herab in ein Netz , was sie tiefer ausgespannt hatte . Ich stellte mich vor sie und fuhr über die Saiten ; man sah deutlich , wie es durch ihre Gliederchen dröhnte ; wenn ich Akkord wechselte , so wechselten ihre Bewegungen , sie waren unwillkürlich ; bei jedem verschiedenen Harpege wechselte der Rhythmus in ihren Bewegungen ; es ist nicht anders , - dies kleine Wesen war freudedurchdrungen oder geistdurchdrungen , solang mein Spielen währte ; wenn ' s still war , zog sie sich wieder zurück . Noch ein kleiner Geselle war eine Maus , der aber mehr der Vokalmusik geneigt war ; sie erschien meistens , wenn ich die Tonleiter sang ; je stärker ich den Ton anschwellen ließ , je näher kam sie ; in der Mitte der Stube blieb sie sitzen ; mein Meister hatte große Freude an dem Tierchen ; wir nahmen uns sehr in acht , sie nicht zu stören . Wenn ich Lieder und abwechselnde Melodien sang , so schien sie sich zu fürchten ; sie hielt dann nicht aus und lief eilend weg . Also die Tonleiter schien diesem kleinen Geschöpfchen angemessen , die durchgriff sie , und wer kann zweifeln : bereitete ein Höheres in ihr vor ; diese Töne , so rein wie möglich getragen , in sich schön , die berührten diese Organe . Dieses Aufschwellen und wieder Sinken bis zum Schweigen nahm das Tierchen in ein Element auf . Ach Goethe , was soll ich sagen ? - es rührt mich alles so sehr , ich bin heute so empfindlich , ich möchte weinen ; wer im Tempel wohnen kann auf reinen heiteren Höhen , sollte der verlangen hinaus in eine Spitzbubenherberge ? - Diese beiden kleinen Tierchen haben sich der Musik hingegeben ; es war ihr Tempel , in dem sie ihre Existenz erhöht , vom Göttlichen berührt fühlten , und Du , der sich bewegt fühlt durch das ewige Wallen des Göttlichen in Dir , Du habest keine Religion ? Du , dessen Worte , dessen Gedanken immer an die Muse gerichtet sind , Du lebtest nicht in dem Element der Erhöhung , der Vermittelung mit Gott . - Ach ja : das Erheben aus dem bewußtlosen Leben in die Offenbarung , das ist Musik . Gute Nacht . Karlsbad , den 28. Juli 1808 Ist es wahr , was die verliebten Poeten sagen , daß keine süßere Freude sei , als das Geliebte zu schmücken , so hast Du das größte Verdienst um mich . Da ist mir durch die Mutter eine Schachtel voll der schönsten Liebesäpfel zugekommen , an goldnen Ketten zierlich aufgereiht ; schier wären sie in meinem Kreise zu Zankäpfeln geworden . Ich sehe unter diesem Geschenk und der Anweisung dabei eine Spiegelfechterei verborgen , die ich nicht umhin kann zu rügen , denn da Du listig genug bist , mich mitten im heißen Sommer aufs Eis zu führen , so möchte ich Dir auch meinen Witz zeigen , wie ich auch unvorbereitet und unverhofft mit Geschicklichkeit diese Winterfreuden zu bestehen wage ; ich werde Dir nicht sagen , daß ich keinen lieber schmücken möchte wie Dich , denn schmucklos hast Du mich überrascht , und schmucklos wirst Du mich ewig ergötzen . Ich hing die Perlenreihe chinesischer Früchte zwischen den geöffneten Fensterflügeln auf , und da eben die Sonne drauf schien , so hatte ich Gelegenheit , ihre Wirkung an diesen balsamartigen Gewächsen zu beachten . Das brennende Rot verwandelte sich da , wo die Strahlen auflagen , bald in dunklen Purpur , in Grün und entschiedenes Blau ; alles von dem echten Gold des Lichtes gehöht ; kein anmutigeres Spiel der Farben habe ich lange beobachtet , und wer weiß , zu welchen Umwegen mich das alles verführen wird ; zum wenigsten würde der Schwanenhals , von dem die Dir gehorsamen Schreibefinger der Mutter mir melden , schwerlich mich zu so entschiedenen Betrachtungen und Reflexionen veranlaßt haben ; und so hab ich es denn Deinem Willen ganz angemessen gefunden , mich so dran zu erfreuen und zu belehren , und ich hüte vielmehr meinen Schatz vor jedem lüsternen Auge , als daß ich ihn der Wahl preisgeben sollte . Deiner gedenk ich dabei und aller Honigfrüchte der Sonnenlande , und ausgießen möcht ich Dir gerne die gesamten Schätze des Orients , wenn es auch wäre , um zu sehen , wie Du ihrer nicht achtest , weil Du Dein Glück in anderem begründet fühlst . Dein freundlicher Brief , Deine reichen Blätter haben mich hier bei einer Zeit aufgesucht , wo ich Dich gerne selbst auf- und angenommen hätte . Es war eine Zeit der Ungeduld in mir ; schon seit mehreren Posttagen sah ich allemal den freundlichen Postknaben , der noch in den Schelmenjahren ist , mit spitzen Fingern Deine wohlbeleibten Pakete in die Höhe halten . Da schickte ich denn eilig hinunter , sie zu holen , und fand meine Erwartung nicht betrogen ; ich hatte Nahrung von einem Posttag zum andern ; nun war sie aber zweimal vergeblich erwartet und ausgeblieben . Rechne mir ' s nicht zu hoch an , daß ich ungeduldig wurde ; Gewohnheit ist ein gar zu süßes Ding . - Die liebe Mutter hatte aus einer übrigens sehr löblichen Ökonomie Deine Briefe gesammelt und sie der kleinen Schachtel beigepackt , und nun umströmt mich alles - eine andere Gegend , ein anderer Himmel , Berge , über die auch ich gewandert bin ; Täler , in denen auch ich die schönsten Tage verlebt und trefflichen Wein getrunken habe ; und der Rhein , den auch ich hinuntergeschwommen bin , in einem kleinen , lecken Kahn . Ich habe also ein doppeltes Recht an Dein Andenken ; einmal war ich ja dort , und einmal bin ich bei Dir und vernehme mit beglückendem Erstaunen die Lehren Deiner Weisheit wie auch die so lieblichen Ereignisse , denn in allen bist Du es , die sie durch ihre Gegenwart verherrlicht . Hier noch eine kleine wohlgemeinte Bemerkung , mit Dank für das Eingesendete , die Du demjenigen , den es angeht , gelegentlich mitteilen mögest : ob ich gleich den Nifelheimischen Himmel nicht liebe , unter welchem sich der ..... gefällt , so weiß ich doch recht gut , daß gewisse Klimaten und Atmosphären nötig sind , damit diese und jene Pflanze , die wir doch auch nicht entbehren mögen , zum Vorschein komme . So heilen wir uns durch Renntiermoos , das an Orten wächst , wo wir nicht wohnen möchten , und , um ein ehrsameres Gleichnis zu brauchen , so sind die Nebel von England nötig , um den schönen grünen Rasen hervorzubringen . So haben auch mir gewisse Aufschößlinge dieser Flora recht wohl behagt . Wäre es dem Redakteur jederzeit möglich , dergestalt auszuwählen , daß die Tiefe niemals hohl und die Fläche niemals platt würde , so ließe sich gegen ein Unternehmen nichts sagen , dem man in mehr als einem Sinne Glück zu wünschen hat . Grüße mir den Freund zum schönsten und entschuldige mich , daß ich nicht selbst schreibe . Wie lang wirst Du noch im Rheinlande verweilen ? - Was wirst Du zu der Zeit der Weinlese vornehmen ? Mich finden Deine Blätter wohl noch einige Monate hier , zwischen den alten Felsen , neben den heißen Quellen , die mir auch diesmal sehr wohltätig sind : ich hoffe , Du wirst mich nicht vergeblich warten lassen , denn meine Ungeduld zu beschwichtigen , alles zu erfahren , was in Deinem Köpfchen vorgeht , dafür sind diese Quellen nicht geeignet . Meinem August geht es bis jetzt in Heidelberg ganz wohl . Meine Frau besucht in Lauchstädt Theater und Tanzsaal . Schon haben mich manche entfernte Freunde hier brieflich besucht ; mit andern bin ich ganz unvermutet persönlich zusammengekommen . Ich habe so lange gezaudert , daher will ich dies Blatt gleich fortschicken und schlage es an meine Mutter ein . Sage Dir alles selbst , wozu mir der Platz hier nicht gegönnt ist , und lasse mich gleich von Dir hören . G. Am 8. August Überall wo es gut ist , das muß man zu früh verlassen ; - so war es mir wahrlich gut bei Dir , drum mußt ich Dich zu früh verlassen . Ein guter lieber Aufenthalt ist für mich , was das fruchtbare Land einem Schiffer ist , der eine unsichre Reise vorhat , er wird Vorrat einsammeln , soviel ihm Zeit und Mittel erlauben . Ach , wenn er auf der einsamen weiten See ist , wenn die frischen Früchte schwinden , das süße Wasser ! - er sieht kein Ziel vor sich ; - wie sehnsuchtsvoll wird die Erinnerung ans Land . - Jetzt geht mir ' s auch so ; in zwei Tagen muß ich den Rhein verlassen , um mit dem ganzen Familientroß in Schlangenbad zusammenzutreffen . Ich war indessen nicht immerwährend hier , sonst hätte Dich schon lange wieder eine Epistel von mir erreicht ; viele Streifereien haben mich abgehalten : die Reise in die Wetterau , von welcher ich Dir hier ein Bruchstück beilege . Den Primas hab ich in Aschaffenburg besucht , er meint immer , ich habe die Kinderschuhe noch nicht ausgetreten , und begrüßt mich , indem er mir die Wangen streichelt und mich herzlich küßt . Diesmal sagte er : » Mein gutes , liebes Schätzchen , wie Sie frisch aussehen , und wie Sie gewachsen sind ! « - Ein solches Betragen hat nun eine zauberische Wirkung auf mich ; ich fühlt mich ganz und gar , wie er mich ansah , und betrug mich auch , als ob ich nur zwölf Jahre alt sei , ich erlaubte mir allen Scherz und gänzlichen Mangel an Hochachtung , unter solchen zweifelhaften Umständen trug ich ihm Deine Aufträge vor . Sei nur nicht bestürzt , ich kenne Dein würdevolles Benehmen mit großen Herren und habe Dir als Botschafter nichts vergeben , ich hatte mir einen schriftlichen Auszug aus dem Brief an Deine Mutter gemacht und legte ihm denselben vor und die Zeile , wo Du geschrieben hast : die Bettine soll sich doch alle Mühe geben , dies auf eine artige Weise vom Primas herauszulocken , die hielt ich mit der Hand zu ; nun wollte er grade sehen , was da unten verborgen sei ; ich machte vorher meine Bedingungen , er versprach mir das kleine Indische Herbarium , es ist in Paris , und er wollte noch denselben Tag drum schreiben . Was die Papiere des Propst D ' umée anbelangt , so hat er sehr interessante wissenschaftliche Sachen , die er Dir alle verspricht , die Korrespondenz mit ... gibt er nicht heraus , ich soll nur sagen , Du habest es nicht verdient , und er werde diese Briefe als einen wichtigen Familienschatz aufbewahren und als ein Muster von feurigen Ausdrücken bei der höchsten Ehrerbietung . Ich weiß nicht , was mich befiel bei dieser Rede , ich fühlte , daß ich rot ward , da hob er mir das Kinn in die Höhe und sagte : » Was fehlt Ihnen denn , mein Kind , Sie schreiben wohl auch an Goethe ? « ! - » Ja « , sagte ich , » unter der Obhut seiner Mutter . « » So , so , das ist ganz schön , kann denn die Mutter lesen ? « - Da mußt ich ungeheuer lachen , ich sagte : » Wahrhaftig , Euer Hoheit haben ' s erraten ; ich muß der Mutter alles vorlesen , und was sie nicht wissen soll , das übergeh ich . « - Er brachte noch allerlei Scherzhaftes vor und frug , ob ich Dich Du nenne , und was ich Dir alles schreibe ? - Ich sagte , des Rhythmus halber nenne ich Dich Du , und eben habe ich seine Dispensation einholen wollen , um schriftlich beichten zu dürfen , denn ich wolle Dir gern beichten ; er lachte , er sprang auf ( denn er ist sehr vif und macht oft große Sätze ) und sagte : » Geist wie der Blitz ! Ja , ich gebe Ihnen Dispensation und ihm - schreiben Sie es ihm ja , - geb ich Macht , vollkommen Ablaß zu erteilen , und nun werden Sie doch mit mir zufrieden sein ? « - Ich hatte große Lust , ihm zu sagen , daß ich nicht mehr zwölf Jahr , sondern schon eine Weile ins Blütenalter der Empfindung eingerückt sei ; aber da hielt mich etwas ab : bei seinen lustigen Sprüngen fiel ihm seine kleine geistliche violettsamtne Mütze vom Kopf ; ich nahm sie auf , und weil mir ahnete , sie würde mir gut stehen , so setzte ich sie auf . Er betrachtete mich eine Weile und sagte : » Ein allerliebster kleiner Bischof ! Die ganze Klerisei würde hinter ihm dreinlaufen « , - und nun mochte ich ihm den Wahn nicht mehr benehmen , daß ich noch so jung sei , denn es kam mir vor , was ihn an einem Kind erfreuen dürfe , das könne ihm bei einer verständigen Dame , wie ich doch eine sein müßte , als höchst inkonvenabel erscheinen . Ich ließ es also dabei und nahm die Sünde auf mich , ihm was weisgemacht zu haben , indem ich mich dabei auf die Kraft des Ablasses verlasse , den er Dir übermacht . Ach , ich möchte Dir lieber andere Dinge schreiben , aber die Mutter , der ich alles erzählen mußte , quälte mich drum , sie meint , so was mache Dir Freude und Du hieltest etwas drauf , dergleichen genau zu wissen ; ich holte mir auch einen lieben Brief von Dir bei ihr ab , der mich dort schon an vierzehn Tage erwartete , und doch möcht ich Dich über diesen schmälen . Du bist ein koketter , zierlicher Schreiber , aber Du bist ein harter Mann ; die ganze schöne Natur , die herrliche Gegend , die warmen Sommertage der Erinnerung , - das alles rührt Dich nicht ; so freundlich Du bist , so kalt bist Du auch . Wie ich das große Papierformat sah , auf allen vier Seiten beschrieben , da dacht ich , es würde doch hier und da durchblitzen , daß Du mich liebst ; es blitzt auch , aber nur von Flittern , nicht von leisem beglückendem Feuer . Oh welcher gewaltige Abstand mag sein zwischen jener Korrespondenz , die der Primas nicht herausgeben will , und unserm Briefwechsel ; das kommt daher , weil ich Dich zu sehr liebe und es Dir auch bekenne , das soll eine so närrische Eigenheit der Männer sein , daß sie dann kalt sind , wenn man sie zu sehr liebt . Die Mutter ist nun immer gar zu vergnügt und freundlich , wenn ich von meinen Streifereien komme ; sie hört mit Lust alle kleine Abenteuer an , ich mache denn nicht selten aus klein groß , und diesmal war ich reichlich damit versehen , da nicht nur allein Menschen , sondern Ochsen , Esel und Pferde sehr ausgezeichnete Rollen dabei spielten . Du glaubst nicht , wie froh es mich macht , wenn sie recht von Herzen lacht . Mein Unglück führte mich grade nach Frankfurt , als Frau von Staël durchkam , ich hatte sie schon in Mainz einen ganzen Abend genossen , die Mutter aber war recht froh , daß ich ihr Beistand leistete , denn sie war schon preveniert , daß die Staël ihr einen Brief von Dir bringen würde , und sie wünschte , daß ich die Intermezzos spielen möge , wenn ihr bei dieser großen Katastrophe Erholung nötig sei . Die Mutter hat mir nun befohlen , Dir alles ausführlich zu beschreiben ; die Entrevue war bei Bethmann-Schaaf , in den Zimmern des Moritz Bethmann . Die Mutter hatte sich - ob aus Ironie oder aus Übermut , wunderbar geschmückt , aber mit deutscher Laune , nicht mit französischem Geschmack , ich muß Dir sagen , daß , wenn ich die Mutter ansah , mit ihren drei Federn auf dem Kopf , die nach drei verschiedenen Seiten hinschwankten , eine rote , eine weiße und eine blaue - die französischen Nationalfarben , welche aus einem Feld von Sonnenblumen emporstiegen - , so klopfte mir das Herz vor Lust und Erwartung ; sie war mit großer Kunst geschminkt , ihre großen schwarzen Augen feuerten einen Kanonendonner , um ihren Hals schlang sich der bekannte goldne Schmuck der Königin von Preußen , Spitzen von altherkömmlichem Ansehen und großer Pracht , ein wahrer Familienschatz , verhüllte ihren Busen , und so stand sie mit weißen Glacéhandschuhen , in der einen Hand einen künstlichen Fächer , mit dem sie die Luft in Bewegung setzte , die andre , welche entblößt war , ganz beringt mit blitzenden Steinen , dann und wann aus einer goldnen Tabatiere mit einer Miniatur von Dir , wo Du mit hängenden Locken , gepudert , nachdenklich den Kopf auf die Hand stützest , eine Prise nehmend . Die Gesellschaft der vornehmen älteren Damen bildete einen Halbkreis in dem Schlafzimmer des Moritz Bethmann ; auf purpurrotem Teppich in der Mitte ein weißes Feld , worauf ein Leopard , - sah die Gesellschaft so stattlich aus , daß sie wohl imponieren konnte . An den Wänden standen schöne schlanke indische Gewächse , und das Zimmer war mit matten Glaskugeln erleuchtet ; dem Halbkreis gegenüber stand das Bett auf einer zwei Stufen erhabenen Estrade , auch mit einem purpurnen Teppich verhüllt , an beiden Seiten Kandelaber . Ich sagte zur Mutter : » Die Frau Staël wird meinen , sie wird hier vor Gericht des Minnehofs zitiert , denn dort das Bett sieht aus wie der verhüllte Thron der Venus . « Man meinte , da dürfte es manches zu verantworten geben . Endlich kam die Langerwartete durch eine Reihe von erleuchteten Zimmern , begleitet von Benjamin Constant , sie war als Corinna gekleidet , ein Turban von aurora- und orangefarbner Seide , ein ebensolches Gewand mit einer orangen Tunika , sehr hoch gegürtet , so daß ihr Herz wenig Platz hatte ; ihre schwarzen Augenbrauen und Wimpern glänzten , ihre Lippen auch , von einem mystischen Rot ; die Handschuh waren herabgestreift und bedeckten nur die Hand , in der sie das bekannte Lorbeerzweiglein hielt . Da das Zimmer , worin sie erwartet war , so viel tiefer liegt , so mußte sie vier Treppen herabsteigen . Unglücklicherweise nahm sie das Gewand vorne in die Höhe , statt hinten , dies gab der Feierlichkeit ihres Empfangs einen gewaltigen Stoß , denn es sah wirklich einen Moment mehr als komisch aus , wie diese ganz im orientalischen Ton überschwankende Gestalt auf die steifen Damen der tugendverschwornen Frankfurter Gesellschaft losrückte . Die Mutter warf mir einige couragierte Blicke zu , da man sie einander präsentierte . Ich hatte mich in die Ferne gestellt , um die ganze Szene zu beobachten . Ich bemerkte das Erstaunen der Staël über den wunderbaren Putz und das Ansehen Deiner Mutter , bei der sich ein mächtiger Stolz entwickelte . Sie breitete mit der linken Hand ihr Gewand aus , mit der rechten salutierte sie mit dem Fächer spielend , und indem sie das Haupt mehrmals sehr herablassend neigte , sagte sie mit erhabener Stimme , daß man es durchs ganze Zimmer hören konnte : » Je suis la mère de Goethe . « . » Ah , je suis charmèe « , sagte die Schriftstellerin , und hier folgte eine feierliche Stille . Dann folgte die Präsentation ihres geistreichen Gefolges , welches eben auch begierig war , Goethes Mutter kennenzulernen . Die Mutter beantwortete ihre Höflichkeiten mit einem französischen Neujahrswunsch , welchen sie mit feierlichen Verbeugungen zwischen den Zähnen murmelte , - kurz , ich glaube , die Audienz war vollkommen und gab einen schönen Beweis von der deutschen Grandezza . Bald winkte mich die Mutter herbei , ich mußte den Dolmetscher zwischen beiden machen ; da war denn die Rede nur von Dir , von Deiner Jugend , das Porträt auf der Tabatiere wurde betrachtet , es war gemalt in Leipzig , eh Du so krank warst , aber schon sehr mager , man erkennt jedoch Deine ganze jetzige Größe in jenen kindlichen Zügen , und besonders den Autor des Werther . Die Staël sprach über Deine Briefe und daß sie gern lesen möchte , wie Du an Deine Mutter schreibst , und die Mutter versprach es ihr auch , ich dachte , daß sie von mir gewiß Deine Briefe nicht zu lesen bekommen würde , denn ich bin ihr nicht grün ; sooft Dein Name von ihren nicht wohlgebildeten Lippen kam , überfiel mich ein innerlicher Grimm ; sie erzählte mir , daß Du sie amie in Deinen Briefen nenntest ; ach , sie hat mir ' s gewiß angesehen , daß dies mir sehr unerwartet kam ; ach , sie sagte noch mehr . - Nun riß mir aber die Geduld ; - wie kannst Du einem so unangenehmen Gesicht freundlich sein ? - Ach , da sieht man , daß Du eitel bist . - Oder sie hat auch wohl nur gelogen ! - Wär ich bei Dir , ich litt ' s nicht . So wie Feen mit feurigen Drachen , würd ich mit Blicken meinen Schatz bewachen . Nun sitz ich weit entfernt von Dir , weiß nicht , was Du alles treibst , und bin nur froh , wenn mich keine Gedanken plagen . Ich könnte Dir ein Buch schreiben über alles , was ich in den acht Tagen mit der Mutter verhandelt und erlebt habe . Sie konnte kaum erwarten , daß ich kam , um alles mit ihr zu rekapitulieren . Da gab ' s Vorwürfe ; ich war empfindlich , daß sie auf ihre Bekanntschaft mit der Staël einen so großen Wert legte ; sie nannte mich kindisch , albern und eingebildet , und was zu schätzen sei , dem müsse man die Achtung nicht versagen , und man könne über eine solche Frau nicht wie über eine Gosse springen und weiterlaufen ; es sei allemal eine ausgezeichnete Ehre vom Schicksal , sich mit einem bedeutenden und berühmten Menschen zu berühren . Ich wußte es so zu wenden , daß mir die Mutter endlich Deinen Brief zeigte , worin Du ihr Glück wünschest , mit diesem Meteor zusammenzustoßen , und da polterte denn alle ihre vorgetragene Weisheit aus Deinem Brief hervor . Ich erbarmte mich über Dich und sagte : » Eitel ist der Götterjüngling ; er führt den Beweis für seine ewige Jugend . « - Die Mutter verstand keinen Spaß ; sie meinte : ich nehme mir zu viel heraus , und ich soll mir doch nicht einbilden , daß Du ein anderes Interesse an mir habest , als man an Kindern habe , die noch mit der Puppe spielen ; mit der Staël könnest Du Weltweisheit machen ; mit mir könnest Du nur tändeln . Wenn die Mutter recht hätte ? - Wenn ' s nichts wär mit meinen neu erfundnen Gedanken , von den ich glaubte , ich habe sie alleine ? - Wie hab ich doch in diesen paar Monaten , wo ich am Rhein lebe , nur bloß an Dich gedacht ! - Jede Wolke hab ich um Rat gefragt , jeden Baum , jedes Kraut hab ich angesprochen um Weisheit ; und von jeder Zerstreuung hab ich mich abgewendet , um recht tief mit Dir zu sprechen . O böser , harter Mann , was sind das für Geschichten ? Wie oft hab ich zu meinem Schutzengel gebetet , daß er doch für mich mit Dir sprechen soll , und dann hab ich mich still verhalten und die Feder laufen lassen . Die ganze Natur zeigte mir im Spiegel , was ich Dir sagen soll ; wahrhaftig , ich habe geglaubt , alles sei von Gott so angeordnet , daß die Liebe einen Briefwechsel zwischen uns führe . Aber Du hast mehr Vertrauen in die berühmte Frau , die das große Werk geschrieben hat sur les passions , von welchen ich nichts weiß . - Ach glaub nur , Du bist vor die unrechte Schmiede gegangen ; Lieben : das allein macht klug . Über Musik hatte ich Dir auch noch manches zu sagen ; es war alles schon so hübsch angeordnet ; erst mußt Du begreifen , was Du ihr alles schon zu verdanken hast . - Du bist nicht feuerfest . Musik bringt Dich nicht in Glut , weil Du einschmelzen könntest . So närrisch bin ich nicht , zu glauben , daß Musik keinen Einfluß auf Dich habe . Da ich doch glaube an das Firmament in Deinem Geist , da Sonne und Mond samt allen Sternen in Dir leuchten , da soll ich zweifeln , daß dieser höchste Planet über alle , der Licht ergießt , der ein Gewaltiger ist unserer Sinne , Dich nicht durchströme ? Meinst Du dann , Du wärst der Du bist , wenn es nicht Musik wäre in Dir ? - Du solltest Dich vor dem Tod fürchten , da doch Musik ihn auflöst ? Du solltest keine Religion haben , da doch Musik in Dich die Anbetung pflanzt ? Horch in Dich hinein , da wirst Du in Deiner Seele der Musik lauschen , die Liebe zu Gott ist : dies ewige Jauchzen und Wallen zur Ewigkeit , das allein Geist ist . Ich könnte Dir Sachen sagen , die ich selbst fürchte auszusprechen , obschon eine innere Stimme mir sagt , sie sind wahr . Wenn Du mir bleibst , so werd ich viel lernen ; wenn Du mir nicht bleibst , so werde ich wie der Same unter der Erde ruhen , bis die Zeit kommt , daß ich in Dir wieder blühe . Mein Kopf glüht ; ich hab mich während dem Schreiben herumgestritten mit Gedanken , deren ich nicht mächtig werden konnte . Die Wahrheit liegt in ihrer ganzen Unendlichkeit im Geist , aber sie im einfachsten Begriff zu fassen , das ist so schwer , ach , es kann ja nichts verloren gehen . Wahrheit nährt ewig den Geist , der alles Schöne als Früchte trägt , und da es schön ist , daß wir einander lieben , so wolle die Wahrheit nicht länger verleugnen . Ich will Dir lieber noch ein bißchen von unserm Zigeunerleben erzählen , das wir hier am Rhein führen , den wir so bald verlassen werden , und wer weiß , ob ich ihn wiederseh ! - Hier , wo die Frühlingslüfte balsamisch uns umwehen , laß einsam uns ergehen ; nichts trenne Dich von mir ! - und auch nicht die Frau von Staël : Unsre Haushaltung ist allerliebst eingerichtet ; wir sind zu acht Frauen , kein männliches Wesen ist im Haus ; da es nun sehr heiß ist , so machen wir ' s uns so bequem wie möglich , zum Beispiel sind wir sehr leicht gekleidet , ein Hemd und dann noch eins , griechisch drapiert . Die Türen der Schlafzimmer stehen nachts offen ; - je nachdem eins Lust hat , schlägt es sein Nachtlager auf dem Vorgang oder an sonst einem kühlen Ort auf ; im Garten unter den Platanen , auf der schönen , mit breiten Platten gedeckten Mauer liegend , dem Rhein gegenüber den Aufgang der Sonne zu erwarten , hab ich schon ein paarmal zu meinem Pläsier Nächte zugebracht ; ich bin eingeschlafen auf meinem schmalen Bett ; ich hätte können hinunterfallen im Schlaf , besonders wenn ich träume , daß ich Dir entgegenspringe . Der Garten liegt hoch , und die Mauer nach jenseits geht tief hinab , da könnte ich leicht verunglücken ; ich bitte Dich also , wenn Du meiner gedenkst im Traum , halte mir die schützenden Arme entgegen , - damit ich doch gleich hineinsinke ; » denn alles ist doch nur ein Traum ! « - Am Tage geht ' s bei uns in großer Finsternis her ; alle Läden sind zu im ganzen Hause , alle Vorhänge vorgezogen ; früher machte ich morgens weite Spaziergänge , aber das ist bei dieser Hitze nicht mehr möglich ; die Sonne beizt die Weinberge , und die ganze Natur seufzt unter der Brutwärme . Ich gehe doch jeden Morgen zwischen vier und fünf Uhr heraus mit einem Schnikermesser und hole frische kühle Zweige , die ich im Zimmer aufpflanze . Vor acht Wochen hatte ich Birken und Pappeln , die glänzten wie Gold und Silber , und dazwischen dicke duftende Sträußer von Maiblumen . Wie ein Heiligtum ist der Saal , an den alle Schlafkabinette stoßen ; da liegen sie noch in den Betten , wenn ich nach Hause komme , und warten , bis ich fertig bin ; dann haben die Linden und Kastanien hier abgeblüht , und himmelhohes Schilf , das sich oben an der Decke umbiegt , mit blühenden Winden umstrickt ; und die Feldblumen sind reizend , die kleinen Grasdolden , die Schafgarbe , die Johannisblume , Wasserlilien , die ich mit einiger Gefahr fische , und das ewig schöne Vergißmeinnicht . Heute hab ich Eichen aufgepflanzt ; hohe Äste , die ich aus dem obersten Gipfel geholt . Ich kletterte wie eine Katze ; die Blätter sind ganz purpurrot und in so zierlichen Sträußern gewachsen , als hätten sie sich tanzend in Gruppen verteilt . Ich sollte mich scheuen , Dir von Blumen zu sprechen ; Du hast mich schon einmal ein bißchen ausgelacht , und doch ist der Reiz gar zu groß ; die vielen schlafenden Blüten , die nur im Tod erwachen , das träumende Geschlecht der Wicken , die Herrgottsschückelchen , Himmelsschlüssel mit ihrem sanften freundlichen Duft - sie ist die geringste aller Blumen . Wie ich kaum sechs Jahr alt war , und die Milchfrau hatte versprochen , mir einen Strauß Himmelsschlüssel mitzubringen , da