , als sie allein waren , daß es mit dem Vater Ihres jungen Vetters , der sich hier aufhält , erbärmlich steht . Es war ein Kornhändler heute bei mir , der brachte mir die Nachricht mit . Er ist gänzlich zu Grunde gerichtet , die Gebäude auf dem Gute sind alle verfallen , sein Viehstand ausgestorben , die Schaafheerden hat er verkauft , und jetzt bedrängt ihn eine Zahlung , die er durchaus nicht leisten kann . In dieser Noth hat sich der alte Schurke , der Lorenz , auf dem Schlosse eingefunden , er erbietet sich die Summe zu schaffen , das Gut für ein Jahr zu pachten , in welcher Zeit ihm Ihr Herr Vetter die vorgestreckte Summe zurückzahlen muß , oder das Gut bleibt für einen sehr niedrigen Preis in den Händen des Darleihers , und , der mir die Nachricht mittheilte , meinte , der Darleiher wäre der Sohn des Alten . Könnte ich nur begreifen , wie die Menschen auf ein Mal zu so vielem Gelde gekommen ? Der Graf erzählte dem Prediger , auf welche Art sich die Tochter des Alten von dem General Clairmont getrennt habe , und theilte ihm auch die Vermuthung mit , die er hegte , daß der Sohn den Franzosen als Spion und Wegweiser gedient haben möchte . Jetzt geht mir ein Licht auf , rief der Prediger , wir sahen den jungen Mann ja selbst , der den General bis zu Ihrem Schlosse begleitete ; jetzt kann ich mir Alles erklären , auch wie die Franzosen hier so trefflich Bescheid wußten . Aber ist es nicht abscheulich , daß solche Schufte nun die Gutsbesitzer hier im Lande werden sollen . Das muß man abzuwenden suchen , sagte der Graf , ich werde mit meinem Vetter über den Gegenstand zu sprechen suchen . Es ist nur schwer , fügte er hinzu , den jungen Mann zur Mittheilung zu bewegen . Ich habe hier einen Brief für ihn , sagte der Pfarrer , derselbe Kornhändler brachte ihn mit ; er ist vermuthlich von seinem Vater , denn er ist mit dem Hohenthalschen Wappen gesiegelt ; der wird wohl die traurige Geschichte umständlich enthalten . Wollen Sie mir dieß Schreiben anvertrauen , sagte der Graf , so werde ich es morgen meinem Vetter abgeben , wir wollen heute dadurch seine Laune nicht verderben , er ist außerdem nicht in der heitersten Stimmung . Das kann ich mir bei seiner Lage denken , bemerkte der Geistliche ; der Vater zu Grunde gerichtetet und er selbst verabschiedet , das muß ihn natürlich niederdrücken . Der Graf hatte den Brief von dem Geistlichen empfangen und bat diesen nun , nach dem Saale zurückzukehren , um Theil an der Gesellschaft zu nehmen . XVII Es hatte sich schon eine zahlreiche Gesellschaft versammelt , als der Graf und der Prediger den Saal wieder betraten , und es war in der That ein angenehmer Anblick , eine blühende , geschmückte Jugend nach langer Trauer wieder zur Heiterkeit und Freude vereinigt zu sehen . Einige durchschwärmten den Garten , aber dieß waren nur Wenige , denn die meisten jungen Leute freuten sich hauptsächlich auf die lang entbehrte Lust des Tanzes , und die jungen Damen wollten ihre für den Ball eingerichtete Kleidung keiner Gefahr auf einem Spaziergange im Freien aussetzen . Endlich wurden für den ältereren Theil der Gesellschaft die Spieltische hingesetzt , und die Musik ertönte , um der jüngern Welt den Anfang ihrer Freude zu verkündigen . Die lustigen Klänge der Klarinetten und Hörner schwebten nach dem Garten hinunter und lockten schnell die wenigen Lustwandelnden herbei , und viele Paare durchflogen mit leichten , von Freude beflügelten Füßen den Saal . St. Julien hatte den scherzenden Wink der Gräfin verstanden , die ihm rieth , nicht immer mit derselben Dame zu tanzen ; er betrachtete es also wie eine Pflicht der Höflichkeit , auch mit einigen andern jungen Damen zu tanzen , und nur dann erst , wenn er dieß wie ein Geschäft abgemacht hatte , kehrte er immer mit neuem Entzücken zu Emilien zurück . Der Obrist Thalheim hatte für diesen Abend kein Spiel angenommen , er wußte nicht recht , wie sich seine Tochter benehmen würde , die zum ersten Mal in einer so glänzenden Gesellschaft auftrat ; er fürchtete mit väterlicher Eitelkeit , daß sie schlecht tanzen würde , da sie keinen andern Unterricht in dieser Kunst erhalten hatte , als durch Emilie und St. Julien , von denen die Sache nur wie ein Scherz war getrieben worden . Aber obgleich Therese mit Schüchternheit den Saal betrat , so fand sie sich doch bald zurecht , die Nähe der Gräfin gab ihr Muth , Sicherheit gewann sie durch den Beistand ihrer jungen Freunde , und der zärtliche Vater sah mit Entzücken , daß sie an Leichtigkeit , Grazie und Anstand viele andere junge Tänzerinnen übertraf . Der Graf hatte sich gewundert , daß sein Vetter immer noch in der Gesellschaft fehlte ; er hatte sogar einige Male nach dessen Zimmer geschickt , um ihn auffordern zu lassen , Theil an der allgemeinen Heiterkeit zu nehmen , aber jedes Mal war die Antwort zurückgekommen , daß der junge Herr Graf gar nicht zu Hause sei . Verdrüßlich über diese Sonderbarkeit theilte er eben dem Obristen mit